Professor Zamorra - Folge 1106 - Christian Schwarz - E-Book

Professor Zamorra - Folge 1106 E-Book

Christian Schwarz

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1,49 €

Beschreibung

"Da bist du ja endlich", sagte Nicole Duval erleichtert. Die uralte Nixe war elegant aus dem Wasser getaucht und machte es sich nun auf einem Stück Schwemmholz bequem. Ihr nasser Körper glitzerte geheimnisvoll im Mondlicht. "Entschuldige meine Verspätung", erwiderte Wasserfreundin mit ihrer seltsam knarrenden Stimme. "Schon gut. Konntest du etwas herausfinden?" "Ja. Und es ist nichts Gutes", murmelte die Nixe düster. "Was ist los?", fragte Nicole alarmiert, während die Nachtluft leicht zu rauschen anfing. Wasserfreundin hob die Hand. Sie schien irgendjemandem zu lauschen. "Zamorra hat die Hexen besiegt, dann ist er plötzlich verschwunden", sagte sie. "Ich wusste, dass es so kommen wird." "Sag schon, wo ist er?"

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Inhalt

Cover

Impressum

Angriff auf LEGION

Leserseite

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Frank Fiedler / Rainer Kalwitz

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-3726-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Angriff auf LEGION

von Christian Schwarz

»Da bist du ja endlich«, sagte Nicole Duval erleichtert.

Die uralte Nixe war elegant aus dem Wasser getaucht und machte es sich nun auf einem Stück Schwemmholz bequem. Ihr nasser Körper glitzerte geheimnisvoll im Mondlicht. »Entschuldige meine Verspätung«, erwiderte Wasserfreundin mit ihrer seltsam knarrenden Stimme.

»Schon gut. Konntest du etwas herausfinden?«

»Ja. Und es ist nichts Gutes«, murmelte die Nixe düster.

»Was ist los?«, fragte Nicole alarmiert, während die Nachtluft leicht zu rauschen anfing.

Wasserfreundin hob die Hand. Sie schien irgendjemandem zu lauschen. »Zamorra hat die Hexen besiegt, dann ist er plötzlich verschwunden«, sagte sie. »Ich wusste, dass es so kommen wird.«

»Sag schon, wo ist er?«

»In der Vergangenheit gestrandet.«

Nicole unterdrückte den ersten Panikimpuls, indem sie tief durchatmete. Es war schließlich nicht das erste Mal, dass Zamorra in die Vergangenheit verschlagen worden war. Blinder Aktionismus nützte jetzt nichts. Sie musste sich zunächst einen Überblick verschaffen. Ihre Blicke schweiften kurz über die glitzernde Wasserfläche des Bodensees, blieben an den Lichtern Überlingens am gegenüberliegenden Ufer hängen und kehrten dann wieder zu Wasserfreundin zurück. Nicole brachte sogar ein Lächeln zustande. »Bon. Wir scheinen also ein ernstes Problem zu haben. Am besten, du erzählst ganz von vorne.«

»Hätte ich jetzt auch vorgeschlagen, Kindchen. Mit Menschen muss man auf einfachste Art und Weise reden, sonst begreifen sie es nicht.«

»Schieb dir deine Häme sonst wohin«, erwiderte Nicole. »Mach nur so weiter, dann gibt’s morgen früh doch noch Nixe am Spieß, lebendig gebraten selbstverständlich.«

Wasserfreundin fixierte die Dämonenjägerin aus ihren großen, kreisrunden, pechschwarzen Augen, die keinerlei Pupillen aufwiesen und dadurch extrem unheimlich wirkten, zumal sich auch noch Nicoles Gestalt darin spiegelte. Aus den strähnigen Haaren, die aus Algen und Seetang zu bestehen schienen, lief noch immer Wasser. Kleine Seetiere krabbelten darin herum. Plötzlich kicherte die Nixe los. Dabei öffnete sie den Mund und ließ ihr Raubtiergebiss mit den spitz zulaufenden Zähnen sehen. »Vorgestern wolltest du mich noch mit Kaviarbeilage servieren. Darauf würde ich dann schon bestehen.«

