Problem Child - Ralf Schwob - E-Book

Problem Child E-Book

Ralf Schwob

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Beschreibung

Als Jugendlicher in den 80er Jahren ließ sich Frank die Haare wachsen, hörte AC/DC und demonstrierte gegen die verhasste Startbahn West. Etliche Jahre später kehrt er als Erwachsener in seinen Heimatort zwischen Rhein-Main-Airport und Darmstadt zurück, weil er sich um den Verkauf des Elternhauses kümmern muss. In der alten Umgebung werden Erinnerungen wach, die er bisher erfolgreich verdrängt hatte. Schuldgefühle aus dieser Zeit sorgen schließlich dafür, dass er ein obdachloses Mädchen für eine Nacht mitnimmt, ohne zu ahnen, dass er sich damit riesige Schwierigkeiten einhandelt. Am Ende spitzt sich die Situation im Frankfurter Bahnhofsviertel lebensbedrohlich zu.

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Ralf Schwob
Problem Child
Rhein-Main-Roman
Alle Rechte vorbehalten • Societäts-Verlag
© 2013 Frankfurter Societäts-Medien GmbH
Satz: Nicole Ehrlich, Societäts-Verlag
Umschlaggestaltung: Nicole Ehrlich, Societäts-Verlag
Umschlagabbildung: © sumnersgraphicsinc – Fotolia.com
eBook: SEUME Publishing Services GmbH, Erfurt
ISBN 978-3-95542-064-2
Alle Figuren in diesem Buch sind Erfindungen des Autors. Keine ist identisch mit einer lebenden oder toten Person. Ebenso wenig decken sich beschriebene Episoden mit tatsächlichen Vorgängen. Die Orte hingegen, an denen diese Geschichte spielt, existieren wirklich, manche davon allerdings auch nur noch in der Erinnerung derer, die Groß-Gerau und andere erwähnte Plätze in den achtziger Jahren kannten.
Für Jay und Volker. Und für Rainer und Chrissy.
Und für alle, die damals dabei waren …
„I’m hot
and when I’m not
I’m cold as ice.”
(AC/DC, Problem Child)

2010: Heimkehr

Rechts versteckt sich der Niederwaldsee hinter Bäumen, und ein Stück weiter vorne kündigt das Schild bereits die Ausfahrt an.
Noch 500 Meter.
Noch 300.
100.
Frank nimmt den Fuß vom Gaspedal, blinkt und verlässt die Autobahn. Am Römerkreisel biegt er auf den Nordring ab, um die Innenstadt zu umgehen. Da er nicht wissen kann, was man sich in Sachen Verkehrsführung innerhalb eines knappen Jahres neu einfallen lassen hat, scheint ihm diese Strecke noch am sichersten zu sein. Als er im letzten Jahr zum achtzigsten Geburtstag seines Vaters nach Groß-Gerau gekommen war, hatte er überrascht feststellen müssen, dass Straßen, die er früher immer gerne als Abkürzungen benutzt hatte, zu Einbahnstraßen geworden waren. Als sein Vater dann keine zwei Monate später überraschend verstorben war und Frank zur Beerdigung erneut in seine Heimatstadt zurückkehren musste, machte er die verwirrende Erfahrung, dass man die neue Einbahnstraßenregelung zumindest teilweise wieder zurückgenommen hatte. Über die entsprechenden Schilder waren blaue Plastiksäcke gezogen und die Straßen wieder in beiden Richtungen befahrbar. Dafür waren aber nun andere Straßen gesperrt, die vorher passierbar gewesen waren.
Auf dem Nordring gibt es heute Gott sei Dank keine derartigen Überraschungen, die Straße schlängelt sich wie eh und je an der Feuerwache und dem neuen Friedhof vorbei, durchschneidet Felder und Äcker und führt schließlich als Brücke über die Bahntrasse. Allein das kahlgeschlagene Grundstück jenseits der Schienen, wo sich früher die Zuckerfabrik mit ihren Silos und Schornsteinen erhob, löst ein merkwürdiges Gefühl der Entfremdung in ihm aus, so als fehle auf einmal etwas, das eigentlich nicht fehlen darf, weil es doch schon immer, buchstäblich seit er denken kann, da gewesen ist. Die Zuckerfabrik war bereits vor einiger Zeit geschlossen und kurz danach vollständig entkernt und abgerissen worden. Frank hatte sich damals ein Amateurvideo von der Sprengung der Kamine und Türme im Internet angesehen. Als er nun am höchsten Punkt der Brücke anlangt, sieht er das wie ausgebombt brachliegende Areal links unter sich, dessen weitreichende Fläche ihm erst jetzt, wo nichts mehr darauf steht, richtig bewusst wird.
Auf der anderen Seite der Brücke biegt er links auf die Umgehungsstraße ab, überquert die Kreuzung an der blauweißen Aral-Tankstelle und ordnet sich wenig später an der nächsten Ampel zwischen Schule und Hallenbad auf der Linksabbiegerspur ein.
