Professor Zamorra - Folge 1112 - Christian Schwarz - E-Book

Professor Zamorra - Folge 1112 E-Book

Christian Schwarz

3,8
1,49 €

Beschreibung

LEGION ist einer der größten Gegner, die Zamorra je hatte. Das denkt der Dämonenjäger zumindest. Und noch einer ist dieser Überzeugung: LEGION selbst. Besteht er doch aus einem Kollektiv von Bewusstseinssplittern von Dämonen und somit einem Sammelsurium der gefährlichsten ehemaligen Gegner des Parapsychologen. Aber ist das wirklich so? So mancher Gegner Zamorras hielt sich für stärker, als er letztendlich war. Und auch LEGION scheint eine ganz bestimmte Schwäche zu haben. Da, wo keiner sie vermutete ...

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Inhalt

Cover

Impressum

Elfenkrieg

Leserseite

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2016 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Uwe Jarling / Rainer Kalwitz

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-4205-5

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Elfenkrieg

Von Christian Schwarz

»Wir müssen uns noch einmal um die Sache kümmern.«

Der Erste Magier knurrte böse. Immer wenn er Leonardos Stimme hörte, wurde er von Hassgefühlen überschwemmt. »Welche Sache meinst du?«, antwortete er trotzdem. Denn sie alle waren das Kollektiv LEGION und mussten sich darin arrangieren. Nur gemeinsam konnten sie überleben.

»Den Angriff auf LEGION«, gab Leonardo de Montagne zurück. »Wir haben etwas übersehen.«

»So, und was?«

»Die gelben Raubtieraugen. LEGIONs geheimnisvoller Gegner ist doch ein Dämon.«

Katakomben von Paris / Marienschlucht, Bodensee

Lacroix verließ das pulsierende, überbordende Leben der Seine-Metropole und betrat die Katakomben von Paris auf Wegen, die nur er kannte. Wie von LEGION gewünscht, trug er sieben schwarze Seelen mit sich. Würdevollen Schrittes ging der Seelenwächter durch ewigkeitslange finstere Gänge, in denen die Stille greifbar war. Selbst Lacroix, dessen Geschäft der Tod war, empfand sie inmitten von Millionen aufgeschichteter Menschengebeine und Schädeln gelegentlich als bedrückend, erdrückend sogar. Dennoch – nur zwanzig Meter Boden trennten das Reich des Todes von der Welt der Lebenden, trotzdem bildete die erstarrte Welt hier unten das wahre Wesen allen Seins tausend Mal besser ab.

Schon im Moment seiner Geburt ist jeder ein Sterbender, Menschen und Tiere genauso wie magische Wesen, dachte Lacroix. Niemand hat das ewige Leben, selbst die allerstärksten Dämonen nicht, auch wenn sie es aufgrund ihrer Langlebigkeit manchmal glauben mögen. Irgendwann liegt auch Dämonengebein reglos da und modert der Ewigkeit entgegen.

Selbst die Seelen aller Wesen waren am Ende doch dem Untergang geweiht und gingen ins gestaltlose Nichts ein, auch wenn sie das Absterben des Körpers noch lange Zeit überleben konnten, davon war Lacroix zutiefst überzeugt. Auch die Seelen, die direkt ins Licht aufstiegen, würden dort nicht ewig existieren, wo und was dieses »dort« auch immer war. An ein göttliches Wesen, das die Geschicke aller lenkte, glaubte der Seelenwächter ohnehin nicht.

Lacroix hatte nie vorgehabt, hinter den Spiegel zu schauen. Er akzeptierte die Dinge, wie sie waren, sie ließen sich ohnehin nicht ändern. Das war bis heute so. Selbst die vage Aussicht, dass dieser fürchterliche Dämon namens LEGION den Schleier um diese existenziellen Dinge demnächst ein wenig lüften könnte, machte ihn kein bisschen neugieriger.

