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Schattenbaum, eine vertraute und doch fremde Zeit. Von den Anfängen eines neuen Kapitels. Die Augen für Alternativen weit geöffnet. 1966 erklärt Professor Lefay in der Tagesschau, dass circa ein Drittel der Einwohner Düsseldorfs wie Ratten untertags leben. Ein Schock? Ehrlich? Wann fängt es an, dass man Obdachlose in »Hasen« umtauft und mit städtischer Vollmacht jagen geht? 1976. Fürst vonKorben bedroht Franzens Freunde und entsendet einen Wirbelsturm nach Ilverich. Franzens Heimat-Dörfchen ist seit nunmehr sechs Jahren in die Schutzzone Meerbuschs integriert. Er selbst lebt in der Bergischen Kaserne, umsäumt von hohen Betonwänden und Wachtürmen. »Fastensex«, nennt Perseus die Phase, in der Franzen versucht, in den Rheinlabyrinthen zu ertrinken. Aber er lernt nur, unter Wasser zu atmen ...
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Seitenzahl: 758
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Schattenbaum, eine vertraute und doch fremde Zeit.
Danke an all jene, die mich inspirieren, mich unterstützen und auf meinem spannenden Weg durch eine jahrtausendealte Fantasiewelt der Fragen und Antworten allen Seins begleiten.
Achtung: Die Geschichte beleuchtet unter anderem Abgründe, die auf zartere Gemüter verstörend wirken können.
Zwischen Wandelwelten 1
Falkengau-Thal
Bären, die keine Bären sind
Altervesten
Im dreizehnten Jahr
Herr Fremersberg gegenüber
Nebel zieht durch die Straßen
Und der Teufel tanzt in der Nacht
Rechtsprechung heute
Heldenbruchkanten
Der Zukunft beraubt
Dunanui verschwägert mit Camelot
Germanicus am Rhein
Liebhaber der Haselmaus
Der stille Lehrstuhl Lefay
Symbolismus unterm Schattenbaum
Trauerarbeit
Schloss Engelsruh
Lemminge und Lefays
Andrea-Bex Schaumburg: Vom Ist der Bäume.
Enkelkinder
Familiensinn
Bekenntnisse
Der lange Atem unter den Wassern
Meworry pissed off
Stärke, haltlos geworden, zerfließt
Das Land mit neuen Streifen
Und dann folgt der Sand
Primzahlen rutschen durch
Fauvel und die Möglichkeit
Die Mär vom fahlgelben Fauvel
Der fünfte Sohn
Anhänge
Herzliche Bitte um Rezension
Eloysa-Blau – Kartenspiel der Götter
Yggdrasil – Weltenbaum, Bündnisse & essenzielle Bewegungen
Ljossalfheim – Götterhimmel – Welt der Vakuda/Flammenhüter
Helheim – Dreigeteilte Welt, Vorderwelt/Zwischendrin/Hinterwelt
Niflheim – Welt des ewigen Eises im Nordmeer, Eiswolken/Charyques/Bloonies
Muspelheim – Welt des ewigen Feuers, Düsterwinde/Xandews/Schwarzbären
Shijtarrheim – Vieleweltenwelt/Tiyrs, Lokis Bollwerk der Toleranz, Wacht über die Welten
Midgard – Natur, magiefrei, mittels Schutzzäunen abgeriegelt
Mithrasheim – Schattentäler der Gürtler|alHizam, Leben-Tod-Bund Aldebarans
Binheim – Siechenhaus für Tote ab 14.Jhd von Frey Moeller, Bienenarmee
Neues Deutsches Heer (NDH) – ab 12.04.1965, Europäische Bündnisse, Verwaltung Frankfurt
Grüntalheim – ab 06|1968 Grenzzaun-freie, friedliebende Anderswelt ›sei, wer du bist‹
Goldener Turm – ab 12|1972 Hauptquartier des Königs der letzten Tage
Sternenpark – Autarke Schutzzone, Schröderberg, Sofienpavillon 1, BB
Xena Falkenbourg, geboren 1969, am Tag der Erde im nordbadischen Rastatt, war schon als Kind mit der Fantasie eng verbunden. Mit geschlossenen Augen zu sehen? Bunte Lichter, vor dir tanzend? Zu erfühlen, was andere nur ertasten? Tiefer blicken? Nachspüren? Wunderbar, Eiswinde oder Gischt auf der Haut? Im Schwarzwald, in der Pfalz, an der Murg und am Rhein, überall kann die Luft salzig schmecken. Sie liebte Erzählungen über Fabelwesen, Mensch und Tier, mystisch wie unergründlich. Das geschriebene Wort in jedem greifbaren Buch wurde erkundet, gehortet in ihrem Versteck. In der Nacht zückte sie die Taschenlampe, zog die Decke über den Kopf und versank in anderen Welten. Sie bleibt ein kreativer Kopf, der Bücher über alles liebt. Inspirationen? Farbigkeit, Kontraste oder rein banale Trivialität? Egal, der Blütenteppich breitet sich aus und das Abenteuer nimmt seinen Lauf. Das Leben, im Zufall geboren, erzeugt täglich neue Blickwinkel und Abzweige. Stichworte wie Unlogik, Parallelität, Zufall, Schicksal, Verknüpfungen, Kontrapunkte, sowie Klatsch, Tratsch und Ammenmär, verwoben, mit Kneipen- und Küchentisch-Philosophie paaren sich ungeniert und kreieren die Otto-Normale-Welt. Resultierende Gedichte, Ideen, Stichworte werden sorgsam notiert. Sie ist niemals allein, lebt inmitten ihrer Fantasie, streichelt und liebt ihre Geschöpfe und fürchtet zuweilen deren Eigendynamik. Mit ihrer Fantasydrama-Serie »Schattenbaum, eine vertraute und doch fremde Zeit« stellt sie ihre Form und Interpretation der urbanen Fantasyliteratur vor. Ein Drama mit starker Romantasy-Färbung, Lichtspielereien und Genderthematik – wer bin ich – im Fokus, das sich nach Freiheit und Chancengleichheit verzehrt und an das Miteinander appelliert. Die Geschichte basiert auf dem Was-Wäre-Wenn-Prinzip, integriert nicht zuletzt die fränkische Dürer-Komponente und wandert indessen ungehemmt zwischen fränkischen, badischen, schwäbischen und nochmals anderen mittleren Bergen hin und her und zweigt gelegentlich in die höheren Berge ab. Naturverbundenheit, gepaart mit ungezügelter Denkweise, Intuition sowie Empathie und Toleranzbereitschaft, verankern sich mit fantasievoller Wesensart und Kultur in realer Zeitgeschichte. Uralte, tief schlafende Magie wird wirksam wachgerüttelt und schüttet ungeahnte Attitüde und Bräuche über Eurasien und Afrika aus. Im Blickfeld Europa, Nordafrika und Naher Osten, im Zentrum Baden-Baden und Umgebung. Der Hauptteil der Geschichte spielt im letzten Jahrhundert, mit Rückblicken bis zurück in die Eiszeit. https://schattenbaum.eu
Von den Anfängen eines neuen Kapitels. Die Augen für Alternativen weit geöffnet.