Franks Elternhaus liegt in einer Seitenstraße mit Reihen- und Einfamilienhäuschen, angebauten Garagen und großzügigen Gärten, die von der Straße aus nicht einsehbar sind. Er parkt seinen Leihwagen, einen silbergrauen Opel Astra, den er sich am Frankfurter Flughafen geliehen hat, entgegen der Fahrtrichtung direkt vor dem Haus. Sein Rücken macht ihm zu schaffen und seine Arme und Beine fühlen sich steif und müde an, obwohl der Flug von Berlin nur eine knappe Stunde gedauert hat; auch die anschließende Autofahrt hierher war ein Klacks.
An den meisten anderen in der Straße geparkten Autos sind schwarz-rot-goldene Fähnchen in die Schiebefenster geklemmt, die deutsche Mannschaft hatte am Vorabend mit einem Sieg gegen Ghana den Einzug ins Achtelfinale der Fußball-Weltmeisterschaft in Südafrika feiern können.
Im Vorgarten gegenüber lehnt der alte Schubert am Zaun und spritzt seinen Garten. Er tut so, als habe er nichts gesehen, aber Frank weiß, dass er natürlich trotzdem alles mitbekommen hat. Der alte Schubert, seit geschätzten hundert Jahren Pensionär, hat schon immer alles mitbekommen, was in der Nachbarschaft vor sich ging. Wenn Frank früher einmal eine verbotene Abkürzung über einen fremden Gartenzaun genommen hatte und ihn Schubert dabei sah, konnte er sicher sein, dass die Nachricht von seiner Untat bereits bei den Eltern angekommen sein würde, bevor er selbst zu Hause eintraf.
Der alte Holzzaun ist verwittert und zwischen den Gehwegplatten, die zum Hauseingang und dem hinteren Teil des Grundstücks führen, wächst büschelweise Unkraut. Im Garten gebe es einiges zu tun, hat Andrea letzte Woche am Telefon gesagt, und er hat ihr versprochen, sich darum zu kümmern. Die Rollläden im Erdgeschoss sind alle heruntergelassen, und die Haustür dreimal verschlossen. Als Frank die dunkle Diele betritt, schlägt ihm der süßliche Geruch abgestandener Luft, vermischt mit kaltem Zigarettenrauch, entgegen. Er drückt an der Leiste neben der Tür auf den unteren Schalter für die Flurbeleuchtung, aber nichts geschieht. Erst nachdem er alle Schalter ohne Erfolg einmal an- und wieder ausgeschaltet hat, fällt ihm ein, dass Andrea wahrscheinlich die Sicherungen umgelegt hat.
Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich langsam zu einem der Fenster vorzutasten. Von der Haustür fällt ein schmaler Streifen Licht durch den Flur ins Wohnzimmer, aber trotzdem stößt er sich zweimal das Knie, bevor er endlich den Rollladengurt im Halbdunkel zu fassen bekommt.
Die Abendsonne fällt in schrägen Streifen durch das Fenster in den Raum, Staubkörner tanzen in den Lichtbahnen. Die schweren dunklen Möbel und die verblasste Tapete sehen noch genauso aus wie immer. Er sieht den Fußschemel, an dem er sich gestoßen hat, und daneben den Wohnzimmertisch, die zweite Stolperfalle. Beides ist nachlässig in die Mitte des Raumes gerückt worden, offenbar um den Polstersessel, den kleinen Beistelltisch und die Stehlampe besser aus der Ecke heraustragen zu können. Am alten Standort der Möbel sind Abdrücke im aufgehellten Teppichboden zurückgeblieben.
Auf dem Wohnzimmertisch liegen ein paar Bücher aus Vaters Bibliothek und daneben steht ein Aschenbecher mit einer zusammengedrückten Kippe darin. Frank sieht den roten Lippenstift am Filter der nur zur Hälfte gerauchten Zigarette. Unter den Aschenbecherrand ist ein gefaltetes Blatt Papier geklemmt, auf dem ein paar Zeilen in der geschwungenen Handschrift seiner Schwester geschrieben stehen. Bei näherem Betrachten stellt er fest, dass es sich um Anschrift und Telefonnummer des „Altenheims an der Fasanerie“ und die Durchwahl der Station handelt, auf der seine Mutter nun offenbar untergebracht ist. Daneben steht: Hallo Frank, bitte bring Mutter die Bücher mit, wenn du sie besuchst. Rufe dich heute Abend an. Grüße, Andrea.
Frank legt das Blatt zurück auf den Tisch, nimmt den Aschenbecher und wirft ihn samt Kippe in die Mülltonne vor dem Haus. Dann macht er sich auf den Weg zum Sicherungskasten.
Als am frühen Abend sein Handy klingelt, hat Frank das Haus bereits ausgelüftet. Er liest die Nummer auf dem Display ab und meldet sich mit einem knappen „Ja“.