Der Seelenwächter bewegte sich in einem Teil der Katakomben, der durch Verschüttungen schon lange nicht mehr zugänglich war. Deswegen hatte ihn sich LEGION für seine Experimente ausgesucht. Schon von Weitem hörte Lacroix die zornige Stimme des Dämons. Hatte er etwa Besuch? Denn Lacroix konnte ganz deutlich eine zweite Stimme unterscheiden. Und eine dritte! Unwillkürlich blieb er stehen und lauschte.

LEGIONs Stimme war wie kaltes Metall. Sie erinnerte an eine kreischende Säge und besaß einen seltsamen Nachhall. Für Lacroix hörte es sich so an, als spräche LEGION jedes Mal mit tausend verschiedenen Stimmen gleichzeitig, die alle dasselbe sagten, jedoch um einen winzigen Moment zeitversetzt. Wie ein riesiger Chor, der nicht exakt im Gleichklang sang. Dieser Effekt verlieh LEGIONs Stimme zudem ein machtvolles Tosen. Trotzdem war sie niemals undeutlich. Lacroix verstand jedes Wort, das der Dämon zu ihm sprach.

Der Seelenwächter ging weiter. Er war nicht erpicht darauf, LEGIONs Besuch zu begegnen. Andererseits hasste es der Dämon, wenn er ihn zu lange warten ließ. LEGION war davon besessen, ständig neue Seelen zu bekommen, mit denen er experimentieren konnte.

Lacroix verharrte am Eingang der großen Kaverne, die LEGIONs magische Seelenkuppeln enthielt. Vier hatte der Dämon zwischenzeitlich geschaffen. In jeder variierte er die Versuchsanordnung, denn er suchte Antwort auf drei Fragen: Wie war die Kraft einer reinen Seele beschaffen, was unterschied sie von anderen, weniger reinen? Warum musste LEGION ausgerechnet vor der Kraft reiner Seelen auf der Hut sein? Wie konnte er dem begegnen?

Den Seelenwächter interessierte allerdings etwas Anderes als die Experimentierhorte. Fasziniert starrte er auf LEGION, der vor der einzigen abgedunkelten Seelenkuppel stand. Der Dämon bemerkte ihn offensichtlich nicht. Er hatte sich die Gestalt eines perfekt aussehenden, nackten, muskulösen Menschenmannes mit kurzen blonden Haaren gegeben. Diese Gestalt verschwamm im Moment ein wenig, als sei sie in Auflösung begriffen, wurde dann nebelhaft und schließlich durchsichtig. Hätte Lacroix geatmet, er hätte den Atem nun sicher angehalten. Denn der Nebelhauch schien sich zu wandeln. Der Seelenwächter glaubte plötzlich einen kleinen, schwarzbärtigen, überaus hässlichen Mann zu sehen, der wie eine fette Kröte wirkte, ganz kurz auch eine flammenumkränzte Gestalt. Lacroix begriff sofort, dass dieser optische Wandel exakt mit dem Wechsel der verschiedenen Stimmen zusammenhing. LEGION hatte keinen Besuch. Die Stimmen kamen alle aus ihm selbst! Und sie waren, im Gegensatz zu vorher, verschieden.

Das erstaunte den Seelenwächter über alle Maßen. LEGION schien nicht eine dämonische Kreatur zu sein, sondern ein Kollektiv aus mehreren! Bisher hatte LEGION immer nur mit einer Stimme gesprochen, sodass Lacroix den vielfachen Nachhall nur als Eigentümlichkeit abgetan hatte, nun aber offenbarte LEGION zum ersten Mal sein wahres Wesen. Die Dämonen, die in ihm vereinigt waren, schienen sich zu streiten. Lacroix wusste nicht, ob diese Entdeckung allzu gesund für ihn sein würde, aber er konnte nicht anders, er musste einfach lauschen. Im Laufe des aggressiv geführten Gesprächs schaffte es Lacroix, den Stimmen nicht nur die verschiedenen Erscheinungen zuzuordnen, sondern auch ihre Namen, da sie sich gelegentlich damit ansprachen.

