Professor Zamorra 1218 - Horror-Serie - Ian Rolf Hill - E-Book

Professor Zamorra 1218 - Horror-Serie E-Book

Ian Rolf Hill

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Beschreibung

Am Ufer des Sajó, Königreich Ungarn, 11. April 1241 Die Erde erzitterte unter den stampfenden Hufen der fünfhunderttausend Pferde, mit denen sich das Heer dem Fluss Sajó näherte. Die Botschaft, die die Späher brachten, verbreitete sich wie ein Lauffeuer: "Die Goldene Horde kommt!" Panik brach unter der Bevölkerung aus. Jeder wusste, was die Nachricht bedeutete. Die Goldene Horde brachte Tod und Zerstörung über Land und Leute. Angeblich standen die Mongolen mit dem Teufel im Bunde. Sie galten als unbesiegbar. Trotzdem stellte sich ihnen der König mit einem vereinten Heer entgegen. Fest entschlossen, den Dämonen die Stirn zu bieten und den Tartarensturm, der über Europa hinwegfegte, zu stoppen. Es wurde ein Gemetzel ...

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Seitenzahl: 154

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Inhalt

Cover

Die Rache des Khans

Leserseite

Vorschau

Impressum

Die Rache des Khans

(Teil 1)

von Ian Rolf Hill

Am Ufer des Sajó, Königreich Ungarn, 11. April 1241

Die Erde erzitterte unter den stampfenden Hufen der fünfhunderttausend Pferde, mit denen sich das Heer dem Fluss Sajó näherte. Die Botschaft, die die Späher brachten, verbreitete sich wie ein Lauffeuer: »Die Goldene Horde kommt!«

Panik brach unter der Bevölkerung aus. Jeder wusste, was die Nachricht bedeutete. Die Goldene Horde brachte Tod und Zerstörung über Land und Leute.

Angeblich standen die Mongolen mit dem Teufel im Bunde. Sie galten als unbesiegbar. Trotzdem stellte sich ihnen der König mit einem vereinten Heer entgegen. Fest entschlossen, den Dämonen die Stirn zu bieten und den Tartarensturm, der über Europa hinwegfegte, zu stoppen.

Es wurde ein Gemetzel.

Im Dorf Muhi, am westlichen Ufer des Sajó, Königreich Ungarn, 10. April 1241

»Rasch! So beeilt euch doch! Sie kommen ...«

Dorotheas Herz schlug so schnell wie noch nie zuvor in ihrem kurzen Leben. Ein Blick in Helenas verängstigtes Gesicht verriet ihr, dass es ihrer Zwillingsschwester nicht besser erging. Ihre Unterlippe bebte. In ihren blauen Augen leuchtete die Angst. Sie hatten ihren Vater nie furchtsamer erlebt und bis heute nicht geglaubt, dass es irgendetwas gab, das ihn in Schrecken versetzen konnte.

Bis der Späher auf seinem Pferd durch das Dorf geprescht war und aus vollem Ritt die Ankunft der Goldenen Horde verkündete. Er hatte sich nicht mal die Zeit genommen, das Tier zu zügeln, er war einfach durch den Ort hindurchgeritten und hatte die braven Bauersleute ihrem Schicksal überlassen.

Mit zitternden Händen wickelten Dorothea und Helena die Decken zusammen und verschnürten sie zu Bündeln, die sie eilig zum Karren trugen, vor den Tamás den Esel anspannte. Ihr Bruder war drei Winter älter als sie und half Vater tagein, tagaus auf dem Feld. Obwohl erst zwölf, besaß er starke Muskeln und überragte seine Schwestern um mehr als Haupteslänge.

»Wo gehen wir denn hin?«, fragte Helena und stopfte das Bündel neben das Butterfass.

»Wir folgen dem Bachlauf bis zum Hejő. Wenn wir es schaffen, dort an Bord eines Schiffes zu gelangen, könnten wir übermorgen bereits in Miskolc sein.«

»Sind wir dort in Sicherheit?« Helenas Stimme zitterte. Sie fürchtete sich vor Tamás' Antwort. Gleichzeitig glomm aber auch Hoffnung in ihren Augen.