„Wo bist du?“
„In unserem Elternhaus natürlich, was denkst du denn?“
Einen Moment lang herrscht Stille, dann fragt seine Schwester: „Hast du alles gefunden?“
Frank lacht. „Wenn du deinen informativen Zettel und deine miefende Hinterlassenschaft meinst, ja, habe ich.“ Er hört, wie Andrea leise aufstöhnt. „Hör mal, das Haus stinkt und ist noch voller Möbel, so nimmt das keiner, nicht mal geschenkt. Warum hast du eigentlich alles derart verrammeln müssen?“
„Vielleicht ...“, setzt Andrea an, wird aber von Frank barsch unterbrochen. „Wenigstens zum Rauchen hättest du nach draußen gehen können.“
„Vielleicht ...“, beginnt sie noch einmal und redet einfach weiter, obwohl Frank erneut Anstalten macht, ihr gleich wieder das Wort abzuschneiden. „Vielleicht erinnerst du dich noch, dass wir bereits gestern Morgen verabredet waren. Mamas Umzugshelfer mit dem Kleinbus war da. Ich war da. Sogar der Sozialdienst des Altenheims war da. Der Einzige, der nicht da war, warst du. Und du warst auch nicht zu erreichen. Als wir fertig waren, kam deine SMS, dass du es erst heute schaffst. Im Laufe des Tages. Bei günstigen Umständen. Wenn überhaupt. Also bitte, ich hatte keine Ahnung, ob du überhaupt noch auftauchen würdest. “
„Es ging nicht anders ...“
„Natürlich, so wie es die ganzen letzten 12 Monate nach Vaters Tod auch nicht anders ging ...“
„Zehn“, sagt Frank.
„Was?“
„Es waren nur zehn Monate.“
„Weißt du was, Frank? Du kannst mich mal.“
Frank holt tief Luft, aber seine Schwester hat bereits aufgelegt.
Er spürt, wie ein leichtes, aber beständiges Pochen in seinen Schläfen Kopfschmerzen ankündigt. Er war noch nicht im Garten und in der Einliegerwohnung im Keller, und oben hat er sich auch noch nicht richtig umgesehen. Das alles wird warten müssen, denkt er und beschließt, seine Reisetasche aus dem Auto zu holen und sich erst einmal für die Nacht einzurichten.
Draußen taucht die tief stehende Sonne die kleine Straße in rötliches Sommerabendlicht. Der alte Schubert liegt gegenüber mit einem Kissen unter den Ellenbogen und einer Flasche Bier in der Hand im Fenster und verfolgt jeden seiner Schritte.
„Schönen guten Abend, Herr Schubert!“ Frank winkt demonstrativ fröhlich hinüber, und der alte Griesgram murmelt ein kaum verständliches „’N Abend“.
Zwei Jungs mit Handtüchern über den schmalen Schultern schlurfen in kurzen Hosen und Badelatschen ein Stück weiter vorne über den Rad- und Fußweg, der hier an der Umgehungsstraße entlangführt. Die beiden rempeln sich beim Laufen ständig gegenseitig an und lachen. Wahrscheinlich auf dem Heimweg vom Freibad, denkt Frank und sofort fallen ihm die ratternden, blau lackierten Drehkreuze und das Kassenhäuschen wieder ein, vor dem er als Kind so oft, nur mit einem zusammengerollten Handtuch unter dem Arm und dem abgezählten Eintrittsgeld in der Hand, in der Warteschlange gestanden hat. Er erinnert sich an das Gefühl von nackten Fußsohlen auf heißen Gehwegplatten und sieht vor sich den alten Schwimmbad-Kiosk, der früher direkt über dem Eingangsbereich lag und nur durch Treppenaufgänge an beiden Seiten zu erreichen war. Wenn man vom Eintrittsgeld doch mal etwas übrig hatte, brachte man es dorthin. Fünfzig Pfennige, das reichte für das billigste Eis und vier Weingummitiere oder Cola-Fläschchen. Und da war noch etwas ...

1980: Zehner

Am Tag, als die Sache auf dem Zehner passierte, war Frank mit Dolle im Freibad. Sie hatten ihre Handtücher etwas abseits am hinteren Rand der Liegewiese ausgebreitet, dort, wo die Äste der Trauerweiden fast bis auf den Boden herunterhingen. Frank lag bäuchlings auf seinem Handtuch und beobachtete den Betrieb auf dem Sprungturm. Die oberen Plattformen konnte man von der tiefer gelegenen Wiese aus gut sehen. Das Schwimmbecken selbst war auf der Längsseite von einer Hecke umgeben, hinter der man ab und zu Wasser aufspritzen sah, wenn einer der Springer einen Engländer oder eine unfreiwillige Arschbombe fabrizierte. Dolle war gerade unterwegs, um sich ein Eis zu holen. Frank konnte auf der Terrasse vor dem Kiosk das Gewimmel aus nackten Rücken sehen und schätzte, dass es noch eine gute Viertelstunde dauern konnte, bis sein Freund sich nach vorne durchgekämpft haben würde.
