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Georgia Clark

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Beschreibung

Welchen Preis würdest du zahlen, um nicht mehr einfach nur gewöhnlich zu sein?


Evie, Krista und Willow sind vor allem eins: durchschnittlich. Seit die drei Freundinnen das College hinter sich gebracht haben, versuchen sie, ihr Leben in New York einigermaßen auf die Reihe zu bekommen. Dass sich ihr Alltag kein bisschen so gestaltet, wie sie es aus Filmen und TV-Serien kennen, wird ihnen schnell klar. Statt teurer Schuhe, glamouröser Jobs und Cocktails rund um die Uhr schlagen sie sich mit fiesen Chefs, zu hohen Mieten und desaströsen Online-Dates herum.

All das ändert sich, als ihnen eines Tages ein Wundermittel namens Pretty in die Hände fällt. Ein einziger Tropfen soll genügen, um jedem Menschen zu unglaublicher Schönheit zu verhelfen. Evie, Krista und Willow probieren es aus - und sind von einer Sekunde auf die andere alles andere als normal.

Schön zu sein verändert ihr Leben. Mit einem Mal ergeben sich Chancen, die zuvor undenkbar gewesen wären, Türen öffnen sich, die stets fest verschlossen waren. Es ist wie ein Traum, alles scheint möglich. Doch je öfter die drei einen Tropfen von Pretty zu sich nehmen und je mehr Zeit sie in ihrem neuen Körper verbringen, desto dringender wird die Frage: Was geschieht, wenn sie Pretty aufgebraucht haben und sie zu ihrem normalen Ich zurückkehren? Wissen sie überhaupt noch, wer sie wirklich sind?


"Ein modernes Märchen. Unfassbar unterhaltsam - sexy, wild und extrem lustig. Brillant." Sunday Mirror

"Bezaubernd!" People

"Eines der originellsten Bücher, das ich seit Jahren gelesen habe. Ihr werdet es verschlingen!" Sara Shepard, Autorin von Pretty Little Liars

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Seitenzahl: 589

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Inhalt

Zu diesem BuchWidmungTeil eins123456789101112131415161718Teil zwei1920212223242526272829303132333435363738394041424344454647484950515253Teil drei54555657585960616263646566676869707172Teil vier737475767778DanksagungDie AutorinImpressum

GEORGIA CLARK

Pretty

Roman

Ins Deutsche übertragen von Katrin Reichardt

Zu diesem Buch

Evie, Krista und Willow sind vor allem eins: durchschnittlich. Seit die drei Freundinnen das College hinter sich gebracht haben, versuchen sie, ihr Leben in New York einigermaßen auf die Reihe zu bekommen. Dass sich ihr Alltag kein bisschen so gestaltet, wie sie es aus Filmen und TV-Serien kennen, wird ihnen schnell klar. Statt teurer Schuhe, glamouröser Jobs und Cocktails rund um die Uhr schlagen sie sich mit fiesen Chefs, zu hohen Mieten und desaströsen Online-Dates herum.

All das ändert sich, als ihnen eines Tages ein Wundermittel namens Pretty in die Hände fällt. Ein einziger Tropfen soll genügen, um jedem Menschen zu unglaublicher Schönheit zu verhelfen. Evie, Krista und Willow probieren es aus – und sind von einer Sekunde auf die andere alles andere als normal.

Schön zu sein verändert ihr Leben. Mit einem Mal ergeben sich Chancen, die zuvor undenkbar gewesen wären, Türen öffnen sich, die stets fest verschlossen waren. Es ist wie ein Traum, alles scheint möglich. Doch je öfter die drei einen Tropfen von Pretty zu sich nehmen und je mehr Zeit sie in ihrem neuen Körper verbringen, desto dringender wird die Frage: Was geschieht, wenn sie Pretty aufgebraucht haben und zu ihrem normalen Ich zurückkehren? Wissen sie überhaupt noch, wer sie wirklich sind?

Für Lindsay,mein Ein und Alles

Teil eins:

Foundation

1

Obwohl ihre Mutter mit großer Inbrunst das Gegenteil behauptete, hatte sich Evie Selby selbst nie als schön empfunden. Es gab Augenblicke, da fand sie sich hübsch: auf manchen, aus hohem Winkel und bei schummrigem Licht aufgenommenen Selfies, auf denen ihr gefärbtes, schwarzes Haar, ihr kleines Gesicht und ihr entschlossener Gesichtsausdruck sie schalkhaft, fast niedlich wirken ließen. Es gab Augenblicke, da fühlte sie sich cool: am Tag, an dem sie begonnen hatte, eine Brille mit der dicksten, schwarzen Fassung, die sie hatte auftreiben können, zu tragen, an dem Abend, an dem eine Gedichtzeile in ihren blassen Unterarm tätowiert worden war. Aber schön? Nein, das war die Domäne von Frauen mit gleichmäßigen, überproportionierten Gesichtszügen, deren Haare Pferdemähnen und deren Körper ausländischen Sportwagen glichen – kantig, auffällig und unterschwellig kraftvoll. Frauen wie das selbstzufrieden schmunzelnde Model, das einen der hochglänzenden Korrekturabzüge zierte, die sie gerade unter dem Arm trug. Hätte Evie auch nur über ein Viertel, ein Fünftel, ein Achtel der Reize dieser Frau verfügt, hätte sie sich bestimmt weniger Sorgen über das Date gemacht, das heute Abend anstand.

Lass das sein, ermahnte sie sich selbst. Sie schob die Brille auf dem Nasenrücken weiter nach oben und atmete tief die sommerlich-schwere Stadtluft ein. Du bist eine Göttin. Du bist ein toller Fang. Du bist, na ja, das Resultat jedes Ratgebers, der jemals geschrieben wurde. Und außerdem, stellte sie mit einem Blick auf die Uhr fest, bist du zu spät dran. Sie hätte schon vor dreieinhalb Minuten bei der Wythe Gallery sein sollen.

Ungeachtet dessen, was die glücklich Vergebenen darüber dachten, waren neunundneunzig Prozent aller Online-Dates nicht aufregend genug, um Spaß zu machen, oder nervenaufreibend genug, um abenteuerlich zu sein. Sie waren einfach nur … peinlich. Langweilig. Eine Stunde Smalltalk mit einer Person, die man erst nach reiflicher Überlegung aus einem brennenden Haus retten würde. Online-Dates waren wie Russisches Roulette. Größtenteils Rohrkrepierer. Aber hin und wieder hatten Bekannte von Evie trotzdem den viel zu seltenen Volltreffer gelandet: einen klugen, ästhetisch ansprechenden New Yorker, der noch alleinstehend war. Vielleicht ist ja heute der Abend, dachte Evie, an dem ich ins Schwarze treffe.

Die Galerie war halbleer. Obwohl Montag war, hätte sie trotzdem damit gerechnet, dass allein Willows prestigeträchtiger Nachname ein größeres Publikum anziehen würde. Doch lediglich ein paar vereinzelte Bewohner von Brooklyn, in durchscheinenden Hemden und mit Vintage-Fliegen um den Hals, standen schwatzend vor den experimentellen Fotografien im Westentaschenformat, die ihre Freundin hier ausstellte. Und alle schienen sie mit einem Partner gekommen zu sein. Alle, bis auf ein einzelnes Mädchen, das auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes stand. Sie war etwa so groß wie Evie, jedoch dünner, feingliedriger. Ihr dunkles Haar fiel ihr bis auf die Schultern. Sie trug einfach nur ein T-Shirt und enge Jeans. Als sie sich umwandte, um die Fotos zu betrachten, klappte Evie die Kinnlade herunter.

Total süß.

Total Ellen-Page-mäßig.

Unfassbar, aber Quinn war in Fleisch und Blut sogar noch attraktiver.

Panik erfasste Evie. Ich hätte beim Kleid doch in die Vollen gehen sollen.

Sie brauchte etwas Hochprozentiges. An einer kleinen Bar wurden Wein und Bier ausgeschenkt. Willows Freund Mark spielte den Barkeeper.

»Hey.« Sie lud die Druckfahnen auf dem Klapptisch ab. »Kann ich die hier liegen lassen? Ist mein Make-up in Ordnung? Welchen Weißwein hast du denn?« Verstohlen schielte sie zu Quinn hinüber, noch nicht bereit für Augenkontakt.

»Evie, hey.« Der großgewachsene junge Mann mit Brille reagierte schnell. »Ja, ja und Sauvignon Blanc. Harter Tag auf der Arbeit?«

Evie schüttelte den Kopf. »Ein Date.« Dabei nickte sie in Quinns Richtung.

»Ah.« Mark reichte ihr einen Becher. »Unterhaltsam.«

»Nervös.«

»Unnötig.«

»Lüge.«

»Stimmt nicht!«

Evie musste lächeln.

Mark grinste. »Schnapp sie dir, Tiger.«

Evie nahm noch einen weiteren Becher für Quinn und steuerte auf die junge Frau zu, wobei sie sich bemühte, das aufkommende, irritierende Nervenflattern zurückzudrängen. »Quinn?«

Beim Klang ihres Namens drehte sie sich um und zeigte ihr mondförmiges Gesicht und ihre Augen, die eher rund als oval waren. Reine Haut. Entzückendes Lächeln. »Evie?«

»Höchstpersönlich«, antwortete Evie und versuchte, nicht an ihre weniger reine Haut und ihr weniger entzückendes Lächeln zu denken. »Hi.«

»Hi.«

»Hi«, sagte Evie noch einmal und trat sich dafür, dass sie wie ein Roboter klang, im Stillen in den Hintern. Sie bot Quinn den Becher an. »Durstig?«

»Eigentlich trinke ich nicht. Ich muss mich nicht berauschen, um das Leben genießen zu können.«

Evie sah sie verdattert an. Verfluchte Online-Dates –

»War nur Spaß.« Grinsend nahm Quinn ihr den Wein aus der Hand. »Danke.«

Evie lachte erleichtert auf. Online gab Quinn sich bissig und schwer einschätzbar, Eigenschaften, die Evie ebenso attraktiv fand wie die herzlichere, weniger künstlich wirkende Person, die nun vor ihr stand.