„Das ist das Bizarrste, das ich mir jemals vorzustellen, gönnen wollte. Glaube mir das bitte, ich verfüge für gewöhnlich über reiflich Fantasie. Und gelte als anpassungsbereit.“ Äußert der junge Mann neben dem baumhohen Schwarzbären. In ihrer blühenden Streublumenwiese sitzend, mit dem Rücken zum Menschendorf, das sie umgibt. »Gebäude oder Garten?«, klanglos, nonverbal, die nüchterne Gegenfrage. „Keine Ahnung? Menno, einfach beides.“ Im Menschenland ist es bitterkalt. Mit Raureif am Morgen und flauschigen Dunstschwaden von jeglicher Wärmequelle ausgelöst, die sich zufällig ergibt. Ein simpler Sonnenstrahl oder ein Hundebesitzer mit kläffendem Wuffi an der Leine, der einem Feldhasen nachjagen möchte? Ihr eigenes Areal übermittelt hingegen angenehme zwanzig Grad, weshalb Lobo nur ein einfaches Shirt trägt. Wie Baumert. Und was betrachten sie? Einen majestätischen Palastbau, kostümiert, wie eine typische mittelhohe altägyptische Pyramide. Der primär monströs, wie er dasteht, jegliche Harmonie erschlägt. Und reine Farce ist, laut Gesichtsausdruck: »Nein! Das ist Murks!« Es klingt nicht belustigt, worauf Baumert insgeheim gehofft hat? Aber dem jungen Mann ist nicht nach Lachen zumute. Schon verständlich, bei allem, was passiert? Und jetzt muss er das hier ertragen? Zwei Gärten direkt nebeneinanderliegend, jedoch entwicklungstechnisch gute drei Monate voneinander entfernt? Optisch, aneinandergeschmiegt, kann es leicht passieren, dass die Grenzlinie geringfügig verrutscht. Wie? Oh, das widert Lobo ehrlich an. Dorfbewohner erwischen dann eine ihrer Blüten und rätseln stundenlang, wie sie bereits so weit entwickelt sein kann? Baumert reicht ihm aus der hohlen Hand ein Schälchen mit Löffel. „Woher hast du das jetzt wieder gezaubert? Seit wir zurück sind, willst du es mir aber pausenlos beweisen?“ Lobo grinst versöhnlich. Wo es hier noch vor drei Tagen nichts zu essen gab? In einem betitelten Gasthof? Mit reichlich Anwohnerschaft? Es war jedenfalls für einen geöffneten Betrieb eher doch ungewöhnlich. Murphys ›Herberge‹, wie Baumert den ›Koloss von Thal‹ nennt, um anderes beschwingt unter den Teppich zu kehren, beherbergt ehemalige ›Streunerbuben‹. Sprachlich angelehnt an die menschliche Jugendherberge, wo Gowinnyjen eh allesamt wie Jugendliche aussehen? Ergo, auch keine mangelnde Heimat gemeint, sondern bezogen auf das allseits verbreitete gowinnysche Herumstromern, weil man sich nirgendwo willkommen genug wähnt, es drauf ankommen lassen zu wollen. Eine Rastlosigkeit – angefühlt wie lästiges Ungeziefer im Unterholz – befällt die Westvesten seit einiger Zeit, die allesamt inmitten der Menschenhochburgen stehen. Eine verstörende Welle, die sich über das alte Europa ausschüttet und es innerlich aufzufressen droht? Betroffene Städte sind derweil emsig mit dem Aufschwung beschäftigt, finden keine Zeit, etwas Wunderliches wahrzunehmen. Derweil demontiert sich der demokratische Grundgedanke und erschlägt darin verankerte Gerechtigkeit. Mitgefühl wird zunehmend irrelevanter. Murphy fängt gleich in der ersten gemeinsamen Woche mit Baumert an, im großen Stil unter den gowinnyschen Herumtreibern aufzuräumen. Jene nach Hause zu beordern, die aus seiner Sicht nach dorthin gehören, weil sie schmerzlich vermisst werden und andere derweise am künftigen Falkengau-Thal anzubinden. Als würden sie ab da von einem Rudel junger Wölfe verfolgt? Oh nein, viel eher, als würden verspielte Welpen um sie herumspringen und zum Gunstbeweis fleißig Stöckchen tragen? Ja, Hoffnung keimt wieder auf. Und dann entscheidet Murphy kurzerhand, im winzigsten Dörfchen, das sich auf die Schnelle finden lässt, Thal bei Gummersbach, seinen Palast einzufügen. Für den es schon ganz konkrete Baupläne gibt. Als habe er die bereits seit Jahrzehnten für diesen Moment ausgearbeitet? Lobo mischt sich in Baumerts Gedankenwelt, „du hast euch anfangs beschrieben, dass ich das Bild eines Wanderzirkus nicht mehr loswerde? Jongleure, die ihre Hände nicht ruhig halten können, immerzu etwas trainieren müssen? Mit Bällen? Tannenzapfen? Feuerholz? Fingerübungen mit Münzen und Messern, wie es auch bei LET-Anhängern weitverbreitet ist? Ihr müsstet euch eng verbunden fühlen?“ Er wackelt provozierend mit den Zehen, will nicht nur bloßen Wildwuchs, sondern Fakten erkennen; wo der Fuchs friedlich neben dem Dachs wohnt? Wo die Eule einzieht und welchen Abstand sie zum Specht hält? Dann die schüchterne Anfrage der Biber: „Sind auch wir willkommen?“
Der Koloss von Thal? Für Lobos Augen wirkt er, als würde er kilometerweit in den Himmel hinauf ragen, was nicht ist, denn dann müsste er wenigstens doch einen Kilometer in der Breite nach rechts und links ausufern, was er nicht tut. Deshalb ist es Murks. Es gaukelt nur vor, projiziert Fantasiegestalten, ist nichts davon, nur Prahlerei! Wobei er dem Bijix niemals solche harten Worte an den Schädel werfen wollte. Nein, deshalb wirkt er unzufrieden. Sein Krankenzimmer lag so, dass er den Dorfanger einsehen konnte. Und dann dibbelte dort ein vielleicht siebenjähriges Mädchen auf ihren kleinen, munteren Füßen, solange sie sich unter den alten Bäumen unterhielt und Lobo zeigten sich verschiedene Perspektiven auf ihre Innenansicht! Freigelegte Lungenflügel? Ihm wird bei dieser Erinnerung noch immer übel. Ihr Herz? Wie es fleißig pumpt? Und ihn damit Stück um Stück wieder beruhigt bekommt – es ist offensichtlich pumperlgsund. Jetzt muss er fast darüber lächeln. Die Menschenwelt umgibt sie nicht nur, sie stecken mittig drin fest. Aber das Absurdeste ist, dass sie dennoch eine andere Jahreszeit genießen können? Und niemals bemerkt werden? Und dazu der Umstand, dass sie in dieses Dorf größentechnisch gar nicht reinpassen! Die Bodenfläche des Dorfs dürfte nur gut zehn Prozent ihrer eigenen Bodennutzungsfläche umfassen? Wie geht das? Mathematische Logik? Die kann doch keiner einfach so verknoten? Doch, anscheinend schon. Genauso, wie man Fenster optisch verschwinden lassen kann, denn hier ist nichts erkennbar, als alter, Krisen-geschüttelter Stein, wenigstens zehntausend Jahre marodiert. Risse ohne Ende, tiefe Furchen, in denen ganze Armeen von Krabbelviechern Unterschlupf finden sollten? Schon darum ist es so absurd, seine nackten Zehenspitzen gegen dieses alte Höllengestell strecken zu wollen? Autsch! Dann diese Perspektiven-Pfuscherei? Von wegen kilometerweit in den Himmel ragen? Rechts und links? Das sind maximal dreihundert Meter? Oder nochmals weniger? Nur zweihundertsiebzig? Nein, weniger, nur knappe einhundertzwanzig? Der blanke Witz? Ein Kasperletheater und sogleich kommt der erboste Polizist herbeigeeilt? Aber der kommt hier niemals an, wenigstens nicht im inneren Kern. Und warum wirkt diese Treppe nach oben so mächtig? Sie suggeriert ihm, eine komplette Armee könne da blitzartig hochstürmen und verschwinden? Das Eingangsportal liegt weit oberhalb. Die Treppe, mit tiefen, flachen Stufen und flackernden seitlichen Feuern, um die Schlangen herumzüngeln, müsste mindestens dreihundert Meter in die Tiefe reichen, derartig hoch aufsteigen zu können? Aber so weit sitzen sie vom Gebäudekomplex gar nicht entfernt? Das Portal, ja, das liegt gut im fünften oder sechsten Stockwerk. Die hohe Zarge der Pforte dürfte wiederum den zehnten Stock berühren? Er kennt es von innen, ist bis hinauf in die allerhöchste Etage gestiegen und hat von jeder Einzelnen den sensationellen Blick auf die Welt genossen. Oha, es fühlte sich fantastisch an, als wäre er im Inneren eines himmlischen Turms bis hinauf zum allerhöchsten Dach der Welt geklettert? Frau Holle über den Wolken zu besuchen? Unzählige tausend Meter in die Höhe Treppenstufen erklimmen? Sollte muskulär heftige Reaktionen auslösen? Mal ganz abgesehen von der Zeit, die es benötigen würde? Grotesk, solche Fantasieburg in ein Winzigdorf einzufügen? Aber ja, Murphy liebt wie Emma und er bunte Comics. Von Micky Maus-Heftchen über Superman, Tim & Struppi, Spirou & Fantasio zu Asterix & Obelix – daher muss es rühren? Er schmunzelt bei der Erinnerung an sein allererstes Aufklärungsgespräch mit ihm. „Warum heißt dein Gasthof eigentlich ›Oberbergischer Falkengau-Thal‹? Logisch betrachtet, müsste er doch korrekt ›Oberbergisches Falkengau-Thal‹ heißen?“ Riesenaugen gucken zurück, „ein Gott ist für dich ein »Es«? Für mich ist er ein »Er«.“ Lobo überrascht, „ein Gott? Ich dachte, dieser Winzlings-Ort heißt Thal? Und das hier ist eine richtige Speisewirtschaft? Halt vom Baustil etwas Ägyptisch animiert? Damit würde sich normal der Name von Tal ableiten? Ergo Senke? Und ein Tal ist sächlich, also ein »Es«, die Senke wäre eine »Sie«, wenn du so willst und ›Falkengau‹ als Begrifflichkeit ist für mein Verständnis ebenfalls ein »Es«? Wobei man dazu vielleicht auch »Er« sagen könnte? Oder ist das hier am Ende gar kein Gasthaus? Weil ihr bietet doch Essen für Gäste? Das tut ein Speiselokal?