»Natürlich«, erwiderte Tamàs im Brustton der Überzeugung. Er klang wütend, so als ärgere es ihn, dass er es überhaupt aussprechen musste. »Der König wird siegreich sein, ihr werdet sehen. Spätestens in einer Woche sind wir wieder daheim.«

»Du lügst«, sagte Dorothea und reichte ihrer Schwester das eigene Bündel. Helena sah sie erschrocken an, und selbst in Tamás' Augen glitzerte es verräterisch. Er sah genauso aus, wie an jenem Tag, als er Milán, ihrem Nachbarn, eine Honigwabe stibitzt hatte. Vater hatte den Bruder daraufhin grün und blau geschlagen. Danach hatte Tamás sich entschuldigen müssen, was ihn viel mehr geschmerzt hatte.

»Steht da nicht rum und glotzt«, brüllte Vater und warf den flachen Käfig mit dem Federvieh auf die Ladefläche. »Bewegt euch! Oder wollt ihr, dass die Tartaren euch als Erste fressen?«

Helena quiekte ängstlich und rannte zurück ins Haus, um ihrer Mutter beim Packen zu helfen. »Scher dich hinterher«, wurde Dorothea angeschrien, und an Tamás gewandt: »Und du, hol die Ziegen!«

Dorothea stolperte durch den Matsch und hörte das Schreien ihres kleinen Bruders Zoltán, der erst vor einem Winter das Licht der Welt erblickt hatte. Er lag in der Wiege, während Mutter wie ein aufgescheuchtes Huhn durch das Haus eilte und alles zusammensuchte, was nur irgendwie von Wert sein könnte. Kerzen, Pelze, getrocknetes Fleisch. Helena stand an der Wand und weinte. Dorothea wollte sie trösten und erhielt einen Stoß, der sie beinahe zu Boden schleuderte. »Steh hier nicht dumm rum, sonst fängst du dir auch eine«, rief ihre Mutter. »Nimm deinen Bruder und bring ihn raus.«

Dorothea warf einen Blick über die Schulter. Ihrer Schwester stand verängstigt an der Wand und wagte es nicht, sich zu rühren.

»Ja, Mutter«, murmelte das Mädchen und hob Zoltán vorsichtig aus der Wiege. »Pssst«, machte sie und strich ihm zärtlich über das Köpfchen. Das Baby fühlte sich warm an, als hätte es Fieber. Dorothea wickelt es in die Decke aus Schafsfell und drückte es sanft an ihre Brust. Bevor sie an ihrer Mutter vorbei aus dem Haus schlüpfte, ergriff sie Helenas Hand und zog sie hinter sich her.

Vater und Tamás waren dabei, die Ziegen und Schweine an den Eselskarren zu binden. Ein Zicklein und zwei Ferkel kauerten auf der Ladefläche. Dorothea bedeutete ihrer Schwester, ebenfalls hinaufzuklettern, und reichte ihr den Säugling. Dann stieg sie selbst hinauf und nahm Helena den Bruder ab. Dicht nebeneinandergedrängt setzten sie sich zu den Tieren. Helena hob das Lämmchen auf den Schoß, während die Ferkel sich unter ihre angewinkelten Beine schoben.

Die Leiber der Schweinchen zitterten wie Espenlaub. Selbst die Tiere spürten die nahende Gefahr. Unwillkürlich spitzte Dorothea die Ohren. Angeblich konnte man die Goldene Horde hören, auch wenn sie noch einen Tagesritt entfernt war. Doch so sehr sie sich anstrengte, sie vernahm nichts, was auf das Nahen eines gewaltigen Heeres hindeutete. Vielleicht waren die aufgeregten Rufe ihrer Nachbarn sowie das furchtsame Quieken, Blöken und Gackern des Viehs zu laut.

»Wie lange dauert es denn noch?«, flüsterte Helena so leise, dass es kaum zu verstehen war. Dorothea konnte nur die Schultern heben. Sie senkte den Kopf und stupste das winzige Näschen ihres Bruders an.

