Professor MacAllister, Rom - Plinius der Jüngere, Pompeji - Anouk Stonewood - E-Book

Professor MacAllister, Rom - Plinius der Jüngere, Pompeji E-Book

Anouk Stonewood

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Beschreibung

Schottland 1924 Prof. MacAllister macht sich zusammen mit seiner isländischen Assistentin Brynja, einem Hilferuf seines alten Freundes Prof. Giordanos folgend, auf den langen Weg nach Italien. Während der Ausgrabungen in Pompeji kam es zu mysteriösen Todesfall. In Italien angekommen, erwarten sie nicht nur ein unverhofftes Wiedersehen mit alten Freunden, sondern ein neuer Kriminalfall. Römische Kaiserzeit, 1. Jhr. n. Chr. Von ihrem Vater mit einem einflussreichen römischen Staatsmann verheiratet, gibt Lydia die Hoffnung auf ein Leben mit ihrer wahren Liebe nicht auf. Nach Jahren des Wartens und einem unverhofft Mord ist es schließlich Plinius der Jüngere, der ihr hilft. Doch mit dem bevorstehenden Ausbruch des Vesuv ändert sich alles. Schließlich bringen die Ausgrabungen im Pompeji durch Prof. Giordano, Prof. Macallister und ihrer Freunde Licht ins Dunkel.

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Seitenzahl: 269

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Professor MacAllister, Rom - Plinius der Jüngere, Pompeji

Professor MacAllister, Rom - Plinius der Jüngere, PompejiPrologKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Kapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Kapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Kapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Kapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Kapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Kapitel 34Kapitel 35Kapitel 36Kapitel 37Kapitel 38Kapitel 39Kapitel 40Kapitel 41EpilogImpressum

Professor MacAllister, Rom - Plinius der Jüngere, Pompeji

Prolog

Rauch erfüllt den kleinen Raum. Die schwachen Fackeln erhellen unsere Umgebung nur spärlich. Zwischen den Nebelschwaden tauchen dunkle Gestalten auf. Kapuzen verbergen ihre Gesichter. Rhythmisch bewegen sie sich im Kreis um uns herum. Stimmen sprechen im Chor. Lateinisch? Griechisch? Eine barbarische Sprache? Ich vermag es nicht zu verstehen.

Schwerlich kann ich atmen. Der Rauch brennt in meinen Lungen. Die Stricke schneiden immer tiefer in meine Haut. Blut bahnt sich den Weg meiner Hand- und Fußgelenke hinab auf den Boden.

Die Gestalten kommen näher, bis der Kreis sich um uns schließt. Klingen blitzen im Rauch kurz auf. Mein Geliebter. Ich höre einen Schrei, doch entstammt er nicht seiner Kehle, als sie zustechen, bis er schließlich in sich zusammensackt.

Es ist der meine. Sie wenden sich mir zu. Wieder erklingt der Chor der Unbekannten. Ich sehe die Klinge. Kurz darauf spüre ich den Stich.

Keine Hochzeitsnacht sollte ein solches Ende nehmen.

Kapitel 1

Von allen Geschenken,

die uns das Schicksal gewährt,

gibt es kein größeres Gut

als Freundschaft –

keinen größeren Reichtum,

keine größere Freude

(Epikur)

Ende August 1924

Edinburgh, Portobello

Seit ihrer Ankunft im März 1924 in Schottland hatte die junge Isländerin Brynja einige aufregende Monate in Edinburgh verbracht.

Erwartet hatte sie nichts, als sie sich nach dem in Kopenhagen abgeschlossenem Studium bei Professor Malcolm MacAllister um eine Doktorandenstelle am archäologischen Institut der Universität bewarb. Ehrlich gesagt, war sie zunächst über die schnelle Zusage des schottischen Professors, der zwar einen hervorragenden wissenschaftlichen Ruf genoss, allerdings auch als eigenwillig und sonderbar galt, überrascht.

Die Hochschulen von Bologna, Rom und Paris hatten sie auf Grund ihrer ausgesprochen mäßigen Beurteilungen abgelehnt. MacAllister jedoch beschäftigte sich nicht mit subjektiven Noten, las lieber wissenschaftliche Abhandlungen als Zeugnispapiere und benötigte dringend eine neue Assistentin. Ehrgeizige, aufstrebende Archäologen rissen sich weder um die Zusammenarbeit mit dem eigentümlichen Herrn aus Schottland, noch um einen längeren Aufenthalt im einsamen hohen Norden.

Brynja war seit langer Zeit die einzige Bewerberin.

MacAllister mochte sie sofort. Warum konnte er nicht erklären. Sie war einfach anders.

Ähnliches empfand die Isländerin, als sie den Schotten zum ersten Mal sah.

Der Professor verbrachte die meiste Zeit hinter seinem Schreibtisch in einer völlig verstaubten, dunklen Stube, die er sich als Büro eingerichtet hatte, schlief oft in demselben auf einem Feldbett. Er reiste nicht – noch nicht einmal zu den Feldarchäologen an den Hadrianswall, deren Funde er ausschließlich im Institut begutachtete und katalogisierte. Und das mit größter Genauigkeit, die er auch von seinen Mitarbeitern verlangte. Ohne Diskussion. Schluderei auf dem Papier ließ er nicht zu.

Er liebte schottischen Whisky. Single Malt. Vorzugsweise aus Oban. Und seine Frau, Lady Bethany Louise Hirmington, die gemeinsam mit ihrer Geliebten Anabell ein angenehmes Leben in einem noch angenehmeren Stadtpalais in Edinburgh verbrachte. Er liebte sie auf seine Weise:

Ihr gesellschaftliches und soziales Engagement, ihre Intelligenz, ihre Lebensfreude und ihre Großzügigkeit, die sie sich auf Grund einer, zugegeben ererbten, finanziellen Sicherheit problemlos leisten konnte.

