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Einmal Prinzessin sein! Für Prinzessin Hamlet ist diese Vorstellung ein absoluter Albtraum und je mehr Mutter Gertrud sie in die Rolle zu zwängen versucht, desto mehr spürt sie: sie gehört nicht in dieses Bild, gehört nicht in diese Rolle, nicht in diese Welt. An ihrem Geburtstag will sie sich von all diesen Zwängen mit großer Geste verabschieden und sich selbst als brennende Fackel von den Felsen ins Meer stürzen. Ein verzweifelter Versuch, ihre Geschichte selbst zu Ende zu schreiben. Doch ihr Plan wird vereitelt und sie wird als scheinbar Wahnsinnige in eine Klinik verwiesen, wo sie von ihrem nonkonformen, systemgefährdenden Gedankengut geheilt werden soll. E.L. Karhu zeichnet in ihrem feministischen Shakespare-Spinoff das Gefühlsspektrum einer modernen jungen Frau, die zerrissen ist zwischen tiefster Melancholie und unbedingter Rebellion gegen vorgefertigte Rollenbilder und gesellschaftlichen Zuschreibungen. In kraftvollen, assoziativen Bildern erzählt sie von dem Kampf um ein selbstbestimmtes Leben, und von der Kraft, die dieser Kampf erfordert, und die zusehends schwindet. «So wird die psychische Zerbrechlichkeit zum eigentlich Thema des Stücks: die Unfähigkeit, den Normen und Anforderungen zu entsprechen, dem Bild der staatstragenden Prinzessin oder einfach nur als Frau gut auszusehen. Die Prinzessin ist von ihrer Rolle so erschöpft, wie der Hamlet in Müllers »Hamletmaschine« und so getrieben, so zerrüttet, wie bei der englischen Dramatikerin Sarah Kane» (Die deutsche Bühne).
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Seitenzahl: 56
Veröffentlichungsjahr: 2019
E.L. Karhu
Prinzessin Hamlet
Eine Tragödie im Comic-Format
Deutsch von Stefan Moster
Ihr Verlagsname
Einmal Prinzessin sein! Für Prinzessin Hamlet ist diese Vorstellung ein absoluter Albtraum und je mehr Mutter Gertrud sie in die Rolle zu zwängen versucht, desto mehr spürt sie: sie gehört nicht in dieses Bild, gehört nicht in diese Rolle, nicht in diese Welt. An ihrem Geburtstag will sie sich von all diesen Zwängen mit großer Geste verabschieden und sich selbst als brennende Fackel von den Felsen ins Meer stürzen. Ein verzweifelter Versuch, ihre Geschichte selbst zu Ende zu schreiben. Doch ihr Plan wird vereitelt und sie wird als scheinbar Wahnsinnige in eine Klinik verwiesen, wo sie von ihrem nonkonformen, systemgefährdenden Gedankengut geheilt werden soll.
E.L. Karhu zeichnet in ihrem feministischen Shakespare-Spinoff das Gefühlsspektrum einer modernen jungen Frau, die zerrissen ist zwischen tiefster Melancholie und unbedingter Rebellion gegen vorgefertigte Rollenbilder und gesellschaftlichen Zuschreibungen. In kraftvollen, assoziativen Bildern erzählt sie von dem Kampf um ein selbstbestimmtes Leben, und von der Kraft, die dieser Kampf erfordert, und die zusehends schwindet. «So wird die psychische Zerbrechlichkeit zum eigentlich Thema des Stücks: die Unfähigkeit, den Normen und Anforderungen zu entsprechen, dem Bild der staatstragenden Prinzessin oder einfach nur als Frau gut auszusehen. Die Prinzessin ist von ihrer Rolle so erschöpft, wie der Hamlet in Müllers »Hamletmaschine« und so getrieben, so zerrüttet, wie bei der englischen Dramatikerin Sarah Kane» (Die deutsche Bühne).
E.L. Karhu, 1982 in Helsinki geboren, arbeitet als Dramatikerin und Dramaturgin. Ihre Stücke kreisen vielfach um die Ethik menschlichen Handelns sowie um das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft. Die Autorin untersucht in ihrem Schreiben neue dramatische Formen und die Grenzen der Bühnensprache.