Mutter erschien am Wagen, warf zwei weitere Bündel auf den Karren, ehe sie auf den Kutschbock kletterte. Vater würde den Esel führen, während Tamás dafür zu sorgen hatte, dass die Ziegen und Schweine nicht zurückblieben. In der Hand hielt er eine Gerte, die er immer wieder auf die Hinterteile der Tiere drosch.

Dorothea schnürte sich der Hals zu, als sie das Dorf verließen. Gemeinsam mit den anderen. Niemand war so verrückt, sich zwischen das königliche Heer und die angreifende Horde zu stellen. Und auch wenn es keiner aussprach, so wusste das Mädchen tief in seinem Inneren, dass es Muhi nie wiedersehen würde.

Ihr Weg führte an Äckern und Feldern entlang, durch Auen und Wiesen bis in den dunklen Wald. Graue Wolken, aus denen leichter Regen rieselte, bedeckten den Himmel. Schon seit Tagen drang kein Sonnenstrahl hindurch, sodass es nie richtig hell wurde.

Als sie hinter Milán, der mit seinem Weib und den drei Söhnen auf einem Ochsenkarren fuhr, den Wald verließen, erblickten sie das Heer des Königs. Dorothea stockte der Atem, als sie die mit Pech bestrichenen hölzernen Katapulte und Fuhrwerke sah, die beidseits des Baches standen, umringt von zahllosen Männern mit grauen Helmen, ledernen Wamsen und klirrenden Kettenhemden.

Sie mühten sich damit ab, die Wagen durch das schlammige Erdreich zu ziehen, in die sich das Kriegsgerät durch sein Gewicht hineindrückte. Kaum einer kümmerte sich um die flüchtende Landbevölkerung, nur wenige hoben überhaupt den Kopf.

Sobald dies geschah, blickte Dorothea in verdreckte Gesichter, in deren Augen die Angst leuchtete.

Hinter den Wagen erstreckte sich das Heerlager, bis hinunter zum Fluss Hejő, der selbst im Winter niemals zufror und das ganze Jahr über schiffbar war. Da die meisten Wege vom anrückenden Heer beansprucht wurden, blieb den Flüchtlingen aus den umliegenden Dörfern nur der Pfad am Bach entlang. Schon bald geriet die langsame Fahrt ins Stocken und kam schließlich gänzlich zum Erliegen.

Dorothea machte den Hals lang, doch Mutters kräftige Gestalt behinderte ihre Sicht. Und selbst wenn sie den Kopf zurückbog, um an ihr vorbeizuspähen, sah sie nur Miláns Karren und seine Jungs, die aufgeregt um das Gefährt herumsprangen.

Tamás kümmerte sich nicht länger um das Vieh. Er kletterte zu Mutter auf den Bock, stellte sich kerzengerade hin und hielt Ausschau.

»Was ist los?«, fragte Helena bang, bekam jedoch keine Antwort. Tamás drehte sich um und stieg wieder ab. Dorothea erhaschte einen Blick auf sein Gesicht und erschauerte. Es war blass geworden. Einige der hinter ihnen stehenden Fuhrwerke wollten den Weg verlassen, um querfeldein zu flüchten, wurden aber von plötzlich auftauchenden Soldaten mit harscher Stimme zurückgescheucht.

Niemand wagte es, aufzubegehren. Schließlich standen auch neben ihnen vier Männer. Ihre Beinkleider und Gewänder waren schlammverschmiert, die Gesichter starrten vor Schmutz. Einer der Söldner, ein bärtiger Riese, der sogar Vater um Haupteslänge überragte und dessen Hand auf dem Griff eines schartigen Schwertes ruhte, deutete auf die Schweine.

»Nehmt sie mit. Die Ziegen lasst hier.«

Dorothea rief nach ihren Eltern, doch Vater hatte längst bemerkt, was da hinter seinem Rücken vorging. Sein Gesicht lief rot an. Das tat es nur, wenn er wütend war. Und er war oft wütend, was nicht nur Tamás zu spüren bekam.