“ Nicht jetzt, dass dieser Dialog am Ende Sinn ergeben hätte. Nur, dass Lobo seit diesem Gespräch, dem Bijix, seinem Lebensretter, genauso verfallen ist wie der Rest der Belegschaft. Murphys Charme entzieht sich keiner und Logik hilft am allerwenigsten weiter. Ob Lobo mit dem Lokal-Anspruch etwas erreichen konnte? Nö, nada. Dafür ist ein Ausflug an die Küste erforderlich und eine Rüge vom Holsteiner. Vor dem möchte nicht einmal Micky Maus dumm dastehen. ›Streunerasyl‹, so klassifiziert Murphy seine Nobelherberge, die verdächtiger Weise nicht einmal drei Monate Bauzeit beansprucht haben soll? Oh, wie Lobo sich da zusammenreißen muss, nicht sofort wieder Nonsens-Fragen zu stellen, wo er doch um wichtige gebeten wurde? Selbige Räuberhöhle ist jedenfalls seit gut vierzehn Jahren mit Schwarzbären und Bloonies angefüllt, die sich ab der ersten Sekunde als Familie definieren. Neuerdings erweitert um einen Streuner aus Midgardhausen, an dem versehentlich eine Familie anhaftete, die man erst hinterher bemerkt haben will. Die offizielle Argumentationskette. Denn Bijixs mischen sich nicht ins Geschehen. Niemals. Aber dieser hier tut nichts anderes? Jetzt hat er aber auch gelernt zu kochen und auch, wofür das gut ist? Ergo, ein echter Zugewinn, über den sich Lobo jetzt weniger beklagen wollte. Immerhin weiß er nun, auch seine Eltern und die Schwester werden gut versorgt; er muss sich nicht selbst darum kümmern. — Gütiger Himmel! Da steht schon wieder einer, genauso, dass bei der geringsten Bewegung ein Teil seines Selbst erst hinter ihrem Garten und Riesengebäude zu sehen sein wird? Könnte man den nicht zu diesem einen einzigen winzigen kleinen Schritt bewegen? Dann würden sie sich halt durch die Mauern eines ägyptischen Palasts hindurch unterhalten? Stört die Kommunikation da draußen ja in keiner Form, es sieht nur für sie innerhalb weniger furchterregend aus? Eben blickt ihn die offengelegte Muskulatur einer durchtrainierten Pobacke an? Für normale Erdianer ist es aber ein simples Gespräch auf dem Dorfanger, inmitten einer Wiese, wo man sich nun einmal gerne auf einen kurzen Schlagabtausch trifft? ›Bei Sonnenaufgang vor der Stadt?‹ Mit ausdrucksstarkem Säbelrasseln? Ist halt in dem Fall nur der Dorfanger verfügbar und vor einer Stadt kann sich heutzutage ohnehin keiner mehr treffen. Wie das Leben eben spielt, wenn tatsächlich einmal nichts Übleres passiert. Lobo nippt endlich am Löffelchen, Baumert hat unterdessen schwitzige Hände bekommen? Demnach hat er es für ihn aufwendig zubereitet? „Lecker! Auberginen-Mus?“ Baumert wartet. „Du hast sie gegrillt? Ganz vorsichtig, in Folie gehüllt und dann mit Zitrone gewürzt?“ »Im Ofen gegart. Mit Knoblauch, Zitrone und Olivenöl. Am Ende abgeschmeckt mit Sesam paste, Kreuz kümmel und einem Schuss Sesamöl.« „Und wie eine Süßspeise dargereicht? Ganz wunderbar, Baumert“, lobt Lobo seinen sensiblen Koch. „Es nennt sich Baba Ghanoush.“ Ach ja? Jetzt weiß Lobo endlich, warum schwitzige Finger! Klar, das Rezept konnte nicht nur aus der Türkei stammen, sondern von deutlich weiter südlich … „Das klingt arabisch? Ich dachte, du seist ein Konar? Leben die nicht ursprünglich etwas weiter nördlich? In Schlesien … hat einer deiner Freunde erzählt …“ Baumert wartet sichtlich darauf, „das sind allesamt Gürtlerrezepte …“ Lobos Augen weiten sich. Noch ein Mysterium? Wo er die bereits vorliegenden kaum sortiert bekommt? Oha, das königlich lecker gewürzte Hähnchenfleisch im Teigmantel mit Salzgemüse war tatsächlich Schawarma, mit Knoblauchcreme und Taboulé? Er hat sich nicht getraut, nachzuhaken. Nun, falls dieser Ausflug in den Garten bewirken soll, dass er anfängt, die bizarre ›Komplexität der Gesamtsituation‹ – Murphys Worte – besser zu verstehen? Ihm hat eigentlich bereits der Kurzbesuch der Wandelburg genügt, aber für Baumerts Geschmack hinterfragt er zu wenig? Nur so darf sich dieser ihm anvertrauen, indem Lobo nachhakt … Baumerts vieldeutige Anmerkungen. Wie? Hat er vergessen. Ja, genau, Neutralität, nur darum geht es. — Die erhält sich wie genau? Mit Mathematik oder sonstiger adäquater Logik hat die örtlich angewendete Methodik sicherlich nichts am Hut. Aber der große Götterhimmel bleibt friedlich, also bleiben sie aus deren Sicht innerhalb ihrer Spurrille? Na, dann ist die für einen Bijix aber gewaltig breit gefächert? ›Entspannt bleiben‹, bittet seine innere Stimme im eigenen Schädel – als würde die eigene Vernunft plötzlich geistigen Abstand von ihm nehmen müssen, weil er beleidigt mit dem Fuß aufstampft? Tja, der mystische zerische Götterhain, wenn der sich einmischt, verrutscht nicht nur die Perspektive. Alles erzeugt Fragezeichen, selbst ein harmloses Essen aus bekannter Zutat! „Und wie gelangt man an Gürtlerrezepte? Werden die etwa auf den umliegenden InCos hochgeladen und ausgedruckt?“ Ein schräger Scherz. Bezogenes Winzigdorf kann sich einen Luxus-InCo bisher nur im Rathaus leisten, einen Einzigen, und dort mangelt es noch an kompetenter Besetzung, das Edelstück nur anzuschalten — aber dann wiederum nicht. Kein Witz, sondern bitterer Ernst. Vor den Gürtlern, die angeblich überall im Schatten ihr Unwesen treiben, zittert ganz Europa. Rein darum, ›verdunkelt die monströse Bergische Kaserne Düsseldorfs Sonnenaufgang und verdüstert den allerletzten Lichtstreifen Friedlichkeit, den man sich eben noch in den Umlanden vielbunt ausmalen wollte‹, war erst kürzlich in der Presse zu lesen. Dass Lobo da viel entspannter denkt, vielmehr, sogar unendlich neugierig ist, soll nicht gleich jeder wissen. Baumert ist sehr verliebt und überprüft somit nicht gleich alles, gar noch akribisch, was er von ihm zu hören bekommt. Für Thal bei Gummersbach wurde niemals ein bizarres Palastgebäude errichtet – natürlich nicht –, noch ahnt hier jemand, wer alles ein und aus geht? Verwegen ihre kleine, beschauliche Dorfidylle ohne Passkontrolle durchquert? Baumert schweigt, er möchte Lobos Gedankengang keinesfalls unterbrechen. Es ist zu wichtig, wohin es führen könnte. Was Lobo irritiert, denn sonst kommentiert Baumert alles, jede Nutzung seiner Hände, jede Stirnfalte und Zuckung dahinter. Gedanken liegen für Gowinnyjen offen einsehbar. Sie können sich nonverbal stundenlang schweigend, mit ihm lautstark herumstreiten, und Beobachter würden glauben, sie säßen in friedlicher Harmonie nebeneinander, wären gar eingeschlafen? „Wie entsteht solcher Sphärenriss inmitten eines Dorfs, in dem dann ein gewitzter Bijix seinen Tempel einflechten kann? Gibt es dafür eine Formel, die man dreimal hintereinander laut aussprechen muss, in drei verschiedenen alten Sprachen, in unterschiedlicher Stimmlage? Oder reicht ein Abrakadabra? Ein Sesam-öffne-dich-Spruch? Es ist ja nicht so, dass der Mensch davon noch niemals etwas notiert hätte?“ Baumert muss nichts übersenden, das errät Lobo ganz ohne Starthilfe: ›So simpel ist es nicht.‹ „Warum tut er das? Das Wesen des Bijixs besagt doch, sie mischen sich niemals ein? Sind bloße Beobachter, die sich nicht einmal selbst als anwesend empfinden? Die man mit viel Fingerspitzengefühl vielleicht dazu überreden könnte, etwas kurz zu kommentieren? Dafür braucht’s aber bereits Jahrhunderte Vorarbeit von anderer Seite? Murphy ist jedoch erst kürzlich geboren? Seine Kontur hat sich bis jetzt nicht einmal richtig stabilisieren können? Sonst würde ich ihn doch nicht als hälftige Comicfigur sehen? Micky-Maus-Augen? Ich bitte dich! Und da springt er jetzt bereits aus der altbewährten Spurrille und konzipiert selbst Aberwitziges? Was alles andere als aberwitzig ist – laut deines Gesichtsausdrucks … du bewunderst ihn dafür? Aber wofür genau? Einen vielgesichtigen Palast konzipieren zu können?“ »An seiner Stelle, was würde dich aus der Ruhe bringen?« „Na, wenn etwas geschieht, das keinesfalls sein darf? Er ist ein Zeitseher? Müsste somit längst alles wissen, bevor es überhaupt passieren kann? Nach himmlischem Regelwerk sieht er sich sicher vor Willkür geschützt?“ Heiser, »er wurde betrogen«, Baumerts Augen bleiben geschlossen, unter seinen Lidern glitzert es. Ja, ihm ist nach Weinen zumute. »Das, was sein sollte, war nicht.« „Man kann einen Bijix betrügen? Wie das?“ Lobos Gesicht zuckt; wie es arbeitet, allein schon dafür liebt er ihn. „Du warst dabei? Was ist passiert? Erzähle es. Bitte.“ Alles würde er dafür tun, dass dieser junge Mann ihn weiterhin so ansehen kann. Baumert schüttelt sachte sein Kinn, es ist mehr ein Zittern, „es gab nicht viel zu sehen. Nur einfache Mystik am Wegesrand, zu meiner Unterhaltung an imaginären Wänden, Schattenrisse, mit einem schmalen roten Leuchtstreifen vom Rest abgegrenzt? Die gesamte Menschenwelt war ausgeblendet, die Märchenbuchfassung eines Comicliebhabers hurtig darüber geklappt. Er wollte sich von nichts ablenken lassen müssen, seine klaren Ziele erreichen können? Porta Nigra? Trier, sein erstes Begehr von vielen. Der Rheinfall? Sehen, wo die Donau verschwindet? Das Dreiländerdreieck? Die Bundeslade wollte er per se studieren. Vatikanstadt? Im selben Atemzug kam der Gedanke bei ihm an, dass dort vieles unter Verschluss liegen müsse. Troja – ihm zu erklären, dass die Forschung sich widerspricht … wir waren quasi überall in der alten Welt, wo jemals Geschehen tiefer in den Bodengrund rutschte. Er musste alles sehen, mit den Fingerspitzen berühren und mir die Ereignisse schildern, die ihm erdseitig zugetragen wurden. Und dennoch benötigten wir nur eine einzige Woche? Gowinnyjen laufen schnell, aber ein Bijix geht Hand in Hand mit der Zeit. Sie ist wie seine Schwester. Er wollte alles mit aktueller Geschichtsüberlieferung abgleichen, musste sämtliche Unterschiede erfassen. Wollte, verstehen können, warum manches schwerer für die Betroffenen zu begreifen ist als anderes? Er wollte die bekannte Menschengeschichte vollständig studieren, dazu die Geschichte des Götterhimmels und die der Gowinnyjen und er fragte mich andauernd nach weiteren Wesen, die es doch auch noch überall geben müsse? Warum keiner nach ihnen fragt? Sie gar niemand vermisst? Und nein, er meinte nicht die Tiere, denn die zählen für ihn genauso zur Spezies Mensch wie die Natur. Es ist die Aufgabe des Menschen, auf die Erde achtzugeben, sie gütlichst zu umsorgen.“ Lobo klebt gedanklich am Schattenriss fest, „weil er auf Flammentöne steht? Das kommt in Comicheften echt gut?“ Baumert lächelt dankbar, hat sich wieder besser im Griff. „Möchtest du den offiziellen Aufgang ins Gebäude nehmen? Schauen, wie es einen Neuankömmling begrüßt?“ »Einen, der nicht ohnmächtig hereingetragen wird?« Lobo schüttelt es. Nein, er wünscht sich genauso unschuldig zurückkehren zu dürfen, wie er zuvor den Garten betrat. Einfach einen simplen Türgriff zu umfassen? Eine Hintertür in eine Bauernstube zu öffnen und alles Wunderliche vorerst dort zu belassen, wo es sich für seinen Verstand gerade nicht richtig zuordnen lassen will. „Glaubst du, jemand könne diesen Dorfbewohnern etwas anhaben?“ Baumert muss es probieren, denn Lobo darf nicht in solcher Stimmung von hier weggehen. Dann würde er am Ende doch in einem anderen Lager unterkriechen und er hätte sein Leben lang nur einen feuchten Traum geträumt. „Er kann von hieraus die gesamte Welt beobachten? Wirklich das Dach der Welt betreten? Den obersten Himmel Midgards? Was genau tut er? Die neutralen Kräfte Mutter Erdens analysieren? Neu strukturieren – gar etwaig bündeln? Ist es das, was ich erkennen soll? Aber doch mit dem Einverständnis Shijtarrheims? Der wahre obere Himmel?“