Dolle hieß eigentlich Andreas Dollmann und war der Einzige in Franks Klasse, der seine Leidenschaft für Computer teilte. Die Atari-Bubis wurden sie deshalb nur von den anderen genannt. Dabei hatte Frank gar keinen Atari, sondern einen Commodore VC20, aber das interessierte natürlich allerhöchstens Spinner wie Dolle, der bei den coolen Jungs in der Schule genauso abgemeldet war wie Frank, von den Mädchen ganz zu schweigen. Eins hatte Dolle Frank allerdings voraus: Sein großer Bruder war der berühmt-berüchtigte Achim Dollmann, der den einzigen schneeweißen Camaro im ganzen Kreis Groß-Gerau fuhr. An den Wochenenden war er meistens draußen in der Diskothek am Niederwaldsee oder in irgendwelchen Clubs in Darmstadt, um was aufzureißen. Achim war 19 und damit ganze vier Jahre älter als Dolle und Frank. Er trug seine Haare gerade lang genug für einen Popperscheitel und zog manchmal sogar einen schwarzen Lederschlips an, wenn er samstags auf Tour ging. Er hatte allerdings auch den Ruf, nicht lange zu fackeln, wenn ihm jemand querkam. Seinen kleinen Bruder behandelte er mit gönnerhafter Herablassung, und Frank fand die Bewunderung, die Dolle dem Älteren entgegenbrachte, immer etwas peinlich.
Frank wunderte sich, als er Dolle schon nach ein paar Minuten wieder die Treppe zur Liegewiese herunterkommen sah. Er nahm mehrere Stufen auf einmal und rannte sofort los, als er unten war. Eis hatte er keines dabei.
„Na, war dir wohl doch zu viel los da oben, was?“
Dolle schüttelte wild den Kopf, beugte sich vornüber und stützte die Hände auf die Knie, um besser Luft zu bekommen.
„Komm mit auf’n Zehner ...“, presste er schließlich hervor.
„Warum das denn?“
„Bruder ...“, keuchte Dolle immer noch ziemlich kurzatmig. „Mein Bruder ist mit so ’nem Aso von der West oben, das gibt bestimmt gleich was ...“
Frank sah zum Sprungturm hinüber, wo sich tatsächlich zwei Typen auf dem Zehner gegenüberstanden. Hinter den beiden konnte er noch drei andere Gestalten erkennen, die obercool am rot lackierten Geländer lehnten. Aso nannte Achim jeden, den er nicht leiden konnte, und sein jüngerer Bruder hatte den Spruch von ihm übernommen. Dass der bedauernswerte Kerl, der sich mit Achim angelegt hatte, von der West war, hieß, dass er nicht wie Frank und Dolle auf die Gesamtschule Ost ging, sondern Schüler der gegenüberliegenden IGS West auf Esch war.
„Komm schon, da geht gleich die Post ab ...“ Dolle hüpfte ungeduldig von einem Bein auf das andere, als sei der Rasen unter seinen Füßen plötzlich glühend heiß geworden.
„Ich weiß nicht“, sagte Frank vorsichtig, „was sollen wir denn dabei?“
„Jetzt komm schon, Achim hat extra gesagt, ich soll dich mitbringen!“
Daher wehte also der Wind, der große Bruder brauchte offensichtlich noch Publikum für seine Show. Frank stand achselzuckend auf und folgte seinem Freund. Er war schon bei Gleichaltrigen nicht gerade angesagt und hatte keine Lust, es sich jetzt auch noch mit einem Macker wie Achim Dollmann zu verscherzen.
Sie sprangen gerade auf Zehenspitzen durch das eiskalte Fußbecken, das man immer durchqueren musste, wenn man zum Turm wollte, da sah Frank in einiger Entfernung den Bademeister am Rand des Schwimmerbeckens stehen. Er trug eine Sonnenbrille, Badelatschen und ein straff über seinem Bauch sitzendes Unterhemd, das er sich in den Bund seiner Shorts gesteckt hatte. Der Bademeister schien einfach nur müßig in der Sonne herumzustehen und in den Himmel zu gucken, aber plötzlich machte er eine schnelle Bewegung nach vorne und schnappte einen Jungen an der Schulter, der gerade im Begriff war, vom Seitenrand ins Schwimmerbecken zu hechten. Dolle war bereits auf der Leiter zum Turm, seine nassen Füße hinterließen dunkle Abdrücke auf den noch warmen, trockenen Holzstufen. Als Frank elf, zwölf Jahre alt gewesen war, hatte es einen Sommer gegeben, in dem er unermüdlich vom Dreier und mitunter auch mal vom Fünfer gesprungen war. Vom Siebenfünfziger oder gar vom Zehner war er allerdings nie gesprungen, auch wenn er damals oft genug oben gestanden hatte.
Als Frank jetzt auf der Zehnerplattform ankam, sah er zuerst die drei Typen am Geländer stehen, die Achims Gegner offenbar den Fluchtweg zur Leiter abschneiden sollten. An der gegenüberliegenden Seite lehnte Dolle mit verschränkten Armen an dem Betonquader, der sich nach oben hin immer mehr verjüngte und in den Metallstiegen eingelassen waren, die bis zu einem Mast führten, an dessen Ende die Fahne mit den Groß-Gerauer Farben wehte. Dolle winkte Frank aufgeregt zu sich, und einer der Typen am Geländer grinste. Die drei trugen kurze Sportbadehosen in Rot, Grün und Blau, was sie in Franks Augen aussehen ließ wie eine bösartige Teenagerversion von Tick, Trick und Track.