»Was meinst du mit den gelben Raubtieraugen?«

Die Gestalt des nackten Blonden wechselte zu der kleinen, hässlichen, fetten Kröte. »Du erinnerst dich an die Frau, die sich Dekanin Tomasson nannte, Erster Magier?«

»Natürlich, Leonardo. LEGION hat sie umgebracht, nachdem ich ihre Gedanken durchforstet habe.«

»Nicht LEGION war es. Du hast die Frau getötet, Erster Magier«, warf Pluton mit einem vorwurfsvollen Unterton ein. »Das war ein großer Fehler, den ich nicht begangen hätte. So konnten wir sie nicht mehr genauer befragen.«

»Noch ein Wort der Kritik und ich werde dich töten, Flammendämon«, zischte der Erste Magier. »LEGION kann auch ganz gut ohne dein Bewusstsein leben.«

»Dann musst du mich auch töten, Erster Magier«, warf Leonardo ein. »Aber das wirst du kaum noch schaffen, ohne LEGION nachhaltig zu schwächen, denn ich bin bereits viel zu stark. Und ich spüre, dass ich stündlich noch stärker werde.« Die fette Kröte lachte hämisch. »Du hast den richtigen Zeitpunkt verpasst, um mich loszuwerden, Erster Magier. Und Pluton wird auch immer stärker. Auch sein Tod würde LEGION schwächen, deswegen lasse ich es nicht zu, dass du dich an ihm vergreifst. Zumal unser Flammenmann vollkommen im Recht ist …«

Leonardo machte eine genüssliche Pause, die der Erste Magier aber nicht zur Gegenrede nutzte, denn die nebelhafte Gestalt der fetten Kröte blieb bestehen. Sie schien ein mittelalterliches Wams zu tragen, wie Lacroix erst jetzt erkannte.

So fuhr Leonardo fort: »Denn die Frau mit dem Namen Tomasson hat zwar an Zamorra gedacht, aber in deinem Zorn hast du den Rest ihrer Gedanken nicht mehr mitbekommen, Erster Magier. Denn die Frau fürchtete sich vor Zamorra, weil er beim Abschied …«

»Von was redet ihr da? Klärt mich auf, ich will es auch wissen.« Dabei wechselte die Gestalt für einen Moment auf einen riesigen, dunklen Teufel mit mächtigen Hörnern, Bocksgesicht und gewaltigen ledrigen Schwingen, die an der Kavernendecke anzustoßen schienen.

»Lucifuge Rofocale! Du auch noch?«, brüllte der Erste Magier unbeherrscht. »Wie viele von euch erstarken denn noch? So geht das nicht weiter. Ich mache dem ein Ende.«

Der riesige schwarze Teufel brüllte grässlich auf, während er gleichzeitig in die Knie brach. Irrlichter und schwarze Blitze zuckten plötzlich durch die Kaverne. Die Blitze schlugen in das aufgeschichtete Gebein und ließen es förmlich explodieren. Knochen und Totenschädel flogen durch die Kaverne und schlugen gegen Wände und Decke. Lacroix erschrak tödlich, bewegte sich aber trotzdem keinen Millimeter vom Fleck. Auch nicht, als ihm ein Totenschädel direkt ins Gesicht knallte. Er wusste, dass er spätestens jetzt fliehen sollte, aber er konnte es einfach nicht.

»Ich lasse es nicht zu, dass du ihn tötest, Erster Magier!«, brüllte nun Leonardo und es klang wie das vielfache Quieken eines Schweins. Das Irrlichtern verstärkte sich, der Erste Magier stieß einen irren Schrei aus, dann war es auch schon wieder vorbei. Ruhig, als sei nichts geschehen, stand der nackte Blonde inmitten des Chaos aus weißlich schimmernden Gebeinen. Es knackte, als er einen Schritt machte und auf einen Knochen trat.

»Ich hätte dich wirklich töten sollen, als es noch Zeit war, Leonardo«, zischte der Erste Magier.