Drei Tage davor heißt es noch beschwingt, „na los? Komm schon, trau dich und steig auf.“ Baumert klopft aufmunternd auf seine breite Hüfte. Auf einem baumhohen Schwarzbären zu reiten, ist sicherlich nicht jedermanns Ding, aber Lobo zählt zu den unerschrockenen Geistern. Und wer bitte wollte eine Abenteuer-suggerierende Einladung von Baumert ausschlagen? Des Bijixs faltenfreier Merlin? Auch Zauberhausen schwärmt für die interessante Geschichte Camelots, der große Magier Merlin ist überall ein Idol. „Du möchtest deinen Vater kennenlernen? Ich zeige ihn dir. Du musst mir im Gegenzug nur etwas vertrauen.“ Baumerts einstimmende Sätze – die hätten gewiss ausgereicht, Lobo ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, ganz ohne Magie. Vom Gasthof Falkengau-Thal, noch immer nicht ›Zum Falkengau-Thal‹, im Oberbergischen Land geht es schräg links, leicht nördlich, mitten durch eine gefühlte unendlich friedliche Prärie. Tatsächlich jedoch dicht besiedelt, mit unzähligen abgesperrten Hochsicherheitszonen, die jetzt gerade – optisch – weggezaubert sind? Lobo fühlt sich derweil wie Winnetou auf seiner Iltschi Richtung Düsseldorf reitend, dann dreht Baumert aber urplötzlich scharf nach rechts ab? Rennt ganz bewusst in einem großen Halbkreis ostwärts zurück, aber konsequent seinen Nordkurs haltend? „Ähm?“ Lobo hat unzählige Fragen im Schädel, dass er gar nicht recht weiß, mit welcher er jetzt anfangen wollte? Schon laufen sie munter in die Bergische Kaserne hinein, als gäbe es da keine top Absicherung? Und warum steht dieses markante Riesentor überhaupt sperrangelweit auf? Das hat Lobo noch niemals erlebt, dass er da arglos reinschauen konnte? »Wir sind nur noch Schattengespinst und zeitlich wohl sehr flexibel«, schießt es Lobo endlich durchs verweichlichte Hirn. Baumerts Mundwinkel lächeln, was Lobo in seinem Rücken spüren kann. Will heißen, er liest seine Gedanken? Sein Ziehvater Falk hat ihm ein einziges Mal von den mystischen Schwarzbären erzählt. Dann niemals wieder. Also hielt es Lobo für eine Märchengeschichte? Aber es war keine gewesen. Die sind genauso wahrhaftig wie die Eiswolken, mit ihren eisblauen Augen, ihrem bezaubernd glänzendem Haar und dieser auffälligen Schönheit, der sich keiner entziehen kann. Aber der Phyrosier im Falkengau-Thal, der Lobos minderjährige Schwester heiraten möchte, hat sie zuallererst mit hässlichen Brandnarben überzogen? Um sie besser beschützen zu können, behauptet er, und dann hat er sich parallel verliebt? Lobo interpretiert es so: Bist du selbst zu toll, bist du froh darum, wenn die andere Seite ein paar Macken zusätzlich mitbringt – zum Ausgleich? Aber sie ist verdammt noch eins, erst dreizehn! Daran ändert sich auch nichts, wenn man mit einem Schlag weiß, seit wann sie ihre Blutungen hat! Was er bisher nicht wusste und es auch gar nicht wissen wollte. Was geht ihn das an? Sie ist das Nesthäkchen? Die zarte Kleine, jedermanns Liebling und so schützenswert, weil noch so blutjung und darum soll sie es auch bitte schön bleiben; solange es halt geht. Unter Lobo brummt es vernehmlich, rein als Antwort auf seinen Gedankengang, „das sieht unsere Welt aber komplett anders. Ich rede von den modernen Westvesten — Altervesten, der neue Begriff, an den wir uns noch gewöhnen müssen.“ »Ach, und weil ihr euch so modern wähnt, seid ihr berechtigt, unser Regelwerk zu torpedieren?« „Doch nicht etwa eure Konventionen? Mach dich nicht lächerlich! Menschenrechte und dergleichen mehr? Die meinst du doch? Ihr habt derzeit gültige gesellschaftliche Präventionen längst verlassen! Bürgerrechte? Die gelten nicht mehr für euch. Ihr seid jetzt rechtlose Hasen! Deine Schwester wäre mittlerweile unter Drogen gesetzt, brutal vergewaltigt worden und deine Mutter würde schlimmeres Gift kochen als bisher in den Industrie-Laboren? Im festen Glauben, sie könne damit deine Schwester beschützen? Die Unterwelt ist nochmals um einiges pragmatischer, wünscht sie etwas zu erlangen? Ihr wärt ihnen auf Gedeih und Verderb in die Hände gefallen.“ Lobos Gedanken kommentieren, »ich wohl nicht mehr«, trübe, »ohne euch wäre ich tot.« „Jawohl“, brummt Baumert, nickend. Bisher ist Lobo derjenige, der laut spricht und Baumert denkt nur passgerecht, für Lobo hörbar. Schwarzbären kommunizieren gedanklich wie stimmlich, je nach Lust und Laune und wühlen ungeniert in allen erreichbaren Gedanken, wünschen sie nähere Details. „Schau doch mal, der Mann dort drüben, der aus dem Seitenausgang schlüpft?“ Die Innenansicht dieser Kaserne hatte sich Lobo schlechterdings anders vorgestellt? Sie stehen mitten im asphaltierten Innenhof einer der vielen Areale, die im Sicherheitsabstand zueinander, top abgesichert, nebeneinander errichtet stehen und wie einzeln abgeschirmte, kleinere Stadtteile von New York aussehen? Jeweils fünf Häuserblöcke stark? Mit hoher Ummauerung wie Edelviertel im Innenstadtsektor, als könne man auch hier dem nächsten Nachbarn innerhalb seiner Kaserne nur ganz bedingt trauen? Der hinterste Gebäudekomplex über die Gesamtfläche gezogen? Locker achthundert bis tausend Meter breit? Jedenfalls elendig hoch. Es gibt offensichtlich Neben- wie Hinterausgänge? Wie es wirkt, stehen Panzer neben Jeeps, Motorrädern, Fahrrädern und Lkws auf Parkdecks einsortiert? Wie nett, neben einem Panzer sein Rennrad abzustellen? Ob er das unter solchen Umständen nochmals benutzen wollte? Aber klar, Panzer muss man genauso unterbringen. Mhm, aber bitte? Solch absurdes Bild – in Nordrhein-Westfalen? Er hat ohnehin das Gefühl, mittig in einem Hauptquartier zu stehen? In einem Krisengebiet — nur typische Geräusche fehlen? Bombeneinschlag? Zerbersten von toten wie lebendigen Körpern, ohrenbetäubendes Rattern von Maschinengewehren, Wutschnauben und alles übertönendes Kommando-Herumgebrülle unterschiedlichster Stimmfrequenzen? Nein, nichts. Keine Entsetzenslaute, Angst- und Hilfeschreie? Kein Todesröcheln? Alles vollkommen friedlich und ruhig? Ein verschlafener Ort? Irreal! Aber von all dem sollte man insbesondere wissen, hat man nur ein Stückchen weiter in der großen Stadt gelebt? So hoch ist Lobo die Mauer auch nie vorgekommen? Mächtig, ja, aber doch nicht so, dass sie bald dreißigstöckige Gebäude verschwinden lassen kann? Irre, Baumert will ihn wachrütteln, zeigt ihm auf, welchen Horror es bald schon geben könnte? Aber nein, der Schwarzbär, an dem er klammert, wünscht nackte Tatsachen offenzulegen … nur das. Ist Lobo deshalb gedanklich abgeschweift, weil er das alles nicht wahrhaben will? Wie viele Soldaten sind hier um Himmels willen stationiert? Es heißt immerzu Hundertfünfzig tausend? Niemals mehr? Die Hälfte davon könnte allein hier in diesem Kasernenviertel untergebracht werden? Nur in diesem einzigen Bataillon? Aber wie viele dieserart gibt es? So kurz vor ihrer Stadt? Seine Schnellschätzung sagt, wenigstens acht auf jeder Seite des Geländes, das Kilometer lang sein muss und wie tief? Himmel! Bei solcher Meute brauchen sie gar keine Geschütze aufzufahren und machen sie allesamt platt? Ganz Nordrhein-Westfalen, als wäre es nur eine letzte größere Blumenwiese … ein Überbleibsel aus einer Welt, in der man noch von Frieden träumen konnte? Wenn das in Düsseldorf, wer wüsste? Die zittern jetzt schon wie Espenlaub, wenn sie nur an die Kaserne schräg gegenüber denken? Hilfe! Ihm wird flau. Atemnot? Benötigt er dafür andere Gedanken, das Surreale überhaupt verarbeiten zu können? Sein leiblicher Vater ist auch noch einer davon? Ein Militär? Nicht bloß ein sturer, steifer Stadt-Streifen, der vielleicht genauso blind gestellt ist wie er selbst? Nein! Sondern einer von den richtig übel zugeknöpften Kerlen. Ein hochdekorierter Despot! – Lobo ist schlecht, aber er hält durch, wie versprochen. Klammert nur ärger an den baumbreiten Schultern fest und fühlt sich wieder wie damals, als sein anderer Vater, sein Ziehvater, ihn auf Schultern und Rücken durch ihre Stadt getragen hat. Dr. Falk Dürrwegen hatte immerfort nach überallhin Zutritt und da Lobo von solchen Ausflügen wusste, wie unterschiedlich die Welt hinter einer Kontrollstation aussehen kann, wurde er seinerseits Schülerlotse. Einst rein zur sicheren Straßenüberquerung von Schülern gekürt, bezeichnet es heutzutage einen Berufsstand, den man als erfolgreicher Schüler nebenbei ausüben darf. Zuverdienst und frühzeitige Erfahrungswerte werden immerzu essenzieller. Ein von autorisierten Streifen austrainierter, bewaffneter Jugendlicher, der Schutzbefohlene – Kinder, Jugendliche und zarte Erwachsene – innerhalb der