Prinz Alberts große Liebe - Heidemarie Berger - E-Book

Prinz Alberts große Liebe E-Book

Heidemarie Berger

0,0

Beschreibung

In der völlig neuen Romanreihe "Fürstenkrone" kommt wirklich jeder auf seine Kosten, sowohl die Leserin der Adelsgeschichten als auch jene, die eigentlich die herzerwärmenden Mami-Storys bevorzugt. Romane aus dem Hochadel, die die Herzen der Leserinnen höherschlagen lassen. Wer möchte nicht wissen, welche geheimen Wünsche die Adelswelt bewegen? Die Leserschaft ist fasziniert und genießt "diese" Wirklichkeit. "Fürstenkrone" ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken. Eilig trippelte Alwine die von wuchtigen Ahornbäumen gesäumte Schlossstraße entlang. Das noch kahle Astwerk der stattlichen Riesen schaukelte im aufkommenden Wind immer heftiger, und die dünnen Zweige streckten sich im Dunkel der anbrechenden Nacht geisterhaft über ihr aus. Das allerdings berührte die alte Alwine kaum. Vielmehr schaute sie ängstlich zum Himmel hinauf, wo sich ein Unwetter zusammenbraute. Hoffentlich komme ich noch im Trocknen nach Hause, bangte sie, und ihre Schritte wurden schneller. Doch die ersten Regentropfen klatschten bereits auf sie hernieder, noch ehe sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte. Bloß gut, dass ich mein Regen­cape mitgenommen habe, dachte sie erleichtert, zog es aus ihrer Handtasche und streifte es, so gut es ihr im Gehen und bei dem fauchenden Wind möglich war, über. Gleich darauf brach ein Unwetter über sie herein, wie man lange keines erlebt hatte: Sturm fegte übers Land, und Regen peitschte hernieder. Dazu flammten grelle Blitze aus allen Richtungen am nachtdunklen Himmel entlang. Sekunden darauf krachte und donnerte es ohren­betäubend laut, woraufhin das alte Weiblein erschrocken aufschrie: »Du lieber Himmel, das ist der Weltuntergang!« Dennoch kämpfte sie sich verbissen vorwärts und versuchte mit zäher Kraft, den unbarmherzigen Naturgewalten zu trotzen. Doch bei jedem Donnerschlag erschrak Alwine, das ehemalige Hausmädchen des Fürstenpaares Hohenstein, aufs Neue. So schnell sie ihre alten Füße trugen, hastete sie über die bereits regenüberspülten Straßen ihrem Heim entgegen. Sie war heilfroh, dass es nur noch wenige Schritte bis zum Schloss waren, wo sie in einem der Nebengebäude drei schöne Zimmer ihr Eigen nannte. Die hatte ihr das Fürstenpaar nach vierzig treuen Dienstjahren zugestanden. Doch da sie sich fürs Nichtstun nicht eignete, half sie weiterhin im Schloss mit, und einige der Arbeiten des Personals geschahen immer noch unter ihrer Aufsicht. Der orkanartige Sturm und der klatschende Regen ließen Alwine nur mühsam vorankommen. Als sie endlich nach Atem ringend und tropfnass das überdachte Nebentor des Schlosses erreicht hatte, musste sie erst einmal verschnaufen. Sie schüttelte die Nässe von ihrem Cape und jammerte: »So ein Unwetter, nein, nein, so arg war's lange nicht.« »Huch!«

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 133

Veröffentlichungsjahr: 2021

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Fürstenkrone – 202 –Prinz Alberts große Liebe

Welches Geheimnis umgibt die süße Melina?

Heidemarie Berger

Eilig trippelte Alwine die von wuchtigen Ahornbäumen gesäumte Schlossstraße entlang. Das noch kahle Astwerk der stattlichen Riesen schaukelte im aufkommenden Wind immer heftiger, und die dünnen Zweige streckten sich im Dunkel der anbrechenden Nacht geisterhaft über ihr aus. Das allerdings berührte die alte Alwine kaum. Vielmehr schaute sie ängstlich zum Himmel hinauf, wo sich ein Unwetter zusammenbraute.

