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1961, Kalter Krieg. Der Wettlauf der beiden Großmächte um den ersten Menschen im Weltall, bildet den Hintergrund für den spannenden Roman. Auf Cape Canaveral herrscht eine hektische Atmosphäre: Die Sowjetunion hat bereits zwei unbemannte Raumschiffe auf Bahnen um die Erde gebracht. Da soll der Kosmonaut Scott Sharper in eine Mercury-Kapsel steigen, um mit einem ballistischen Flug über vierhundert Kilometer einen Sprung in den Weltraum zu wagen. Sharper ist bereit, die einmalige Chance zu nutzen. Betty, seine Frau, bangt um ihn, und sein Freund, Dr. Gilbert, versteht ihn nicht. Gilbert, der technische Leiter der Mercury-Versuchsreihe, hat Bedenken gegen den Flug. Aber Scott Sharper will starten. Soll er mit Rücksicht auf die Ängste seiner Frau seine Chance vergeben? Der Technik vertraut er. Die vorangegangenen Als-ob-Versuche haben geklappt. Ist das noch sein Freund, der mit kleinlichen technischen Erwägungen verhindern will, dass der erste Kosmonaut Scott Sharper heißt? Die letzten Meldungen aus der Sowjetunion spornen zur Eile an ... Der Start glückt – vor dem haben sich jedoch die Ereignisse auf dem Cape weiter zugespitzt.
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Seitenzahl: 365
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Hans Müncheberg
Project Mercury
-1961-
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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Impressum neobooks
"T minus dreißig!"
Aus allen Lautsprechern des größten amerikanischen Raketenversuchsgeländes auf Cape Canaveral drang diese Zeitangabe. Jeder, der hier unter der heißen Sonne Floridas arbeitete, wusste nun: Dreißig Minuten blieben nur noch bis zu dem mit Spannung erwarteten ersten Flug einer voll ausgerüsteten Mercury-Pilotenkapsel über rund vierhundert Kilometer.
Keith Grandle, Cheftechniker der NASA-Arbeitsgruppe auf dem Cape, wiederholte die Zeitangabe und blickte zu Robert Hawker, der neben ihm am Kommandopult der technischen Zentrale saß. Hawker war der leitende Ingenieur aller Versuche, die von der NASA, der staatlichen Luft- und Raumfahrtbehörde der USA, mit der Redstone-Trägerrakete unternommen wurden.
Von dem etwas höher gelegenen Kommandoraum aus konnte man den Hauptraum der technischen Zentrale gut übersehen. Dort saßen in langen Reihen Ingenieure und Techniker vor den Überwachungs- und Messgeräten, die alles verzeichneten, was sich in dieser Sekunde in dem komplizierten Mechanismus der Rakete ereignete. Seit der letzten Startverschiebung vor zwei Tagen war keine Panne mehr eingetreten. Hawker wandte sich dem Zeitgenerator zu, der alle Messergebnisse kontinuierlich auswertete. Man konnte ihn direkt vom Kommandopult aus überwachen. Alle Kontrolllampen zeigten grünes Licht. Die aktive Kontrollphase war nun abgeschlossen. In den nächsten Minuten mussten alle Aggregate durch fehlerfreie Arbeit beweisen, dass die Rakete startbereit war.
Die Redstone stand aufgetankt auf dem fast acht Meter hohen Starttisch. Die unmittelbaren Startvorbereitungen vor der Zündung der Triebwerke erforderten die höchste Konzentration aller Ingenieure und Techniker.
Grandle beugte sich wieder zum Mikrophon.
"T minus fünfundzwanzig!"
Draußen, dicht am Ostrand der Insel, nicht weit von den flach auflaufenden Wellen des Atlantik, löste sich das fast fünfundzwanzig Meter hohe Wartungsgerüst langsam, Zentimeter um Zentimeter, vom leuchtend weißen Körper der Redstone-Rakete. Auf vier breiten Schienen glitt diese vielstöckige, fahrbare Montagewerkstatt zurück. Die Techniker verließen das Wartungsgerüst und den Starttisch und eilten zu den einige hundert Meter entfernt gelegenen betonierten Schutzbunkern. Warren Eastburn, der für die Pilotenkapsel Verantwortliche, trat zuletzt aus dem Fahrstuhl, der ihn von der obersten Etage zur Erde gebracht hatte. Tief atmend wischte er sich den Schweiß von der Stirn und wandte sich dem Jeep zu, der bereits neben dem Fundament des Starttisches auf ihn wartete. So schnell sein massiger Körper es ihm erlaubte, kletterte er auf den Sitz neben dem Fahrer.
Auf der Fahrt zum flachen, langgestreckten Bunkerbau, der die technische Zentrale beherbergte, trafen sie den Flüssigsauerstoffwagen, der nochmals zum Starttisch fuhr, um die Rakete nachzutanken.