Quinn sah sich um. »Ist das die Vernissage deiner Freundin?«

»Ja. Willow Hendriksen.« Erst jetzt entdeckte sie Willow, die in einer Ecke stand, umringt von irgendwelchen Künstlertypen. Ihr unförmiges, grünes, seidenes Hemdkleid und ihr helles, aschblondes Haar mit einer Spur zartem Pink darin verliehen der Zweiundzwanzigjährigen etwas Losgelöstes. Willow Hendriksen wirkte ätherisch, als würde sie sich in eine Schar Vögel verwandeln, wenn man mit den Fingern schnippte. »Das ist sie.«

Quinn spähte verstohlen zu Willow hinüber, so als wolle sie nicht ertappt werden. »Sie ist die Tochter von Matteo Hendriksen, oder? Dem Filmemacher?«

Evie nickte.

»Wow. Cool. Kennst du ihn persönlich?«

»Ja.« Evie nickte erneut und freute sich, dass diese Tatsache Quinn zu beeindrucken schien. »Aber sicher. Heutzutage hält er sich nur selten in den Staaten auf. Aber Willow wohnt noch zu Hause, und wenn er zufällig auch dort ist, dann hängen wir zusammen ab. Chillen. Wir sind Chillkumpel.« Evie verzog gequält das Gesicht. HabeichgeradetatsächlichChillkumpelgesagt?

»Oh Gott, kaum vorstellbar, wie das sein muss«, begeisterte sich Quinn. »Wenn man so viel große Kunst geschaffen hat, die die Menschen mögen und respektieren.«

Evie fand es kaum vorstellbar, dass Quinn sich mit ihr abgab. »Und du bist also Musikerin?«

Quinn zuckte mit den Schultern. »Ich versuche es.«

»Du klingst, als hättest du eine tolle Singstimme. Und du siehst klasse aus.«

Quinn lächelte überrascht. »Vielen Dank.« Sie ging weiter zur nächsten Fotografie. Evie folgte ihr. »Jemand hat erst vor Kurzem zu mir gesagt, dass das, womit man den Großteil seiner Zeit verbringt, das ist, was man im Leben tut. Wenn man beispielsweise von sich behauptet, Schauspieler zu sein, jedoch nur einmal in der Woche zu einem Vorsprechen geht und die meiste Zeit kellnert, dann ist man ein Kellner. Ich habe mal nachgerechnet, und, hey, offensichtlich bin ich Musikerin.« Quinn blickte lächelnd und fast ein wenig schüchtern zu Evie auf. »Und aus deinem Profil habe ich geschlossen, dass du Schriftstellerin bist. Worüber schreibst du?«

Evie hielt sich nicht für eine Schriftstellerin, nicht auf die Art, auf die Quinn Musikerin war. Sie hatte einen Blog mit dem Titel Achtung, bissig, doch die Beiträge darin verfasste sie anonym, und obendrein verbrachte sie damit nicht den Großteil ihrer Zeit. Die floss in ihren Job als bescheidene Korrektorin bei einem Frauenmagazin namens Salty, wo sie Artikel mit Überschriften wie »So hauen Sie ihn mit dem Inhalt Ihres Kühlschranks um« auf Tippfehler überprüfte. Jemanden wie Quinn würde das sicherlich nicht beeindrucken. »Ich schreibe für die New York Times.« Die Worte flutschten aus ihrem Mund, so unbeabsichtigt wie ein Niesen.

»Wow!« Quinn lachte verhalten. »Mensch, das ist toll.«

»Weißt du, wahrscheinlich wollen sie einfach nur die Frauenquote in ihrem Hause verbessern«, improvisierte Evie, der gleich darauf einfiel, dass bei den Journalisten der Times das größte Geschlechterungleichgewicht in der gesamten Branche herrschte. »Hat seine guten und schlechten Seiten. Wie alles eben.«

»Du bist fest angestellte Journalistin?« Quinn machte noch immer große Augen.

»Jep«, antwortete Evie. »Während meiner College-Zeit habe ich dort ein Praktikum gemacht und erst vor einigen Monaten fest dort angefangen.«

»Wow. Ich weiß, ich wiederhole mich, aber das ist wirklich beeindruckend.« Quinn sah Evie etwas länger als nötig in die Augen, ehe sie den Blick schließlich senkte. Warme, zähflüssige Begierde stieg langsam in Evies Bauch auf, wie eine Katze, die sich nach einem ausgiebigen Nachmittagsschläfchen erhob.

»Hast du schon etwas gegessen?«, fragte Quinn.

Evie schüttelte den Kopf.

»Oh, gut. Ich verhungere gleich. Um die Ecke gibt es ein marokkanisches Restaurant. Hättest du Lust?«

»Klar.« Aber sicher. Dreitausendprozentig.

»Toll. Ich gehe nur kurz zur Toilette.«

Evie schwang sich die Handtasche über die Schulter und postierte sich neben der Eingangstür der Galerie, um dort zu warten. Dabei nippte sie an ihrem Wein und kämpfte gegen die überbordende, freudige Erregung an, die Quinns Vorschlag – und noch mehr Quinns Interesse an ihr – bei ihr auslöste. Sechs Monate waren vergangen, seit sie zum letzten Mal Sex gehabt hatte. Das Erotischste, was sie den ganzen Sommer über erlebt hatte, war ein Vaginalabstrich gewesen. Und obwohl Sex (wenn man ihn richtig machte) eine ganze Menge schmutzigen, wilden Spaß bringen konnte, vermisste sie es doch am allermeisten, geküsst zu werden. Den nervösen, begeisterten, fast immer stümperhaften ersten Kuss, der einem durch seine Unvollkommenheit, seinen der Leidenschaft geschuldeten Mangel an Eleganz im Gedächtnis blieb. Bis jetzt versprach der Abend, auf diesen Kuss hinauszulaufen. Das Essen, der Drink nach dem Essen, der gemeinsame Aufbruch zur U-Bahn, der Kuss.

Selbstverständlich war die Lüge, die sie Quinn aufgetischt hatte, dumm gewesen. Aber einen Rückzieher konnte sie später immer noch machen. Oder, wer weiß, vielleicht könnte sie es auch wirklich schaffen, etwas in der Times zu veröffentlichen. Gut, sie war erst dreiundzwanzig, doch Quinns bewundernde Blicke hatten ihr das Gefühl gegeben, als könne sie ohne große Anstrengung selbst den Kilimandscharo besteigen.

»Evie.«

Die leise, fast melodisch klingende Stimme konnte nur zu dem Star des Abends gehören. »Willow, hallo!« Evie umarmte sie mit einem Arm, drückte die freie Hand auf ihr kantiges Schulterblatt. »Gratuliere.«

Willow ließ mit einem wehmütigen Lächeln den Blick durch den halbleeren Raum schweifen. »Ich wollte nie allein aufgrund meines Namens berühmt sein, aber das hier ist irgendwie deprimierend.«

»Nein, ist es gar nicht! Das ist toll.«

»Weshalb du schon wieder gehst … nach fünf Minuten.«

»Ich gehe nicht! Ich … wechsle nur die Location –«

Willow tat die Entschuldigung mit einer Handgeste ab und lächelte vielsagend. »Erlebe ich da etwa gerade einen höchst seltenen Evie-Flirt?«

»In der Tat.« Evie musste unwillkürlich grinsen. »Wir gehen etwas essen.«

»Das ist super. Du siehst sehr hübsch aus.«

»Ach, ich bitte dich.« Evie rubbelte über die dunklen Ringe, die ihre Brille mit Sicherheit noch betonte. »Ich sehe aus, als hätte mir jemand ins Gesicht geboxt.«

»Hör auf.« Willow zupfte liebevoll an einer Strähne von Evies dunklem Haar.

Da erklang hinter ihnen Quinns Stimme. »Dein Freund an der Bar hat mir die hier gegeben. Damit du sie nicht vergisst.«

Evie fuhr herum.

Quinn hielt die Salty-Korrekturabzüge in der Hand. Ganz oben auf dem Stapel lag ein Artikel über Vajazzling. »Verleihen Sie Ihrer Mumu das gewisse Etwas«, las Quinn den von Evie erdachten Untertitel laut vor, ehe sie sie stirnrunzelnd ansah. »Oh Mann.«

»Gott, Evie, nimmst du immer noch Arbeit mit nach Hause? Ich dachte, das wolltest du sein lassen.« Willow schenkte Quinn ein Lächeln. »Ich bin Willow.«

»Quinn«, antwortete Quinn, sah jedoch unablässig Evie an. »Arbeit?«

»Schon das ganze Jahr über versuche ich, sie dazu zu überreden, zu kündigen«, erklärte Willow. »Vielleicht kannst du mir ja dabei helfen, sie zur Vernunft zu bringen.«

Evie blickte hastig von Willow zu Quinn und auf die Seiten in ihrer Hand. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. »Also, die sind eigentlich nicht für mich.«

»Aber dort steht dein Name.« Quinn deutete auf den weißen Zettel, der oben an dem Packen angeheftet war und auf dem stand: »Korrektorin: Evie Selby«.

»Ach so.« Evies Wangen wurden warm. Sie atmete nur noch flach. »Ach so.«

»Ruf mich nachher an.« Damit zog sich Willow zurück.

»Dann bist du nicht nur Journalistin, sondern auch noch Korrektorin«, sagte Quinn in einem Tonfall, als würde sie ihren eigenen Worten keinen Glauben schenken.

Mist. Mist. »Nein.« Evie war sehr leise geworden. »Ich meine, ich bin nur das Zweite.«

Quinn stand vor Verwirrung der Mund offen. »Dann hast du in Sachen Times also einfach gelogen.«

»Nun, eigentlich handelte es sich vielmehr um eine positive Visualisierung meiner perfekten Zukunft.« Evie leckte sich die Lippen. »Eine sehr wirkungsvolle Technik.«

»Lügen?«

»Visualisierung.«

Quinns Gesicht bekam einen fassungslosen Ausdruck. Alle Herzlichkeit, alles Interesse war wie weggeblasen.