Stadtabsicherung eskortiert, will besagen, versiert absichert. Sie vom Elternhaus in Kindergarten und Weiterbildungsinstitutionen lotst? Nachmittags auf den Sportplatz, zur Musikgruppe oder in die Bibliothek, ins Theater, ans Gericht oder zu Freunden und am Abend zurück nach Hause? Schülerlotsen werden bezuschusst, gut ausgerüstet, ausgebildet und über die Stadtverwaltung oder die Kirche vermittelt. Schülerlotsen anzugreifen, wird zumeist ohne großen Prozess mit der Todesstrafe quittiert. Professionelle Personenschützer müssen hingegen eigens finanziert werden und bei Verlust fühlt sich die Justiz nicht zuständig, das heißt, man muss selbst einen Detektiv engagieren, Näheres zu erfahren. Und sie benötigen reichlich Qualifikationen, im Zweifelsfall überlegen sein zu können. Marktplätze für Waffen- und Ausrüstung für diese Klientel ufern immer weiter aus. Unbekannte Kampftechniken, die jeden bekannten Haken abwehren können? Sind immens begehrt. Alles wird immer grenzenloser und zeitgleich fürchtet man das fremdländische Wesen des Söldners, das als besondere Note andererseits gilt. Oft zudem Hautfarbe, Körpergröße und Augenfarbe? Ein Meerblau in Kombination mit Weißblond am Schädel und extremer Schulterpartie? Ui, wer sich den leisten kann, dem küsst wahrlich jeder, selbst stinkige Füße. Eiswolken oder Bloonies genannt, sind nahezu unbezwingbar. Nicht zu überlisten und quasi schneller als der Tod. Aber sie strahlen Eiseskälte aus. Nichts kann sie erschüttern. Sie benötigen weder Gott noch Teufel und sie verachten Angstschweiß. Ja, sich für solchen zu entscheiden heißt, wirklich zuverlässig reich zu sein. Ihnen bleibt man nur einmal etwas schuldig. Dann ist man tot. Ganz unabhängig davon, wer man ist. Die etwas weniger grauenerweckende Version Personenschützer nennt man Schwarzbären, weil sie sehr haarig sind, an die zwei Meter hochragen, mit solcher Schulterbreite, dass allein ihrethalben Türstöcke der Villen epochaler werden müssen. Ein Bloonie gegenüber kann zwar dennoch das Aus bedeuten, aber die beiden respektieren einander und vermeiden im Regelfall blutige Dispute. Was auftraggeberseitig sehr wohlwollend wahrgenommen wird. In puncto bezahlbar – ist eine konstante Geldquelle auch hier sehr zu empfehlen. Ja, hier erfriert man nicht, im Gegenteil kann es leicht zu hitzig werden? Emotionalere Kerle, als Schwarzbären oder Düsterwinde genannt, kann sich kaum jemand vorstellen. Die Mittelschicht kann sich aber lediglich mit Fremdländisch brüsten und hoffen, der Auserkorene wirkt überzeugend anders, dass ihn alle anderen in Ruhe lassen? Söldner aus nicht-europäischer Quelle sind hochbegehrt. Reiche Viertel, ganz bewusst, Neid und Missgunst erzeugend, sind die gefährlichsten, aber sie zahlen zuverlässig für etwaige Frondienste, betreffend Sicherheit. Parallel horten sie Schätze, wovon komplette Gemeinden in ärmeren Gegenden längere Zeit überleben könnten? Ein verwegener Angriff lohnt stets, wird er auch mit Todesstrafe quittiert. Den Tod erleidet man ohnehin zeitnah, ist man erst tief genug abgerutscht. Indessen andere, nur wenige hundert Meter entfernt, darben, leben Bonzen ungeniert in Saus und Braus; Essensreste vergammeln im toten Winkel, oftmals, neunzigprozentiges Volumenmaß. Nicht einmal den vierbeinigen Streunern vor ihren Haustüren gönnen sie etwas. Nur ihre trauernden Kinder, von denen sie noch zeitweise versorgt werden. Eigene Hunde und Katzen, nun vor die Tür gekehrt, weil sie die kostbar belegten Böden beschmutzen könnten? Ja, sie leben auch ohne festen Wohnsitz noch oberirdisch. Was für Zweibeiner seit Langem nicht mehr gilt. Darum ist diese Chance, einen der Goldbubis zu erwischen, derart verheißungsvoll. Dessen Clan mit einer sauber abgehackten kleinen Zehe zu erpressen, mit der Androhung von Fingerverlust in der Folgerunde? Ihre Elite spielt leidenschaftlich gerne Flügel oder Geige? Genauso Tennis? Karten? Ein mangelnder Finger bedeutet da echter Kummer? Das Motto? Wer seine Rechnungen nicht bezahlen kann, erhält die Quittung — Gleiches mit Gleichem vergolten. Wer auf Tiefparterre in Verzug gerät, wird seit Urzeiten vor den Kadi zitiert. Dort entscheidet sich heutzutage, welches der Kinder geopfert werden muss, dass der Betroffene samt familiärem Restbestand weiterhin als Bürgerlicher gelten darf. Baumert beendet Lobos gesellschaftlichen Düster-Exkurs trocken, „kann man nur sehr hoffen, er hat ausreichend Blagen gezeugt?“ Tiefes Schweigen.
„Lobo, magst du gedanklich nicht kurz bei mir ankommen?“ Brummt es. Sie können sich stimmlich unterhalten, ohne dass jemand mithört? „Warum fühle ich mich wie in New York? Eine obskure Kaserne.“ Jetzt, wo er spricht, brummt Baumerts Stimme nur noch in seinem Schädel. »Dein Vater nennt es ›NYdorf‹. Mittlerweile der gültige Ausdruck für Bataillonsunterkunft, mit Wolkenkratzer-Optik.« „Die sind nochmals abgesichert, obwohl sie bereits in top abgesicherter Sperrzone mit riesenhafter Ummauerung liegen? Wer wollte hier eindringen?“ »Na, wir zum Beispiel?« „Baumert, ich meine das ernst.“ »Ich ebenfalls. Willst du gar nicht wissen, was er da betreibt?« „Nö, da vorn wartet doch längst einer auf ihn? Somit misslingt’s eh“, mit Schulterzucken. Egal? Lobo ist jetzt alles einerlei. Dem Mann vor seinen Augen, der sein Vater sein soll, offensichtlich nicht, „Sten, zum Teufel!“ – „Herr Major. Guten Abend. Ich soll Sie begleiten.“ Respektvoll salutierend und genauso selbstredend hinterherlaufend. Der Major verlangsamt, lässt Sten aufholen. „Was, denkst du, könnte ich vorhaben?“ Sten schaut bei diesem zynischen Singsang möglichst unschuldig drein; nicht überzeugend genug. „Gut, ich formuliere neu … was vermutet Christian, dass ich vorhaben könnte? Und hör auf mit dem Rumgetue. Keiner ist heutzutage mehr unschuldig.“ – Baumerts Stimme, „ist er dir noch immer vollkommen unsympathisch?“ Berechtigt, diese Frage, da muss Lobo aber erst einmal ausgiebig nachgrübeln. Ein Streifen mit Empfindungen? Demnach ein richtiger, lebendiger Mensch in Uniform? Und das beim Militär? Die gelten doch nochmals mehr als entkernt … Sten klinkt sich dazwischen, „Sie wollen gelegentlich gerne etwas allein sein.“ – „Ach? Das ist euch tatsächlich aufgefallen?“ Sten schluckt schwer. Er mag diesen Mann und will ihn augenscheinlich beschützen, keinesfalls brüskieren. Aber er hat diesbezüglich klare Befehle. „Ich nehme es dir nicht krumm. Mhm, wo lauert der andere? Du bist kaum allein abgestellt, mich an etwaiger Flucht zu hindern?“ Lobos parallele Gedankenwelt, ›er mag Sten ebenso, empfindet ihn als Sohn. Gut, dann gibt’s wohl ein paar weitere Geschwister gratis dazu? Der passt auch gar nicht in die garstige Uniform und doch liebt er den Auftrag, seinen Major zu schützen?‹ „Welcher andere?“ Himmelblaue Augen! Gänzlich unschuldig. Der Herr Papa hat genauso braune Haare wie Lobo, ordentlich kraus, soweit man es im Halbschatten ausloten kann. Blassblaue Augen, Charisma, das sticht Lobo ins Gesicht. Markante, tiefe Stirnfalte; Grübchen am Mundwinkel; sehr anziehend. Es geht um nichts anderes. Dieser Christian kann nur der Adjutant sein, sonst dürfte er keine Befehle aussprechen, die dem Herrn Major missfallen? Nach Lobos Verständnis vom Militärwesen und eigentlich hat er keines. Wollte nie, welches erlangen. — Das Gespräch der anderen geht weiter, „ich wollte mal wieder unseren Platz aufsuchen, wo Weeko und ich uns jahrelang trafen? Er ist schon so lange weg …“ Sten runzelt die Stirn, „Weeko? Sie meinen den Jüngsten vom Brigadegeneral? Sie standen einander wirklich so eng, wie Christian behauptet?“ Wie warmherzig der Major lächelt? „Du misstraust deinem Vorgesetzten? Nicht dein Ernst!“ Hihi, „ihr fresst ihm doch alle aus der Hand, ihm nochmals mehr als mir.“ Er wischt sich Tränen von der Wange. „Weeko sah in mir einen Vater. Einen engen Vertrauten. Das tat uns beiden gut und ja, er fehlt mir. Wenn sich unterdessen auch reichlich Nachwuchs finden ließ? Das erste Kind wächst besonders ans Herz? Und wenn es nicht mehr aufgefunden werden will, können Leute wie ich peinlich rührselig werden? Zur Heulsuse mutieren? Das muss nicht gleich jeder mitbekommen.“ Sten ist verunsichert, „keine Meldung?“ Wiederum das warmherzige Lächeln und seine Augen funkeln und glitzern wie Sterne in finsterster Nacht. — »Meine Fresse«, denkt Lobo, »eine Lichtgestalt? Ein Sonnenkind? Er war ein Hoffnungsträger? Und ging zum Militär?« — „Willst du nicht wissen, ob das erblich ist? Lobo, hörst du mich?“ „Ein Lichtgeschöpf beim Militär? Sonnenkinder stehen ausdrücklich für den Frieden? Würden niemals freiwillig zur Waffe greifen?“ »Das darf nicht alles gelogen sein …«, jammert es weiter. „Es kann überall Sonnenkinder geben, selbst im blutigsten aller Gefechte? Ihr Midgards habt derlei Regelwerk längstens überholt.“ ›Ächz‹, das muss sich erst einmal setzen, Lobo hört dem Gespräch der Männer im Hof nicht mehr länger zu, also läuft Baumert zurück. Hüpft mit konzentriertem Anlauf und Seitenschwung über das zweieinhalb Meter hohe Gatter, als wäre es selbst mit Rückengepäck nicht weiter tragisch, gar brisant? Nein, ist es wohl nicht, denkt sich sein Rückengepäck, etwas abgelenkt, wie in der ersten Runde. Das Ganze immerhin ernsthaft abgeschirmt von diversesten Maschinengewehren, gekrönt von einem Panzer und anderen brandgefährlichen Waffen, die Lobo nicht einmal dem Namen nach näher bestimmen möchte. Dann erfolgt eine scharfe Linkskurve und es geht direkt auf die große Stadt Düsseldorf zu. Schon von hier aus leuchtet der Himmel, trotz dichten Nebels, den man zuvor nur an der Themse so krass gekannt haben will. Laut einschlägiger Literatur.
