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Rita, eine scheinbar emanzipierte Frau – trifft auf Genadin, einen Männlichkeitsmann. Der alte Berger – Filialleiter in einem kleinen Supermarkt in Duisburg-Beek – ein Leben in pflichterfüllender Begrenztheit, in Beziehungsunwilligkeit oder Unfähigkeit – bis die Ereigniswoge auch ihn mitreißt. Magisches, Phantastisches, scheinbar Erfundenes des Schreibers, entpuppt sich letztendlich doch als Tiefenrealismus, in vielen Sequenzen als präzise, ja naturalistische Beschreibung. In den Geschichten sind – je nach Betrachtungsweise tragische und komische Figurationen – vielfach aneinander gekettet, ohne die existenzielle Gewalt einer menschlichen Tragödie zu dimmen, zu bagatellisieren. Heimatlosigkeit, Entwurzelung der Protagonisten in persönlichen kulturellen und gesellschaftlichen Dimensionen sind wiederkehrende Themen. Und die Gegenwart ist in jeder Lebenssekunde eingetaucht in immerwährende Beize der Vergangenheit.
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Seitenzahl: 105
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Alexander Siewers
Primitive Kolonien
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Inhaltsverzeichnis
Titel
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
Impressum neobooks
In der großen Stadt im Ruhrgebiet, im Zentrum des Ortsteils M., auf der Königin-Luise-Straße, herrschte reges türkisches Leben. Auf dem Bürgersteig vor einem kleinen Restaurant buk eine junge Frau in anatolischer Tracht Gözleme. An der großen Straßenkreuzung standen – heftig diskutierend, gleichzeitig Zeitung lesend – eine Gruppe ergrauter türkischer Männer. Auf der anderen Straßenseite – wohl an ihrem Stammplatz – sah man die einzigen Deutschen weit und breit. Junge Leute mit alten Gesichtern – Bierdosen in der Hand – schwankten, torkelten, schimpften – hilflos, verbittert. Zwei alte türkischsprechende Männer schüttelten im Vorbeigehen die Köpfe über dieses Bild des Jammers. Junge Frauen in langen schwarzen Mänteln und verhüllten Haaren fuhren ihre Babies in Kinderwagen spazieren. Zwei Polizisten auf Streife bogen um die Ecke. Sie bewegten sich vorsichtig wie Besucher in einem fremden Land. Sie wirkten in Ihren grünen Uniformen wie Komparsen im falschen Film.
Im weiteren Verlauf der Königin-Luise-Straße versandete das Leben mehr und mehr – Langeweile, Ödnis hatten sich eingenistet. – Vernagelte Schaufenster, wenige Menschen auf den Bürgersteigen – ein kleines, muffiges italienisches Cafe ohne Gäste. Das Gesicht der alten Inhaberin so tiefgründig fahl und weiß, das es schon seit Jahrzehnten die Kraft der italienischen Sonne vergessen haben mußte. Zwei türkische Jugendliche hatten sich an die dunkelgraue Hauswand der schon lange geschlossenen „Jägerstube“ gelehnt – mit leeren Gesichtern – und warteten.
In diesem Teil der Straße behauptete sich noch ein kleiner deutscher Lebensmittelmarkt. Hier kauften ausschließlich Deutsche – Margarine und Thunfisch, Zigaretten und schlechten Weißwein – trotz der im Vergleich zu Discountern hohen Preise. An der Kasse saß ein etwa 60jähriger eher kleiner und dünner Mann mit vollem grauen, etwas gelocktem Haar und einer auffällig goldornamentierten Brille auf der spitzen Nase. Er trug einen graublauen Arbeitskittel.
Paul Berger war Filialleiter dieses winzigen Supermarktes und heute alleine. Seine Mitarbeiterin hatte sich krank gemeldet. Nach Geschäftsschluß erledigte er die Kassenabrechnung und pünktlich um 19 Uhr holte der Sicherheitsdienst die Geldbombe mit den Tageseinnahmen ab.
Berger fuhr wie immer mit der Straßenbahn nach Hause und stieg an der Haltestelle vor einer großen wilhelminischen Kirche, die nicht mehr genutzt wurde, aus. Im ehemaligen Pfarrhaus, rechts neben der Kirche, war nun eine Koranschule untergebracht. Links von der Kirche standen zwei alte Häuser aus der Zeit, als dieser Teil der Stadt noch ländlich geprägt war, Fenster und Türen mit Brettern vernagelt. In einer Ecke hatte der Wind einen Berg Müll gesammelt. Das dritte Haus stammte aus derselben Zeit, war aber bewohnt und im Erdgeschoß befand sich ein Spielsalon.