»Bitte, geh nicht«, sagte Evie. »Du – verflixt, du bist wirklich süß und nett und ich auch, nett meine ich. Ob auch süß, darin ist sich die Jury noch uneins«, brabbelte sie. »Ich habe Mist gebaut. Tut mir leid.«

Quinn wich einen Schritt zurück, langsam, als stünde sie einem aggressiven Hund gegenüber, den sie nicht reizen wollte. »Sorry, Evie, aber das fühlt sich für mich alles nicht richtig an.«

Damit verschwand Evies Date aus der Galerie und ließ sie mit einem Becher Wein und einer Anleitung zur Vaginadekoration stehen.

2

Es war bereits nach zehn, als Evie schließlich mit den Korrekturen der Abzüge fertig wurde. Unter Kristas Tür schien noch Licht hindurch. Evie klopfte leise bei ihr an.

»Mensch, du musst doch nicht klopfen.«

»Das siehst du vielleicht so«, entgegnete Evie. »Ich nicht.«

Krista Kumar, Evies zierliche Mitbewohnerin, saß inmitten eines Durcheinanders aus Kissen und Decken und sah sich irgendetwas Lautes auf ihrem Laptop an. Auf einem Kissen vor ihr stand ein wackeliger Teller mit den Resten eines pinkfarben glasierten Kuchens. Evie musterte ihn kritisch. »Was ist das?«

Krista drückte die Leertaste. »Die Bäckerei in unserer Straße hat ihn entsorgt. Vermutlich war der Karton eingedrückt.«

»Du isst Kuchen aus der Mülltonne.«

»Ich esse Kuchen. Er schmeckt richtig gut. Möchtest du auch?«

»Nein.« Evie ließ sich auf die andere Seite des Bettes sinken. »Ja.«

Krista reichte ihr die Gabel.

»War das dein Abendessen?«, erkundigte sich Evie.

Krista schüttelte den Kopf und nickte mit dem Kinn in Richtung der halb leer gegessenen Essensverpackungen, die aus dem Sing Sing Palace, dem südostasiatischen Restaurant gegenüber, stammten. Krista hatte in der Vergangenheit bereits mehrfach erwähnt, dass sie sich selbst weitaus appetitlicher fand als deren sechs-Dollar-neunundneunzig-Mittagsmenü. Schließlich war ihre Mutter halb Malaysierin, halb Inderin, und ihr Vater stammte aus Sri Lanka. »Wie war dein Date?«

»Ich wurde bei einer schamlosen Lüge ertappt, und dann ist sie gegangen.«

»Du hast sie angelogen? Warum?«

»Weil ich verrückt bin«, nuschelte Evie, den Mund voller Kuchenglasur, die, wie sie zugeben musste, sehr gut schmeckte.

»Du bist nicht verrückt. Du bist klasse. Iss noch etwas von dem Müll-Kuchen.«

Evie zwickte sie in den Oberschenkel, woraufhin Krista aufjaulte wie ein kleiner Hund. Krista war eigentlich tatsächlich wie ein Welpe: null Aufmerksamkeitsspanne, total verschmust, und wenn man sie alleine ließ, heulte sie herum. Evie dagegen war wohl eher wie eine Katze: launisch und versnobt.

»Hey, Evie?«

»Ja?«

»Was glaubst du, tut Amy Poehler wohl gerade?«

Evie machte es sich lächelnd auf dem Bett gemütlich. »In diesem Moment trinkt Amy Poehler bestimmt White Russians, die sie selbst gemixt hat, und hält dabei eine motivierende Ansprache, mit der sie all ihre Zuhörer total begeistert. In einem Whirlpool. In Japan.«

Krista seufzte anerkennend und gleichzeitig neidisch. »Amy ist so cool.«

»Ich weiß«, pflichtete Evie ihr bei. »Sie führt das tollste Leben, das ich mir vorstellen kann. Hast du eigentlich noch mein blaues Trägertop?«

»Es müsste eigentlich … dort drüben liegen.« Krista wies vage auf einen der zahlreichen Kleiderhaufen, die auf dem Boden verteilt lagen.

»Kris.« Evie seufzte und entdeckte tatsächlich das nun recht zerknitterte Top. »Also wirklich.«

»Tut mir leid. Ich wollte es eigentlich noch waschen. Ich wasche es. Lass es einfach hier –«

»Ist schon gut«, murmelte Evie. »Bist du wegen des zweiten Vorsprechens morgen schon aufgeregt?«

»Unheimlich aufgeregt.« Kristas Blick driftete zurück zum Computerbildschirm. »Ich schaffe es gerade so, mich zusammenzureißen.«

Evie bedachte Krista mit einem argwöhnischen Blick. Vor sieben Monaten hatte ihre College-Mitbewohnerin ihr Jurastudium in Boston abgebrochen und sich in den Peter-Pan-Fernbus nach New York gesetzt, um sich in »Schauspielerei und so« zu versuchen. Evie war sich noch immer nicht ganz sicher, ob ihre Freundin das getan hatte, um ihrem übermäßig strengen, übermäßig kontrollversessenen Vater eins auszuwischen oder weil sie tatsächlich Schauspielerin werden wollte oder weil Krista einfach nur gern morgens lange ausschlief. »Hast du dir den Wecker gestellt?«

»Es findet doch erst am Nachmittag statt.«

»Hast du das Geld für die Einkäufe vom Supermarkt?«

»Wie viel haben sie denn gekostet?«, erkundigte sich Krista.

»Fünfunddreißig Dollar pro Nase.«

»Nein.«

»Du hast keine fünfunddreißig Dollar?«

»Jedenfalls nicht bei mir«, entgegnete Krista.

»Und was ist mit Venmo?«

»Evie«, ächzte Krista. »Ich sehe mir gerade einen Film an –«

»Okay.«

Krista verdrehte die Augen. »Ich weiß, Evie. Ich weiß, dass die Miete fällig ist.«

Evie zerknüllte das blaue Top in ihrer Faust und versuchte sich einzureden, dass die Verärgerung, die sie gerade empfand, wahrscheinlich nur allgemeiner Erschöpfung geschuldet war. Sie rutschte von Kristas Bett. »Ich habe doch gar nichts gesagt.«

»Das war auch nicht nötig«, entgegnete Krista. »Es steht dir deutlich ins Gesicht geschrieben.«

»Da steht überhaupt nichts geschrieben. Ich bin wie diese Sexorgienleute in Eyes Wide Shut. Mein Gesicht ist eine Maske!«

Als Evie die Tür zu Kristas Zimmer schloss, konnte sie sie noch immer kichern hören. Die Auseinandersetzung über die Miete würde sie in weniger als einer Minute wieder vergessen haben. Krista konnte nie lange auf jemanden sauer sein. Sie war ein unvoreingenommener Mensch. Und sie betrachtete einen Job nicht als bedeutsamen Mikrokosmos, der die gesamte Existenz ausmachte.

Evie hingegen schon. Sie sackte aufs Bett und ließ zu, dass ihre Trübsal sie übermannte. In die vertrauten Tiefen der Depression zu versinken, empfand sie manchmal als richtig wohlig, ja fast schon merkwürdig genüsslich. Heute jedoch fühlte sie sich nur einsam. Und traurig.

Hätte sie ihr Date doch noch einmal von vorne beginnen können. Sie hätte Quinn von ihrem Blog berichten oder ihr die Wahrheit über Salty erzählen und einfach abwarten können, was passierte. Aber wahrscheinlich hätte das auch nicht viel geändert. Wenn sie selbst schon keinen Respekt vor ihrem Job empfand, wie konnte sie das dann von ihrem Date erwarten?

Sie zog sich aus, löschte das Licht und zerrte sich die Bettdecke über den Kopf.

Quinn hatte recht. Das, womit man den Großteil seiner Zeit verbrachte, war das, was man im Leben tat. Demnach war sie schlicht und einfach eine Nachwuchskorrektorin, die in der Hierarchie des Verlagswesens auf der untersten Stufe stand.

Der tief verborgen liegende, finstere Teil ihres Selbst, dem sie im Stillen den Namen Höhle der Scham gab, wusste, dass das bedeutete, dass sie eine Versagerin war.

Eine Niete.

3

Krista Indrani Kumar hatte sich noch nie im Leben zügig fertiggemacht.

Je knapper die Zeit war, desto länger dauerte es bei ihr – eine Art modebezogene Stressreaktion. Sie hatte sogar die Beerdigung ihres Großonkels verpasst, weil sie zu sehr damit beschäftigt gewesen war, ein ansprechendes, komplett schwarzes Outfit zusammenzustellen. Doch den heutigen Termin durfte sie unter gar keinen Umständen versäumen. Heute war der Tag, an dem Krista Kumar sich einen Werbespot fürs nationale Fernsehen angelte, der dem andauernden Druck der Schulden, der sie permanent heimsuchte wie ein Geist mit Taschenrechner, endlich ein Ende bereitete. Der Spot würde fast einundzwanzig Monate lang im Fernsehen laufen und ihr knapp dreißigtausend Dollar einbringen. Zudem war es eine Werbung für Bongo, einen Softdrink, der seinem Hersteller schon viele Millionen Dollar eingebracht hatte und den alle Welt kannte – was für Krista höchstwahrscheinlich noch mehr Buchungen und noch mehr Arbeit bedeutete. Doch obwohl sie an diesem Morgen schon relativ früh aufgewacht war (um halb zehn), hatte sie es wieder einmal irgendwie geschafft, für ihr Vorsprechen um ein Uhr nachmittags spät dran zu sein.

Alles hatte mit einer Joggingrunde angefangen. Den Tag mit einem ausgiebigen, gesundheitsfördernden Lauf zu beginnen war etwas, das Leute taten, die ihr Leben total im Griff hatten – und aus diesem Grund hatte Krista das unbedingt ebenfalls tun müssen. Gut gelaunt war sie an den Hipstern und Gassigängern und Gassi gehenden Hipstern vorbeigetrabt und hatte auf dem Rückweg noch in einem der besseren Cafés vorbeigeschaut, um sich von ihren letzten fünf Dollar einen doppelten Sojalatte zu gönnen. Erst, als sie feststellte, dass sie ihren Schlüssel vergessen hatte, verpuffte ihre Fröhlichkeit. Sie klingelte bei Ben, der im Stockwerk unter ihnen wohnte. Keine Reaktion. Evie war bereits in die Innenstadt zur Arbeit aufgebrochen. Dann erinnerte sie sich plötzlich an die Feuerleiter. Das Küchenfenster blieb für eventuelle Notfälle stets unverschlossen.