»Keine Chance. Aus dir mache ich eine Fish-and-Chips-Version. Du bist nur mit richtig viel Essig genießbar. Jetzt aber genug damit. Schieß endlich los. Schließlich hast du uns um Hilfe gebeten, nicht umgekehrt.«

»Schon gut.« Wasserfreundin ließ die Schwanzflosse ein paar Mal aufs Wasser klatschen. »Das Brausen, das du gerade gehört hast, waren Luftgeister. Du musst wissen, dass ich es bisher immer abgelehnt habe, mit anderen Elementaren außer Nixen zu paktieren. Wenn man etwas will, muss man auch etwas zurückgeben. Das war nie meine Sache. Ich habe mich immer lieber auf mich selber verlassen. In diesem Fall bin ich aber über meinen Schatten gesprungen …« Sie legte eine bedeutsame Pause ein.

»Du meinst, du hast die letzten eineinhalb Tage genutzt, um mit anderen Elementaren zu paktieren, zum Beispiel mit den Luftgeistern.«

»Richtig. Das wird mich zwar noch mächtig in Bedrängnis bringen, aber sei’s drum. So konnten mir die Luftgeister gerade immerhin folgende Nachricht übermitteln: Zamorra hat die Hexen im Garten der Meersburg angegriffen, als sie gerade eine Menschenfrau und eine Elfe opfern wollten. Er streckte die Oberhexe nieder. Als er aber an den aus dem Nichts erschienenen Hexenaltar trat und ein dort liegendes Buch berührte, verschwand er in einem grellen Blitz.«

»Mit dem Amulett?«

»Du meinst Merlins Stern?«

»Ja.«

»Merlins Stern blieb hier in der Gegenwart. Er hat die Reise in die Vergangenheit nicht mitgemacht.«

Nicole rief das Amulett. Übergangslos tauchte es in ihrer Hand auf. Sie betrachtete es kurz und ließ es in der Jackentasche verschwinden. Dann hatte die Nixe wieder ihre volle Aufmerksamkeit. »Du sagtest, dass du Zamorras Verschwinden vorhergesehen hast. Wie darf ich das verstehen? Damit dürfte dann wohl auch dein Wissen zusammenhängen, dass er in der Vergangenheit gelandet ist, richtig?«

»Ja. Ich erzählte euch bei unserem ersten Zusammentreffen schon, dass ich wie du in der Lage bin, mich mit dem Allbewusstsein der Pflanzen zu verständigen. Viele Elementare sind dazu in der Lage, wenn auch nicht alle. Ich habe die Zeit also nicht nur genutzt, um mit anderen Elementaren zu paktieren, sondern auch, um mit sämtlichen intelligenten Pflanzen auf der Meersburg zu reden, um sie zu fragen, ob sie in den letzten Wochen irgendetwas Bedeutsames gehört und gesehen haben …«

»Mit allen Pflanzen auf der Meersburg?«, fragte Nicole verblüfft. »Dazu braucht man doch sicher Wochen.«

»Du hörst nicht richtig zu, Kindchen …« Wasserfreundin sprang mit einer fischartigen Bewegung vom Baumstamm und tauchte kurz unter. Prustend kam sie wieder hoch und nahm erneut ihren Platz ein. »Entschuldige, ich muss mich hin und wieder abkühlen. Nun, um den Faden wieder aufzunehmen, ich sagte, dass ich mit allen intelligenten Pflanzen dort oben geredet habe. So viele sind das nicht, denn Pflanzen können Intelligenz erst ab einem gewissen Alter entwickeln. Und auch dann sind es nur sehr wenige, denen dieser Bewusstseinssprung gelingt.«

»Von wie vielen reden wir hier?«

»Auf der Meersburg sind das ungefähr zwei Dutzend.«

»Was hast du erfahren?«

»Dass tatsächlich ein Hexenzirkel auf der Meersburg sein Unwesen treibt. Die Aussage der alten Pappel, die im Burggarten steht und die noch um einiges älter ist als ich selbst, hat mich besonders fasziniert …«

»Weiter«, drängte Nicole, als Wasserfreundin eine weitere bedeutungsvolle Pause einlegte.