Baumert hält auf einem einsamen Felsvorsprung, gut fünfhundert Meter über der Stadt – obschon sie gar nicht aufwärts liefen? Schroff, abfallend; ein paar bequemere Sitzmöglichkeiten, grün umsäumt, Gras, Buschwerk, eine Weide, frisch ausgetrieben. Jetzt, im bitterkalten Februar? Er lädt Lobo ein, sich neben ihn hinzusetzen. „Wo zur Hölle sind wir? Das ist Düsseldorf, ganz eindeutig, aber diesen Felsen gibt es nicht!“ Stöhnend, „muss denn immer alles strikt logisch sein, was sich als praktische Lösung anbietet?“ Die Gegenfrage. Lobo setzt sich mit großen Augen stumm hin. Der Nebel ließ soeben einiges vom Geschehen am Bodengrund durchblitzen. Wutschnaubende Leute auf beiden Seiten. Eskalationen über zahllose Stadtviertel hinweg. Wild gestikulierend und blindlings herumkrakeelend. Keiner hat sich da unten unter Kontrolle! Die Stadt brennt lichterloh! Eine Seite mit Sperrholzplakaten bewaffnet, die andere mit allem, was verletzen und töten kann? Streifen – Polizei, Feuerwehr, schwer bewaffnete SEKs, Milizen, Söldner, vereint gegen Demonstranten mit Holzplanken! Sprüche, knallbunt auf hauchdünnem Stoff. Ungestüm gegenseitig aufeinander einprügelnd, unsanft von undurchdringlichen Nebelschwaden irritiert und derweise harsch unterbrochen — weshalb es vielleicht noch nicht allzu viele Tote gibt? Lobos Gesicht ist kalkweiß. Baumert legt vorsichtig seinen Arm um seine Schultern, spürt sein inneres Vibrieren. Diese Bilder hielten ihn davon ab, zuerst hierherzukommen. Seitdem ist die Zeit eingefroren, Lobo spürt es. Baumert, „sag mir, was du denkst.“ »Unnötig, du weißt es.« Lobo ist tief in sich gekehrt. Will nicht gestört werden. – Baumert, „die eigene Stimme hören, kann helfen.“ Lobo, »ein Wortspiel? Anstelle den Wehrturm aufzusuchen, errichtest du einen naturbelassenen Bergfried, dass keiner mitbekommt, dass ich Rotz und Wasser um meine geliebte Stadt heule? Um all die liebenswerten Seelen, die es dazwischen noch immer gibt? Weil sie verloren sind? Der Tod der letzten, arglosen Haselmaus steht unmittelbar bevor? Und damit werden uns auch einige Vogelarten kurzfristig wegsterben und die Hauskatze benötigt noch mehr Aldifutter … was ist bloß los mit unserer Welt? Was lässt sie so krass entzweibrechen? Allen Liebreiz resolut verdampfen?« Baumert, „das sind eure Freunde – dort unten auf den Straßen. Es hat sich herumgesprochen, dass sie deinen Vater hinrichten wollten und sein Sohn kommen musste, es abzuwenden? Jene dort unten haben noch nicht vergessen, was Falk Dürrwegen für sie tat und niemals nur ein Dankeschön erwartete? Zur Not die eigene Lohntüte obendrauf legte, falls gar nichts half. Sie fordern den Rücktritt solcher Majorität, die sie nicht länger tolerieren können.“ Falls man von Kalkweiß ausgehend noch ungesünder aussehen kann, testet Lobo es aus. „Sie werden sie töten! Allesamt, die solche Schilder vorstrecken!“ »Was wolltest du tun, es zu verhindern?« Möchte Baumert wissen. „Ich?“ ›Ich soll eine Lösung wissen? Ich habe bisher nicht einmal das Einfachste im Leben begriffen? Papa musst du fragen, er wüsste eine Antwort.‹ „Haben wir getan.“ »Und?« „Er ist in die Knie gegangen, hat sich übergeben und ist zusammengebrochen.“ »Ohnmächtig? Papa, nein! Der kollabiert nicht, völlig unmöglich … wo alle Not gen Himmel schreit? Seine Freunde, ins offene Messer laufen?« „Sie haben ihn gebrochen. Deshalb wollte er sterben. Weil er keine Kraft mehr in sich fühlt. Es ging nur noch darum, dich gesund an einem sicheren Ort zu wissen und deine Mutter und Schwester mit dir vereint zu sehen.“ »Er weiß gar nichts von Emmas absurden Heiratsplänen? Und dass seine letzten Freunde in der Stadt alle sterben müssen, lässt ihn kollabieren …«, atemlos. „Wir hoffen auf dich.“ »Hast du mir deshalb meinen leiblichen Vater zuerst gezeigt? Eine Lichtgestalt? Es geht rein um Gen-Politik? Mut hierfür? Es weiterhin ertragen zu können?« Lobo muss sicher sein, »Aldebaran und die Gürtler«, laut, „die sind tatsächlich real?“ Baumert nickt, »den Schreckensfürsten gibt es wahrhaftig. Er stand für Falk Dürrwegens Befreiung bereit, aber, dank dir, musste er nicht eingreifen.« „Was wäre passiert?“ »Was denkst du, was passiert, wenn eine mystifizierte Streitmacht«, die letzten Worte sehr langsam und äußerst betont gedacht, »urplötzlich sichtbar wird?« Lobo nüchtern, „unsere Welt rutschte noch weiter aus ihren Fugen … Städte würden aufschreien und die Militärs unisono um Hilfe anflehen, ohne ernsthaft darüber nachzudenken, wohin es führt? Europa stünde schon morgen mitten im dritten Weltkrieg? Ohne zu wissen, wer der Feind ist, gegen den man kämpfen will … aber dennoch habt ihr es erwogen?“ Baumert, »wir mussten alle Optionen offenhalten.« „Und konkret?“ Achselzuckend: »Aldebaran hat unzählige Verträge geschlossen, viele Freunde allerorts gefunden? Ich denke, er wollte Falk verschwinden lassen.« „Schwarze Magie? Seid ihr komplett irre? Damit verteufelt ihr alles, was Papa jemals erreichen konnte? Ihr hättet ihn besser sterben lassen sollen … als sein Werk mit Pech und Schwefel zu übergießen und anzuzünden.“ ›Was sie nun mit der Stadt tun.‹
Lobo, „du kannst Berggipfel aus dem Effeff zaubern, die es nicht gibt? Kannst du auch Substanz in die Luft pusten, die dort bislang nicht ist? Und jetzt ganz, ohne dass ich das, wem verrate, dass du’s kannst?“ Baumerts Augenbrauen ziehen sich eng zusammen, „wie?“ Lobos Arme gestikulieren wild … ist doch völlig logisch! „Beruhigungsmittel, gasförmig, per se unbedenklich! Halt eins zum richtig tiefen Einschlafen! Mama sagt immer, ›wir sollten ihnen einfach die Schlafhaube etwas tiefer über die Ohrwaschl ziehen? Gespickt mit frappierenden Gedächtnislücken? Vielleicht kriegen sie dann endlich wieder gebacken, wie sich Erdreich in Natura anfühlt? Kalter Stein, piksende Äste und rutschiges Blattwerk unter nackten Zehen? Außerhalb künstlicher Wandelpfade!‹“ Baumert merkt auf, »Tiefschlaf und hinterher verwirrt aufwachen lassen? Und hoffen, dass die mit den Schildern zügiger kapieren, was gelaufen sein könnte, als die ohne? Und hernach kann keiner bestimmen, auf welcher Seite, wer genau stand? Nicht einmal, bezogen auf sich selbst? Das funktioniert bei Menschen? Solcher simple Trick?« — „Bitte!“ … mehr braucht’s nicht. Baumert schnurrt zufrieden. Lobo hört es gut und seine nassen Augen fangen ebenso zu lächeln an. Er zieht seinen Schnodder energisch hoch und putzt ausgiebig seine tropfende Nase. Um dann breiter zu lächeln und wärmer, bis auch seine Augen zu strahlen beginnen, wie kristallklare Sterne in tiefster Nacht. Ein einziger Kontakt und ein Wunder ward geboren. Hoffnung lebt wahrlich überall, man muss nur hinsehen? Lobo erkennt riesenhafte Micky Maus Augen, ihm zuzwinkern. Mehr nicht; er weiß es, nicht nur Baumert ist dankbar für Mamas Idee. Er begreift, dass diese Entscheidung von einem Menschen getroffen werden musste, nicht von einer Zaubergestalt. Sie suchten in seiner Erinnerung? Wussten längst, dass es dort verborgen liegt … der Schatz des Menschseins? Auch schlichte Haselmäuse zu lieben? Darum heißt es immerfort, der Mensch müsse die Erde retten? Dafür habe sich der Götterhimmel geopfert, die Kugel ins Rollen zu bringen, dass es geschehen kann? Und schlechterdings zerstört der erhoffte Retter alles fein säuberlich, was kreucht und fleucht, was grünt und gedeiht und Luft und Wasser sauber halten könnte? Wachstum wird toxisch erstickt, Insekten artenweise ausgerottet, weil sie lästig sind? Der Kreislauf des Lebens, mit der Axt entzweigeschlagen, als gäbe es nichts zu verlieren? Als bräuchte es kein Morgen? Darum fand sich dieser klebrige Nebel ein, der jede Kontur mit schwarzer Schleimschicht überzieht? Hausfassaden und Bodengrund, gleich welcher Ursprungsgüte, heimsucht? In Gewächshäuser kriecht und Tierfabriken versiegelt, bis sich nichts mehr rührt? Kamine von Fabriken versiegelt und weitläufige Produktionsstätten pulverisiert. In den oberen Etagen lässt er Büroflure ganzheitlich ersticken? Er schert sich um nichts, macht vor nichts Halt. Konvenienz? Sarkasmus, im schwärzesten Sinne … und die Reaktion? Sie bauen nochmals trickreichere Schlupflöcher, Fluchttunnel wie Geheimgänge und Hubschrauberlandeflächen auf Hausdächern, um schwieriger erreichbar zu sein. „Deine Stadt schläft nun. Du solltest dich auch etwas ausruhen.