Um die Feuerleiter erreichen zu können, musste sie einen schwarzen Plastikmüllcontainer unter die Leiter schieben und in ihn hinein auf den Müll klettern. Das war unglaublich widerlich. Die Leiter war festgerostet, aber nachdem sie einige Male fest daran gezerrt hatte, ließ sie sich schließlich doch herunterziehen. Endlich die Feuerleiter erklimmen zu können fühlte sich triumphal an und musste daher unbedingt mit einem kurzen Siegestanz gefeiert werden.

Das Küchenfenster war verriegelt. Kristas Bemühungen, es zu öffnen, blieben erfolglos. Der leichte Anflug von Panik verwandelte sich blitzschnell in eine waschechte Panikattacke. Sie musste in die Wohnung hinein.

Das Einzige, was sich außer ihr noch auf der Feuertreppe befand, war eine tote Pflanze. In einem schweren Blumentopf aus Keramik.

Beim ersten Versuch bekam das Glas nur Risse. Beim zweiten Versuch zerbrach es. Der Anblick der vertrauten kleinen Küche ließ Kristas Herz höher schlagen, als wäre sie jahrelang fort gewesen und nicht nur einige Minuten. Mit dem dritten, vierten und fünften Schlag entfernte sie schließlich die letzten Reste der Fensterscheibe.

Gegen Mittag war sie mit Duschen fertig. Allerdings stand die Auswahl des Outfits noch aus, und die war gar nicht so einfach. All ihre Kleidungsstücke waren entweder schmutzig oder zerknittert oder albern oder zu sexy oder nicht sexy genug. Und danach kam das Make-up an die Reihe, mit dem es sich in etwa so verhielt wie mit Kokain: Man brauchte jedes Mal ein klein wenig mehr. Doch irgendwie gelang es ihr, oh Wunder, um zwanzig vor eins fertig zu sein. Die Fahrt mit der U-Bahn in die Innenstadt dauerte etwa eine halbe Stunde, vielleicht auch ein wenig länger. Sie würde nur ein paar Minuten zu spät kommen. Sie schnappte sich ihre Umhängetasche, knallte die Wohnungstür zu und hetzte die Treppe hinunter, wobei sie immer zwei Stufen auf einmal nahm. Am Fuß der Treppe rannte sie direkt in zwei Polizisten hinein. Ein Nachbar hatte sie wegen eines Einbruchs alarmiert.

Krista brauchte geschlagene vierzig Minuten, um die Beamten davon zu überzeugen, dass sie in ihre eigene Wohnung eingebrochen war. Vierzig Minuten lang redete sie aufgeregt auf die beiden ein, wies anhand von Rechnungen ihre Adresse und mit drei verschiedenen Ausweisen ihre Identität nach und verlegte sich am Ende schließlich darauf, die Beamten anzuflehen.

Als sie endlich am U-Bahnhof eintraf, war es zwanzig nach eins. Vor zwanzig Minuten hätte sie bereits dort sein sollen. Geistesblitz: Sie würde ein Uber-Taxi nehmen. Vier unendlich lange Minuten verstrichen, ehe endlich der schwarze Wagen vorfuhr. Sobald sie saß, rief sie Dale, ihren Agenten, an. Er nahm beim zweiten Läuten ab. »Wo zur Hölle bleibst –«

»Ich bin im Auto.« Sie zündete sich eine Zigarette an. »Noch fünf Minuten.«

»Du solltest eigentlich jetzt hier sein!«

»Rauchen verboten!«, wies der Fahrer sie lautstark zurecht.

Fluchend warf Krista die Zigarette aus dem Fenster. »Kannst du meinen Termin nicht etwas nach hinten schieben? Erzähl ihnen, dass ich gerade operiert wurde. Irgendeine Wahloperation.«

»Nein.« Sie konnte sich bildlich vorstellen, wie er genervt die Augen verdrehte. »Sieh einfach zu, dass du herkommst.«

Dale legte auf. Der Wagen bog auf die Williamsburg Bridge ab. Und hielt an. Vor ihnen endlose Schlangen aus Autos. Die alle stillstanden.

»Nein!« Krista hieb mit der Faust gegen die Seitenscheibe.

»Nicht gegen das Fenster schlagen!«, brüllte der Fahrer.

Die Brücke zu überqueren dauerte eine Ewigkeit. Ihr Vater rief zweimal hintereinander an, doch sie drückte ihn weg, obwohl sie dabei jedes Mal tausend Tode ausstand – für dieses Verhalten würde sie noch teuer bezahlen. Zu behaupten, dass ihre Eltern über ihre Entscheidung, das Jurastudium abzubrechen, enttäuscht waren, war in etwa genauso untertrieben, wie den Hulk als leicht angesäuert zu beschreiben. Dale schickte ihr drei Mitteilungen. Sie konnte sich lediglich dazu überwinden, auf die letzte zu antworten: Ich komme!! Lass sie nicht gehen

Dales Büro befand sich Ecke Siebte und Vierundvierzigste Straße, doch als an der Fünfunddreißigsten eine Ampel direkt vor ihnen auf Rot umsprang, hielt sie es nicht mehr aus. Sie sprang aus dem Wagen, und dann war sie weg, raste die Siebte Straße entlang wie ein Actionheld, der eine Bombenexplosion verhindern wollte. »Alles okay«, beschwichtigte sie sich keuchend. »Ich bin nur eine Stunde zu spät, sie wollen bestimmt noch eine ganze Reihe anderer Leute sehen, Dale bekommt das schon hin, bei solchen Terminen wird es oft etwas später –«

Sie hetzte ins Foyer des Gebäudes, in dem Dales Büro angesiedelt war, und schlug hektisch auf den Aufzugsknopf. Die Räumlichkeiten von Clever Casting befanden sich im fünfundzwanzigsten Stock. Sie war fast da. Sie hatte es geschafft.

Eine Handvoll aufgekratzter Mädchen in Stöckelschuhen stieg zu ihr in den Aufzug, und eine von ihnen drückte den Knopf für den zwanzigsten Stock.

»Unglaublich, dass du tatsächlich eingeladen wurdest«, sagte eines der Mädchen aufgeregt.

»Ja, nicht wahr?«, antwortete ein anderes überschwänglich. »VIP!«

Unwillkürlich spitzte Krista die Ohren. Was war VIP?

Im zwanzigsten Stock öffneten sich die Aufzugstüren. Die Räume hier waren ebenso offen angelegt wie bei Clever Casting, doch es handelte sich nicht um ein Büro. Überall standen Kleiderständer, Regale mit Schuhen und Kisten voller Taschen und Gürtel herum. Auf der offenstehenden Glaseingangstür klebte ein A4-Blatt, auf dem VIP Gilt City Sample Sale zu lesen war.

Kristas Mund wurde knochentrocken. Liebe Güte. Das konnte doch nicht wahr sein.

Die Mädels kreischten kollektiv auf und drängten im Pulk aus dem Lift. Eine Frau mit einem Klemmbrett überprüfte ihre Ausweise und erkundigte sich: »Gehört ihr zusammen?«

»Ja«, antworteten sie im Chor.

Krista stand direkt hinter ihnen. Heiliger Bimbam, sie konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern, nach ihnen aus dem Aufzug gestiegen zu sein.

Die Frau mit dem Klemmbrett ging davon, und die Mädchen begannen freudig, nach den Kleidern zu greifen.

Nein. Was zum Teufel tat sie hier? Sie musste zu ihrem Vorsprechen. Es war ganz egal, dass bei Gilt City Designerkleidung zu Sonderpreisen verkauft wurde, und dass sie bei einem Sample Sale noch billiger angeboten wurde, war in diesem Augenblick ebenfalls vollkommen irrelevant. Krista drehte sich auf dem Absatz um, fest entschlossen, wieder zu gehen. Und genau da sah sie es. Ein rotes Seidenkleid mit einem verspielten, ausgestellten Rock, der bis kurz übers Knie reichte, und einem U-Ausschnitt, von dem sie jetzt schon wusste, dass er ihr Dekolleté toll zur Geltung bringen würde. Ein Stück von Zac Posen. Der ursprüngliche Preis auf dem Etikett betrug zweitausendfünfhundertneunzig Dollar. Er war durchgestrichen. Das Kleid kostete noch vierzig Dollar. Vierzig gottverdammte Dollar!

Vor ihrem inneren Auge sah sie die Schulden auf ihrer Kreditkarte – eine monströse Zahl, die mit beängstigender Geschwindigkeit immer weiter ins Minus rutschte. Sehnsüchtiges Verlangen, Reue und unkontrollierbare, blanke Gier lieferten sich in ihrer Brust ein Gefecht. Sie hatte absolut kein Geld, weshalb sie dieses Kleid selbstverständlich nicht kaufen sollte, und außerdem war sie schon viel zu spät dran.

Ganz genau. Sie kam ohnehin viel zu spät. Ob sie nun eine Stunde oder eine Stunde und zehn Minuten später eintraf, machte keinen Unterschied mehr. Absolut keinen. Und das hier, das war buchstäblich eine Chance, wie sie sich nur einmal im Leben bot. Eine Reduzierung von zweitausendfünfhundertneunzig Dollar auf vierzig Dollar bedeutete eine Ersparnis von – Krista rechnete rasch im Kopf nach – achtundneunzig Prozent. Wenn sie es kaufte, verdiente sie also im Grunde noch Geld damit. Und vor allem war es das perfekte Outfit für das Vorsprechen. Absolut perfekt.

Was soll’s. Sie würde höchstens fünf Minuten brauchen, wenn überhaupt. Krista nahm das Kleid vom Ständer und blickte sich hektisch nach einer Umkleidekabine um – oh Gott, Schuhe!

Fünfundvierzig Minuten später hetzte sie in das Büro von Clever Casting, gleichzeitig begeistert über ihre Einkäufe, beunruhigt, Dale gegenübertreten zu müssen, und nervös wegen des Vorsprechens. Atemlos begann sie der Rezeptionistin zu erklären: »Hi, ich habe einen Termin mit –«

»Krista Kumar.« Dale schlenderte mit gerunzelter Stirn auf sie zu. Sein schulterlanges Haar hatte er mit Gel zurückgekämmt und zu einem Pferdeschwanz gebunden, und er führte ein Tier an einer Leine. Ein wuseliges, pelziges, widerwärtiges Vieh.