Die Redstone stand frei auf dem Starttisch, nur noch durch ein dickes Mess- und Zündkabel mit der Zentrale verbunden. Einundzwanzig Meter hoch reckte sich der leuchtende Raketenkörper in den tiefblauen Himmel. Weiße Dampffetzen stiegen von seinem unteren Ende auf. Flüssiger Sauerstoff verdampfte. Hundertachtzig Grad Kälte herrschten dort, aber nur dort, denn alle anderen Außenthermometer auf dem Cape zeigten in dieser Sekunde vierunddreißig Grad Wärme an.
"T minus zwanzig!"
Unbarmherzig brannte die Sonne auf das flache, baumlose Gelände nieder. Nach Ansicht der Experten war es geradezu ideal gelegen. Kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges hatten die Vereinigten Staaten begonnen, aus den Vorbildern der erbeuteten deutschen Großraketen A 4 eigene Projekte zu entwickeln. Bald reichten die Wüsten- und Steppengebiete für die Erprobung nicht mehr aus. Eine große Versuchsstrecke wurde gebraucht. Sie sollte nicht über das Festland führen, damit sowohl unerwünschte Beobachter als auch Unfälle durch abstürzende Raketentrümmer ausgeschaltet wurden. Als am besten geeignet stellte sich schließlich der mittlere Atlantik heraus. Er war nicht so unruhig wie zum Beispiel der nördliche Teil und garantierte auch ein stetiges, mildes Klima. Florida war das ideale Land für die Abschussbasis, wenn der Flugkorridor zu den Bahama-Inseln führen sollte. Nach langen Vorplanungen fiel die Wahl auf Cape Canaveral, jene schmale, meist nur wenige Kilometer breite Insel, die in einer Länge von fast hundertfünfzig Kilometern der Ostküste Floridas vorgelagert ist. Den Namen verdankte sie einer weit in den Atlantik vorstoßenden Verbreiterung. So besaß sie an dieser Stelle auch einen ausgedehnten, von der starken Brandung verschonten Südstrand. Ein besserer Platz für die Abschussrampen hätte nicht gefunden werden können. Die Insellage gestattete eine absolute Abschirmung des Geländes. Die Erfahrungen mit der Patrick Air Force Base kamen der Planung entgegen. Dieser Stützpunkt befand sich auf dem südlichen Zipfel der Insel Merritt, die zwischen dem Cape und dem Festland lag. So wurde zunächst von Titusville aus eine Verbindungsstraße auf das Cape gebaut, von Militärpolizei streng bewacht, und dann begann der Ausbau der technischen Einrichtungen. Jahre waren seitdem vergangen, Jahre, die den Namen des einst unbekannten Cape um die ganze Welt getragen hatten. Von hier aus wurde am 31. Januar 1958, vier Monate nach Sputnik I und drei Monate nach Sputnik II, der erste amerikanische Erdsatellit Explorer I ins Weltall gestartet. Das Trägersystem war die Vierstufenrakete Juno I, deren erste Stufe die militärische Kurzstreckenrakete Redstone bildete, ähnlich der, die in wenigen Minuten starten sollte,
"T minus fünfzehn!"
Grandle ließ den Blick über die langen Reihen grün leuchtender Kontrolllampen gleiten.
Die schwere Stahltür öffnete sich, und Warren Eastburn kam schnaufend herein. "Verdammte Schinderei. Eine Hitze ist das wieder!" Eastburn ließ sich ächzend in einen der drehbaren Stahlrohrsessel fallen. Er knöpfte das leichte Sporthemd etwas weiter auf. "Ich verstehe, ehrlich gesagt, nicht, Mister Hawker, wie Sie das immer mit Ihrem Seidenschal um den Hals aushalten?"
"Ganz einfach - ich schwitze nicht."
"Ich habe mal gelesen", bemerkte Grandle, "was gut ist gegen die Kälte, soll auch gut gegen die Hitze sein."
Eastburn brummte: "Dann wollen wir mal nächstens tauschen. Sie kümmern sich an meiner Stelle draußen auf dem knallheißen Montageturm um die Pilotenkapsel, und ich bewache dafür hier im Schutze der Klimaanlage den allwissenden Zeitgenerator." Er erhob sich und trat neben Grandle an die lange Front des Elektronenhirns, das, mit allen Daten der Startvorbereitungen gespeist, die vielen Messstellen kontrollierte und jede Abweichung sofort meldete.
Hawker blickte auf die große Count-Down-Uhr, die kurz vor der Zahl 10 angekommen war. "Jetzt können wir nur noch die Daumen drücken", sagte er.