Hoffentlich komme ich noch im Trocknen nach Hause, bangte sie, und ihre Schritte wurden schneller. Doch die ersten Regentropfen klatschten bereits auf sie hernieder, noch ehe sie den Gedanken zu Ende gedacht hatte.

Bloß gut, dass ich mein Regen­cape mitgenommen habe, dachte sie erleichtert, zog es aus ihrer Handtasche und streifte es, so gut es ihr im Gehen und bei dem fauchenden Wind möglich war, über.

Gleich darauf brach ein Unwetter über sie herein, wie man lange keines erlebt hatte: Sturm fegte übers Land, und Regen peitschte hernieder. Dazu flammten grelle Blitze aus allen Richtungen am nachtdunklen Himmel entlang. Sekunden darauf krachte und donnerte es ohren­betäubend laut, woraufhin das alte Weiblein erschrocken aufschrie: »Du lieber Himmel, das ist der Weltuntergang!« Dennoch kämpfte sie sich verbissen vorwärts und versuchte mit zäher Kraft, den unbarmherzigen Naturgewalten zu trotzen.

Doch bei jedem Donnerschlag erschrak Alwine, das ehemalige Hausmädchen des Fürstenpaares Hohenstein, aufs Neue. So schnell sie ihre alten Füße trugen, hastete sie über die bereits regenüberspülten Straßen ihrem Heim entgegen. Sie war heilfroh, dass es nur noch wenige Schritte bis zum Schloss waren, wo sie in einem der Nebengebäude drei schöne Zimmer ihr Eigen nannte. Die hatte ihr das Fürstenpaar nach vierzig treuen Dienstjahren zugestanden. Doch da sie sich fürs Nichtstun nicht eignete, half sie weiterhin im Schloss mit, und einige der Arbeiten des Personals geschahen immer noch unter ihrer Aufsicht.

Der orkanartige Sturm und der klatschende Regen ließen Alwine nur mühsam vorankommen. Als sie endlich nach Atem ringend und tropfnass das überdachte Nebentor des Schlosses erreicht hatte, musste sie erst einmal verschnaufen.

Sie schüttelte die Nässe von ihrem Cape und jammerte: »So ein Unwetter, nein, nein, so arg war’s lange nicht.«

»Huch!« Was war denn das? Im Dunkel der Nacht und der nur spärlichen Beleuchtung der Nebenpforte war Alwine gegen etwas gestoßen, das sie erneut in Schrecken versetzte. Mit zittriger Hand wischte sie das Nass aus ihren Augen. Eine Gestalt, die am Gatter lehnte! Erschrocken wich Alwine zurück. Sie wollte davonlaufen und den herrschaftlichen Eingang benutzen, zu dem sie ebenfalls einen Schlüssel besaß. Doch gleich darauf stutzte sie. Im matten Schein der Notlichtbeleuchtung erkannte sie beim näheren Hinsehen ein junges Mädchen, welches sie verschreckt und völlig durchnässt flehend anschaute. Kurz entschlossen griff sie nach dem Arm des jungen Mädchens: »Um Himmels willen, Kind! Was machst du denn bei diesem Wetter hier draußen! Hat dich das Unwetter auch überrascht, und du wolltest hier Schutz suchen? Anders kann es wohl kaum gewesen sein.«

Sie wartete keine Antwort ab, zu der die Fremde ohnehin nicht fähig gewesen wäre, sie schlotterte am ganzen Körper.

Mit all ihrer verbliebenen Kraft zog Alwine das Mädchen mit sich fort.

»Komm erst mal mit! Du schaust ja aus wie eine gebadete Maus. Bist ja völlig durchnässt. Erkälten wirst du dich, und dir gar noch eine Lungenentzündung holen«, eiferte Alwine aufgeregt vor sich hin.