Im nächsten Gebäude, einem nur wenig heruntergekommenen prächtigen Gründerzeitbau, wohnte Berger direkt rechts in der Parterrewohnung. Er kannte im Haus nur seine Nachbarin von gegenüber im Hausflur gut – eine etwa gleichaltrige Witwe – mit der er dann und wann ein Schwätzchen hielt.
In seiner Wohnung hingen an den rauhfasertapezierten weißen Wänden Fotografien, die er an seinen Urlaubsorten geschossen hatte: San Remo 1972 – Split 1985 – Djerba 1999 – Dominikanische Republik 2000. Es waren Landschaften zu sehen, markante Gebäude, größere Menschenansammlungen am Strand. Nie waren einzelne Personen fotografiert – es gab keine Erinnerungsfotos an Freunde, keine Fotos von Berger selbst.
In der winzigen Küche aß er eine rasch aufgewärmte Tomatensuppe, griff sich eine Flasche Bier und ein Glas, ging in sein Wohnzimmer und ließ sich in den mit braunem Cord bezogenen Sessel fallen. Berger war immer Einzelgänger gewesen. Darüberhinaus schien auch sein Sexualtrieb nur wenig ausgeprägt. Eigentlich empfand er sexuelle Begierden als lästiges Übel, als störende Angelegenheit. In den letzten Jahren hatte sich ein Ritual herausgebildet. In Vollmondnächten – und nur dann – schob er eine Pornokassette in den Videorekorder – und befriedigte sich selbst. Mit diesen Handlungen wähnte er seine Schuldigkeit gegenüber den Forderungen der Sexualität erfüllt.
1954 – in einem Pfadfinderlager am Fuße der Wasserkuppe – widerfuhr ihm sein erstes sexuelles Erlebnis – übermannt von einem grobschlächtigen, fetten, in der Erinnerung immer noch brünstig wirkenden, ungeheuerlich schwitzenden, ja stinkenden Pfadfinder. Er dachte nicht oft an die Geschichte, aber wenn er sich daran erinnerte, befiel ihn heute noch Atemnot. Dieser große, dicke Junge hatte sich voller Erregung auf ihn, den dünnen, kleinen gelegt – eine große schwere Masse – und sich abreagiert.
Von 1962 bis 1963 war er verlobt gewesen – mit Monika, einer Kollegin aus dem Kaufhaus, in dem beide in der Lebensmittelabteilung gearbeitet hatten. Berger war damals stolzer Besitzer eines zitronengelben Ford-Taunus mit schwarzem Dach – es gab einige verkrampfte Schmusereien im Auto – ein Austausch von gepreßten Küssen – obwohl Monika immer wieder versucht hatte, tiefer in seinen Mund einzudringen – und einigen zögerlichen Versuchen seinerseits, sie auch in der Schamgegend zu stimulieren, wie er es in einem Aufklärungsbuch gelesen hatte. Bei ihrem letzten Treffen, einem sommerlichen Picknick am nahen Baggerloch, hatte sich Monika mit Hand und Mund – eine mühsame Angelegenheit – bei ihm abgearbeitet. Nach diesem Picknick verschwand Monika plötzlich aus seinem Leben. Wie man hörte, hatte sie sich in die Filiale einer weit entfernten Stadt versetzen lassen.
Von da an nahm Sexualität noch weniger Platz in seinem Leben ein. Auch im Urlaub sah er die Menschen nicht als mögliche Sexualpartner – geschweige denn als mögliche Freunde oder Freundinnen – sondern als bewegliches Interieur von Capri, Split, Djerba oder der Dominikanischen Republik. Als sich an seinen Urlaubsorten der Sextourismus immer mehr ausbreitete, empfand er dies eher als zoologische Attraktion.
Berger war begeisterter Fußballanhänger, doch er wollte sich nicht für einen Lieblingsverein entscheiden, sondern besuchte einmal die Spiele dieses, einmal jenes Bundesligavereins im Ruhrgebiet. In menschengefüllten Fußballstadien war er glücklich. Ihn überkam dort, als Teil der ganzen, bewegten Zuschauermenge, ein wohliges, erregendes Gefühl. Er sah die Fußballspieler in den kurzen Hosen sich abmühen und kämpfen – und fühlte sich an die Gladiatorenfilme seiner Jugendzeit erinnert, die er sehr geliebt hatte.