Grandle wusste, was der technische Leiter damit meinte. Bei diesem Start ging es um mehr als bei jedem früheren. Vor drei Tagen, am 19. August 1960, hatte nämlich die Sowjetunion ihren zweiten Raumschiffversuch unternommen. Während es den "Russen" bei ihrem ersten Versuch im Mai nur um die Erprobung einer Weltraumkabine gegangen war und das Raumschiff dann nach dreiundsechzig Tagen verglühte, hatte dieser neueste Versuch in den USA und vor allem hier auf Cape Canaveral großes Aufsehen hervorgerufen. Was noch niemand für möglich gehalten hatte, war dort fast auf Anhieb gelungen: Ein Raumschiff mit Versuchstieren, den Hunden Belka und Strelka, an Bord hatte vierundzwanzig Stunden lang die Erde umkreist und war wieder sicher gelandet! Diese Nachricht, durch den Satellitenbeobachtungsdienst der USA bestätigt, hatte einen starken Schock ausgelöst. Bis zu diesem Tage glaubte man nämlich, auf dem Gebiet der bemannten Raumfahrt einen Vorsprung gegenüber der Sowjetunion zu haben. Bereits vor einem Jahr, im September 1959, war der offizielle Startschuss zum Wettlauf um die Eroberung des Kosmos durch den Menschen gefallen. Hier auf dem Cape hatte man mit der Erprobung der Kapsel und der Trägerrakete für den zunächst geplanten ballistischen Flug begonnen. Auf seiner Bahn über rund vierhundert Kilometer sollte der Astronaut in eine maximale Höhe von rund hundertachtzig Kilometer geschossen werden. Ein halbes Jahr würde aber mindestens noch vergehen, bis es soweit war. Und nun auf einmal dieser Flug eines sowjetischen Raumschiffes, der für die USA ein unübersehbares Zeichen war, dass nicht mehr viel Zeit blieb, wenn man diesen Wettlauf um den ersten bemannten Start gewinnen wollte. Deshalb hing soviel von diesem Versuch ab, von dem Start, der in zehn Minuten erfolgen sollte. Gelang er, dann war man einen großen Schritt weiter, dann konnte der Schock des russischen Erfolges überwunden werden. Ja, es blieb nur, die Daumen zu drücken.
Grandle beugte sich wieder zum Mikrophon vor.
"T minus zehn!"
Draußen neben dem Starttisch fünf stand das schwere Spezialfahrzeug, in dessen doppelt gesicherten Thermobehältern der Flüssigsauerstoff mit einer Temperatur von mehr als hundertdreiundachtzig Grad Kälte transportiert wurde. Dicke isolierte Schlauchleitungen führten zur Rakete. Starker Eisbelag hatte sich auf den Anschlussstellen gebildet. Schwaden kalten Nebels sanken ständig von ihnen herab. Die Männer dieser Spezialgruppe trugen weiße Schutzanzüge und Plexiglashelme. Jeder Handgriff war geübt. Nun wurden die Leitungen demontiert. Die Männer sprangen auf die Trittbretter des Fahrzeugs. Wenige Sekunden später befand sich kein Lebewesen mehr in der inneren Gefahrenzone, die mit einem Radius von einigen hundert Metern rund um den Starttisch zu denken war.
"T minus fünf!"
Im nordwestlichen Teil des Versuchsgeländes, dort, wo sich die Insel stark verengte, lag dicht am Banana Float das Hauptquartier der NASA-Gruppe. Unter der Leitung von Stuart Pearsons hatte diese staatlich-zivile Arbeitsgruppe schon vor einigen Jahren Gastrecht auf dem Air-Force-Versuchsgelände erhalten. Ein Beschluss der obersten Raumfahrtbehörde in Washington, bestätigt von der Regierung, bestimmte, dass wesentliche Aufgaben der zivilen Raumforschung mit Unterstützung der Luftstreitkräfte auf Cape Canaveral durchgeführt werden sollten. So war damals der NASA ein kleines Areal im Nordwesten des Sperrgebietes freigemacht worden. Dort konnten die technischen Forschungsanlagen und die Verwaltungsgebäude errichtet werden. Für alle Versuche aber musste die nördliche Zentrale der Air Force benutzt werden. In einem langfristig festgelegten Rhythmus wechselten also in den Räumen dieser technischen Zentrale Uniformhemden und Campinghemden. Auch die Hangars und die Starttische gehörten der Air Force. Lediglich für spätere Aufgaben der NASA wurde eine eigene neue Startanlage errichtet. Für die zurzeit laufenden Mercury-Versuche hatte die NASA einen Redstone-Starttisch zu dauernder Benutzung erhalten. Das "Project Mercury" besaß den höchsten Dringlichkeitsgrad, heute mehr denn je. Es umschloss die Summe der amerikanischen Bemühungen, als erstes Land der Welt einen bemannten Raumflug durchzuführen. Und Stuart Pearsons war der Chef der dafür zuständigen Arbeitsgruppe. Rund drei Kilometer trennten ihn von der technischen Zentrale, in der Robert Hawker, Keith Grandle und viele andere jetzt vor den Apparaten saßen; aber auch Stuart Pearsons war mit dem Geschehen unmittelbar verbunden. Eine ganze Seitenwand seines Arbeitszimmers war mit Fernsehschirmen und den verschiedensten Kontrollgeräten ausgefüllt. Sie waren eingeschaltet und zeigten die Redstone auf dem Starttisch und die wichtigsten Werte des laufenden Versuches auf übersichtlichen Messskalen.