HAMLET
Kronprinzessin des Reichs
HORATIA
Hamlets Hofdame
GERTRUD
Hamlets Mutter
KLEINER BRUDER
Gertruds kleiner Bruder
OFELIO
Hamlets Verehrer
KÖNIGLICHER WACHMANN
Wächter im Buckingham Palace
ELTON JOHN
Sänger
ZWEI REINIGUNGSKRÄFTE
ZWEITER KÖNIGLICHER WACHMANN
Außerdem
BÜRGER AUS PRINZESSIN HAMLETS REICH
HOFLEUTE
BESUCHER DES BUCKINGHAM PALACE
LONDONER
FALKEN
SCHAUSPIELER
Schauplätze: Prinzessin Hamlets Reich und der Buckingham Palace in London
Fear no more, says the heart in the body; fear no more.
Virginia Woolf: Mrs Dalloway
HAMLETS REICH BRENNT. WIND BLÄST, ASCHE FLIEGT UMHER, DIE GANZE BÜHNE WIE VON RAUCH EINGEHÜLLT. ÜBERALL REGNET ES ASCHE.
ALLMÄHLICH ZEICHNET SICH IM ASCHEREGEN EINE GESTALT AB: HORATIA.
DIE ASCHE FÄLLT ZU BODEN, NICHTS REGT SICH MEHR, ES WIRD STILL.
HORATIA TRITT VOR. SCHÜTTELT SICH DIE ASCHE AUS DEN KLEIDERN, DIE REINIGUNGSKRÄFTE DER BURG KOMMEN, FANGEN AN, DIE ASCHE MIT SCHIPPE UND BESEN ZUSAMMENZUKEHREN. HORATIA TRÄGT EIN FALKNERGEWAND.
HORATIA
Ich bin nicht Hamlet.
Man könnte leicht glauben, dass ich Hamlet bin,
aus der Situation heraus,
weil das Stück ja Prinzessin Hamlet heißt
und dann eine weibliche Person auf die Bühne kommt, da erwartet man natürlich, dass sie das jetzt ist, die Prinzessin Hamlet.
Diesen Fehler haben schon Leute gemacht, die aufgeklärter waren als ihr.
Aber so wie William Shakespeares Drama Hamlet
nicht mit Hamlet anfängt, sondern
mit Hamlets Freund
Horatio,
so fängt auch dieses Stück hier
ohne Hamlet an und beginnt
mit Hamlets Freundin
Horatia.
Das bin ich.
Ich trete als Erste auf, und ich werde auch als Letzte
auftreten,
wenn alles vorbei ist
und alles, was wir hatten, was es Schönes und Gutes im Reich gegeben hat,
zerstört worden und von Asche überdeckt ist.
HORATIA NIMMT ASCHE VOM BODEN AUF, LÄSST SIE AUF SICH RIESELN.
Ich trauere deswegen, und ihr
werdet mit mir trauern.
Ich bin Horatia, Hamlets Hofdame und beste und älteste Freundin.
Und das hier ist Hamlets Reich, wie es damals war.
EIN FALKE RUFT. HORATIA ANTWORTET. DER FALKE LÄSST SICH AUF HORATIAS HAND NIEDER. DER FALKE RUFT, HORATIA RUFT MIT IHM.
ÄUSSERST FRÜH AM MORGEN.
EIN HOHER FELSEN IN DER NÄHE VON PRINZESSIN HAMLETS BURG, RINGSUM DAS MEER. MAN SIEHT WEIT IN DIE FERNE, DIE LUFT IST KLAR, DAS ATMEN FÄLLT LEICHT. HIER UND DA EIN PAAR NIEDRIGE STRÄUCHER, GESTRÜPP. DAS MEER BREITET SICH IN ALLE RICHTUNGEN AUS, SO WEIT DAS AUGE REICHT.
UNSERE GELIEBTE PRINZESSIN
DAS REICH. PRINZESSIN HAMLET GRÜSST DAS VOLK. EINE UNÜBERSCHAUBARE MENSCHENMENGE, HAMLET BEGIBT SICH UNTER DIE BÜRGER, SCHÜTTELT HÄNDE, NIMMT HIN UND WIEDER EIN KIND AUF DEN ARM. BLITZLICHTER LEUCHTEN AUF.
HAMLETS GEMACH. HAMLET VERSUCHT SICH ZU ENTKLEIDEN. ALLES IST PLÖTZLICH MASSLOS SCHWER, SIE HAT NICHT EINMAL DIE KRAFT, DEN FUSS ZU HEBEN, GESCHWEIGE DENN DEN SCHUH AUSZUZIEHEN.