Seine Eltern besaßen bis Kriegsende eine kleine Landwirtschaft in der Gegend von Insterburg. 1945 flohen sie mit ihm aus Ostpreußen. Andere Familienmitglieder überlebten Krieg und Vertreibung nicht. Bei seiner Geburt war die Mutter 40, der Vater 60 Jahre alt. Die Beziehung zwischen Eltern und Sohn blieb eher spröde als herzlich. Der Vater starb 1964, die Mutter 1975. An Krieg oder Vertreibung erinnerte er sich nicht.
Berger konnte keinen Freund mit Namen nennen, zählte Schulkameraden, Arbeitskollegen, Nachbarn, Pfadfinderkameraden, eine Verlobte. Er spürte keinen Mangel an Freundschaft und Nähe zu anderen Menschen. Nur einmal, mit 14 Jahren, war er in einen Jugendfußballverein eingetreten. Hier hatte er sich wohlgefühlt; das Lachen, Schreien und Herumtollen in der Umkleidekabine, die Gerüche der einzelnen Menschen ihm das Gefühl von Nähe und Geborgenheit gegeben. Es herrschte diese fast hypnotische Atmosphäre in den Duschen mit geschrieenen Witzen und obszönen Bemerkungen, die mit den spezifisch hallenden Geräuschen des spritzenden Wassers von gelblich gekachelten Wänden zurückgeworfen wurden. Er hatte alles in sich aufgesogen.
Es blieb ihm selbst unerklärlich, daß er sich, obwohl ein leidlich guter Verteidiger, nach dem Ablauf von sechs Monaten nicht mehr in dem Fußballverein blicken ließ. Auf Druck seiner Eltern schloß er sich für ein langes Jahr den Pfadfindern an. Hier überwogen Disziplin und Langeweile, er stand zumeist abseits – und es gab das Erlebnis mit der Atemnot. An diesem Abend schaute er sich die Abendnachrichten an und ging dann schlafen.
Der nächste Morgen – altersmildes Blau eines sonnigen Septembersamstages – kraftstrotzend dreist auftrumpfendes Julilicht hatte sich schon längst ergeben, die Sonne trug heute noch aus matt altjüngferlichem Weiß ein spätes Sommerkleid auf schmelzend glühendem Körper, leichtes, zart gesponnenes Gazegewebe der edelsten Sorte – feinfädiger, lose gewirkter durchscheinender Zephir-Musselin.
So wirkte die Sonne in ihrer Konzentration leicht irritiert, in ihrer Ausstrahlung gemäßigt und die morgendlichen Konturen der mit Kunstschiefer gedeckten Turmspitze von St. Ewaldi, die von einer Kugel mit einem leicht schiefen Kreuz gekrönt wurde, über dem noch der wetterwendische Hahn dem Wind folgte, erschienen eine Nuance verschwommener als von der prallen Sommersonne ausgeleuchtet. Doch sonderbarerweise standen im heutigen Licht die Menschen, die Natur und die Dinge kräftiger, sinnlicher, plastischer da als unter den Hochsommerstrahlen, als sei die Aura aller Kreatur und alles nur vermeintlich toten sichtbar geworden – ein sonntäglich feierlicher Umhang gelegt über die rauchenden gelangweilten Jungs, die schon so früh vor der geschlossenen Spielhalle warteten, gelegt über den ansonsten schmächtig mageren, an der Rinde verletzen Lindenbaum, der in Gemeinschaft mit von Hunden arg gequälten Mahonienbüschen, auf dem kleinen Platz hinter der Kirche stand, gelegt über Satellitenschüsseln, und Dächer mit schon leicht bröselnden Dachziegeln.
Und auch die Schattenwelt hatte sich wie immer den Gesetzen des Wandels von den hochstehenden Bedingungen der sommerlichen Mittagsglut den Anforderungen der jetzigen Stunde willfährig untergeordnet. Nur in der Ferne erschien heute das Bild der Landschaft mit den Überlandmasten vor bewaldeten Abraumhügeln des Stadtrandes, mit der Silhouette des alten bauchigen Wasserturms geschwächter als in der Zeit der Sommersonne. Und Zephir, der mit dem sanften lauen Westwind ritt und alle Energien gen Osten vorantrieb, deutete milde aber letztendlich unerbittlich die nächste Verwandlung an.