Neben Pearsons saß Steve McGuire, stellvertretender Leiter und Verwaltungschef der NASA-Gruppe. Sie beobachteten aufmerksam die Apparaturen. Es wurde kaum gesprochen. Jeder hing seinen Gedanken nach.
Es hatte in den letzten Monaten einige Rückschläge gegeben. Die Regierung und der Chefdirektor der NASA waren verstimmt. Der Zeitplan des "Project Mercury" war ins Rutschen gekommen. Und in diese nicht sehr günstige Situation war vorgestern die Nachricht von dem erfolgreichen sowjetischen Versuch geplatzt. Eine äußerst ernste Lage für die amerikanische Forschung und für das Prestige der USA auf diesem, von der Öffentlichkeit der Welt so stark beachteten Gebiet. Prompt war gestern die Einladung an Stuart Pearsons ergangen, er möge sich am Tage nach dem laufenden Versuch bei Chefdirektor Webster in Washington einfinden.
Als vor dem Gebäude ein Jeep mit knirschenden Bremsen stoppte, war beiden klar, dass der Stützpunktkommandant der Air Force und "Hausherr" des Cape, General Lester Kingsberry, wieder einmal kam, um, einer alten Vereinbarung entsprechend, als Gast der NASA, Zeuge des Versuches zu sein. Kingsberry war ein Mann mit guten Verbindungen zum Pentagon, bis zum Bersten gefüllt mit dem Ehrgeiz, den Vereinigten Staaten so schnell wie möglich eine militärische Überlegenheit über die Sowjetunion zu verschaffen.
In dem Moment, da General Kingsberry über die Schwelle trat, heulten die Sirenen los. Nicht nur in der Nähe des Starttisches an der Ostküste und im engeren Bereich der Startanlagen, sondern auch im Südteil des Versuchsgeländes, wo sich die Anlagen der Air Force und der kleine Hafen befanden. Jeder wusste nun, in drei Minuten würde die Redstone gezündet werden. Zugleich ertönte aus den Lautsprechersäulen die Stimme Grandles:
"T minus drei!"
Auf dem weiten Gelände von Cape Canaveral herrschte Ruhe. Kein Mensch war draußen zu sehen. Nur die ruhige Stimme des Cheftechnikers erfüllte die Luft. Sie zählte nun die letzte Minute aus. Jetzt ging es um Sekunden,
"Fünfundfünfzig - fünfzig - fünfundvierzig ... "
Während sich Grandle völlig auf die große Count-Down-Uhr konzentrierte, stand Hawker vor dem Zeitgenerator. Nervös spielte seine rechte Hand mit dem Seidenschal. Eastburn starrte auf den großen Bildschirm des Kontrollerempfängers, der die Rakete in Großaufnahme zeigte. Die Leitzentrale war in einem fensterlosen, bunkerartigen Haus untergebracht. Dicker Stahlbeton schützte die Menschen und die Apparate vor den Folgen einer möglichen Explosion des Flugkörpers. Die Verbindung mit der Außenwelt ging nur auf elektrischem und elektronischem Wege vor sich. "Fünfunddreißig - dreißig - fünfundzwanzig ... " Hawker legte die Hand auf den Schalter, der den Zündstrom zur Rakete jagen würde. Grandle zählte weiter: "Neun - acht - sieben - sechs - fünf - vier - drei - zwei - eins - Zündung!"
"Zündung!"
Hawker hatte es unbewusst zugleich mit Grandle ausgerufen und dabei den Schalter herumgedreht.
Bruchteile einer Sekunde später schossen weiße Dampfstrahlen aus den Öffnungen der Raketentriebwerke, brachen sich in einem wassergekühlten Betonschacht unter dem Starttisch und jagten seitwärts ins Freie. Wirbelnde Wolken hüllten den Starttisch ein und nahmen immer neue Farben an. Fast sah es so aus, als wollte eine brodelnde Masse die Rakete verschlingen. Doch dann klappte das Startkabel zur Seite, und leicht vibrierend erhob sich der schlanke Körper von der Plattform. Zögernd, langsam stieg er auf. Es schien, als ob die Kraft der Triebwerke nicht ausreichte, um die Erdanziehung zu überwinden. Doch dann ließ die Rakete die Dampfwolken unter sich. Jetzt war der grelle Feuerstrahl zu sehen, der sie höher und höher stieß. Noch konnte man lesen, was auf dem weißen Leib der Redstone geschrieben stand: "UNITED STATES - NASA".