»Geduld, Kindchen«, gab diese ärgerlich zurück. »Ich bin nicht mehr die Allerjüngste und muss hin und wieder meine Gedanken sammeln. Die Pappel bestätigte mir zum einen, dass die Hexen zurückgekehrt sind, die schon im Jahre des Herrn 1458 ihr Unwesen auf der Burg trieben. Sie setzen das fort, was sie seinerzeit begonnen haben. Das allerdings hatte ich ja schon vermutet und so überrascht es mich kaum. Wirklich überraschend ist der zweite Teil der Geschichte. Die Pappel wisperte mir nämlich zu, dass auch der Zauberer Aldorus Magus, der sich damals den Hexen entgegenstellte, wieder aufgetaucht sei. Sie habe seine Aura gestern und heute gleich mehrere Male innerhalb der Burgmauern festgestellt.«

»Zamorra«, murmelte Nicole erregt. Es war nicht mehr schwierig, die Querverbindung zu Wasserfreundins vorigen Worten herzustellen.

»Sehr hübsch«, sagte die Nixe.

»Was meinst du?«

»Die goldenen Tüpfelchen, die da plötzlich in deinen Augen erschienen sind. So etwas habe ich noch nie gesehen.«

»Ja, ja, schon gut. Ich heirate dich trotzdem nicht.« Sie verschränkte die Arme vor der Brust und ging ein paar Schritte am Ufer hin und her. Ihre Gedanken arbeiteten fieberhaft. »Und die alte Pappel irrt sich ganz bestimmt nicht?«

»Ausgeschlossen, sagt sie. Ihre genauen Worte waren: Ich werde die unglaubliche Aura dieses Aldorus Magus niemals vergessen, und wenn ich tausend Jahre alt werden sollte. Keine Aura, die ich jemals kennengelernt habe, war so voller Licht und positiver Kraft. Und genau diese Aura ist nun wieder auf der Meersburg aufgetaucht.«

Wasserfreundin kicherte erneut. »Auch wenn ich alt bin und daher etwas langsamer im Denken, so bin ich noch lange nicht dumm. Mir kam natürlich sofort der gleiche Gedanke wie dir, Kindchen.«

»Könntest du mich vielleicht mal zur Abwechslung mit meinem Namen anreden?«, zischte die Dämonenjägerin. »Ich hasse dieses ›Kindchen‹.«

»Wenn du willst. Nun, also, Nicole, ich wusste natürlich, dass ihr euch auf der Meersburg herumtreibt, ihr habt es mir schließlich gesagt. Und als ich der Pappel das Bildnis Zamorras aus meinen Gedanken präsentierte, bestätigte sie sofort, dass dies Aldorus Magus sei, der nun wohl erneut aufgetaucht sei, um die Hexenbrut zu bekämpfen.«

»Hm. Dann hat sich mal wieder ein Zeitkreis geschlossen«, sinnierte Nicole. »Der Vorgang wäre also unter keinen Umständen zu verhindern gewesen. Was aber hat diese Vergangenheitsreise ausgelöst?«

»Ich bin völlig ratlos.«

»Es muss dieses Buch sein, das er zuvor berührt hat. Was ist das für eines?«

»Ich weiß es nicht.«

»Hast du die Pappel nicht danach gefragt?«

»Es ging nicht mehr«, gestand die Nixe kleinlaut. »Du weißt ja selbst, dass sich ein nichtmenschliches Bewusstsein nur eine bestimmte Zeitspanne im Magischen Netz der Pflanzen aufhalten darf. Überschreitet es diese, wird es vom Allbewusstsein gnadenlos eliminiert. Ich hatte diese Zeitspanne fast erreicht.«

»Tatsächlich? Nein, das wusste ich nicht.« Nicole überlegte einen Moment. »Dann wissen wir im Moment wahrscheinlich auch noch nicht, warum es Zamorra – Aldorus Magus – damals nicht gelang, die Hexen endgültig zu vernichten?«

»Das konnte ich ebenfalls nicht mehr erfragen.«

»Das alles interessiert mich brennend. Ich denke, dass ich die Pappel selber nochmals befrage. Im Gegensatz zu dir kann ich direkten Kontakt mit ihr aufnehmen, du musstest es ja über das Allbewusstsein machen.«