»Heda, was soll das?«, schrie er und eilte am Karren vorbei auf die Söldner zu. Ein dicker Kerl, der selber wie ein Schwein aussah und kaum Haare auf dem Kopf hatte, stellte sich ihm in den Weg und stieß ihm die Hand vor die Brust.

»Die Soldaten hungern«, rief der Bärtige. »Mit leerem Magen kämpft sich's schlecht.« Er nickte seinen Kameraden zu, die die Schweine abschnitten. Dass eine der Ziegen dabei ausbüxte, kümmerte sie nicht. Tamàs rannte hinter ihr her, um sie wieder einzufangen, während die Soldaten lachten.

»Ihr seid von Sinnen«, brüllte Vater. »Es reicht kaum für uns selbst. Und jetzt wollt ihr uns auch noch das Letzte nehmen?«

»Die Boote sind hoffnungsvoll überladen, ihr könntet das Vieh sowieso nicht mitnehmen«, antwortete der Bärtige gelangweilt.

»Und deshalb bestiehlt ihr uns? Wer gibt euch das Recht dazu?«

Der Bärtige drehte sich um und gab dem Dicken einen kurzen Wink, damit er beiseitetrat. Dicht vor Dorotheas Vater blieb der Soldat stehen. »Der König gibt uns das Recht dazu. Es ist euer Tribut, damit ihr auch weiterhin das Land bestellen dürft, das er euch in seiner Großherzigkeit überlassen hat. Aber wenn ihr euch um hungrige Mäuler schert, so nehmen wir deinen Knaben am besten auch gleich mit.« Er deutete auf Tamás, der mit der Ziege im Schlepp zum Karren zurückkehrte. »Wenn die Tartaren kommen, können wir jede Hand gebrauchen.« Er grinste unter dem struppigen Bart. »Oder jeden noch so schmächtigen Balg, der imstande ist, einen Pfeil abzufangen!«

»Elender Hund!«, brüllte Vater und wollte sich auf den Bärtigen stürzen, doch der Dicke war auf der Hut. Ein Fausthieb streckte den zornigen Mann nieder, der blutend in den Matsch fiel. Sofort begann Zoltàn zu weinen. Dorothea bemühte sich redlich, ihn wieder zu beruhigen, während sie mit den eigenen Tränen kämpfte. Tatenlos mussten sie zusehen, wie die Soldaten die Schweine mitnahmen und sich für die Dreistigkeit des Vaters noch ein Fass Butter auf die Schultern luden. Da bemerkten sie die beiden Ferkel.

Die Tiere quiekten, als sie an den Hinterläufen vom Wagen gezerrt wurden, was Zoltán nur noch mehr aufregte. Dorothea schaukelte ihn auf dem Arm und versuchte ihn zu beruhigen, doch erst als Mama ihn an die Brust legte, gab er endlich Ruhe.

Als die Abenddämmerung einsetzte, waren sie noch immer keinen Meter vorangekommen.

Sie verbrachten die Nacht dicht aneinandergekuschelt auf dem Karren.

Trotz Regen, Kälte und Angst fielen den Schwestern bald die Augen zu. In den Träumen sah Dorothea ein Heer berittener Dämonen, die mit flammenden Schwertern und glühenden Pfeilen über das Land fegten.

Immer wieder schreckte sie aus dem Schlaf hoch, nur um erleichtert festzustellen, dass sie in der Armebeuge ihrer Mutter ruhte, die zwischen den Zwillingen lag. Zoltán lag in einem Tuch, das sie sich vor Brust geschlungen hatte.

Vater und Tamás hielten abwechselnd Wache. Sie waren schließlich nicht die Einzigen, die die Söldner geschröpft hatten. Es bestand die Gefahr, dass einer ihrer Nachbarn den Verlust ausgleichen wollte, indem er sich beim Hab und Gut seines Nächsten bediente. Das verstieß zwar gegen das siebte Gebot, aber darum scherte sich in diesen Zeiten niemand. Dorothea war jedoch überzeugt davon, dass es nicht gut war, wenn man die Gebote des Herrn missachtete. Vor allem, wenn man vor einer Horde Dämonen flüchtete.