Eastburn sprang auf. "Sie ist in der Luft! Sie liegt richtig auf Kurs!" rief er erregt.
Grandle stand neben dem Zeitgenerator. Die grünen Lichter waren erloschen. Das Elektronenhirn hatte seine Arbeit getan. Andere Geräte überwachten den Flug. Grandle prüfte die Skalen der Messapparaturen.
Hawker beugte sich über den Oszillographen. Mit beiden Händen stützte er sich auf die Kanten des kleinen Tisches. Unverwandt schaute er auf die pulsierenden Zacken der grünlich leuchtenden Lichtkurve.
In Pearsons Arbeitszimmer herrschte atemlose Stille, die nur ab und zu durch die nüchterne Stimme eines Messtechnikers unterbrochen wurde, der die jeweils erreichte Flughöhe der Rakete durchgab. Die Blicke der drei Männer hingen unverwandt an dem großen Bildschirm, auf dem das fliegende Projektil noch zu sehen war. Mit überstarken Teleobjektiven wurde der Flug verfolgt.
Schließlich konnte sich der Verwaltungsmann McGuire nicht mehr halten: "Alles läuft glatt! Es scheint zu werden!"
Sein spontaner Ausruf löste die Spannung. General Kingsberry sagte zu Pearsons: "Es würde mich ehrlich für Sie und für uns alle freuen. Wir hätten einen Erfolg verdammt nötig!"
Pearsons nickte. Die Hoffnung langer Monate, immer wieder mühsam über alle Rückschläge hinweg erhalten, konzentrierte sich schließlich auf diesen Versuch. Er durfte nicht scheitern. Die Konsequenzen wären unabsehbar und könnten für ihn persönlich das Ende seiner Laufbahn bei der NASA bedeuten. Von ihm würde man Rechenschaft über die investierten Millionen Dollar fordern. Mit äußerster Konzentration verfolgte er das Geschehen auf dem Bildschirm und überprüfte die Messskalen.
Im Kommandoraum der technischen Zentrale waren alle Gespräche verstummt. Jeder stand auf seinem Platz. Hawker zuckte plötzlich zusammen. Die Zacken der grünlichen Lichtkurve waren abgerissen. Mit einem Sprung stand er neben Grandle. "Was ist mit der Steuerung los?"
"Das Ding bricht aus!" antwortete Grandle. Hastig drückte er zwei Knöpfe nieder, doch nichts geschah. Er drehte sich zu Hawker um. "Flugbahnkorrektur nicht mehr möglich."
Nun stand auf einmal Eastburn bei ihnen. "Was wird mit der Kapsel? Wenn wir sie retten, haben wir doch einen Teilerfolg!"
Hawker war mit drei schnellen Schritten am Kommandopult. "Wir sprengen die Kapsel ab."
"Gut - der Rettungsmechanismus reagiert dann automatisch."
Hawker legte einen Hebel herum und wandte sich an Grandle. "Nun, was ist?"
"Nichts, gar nichts!" Wütend steckte sich Grandle die erloschene Pfeife in den Mund. "Die Notraketen zünden nicht."
Eastburn stand einen Augenblick starr. Dann ließ er sich in einen Sessel fallen. "Aus!" Mehr sagte er nicht.
Hawker und Grandle sahen sich schweigend an. Grandle nahm die Pfeife aus dem Mund und klopfte mit ihr einmal hart auf die Handfläche.
Hawker nickte. Er nahm eine kleine Plexiglashaube von einer schwarzen Taste. Einen Moment zögerte er noch, und er drückte die Taste herab.
Wer in dieser Sekunde irgendwo vom Versuchsgelände oder vom weiter südlich gelegenen Badeort Cocoa Beach aus den Flug der Rakete verfolgt hatte, oder wer zufällig in südöstlicher Richtung zum strahlend blauen Himmel emporschaute, sah plötzlich einen grellen, orangefarbenen Feuerball aufleuchten. Immer größer wurde die Glutwolke; sie verlosch aber ebenso schnell, wie sie entstanden war. Verwehende schmutzige Rauchschleier, mehr blieb nicht von diesem großangelegten Test der NASA. Winzige Splitter regneten weit draußen, aber noch innerhalb des Sperrgebietes, auf die Wellen des Atlantiks.