Mit zittriger Hand schloss sie das eiserne Gatter auf. Mit der anderen drängte sie das völlig verängstigte Mädchen in den Schlosshof hinein. Wie in Trance folgte sie der alten Frau, die aufgeregt zu einem der Nebengebäude hintrippelte.

In der gemütlich warmen Wohnung angekommen, zog Alwine das Mädchen mit letzter Kraft in die kleine Küche hinein. Das Atmen fiel ihr schwer, so groß war für sie die Anstrengung gewesen. Mit der einen Hand hielt sie ihren Schützling fest, während sie mit der anderen das Licht anschaltete.

»Komm, hock dich hier hin«, keuchte Alwine. »Du triefst ja vor Nässe. Und zittern tust du wie Espenlaub. Aber glaub mir, Mädel. Mir geht es nicht anders. Kein Wunder aber auch. Bei diesem Wetter jagt man keinen Hund auf die Straße. Ich möchte bloß wissen, was dich in den Abendstunden hierhergetrieben hat«, redete sie vor sich hin und schob dem Mädchen in der Küche einen Stuhl hin. Zaghaft, immer noch verstört, setzte sie sich nieder.

Erst jetzt zog Alwine ihr vor Nässe triefendes Cape und ihren Mantel aus und entledigte sich ihrer durchweichten Schuhe. Dann kümmerte sie sich beflissen um die Fremde, welche sie neben dem Herd platziert hatte.

»Was machen wir denn nur mit dir?« Ratlos schaute sie auf das Mädchen, das ängstlich zu ihr hinblickte und vor lauter Beben immer noch kein Wort hervorbrachte. Dennoch beobachtete sie jede Bewegung der alten Frau mit großen Augen.

Es war April, und die Tage und Nächte waren derzeit noch kalt. Umso verwunderlicher war es, dass zu dieser Jahreszeit bereits ein so heftiges Gewitter niedergegangen war. Aber das Wetter spielte in den letzten Jahren ohnehin immer mal wieder verrückt.

»Erst einmal musst du die nassen Sachen ausziehen. Ich hol dir meinen Bademantel. Den kannst du anziehen. Ich habe ihn erst frisch gewaschen«, murmelte Alwine vor sich hin und ließ das Mädchen allein. Doch als sie mit dem Bademantel zurück in die Küche kam, hatte ihr Schützling das Bewusstsein verloren. Zusammengesunken saß sie auf dem Stuhl und drohte jeden Moment herunterzurutschen.

»Gütiger Himmel! Was soll ich bloß tun? Was soll ich bloß tun?«, jammerte Alwine händeringend und richtete das Mädchen auf. »So ein zartes Persönchen.« Mit bebenden Händen zog sie ihr schließlich die nasse Kleidung vom Leib und hüllte sie in ihren flauschigen Bademantel ein. Dann rubbelte sie das nasse Haar und das Gesicht trocken. Mit großer Anstrengung brachte sie die Fremde schließlich ins Schlafzimmer in ihr Bett und deckte sie mit ihrer dicken Bettdecke zu.

Völlig erschöpft von der ungewohnten Anstrengung setzte sich Alwine auf den Rand des Bettes und betrachtete voller Sorge den fast leblosen Körper des Mädchens. Gern hätte sie ihr etwas Heißes zu trinken gegeben, um sie von innen heraus aufzuwärmen. Aber die Fremde schien noch immer ohne Bewusstsein zu sein.

Beruhigt stellte Alwine fest, dass wenigstens der Atem regelmäßig ging, so weit sie es beurteilen konnte.

Alwine dachte weder daran, dass die Unbekannte eine Diebin hätte sein können, noch an andere Gefahren, die eine Fremde hätte mit sich bringen können. Sie hatte lediglich erkannt, hier brauchte jemand ihre Hilfe. Und nur das zählte für sie.