Die beiden Kontrahenten standen sich am äußersten Ende der Plattform gegenüber, wo es rechts und links kein Geländer mehr gab. Keiner bewegte sich oder sagte etwas. Frank sah den Wasserturm hinter ihnen über den dicht belaubten Bäumen des alten jüdischen Friedhofs, dessen Mauern an das Freibad angrenzten, aufragen. Er sah den Glockenturm der evangelischen Stadtkirche in der Ferne, der wie gemalt über den braun- und rotgedeckten Dächern der Kleinstadt aufragte, und noch weiter hinten konnte er jetzt sogar die langgezogene blaue Hochlagerhalle der Wick Pharma GmbH in der Nordsiedlung erkennen. Vor dieser Kulisse stand Achim Dollmann, der heute keinen Popperscheitel trug, sondern sich die Haare glatt zurückgekämmt hatte, und wartete darauf, dass der andere eine falsche Bewegung machte. Der andere, obwohl deutlich jünger, war ein kleines Stück größer als Achim, aber dort, wo man bei Dolles Bruder Muskeln sah, hatte er nur eine flache Hühnerbrust und bleistiftdünne Ärmchen zu bieten. Er hatte das Kinn nach vorne gereckt wie ein wachsamer Vogel und seine flachsblonden Haare fielen ihm bis über die Schultern.
„Junge, Junge“, sagte Achim Dollmann zu seinen drei Freunden am Geländer, „sollen wir dem Aso vielleicht mal einen Gefallen tun und ihn zum Friseur bringen?“ Die drei grunzten belustigt und auch Dolle kicherte gehässig. Der andere schnickte sich die Haare aus dem Gesicht und sah Achim Dollmann einfach nur an. Wieder dachte Frank an einen Vogel und wunderte sich, dass er es auf einmal schade fand, dass dieser Vogel nicht einfach würde davonfliegen können. Stattdessen wurde er jetzt von Achim Dollmann leicht gegen die Brust gestoßen, sodass er einen Moment um sein Gleichgewicht kämpfen musste. Er würde natürlich jederzeit springen können, dessen war sich Frank ziemlich sicher, aber noch bevor er unten aus dem Becken raus wäre, würden Achim und Tick, Trick und Track an der Leiter auf ihn warten. Nein, der Vogel konnte weder wegfliegen noch springen, er war hier oben gefangen und alle warteten darauf, was Achim Dollmann mit ihm anstellen würde.
„Na, bist wohl bisschen wacklig auf den Beinen, was?“
Der andere sagte nichts, schaute Achim einfach nur weiter unverwandt an.
„Sag doch mal was, Arschloch!“ Wieder stieß er ihn vor die Brust, aber diesmal fester. „Mann, was bist’n du für’n Mädchen ... na ja, kein Wunder bei den Haaren ...“
Achims Kumpel grinsten, aber die Sache mit den Haaren war nun endgültig ausgereizt. Der große Dollmann drehte dem anderen demonstrativ den Rücken zu, als habe er auf einmal völlig das Interesse an ihm verloren, dann wirbelte er plötzlich herum und packte ihn fest am Arm. „Du kriegst gleich ganz schön was auf die Fresse, Aso!“
Die Bewegung kam so schnell und unerwartet, dass alle, sogar Tick, Trick und Track, erschraken. Nur der andere stand unbeeindruckt vor Achim und schnickte sich die Haare aus dem Gesicht. Er war nicht einen Schritt zurückgewichen.
Während Dolle neben ihm die Fäuste ballte und immer noch der Show seines großen Bruders entgegenfieberte, sah Frank etwas in Achim Dollmanns Augen aufflackern, was er nicht für möglich gehalten hätte: Unsicherheit.
„Komm schon, wehr dich endlich, du Tussi!“ Achim brüllte den anderen jetzt an wie ein Ausbilder bei der Bundeswehr einen unwilligen Rekruten. Er hatte ihn immer noch am Arm gepackt und stand jetzt so nah vor ihm, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten, aber der andere bewegte sich nicht.
Du hast verloren, Achim, dachte Frank auf einmal und konnte sich nicht erklären, warum. Dolles Bruder würde schließlich immer noch jeden Moment zuschlagen können, und der andere ein blutende Nase oder eine aufgesprungene Lippe davontragen, aber Frank spürte, dass Achim, egal, was er als nächstes tun würde, trotzdem nicht mehr gewinnen konnte. Und er war sicher, dass Achim das auch wusste.
„Eh, runner vom Zehner, unn zwar alle middenanner!“
Der Bademeister stand wie aus dem Boden gewachsen auf der hinteren Plattform. „Entweder es werd gesprunge odder ihr nemmt die Leider, awwer jetz is emol Schluss hier owwe!“
Frank erkannte das verkratzte silberne Schild mit der tiefschwarz eingestanzten Aufschrift GESPERRT, das der Bademeister unter dem Arm trug und das er nachher sicher an der Leiter zum Zehner anbringen würde.
„Des iss’n Sprungtorm, da hippt mer enunner unn steht net de ganze Daach druff dumm rum. Morje mach ich glei nur bis zum Fünfer uff, damit emol Ruh is. Unn jetz runner mit eich, awwer flott!“
Achim und seine Kumpel setzten sich als Erste in Bewegung. Frank dachte, sie würden springen, aber dann nahmen sie doch die Leiter. Der enttäuschte Dolle folgte seinem Bruder, dann ging auch Frank.