»Eine Reue, die zu spät kommt. Ich denke, wir sollten nun Lucifuge Rofocale in unserem kleinen erlauchten Kreis, der übrigens immer größer zu werden scheint, begrüßen.«

»Erzählt mir nun, was hier vorgeht«, verlangte Lucifuge Rofocale zu wissen. »Doch zuerst werdet ihr alle mir eure Demut erweisen, denn ich bin der Ministerpräsident der Hö …« Seine Worte endeten in einem tierischen Gebrüll, während erneut schwarze Blitze zuckten und in die Wände schlugen. Es krachte und donnerte.

»Du bist es, der demütig bleiben sollte, Lucifuge Rofocale«, erwiderte Leonardo, der anscheinend mit aller Macht zugeschlagen hatte. »Das hier sind nicht die Schwefelklüfte. Die Macht in LEGION habe ich … äh, und der Erste Magier natürlich. Du wirst dich uns unterordnen, verstanden?«

»Ja.«

»Hast du nicht was vergessen, Lucifuge Rofocale?«

»Ich höre und gehorche.«

»Sehr gut.« Lacroix sah, wie sich die fette Kröte feist grinsend die Hände rieb. Und sich in den Flammenumkränzten verwandelte.

»Wir sollten Lucifuge Rofocale trotzdem aufklären«, verlangte Pluton. »Jedes vollständig erwachte Bewusstsein muss über alles informiert sein.«

»Du hast recht«, erwiderte Leonardo. »Nun, im fernen Land Amerika wurde ein Hexenbuch gestohlen, über das die Frau namens Tomasson wachte. Wie ich – LEGION! – später aus ihren Gedanken erfuhr, war Professor Zamorra dieser Dieb. Der Erste Magier, der damals die Geschicke LEGIONs noch alleine bestimmte, tötete die Tomasson sofort. In seiner Wut erkannte er nicht, was ich nun erkannt habe, nachdem ich mir den Gedankeninhalt der Frau noch einmal zu Gemüte geführt und genau analysiert habe.«

»Was willst du erkannt haben, das ich nicht sah?«, erwiderte der Erste Magier voller Hass.

»Du weißt es längst, denn Tomassons Erinnerungen sind in LEGION gespeichert und damit allen Erwachten zugänglich.«

»Die gelben Raubtieraugen«, sagte Pluton. »Jetzt sehe ich es auch.«

»Ja. Wie ihr erkennen könnt, fürchtete sich die Tomasson vor Professor Zamorra, weil sich seine Augen beim Abschied in Raubtieraugen verwandelten. Das würde Zamorra niemals tun, obwohl er es durch eine magische Illusion sicher bewirken könnte. Bei dem Mann handelte es sich mithin nicht um den Meister des Übersinnlichen, sondern um einen Dämon, der seine Gestalt angenommen hatte.«

»Was hat es mit diesem Hexenbuch auf sich?«, fragte Lucifuge Rofocale.

»Der dämonische Dieb, wer immer es war, nutzte es, um die darin verbannten Hexen zu befreien und sie ein Elementarwesen schaffen zu lassen, das dann Plutons Bewusstseinssplitter in LEGION stärkte. Aber die Kraft des Elementarwesens hatte nicht nur auf Pluton eine belebende Wirkung, auch mein eigenes Bewusstsein wurde erweckt und meine magischen Kräfte gestärkt.« Leonardo kicherte erneut. »Plutons und meine Stärkung scheinen Sogwirkung zu haben, denn nun bist auch du erwacht, Lucifuge Rofocale, und stellst dem Kollektiv dein Wissen, deine Erfahrung und deine Macht nunmehr aktiv zur Verfügung.«

»Worüber ich sehr froh bin.«

»Ich weniger!«, brüllte der Erste Magier wieder los. »Der Elementar war ein gezielter Angriff, um LEGIONs innere Einheit zu zersetzen. Leonardo, Pluton, ihr werdet mir helfen, Lucifuge Rofocale zu eliminieren. Je mehr Bewusstseine es sind, die erstarken, desto mehr nimmt LEGIONs Schlagkraft ab. Es ist schon schwierig genug, das Kollektiv zu dritt zu lenken, weil jeder seine eigenen Interessen hat. Wir müssen handeln, bevor LEGION völlig handlungsunfähig wird. Es dürfen nicht noch mehr Bewusstseine hochkommen.«

»Der Erste Magier hat recht«, sagte Pluton.