Pearsons war aufgesprungen. Jetzt stand er dicht vor den Messgeräten. Es sah aus, als ob er vergeblich versucht hatte, durch persönliches Eingreifen diesen katastrophalen Misserfolg abzuwenden. Mit gesenktem Kopf wartete er auf den Detonationsdonner der Notsprengung. Nach einigen Sekunden rollte ein dumpfes Dröhnen heran und ließ die Fensterscheiben erzittern. Pearsons drehte sich um und ging mit müden Schritten zu seinem Schreibtisch. Mit beiden Armen musste er sich aufstützen, bevor er den Kopf hob und den General ansah, der nun auf ihn zukam, Pearsons fühlte sich unendlich leer. Er besaß nur noch die niederschmetternde Erkenntnis, dass dies wahrscheinlich der letzte Versuch war, dessen Leitung in seinen Händen gelegen hatte.
Kingsberry konnte gut verstehen, was in Pearsons vorging. Er kannte den NASA-Direktor lange genug. Er schätzte ihn wegen seiner drängenden Unduldsamkeit, die immer wieder von der Zivilistentruppe höchste Leistungen gefordert hatte, Leistungen, die dem Namen Amerikas Ehre machen sollten. Es war bestimmt nicht das persönliche Verschulden dieses Mannes, der nun alle Kraft aufbieten musste, um angesichts der Katastrophe sein Gesicht zu wahren. Kingsberry nickte ihm aufmunternd zu. "Kopf hoch, Mr. Pearsons. Jede Pechsträhne, jede Misserfolgsserie muss einmal zu Ende gehen."
Pearsons raffte sich zu einem schwachen Lächeln auf. "Bloß, ob ich das noch erleben werde? Morgen fahre ich nach Washington zu Chefdirektor Webster. Ob er die Lage auch so beurteilt wie Sie?"
Nicht weit vom Judiciary Square in Washington lag das wuchtige Gebäude, in dem im August 1960 noch die National Aeronautics and Space Administration, kurz NASA genannt, untergebracht war. Ein eigenes repräsentatives Gebäude sollte 1961 für die rund tausenddreihundert Angestellten in der 4. Straße Ecke Maryland Avenue gebaut werden. Dann könnte man das Regierungsviertel im Zentrum der Stadt mit seinem lauten Verkehr verlassen.
Stuart Pearsons war mit gemischten Gefühlen nach Washington geflogen. Drei Tage nach einem so bedeutenden sowjetischen Raumschifferfolg einen erneuten Rückschlag melden zu müssen, war nicht angenehm. So hatte er sich auf einen frostigen Empfang vorbereitet. Doch er war freundlich begrüßt worden.
James Webster kannte die Lage sehr gut. Er verfolgte die Arbeiten auf Cape Canaveral aufmerksam und konnte einschätzen, was zu erreichen war und was nicht. Er war auch Menschenkenner genug, um zu wissen, wie sehr Pearsons in der Arbeit aufging und wie sehr ihn dieser erneute Misserfolg getroffen haben musste. Es lag ja nicht am guten Willen der Männer auf dem Cape. Schon im Herbst 1957, als es darum ging, den Schock abzufangen, den der Start der ersten beiden sowjetischen Sputniks ausgelöst hatte, war ihm die ganze Misere der amerikanischen Raketentechnik klargeworden. Seitdem dachte er persönlich milder, wenn er immer wieder von Fehlschlägen hörte. Hartnäckig kritisierte er die Industrie wegen der mangelhaften technischen Qualität der Raketenbauelemente und beharrte auf den festgelegten Terminen.
Webster ging in dem großen Raum auf und ab. Er skizzierte nüchtern die entstandene Lage. "Es darf auf keinen Fall so weitergehen", betonte er, "dass die Russen uns eine Weltraumpremiere nach der anderen wegschnappen. Der erste künstliche Erdsatellit im Oktober 57, der erste künstliche Planetoid im Januar 59 und die ersten Mondraketen im Herbst des gleichen Jahres - alles ging auf das Konto der Russen!" Webster unterbrach seine Wanderung und blieb vor Pearsons stehen. "Wir haben höchstens noch ein halbes Jahr Zeit; dann wird der erste Mensch ins All fliegen. Es hängt von uns ab, ob dieser erste Mensch ein Amerikaner ist!"
Pearsons hielt es nicht mehr in dem breiten Ledersessel. Er sprang auf. Temperamentvoll rief er aus: "Dass es ein Amerikaner sein muss, daran besteht kein Zweifel. Bloß, ob unsere augenblicklichen technischen Mittel ausreichen, um schon im Frühjahr 1961 den bemannten Start wagen zu können ... " Er brach ab und hob die Schultern.