»Was in aller Welt ist das?« Krista wich einen Schritt zurück.

»Das ist Willis.« Dale hob das haarige Ding hoch. Sein Körper war merkwürdig lang und außergewöhnlich beweglich. »Er ist ein Frettchen.«

»Wozu hast du ein Frettchen?«

»Mein Psychiater hat mir empfohlen, einen Hund anzuschaffen, aber mit einem Frettchen konnte ich mich mehr identifizieren. Stimmt’s, Willis?« Er verfiel in Babysprache. »Ja, nicht wahr, mit dir konnte ich mich identifizieren.«

Krista unterdrückte ein Würgen. »Wo sind die Leute von Bongo?«

Dale spitzte die Lippen vor dem Gesicht des Frettchens, als wolle er es küssen. Das Tier wand sich wild in seinen Händen und reckte die kleinen Pfoten. »Die Leute von Bongo sind gegangen, Krista. Die Leute von Bongo sind weg.«

»Was?«

»Du kommst zwei Stunden zu spät. Sie haben jemand anderen engagiert.«

»Aber … Aber … Ich hatte mich aus meiner Wohnung ausgesperrt. Und das Auto stand im Stau. Und –«

»Ich glaube nicht, dass diese Agentur gut zu dir passt, Krista.«

»Wie? Was meinst du damit?«

»Nehmen wir zum Beispiel Willis. Wenn er etwas will, sieht er zu, dass er es bekommt. Er ist zielstrebig. Entschlossen.« Dale sah sie missbilligend an. »Er ist alles, was du nicht bist. Mach dir nicht die Mühe, mich noch einmal anzurufen.«

Damit schlenderte Dale mit dem Frettchen davon und ließ sie allein zurück.

Allein.

Pleite.

Und … gefeuert.

Ein Telefon klingelte, die Empfangsdame nahm ab, und jemand eilte mit einem Stapel DVDs an ihr vorbei.

Krista ließ ihre Umhängetasche zu Boden fallen und begann zu weinen.

Obwohl es ein herrlicher Spätsommernachmittag war, war es im Inneren von McHale’s Ales so finster und trist, dass man glauben konnte, es herrsche tiefster Winter. Krista schleppte sich zu einem der Barhocker und bestellte einen Whisky.

Ihr Kopf pochte. Ihre Nase war vom Weinen verstopft. Sie hatte den Auftrag für den Werbespot vergeigt. Wie sollte sie das nur Evie erklären? Evie. Stöhnend verbarg sie das Gesicht in ihren Händen, als sie daran denken musste, dass sie auch noch das Küchenfenster eingeschlagen hatte. Oh Gott, und sie hatte für die Fahrt über die Brücke ein Uber-Taxi genommen. Ein Uber! Sie konnte sich nicht einmal mehr Klopapier leisten. Und dazu kamen noch die Einkäufe … Und dass sie gefeuert worden war … Ihre überwältigende Dummheit drückte ihr Gesicht nach unten auf die Bar. Das rote Kleid, das sie trug, erschien ihr plötzlich wie eine gigantische rote Flagge. Sie war ein Riesenversager, daran bestand kein Zweifel. Ein totaler und komplett –

»Krista?«

Na klar. In Manhattan traf man nie jemanden Bekanntes, außer man hatte gerade geweint. Krista spähte vorsichtig in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Eine elegante Blondine in einem tief ausgeschnittenen, schwarzen Seidenjumpsuit saß am anderen Ende der Bar. Ihre vollen, pinkfarbenen Lippen waren zu einem wissenden Lächeln verzogen. Krista kannte niemanden, der einen tief ausgeschnittenen, schwarzen Seidenjumpsuit besaß, geschweige denn jemanden, der darin wie ein gottverdammtes Supermodel aussah. »Ja?«

»Krista!« Die Frau schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. »Du erinnerst dich nicht mehr an mich.« Sie rutschte von ihrem Hocker und hob die Reisetasche aus Leder vom Boden auf, die in etwa genauso teuer aussah wie ihr Jumpsuit. Ihr Lächeln wirkte großmütig und nachsichtig. »Penelope. Wir haben Anfang des Jahres gemeinsam einen Improvisations-Kurs an der UCB belegt. Oh, du warst so witzig.«

»Dankeschön.« Krista hob den Whisky, der plötzlich vor ihr auf der Bar stand, an die Lippen.

Penelope setzte sich neben sie. »Machst du das immer noch?«

»Was?«

»Impro. Oh, du warst zum Totlachen.«

»Hin und wieder.« Krista rieb sich die Augen. »Im Moment kann ich mir eigentlich keine Kurse leisten.«

Penelope sah sie mit geneigtem Kopf an. »Was ist denn los?«

»Ich … Oh Mann, ich habe heute einen wirklich schlechten Tag. Wenn es einen Gott geben sollte, dann hat sie es heute wirklich auf Krista Kumar abgesehen.«

»Willst du darüber reden? Ich bin eine gute Zuhörerin.« Penelopes Stimme klang wie zerrissene Seide.

Obwohl sie es eigentlich gar nicht beabsichtigt hatte, begann Krista plötzlich, Penelope ihr Herz auszuschütten. Sie fing damit an, wie sie zu spät zur Vergabe des Werbespots gekommen war, doch binnen kürzester Zeit ging es um noch viel mehr: den generellen Mangel an Vorsprechen, ihre miesen Aushilfsjobs, ihr armseliges Liebesleben, ihre erdrückenden Schulden, von denen nicht einmal ihre beste Freundin wusste – einfach alles. Einfach nur zu reden fühlte sich so gut an. Penelope hörte aufmerksam zu und gab hin und wieder mitfühlende Laute von sich, die Krista als wahrhaft tröstlich empfand. »Ich hätte heute wirklich einen lukrativen Treffer landen können«, stöhnte Krista. »Aber ich habe es verdorben. Es verbockt, so, wie ich alles verbocke. Ich bin so eine verdammte Idiotin –«

»Du bist keine Idiotin.« Penelope drückte Kristas Schulter. »Das stimmt nicht. Du bist wirklich lieb. In dem Kurs damals hast du mir sehr dabei geholfen, auf der Bühne selbstbewusster zu sein.« Dann, als fiele es ihr erst nachträglich ein, fügte sie noch hinzu: »Damals waren nicht alle so nett zu mir.«

»Von welchem Kurs redest du eigentlich?« Krista schielte zu der Frau hinüber, zwar ein wenig angetrunken vom Whisky, aber dennoch überzeugt, als sie sagte: »Ich habe niemals einen Kurs mit dir belegt. Daran würde ich mich erinnern.«

Penelope ließ die Zunge über die Oberlippe gleiten. Nur eine nachdenkliche Geste, aber sie sah unheimlich sexy aus. Aber wahrscheinlich hätte sie auch beim Putzen einer Toilette sexy ausgesehen. »Ich habe mich seit damals verändert«, sagte sie schließlich. »Lass mich dir noch einen Drink spendieren.«

Krista setzte sich auf, nun gänzlich davon überzeugt, dass sie diese nette, hübsche Frau noch nie im Leben getroffen hatte. »Wer zum Teufel bist du?«

Penelope beugte sich zu Krista und sah sie mitfühlend an. Sie duftete nach Rosen und Champagner. »Jemand, der dir einen Gefallen tut.«

4

achtungbissig.net – Eure wöchentliche Portion Biss

Seid mir gegrüßt, meine lieben Beißerchen.

Erklärt mir mal Folgendes: Warum wird ein Wochenende, das man damit zubringt, Cheese Puffs zu essen, ab und an zu masturbieren und dabei eine Folge OITNB nach der anderen zu schauen, als »deprimierend« erachtet, wenn man Single ist, aber als »romantisch«, wenn eine weitere Person daran beteiligt ist? Und warum kann ich niemanden finden, der mir dabei Gesellschaft leistet?

Es ist nicht so, dass ich nicht nach jemandem gesucht hätte. Wie die Hälfte der US-amerikanischen Bevölkerung ist auch Madame Bissig Teil der billionenschweren Industrie namens Online-Dating. Aber um ehrlich zu sein, bin ich mir nicht ganz sicher, was ich davon halten soll. Klar, Dating-Seiten haben unsere Auswahlmöglichkeiten und auch unsere eigene Verfügbarkeit deutlich vergrößert, doch gehören Wahlmöglichkeiten und Verfügbarkeit nicht auch zu den Grundpfeilern des Kapitalismus, dem Sirenengesang reicher, weißer Arschlöcher, die unseren Planeten zugrunde richten? Und wenn es da draußen tatsächlich so viele Menschen gibt, die potenziell daran interessiert sind, mich als Partner auszuwählen, warum werde ich dann niemals ausgewählt?

Das zentrale Paradoxon beim Online-Dating besteht für unter Dreißigjährige darin, dass man sich selbst verkaufen muss, obwohl man noch damit beschäftigt ist, herauszufinden, wer man eigentlich genau ist. Keiner weiß, wer er ist, und das Resultat davon sind Dating-Profile, die aus einer verwirrenden Mischung aus groben Projektionen, Taschenspielertricks und glatten Lügen bestehen. Wenn man natürlich eine Frau mit strohblonden Haaren, üppigen Möpsen und Lippen von der Farbe eines Himbeerlutschers ist, hat man das nicht nötig. Man könnte Alcatraz als bevorzugtes Urlaubsziel auflisten und bekäme trotzdem die, ähm, Inbox reichlich voll. Unser Selbst, in dessen Kultivierung wir so viel Zeit investieren, wird auf ein Profilbild reduziert. Das ist Meritokratie à la Disney. Ihr findet, ich übertreibe? Bei einer kürzlich veröffentlichten Studie gaben neunundvierzig Prozent der Online-Dater an, dass körperliche Eigenschaften bei der Auswahl eines potenziellen Partners am wichtigsten seien. Was bedeutet, dass meine Visage daran schuld ist, dass ich so wenige Brieffreunde habe.