Gesellschaftliche Überlegungen hatten ihren mittlerweile verstorbenen Vater Lord Hirmington veranlasst, die Eheschließung mit dem geachteten Professor in die Wege zu leiten, wobei er die intime Beziehung seiner Tochter zu Anabell respektierte. Er war ungewöhnlich tolerant.

Die Isländerin hatte nicht nur wissenschaftliche Fortschritte gemacht, sie hatte „Leben“ gelernt, Feste gefeiert, getanzt und gelacht. Durfte reisen und schließlich zusammen mit ihren neuen Freunden zwei Morde aufklären.

Einen in der Antike und einen im hier und jetzt.

Nun wollte sie sich endlich ihrer Doktorarbeit zuwenden.

Doch es kam anders.

Bei ihrer Geburtstagsfeier am 24.August 1924 im „Little Flower House“, einem Cottage, das ihr MacAllister gerne kostenlos zum Wohnen zur Verfügung gestellt hatte, bat der Professor sie überraschend, ihn auf eine Reise nach Italien zu begleiten.

Sein alter Freund, Professore Francesco Giordano hatte brieflich um Hilfe gebeten. Giordano lebte, lehrte und forschte sein einigen Jahren in Rom. Auf einem Grabungsabschnitt in Pompeji war es zu Unregelmäßigkeiten gekommen.

Kapitel 2

Nam quod in iuventus non discitur,

in matura aetate nescitur

Was man in der Jugend nicht lernt,

lernt man im Alter niemals

(Cassiodor)

67n.Chr.

Villa der Familia Persia, Pompeji

Sie konnte einfach nicht verstehen, warum sie nicht mit ihm spielen durfte. Beleidigt saß sie nun in dem Garten des großen Anwesens. Ihr Kindermädchen Sophia saß neben ihr. Das Mädchen spürte den strengen Blick der jungen Sklavin auf sich ruhen. Zunächst hatte das Mädchen protestiert, doch sie wurde in ihre Schranken gewiesen. Mürrisch drehte sie sich zu Sophia um.

„Warum darf ich mit allen anderen Kindern spielen, nur mit diesem Jungen nicht?“

Die junge Griechin mit den langen dunklen Haaren sah ihren Schützling an, zögerte einen Moment und bat sie ein Stück näher zu kommen. Gemeinsam saßen sie, wie oft an Sommertagen, im Grünen. Die Familie hatte sich auf das Anwesen auf dem Land zurückgezogen, um der Stadt Rom während der wärmsten Wochen des Jahres zu entfliehen.

Seit der Geburt des Mädchens und dem damit verbundenen Tod ihrer Mutter hatte Sophia sich um das Mädchen gekümmert. Als Freigelassene stand sie im Dienst der Familie Persia. Doch war sie für das Mädchen nicht nur eine zweite Mutter, sondern auch eine Lehrerin, die ihr die Grundlagen des Lateinischen und Griechischen, sowie das Benehmen in der römischen Gesellschaft, näherbrachte.

Es war ungewöhnlich für Mädchen eine solche Ausbildung zu genießen. Zwar gab es viele Privatlehrer, welche die Kinder der römischen Oberschicht unterrichteten, doch waren ihre Schüler junge Männer, die von ihnen auf ihre politische oder militärische Laufbahn vorbereitet wurden. Von Frauen oder jungen Mädchen erwartete man hauptsächlich, dass sie sich um den Haushalt und die Kinder kümmerten, die sie ihrem Ehemann schenkten.

Sophia wusste nicht, warum man bei ihrer Schülerin eine Ausnahme machte oder was man sich von der hohen Bildung des jungen Mädchens erhoffte; dennoch würde sie keine der Unterrichtsstunden mit ihrer Schülerin missen wollen. Selten hatte sie ein Kind mit einer solch außergewöhnlichen Auffassungsgabe gesehen.

„Es ist eine lange Geschichte, Lydia.“, sagte Sophia schließlich.

„Vor langer, langer Zeit, als selbst die Mama deiner Mama noch sehr jung war, fast so ein kleines Mädchen, wie du es jetzt bist, geschah etwas Grauenhaftes.“

„Was denn? Erzähl bitte, was damals geschah.“, forderte die junge Zuhörerin ungeduldig.

„Deine Großmutter war, wie gesagt, sehr jung und sehr hübsch.“

„Aber das ist ja gar nicht grauenhaft.“, merkte das Mädchen vorlaut an.

„Nein, aber wenn du die Geschichte hören möchtest, dann musst du aufmerksam zuhören und darfst mich nicht unterbrechen, einverstanden?“

Lydia schien einen Moment lang zu überlegen, bevor sie der Sklavin überschwänglich zunickte und gespannt noch ein Stück näher an Sophie heranrückte.

„Deine hübsche Großmutter verliebte sich in einen wunderschönen Mann. Er war jung und stark und sehr mutig. Ein angesehener Mann im Dienste des römischen Kaisers Caligula.“

„Caligula? Ist Nero nicht der Kaiser?“, unterbrach das Mädchen.

„Gewiss, ist Nero Kaiser des Römischen Reiches, aber vor ihm war es Claudius und davor Caligula.“

Das Mädchen nickte zufrieden.

„Was passierte dann?“

„Der schöne Mann verliebte sich auch in deine Großmutter. Sie waren sehr glücklich zusammen. Doch eines Tages kam ein Gerücht auf.“

„Was ist das?“

„Das ist, wenn jemand vielen Leuten etwas erzählt, was gar nicht wahr ist.“, erklärte Sophia und fuhr fort, „Der Bruder deiner Großmutter war sehr neidisch auf den wunderschönen Mann, weil Caligula ihn immer bevorzugte und lobte.“

„Man soll nicht neidisch sein. Das ist nicht gut.“

Sophia nickte.