Der andere wartete bis zuletzt, dann sprang er.
Auf dem Weg zur Liegewiese sagte Dolle: „Da hat der Aso aber Glück gehabt, dass der Bademeister gekommen ist, sonst hätte mein Bruder ihn fertiggemacht.“
Achim lief ein Stück weiter vorne zwischen seinen Freunden und sagte nichts. Frank nickte, aber Dolle war immer noch nicht zufrieden. Er machte zwei, drei große Schritte, holte seinen Bruder ein und tippte ihm auf die Schulter.
„Stimmt doch, Achim, oder?“
„Mensch, verpiss dich und nerv nicht.“
Achim ließ seinen kleinen Bruder stehen und zog davon. Frank sah Dolle an, der ihm mit offenem Mund hinterhersah.
„Wie wär’s jetzt mit Eis ...“, schlug Frank vor.
„Er hätte ihn fertiggemacht.“
„Klar“, sagte Frank, „hätte er.“
Dolle wollte kein Eis, legte sich auf sein Handtuch und schmollte. Frank sah zur leeren Zehnerplattform hinauf. Auch auf dem Siebenfünfziger war jetzt niemand mehr zu sehen, wahrscheinlich hatte der Bademeister die untere Plattform gleich mit gesperrt. Im Laufe des Nachmittags ertappte er sich immer mal wieder dabei, dass er nach dem vogelgleichen Typ mit den langen Haaren Ausschau hielt, konnte ihn aber nirgendwo mehr entdecken.

2010: Kopfschmerzen

Das Pochen in seinen Schläfen ist nicht besser, aber auch nicht schlimmer geworden. Franks Körper fühlt sich träge und schwer an, aber sein Hirn ist immer noch in fieberhafter Alarmbereitschaft, beschäftigt mit dem Wust an Dingen, die in den nächsten Tagen zu erledigen sind. Seine Schwester ist wohl der Meinung, sie habe mit der Pflege der Mutter ihre Schuldigkeit getan. Außerdem würde sie ihm früher oder später vorwerfen, dass sie schließlich eine eigene Familie habe, um die sie sich kümmern müsse, und er nicht. Als ob ihr Mann, ein stoffeliger Bundesbeamter, mit dem Frank nie richtig warm geworden ist, und ihr pubertierender Sohn ohne ihre Fürsorge eingehen würden wie ausgesetzte Hundewelpen. Frank lässt sich auf der Couch im Wohnzimmer nieder und schaltet den Fernseher ein, um das Gedankenkarussell in seinem Kopf anzuhalten. Er zappt sich durch die Kanäle und bleibt schließlich bei einer Reportage über die Kletteraktivistin Cécile Lecomte hängen. Die frühere französische Jugendmeisterin im Sportklettern führt nun sogenannte Baumbesetzungen durch. Ein Einspieler zeigt sie in einer Hängematte schaukelnd hoch über dem Boden in den Baumkronen im Kelsterbacher Wald. Bei dieser Aktion aus Protest gegen die neue Nordwest-Landebahn des Frankfurter Flughafens im Frühjahr 2009 habe sich die damals knapp 28-jährige Aktivistin eine Anklage wegen Hausfriedensbruch eingehandelt, vermeldet die sonore Stimme des Sprechers aus dem Off, dazu zeigt die Regie eine Schar ratloser Polizisten, die um die Baumstämme schleichen. Die nächste Einstellung: Reges Treiben in den Terminals am Frankfurter Flughafen. Ein Reporter fragt Geschäfts- und Urlaubsreisende, ob ihnen der Name Cécile Lecomte etwas sagt, die meisten schütteln den Kopf, einer tippt sich mit dem Finger an die Stirn und grinst.
Alles anders und doch immer wieder dasselbe, denkt Frank, dem bei den Bildern die Auseinandersetzungen um die Startbahn West in seiner Jugend einfallen. Der Bericht endet mit dem eingefrorenen Bild der quirligen Französin, wie sie an einem Seil über einer Bahntrasse baumelt, um einen Castor-Transport zu stoppen. Bevor die anschließende Nachrichtensendung beginnt, schaltet Frank den Fernseher aus und geht nach oben.
Durch das Fenster am Ende des Flurs im ersten Stock sickert ein dünner Streifen Licht. Die Tanne vor dem Fenster hat den schmalen Gang schon immer dunkler wirken lassen, als es hätte sein müssen, weshalb sein Vater früher regelmäßig ankündigte, den Baum beim nächsten Mal nicht nur beschneiden, sondern gleich ganz fällen zu lassen. Aus irgendeinem Grund hatte er es dann aber doch nie getan, sondern die Äste jedes Jahr erneut wieder nur ein Stück zurechtstutzen lassen.