Als hinter ihnen im Osten der Morgen graute, kam Bewegung in die Wagenreihe. Tamás scheuchte die Ziegen unter dem Wagen hervor, das Zicklein warf er zurück auf den Karren. Dann schwang er sich auf den Bock, während Vater den Esel mit derben Schlägen zum Weitergehen antrieb.

Quälend langsam ging es voran, aber Dorothea war froh, dass sich die Reihe überhaupt bewegte. Wenn nur das Magenknurren nicht gewesen wäre. Mama wickelte einen Streifen Trockenfleisch aus, das die Soldaten zum Glück nicht gefunden hatten. Sie riss ihn in der Mitte auseinander und gab den Schwestern jeweils eine Hälfte, vergaß aber nicht, sie zu ermahnen, langsam zu kauen.

»Seht nur, die Sonne«, sagte Mama und lächelte schwach. »Die Wolken lösen sich auf. Die heilige Jungfrau sendet uns ein Zeichen. Gott, der Herr, hat uns nicht vergessen!«

Dorothea wollte ihr gerne glauben. Ihr Herz klopfte vor Aufregung, als endlich der Fluss in Sichtweite kam. Nur lagen keine Boote am Ufer. Dafür trieben zwei Nachen in der Mitte des Stromes, so vollbeladen mit Mensch und Tier, dass die Wellen über die Reling schwappten.

Und so kam es, wie es kommen musste. Schreie wurden laut, während eines der Boote langsam auf den Grund sank. Schwimmend retteten sich die Leute mit ihrem Vieh an das gegenüberliegende Ufer, das sie tropfnass und all ihrer Habe beraubt, erreichten. Da kein anderes Boot in Sicht war, begann die Wagenreihe, sich am Ufer entlang stromabwärts zu bewegen.

Ein leichtsinniges Unterfangen, denn die Böschung war nur spärlich bewachsen, der Boden von der Schneeschmelze, die erst wenige Tage zurücklag, weich und schlammig.

»Das ist verrückt!«, hörte Dorothea ihren Vater murmeln.

Bis zu jenem Zeitpunkt, als hinter ihnen zwei glühende Sonnen in den Himmel aufstiegen, höher und schneller als das orangefarbene Rund, das sich nur langsam am Horizont emporschob.

»Die Katapulte«, rief Tamàs mit sich überschlagender Stimme. »Sie haben die Katapulte abgefeuert. Die Tartaren kommen!« Das hatten auch die anderen Flüchtlinge bemerkt, und plötzlich gab es kein Halten mehr. Mehrere Fuhrwerke brachen aus und versuchten querfeldein zu fliehen.

Doch die Möglichkeiten waren begrenzt. Links erstreckten sich die Sümpfe, rechts wucherte der Wald so dicht, dass kein Wagen hindurchpasste. Wenn überhaupt, so blieb ihnen nur der Weg am Fluss entlang, wo gerade ein Ochsenkarren in den Fluten versank. Das schwere Gerät zog die beiden in Panik röhrenden Tiere unbarmherzig in die Tiefe. Der Wagenlenker rettete sich mit Müh und Not ans Ufer, wo seine Familie wartete. Das Einzige, was ihnen geblieben war, waren ihr nacktes Leben und die verdreckten Kleider, die sie am Leibe trugen.

Dorothea klopfte das Herz bis zum Halse, als sie sah, dass sich ihr Vater anschickte, den Esel mitsamt dem Karren ebenfalls auf den rutschigen Pfad entlang des Hejő zu lenken. Direkt hinter Milán, der eben stoppte, damit seine Familie absteigen konnte.

»Am besten, ihr steigt auch ab. Außerdem wird der Karren dadurch leichter.«

Dorothea sprang zuerst vom Wagen. Tamàs half Mama mit dem Baby, und Helena bildete den Schluss. Das Zicklein eng an die Brust gedrückt. Es blökte ängstlich; erst als seine Mutter, die hinten am Fuhrwerk festgebunden war, antwortete, beruhigte sich das Tier. Dorotheas Füße sanken bis über die Knöchel im Matsch ein. Sie verzog das Gesicht, ohne jedoch zu klagen.