„Aber der Bruder deiner Großmutter war so neidisch, dass er allen erzählte, dass der wunderschöne Mann Incitatus‘ Nachtruhe vor dem großen Rennen gestört hat, obwohl er es gar nicht war.“

„Das ist gemein. Wer ist Incitatus?“

„Das war das Lieblingspferd des Kaisers Caligula. Er mochte es so gerne, dass er es angeblich zu einem Konsul gemacht hat. Aber das ist eine ganz andere Geschichte.“

„Was ist mit dem schönen Mann passiert?“

„Caligula war sehr wütend. Er musste Rom verlassen und der Bruder deiner Großmutter wurde reichlich belohnt und bekam sein Amt. Das machte die Familie des ansehnliches Mannes so wütend, dass sie den Bruder deiner Großmutter ermordeten.“

Mit großen Augen und offenem Mund sah Lydia Sophia an.

„Schließlich suchte der Vater deiner Großmutter den schönen Mann auf und brachte ihn gegen den Willen seiner Tochter um und verheiratete sie mit einem anderen Mann.

Danach waren beide Familien gleichermaßen eines geliebten Menschen beraubt und man ging sich aus dem Weg. Doch keine der beiden Familien sprach all die Jahre je wieder ein Wort miteinander.“

Das Mädchen legte die Stirn in Falten und den Kopf schief. „Und warum darf ich jetzt nicht mehr mit dem Jungen spielen?“

„Der Junge ist der Enkelsohn des schönen Mannes.“

Kapitel 3

Freundschaft ist eine Seele

In zwei Körpern

(Aristoteles)

August/ Anfang September 1924

Schottland

Nachdem Brynja im „Little Flower House“, das der Professor von seiner Tante geerbt hatte, noch einmal durch jedes Zimmer gegangen war, um zu prüfen, ob alles seine Ordnung hatte und die Fensterläden fest verschlossen waren, nahm sie den alten Seesack, sperrte die niedrige Holztür zu und setzte sich in den Garten. An den kleinen, runden Eisentisch, an dem sie so oft Briefe nach Hause geschrieben hatte. Der rostige Stuhl wackelte immer noch. Sie würde ihn später richten. Bestimmt.

„Später? Wann wird das sein?“ Brynja wurde nachdenklich und bekam ein wenig Angst vor der eigenen Courage. Nur ein wenig.

„Wollen sie nicht einsteigen?“

Die Isländerin hatte den Professor gar nicht bemerkt.

„SIE sind doch hier die Reise begeisterte Person. Erfahren, weit rumgekommen!“

„Nun mal langsam, Malty“, Brynja durfte ihren Lehrmeister seit einiger Zeit und diversen, gemeinsamen Erlebnissen mit diesem Kürzel ansprechen, „weit“ ist wohl etwas übertrieben.

Meine Heimat kenne ich, natürlich. In Kopenhagen habe ich studiert und nicht viel gesehen. Die Reise mit Lady Bethany, Anabell und Viktor, ihrem Chauffeur, quer durch das Vereinigte Königreich nach London – die war spannend. Allerdings habe ich mich zwischen diesen Dreien auch ausgesprochen geborgen gefühlt.“

„Was soll das denn nun wieder heißen? Vertrauen sie mir etwa nicht?“

„Nicht so ganz – weder ihren fahrerischen noch ihren beschützenden Qualitäten.“

MacAllister errötete, verstaute das Gepäck und fuhr los. Schweigend, ein wenig beleidigt.

„Nehmen sie mich einfach nicht so ernst, lieber Professor. Wir müssen uns aushalten.“ Bei diesen Worten wusste sie noch nicht, wie Recht sie hatte.

Die letzte Nacht in Schottland verbrachten die beiden im Stadtpalais in Edinburgh bei Lady Bethany und Anabell.

Es wurde nicht so viel gesprochen wie sonst und auch nicht so viel gelacht. Nach einem letzten, gemeinsamen Glas Oban verschwanden alle früh in ihren Zimmern.

Das Frühstück wurde um sieben Uhr von der guten alten Lillibeth serviert, die zu dem eine große Tasche mit Sandwiches, Kuchen und Obst vorbereitet hatte. Lillibeth hatte schon Lord Hirmington gedient.

Zum Abschied erschienen sogar noch Katie und Sammi MacIntosh, MacAllisters beste Freunde. Mit einer Tüte getrockneter Kräuter für die Zubereitung diverser Tees. Zum Genuss oder als Heilmittel. Aber auch als Erinnerung an viele gemeinsame Stunden. Mal in Katies Küche, mal im Cottage, meist jedoch im Stadtpalais.

Bethany übergab eine Flasche Oban, Anabell ein Büchlein über Italien. Viktor drückte Brynja so viele Straßenkarten in die Hand, wie er hatte auftreiben können. Und einige Zettel, auf denen er die wichtigsten Punkte der Route aufgezeichnet hatte.

„1620 Meilen bis Rom! Mit diesem Fahrzeug! Kommen sie nur heil dort an und gesund wieder zurück.“ Viktor erklärte Brynja noch einmal besondere Tücken des Motors und bat MacAllister um eine achtsame Fahrweise. Der Professor versprach, während er das Gepäck überprüfte, stets vorsichtig zu sein.

„Wir haben leider nur zwölf Flaschen Whisky an Bord! Das reicht niemals. In Italien trinkt man Wein, soweit mir bekannt ist.“

„Wie bitte? Wir fahren über Grenzen, lieber Malty! Schon mal was von Zollbeamten gehört? Ich bin nicht gut – weder im Lügen, noch im Bestechen.“

Die Isländerin nahm Bethany ein letztes Mal wehmütig in den Arm. „Danke. Danke für alles.“

„Wir sehen uns schneller wieder, als ihr denkt – und nun los mit euch! Francesco wartet!“

Katie und Sammi blieben noch lange stehen, während Bethany und Anabell schnell im Haus verschwanden.