»Ja, tu das, Kin- … Nicole. Der Ausflug ins Magische Netz der Pflanzen hat mich so viel Kraft gekostet, dass ich ihn das nächste halbe Jahr nicht wiederholen kann. Aber täusch dich nicht. Im Magischen Netz der Pflanzen geschieht nichts ohne die Einwilligung des Allbewusstseins. Nur wenn es einverstanden ist, wird die Pappel dir Auskunft geben.«

Nicole seufzte. »Bon. Und dann muss ich mir Gedanken machen, wie ich meinen chéri wieder aus der Vergangenheit zurückhole. Mit Merlins Zeitringen dürfte das aber noch das geringste Problem sein.«

»Wenn du das sagst … Ein weitaus ernsteres Problem dürfte dann sein, dass die Pappel die Anwesenheit einer sehr starken dämonischen Präsenz gespürt hat, deren Kraft die der Hexen um ein Vielfaches überragt. Das konnte sie mir noch sagen.«

***

Burg Meersburg,Bodensee, Süddeutschland

Asmodis wollte sich Merlins Stern gerade greifen, als das Amulett vor ihm ins Nichts verschwand. Verärgert stieß er eine Schwefelwolke aus der Nase, in seinen Augen rotierten feurige Kreise. »Duval hat das Amulett gerufen«, murmelte er. »Wie ist es möglich, dass sie so schnell vom Verschwinden ihres Herrn und Meisters erfahren hat?«

Diese Frage bereitete dem Erzdämon einiges Kopfzerbrechen. Allein, er konnte sie im Moment nicht lösen. Mit einem mächtigen Satz katapultierte sich Asmodis wieder auf die Terrasse des Burgcafés zurück. Ein Zauber verhinderte, dass die Hexen ihn bemerkten. Er musste seine Rolle in dieser Angelegenheit unbedingt verschleiern. Sein Zielobjekt durfte unter keinen Umständen erfahren, dass er der eigentliche Drahtzieher dieser genialen Aktion war. Was hier passierte, konnte noch äußerst wichtig für Asmodis werden. Deswegen war er bereit gewesen, den angreifenden Zamorra notfalls zu töten, um die Aktion nicht zu gefährden. Die plötzlich einsetzende Zeitschleife, verursacht durch das Hexentraktat, hatte ihn dieser Verlegenheit enthoben, denn er hätte seinen alten Weggefährten nur äußerst ungern aus dem Weg geschafft.

Mit finsteren Blicken sah er der Oberhexe zu. Hulda erhob sich stöhnend vom Boden. Dorthin hatte sie die Defensivmagie des Amuletts geschleudert. Asmodis hatte die defensive Ausrichtung von Merlins Stern rechtzeitig bemerkt und die Szene zunächst laufen lassen. Hätte Zamorra es im Angriffsmodus benutzt, hätte er viel früher eingegriffen.

Der Erzdämon lachte meckernd.

Theoretisch …

Denn der ganze Ablauf des Geschehens war bereits Teil dieser seltsamen Zeitschleife und deswegen von niemandem zu ändern. Auch von ihm nicht. Alles war genau so gekommen, wie es hatte kommen müssen.

Noch leicht schwankend tastete Hulda ihren nackten Körper ab. Im Bauchbereich konnte Asmodis einige leichtere Verbrennungen erkennen.

»Wir vollenden die Zeremonie«, krächzte die Oberhexe und reckte beide Arme in den nächtlichen Himmel. In ihre Hexenschwestern, die das Entsetzen vorübergehend komplett gelähmt hatte, kam wieder Bewegung. Ebenso in das junge Mädchen, eine spanische Touristin namens Marta, die genauso reglos wie ihre elfische Schicksalsgenossin innerhalb des magischen Doppelkreises gelegen hatte. Marta begann zu wimmern, erhob sich, schaute sich panisch um und wollte weglaufen. Drei Hexen stellten sich ihr in den Weg, packten sie und stießen sie unsanft in den magischen Kreis zurück. Da sich nun auch die abgestürzte Elfe zu bewegen begann, errichtete Hulda flugs die magische Barriere wieder, indem sie einige der magischen Zeichen innerhalb des Doppelkreises in einer bestimmten Reihenfolge aktivierte. Die Barriere war bei Zamorras Angriff zusammengebrochen, was den bereits bewusstlosen Opfern aber rein gar nichts genützt hatte.