Webster reckte seinen hageren Körper hoch. Er legte Wert auf eine straffe Haltung und war sogar ein wenig stolz darauf, mit fast sechzig Jahren immer noch für eine sportliche Erscheinung zu gelten. Er trat hinter seinen Schreibtisch und nahm einen schmalen Hefter zur Hand. "Die Versuche mit der Redstone haben sich zu sehr verzögert. Wir können nicht mehr warten, bis die Redstone-Versuche abgeschlossen sind, bevor wir ernsthaft an die nächste Stufe herangehen. Die Russen steuern offensichtlich direkt auf einen Satellitenflug des Menschen um die Erde zu. Unser Redstone-Projekt hat aber lediglich den Flug in einer ballistischen Bahn über rund vierhundert Kilometer zum Ziel. Die Kreisbahn um die Erde sollte mit unserer ersten interkontinentalen Rakete, der Atlas, erreicht werden. Wir müssen jetzt wohl oder übel beide Projekte parallel schalten, damit die Starts unmittelbar hintereinander erfolgen können."
"Das wäre eine echte Chance!" Pearsons war Feuer und Flamme. "Das erfordert aber erweiterte technische Voraussetzungen. Einen Starttisch für unsere Atlas-Versuche, alle entsprechenden Einrichtungen, genügend Raketen, um eine Serie erproben zu können, vor allem aber neue Leute, ein neues Team erstklassiger Fachleute. Wenn wir uns die erst selbst ausbilden müssen, verlieren wir wieder kostbare Zeit."
Webster nickte. Diese Probleme waren ihm vertraut. Er hatte sie gestern auf einer außerordentlichen Sitzung des Beirates der Raumfahrtbehörde zur Diskussion gestellt. Der Präsident der Vereinigten Staaten, der Außenminister und der Verteidigungsminister waren Mitglieder des Beirates und hatten ihm und seiner Behörde alle notwendigen Vollmachten erteilt.
Soweit er es für erforderlich hielt, informierte Webster seinen Gast über die Ergebnisse dieser Sitzung. Die Versuche mit der Atlas sollten ebenfalls von Cape Canaveral aus erfolgen. Pearsons sollte weiterhin dort die Leitung behalten, dann also über beide Versuchsreihen. Die Air Force bekäme schon in den nächsten Tagen Anweisung, einen Starttisch für die NASA herzurichten.
"Und die erforderlichen Raketen?" erkundigte sich Pearsons, als Webster eine Pause machte.
"Sie werden zunächst von der militärischen Produktion abgezweigt. Doch das kann auf die Dauer nicht genügen. Es sind uns außerordentliche Geldmittel zur Verfügung gestellt worden, um eine gesteigerte Raketenproduktion finanzieren zu können." Webster griff nach seinem Terminkalender. "Das wird bei den Convair-Werken in San Diego nicht ganz einfach sein, habe ich mir sagen lassen. Am besten, wir fahren beide möglichst bald einmal dorthin." Er blickte wieder auf und fragte abrupt: "Kennen Sie eigentlich Dr. Lawrence Gilbert?"
"Den Konstrukteur der Atlas?"
"Ja."
"Leider nicht persönlich."
"Ein äußerst fähiger Mann. Er hat uns damals die technische Seite erläutert, als wir die Atlas in unser Forschungsprogramm aufgenommen haben. Wir sollten uns unbedingt mit ihm beraten." Webster blätterte in dem Terminkalender.
Pearsons überlegte. Eine solche Kapazität wie Dr. Gilbert für die neue Versuchsreihe zu gewinnen, müsste eine gute Ausgangsposition garantieren. "Und wenn wir versuchen, ihn zu uns zu holen?"
Webster schmunzelte. "Daran habe ich auch schon gedacht. Ich fürchte nur, es wird uns nicht gelingen, ihn loszueisen. Immerhin ist er dort Chefkonstrukteur."
"Zumindest brauchen wir einen guten Stab Atlas-Spezialisten von der Convair. Das wird der Verwaltungsrat des Konzerns hoffentlich einsehen. Und Dr. Gilbert müsste eigentlich so viel Verständnis für diese nationale Aufgabe haben, dass er uns wenigstens bei der Auswahl der Leute hilft." Webster hatte einen geeigneten Termin gefunden und machte sich eine Notiz. "Dr. Gilbert wird uns bestimmt helfen. Soviel ich weiß, kennt er sogar einen unserer besten Astronauten persönlich. Scott Sharper, glaube ich. Ihm sind unsere Belange also nicht fremd. Ich schlage vor, wir fahren bereits in der nächsten Woche nach San Diego. Passt es Ihnen am Dienstag, Mister Pearsons?"
Im Südwesten der Vereinigten Staaten, dicht an der mexikanischen Grenze, liegt San Diego, die Industrie- und Hafenstadt an der San Diego Bai. Hier herrscht ein mildes Klima, bestimmt durch den Pazifik und die nicht weit von der Küste entfernten Ketten der mächtigen Rocky Mountains.