„Sie haben eine Menge Zeug dabei, Professor! Bücher?“

„Nur zwei. Geschenke für Francesco. Über Kaiser Hadrian und Antinoos. Und über Schottland. Natürlich.

Außerdem benötigt man doch auch so einiges an Kleidung. Ich habe einfach mal alles eingepackt, was ich so in meinem Zimmer gefunden habe.“

Brynja musste laut lachen, kramte ein Heft hervor, in das sie die Reiseerlebnisse nieder schreiben wollte. Ein weiteres diente der Haushaltsführung.

Dank Bethany, die einen ordentlichen Kostenzuschuss gewährt hatte, konnten sich die beiden das Abenteuer überhaupt leisten.

Am späten Abend erreichten MacAllister und seine Assistentin Cambridge. In „Emilies B&B“ bekamen sie gemütliche Zimmer für die Nacht und sogar noch zwei Teller Irish Stew mit frisch gebackenem Brot.

Anschließend schlenderten sie noch ein wenig durch die wunderschöne, alte Universitätsstadt.

„Übrigens habe ich hier studiert, liebe Brynja! Ich zeige ihnen die interessantesten Gebäude wenigstens noch von außen. Das Fitzwilliam Museum und den botanischen Garten heben wir uns für später auf.“

„Sie haben HIER studiert? Ich dachte, sie hätten Schottland nie verlassen! Erzählen sie mir endlich mehr von ihrem Leben. Bitte …“

„Später, meine Liebe. Es war langweilig – bis ich Lord Hirmington, Bethany und Anabell kennen lernte. Und natürlich SIE.“

Während sie im „Frog“ noch einen Oban genossen, hielt MacAllister einen Monolog über die Geschichte der Stadt, die bereits in der späten Bronzezeit besiedelt wurde. Die Römer, die um 40 v.Chr. kamen, nutzten sie als militärischen Posten, und während der späteren Anglo – Sächsischen Zeit entstanden gute Handelsverbindungen. Im 9. Jahrhundert schließlich kamen die Wikinger.“

„Ob diese so genannten „Nordmänner“ wirklich so grausam waren, wie sie beschrieben werden? Der Begriff ist übrigens bis heute nicht vollständig geklärt.“

„Sprechen wir lieber von einer späteren Zeit! Zum Beispiel von der Universität, die 1209 gegründet wurde.“

„Wir fahren noch einmal hierher, lieber Professor, und dann erzählen sie mir die gesamte Historie.“

Es war stock dunkel, als sie „Emilies B&B“ erreichten.

Vor der Abfahrt inspizierte die Isländerin auf MacAllisters Wunsch hin noch sein Zimmer und fand unterm Bett verstreut einige Socken.

„Ich weiß doch nicht, welche Paare zusammen passen. Ich sehe nicht mehr so gut!“

„Professor! In London kaufen wir ein Monokel. Ihre Sachen packe ich um, wenn es ihnen recht ist. Einen Koffer für unterwegs, der andere bleibt im Auto.“

„Wird der nicht gestohlen? Ich traue keinem Fremden!“

„Soll ich das alles schleppen? Und wer will mit dem Zeug schon was anfangen?“

Brynja fand den Professor früh morgens, gegen sieben Uhr hinter dem Lenkrad sitzend. Er studierte mit zusammen gekniffenen Augen die Karte. Sie konnte ihn noch nicht einmal zu einem kleinen Frühstück überreden. Er wollte seine Sachen nicht mehr aus dem Blick lassen und so schnell wie möglich weiter.

„Einsteigen! Ich habe schon bezahlt.“

Unterwegs entwickelte sich ein spannendes Gespräch über Englands Geschichte.

„Mich interessiert“, fragte MacAllister, “welche Persönlichkeiten unserer Geschichte sie am meisten bewundern?“

„Niemanden! Ich bewundere niemanden – ich achte Menschen. Allerdings eher die Unbekannten. Die, die sich im Stillen engagieren, die Großes im Kleinen leisten. Wie zum Beispiel Lady Bethany, oder Lady Ena Silver, die wir morgen in Mayfair besuchen. Sie kämpfte, wenn auch lautlos, mit den Frauenrechtlerinnen. Aber sie kämpfte. Andere reden nur und tun nichts.“

Der Professor schüttelte den Kopf.

„Lassen wir das mal so stehen.

Ich halte es doch eher mit der Geschichte. Ich hätte zu gerne an König Artus sagenhafter Tafelrunde gesessen, später William, den Eroberer kennen gelernt. Und natürlich Richard Löwenherz!“ MacAllister strahlte übers ganze Gesicht.

„Sicher ein interessanter Charakter. Seine Mutter war Eleonore von Aquitanien. Den Schriften nach, eine außergewöhnliche Frau. Sie soll willensstark, eigenständig und intelligent gewesen sein. Die neuere Forschung betrachtet sie nicht mehr so kritisch wie die frühen Historiker. Eleonore wurde vermutlich 80 Jahre alt und in der Abtei Fontevrault beigesetzt. Neben Richard.“

„Willenstark wird überbewertet.“, nuschelte Malty kaum verständlich, um dann laut zu fragen:

„Was wissen sie über Mary I.?“

„Diese Frau stimmt mich eher nachdenklich. Verantwortlich war sie für große religiöse Spannungen und ließ im 16. Jahrhundert nahezu 300 Protestanten hinrichten!“

„Deshalb bekam sie ja auch den Beinamen „Bloody Mary“. Und wie denken sie über Elisabeth I., Marys Nachfolgerin?“

„Was soll ich sagen ... Auf der einen Seite förderte sie Kunst und Literatur, übersetzte antike Philosophen und beherrschte sechs Sprachen, was für einen gebildeten, fein geistigen Charakter spricht.