Aber Rettungsringe und Kurzsichtigkeit sind nicht das, was mich ausmacht.

Evie überdachte noch einmal die Worte auf ihrem Bildschirm. Voll konzentriert berührte sie ihre Oberlippe mit der Zungenspitze. Dann fügte sie hinzu: Oder vielleicht doch?

Um sie herum, in den offen angelegten Büroräumen von Salty, herrschte nachmittägliche Betriebsamkeit. Telefone schrillten. Man hörte gedämpfte Unterhaltungen, hin und wieder unterbrochen von spitzen Schreien. Das neue Rihanna-Album lief leise auf der Stereoanlage, sexy und bedrohlich.

Evies Kolleginnen waren der topgepflegte Beweis für Fönfrisuren und geschickt aufeinander abgestimmte Accessoires. Weshalb die Angestellten des Magazins ebenso gut aussehen mussten wie die retuschierten Models darin, entzog sich Evies Kenntnis. Allerdings stand heute die monatliche Themenkonferenz an, weshalb auch sie sich besondere Mühe gegeben und sich in eine schwarze Vintage-Bluse und ihren vorteilhaftesten Bleistiftrock gekleidet hatte. Dazu kam die obligatorische dicke Maske aus Make-up. Anfangs hatte Evie in der Arbeit kaum Make-up getragen. Nach etwa drei Wochen hatte Bethany, die Beauty-Redakteurin, ihr einen kleinen Tiegel mit Abdeckcreme und einen pinkfarbenen Lippenstift überreicht.

»Sind die für einen Artikel?«, hatte Evie gefragt und verwirrt hinter ihrer Brille mit dem breiten Gestell geblinzelt.

»Nein«, hatte Bethany geantwortet und nachsichtig gelächelt. »Das ist für dich. Von mir.«

»Oh. Danke. Aber –«

»Aber was?«

»Ich trage nicht viel Make-up.« Sie sagte das in einem Tonfall, als müsse sie ein geringfügiges Vergehen eingestehen: Ich war diejenige, die dein Eis aufgegessen hat.

»Ich weiß«, sagte Bethany sachlich und nahm die Abdeckcreme zur Hand. »Die hier ist gegen deine dunklen Augenringe, und außerdem kannst du damit die Rötungen an deinem Kinn abmildern. Die Creme ist toll, und sie ist richtig teuer. Und der hier« – sie tippte auf den Lippenstift – »wird dir ein bisschen Farbe verleihen. Du weißt schon. Dein Gesicht ein wenig lebendiger wirken lassen.«

Evie nahm die Kosmetik entgegen und kämpfte dabei gegen die Schamesröte, die ihr ins Gesicht gestiegen war. Sie hatte ein lebloses Gesicht. Ein totes Gesicht.

»Du darfst dir aus dem roten Beauty-Schrank alles nehmen, was du möchtest«, ergänzte Bethany. »Da hinein stelle ich alles, womit ich fertig bin. Ernsthaft«, betonte sie. »Alles. Wimperntusche, Rouge, Lidschatten …« Sie musterte Evies Gesicht mit der Schamlosigkeit eines Schönheitschirurgen. »Lippenkonturenstift. Unbedingt ein Lippenkonturenstift.«

»Okay«, sagte Evie. »Ich werde mir die Sachen mal ansehen.«

»Sehr gerne.« Bethany drückte Evies Arm. »Wir Mädels müssen uns doch umeinander kümmern, stimmt’s?«

»Stimmt«, echote Evie, obwohl sie sich nicht sicher war, ob diese Beschreibung auf das, was sie gerade erlebt hatte, zutraf.

Nun saß Evie also an ihrem Computer, mit semiprofessionell aufgetragener Foundation, Abdeckcreme, Rouge, Lidschatten, Wimperntusche und Lipgloss im Gesicht, und fügte sich damit nahtlos in die professionelle Femininität von Salty ein. Hinter ihrem Rücken erklang plötzlich das Klacken hoher Absätze. Evie wechselte blitzschnell von ihrem Blog zu einer InDesign-Datei, kurz bevor Ella-Mae Morris, die stellvertretende Chefredakteurin, neben ihrem Schreibtisch erschien. »Hey, Evie.«

»Hey, Ella-Mae.« Evie lächelte unsicher. Ella-Mae wirkte stets ein wenig verstört, was Evie ihrem Perfektionismus zuschrieb, der sich in Form einer leichten Essstörung manifestierte. Über ihrem Computer hatte die Achtundzwanzigjährige ein kleines, bedrucktes Kärtchen aufgehängt, auf dem stand: »Wenn ich es will, kann ich es auch haben, aber will ich es wirklich?« Was bedeutete, dass das Einzige, was sie wirklich wollte, Babykarotten waren.

»Bist du mit den Beautyproofs fertig?« Ella-Maes Stimme war hoch und klang merkwürdig kindlich.

»Jap, ich habe sie gestern Abend noch fertig gemacht.« Evie reichte ihr die korrigierten Seiten. »Und als Überschriften für die Anleitung zum Skype-Sex habe ich mir ›Girls on Film‹, ›Licht, Kamera, Schlafzimmer-Action‹ und ›Bereit für dein Close-Up?‹ überlegt.«

»Mmm.« Ella-Mae nahm vorsichtig den Stapel Seiten auf. »Ich kann mich gerade nicht mehr erinnern«, fuhr sie fort. »Wer sollte noch mal die Real-Girl-Story über die Frau transkribieren, die sich einer kosmetischen Operation unterzogen hat, um wie Blue Ivy auszusehen?«

»Du hast mir aufgetragen, das zu erledigen«, antwortete Evie. »Aber da es im Grunde nicht zu meinem Job gehört, Sachen zu transkribieren –«

»Oh toll«, sagte Ella-Mae und reichte ihr ein silbernes Diktiergerät. »Ich verliere noch den Verstand.«

»Vielleicht solltest du mehr essen«, murmelte Evie.

»Hä?«

»Nichts.« Evie lächelte strahlend. »Hey, wusstest du eigentlich, dass ›Hä‹ zu den wenigen Worten gehört, die in jeder Sprache gleich sind?«

»Hä?«

»Ganz genau. In Mandarin, in traditionellen, australischen Sprachen und vielen anderen hat es weitestgehend den gleichen Klang und dieselbe Bedeutung. Was dafür spricht, dass Sprache aus sozialer Interaktion entsteht, und, na ja, keine biologisch angeborene Eigenschaft ist.«

Ella-Mae sah Evie eigentümlich an, als wäre sie eine Babykarotte, bei der sie sich nicht sicher war, ob sie sie nun wollte oder nicht. »Interessant«, sagte sie in einem Tonfall, der so viel bedeutete wie Du bist merkwürdig.

»Ich maile dir das Blue-Ivy-Transkript«, sagte Evie.

»Danke«, antwortete Ella-Mae. »Ich werde mich vor dem Meeting noch einmal frisch machen.«

»Wir sehen uns dann dort.« Evie setzte noch einmal ein Lächeln auf, das jedoch in der Sekunde verschwand, in der die stellvertretende Chefredakteurin ihr den Rücken zugekehrt hatte. Sie wollte Ella-Mae nicht unsympathisch finden. Sie war kein schlechter Mensch. Evie hatte nur rein gar nichts mit ihr gemeinsam, und alles, was sie sagte oder tat, wirkte irgendwie irritierend auf sie. Obwohl zwischen der Vorstadt-Highschool in Chicago, die sie besucht hatte, und ihrem aktuellen Arbeitsplatz Hunderte von Meilen lagen, fühlte sich Evie in den Büroräumen von Salty wieder wie damals auf dem Schulhof: unsichtbar und unwichtig.

Evie drückte mit den Fingern die Haut über ihrer Nasenwurzel zusammen. Sie bekam das Date vom vorigen Abend einfach nicht aus dem Kopf. Unablässig hörte sie Quinns Worte widerhallen. Womit man den Großteil seiner Zeit verbringt, ist das, was man im Leben tut. Wenn das stimmte, wovon Evie eigentlich überzeugt war, dann war sie wirklich nur eine überarbeitete Handlangerin, die sich peinliche erotische Wortspiele ausdachte.

Vielleicht war es an der Zeit, sich neue, höhere Ziele zu setzen.

Die monatliche Themenkonferenz, in diesem Fall für die Novemberausgabe, fand in einem Besprechungsraum mit Glaswänden statt. Die diversen Spartenredakteure, das Designteam sowie weitere Korrektoren saßen um einen großen, ovalen Tisch herum. Evie nahm Kurs auf die Moderedakteurinnen Gemma und Rose, zarte Porzellanpüppchen, die nur von Zigaretten und grünem Tee lebten. »Darf ich mich zu euch setzen? Ich brauche einen Platz bei der Tür, falls ein Snack-Notfall eintritt.« Die beiden bedachten Evie mit einem Lächeln, an dem weder ihre Zähne noch ihre Augen beteiligt waren, und rutschten wortlos mit ihren Stühlen beiseite, um ihr Platz zu machen. Das Gefühl, diejenige zu sein, die außen vor blieb – die Letzte, die beim Völkerball ausgesucht wurde, die Erste, die sich freiwillig als Fahrerin meldete, um eingeladen zu werden –, erfüllte sie plötzlich wieder bis in die Knochen. Evie setzte sich und nahm sich für die Zukunft vor, nicht mehr vor ihren Kolleginnen zu witzeln.

Der freie Platz am Kopf des Tisches war für die Chefredakteurin Jan Stilton reserviert. Alle am Tisch spannten sich merklich an, als sie in den Raum stakste, eine klapperdürre, ernste Mittvierzigerin in leichtem, kamelhaarfarbenem Kaschmir und mit dunklem, kühlem Lippenstift auf den Lippen. Im Vorwort des Magazins, das Jan verfasste, wirkte sie stets spritzig und überschwänglich wie Champagner. Doch in Wirklichkeit war sie kühl, einschüchternd und furchterregend wie ein hochwertiges Fleischerbeil. Zudem gab sie sich extrem britisch. »Beauty.« Jan wies auf Bethany. »Fangen wir mit dir an.«

Bethany ließ aufgeregt ihre orangefarbenen Fingernägel gegeneinander klicken. »›Das Gesetz des Dschungels‹, ›Der Fantastischste überlebt‹, ›Wie schminkt man perfekte smoky Katzenaugen, wie zaubert man eine dicke Löwenmähne‹.«

»Ein Beitrag über Gesichtsmasken aus Amazonas-Schlamm?«, überlegte Ella-Mae laut.