Nach einer Weile tapste Alwine in die Küche zurück, wo die nassen Sachen der Fremden verstreut umherlagen. Alwine hob sie auf und hängte sie ordentlich über zwei Stühle, die sie zum Trocknen vor den Ofen stellte. Sie legte noch rasch zwei Scheite Holz auf, wobei die Flammen hell aufloderten und um die Scheite züngelten. Alwines Gesicht glühte von der Wärme, die vom Ofen her strahlte, und auch von der Aufregung der vergangenen Stunde. Angestrengt überlegte sie nun, was sie tun sollte: Einen Arzt rufen? Oder sollte sie doch lieber erst einmal abwarten. Vielleicht erwachte das Mädel bald wieder, und es ging ihr besser.

Als sie das letzte Kleidungsstück der Fremden, einen ziemlich dünnen Mantel, in ihre Hände nahm, entdeckte sie einen Fetzen Papier, der aus der Manteltasche ragte. Sie zog ihn heraus und erkannte einen Briefumschlag, der vom Regen ziemlich durchweicht worden war.

»Na so etwas«, wunderte sie sich und legte den Brief auf die Anrichte. Rasch holte sie einen Kleiderbügel aus dem Schlafzimmer, nicht ohne einen besorgten Blick auf das Mädel zu werfen, welches nun tief und fest schlief, was ein leichter Schnarchton verriet. Erleichtert atmete Alwine auf.

In der Küche hängte sie den ­Mantel des Mädels auf einen Bügel zum Trocknen an den Wirtschaftsschrank. Erneut nahm sie den unbeschriebenen Briefumschlag in ihre Hand und betrachtete ihn von allen Seiten.

Wer weiß, was das für ein Papier ist, dachte sie, glättete den Umschlag und legte ihn auf den Stuhl vor dem Ofen, damit auch er trocknen sollte.

Gleich darauf brühte sie einen Kräutertee für sich. Doch immer wieder glitt ihr Blick zu diesem Brief hin. Allmählich erwachte die Neugier in ihr. Gar zu gern hätte sie gewusst, was in diesem Brief geschrieben stand. Doch ihre Erziehung verbot es, sich fremdes Eigentum anzueignen oder gar Briefe, die nicht für sie bestimmt waren, zu öffnen.

Aber vielleicht erfahre ich beim Öffnen des Briefes, wer dieses Mädel ist?, versuchte sie ihre unbändige Neugier zu entschuldigen. Denn es interessierte sie schon, was die Fremde in den Abendstunden hierhergetrieben hatte, wo weit und breit kein anderes Haus zu finden war.

Unentschlossen setzte sie sich an den Küchentisch und schlürfte ihren Tee, der angenehm warm durch ihren Körper rieselte. Dabei strich sie ihr ergrautes Haar aus dem Gesicht, welches sich in der Hektik aus ihrer ansonsten sehr sorgsam gekämmten Frisur gelöst hatte. Doch der Brief auf dem Stuhl zog immer wieder magisch ihren Blick an.

Unruhig stand sie auf und ging erneut hinüber ins Schlafzimmer, um nach dem Mädchen zu schauen. Es schlief, und der Atem ging regelmäßig.

»Schlaf, mein Mädel. Hoffentlich hast du dir keine Erkältung geholt«, flüsterte Alwine besorgt und schloss die Tür leise von außen.

Möchte bloß wissen, was die Kleine so spät am Abend in dieser Gegend zu suchen hatte, fragte sie sich immer wieder. Wie eine Diebin oder gar Landstreicherin sah sie nicht aus. Aber wie sollte man wissen, was in einem Menschen steckte. Vorsichtig wollte sie trotzdem sein.

Immer noch grübelnd bereitete Alwine ihr Nachtlager in der Küche auf der dort stehenden Sitzbank. Noch einmal wendete sie die Sachen des Mädchens, welche sie über die Stuhllehne zum Trocknen gelegt hatte. Der dabei entstandene Luftzug wehte den inzwischen getrockneten Brief zu Boden. Und siehe da: Durch die Nässe hatte sich der Umschlag ein wenig geöffnet. Und das allzu rasche Trocknen vor dem Ofen, in dem das Feuer immer noch hell loderte, hatte das Übrige dazugetan. So war es für Alwine nun ein Leichtes, den Brief vollends zu öffnen und das beschriebene Blatt darin herauszuholen.