»Beeilt euch!«, rief jemand von hinten. »Die Tartaren kommen! Die Tartaren kommen!«

Dorothea wandte erschrocken den Kopf, konnte aber keinen der gefürchteten Reiter aus der Goldenen Horde sehen, nur verängstigte Nachbarn und Leute aus den umliegenden Dörfern. Ein in Panik geratener Ochse hatte sich von der Deichsel gerissen und galoppierte schnaubend, mit verdrehten Augen, in ihre Richtung. Sein heißer Atem stob in Wolken aus den Nüstern.

»Vorsicht!«, brüllte Tamàs. Er rempelte seine Schwester an und warf sich mit ihr in den Morast. Der in Panik geratene Ochse raste an ihnen vorbei, geradewegs auf die Böschung zu, wo Vater den Esel auf den Uferpfad führte.

Mutter schrie ihm eine Warnung zu, doch was nutzte die? Er konnte weder vor noch zurück. Der Ochse merkte, wie sich vor ihm ein reißender Strom auftat. Er wollte nach rechts ausweichen, dorthin, wo die Wagen fuhren, als ihm die Hinterläufe im Schlamm wegrutschten. Panisch strampelte das Tier mit den Vorderläufen und zertrampelte die Ziegen.

Der Ochse brüllte, wurde herumgeschleudert und glitt rücklings in das eiskalte Wasser. Sein Gehörn verhakte sich in der Deichsel von Vaters Wagen und riss diesen mit sich. Der Esel kreischte in gequälter Pein, als ihn das Gewicht von Ochse und Karren in den Fluss zu reißen drohte.

Vater klammerte sich an das Zaumzeug des Esels, um das Tier und ihr restliches Hab und Gut zu retten. Tamàs war mit einem Satz auf den Beinen und rannte, so schnell er konnte, zu Vater, um ihm zu helfen. Fast wäre er dabei selbst in den Fluss gestürzt. Doch auch zu zweit vermochten sie den Karren und das Tier nicht zu halten. Selbst dann nicht, als Milàns Söhne ihnen zu Hilfe eilten.

Mit Tränen in den Augen musste Dorothea mitansehen, wie Decken und Bündel von der Strömung fortgerissen wurden. Der Schädel des Ochsen tauchte noch einmal aus den Fluten auf, ehe er gurgelnd versank. Ein Messer blitzte im Licht der Morgensonne. Vater versuchte, den Esel loszuschneiden, aber selbst das war ihm nicht vergönnt.

Die Schreie des Tieres waren so entsetzlich, dass sich Helena die Ohren zuhielt, während ihre Schwester stocksteif auf der Stelle stand und das Geschehen stumm beobachtete. Vater und Tamàs glitten aus und rutschten hinter dem Esel ins Wasser. Nur Milàns Söhnen war es zu verdanken, dass keiner von ihnen das Schicksal des Tieres teilte, das jämmerlich blökend den Fluss hinuntertrieb, immer noch an den obenauf schwimmenden Karren gespannt.

»Dorothea!«

Obwohl Mama so laut schrie, dass Zoltán aufwachte und zu weinen anfing, drang ihre Stimme nur als Wispern an Dorotheas Ohren. Erst als Helena den Ruf wiederholte, erwachte sie wie aus tiefem Schlaf und folgte ihrer Familie zu der Stelle, an der Vater und Tamàs nass und frierend an der Böschung kauerten. Dorothea erschrak vor dem Ausdruck in ihren Gesichtern. Sie erkannte darin weder Trauer noch Schmerz oder Wut. Da war einfach nur – nichts.

Das war der Moment, in dem Dorothea endgültig klar wurde, dass Gott seine Kinder nicht liebte. Wenn es so war, warum nahm er ihnen dann alles, was sie hatten? Warum hielt er die Tartaren nicht auf? Warum ließ er zu, dass dies alles passierte?

Tamàs und Vater hatten ja nicht mal mehr trockene Kleider zum Wechseln. Sie würden krank werden und vielleicht sogar sterben.