Unter ihrer Herrschaft, die immerhin über Jahrzehnte andauerte, gewann das Königreich an wirtschaftlicher Kraft.

Auf der anderen Seite jedoch galt Elisabeth als launisch und eitel. Trotzdem hätte ich auch sie gerne mal getroffen.

Es gibt Fakten, aber Charakterbeschreibungen sind nicht neutral.“

„Ach, Brynja! Zusammen mit William Shakespeare, Sir Walter Scott und James Cook wäre das wahrlich eine illustre Runde.

Interessante Vorstellung. Man könnte lange über diese Konstellation philosophieren …

Übrigens – heute übernachten wir exquisit. Bethany hat uns Zimmer im „Savoy“ spendiert.“

Die Isländerin hatte, ungeachtet diverser Einwände des Professors, mittlerweile das Steuer übernommen und parkte die Tin Lizzy direkt vor dem Hoteleingang.

Zum Dinner trug sie ein Kleid aus Silberlammé, ausgeliehen von Anabell, ein schwarzes Band mit Federn im offenen, leicht rötlichen Haar und passende Pumps, die Bethany ihr vermacht hatte.

MacAllister erschien im Kilt, was Brynja gar nicht mal anders erwartet hatte.

Die Herren vom aufmerksamen Service erinnerten sich sofort an die junge Frau, die vor einigen Monaten hier mit Bethany, Anabell und Viktor gespeist hatte und empfahlen einen schweren, neu eingetroffenen Bordeaux zum Lamm mit grünen Böhnchen.

„In diesem Aufzug schleppe ich sie ja nicht so gerne in die Clubs im West End, Malty!“

„Ich bitte sie! Ich bin Schotte und stehe dazu! Was sollen wir überhaupt in so einem Club?“

„Man spielt dort eine Musik, die sich „Jazz“ nennt. Ich möchte das so gerne mal hören. Whiskey haben die auch.“

Eher widerwillig orderte MacAllister eine Kutsche.

Die Reisenden genossen den Abend sehr, amüsierten sich über das außergewöhnliche, bunt und auffällig gekleidete Publikum, gingen lang nach Mitternacht beschwingt von der Musik – und ein wenig beschwipst von diversen Drinks zu Fuß zum Hotel, wo ein Diener sie sicherheitshalber zu ihren Zimmern begleitete.

Kapitel 4

Nemo enim potest personam diu ferre

Niemand kann auf Dauer eine Maske tragen

(Seneca)

74n.Chr.

Rom

„Du wirst heiraten! Jetzt lächle doch wenigsten ein bisschen.“, forderte Sophia sie auf.

„Sophia, Ich will ihn nicht heiraten.“

„So eine schlechte Wahl ist dein Gaius doch nun wirklich nicht. Er hat Geld und Ansehen in Hülle und Fülle.“, argumentierte Sophia.

„Er ist alt und riecht komisch.“, erwiderte Lydia.

„Außerdem besitzt er ein wunderschönes Haus in Rom und eine großzügige Villa inmitten der wunderschönen Landschaft Italias. Es wird dir an nichts fehlen.“

„Du wirst mir fehlen. Kannst du nicht mit mir kommen? Rede noch einmal mit meinem Vater. Er wird auf dich hören.“

„Du weißt, wie es ist. Dein Vater hat sich für Gaius als deinen zukünftigen Mann entschieden. Ich werde nach Pompeji auf das Landgut deines Vaters gehen und ihm dort meine Dienste erweisen. Du wirst mir schreiben  und ihr werdet mich bestimmt besuchen können.“

„Ich will aber nicht, dass du nach Pompeji gehst.“

„Hör mir zu. Du bist erwachsen. Du brauchst kein Kindermädchen mehr. Ich habe dir alles beigebracht, was ich weiß. Nun ist es Zeit, dass du in das Haus deines zukünftigen Mannes ziehst und dich seine Dienste stellst.“

„Aber…“

„Kein aber!“, unterbrach Sophia sie. „Wir werden deine Haare machen und dich anziehen und dann wirst du morgen heiraten, wie dein Vater es für dich vorausgesehen hat.“

Am Abend vor der Hochzeit trafen sich die beiden Familien des Paares und deren Haushalt vor dem Altar der Hausgötter. Ihr Vater und engere Verwandte in erster Reihe, die Sklaven und Freigelassene im Hintergrund. So standen sie um den kleinen Altar. Aufmerksam beobachteten sie einen jeden von Lydias Schritten.

Stillschweigend trug Lydia ihre hölzernen Spielsachen und Puppen im Arm, die sie ihr ganzes junges Leben lang begleitet hatten. Zusammen mit ihrer Tunika würden sie auf dem Altar verbrannt werden, als Opfer an die Götter des Hauses. Lange hatte sie sich gegen die Hochzeit im generellen und dieses Ritual gewehrt. Doch nun legte sie bereitwillig die Gegenstände nieder. Ein letzter Blick auf das hölzerne Pferd, ein letzter Gedanke an die vielen Stunden, die sie es durch das Sommergras galoppieren gelassen hatte.

Das Ritual markierte den Übergang von der Kindheit in die Welt der Erwachsenen. Ohne ein Wort des Protests von sich zu geben, ließ sie das Ritual über sich ergehen und sah sehnsüchtig in die Flammen, die ihre Erinnerungen an die Kindheit verschlangen.

Nun machte Sophia einen Schritt auf sie zu, in den Händen eine, von der zukünftigen Braut selbst gesponnene, Tunika. Gefertigt aus wunderschönen, edlen Stoffen, doch nichtssagend für Lydia. Widerwillig ließ sie sich diese anlegen. Zugeknotet wurde sie in mit einem Wollgürtel in der Taille, den erst ihr zukünftiger Ehemann in der Hochzeitsnacht wieder öffnen würde.