Berger fuhr mit der Straßenbahn zur Arbeit. Im Supermarkt verlief der Tag ohne besondere Vorkommnisse. Um 13 Uhr rechnete er ab. Die Kollegin war weiterhin krank geschrieben, daher hatte die Gebietsdirektion eine Aushilfe geschickt, Genadin, einen jungen Mann, der als Springer bei dem Lebensmittelkonzern angestellt war und schon des Öfteren in Bergers Filiale ausgeholfen hatte. Genadin arbeitete schnell, zuverlässig und redete nur das notwendige. Vor einigen Jahren war er als Deutschstämmiger aus Moldawien nach Deutschland umgesiedelt und mittlerweile mit einem russlanddeutschen Mädchen verheiratet. Genadin war 26 Jahre alt, eher klein, schlank, drahtig mit aschblonden kurzen Haaren, graugrünen Augen, einem etwas narbigen Gesicht und energischem Auftreten. Er beherrschte die deutsche Sprache beinahe ohne jeglichen Akzent. Während Berger den Supermarkt abschloß, sprach ihn Genadin an und lud ihn unvermittelt und für Berger völlig überraschend zu einem Abendessen für den morgigen Sonntagabend bei Genadin zu Hause ein. Die Einladung war für Berger vollkommen unerklärlich, da sie bisher nicht ein persönliches Wort miteinander gewechselt hatten. Trotzdem nahm er, mehr überrumpelt, die Einladung an und machte sich am Sonntagabend auf den Weg in das Stadtviertel, in dem Genadin mit seiner Frau lebte.
Berger fuhr einige Stationen mit der Straßenbahn, überquerte dann zu Fuß einen mit wenigen Autos beparkten Platz – an dessen Kopfende, unter Efeu fast versteckt, ein Weltkriegsbunker lauerte. Eine Gruppe junger Muslimas tauchte hinter dem Bunker hervor – in elegant verdeckenden Kopftüchern und hochmodischen spitzen Schuhen unter langen, dunklen Röcken – schlenderten sie, zu der Melodie einer Heinohymne, die laut aus dem Radio eines parkenden Autos scholl, über den Platz. Durch jetzt menschenleere ruhige Straßen, nur eine am offenen Fenster rauchende alte Frau hatte ihn mit den Augen ein Stück des Weges begleitet, erreichte Berger die Nachkriegssiedlung mit dreistöckigen beigen Häusern zwischen weitläufigen Rasenflächen, dürftigem Strauchwerk und einem großen Kinderspielplatz.
Die Tür von Genadins Haus war nicht abgeschlossen, er schellte, ging hinauf. Vor der Wohnung in der zweiten Etage erwartete ihn Genadin und bat ihn einzutreten. Am Ende des Korridors stand seine Frau. Ihre weiblichen Formen wirkten in der schmalen Diele noch üppiger und ungewohnt eindringlich auf Berger. Die burgunderrote Schürze – in der Taille straff gebunden – korrespondierte auf seltsam lebhaft widersprüchliche Art mit ihren fuchsrot gelockten Haaren. Sie lächelte Berger schweigend zu, putzte ihre Hände an der Schürze ab und verschwand hinter einer Türe, wahrscheinlich in der Küche.
Und so geschah es Berger, der keine Geselligkeit gewohnt war und außer seinem einsamen Feierabendbier kaum Alkohol trank, daß er nach einigen Gläsern Wodka wie selbstverständlich eine Fischsuppe aß, die er sonst freiwillig nicht zu sich genommen hätte – und mit wachsender Willenlosigkeit verlor sich die Abneigung gegen das fremde Essen zu Gänze.
Genadins Frau, die nur zwischendurch immer neues Essen servierte, um dann wieder in der Küche zu verschwinden, trieb dem Gast mit den Bewegungen des Ein- und Ausatmens ihres Busens, der nur locker gebändigt ihm nahe kam – und mit der Anmut ihrer Hände, die geschickt und schnell zwischen Tellern und Schüsseln hin und her eilten Schweißabsonderungen aus den alten Hautporen, die ihm jetzt wie Tautropfen einer schönen Morgenröte schienen. Er war verzückt von den roten Locken, die in ihr helles schweigendes Gesicht fielen, wenn sie sich über den Tisch beugte.
An diesem Sonntagnachmittag schlugen unvermittelt, jäh, aus scheinbar dürrem Holz, wie unnütze, kräftezehrende Wasserschößlinge aus schlafenden Augen jahrzehntelangen Stillstands, nicht in frischem maigrün, jetzt mit bitteren, gallenähnlichen Zusätzen, rasch ermüdende geile späte, sehr späte Johannistriebe. Wo war die schöpferische Hand, die in der letzten Chance der späten Sommerveredelung die ansonsten nutzlosen Triebe mit den schlafenden Augen zu vermählen suchte, um reicher Ernte willen. Der Gast am Tisch mit seinen Jahren kannte nicht den schweren, süßen Duft des Maienflieders – betörend, verführend.