»Nein!«, quiekte Leonardo. »Er will doch nur verhindern, dass wir uns Verbündete schaffen. Dann kann er uns bequemer liquidieren, wenn sich die Gelegenheit dazu ergibt. Wir müssen noch viel mehr sein, um uns vom Ersten Magier nicht abkochen zu lassen.«

»Ja, vielleicht«, murmelte Pluton. »Also gut, dann bleibt Lucifuge Rofocale am Leben.«

»Von mir aus«, erwiderte der Erste Magier voller Wut. »Aber nun lasst uns die Experimente weiterführen. Lacroix ist sicher bald mit den bösen Seelen zurück …«

Der Seelenfänger drückte sich voller Angst zurück in den Gang. Und hörte den Ersten Magier trotzdem weiterreden.

Seine Gedanken jagten sich. Lucifuge Rofocale war doch längst tot. Ebenso Leonardo, bei dem es sich nur um den berüchtigten Leonardo de Montagne handeln konnte. Auch Pluton weilte längst nicht mehr unter den lebenden Dämonen. Oder war der Tod des Höllenadels nur ein gigantischer Betrug gewesen? Hatten diese hier in LEGION überlebt? Was war LEGION dann für ein … Ding, wenn tatsächlich all diese mächtigen Dämonen in ihm steckten? Dass sie aus dem ORONTHOS zurückgekommen sein könnten, daran verschwendete Lacroix nur einen flüchtigen Gedanken, denn das konnte er sich nicht vorstellen. Noch nie war ein toter Dämon aus dem ORONTHOS zurückgekehrt. Genauso wenig, wie jemals eine ins Licht gegangene Seele zurückgekehrt war. ORONTHOS und Licht bedeuteten doch dasselbe in Lacroix* Vorstellung: das endgültige Ende. Nur mühsam konzentrierte er sich wieder auf den Fortgang des Gesprächs.

»Ich habe mich entschlossen, Claudia Schallers reine Seele eine Zeitlang mit sieben abgrundtief bösen Seelen zusammen in eine Kuppel zu sperren. Es wird interessant sein zu sehen, ob sich die reine Seele allmählich den anderen angleicht oder …«

»Nein!«, schrie Leonardo. »Das ist jetzt weniger wichtig. Da draußen läuft ein dämonischer Feind herum, der jederzeit einen neuen Angriff auf LEGION starten könnte. Er scheint schlau zu sein und über viel Wissen zu verfügen, wie sonst hätte er von Plutons Bewusstseinssplitter in LEGION gewusst? Und wie er diesen stärken kann! Deswegen dürfen wir ihn nicht unterschätzen. Wir müssen alles tun, um ihn ausfindig zu machen und zu töten.«

»Welche Vorgehensweise schlägst du vor?«

»Wir suchen alle Personen auf, die mit dem Werden des Elementars etwas zu tun hatten und entreißen ihnen ihr Wissen.«

Der Erste Magier wehrte sich dagegen, weil er die Seelenforschung für wichtiger hielt, musste sich schließlich aber den anderen fügen. Leonardo, Pluton und Lucifuge Rofocale waren sich in diesem Fall einig. Und damit ohnehin stärker als er.

Ohne sich um Lacroix zu kümmern, verschwand LEGION aus den Katakomben …

… und tauchte am Bodensee wieder auf. Drei Tage lang suchte der Dämon alle möglichen Menschen auf, die auch nur entfernt in den Fall verwickelt waren. Dabei handelte es sich hauptsächlich um Angehörige der jungen Frauen, die dem Hexenzirkel zum Opfer gefallen waren. Um die Besitzerfamilie und Angestellten der Meersburg, die Schauplatz der dramatischen Ereignisse gewesen war. Und um Polizisten. Sie alle wussten nichts, was zu einem möglichen Gegner geführt hätte. Dieser war überaus vorsichtig zu Werke gegangen und hatte keine Spur hinterlassen – bis auf die gelben Raubtieraugen.