Die Hexen gruppierten sich um den magischen Doppelkreis und fassten sich an den Händen. Ihr magischer Gesang beschwor erneut den Super-Elementar, der aus dem Hexentraktat aufstieg. Gierig bewegte sich das Wesen, das aus allen vier Hauptelementen bestand und seine Form ständig wechselte, hin und her. Die Menschenfrau und die Elfe schrien panisch, als der magische Strom einsetzte, der ihnen die Seele aus den Körpern riss und sie dem Super-Elementar einverleibte.

Der tanzte nun in purer Ekstase inmitten eines Flammenmeers, während vier Hexen die Leichen der Opfer wegschleppten.

Er ist schon sehr stark, dachte Asmodis zufrieden. Aber es reicht noch nicht ganz. Zwei, drei Opfer, schätze ich, dann sieht die Sache schon anders aus. Dann wage ich es.

Den Angriff auf LEGION …

***

Anno Domini 1458Wald bei Meersburg, Bodensee, Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation

Zamorra hockte auf einem Baumstumpf vor der alten Jagdhütte und starrte trübsinnig in den umliegenden Wald. Sein Retter Rodrigo de Trastámara hatte ihn hierher gebracht, um ihn dem Zugriff des Fürstbischofs von Konstanz zu entziehen. Die Wartezeit, bis Rodrigo erneut hier auftauchen würde, machte den Meister des Übersinnlichen nervös. Er hasste es, untätig herumsitzen zu müssen. Aber es ging im Moment nicht anders. Rodrigo wartete seinerseits auf ein bestimmtes Ereignis. Trat es ein, würde er es sofort vermelden. Er gab Zamorra freie Hand.

Immer wieder dachte der Meister des Übersinnlichen an die schwarzen Schwäne, von denen er vor einigen Tagen wiederholt geträumt hatte.

Vor einigen Tagen? Ha! Erst über fünfhundert Jahre in der Zukunft werde ich diesen Traum gehabt haben …

Sein Grinsen ob dieses Zeit-Kuddelmuddels fiel säuerlich aus. Die Prognoseforschung benutzte schwarze Schwäne als Symbol für ein extrem unwahrscheinliches Ereignis, das dann doch eintrat. Und genauso musste er seinen Traum auch deuten. Sein Unterbewusstsein hatte ihm das, was kommen würde, die Schließung eines Zeitkreises nämlich, in dieser verklausulierten Form angedeutet.

Auf der kleinen Lichtung vor der Hütte landete der Buchfink, auf den Zamorra schon gewartet hatte. Vor drei Tagen war er zum ersten Mal aufgetaucht, um frech einige Brotkrumen von Zamorras Mahlzeit zu schnorren. Da Zamorra gerne teilte und dem Vogel ein üppiges Mahl beschert hatte, kam er nun bereits zum vierten Mal vorbei, auch dieses Mal nicht vergebens. Zamorra hatte Krümel ausgestreut. Der Fink begann zu picken.

»Hallo, Fink«, sagte Zamorra lächelnd. Der Vogel schaute aufmerksam zu ihm her, ließ sich aber nur kurz in seinem Tun stören.

»Mahlzeit, Fink. Weißt du was? Ich glaube, ich werde dich Kühlwalda nennen.« Er grinste breit. »So langsam begreife ich, warum Asmodis in seiner Einsamkeit auf Caermardhin ständig mit dieser ollen Kröte geredet hat. Nein, vielleicht doch nicht Kühlwalda, da ist möglicherweise Copyright drauf. Bleiben wir also bei Fink. He, Fink, du könntest wirklich mal so aufmerksam dreinschauen, wenn ich mit dir rede, wie das Kühlwalda immer bei Asmodis gemacht hat. Na ja, behauptet er zumindest. Und Sara auch …«

Den kleinen Vogel interessierten weder das Asmodis- noch das Kühlwalda-Problem. Er war vollauf mit den Brotkrümeln beschäftigt.