Vor Aufregung, etwas Verbotenes zu tun, zitterten ihre Hände. Interessiert wollte sie die geschriebenen Zeilen lesen. Doch die zierlich kleinen Buchstaben tanzten vor ihren Augen. Fahrig suchte sie nach ihrer Brille. Als sie das Augenglas endlich gefunden hatte, griff sie erneut nach dem Brief.

Zeile für Zeile las sie nun mit halblauter Stimme, und ihre Augen wurden dabei immer größer. Was hier geschrieben stand, erschien ihr allzu unwahrscheinlich. Und als sie das Schreiben studiert hatte, begann sie es noch einmal von vorn zu lesen, so fassungslos war sie über den Inhalt.

Bloß gut, dass ich diesen Brief geöffnet habe und nun den Inhalt kenne, dachte sie. Wenn es der Wahrheit entsprach, was auf diesem Papier geschrieben stand, ja dann … Sie durfte den Gedanken nicht zu Ende denken. Auf jeden Fall war das Mädchen hier am Fürstenhof in Gefahr. Zumindest erwartete es nichts Gutes. Dafür würde die herrschsüchtige Fürstin schon sorgen. Du meine Güte, was sollte sie nur tun! Vielmehr, was konnte sie tun, um von diesem unschuldigen Mädchen drohendes Unheil abzuwenden?

Unschlüssig schaute Alwine zur Tür ihres Schlafzimmers. Hastig steckte sie das Schriftstück in den Briefumschlag zurück und verschloss ihn mit einem Klebestift, den sie aufgeregt aus der Schublade gekramt hatte. Dann legte sie den Brief wieder auf den Stuhl zurück.

Noch einmal trippelte sie nervös zum Schlafzimmer und drückte vorsichtig die Türklinke herunter. Gott sei Dank. Das Mädchen schlief immer noch ruhig.

Alwine trat näher an das Bett heran und betrachtete die Fremde genauer. Ihre Wangen waren leicht gerötet. Wie es schien, war das Leben in den schlanken Körper zurückgekehrt. Das blonde lockige Haar war inzwischen vollends getrocknet und ringelte sich um das zarte, feingliedrige Gesicht. Ja, wenn es sich Alwine so recht überlegte, zeugten die Gesichtszüge tatsächlich von einer edlen Herkunft.

Wie ein Engel liegt sie in meinem Bett, dachte sie. Und wie ein Kind schaute das Mädel aus. Dabei sollte sie schon 24 Jahre alt sein. Andächtig lange betrachtete Alwine die Schlafende.

Der Inhalt des Briefes erschien Alwine immer noch unglaublich. Ob die Mutter des Mädels gelogen hatte? Wer konnte das wissen. Aber keinesfalls wollte sie sich ein falsches Urteil erlauben. Jedenfalls war ihr klar: Wenn der Brief in die falschen Hände kam, nahm es für das Mädel kein gutes Ende. Sie, Alwine, kannte ja die Fürstin, zu der sie in all den vielen Jahren, in denen sie hier arbeitete, nie richtigen Kontakt gefunden hatte. Mit den Dienstboten redete Ihre Durchlaucht nur das Nötigste. Und meist in einem Befehlston, der einen frieren ließ. Wie ganz anders verhielt sich dagegen der Fürst. Fast immer fand er ein freundliches Wort, wenn er mit ihr oder auch den anderen Bediensteten redete. Wie Feuer und Wasser erschien Alwine das fürstliche Ehepaar. Sie konnte bis heute nicht verstehen, wieso ihr Fürst eine so kaltherzige Frau geheiratet hatte.

Jedenfalls nahm sie sich vor, das Mädchen vor der Fürstin zu schützen. Noch dazu, wo es von so weit hergekommen war, wie sie dem Brief entnommen hatte.