“ Baumerts Brummen kitzelt seine tief unterste Hautschicht? Gänsehaut erzeugend. Aber nicht vor Kälte, was sein sollte, denn es ist weit unter null Grad? Hier draußen im freien Feld und dann noch so exaltiert weit oben in der Höhe? Bestimmt bis minus 15 Grad, in der Stadt wohl wie üblich nur um die minus sechs bis acht? Bei solchen Schätzungen lag er stets ausgezeichnet. Also, warum friert er dann bitte nicht? Denn das müsste er, im bloßen T-Shirt? Nackige Arme wie Baumert, den wohl sein dichtes Zottelfell wärmt und ja, er lädt zum Kuscheln ein? Nicht nur seine Schwester will in die Familie des Falkengau-Thals fest mit aufgenommen werden? Er ebenso? Aber er bekommt den Chef ab! — Hihi, kichert es in ihm wie irre drauflos und Baumert küsst dieses freche Kichern liebevoll hinweg. Seine Zunge im Hals sucht engen Kontakt und oberirdisch scheint sich wohl Ähnliches abzuspielen. Er hat leider keine große Ahnung davon, hoffentlich der andere etwas mehr? Baumert bewegt sich nicht mehr. Lobo, „was ist plötzlich los? Habe ich etwas Falsches gedacht?“ Seine Stimme klingt minimal verunsichert. „Du gehst einfach so davon aus, dass ich schon wissen werde, was ich tue? Von wegen!“ Lobo irritiert, „du bist zweifelsfrei der Ältere und damit hattest du Zeit, Erfahrungen zu sammeln.“ Baumert kichert; klingt beinahe nach einem Winseln? Und endet im massiven Hustenkrampf, der vorerst alle Verkettungen wieder sauber auflöst. „Was war daran derart komisch?“ Lobo überlegt, ernsthaft beleidigt zu sein, da wiehert es schon wieder los und keucht nach Luft und muss abhusten, dass er gut abgelenkt ist. Kräftiges Rücken klopfen, beruhigendes Streicheln von wundervoll weichem Bärenfell. „Du weißt ja nicht, wie es ist, für einen Bijix zu arbeiten? Ein Kinder-Bijix, wohlgemerkt, der im vorliegenden Leben ganz sicherlich ein großer Romantiker und Träumer war und dann in einen Bijix verwandelt wurde.“ Ein letztes, anhängliches Glucksen verscheuchend, „ich war dabei. Hatte längstens beschlossen, den netten Jungen mit den geschickten Fingern an Hämmerchen und Meißel mit nach Hause zu nehmen. Ich hatte ihn seit Tagen im Auge, darauf wartend, dass endlich ein Erwachsener mit Essen bei ihm auftaucht? Aber es kam nie einer? Und alles, was der Knirps aß, hatte er selbst eingesteckt. Auch eine große Wasserflasche? Er war allein und ich beschloss, sein neuer Vater sein zu wollen. Und dann leuchtete dieses Kind plötzlich überirdisch auf und meine Pläne änderten sich abrupt. Plötzlich war nicht ich es, der wen mit sich nahm, sondern derjenige, der von anderer Seite eingepackt wurde? Erst als es darum ging, die Richtung unserer gemeinsamen Reise festzulegen, wurde ich dazu befragt? Aber er hätte auch ganz allein eine Antwort gefunden. So zum Thema Partnerschaft? Er sah dich in meiner Zukunft und meinte, ich könne auf dich warten. Er hat mir nie verraten, wie lange ich warten müsse? Darum musste ich kichern.“ Zwei Jungfrauen an einem Berggipfel, den es nicht gibt, mit einem Liebesspiel betraut, das keiner von beiden kennt und da es dazu auch nur wenig Anleitung in der Natur gibt, gilt es jetzt ordentlich Fantasie auszugraben? Lobo zwinkert ihm munter zu und schon sind sie wieder so ineinander verwurstelt wie eben gerade noch, und falls das nicht ganz zum erwünschten Ergebnis führen sollte, ist es auch vollkommen egal. Baumert hat längstens beschlossen, nach wohin ihre weitere Reise fortgesetzt werden muss.
Es dauert, bis Lobo erneut in der Lage ist, eine klar verständliche Frage zu stellen. Aber es bricht aus ihm heraus, kaum, dass er wieder richtig japsen kann. „Los, rück schon damit raus! Wohin geht’s weiter?“ Baumert, »da kommst du nicht von allein drauf? Wir benötigen einen sturmsicheren Partner für die Ambitionen deines Vaters, die Welt retten zu müssen? Wenn wir da nicht schleunigst jemanden auftun, kapselt er sich noch mehr ein und dann dauert es lange. Sehr lange.« Lobo, „und wo willst du, wen passenden finden können? Ich dachte bisher, im Falkengau-Thal spielt sich alles ab?“ Baumert, »für Familienmitglieder, die innerhalb der Spurrille bleiben. Dein Vater hat da aber noch niemals gut hineingepasst und jetzt passt er nochmals weniger in ein Standard-08|15-Muster? Selbst im Zauberspektrometer. Diejenigen, die zu Hause im Falkengau-Thal geeignet wären, sind alle fest eingeplant? Da besteht keinerlei Flexibilität, glaub es mir. Murphy arbeitet seit drei Jahren konzentriert darauf zu, dass wir perfekt harmonieren? Und Aldebaran hat seine Leute eingeschleust, die nun auf unseren Auftritt warten? Das muss alles reibungslos funktionieren.« „Ein richtig großer Plan also?“ »Aber ja, und das, was wir vorhin mitangehört haben, könnte darauf hindeuten, dass vielleicht schon morgen Abend deine Väter zeitgleich bei uns im Falkengau-Thal logieren werden? Das heißt, du darfst dich im Randbereich aufhalten, falls du möchtest und Murphys Auftritt miterleben? Herrlich! Versprochen. Aber du darfst weder lachen noch grinsen. Das musst du fest versprechen.« — Lobos Wangen, hätte er sie nicht schon so ausgiebig abgeküsst, müsste er abermals von vorn damit anfangen? Aber sie müssen jetzt aufbrechen. Also zieht er zähneknirschend seine Packung Feuchttücher aus der Jackentasche und wird sofort empört angestiert. Baumert, „bitte, entschuldige, dass ich solchen Fauxpas hier vorstrecke, aber die sind wirklich sehr hilfreich; wenn es keinerlei Wasserquelle in der Nähe gibt? Hättest du eine große Wasserflasche bei mir gespürt, hättest du komische Fragen gestellt? Das wollte ich mir ersparen.“ Lobo, »so etwas gibt es nur in den Luxusvierteln im Laden zu kaufen, nur um es ›laut gedacht‹ zu haben. Warum friere ich eigentlich noch immer nicht?« Baumert vergnügt, „weil du verliebt bist? In einen Teddybär?“ Nicht nur die Augen lächeln wunderbar, auch dieser Mund … Lobo, „wie sehen dich eigentlich andere? Solche, die ihre Teddyphase schon länger überwunden haben, meine ich? So wie ich? So können sie dich ganz unmöglich sehen.“ Baumert, »überzeugend, denn dann hätte niemand wirklich Angst vor uns, willst du sagen? Unser Volk ist nur im Ausnahmefall ein so plüschiger Anblick. Du siehst uns so, weil dein erster Kontakt mit einem Schwarzbär-Rücken dein Leben gerettet hat? Und gleich als Nächstes hörtest du eine Kinderteddystimme, die mittels warmen Lichts alle Schmerzen fortnehmen konnte und das bis dahin verängstigte Gesicht deines Vaters entspannen half? Und du wusstest, nun wird alles wieder gut werden. Das ist eher eine Ausnahmebegegnung mit uns.« „Wie läuft es sonst?“ »Das wirst du eigens herausfinden. Ich stelle dir eine unserer Altervesten vor. Eine, die nicht gar so heimelig an uns klemmt und dir aufzeigen wird, dass es auch bei uns reichlich Säbelrasseln, grassierende Pulverherde wie Blödsinns-Streitpotenzial gibt? Es ist wichtig, dass du kein allzu harmonisches Bild von der Gowinnyjenwelt im Schädel bei dir trägst? Wir können schlimmere Teufel sein als ihr Menschen.« Lobo, „ich soll erneut aufsteigen?“ »Oh ja, bitte sehr.«