»Es gibt eine neue Linie Henna-Haartönungen, die von einem Stamm inspiriert ist, der gerade erst entdeckt wurde«, erläuterte Bethany. »Der, der keine Sprache kennt. Ich dachte mir, das könnte interessant sein.«

»Wende dich an Carmen vom Marketing«, sagte Jan. »Das könnte gut zur Winterkampagne von Revlon passen.«

Eine Spartenredakteurin nach der anderen stellte Jan nun ihre Ideen vor. Den Großteil davon nickte sie ab, wobei sie auch ihre eigenen Vorschläge abgab. Nur hin und wieder verzog sie das Gesicht zu einem Ausdruck, der besagte: Vergiss es. (Jan war sehr auf der Hut vor Falten, weshalb sie dies wirklich nur höchst selten tat.)

Evie fand, dass von allen Spartenredakteurinnen die Kolleginnen im Bereich Entertainment die spannendste Aufgabe hatten. Der Name Salty öffnete ihnen Tür und Tor zu jeder Veranstaltung der Stadt. In der nächsten Woche wären sie bei der Buchpremiere von Milchzähne, dem fünften Roman von Evies Lieblingsschriftstellerin Velma Wolff, dabei. Es überraschte Evie nicht, dass Jan damit einverstanden war, einige Fotos von der Veranstaltung abzudrucken. Nicht weil Velmas Bücher mit Preisen ausgezeichnet wurden, sondern weil sie mit Victoria’s-Secret-Models ausging. Jede auch nur halbwegs prominente Lesbe von der Ostküste würde dort sein. Das passte hervorragend zu der Idee von Vielfältigkeit, die Salty vertrat. Berühmte, attraktive, homosexuelle Frauen, für die heterosexuelle Frauen in ihren Tweets schwärmten und gerne lesbisch werden wollten.

Die einzige Spartenredakteurin, von deren Ideen keine einzige abgelehnt wurde, war Crystal, die den Bereich Sex und Liebe betreute. Sie arbeitete bereits seit zehn Jahren für das Magazin und trug daher ihre Notizen leicht gelangweilt vor, als handle es sich dabei um ihre wöchentliche Einkaufsliste. »›Die geheime Sexpraktik, von der nicht mal deine Freundin zugibt, dass sie sie ausprobiert‹, was bedeutet, sich mit verbundenen Augen in den Hintern vögeln zu lassen.« Ein Nicken von Jan. »›Oralsex neu durchdacht‹, Untertitel ›Kleiner Tipp: Sie machen es nicht richtig‹. Dabei wird es um Saugtechniken gehen.« Wieder ein Nicken. »Und dann noch ›Was er möchte, dass du tust – aber niemals zugeben würde‹. Was bedeutet, dass die Frau sich als seine Lieblingscartoonfigur aus der Kindheit verkleiden soll, damit er sie als Wilma Feuerstein oder April von den Teenage Mutant Ninja Turtles vögeln kann.«

»Sehr schön«, befand Jan, woraufhin alle in nachdenklichem Einvernehmen nickten.

Nachdem sie auch die Themenvorschläge, die die freischaffenden Autoren für die zehn Hauptartikel des Heftes eingereicht hatten, durchgesprochen hatten, verkündete Jan, dass ihnen trotz allem noch immer eine Story fehlte. »Irgendwelche Ideen?«

Das war das Stichwort für den Beginn der offenen Diskussion. Jeder am Tisch konnte Vorschläge einbringen. Evie hatte sich bisher nie getraut, sich zu Wort zu melden. Sie räusperte sich. »Ähm, ich hätte da ein paar Ideen.«

Ein Tisch voller verblüffter Erdmännchen. Alle Köpfe wandten sich in ihre Richtung.

»Evie.« Jan klang so überrascht, wie die anderen aussahen. »Ja?«

Evie hielt einen farbigen Ausdruck hoch. Alle am Tisch stießen freudig-angewiderte Laute aus. Es handelte sich um das aktuellste Foto von Lucy De La Mar, dem früheren Kinderstar, deren Sucht nach plastischer Chirurgie ihr ein schiefes Frankenstein-Gesicht eingetragen hatte. Der heimlich aufgenommene Schnappschuss, den Evie hochhielt, war kürzlich durch alle Medien gegangen, was jeder Kommentator zum Anlass genommen hatte, darüber zu lamentieren, dass sie es mit der »Instandhaltung« ihres Gesichts etwas zu weit getrieben hatte.

»Was ist der Aufhänger?«, wollte Ella-Mae wissen. »Gute Nasenkorrekturen mit bösem Ende?«

»Wir verteidigen sie«, sagte Evie. »Die Medien haben diese Geschichte genüsslich ausgeschlachtet. Doch das Interessante dabei ist die Doppelmoral, die dahinter steckt. Uns Frauen wird eingeredet, dass Schönheit uns Wert verleiht. Doch wenn die Bemühungen, diese obligatorische Schönheit zu erlangen, nach hinten losgehen – was unvermeidlich ist, weil einem unerreichbaren Ideal nachgejagt wird –, zerreißen einen die Medien in der Luft.«

»Aber sie ist so furchtbar eitel. Sieh dir doch nur an, wie viel sie hat machen lassen«, meinte Rose verschnupft.

»Aber glaubst du nicht auch, dass sie das des sozialen Drucks wegen getan hat? Das ist ungerecht. Als ob du deine Haarfarbe herauswachsen lassen würdest und dich plötzlich alle Streifenhörnchen nennen würden.«

»Wer nennt mich Streifenhörnchen?«, fragte Rose geschockt.

»Niemand«, zischte Ella-Mae mit einem ärgerlichen Blick auf Evie.

»Nächster Vorschlag.« Jans Tonfall war eisig.

Evie schluckte. »Ich habe noch einen. Ein Beitrag darüber, wie Frauen die sozialen Medien für Protestbewegungen nutzen.«

Jan hob eine Augenbraue. »Okay«, sagte sie vorsichtig.

Der zurückhaltende Zuspruch ermutigte Evie sofort. »Wir beginnen mit den saudi-arabischen Aktivistinnen, die auf YouTube Videos von sich posten, wie sie Auto fahren. Vielleicht unter der Überschrift ›Miss Dhuka braucht keinen Chauffeur‹ oder ›Frau am Steuer‹. Dann machen wir weiter mit dem Arabischen Frühling –«

»Oh«, meldete sich Bethany unvermittelt zu Wort. »Ein Wellness-Report? So etwas wie die Liste der Top-Fünf-Schönheitsfarmen?«

»Nein«, entgegnete Evie. »Es geht um die Aufstände im Rahmen des Arabischen Frühlings. Die Proteste in der arabischen Welt, die 2010 ihren Anfang nahmen.«

Evie war plötzlich nur noch von skeptischen Mienen umgeben.

»Den Frauen brandete viel Widerstand entgegen, sogar von ihren eigenen Mitstreitern«, erklärte Evie. »Doch trotzdem leisteten sie einen wichtigen Beitrag, insbesondere online. Es gibt da einige fantastische Bloggerinnen, mit denen wir in Kontakt treten könnten.«

Gemma ließ ihre Augenlider flattern und sagte mit kuschelweicher, leiser Stimme: »Das klingt irgendwie … deprimierend.«

»Es ist wichtig«, hielt Evie dagegen. »Es ist ein Thema, das Frauen beschäftigt.«

»Stimmt«, sagte Bethany. »Ebenso wie Schönheitsfarmen.«

»Ja, also ich glaube, die Idee mit den Schönheitsfarmen hat uns allen gefallen«, bemerkte Ella-Mae und kritzelte eine Notiz.

»Aber das habe ich doch überhaupt nicht vorgeschlagen!« Evie versuchte, sich zu fassen, wieder ruhig zu werden. »Leute, diese Ausgabe sieht jetzt schon toll aus, und ich kann es gar nicht erwarten, einem Typen zu eröffnen, dass er mich als Schlumpfine verkleidet vögeln darf, aber vielleicht können wir ja eine bunte Mischung an Ideen zulassen.«

»Eine bunte Mischung?«, fragte Jan.

»Ja!«, rief Evie. »Vielleicht könnten wir ja eine Meinung zu aktuellen Geschehnissen und all dem sexistischen Mist, der in der Welt geschieht, haben. Vielleicht wird es Zeit, uns neue, höhere Ziele zu setzen.«

Schweigen im Walde.

Angesäuertes Schweigen.

Ella-Mae lehnte sich mit einem piepsigen Seufzen auf ihrem Stuhl zurück, während Gemma und Rose ungläubige Blicke wechselten.

»Neue, höhere Ziele setzen –«, begann Bethany sarkastisch, wurde jedoch von Jan unterbrochen.

»Evie, liefere uns einen Einseiter über die besten Schönheitsfarmen in Amerika«, sagte sie. »Nur große Städte. Meine Lieben, das war hervorragende Arbeit heute.« Sie erhob sich und sammelte ihr Handy und ihr Notizbuch ein. Evie blieb reglos sitzen. Sie fühlte sich beklommen. »Und Evie«, wandte Jan sich noch einmal von der Türschwelle aus an sie. Ihre Miene war undefinierbar. »Schau doch noch einmal kurz in meinem Büro vorbei, bevor du heute gehst.«

Das alles war ein Fehler gewesen.

Ein riesengroßer, gottverdammter Fehler.