Die Neumanns, denen das Nachbargrundstück gehörte, hatten zwar hin und wieder Anspielungen gemacht, dass ihnen der Baum das ganze Licht nehme und sich außerdem bei Unwettern bedrohlich über den Zaun neige, aber nie direkt darum gebeten, ihn zu fällen. Auf Anspielungen aber reagierte sein Vater, der sich ansonsten gegen jedes Lebensrisiko absichern wollte und immer an die Konsequenzen des eigenen Handelns dachte, grundsätzlich nicht. Konsequenzen, Frank wusste nicht, wie oft er dieses Wort aus dem Mund seines Vaters gehört hatte und wie oft er seine Mutter dazu ehrfürchtig nicken gesehen hatte.
Bad und Elternschlafzimmer liegen auf der rechten Flurseite, die beiden ehemaligen Kinderzimmer, mit den Fenstern zum Garten, auf der anderen. Eigentlich hat Frank geplant, noch einen schnellen Blick in alle Räume im ersten Stock zu werfen, hat auch die Hand schon auf der Türklinke zum Elternschlafzimmer, aber dann hält er auf einmal inne. Das Pochen in seinen Schläfen hat zugenommen, er muss für einen Moment die Augen schließen, um es erträglicher zu machen. Morgen, denkt er, vielleicht morgen, und betritt statt des Schlafzimmers den gegenüberliegenden Raum.
Sein alter Kleiderschrank mit dem großen ADAC-Aufkleber (Hallo Partner! Dankeschön!) steht noch immer am gewohnten Platz – wahrscheinlich vollgestopft mit Wintersachen, Daunenkissen und Bettdecken. An der anderen Wand, wo sich früher einmal sein Schreibtisch und die Computerecke befanden, sind Regale an die Wand gedübelt, die sich unter dem Gewicht alter Bücher und dicker Leitz-Ordner bereits leicht durchgebogen haben. Unter dem Fenster steht das Gästebett, an dessen Kopfende eine Klemmleuchte angebracht ist, und davor steht ein kleiner Beistelltisch mit einer Flasche Sprudelwasser und einem Glas. Offenbar hat Andrea die letzten Tage hier übernachtet, als man Mutter überhaupt nicht mehr allein lassen konnte.
Frank hievt seine Tasche auf das Bett und stellt dabei fest, dass es frisch bezogen ist. Das Glas steht mit der Öffnung nach unten auf der Tischplatte und die Flasche daneben ist randvoll und verschlossen. Er nimmt sich fest vor, seine Schwester gleich morgen früh anzurufen, um sich bei ihr zu entschuldigen, dann öffnet er das Fenster über dem Bett und holt seinen Kulturbeutel aus der Reisetasche, die er am Morgen gepackt hat. Gepackt heißt, dass er einfach einige Garnituren Wechselwäsche, Toilettenartikel und ein zusätzliches Paar Schuhe in die Tasche geworfen hat. Gott sei Dank hat er dabei auch an eine Notration Aspirin gedacht.
Seiner Putzfrau hat er bei voller Bezahlung für die kommende Woche freigegeben und Christoph, sein Geschäftspartner, hat auf seine Ankündigung, dass er ein paar Tage wegmüsse, augenzwinkernd gesagt, er solle sich mit dem Zurückkommen bloß nicht beeilen. Frank weiß, dass ihn viele seiner Mitarbeiter für einen pedantischen Erbsenzähler ohne Privatleben halten.
In den Ecken haben sich dunkle Schatten eingenistet und die Dinge im Zimmer beginnen schon langsam ihre Umrisse zu verlieren. Frank knipst die Leselampe an und massiert sich die Schläfen. Sein Blick gleitet über die mit schwarzem Edding beschrifteten Ordnerrücken im Regal an der Wand. „Haus“ steht auf den meisten, „Steuer“ und „Rente“ auf anderen. Auf dem untersten Regalboden stehen Hefter ohne Rückenaufdruck, nur ein einziger davon ist beschriftet. Frank geht hinüber, nimmt den Ordner mit seinem Namen aus dem Regal und schlägt ihn auf.
Die Zeitungsberichte sind am oberen rechten Rand in Mutters Handschrift datiert und stecken in Klarsichthüllen, die aneinander haften und sich beim Umblättern geräuschvoll lösen. „Wir waren ein Start-up, als es noch gar keine Start-ups gab“, ist einer der Artikel mit einem Zitat überschrieben. Frank kann sich zwar nicht daran erinnern, dass Christoph oder er jemals so etwas gesagt haben, aber falsch ist es deshalb nicht. Seine Mutter bemühte sich damals aufrichtig, aber vergeblich, zu begreifen, was ihr Sohn denn nun eigentlich von Beruf sei. Wenn die Nachbarn sie danach fragten, sagte sie einfach: Computerfachmann. In den Augen seines Vaters hingegen hatte Frank gar keinen richtigen Beruf, sondern lediglich eine Möglichkeit zum Geldverdienen ergriffen. Dass sein Sohn schon während des Studiums zusammen mit einem Kommilitonen eine Firma gegründet und schon bald mehr Zeit mit der Vermarktung selbst entwickelter Software als in Vorlesungen verbracht hatte, war für Franks Vater ein ganz unverantwortlicher Leichtsinn gewesen. Auch später, als sie bereits mehrere Angestellte beschäftigten und grundsolide deutsche Großunternehmen zu ihren Stammkunden zählten, bezeichnete er das florierende Geschäft immer noch kopfschüttelnd als „windige Angelegenheit“. Frank wusste, dass es zum einen an der Branche und den Produkten lag, unter denen sich sein Vater, der noch vor der flächendeckenden Einführung der EDV berentet worden war, nichts vorstellen konnte. Zum anderen aber schien er enttäuscht zu sein, dass Frank in seinem Leben offensichtlich weder an geregelten Arbeitszeiten noch an der Gründung einer eigenen Familie interessiert war. Ein kleines bisschen stolz war sein Vater lediglich auf den guten Studienabschluss des Sohnes, und Frank hätte sich lieber die Zunge abgebissen, als seinem Vater zu beichten, dass er das Diplom damals eigentlich nur noch ihm zuliebe gemacht hatte. Christoph, sein ehemaliger Kommilitone und jetziger Geschäftspartner, hatte zu diesem Zeitpunkt schon lange die Uni geschmissen, um sich nur noch um die Geschicke der Firma zu kümmern.