Unterwegs passiert nicht viel, würde Lobo behauptet haben, der tief und fest schläft. Er wacht auf, als sie vor einer imaginären Türöffnung stehen bleiben, die keine Türe ist, auch keinesfalls ein simples Loch im Boden wie eine Hobbit-Höhle, er hat alles darüber gelesen, natürlich. Nein, es ist eher wie ein Loch im Nichts. Als wäre alles, was er von der Welt sehen könne, nur bloße Staffage, und hier habe jemand ein größeres Loch hineingerissen und einen Türstock dahinter aufgestellt. Licht, und sogar einige Bewegungen, aber nicht ein einziges Geräusch außer dieser anderen, betont tief dröhnenden Bärenstimme, die nicht sonderlich erfreut klingt. „Baumert? Du hier?“ Pikierte Worte, die ihn aus tiefstem Schlaf reißen. Baumert hat ihm soeben von frappierender Lautstärke in Westvesten erzählt, die allesamt von Westkonaren gebaut worden sind. Konare sind äußerst gesellig und lieben Prügelorgien wie im Hollywood Westernstreifen gezeigt und hinterher die große Versöhnung oder auch Siegesfeier, je nachdem, wie es eben ausgeht. Am Ende wird jedenfalls gefeiert und vielleicht nochmals alles zertrümmert? Das Hollywood-Kino zerlegt bevorzugt Kneipen; bei ihnen ist es irrelevant, egal, worum es sich dreht. Es geht um kompakte Muskelmassen, die regelmäßig gut durchblutet werden müssen? Sport wäre selbstredend eine Möglichkeit, aber lange nicht so attraktiv? Sie sind eben Prügelbären? Und sie lieben es, mehrstimmig zu singen? Komplett falsch bis zu etwas melodiöser in jedweder verfügbaren Brummhöhe und Bärentiefe? Ein Grölkonzert vom Allerfeinsten; weniger vergleichbar mit herkömmlicher Musik als mit einem Fußballstadion, klar? Falls eine Türe in eine Burg vor einem offenstehen sollte, wird man kaum verstehen können, was der auf der Türschwelle Stehende sagt. — Der geweissagte Konjunktiv und dann folgt die nüchterne Realität, „Alter, so ist der Westen!“ Einen nochmals dooferen Spruch gab es wohl kaum zu finden? Lobo spürt Baumerts unwirsches Grollen, ansteigend. Nö, das gefällt ihm keinesfalls. Die beiden starren einander zutiefst finster an, bis der andere endlich klein beigibt und minimal zur Seite tritt. Aber ausreichend, dass Baumerts nochmals breiteres Kreuz den Eingang für sie freiräumen kann. Sie durchschreiten donnernden Schritts eine dunkle Vorhalle, von der Lobo schon deshalb nichts erkennen kann, weil er eben erst aus dem Tiefschlaf gerissen wurde. Seit Tagen, der erste richtig tiefe Schlaf? Oder seit Wochen? Seit sie Papa verhaftet haben, glaubt er sich nicht mehr so tief schlafend erlebt zu haben? Und dann ist er auch beinahe gestorben? Das fordert ebenfalls Erholung und jetzt hat er Hunger wie ein Bär nach seinem Winterschlaf und darum ging es doch in Baumerts Geschichten? Dass unmäßig gefressen, wie gesoffen wird? Was das Zeug hält? Etwas, das der Gasthof Falkengau-Thal für befreundete Gäste nicht im Angebot hält. Jedenfalls gab’s für ihn, den Patienten, mit Bauchschuss und Blutvergiftung, nichts zu essen? Nachdem Papa sich übergeben konnte, hofft er einfach mal, ihm haben sie zwischenzeitlich gütigst etwas angeboten? Spätestens Emma sollte frech genug sein, sie daran zu erinnern? Denn Mama könnte noch immer unter Schock stehen? Aber Emma ist verliebt und will am Ende nur noch gefallen und keine dumme Göre mehr sein? Oh, es hilft einfach gar nichts, er muss selbst wieder klar denken können und endlich etwas zum Beißen zwischen die Zähne bekommen. „Entschuldigt, darf ich mich setzen?“ Lobo stellt unvermittelt fest, sie sitzen beide längstens auf einer Holzbank vor einem eindrucksvoll großen Holztisch. Der restliche Raum ist voll bestückt mit ebensolchen Trümmern, dreireihig, nahtlos, bestimmt je zehn Tische à zwei Meter mal ein Meter fünfzig aneinander geschoben und mit einfachen Sitzbänken und teilweise auch vereinzelten Stühlen davor, voll besetzt? Sechs Mann pro Tisch geschätzt, ergibt nach Adam Riese oder wie immer der heißt, locker hundertachtzig Mann im Raum und doch ist gar nichts zu hören? Vollkommene Stille? Kein Atemgeräusch oder Stuhlrücken; Siesta? Dazu diese elegante Stimme mit minimalem, erdtonalem Säusel-Unterklang, als wollte er, wen betören? Huch! Das sollte er bei seinem Anblick auch besser mal tun? Das ist demnach also die Teufelsfassung, die Baumert gemeint hat? – Genauso, rein gedanklich gekontert, »ja – wahrscheinlich aber meinte er mehr unseren inneren Teufel, als meine Originalaußenansicht, die er bisher auch noch nicht kannte. Ich reise die erste Runde von Alterveste zu Alterveste, uns allen in Erinnerung zu bringen, wie hübsch wir im Ursprung einmal aussahen? Bevor uns Loki freundlicherweise die Tarnkappen-Ansicht überstreifen ließ? Nur, dass wir die Chance bekamen, es als Yolliver außerhalb unserer Heimburgen länger als eine schnöde Woche zu überleben? Menschen werden in Masse recht schnell wütend und mutig genug, selbst einen Teufel wie mich anzugreifen.« Lobos Stimmbänder weigern sich strikt, auch nur ein leises Krächzen preiszugeben. Das war ja bisher die Regel? Einer denkt und der andere spricht laut? – Baumert wirkt so ungemein neugierig? Hingegen wartet der gesamte Rest der ehrenwerten Tafelrunde darauf, dass Lobo wohl lauthals zu kreischen anfängt? Jedenfalls suchen sie einen unverschuldeten Grund, den hässlichen Gevatter wieder loszuwerden? Ergo sind nicht wir die unerwünschten Gäste, wenigstens nicht ganz alleine? Weshalb er sich wohl zu uns an den Tisch gesetzt hat? Denkt sich Lobo und schon steht ein anderer brummiger Bär am Tisch und entlädt ein riesenhaftes Tablett. Drei Teller, Krüge und Karaffe, zu hoch, nichts einsehbar, Schüsseln, vollgefüllt mit super leckeren Bratkartoffeln und Rosenkohl – oh, ist das lange her, dass er so etwas sehen durfte und bei allem Überfluss noch lecker kross gebratene Schweinekoteletts? Er muss aufpassen, dass ihm nicht der Sabber, nein, beim Mensch heißt es Speichelfluss, aus dem Mund tropft? Wie bei Hunden, igitt, so unappetitlich. Die Männer nicken einander nur stumm zu und Lobos Begeisterung wird totgeschwiegen. Herr Teufel fängt höflich an, Lobo von allem, was er anhimmelt, großzügig aufzuladen und dann den Löffel in Lobos verkrampfte Hand zu drücken und gestikulierend mitzuteilen, dass er nunmehr essen könne? Lobo ist erneut irritiert. Baumert rührt sich gar nicht mehr, auch nichts an, hindert Freund Teufel aber auch nicht, ihn zu umsorgen wie Mama? Also, darf er dann wohl essen? Der ganze Raum wartet jedenfalls angespannt darauf, dass er es tut! Gut? Oder besser, na ja, was kann man davon mittels eines Riesenlöffels essen? Rosenkohl! Also schiebt er sich eine dieser glitschig-fettigen Kugeln in den Mund und beißt munter zu und rechnet mit wirklich allem, nur nicht, dass er fast kollabiert vor Genuss! Das letzte Mal, als er selbst dieses Gemüse in die Hände bekam, traute er sich kaum, etwas davon abzuzupfen. Deshalb schmeckte es letztlich grauenvoll bitter und er musste Emma wiederholt großartige Dinge versprechen, dass sie auch nur einen weiteren Löffel zu sich nehmen wollte? Ein Gottesgeschenk, so viele Vitamine auf einmal! Er fühlt, wie er damals vor lauter Seligkeit am Flennen war und seine Nase tropft verdächtig, und Freund Teufel findet in seinem verkohlten Jackett ein sauberes Taschentuch, das den Brand offensichtlich unbeschadet überstehen durfte? Lobo, „oh, danke! Tausend Dank!“ Nachdem seine Nase endlich gründlich geputzt ist und er seinen göttlichen Rosenkohl zu Ende kauen konnte. Aber er kann noch immer nicht glauben, dass der so köstlich schmeckt? Butterweich, in