5

Von Jans Bürofenster aus wirkte New York malerisch und harmlos; wie die Stadt, die man sich gewünscht hätte, und nicht wie die Stadt, die es in Wirklichkeit war. Während Jan zu Ende telefonierte, fragte sich Evie, ob dies wohl das letzte Mal war, dass sie Manhattan aus nächster Nähe sah. Krista war chronisch arbeitslos. Sie hatte mehr oder weniger eine Allergie gegen Arbeit. Und Willow hatte noch keinen Tag in ihrem Leben richtig gearbeitet – abgesehen von einigen kurzen Zwischenspielen als Kellnerin, um allen zu beweisen, dass sie auf eigenen Beinen stehen konnte. Evie durfte diesen Job auf keinen Fall verlieren. Es war ein Erwachsenenjob, der Erwachsenenvorteile und Erwachsenenzukunftsaussichten bot. Ihre Mutter war alleinerziehend gewesen, und daher wusste sie, wie wichtig jeder einzelne Arbeitstag war, um über die Runden zu kommen. Vier aufreibende Monate lang war sie arbeitslos gewesen in New York, ehe sich endlich ihr vorangegangenes Sommerpraktikum ausgezahlt und sie das Angebot bekommen hatte, sich als Korrektorin vorzustellen. Die Anonymität, die es mit sich brachte, Absolventin einer Kunstschule zu sein, in einer Stadt, die vor solchen Leuten schier überquoll, war mehr als bedrückend gewesen – geradezu beängstigend.

Salty war ihr Rettungsring gewesen. Gut, das Magazin war ziemlich dämlich, und ja, sie korrigierte nur und schrieb keine richtigen Beiträge. Doch immerhin tat sie das für eine Zeitschrift, die sogar ihrem Großvater ein Begriff war und die sich im Besitz eines der größten Medienkonzerne der Welt befand. Und jetzt hatte sie es womöglich geschafft, sich die Kündigung einzuhandeln.

Nervös versuchte Evie, die aufsteigende Panik zurückzudrängen. Wie verzweifelt musste man sein, um ernsthaft über eine Karriere auf dem Straßenstrich nachzudenken? Im vergangenen Winter hatte Evie es mit Telefonsex probiert, einer von den Jobs, die Krista über Craigslist aufgetan hatte. Als der Kerl am anderen Ende der Leitung sie gefragt hatte, was sie denn mögen würde, hatte sie ohne nachzudenken mit »Krieg der Sterne!« geantwortet und dann schnell aufgelegt.

Jan war mit Telefonieren fertig. »Entschuldige bitte die Verzögerung –«

»Bin ich gefeuert?« Evie brüllte die Frage fast. »Denn damit würdest du mir meine natürlichen Rechte verwehren.« Sie zermarterte sich den Kopf nach Formulierungen aus den üblichen Tiraden, in denen Krista sich jedes Mal erging, wenn sie rausgeschmissen worden war. »Ich finde nicht, dass man mein Benehmen als ›grobes Fehlverhalten‹ werten kann, und wenn du einen Blick in meinen Arbeitsvertrag wirfst, wirst du sehen –«

»Ich will dich nicht feuern, Evie.« Jan legte die Fingerspitzen aneinander, um ihre Lippen spielte ein leichtes Lächeln. »Ich möchte nur mit dir reden. Fühlst du dich hier wohl?«

»Ja«, antwortete Evie. »Selbstverständlich.«

»Ich meinte damit nicht, ob du dich jedes Mal freust, wenn du deinen Gehaltsscheck bekommst«, erläuterte Jan. »Ich möchte wissen, ob du hier glücklich bist? Gefällt es dir hier? Gefällt dir das Magazin?«

Evie rechnete fest damit, dass Jan sich so furchterregend wie immer zeigen würde. Sie wand sich ein wenig. »Darf ich ehrlich sein?«

Jan wedelte auffordernd mit der Hand, als wolle sie sagen Nur zu.

»Salty hat wie viele Leser? Drei Millionen?«

»Dreieinhalb.«

»Das macht es zu einer fantastischen Plattform. So viele Leute! Ich habe einfach das Gefühl, dass wir bei vielen jungen Frauen einiges bewirken könnten. Bei Frauen generell. Wenn wir nur ein bisschen mehr …«

»Ein bisschen mehr was?«

Evie zierte sich. Ihr Gesicht fühlte sich inzwischen ganz heiß an. »Na ja, wenn wir ein bisschen feministischer wären.«

»Du findest, Salty ist nicht feministisch?«

»Nein«, antwortete Evie. »Im Gegenteil. Bei Salty geht es nur um Sex und Shoppen.«

Jan sah sie nachdenklich an. »Was bedeutet Feminismus für dich? Was kann er für junge Frauen bewirken? Für Frauen generell?«

Evie fiel es dank der ungefähr sechs Millionen Treffen von Women’s Action Collective, die sie während ihrer Zeit auf dem Sarah Lawrence College besucht hatte, nicht schwer, darauf zu antworten. »Er verleiht ihnen Stärke.«

»Er hilft ihnen, sich in ihrer Haut wohlzufühlen«, sagte Jan. »Befreit. Unabhängig.«

»Genau.«

Jan nahm eine aktuelle Ausgabe des Magazins zur Hand. Lauren Conrad lächelte ihnen beiden einfältig von dem Hochglanzcover entgegen. Einen ihrer kirschroten Fingernägel hatte sie in den V-Ausschnitt ihres T-Shirts gehakt, wodurch ein überraschend üppiges Dekolleté zum Vorschein kam (Photoshop). Für ein Magazin, das im Allgemeinen mit Lesbianismus nichts am Hut hatte, fielen die Cover oft irritierend aufreizend aus. Die Leserinnen sollten sich dazu animiert fühlen, Lauren nachzueifern, doch sie sollten dabei – trotz ihres Komm-und-nimm-mich-Schmollmundes und ihrer leicht geöffneten Lippen, die fass mich an zu sagen schienen – niemals mehr für sie empfinden als freundschaftliche Sympathie oder angemessene Eifersucht.

Seltsam.

»Sag mir, was du hier siehst«, forderte Jan sie auf.

Die Headlines schrien ihr in grellem Neonorange entgegen, modeverrückt und notgeil. Evie las sie laut und mit der pseudobegeisterten Stimme aus einer Dauerwerbesendung vor. »›Acht Stiefel für den Winter, die du UNBEDINGT HABEN MUSST‹, ›Wie man ihn dazu bringt, DARUM ZU BETTELN‹.«

Jan tippte auf einen der größten Schriftzüge. »›Good Vibrations: Wie man seinen ERSTEN VIBRATOR KAUFT‹.« Dann hob sie eine ordentlich gezupfte Braue und sah Evie an.

Evie musste sich beherrschen, um nicht die Augen zu verdrehen. »Ich glaube nicht, dass der Besitz eines Dildos eine Revolution auslösen kann.«

»Ich glaube, dass der Großteil der Frauen kein Interesse an einer Revolution hat.« Jan klang belustigt. »Ich denke, sie wünschen sich eine Publikation, die einen gesunden, sexuellen Appetit propagiert. Ich denke, sie möchten ein Magazin, das sie lehrt, auf die Art sexuelle Lust zu geben und zu empfangen, wie es sein sollte: mit Spaß. Abenteuerlust. Ohne voreingenommen zu sein. Wo sollen sie sich deswegen sonst hinwenden? Das Internet ist voller Perverser. Und seine Mutter befragt man darüber wohl kaum. Und die Freundinnen sind wahrscheinlich genauso ahnungslos wie man selbst und wurden in ihrer sexuellen Vorgeschichte bestimmt schon mal auf einer Studentenparty gefingert.« Es klang fast, als ließe sie eine angenehme Erinnerung wiederaufleben. »Ich glaube, dass sie eine Publikation wünschen, die die Tatsache zelebriert, dass Frauen gern shoppen. Pfeif auf das, was die Jungs darüber denken. Pfeif auf das, was die Eltern darüber denken. Unser Magazin sagt, dass sie das Geld, das sie selbst verdient haben, ausgeben können, wofür immer sie wollen, und bietet ihnen gleichzeitig einige tolle Vorschläge, wie sie es investieren könnten. Denn genau das ist es, was der Feminismus für die Frauen getan hat. Er hat uns sexuell befreit und finanziell unabhängig gemacht. Ich finde«, schloss Jan, »dass Sex und Shoppen unseren Leserinnen durchaus Stärke verleihen.«

Evie war sprachlos. Instinktiv wollte sie Jan widersprechen. Doch sie kam nicht darauf, warum. Aus irgendeinem Grund ergaben die Worte der Redakteurin Sinn.

Jan fuhr fort. »Wenn du für Jezebel arbeiten willst, dann geh und arbeite für Jezebel. Aber wenn du hierbleiben möchtest, dann musst du auf meiner Seite sein.« Jan beugte sich über den Schreibtisch. Sie sprach mit sanfter, akzentuierter Stimme. »Unsere Markenzeichen sind Sex und Shoppen. Wenn du für Salty arbeiten willst, musst du auch dahinterstehen. Schaffst du das, Evie?«

Evie versuchte, Nein zu sagen. Nein. Dass sie gehen würde, wenn Jan nicht dazu bereit war, breiter gefächerte Themen anzugehen, darüber zu schreiben, was wirklich wichtig war, ja, sich neue, höhere Ziele zu stecken. Weil im Leben jeder jungen Frau – jeder Frau – der Augenblick kam, in dem man für das, woran man glaubte, einstehen musste. In dem man die Moral dem Geld vorziehen musste, in dem man mit der Faust auf den Tisch hauen und verkünden musste: »Verdammt noch mal, das lasse ich mir nicht mehr bieten.«

Doch bedauerlicherweise war dieser Augenblick noch nicht gekommen.

»Ja«, sagte Evie. »Selbstverständlich.«

»Gut. Hör mal, du bist eine gute Korrektorin, und ich möchte, dass du zufrieden bist. Ich weiß, dass das Special über Schönheitsfarmen nicht unbedingt das war, was dir vorschwebte. Aber vielleicht ergibt sich in Zukunft ja etwas anderes, wobei du uns unterstützen kannst. Hast du schon mal von Extra Salt gehört?«

Das hatte Evie, zumindest vage. Das Webteam befasste sich damit. Es handelte sich um eine Webserie, von der alle zwei Wochen eine neue, kurze Episode erscheinen sollte.

»Bei den Recherchen für die Storys könnten wir eventuell ein wenig Hilfe gebrauchen«, sagte Jan. »Immer davon abhängig, wen wir als Moderatorin anheuern. Einige der Frauen haben bereits journalistische Erfahrung. Und andere haben einfach nur …« Sie wirbelte mit der Hand in der Luft.

»Ein hübsches Gesicht«, vollendete Evie den Satz.