Frank spürt, wie das Pochen in seinen Schläfen zu einem energischen Klopfen anschwillt. Er stellt den Ordner zurück ins Regal, nimmt eine Tablette aus dem Seitenfach seines Kulturbeutels und spült sie mit einem Schluck aus der Wasserflasche herunter. Ein paar Minuten später hat er sich bis auf die Unterwäsche ausgezogen, liegt mit geschlossenen Augen auf dem Bett und wartet darauf, dass das Klopfen in seinem Kopf endlich nachlässt. Er hört das Rauschen der Umgehungsstraße durch das offene Fenster, ein Geräusch, das ihn in den Sommern seiner Kindheit jeden Abend in den Schlaf begleitete. Er befürchtet, dass er bestimmt noch lange so wach liegen und nicht einschlafen können wird, da werden seine Gedanken bereits sanft auf dunklen Wellen davongetragen.

1980: Der Neue

„Bei den Atari-Bubis und Oma Jehova ist noch was frei!“ Stephan deutete lässig mit dem Daumen nach hinten und alles lachte.
An den zwei zusammengerückten Doppeltischen am hinteren Ende des Klassenraums saßen Frank, Dolle und Ruth Schultes, die von allen nur Oma Jehova genannt wurde.
Ruth trug fast ausschließlich knielange Strickkleider und braune Stiefel. Ihre Haare waren immer zu einem derart straffen Zopf oder Dutt geflochten, dass es so aussah, als würde ihr die Gesichtshaut permanent gewaltsam nach hinten gezogen. In den Pausen saß sie mit ihren beiden jüngeren Schwestern abseits auf einer Bank und blätterte in den Traktaten, die ihre Eltern samstagvormittags wie lebende Reklametafeln in der Innenstadt vor sich hielten. Meistens standen sie gegenüber der Sparkasse an der Rheinelektra, weil dort die meisten Leute vorbeimussten, wenn sie vom Wochenmarkt kamen.
„Jetzt kriegt euch mal wieder ein!“ Herr Orthmann schüttelte den Kopf und berührte Timo leicht am Arm. „Ja, also dann …“
Timo sagte nichts, sondern steuerte den freien Platz zwischen Ruth und Frank an. Er vermied es, durch die Mitte des Klassenraums zu gehen, sondern drückte sich zwischen der äußeren Sitzreihe und der Wand mit den Heizkörpern hindurch, sodass einige seiner neuen Mitschüler motzend ein Stück mit ihren Stühlen nach vorne rücken mussten, um ihn durchzulassen. Er trug ausgewaschene Levis und eine abgerissene Jeansjacke. Angezogen wirkte er gar nicht mehr so mager wie im Schwimmbad. Er war recht groß und hatte breite Schultern, aber als er die Jacke auszog und über die Stuhllehne hängte, sah Frank die schmalen Handgelenke und sehnigen Unterarme, die aus den Ärmeln seines etwas zu kurz geratenen grauen Sweatshirts hervorschauten.
Timo hatte sich mit einem Edding ein schwarzes Kreuz auf den Rücken seiner ausgewaschenen Jeansjacke gemalt und in das Kreuz den Namen BON SCOTT geschrieben, wobei der Vorname im Querbalken des Kreuzes stand und das O in der Mitte zugleich das O des Nachnamens SCOTT bildete, dessen Buchstaben von oben nach unten in den vertikalen Balken geschrieben waren. Frank wusste, dass Bon Scott der vor Kurzem verstorbene Sänger der Hardrockband AC/DC war. Es gab ein, zwei Lieder, die er wohl schon einmal gehört, deren Titel er sich aber nie gemerkt hatte, weil er sich eigentlich gar nicht richtig für Musik interessierte. Die Mädchen in seiner Klasse standen alle auf ABBA und ein paar von den Jungs auf Queen und Pink Floyd. Frank hörte deren Titel ab und zu im Radio, „Gimme, gimme, gimme a Man after Midnight“ von ABBA war ihm lange Zeit nicht aus dem Ohr gegangen und neuerdings lief nachmittags ständig Pink Floyds Hit „Another Brick in the Wall“ auf HR3.