Als Alwine am nächsten Morgen erwachte, schnupperte sie. Hmm, roch das gut! Nach frisch gebrühtem Kaffee und aufgebackenen Brötchen. Noch schläfrig versuchte sie, ihre Augen zu öffnen. Das fiel ihr schwer, denn sie war erst spät in der Nacht zur Ruhe gekommen und eingeschlafen.

»Ich habe den Tisch schon gedeckt«, hörte sie eine freundliche Mädchenstimme mit einem leichten Akzent sagen. Sofort war Alwine hellwach, und die Geschehnisse vom letzten Abend standen wieder deutlich vor ihren Augen.

»Ja, das ist aber eine Überraschung gleich zum frühen Morgen!« Alwine staunte tatsächlich: Der Tisch war gedeckt, und ein gesundes, freundliches Mädchen lächelte sie ein wenig schüchtern an.

»Ein kleines Dankeschön dafür, weil Sie mich gestern Abend vor dem Erfrieren gerettet haben.«

Genüsslich atmete Alwine den Kaffeeduft. »So schlimm war’s nun auch wiederum nicht«, meinte sie. »Außerdem war es doch selbstverständlich. Bei diesem Wetter hätte man ja keinen Hund da draußen gelassen – und ein nettes Mädel erst recht nicht.«

»Dafür möchte ich mich noch einmal ganz herzlich bedanken.«

Langsam richtete sich Alwine auf: »Ach was, das hätte doch ein jeder getan.«

Das Mädchen starrte die alte Frau an. Wusste sie nicht, dass das, was sie getan hatte, keineswegs selbstverständlich war? »Ich habe im Dorf ein kleines Zimmer gemietet«, erklärte sie. »Und mein Ziel in den gestrigen Abendstunden war dieses Schloss. Dabei wurde ich von dem Unwetter überrascht. Ich hoffe, Sie sind mir nicht böse, weil ich mich in Ihrer Wohnung ein wenig nützlich gemacht habe.«

»Aber ganz und gar nicht. Ich könnte mich daran gewöhnen, so liebevoll geweckt zu werden«, schmunzelte Alwine. Sie war heilfroh, das Mädchen putzmunter zu sehen. Und wie sie hörte, sprach sie sogar ein einwandfreies Deutsch, obwohl sie Griechin war, so wie es in diesem Brief stand …

»Ich gieße Ihnen gleich den Kaffee ein«, redete das Mädchen weiter. Dann wollte sie Alwine beim Aufstehen helfen.

Doch die wehrte entschieden ab: »So alt bin ich nun auch wiederum mit meinen fünfundsiebzig Jahren nicht«, protestierte Alwine, aber verzog gleich darauf vor Schmerz das Gesicht. »Das Kreuz will halt nicht mehr so richtig«, lächelte sie verlegen, als das Mädchen sie fragend ansah. So ließ sie sich bedienen und schaute ihrem Schützling prüfend zu. Dabei hatte sie nichts zu beanstanden. Im Gegenteil. Das Mädchen hantierte wie selbstverständlich und schaute noch freundlich drein. So verwöhnt worden war Alwine selten in ihrem langen Leben. Erst als sich das Mädchen zu ihr setzte, fragte Alwine: »Ich will ja nicht neugierig sein. Aber ich hätte schon gern gewusst, wer du bist, woher du kommst und vor allen Dingen: Was du gestern zu dieser späten Stunde vor dem Tor des Schlosshofes gesucht hast.«

Das Mädchen schaute erschrocken: »Oh, entschuldigen Sie! Ich habe Ihnen ja noch nicht einmal meinen Namen genannt. Das tut mir leid. Aber ich wollte …«

»Ist schon gut, Kind! Du sprichst mit einem etwas fremden Akzent. Von woher kommst du? Und was hat dich hierherverschlagen?« Obwohl Alwine wusste, dass das Mädchen aus Griechenland kam, stellte sie sich unwissend.