Am Morgen der Hochzeit, nach etlichen Stunden mühseliger Vorbereitung hatten Sophia und zahlreiche Sklaven der Familie ihr Werk vollendet.

Sie war frisiert, die Haare zu einem wunderschönen Kranz geflochten. Man hatte ihre Haut mit wohlduftender Eselsmilch eingerieben und ihr Gesicht mit dem Extrakt von ausgekochten Kalbsknochen behandelt, um der Entstehung von Falten vorzubeugen. Schließlich hatte man ihre Augenbrauen mit Antimonpulver nachgezeichnet und ihr Gesicht mit Bleiweiß gepudert. Schließlich hatte man ihr Mundwasser aus gemörserten Horn und destillierten Urin gereicht, um ihre Zähne in einem hellen Weiß erstrahlen zu lassen. Sie hätte gut darauf verzichten können.

Ihre Kleidung war anlässlich der Festivität aus besten Stoffen. In der figurbetonten weißen Tunika, die in der Taille eng gebunden und von einer goldenen Brosche gehalten war, hatte sie die Nacht verbracht. Über der Tunika trug sie nun in einem dunklen Gelbton das Flammeum, den Brautschleier.

Sie erblickte sich im Spiegel. Sie fühlte sich verkleidet. Dieser ganze Aufstand wegen der Hochzeit und dieser schlecht muffelnde Mann, mit dem sie gewiss nicht den Rest ihres Lebens verbringen wollte.

„Komm, wir müssen gehen.“, sagte Sophia und nahm ihren Arm.

Widerwillig folgte sie ihr die Treppe hinunter, an deren Ende die Gäste bereits warteten.

Sofort erblickte sie ihren zukünftigen Ehemann, in der Menschentraube, die sich um den Altar der Hausgötter im Atrium des Hauses versammelt hatte.

Gaius trug eine weiße Tunika. Die Kleidung des freien römischen Bürgers. Er lächelte sie an. Rasiert und gut gekleidet sah er ein bisschen manierlicher aus.

Auf wackeligen Beine bahnte sie sich den Weg zum ihm. Respektvoll wurde ihr Platz gemacht, sodass sie zum Altar schreiten konnte. Die Blumen, Kränze und grünen Zweige, die den Raum schmückten, nahm sie kaum war.

Der erste Akt der Eheschließung war die formale Unterzeichnung des Ehevertrags. Zunächst wurden die zukünftigen Eheleute aus den mit Fell bedeckten Sesseln zum Tisch geführt, auf dem das Pergament ruhte. Für Lydia war es die Übergabe ihrer Selbst aus den Händen ihres Vaters, in die Hände ihres zukünftigen Ehemannes.

Nach ihnen trat ein jeder der Gäste vor und verewigte sich mit dem Abdruck des persönlichen Siegelringes auf der Hochzeitsurkunde. Nicht nur Verwandte und Bekanntes des Paares waren anwesend, sondern ebenso wichtige Bürger Roms. Selbst ein Gesandter des römischen Kaiser Vespasian wohnte der Hochzeit bei. Schließlich besiegelte man nicht die Liebe des Ehepaares zueinander, vielmehr war es die geschäftliche und politische Verbindung zweier einflussreicher Familien der römischen Oberschicht.

Nach der Unterzeichnung des Heiratsvertrages, trat ein Priester aus den Reihen der Anwesenden hervor. Ihm oblag es der zeremoniellen Opferung beizuwohnen und das Brautpaar durch diesen Teil des Hochzeitsritus zu führen.

Sie hoffte nur stets, dass es schnell vorüber ging. Als das Tier hereingeführt und ihr zukünftiger Mann den Dolch ergriff kniff sie die Augen fest zu und wartete bis die Schreie vom Jubel der Hochzeitsgesellschaft abgelöst wurden.

War der Teil ihres Alptraums überstanden, forderte der Priester sie auf sich einander die rechte Hand zu reichen. Man schwor sich die ewige Verbindung miteinander und die Braut erhielt einen Ring. Langsam steckte Gaius ihn ihr auf den vierten Finger der linken Hand. Man sagt dieser sei mit einem Nerv direkt zum Herzen verbunden.

Für Gaius war es ein gutes Geschäft. Im Tausch gegen den Ring erhielt er nicht nur eine jungfräuliche Braut, sondern auch deren Mitgift. Eine beträchtliche Summe an Münzen, jeglichen Hausrat, sowie Sklaven und Vieh gingen in sein Besitztum über. Er hatte jeden Grund zu strahlen. Es folgte das Hochzeitsmahl, obwohl ihr wirklich nicht danach zu Mute war. Sehnsüchtig versuchte sie immer wieder die Aufmerksamkeit Sophias zu erhaschen, um ein Gespräch zu beginnen und nur kurz der Situation zu entkommen. Doch Sophia hielt sich stets im Hintergrund. So würde es ein ausgiebiges Mahl werden, begleitet von Glückwünschen, die sich nicht hören wollte und Reden ihres neuen Mannes, die ihre Ohren und ihr Verstand nur schwerlich ertrugen.

In großen Mengen war der Wein geflossen und Gaius hatte sichtlich Probleme, sich auf den eigenen zwei Beinen zu halten. Zwei der Sklaven mussten ihn zum Wagen begleitet, gefolgt von seiner leicht beschämten Braut.

Die „Deductio in domum“ bedeutete die Führung der Braut in das Haus ihres Ehemannes und somit die Verlagerung ihres Lebensmittelpunktes.