DAS ENTSETZEN SCHIEBT DER PRINZESSIN DIE HAND IN DIE KEHLE UND BALLT DIE HAND ZUR FAUST.
HORATIA KOMMT.
HORATIA
Sei gegrüßt, edle Prinzessin.
HAMLET
Horatia! Meine Freundin.
HORATIA
So wie ich die deine.
SIE LACHEN VOLLER WÄRME. HORATIA HILFT HAMLET BEIM ENTKLEIDEN.
HAMLET
Was steht für den Rest des Tages auf dem Programm, Horatia?
HORATIA
Wahnsinn, Tod und Katastrophen.
HAMLET
Sehr gut.
NACHT.
PRINZESSIN HAMLET AUF DEM FELSEN.
PRINZESSIN HAMLET AUF IHREM FELSEN. ÜBERALL DUNKELHEIT BIS ZUM HORIZONT. MAN HÖRT DAS MEER, AUCH WENN MAN ES NICHT SIEHT. EIN FRIEDLICHER, FREIER AUGENBLICK, HAMLET MUSS NIEMAND SEIN.
PRINZESSIN HAMLET SCHLEPPT IM RIESIGEN BURGHOF EINEN WASCHSCHZUBER FÜR DIE MORGENWÄSCHE. SIE BEWEGT SICH AN DER ÄUSSERSTEN GRENZE IHRER KRÄFTE, SIE HUMPELT, SIE LEIDET. DANN GEHT IHR DIE KRAFT VOLLENDS AUS. SIE VERKRIECHT SICH IM SCHUTZ DES BOTTICHS, KAUERT DORT.
RINGSUM TUSCHELN DIE HOFLEUTE.
PRINZESSIN HAMLET SCHLEPPT WÜTEND DEN WASCHZUBER, ZERRT DARAN, HUSTET SCHWER. ALS ES IHR NICHT GELINGT, DEN BOTTICH WEITERZUBEWEGEN, BEKOMMT SIE EINEN BRUTALEN TOBSUCHTSANFALL, SIE WÜTET, RAUFT SICH DIE HAARE. DER TOBSUCHTSANFALL ERSCHÖPFT SIE, SIE SINKT NEBEN DEM BOTTICH ZU BODEN.
HORATIA KOMMT.
HORATIA
Hamlet.
PRINZESSIN HAMLET IST ZU MÜDE, UM ZU ANTWORTEN.
HORATIA
Lass mich mal.
HAMLET SETZT SICH IN DEN BOTTICH. HORATIA ZIEHT DEN BOTTICH, HAMLET SITZT DARIN.
PRINZESSIN HAMLET SCHLEPPT IM HOF DEN BOTTICH. ES IST VON VORNEHEREIN KLAR, DASS ES SCHIEFGEHEN WIRD. SIE WIRFT SICH THEATRALISCH AUF DEN BOTTICH, PLUMPST HINEIN.
DIE HOFLEUTE TUSCHELN. MAN SCHICKT NACH HORATIA.
HORATIA KOMMT. ALLE RINGSUM WARTEN SCHWEIGEND.
HORATIA GEHT ZU PRINZESSIN HAMLET.
HORATIA
Hamlet.
Das hier ist kein romantisches Drama. Du bist nicht die Hauptfigur eines romantischen Dramas. Das hier ist ein ganz normaler Tag in einem ganz normalen Reich.
PRINZESSIN HAMLET STEHT AUF, SIEHT HORATIA AN.
HAMLET
Aha.
PRINZESSIN HAMLET GEHT VOLLKOMMEN NORMAL DAVON. DIE HOFLEUTE RAUNEN ERLEICHTERT. HORATIA SCHAUT DIE GAFFER MIT TÖDLICHEN BLICKEN AN. DIE LEUTE VERZIEHEN SICH. HORATIA SCHLEPPT DEN BOTTICH VON DER BÜHNE.
PRINZESSIN HAMLET ALLEIN IN IHREM GEMACH. DAS ENTSETZEN SCHIEBT IHR DIE HAND IN DIE KEHLE UND BALLT DIE HAND ZUR FAUST.
GERTRUDS KLEINER BRUDER KOMMT HEREINGESTÜRMT. ER HAT EIN PLANETENMODELL DABEI.
KLEINER BRUDER