Der Erste Magier sträubte sich nicht mehr gegen die Nachforschungen, er unterstützte sie sogar. Je eher das hier abgeschlossen war, desto eher konnte er wieder mit seinen Seelen experimentieren.

»Weiß jemand, ob Asmodis in neuerer Zeit noch andere Erscheinungsformen pflegte als die bisher bekannten?«, fragte Pluton. »Ich meine, nachdem mein Bewusstsein in den ORONTHOS geschleudert wurde.«

»Keine Ahnung. Wir waren ja alle eine ganze Weile tot«, sagte Rico Calderone. Das Bewusstsein des ehemaligen Sicherheitsbeauftragten der Tendyke Industries, der zum Dämon mutiert und eine Zeitlang Ministerpräsident der Hölle gewesen war, war am gestrigen Tag erwacht.

»Du hast hier gar nichts zu melden, Schmalspurdämon«, keifte Lucifuge Rofocale. »Sei still, oder ich vernichte dich auf der Stelle.«

»Große Klappe und nichts dahinter«, gab Calderone cool zurück. »Ich weiß gar nicht, warum du dich so aufregst, Luci. Du warst es schließlich, der mich zum Dämon gemacht hat, indem du mir drei Schatten anhängtest. Erinnerst du dich?«

»Ruhe jetzt!«, brüllte Leonardo. »Wer hier wen eliminiert oder auch nicht, bestimme ich! Äh … und der Erste Magier. Aber sag, Flammenmann, warum fragst du so plötzlich nach Asmodis? Hat das einen tieferen Grund?«

»Nein. Ich kann mir aber gut vorstellen, dass Asmodis hinter dieser Aktion steckt. Schließlich war ich lange genug seine rechte Hand und weiß also, wie verschlagen er ist.«

»So, so«, murmelte Leonardo, »was du nicht sagst, Flammenmann. Ich frage mich ohnehin schon die ganze Zeit, woher unser geheimnisvoller Feind wusste, dass dieser seltsame Elementar deine Kräfte stärkt. Das kann doch kein Zufall sein.«

»Wahrscheinlich doch. Ich weiß es auch nicht, Leonardo.«

»Warum nur habe ich das Gefühl, dass du lügst, Flammenmann? Gerade weil du Asmodis* Vertrauter warst, könnte er davon gewusst haben.«

»Unsinn.«

Leonardo dachte einen Moment nach. »Nun, ich kann es dir nicht beweisen, Flammenmann, aber ich nehme deinen Hinweis ernst. Zumal ich Ähnliches auch schon gedacht habe. Eine solche Intrige wäre durchaus Asmodis* Kragenweite.«

»Er hat es immer geschafft, sich größer zu machen, als er tatsächlich ist«, warf Calderone ein. »Ein aufgeblasener Wichtigtuer.«

»Der bist ja wohl eher du«, zischte Lucifuge Rofocale. »Asmodis hatte als Fürst der Finsternis immer noch tausend Mal mehr Format als du in deiner Zeit als Ministerpräsident der Hölle. Es war einer meiner größten Fehler, dich zum Dämon zu machen.«

»Du kannst mich mal am A … bend bes …« Unvermittelt brüllte Calderone auf. Sein Brüllen ging in Gewimmer über. »Genug … Leon …ardo, ich bin ja … schon … still …«

»Gut. Dann macht LEGION jetzt mit seiner Arbeit weiter. Er wird das Gedächtnis all der Menschen, die er bereits befragt hat, noch einmal auf Asmodis* bekannte Tarnexistenzen hin durchforsten.«

Aber auch das brachte keinen Erfolg.