Doch wählte man nicht den kürzesten Weg zum Haus des Gatten, sondern zog ausgelassen, gefolgt von der Hochzeitsgesellschaft, durch die nächtlichen Straßen Roms. Fackeln erhellten den Menschenzug, Flötenspieler und andere Musiker sorgten für die Unterhaltung des Paares und ihrer Gäste. Vom Wein berauscht wurden die Frauen, die Ehe und die Jungfräulichkeit besungen. Gaius, vom Alkohol berauscht, warf immer wieder Nüsse in die jubelnde Menge und feierte sich selbst und seine Braut.

Lydia selbst ertrug das ganze Spektakel mit Würde. Obwohl sie nüchtern war, erschien ihr das ganze Schauspiel wie ein Traum. Ein Alptraum. Trostlos schaute sie in die Menge als ein Blick den ihren traf.

Sie zuckte zusammen, schaute zu ihrem Mann, der sie nicht beachtete. Dann wandte sie ihren Blick wieder dem Fremden zu. Groß gewachsen, in sich ruhend stach er aus der Menge der Feiernden hervor. Plötzlich dämmerte es ihr. Der Mann war kein Fremder.

Es war der Enkel des wunderschönen Mannes.

Es war tatsächlich der Enkel des wunderschönen Mannes und er sagte etwas. Sie vermochte es nicht zu hören, doch sie sah, wie sich seine Lippen verformten als er sprach. Das, was sie zu entziffern glaubte, ließ ihr Herz für einen Moment still stehen.

„Te amo“

Erschrocken wandte sie sich ihrem Mann wieder zu. In seiner Trunkenheit hatte er hoffentlich nichts bemerkt. Kaum traute sie sich, noch einmal in die Menge zu schauen und als sie es tat, war er verschwunden.

Am Haus des Bräutigams angekommen, half man der Braut aus dem Wagen und bot ihr Geleit zur Tür. Man reichte ihr Wolfsfett und einen Pinsel. Wie es die Tradition verlangte, bestrich sie die Türpfosten mit der glänzenden Masse und wickelte unter den begeisterten Rufen der Hochzeitsgesellschaft Wollbinden um die Pfosten. Dieser Brauch sollte das Eindringen böser Geister in das Haus des frisch vermählten Ehepaars verhindern.

Sie hätte sich gerne noch Zeit gelassen. Während sich die Hochzeitsgesellschaft, ausgelassen feiernd, den Weg durch die Straßen Roms bahnte, war sie nun allein mit ihm.

Sophia hatte ihr viel über die Hochzeitsnacht erzählt. Zwiegespalten blickte sie dem Rest der Nacht entgegen. Grübelnd ließ sie sich von Gaius in ein kleines Zimmer führen. Schüchtern setzte sie sich auf das Bett. Gaius wusste sicher, was er tat. Schließlich war er um einiges älter als sie. Sie schloss die Augen und wartete, bis er ihr näher kam. Ein lautes Geräusch ließ sie zusammenzucken und die Augen wieder öffnen. Der Alkohol hatte Gaius niedergestreckt. Der Länge nach lag er zu ihren Füßen. Oben drein noch laut schnarchend. Sie seufzte und machte es sich auf dem Bett bequem. Den Blick auf den Boden gerichtet.

Das hatte sie sich nun wirklich anders vorgestellt.

Kapitel 5

Mit gutem Wind kann jeder

Zur See fahren

Anfang September 1924

London

Früh am Morgen bestellte Brynja beim Zimmerservice einen Earl Grey und öffnete die Fenster weit, um die Nebel aus ihrem Kopf zu vertreiben. Erst der köstliche Rotwein, dann ein, zwei Whisky ohne Eis, im Club noch einige Cocktails. Zu viel Alkohol. Jedenfalls für sie.

Bis zum Frühstück hatte sie noch eine Stunde Zeit, die sie für einen ersten Reisebrief nach Hause nutzte.

London, den 3. September 1924

Liebste Familie,

die Ereignisse haben sich seit meiner Geburtstagsfeier am 24. August nur so überschlagen.

Seit einigen Tagen sind wir unterwegs. Der Professor und ich. So zu sagen „in geheimer Mission“. Professore Giordano aus Rom bat MacAllister schriftlich um Hilfe. Er hatte erfahren, dass es am Hadrianswall zu einem Unfall gekommen war, den wir später als vorsätzlichen Mord aufdecken konnten, wie ich euch berichtete. Peter, der den Deutschen Emil erschlug, um ihm zwei römische Goldmünzen abzunehmen, sitzt nun wohl ewig hinter Gittern. Erik, der Rote – mein ungeliebter Jugendfreund aus Keflavik – wird als Mitwisser nur eine milde Strafe bekommen – wenn überhaupt. Der Prozess findet nächste Woche statt. Ich hoffe, ich sehe Erik n i e wieder!

Nun gab es auch bei den Ausgrabungsarbeiten in Pompeji einen Toten. Ich meine natürlich, einen aktuellen Toten bzw. eine Tote. Eine junge Französin, die rechte Hand des Professore, der ebenfalls eine mörderische Handlung in Betracht zieht. MacAllister soll als Gast Professor unauffällig ermitteln. Selbstverständlich wird er auch Vorträge halten – gegen Bezahlung.

Ich durfte mitreisen! Als seine Assistentin.

Um eure Fragen vorweg zu nehmen …

NEIN. Wir sind kein Paar!

Wir haben uns beide beurlauben lassen, d.h., ich habe die Doktorarbeit ein wenig verschoben. Lady Bethany hat uns wieder einmal finanziell unterstützt. Auch sie ist froh, dass MacAllister sich endlich aus seiner wissenschaftlichen, aber auch viel zu engen Höhle, heraus traut.

Wird ihm zweifellos gut tun. Der weiß ja gar nicht, dass es hinter seinen Büchern auch noch eine Welt gibt.