»Weißt du was, Fink? Ich erzähle dir jetzt trotzdem mal ein paar Schwänke aus meinem Leben. Das, was mich gerade so beschäftigt. Ich bin schon ewigkeitslang Dämonenjäger. Kannst du dir das vorstellen? Das ist so ziemlich der abgefahrenste Beruf, den es gibt. Ever! Ein bisschen gefährlich, aber immer interessant. Man kommt viel rum, auch in der Zeit. Wenn’s nicht so wäre, hättest du diese Festmahlzeiten hier jetzt nicht. Na, egal. Hör dir mal das an: Fünfhundert Jahre in der Zukunft greife ich einen Hexenzirkel, der junge Frauen und Elfen auf der Meersburg opfert, während eines neuerlichen Opferrituals an. Mit einem Amulett, das der Zauberer Merlin einst aus der Kraft einer entarteten Sonne geschaffen hat. Wahnsinn, oder? Und ich habe das Ding. Na ja, bei diesem Angriff mache ich dann auch gleich eine äußerst erstaunliche Entdeckung. Gut eineinhalb Wochen zuvor war nämlich aus der Yale-Universität in Connecticut das geheimnisvollste Buch der Welt gestohlen worden, das Voynich-Manuskript. Und wo finde ich es wieder? Genau, bei den Hexen. Die benutzten es nämlich für ihren Zauber …«

Er hob ein Steinchen auf und warf es weg. »Echt, Fink, du machst dir keine Vorstellung. Als ich das Voynich-Manuskript nämlich berühre, puff, verschlägt es mich in die Vergangenheit. Direkt hierher, einfach so. Mit so was musst du als Dämonenjäger allerdings immer rechnen, sage ich dir. Egal, ich bin jetzt also im Jahr 1458 gestrandet, genau in der Zeit, in der das Voynich-Manuskript laut moderner Radiocarbon-Analyse entstanden ist. Warum gerade in dieser Zeit?, wirst du dich jetzt sicher fragen. Ist doch klar: Weil der Zeitkreis einfach so angelegt ist und ich hier noch etwas zu erledigen habe …«

Der Fink flatterte kurz hoch, ließ sich dann aber erneut auf dem Boden nieder.

»Ah, du willst also mehr hören, bon. Ich habe heute ohnehin meinen gesprächigen Tag. Ich werde also durch das Voynich-Manuskript, dieses Hexenbuch, direkt in den Garten der mittelalterlichen Meersburg versetzt. Die gehört gerade dem Fürstbischof von Konstanz. Heinrich von Hewen heißt der Typ, vielleicht hast du ihn ja schon mal von oben gesehen. Die bischöflichen Soldaten entdecken mich also und glauben sogleich, ich sei ein Spion des Meersburger Bürgermeisters Simon Weinzürn. Denn auch die Stadt Meersburg gehört dem Bischof, will sich aber abnabeln und Freie Reichsstadt werden. Das findet der Bischof weniger gut, wie du dir denken kannst. Im Moment führen die Streithähne Krieg, es gab bereits einen Angriff der bischöflichen Soldaten auf Meersburg. Vergeblich allerdings.

Also, beim Verhör durch den Bischof sehe ich doch plötzlich die Oberhexe Hulda Sternberg an seiner Seite, die ich bereits aus meiner eigenen Zeit kenne. Die gute Hulda gilt als erfolgreiche Heilerin und genießt überall großes Ansehen, sie ist sogar eine Vertraute des Bischofs, wie ich erst später erfahren habe. Sonst wäre ich mit meiner Anschuldigung vielleicht etwas vorsichtiger gewesen. Egal, ich gebe mich also zuerst als spanischer Inquisitor und Hexenriecher aus und bezichtige Hulda spontan, eine Hexe zu sein. Du kannst dir sicher vorstellen, dass das beim Bischof nicht so gut ankam. Der ist fast ausgeflippt. Allerdings bin ich bei Rodrigo de Trastámara, der rechten Hand des Bischofs, auf offene Ohren gestoßen. Rodrigo hatte Hulda nämlich bei einem Hexensabbat beobachtet, war sich seiner Sache aber nicht sicher gewesen. So habe ich nun also einen unverhofften Verbündeten, der mich zunächst mal aus den Kerkern der Meersburg befreit hat.«

Der Fink hatte genug und verabschiedete sich nun endgültig. Zamorra winkte ihm nach. »Bis dann. Ich hoffe, ich konnte dich beim Essen unterhalten. Den Rest erzähle ich dir dann beim nächsten Mal.«