Morgen besuchen wir Lady Silver, Peters Großmutter, um ihr die ganze Wahrheit über ihren Enkel zu erzählen. Danach zeige ich dem Professor London. Viel Zeit haben wir ja nicht. Ein kurzer Besuch bei Frederic Kenyon, dem Direktor des Britischen Museums, ist auch noch geplant. Und ein Monokel werden wir kaufen, damit der Professor seine Socken alleine findet.

Übermorgen geht es dann weiter. Mit der Fähre nach Calais, dann über Brüssel nach Köln zu Emils Mutter, Frau Schneider. Von dort über Baden – Baden in die Schweiz, nach Luzern. Dann über den St. Gotthard nach Lugano und Mailand. Wir hoffen, Rom in spätestens vier Wochen zu erreichen.

Ich freue mich so! Vor allem auf die Schweiz – und natürlich Rom!

Keine Angst, die Tin Lizzy wird schon durchhalten. Den Professor werde ich bei Laune halten und an euch werde ich immer denken.

Ich umarme euch alle. Genießt die letzten warmen Sonnenstrahlen!

Eure euch liebende

Brynja

Nach dem Frühstück spazierten sie durch die Metropole, deren Hektik MacAllister regelrecht verängstigte. Im Gedränge des angesehenen Kaufhauses „Harrods“ bekam er derart Beklemmungen, dass Brynja ihn eilig wieder auf die Straße zog.

Nachdem die Isländerin ihn wenigstens noch zu dem Kauf eines Monokels in einem winzig kleinen Laden überreden konnte, tranken sie den verabredeten Tee im Britischen Museum, um gleich darauf Lady Silver die Aufwartung zu machen.

Das Gespräch in Mayfair verlief trotz Brynjas Bedenken sehr angenehm. Die alte Dame war bereits über ihren Enkel Peter und seine Vergehen informiert. Von Bethany.

„Wissen sie, ich habe zu viel erlebt, als dass mich noch irgendetwas völlig aus der Bahn werfen könnte!“ Während dieser Worte drückte sie fest Brynjas Hand und sah dem Professor grade in die Augen.

„Ich gebe mir eine Mitschuld an Peters Verhalten. Ich hätte mich mehr um den jungen Mann kümmern müssen. Meine Gedanken waren ständig bei Lord Hirmington, Bethanys Vater, dem ich die beste Zeit meines Lebens zu verdanken habe. Wie sehr habe ich diese späte Liebe genossen! Mein an der Marne gefallener Ehemann – Gott habe ihn selig – hat es zwar an nichts mangeln lassen. Wirtschaftlich gesehen, meine ich. Aber er hat uns alle seelisch ausgehungert. Er liebte die leichten Damen und das Spiel mehr als uns. Nur hatte er, im Gegensatz zu meinem Enkel, auch das Geld für diese Vergnügungen. Na ja. Ich werde Peter schreiben. Besuchen kann ich ihn im Gefängnis nicht mehr. Ich bin zu krank.“

Wortlos tranken die Gäste den angebotenen Single Malt und versprachen, bald nach der langen Reise noch einmal wiederzukommen.

Die Fahrt nach Dover am nächsten Morgen verlief ruhig.

„Wussten sie eigentlich, Brynja, dass London im Krieg von Luftschiffen und Gotha Doppeldecker Flugzeugen bombardiert wurde? Die Bevölkerung bezeichnete die Luftwaffe als „Babykiller“. 700 Menschen starben.

In Dover explodierte die erste Bombe, die auf England abgeworfen wurde. Am Weihnachtsabend 1914.“

Brynja nickte augenscheinlich betroffen.

„Das habe ich neulich im „Scotsman“ gelesen. Sammi MacIntosh gab mir den Artikel.

Zur Römerzeit war Dover schon ein befestigter Hafen von großer Wichtigkeit mit dem Namen „Portus Dubris“. Jetzt hoffen wir erst mal auf eine friedliche Überfahrt mit den P&O Ferries!“

Die wurde es wahrlich nicht. Die See war rau, der Sturm heftig und MacAllister hing grün und bleich über der Reeling, von Brynja gestützt.

„Ich habe es geahnt! Wäre ich in meinem Büro geblieben, hätte mich nur ein leises Lüftchen gestreichelt!

Ich bin wahrlich für die Seefahrt nicht geeignet.“

„Wofür überhaupt?“ fragte die junge Frau während sie mit der einen Hand ihr Kopftuch fest hielt, um mit der anderen MacAllister so zu stützen, dass er nicht gleich über Bord ging.

Der Sturm wurde heftiger. Sicherheitshalber zog die junge Frau den Seekranken ins Innere des Schiffes, wo sie in einige kreidebleiche bis grasgrüne Gesichter guckte, die abwechselnd nach dem großen Eimer griffen.

An Land gab der Professor einige unverständliche Worte von sich. Brynja glaubte tatsächlich, ein Gebet zu vernehmen.

Sie übernahm das Steuer in Calais und die Tin Lizzy ratterte brav bis Brüssel.

„Wir sollten ihr einen Namen geben, Professor.“

„Einem Auto? Sie haben doch wohl ihren Kopf in Portobello gelassen!“

„Dieses Auto soll uns noch Monate begleiten – oder wollen sie zu Fuß nach Italien laufen?“ MacAllister schüttelte aufs heftigste den Kopf.

„Dann schlage ich „Hadrian“ vor. Den Reisekaiser.“

„Einverstanden!“

Kapitel 6

Res non semper,

spes mihi semper adest

Die Realität hilft nicht immer,

aber die Hoffnung

(Ovid)

79n.Chr.

Rom

Sie dachte oft an Sophia. Ohne viele Worte hatte ihr Kindermädchen in ihrer Hochzeitsnacht vor fünf Jahren Rom verlassen und hatte sich auf den Weg nach Pompeji gemacht. Seither standen sie in regem Briefkontakt, doch gesehen hatten sie sich nicht wieder.