Am Rande der Stadt stehen die großen Hallen der Astronautics-Werke. Sie gehören zum Verband der Convair Division im Konzern von General Dynamics. Man hat es sich etwas kosten lassen, hier eine völlig neue Produktionsstätte zu errichten. Convair hatte bereits 1954 den Auftrag zur Entwicklung einer interkontinentalen ballistischen Rakete erhalten. Die technische Planung und Konstruktion wurde einer Entwicklungsgruppe unter der Leitung von Dr. Lawrence Gilbert übertragen. In zweijähriger Arbeit stellten sie den Entwurf und das Labormuster fertig. Einige Versuchsgeschosse konnten 1956 produziert werden. Im Juni 1957 startete der erste Versuch. Viele Versuche waren notwendig, bevor die Atlas als einsatzreif bezeichnet werden konnte. Völlig funktionssicher war sie, allerdings immer noch nicht, doch das lag nicht an den Konstrukteuren unter Dr. Gilbert. Jeder, der den Doktor kennengelernt hatte, wusste es. Gilbert war sehr beliebt bei seinen Mitarbeitern. Die vorurteilslose Art, mit der er alle Probleme anpackte, sein offenes, hilfsbereites Wesen und sein ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit hatten ihm vor allem bei den Technikern und Monteuren viele Freunde erworben. Es gab kaum einen Arbeiter in den Astronautics-Werken, der nicht einige Geschichten über den Doc hätte erzählen können. Man wusste, dass Gilbert manches gegen den versteckten Widerstand des technischen Direktors, John Bradley, durchgesetzt hatte. Bradley war ein Mann mit vielen Verdiensten um die schnelle Entwicklung der Convair-Flugzeug-Produktion. Er avancierte zu Beginn des Krieges mit Japan zum technischen Direktor. Das war gerade zu der Zeit, da Gilbert als frischgebackener Dr.-Ing. in die Forschungsabteilung kam. Der schnelle Aufstieg Gilberts gefiel John Bradley nicht. Er hatte ihn daher gleich nach Ende des Krieges auf das Gebiet der Raketentechnik abgeschoben. Doch die Absicht schlug ins Gegenteil um: Gilbert wurde der Konstrukteur der ersten einsatzbereiten ICBM (Intercontinental Ballistic Missile) der Vereinigten Staaten.
Es war kurz vor zehn Uhr, als die Sekretärin eilig zu Gilbert ins Zimmer kam. "Ein dringender Anruf von Mister Bradley. Sie möchten, bitte, sofort zu ihm kommen."
"Na endlich! Hat ja lange genug gedauert, bis der hohe Herr einmal Zeit für unsere Sorgen hat."
Die Sekretärin wusste genau, was Gilbert meinte. Seit einiger Zeit gab es Schwierigkeiten mit einigen Zulieferbetrieben. Die Arbeiten an der Neuentwicklung stockten. Gilbert wollte darüber mit dem technischen Direktor sprechen. Als er nach den Unterlagen griff, fügte die Sekretärin hinzu: "Ich soll Ihnen ausrichten, es wären zwei Herren von der NASA bei Mister Bradley, denen Sie spezielle technische Fragen beantworten möchten. Sie sollten sich die Unterlagen über die neuen Modifikationen der Atlas mitnehmen, lässt Mister Bradley bestellen."
Gilberts Gesicht verriet Enttäuschung. Ihn reizte es nicht, an einem mehr oder weniger geschäftlichen Gespräch teilzunehmen, auch wenn die NASA sich langsam zu einem Großabnehmer der Convair-Raketen entwickelte.
Lawrence Gilbert war groß, schlank und hatte ein offenes, gütiges Gesicht mit aufmerksamen, blaugrauen Augen. Darüber eine hohe Stirn, von der das mittelblonde Haar schon ein beträchtliches Stück zurückgewichen war. Er ging stets tadellos gekleidet. Kein Wunder, dass es seine Sekretärin gern gesehen hätte, wenn er sich einmal für etwas anderes interessierte als immer nur für die Arbeit.
Im Arbeitszimmer des technischen Direktors saßen Webster und Pearsons in die Sessel zurückgelehnt, während sich Bradley interessiert vorbeugte. "Dass Sie bei Ihren neuen Plänen mehr Raketen brauchen, ist logisch. Bloß, wo sollen wir sie hernehmen?"
"Aus einer erhöhten Produktion!" sagte Webster ruhig. "Ihre Kapazität ist doch wohl nicht restlos ausgeschöpft?"
Pearsons setzte hinzu: "Sie arbeiten nur mit halber Kapazität, wurde uns gesagt."
"Das entspricht der gegenwärtigen Auftragslage. Schließlich ist unsere Atlas nicht billig."
Webster blieb gelassen. "Vier Millionen Dollar einschließlich der Startkosten. - Das Geld für eine normale Serie ist jetzt vorhanden."
"Das wird den Verwaltungsrat sicherlich freuen... " Bradley war jetzt ganz bei der Sache. "Was ich allerdings dabei soll ...?"
"Von Ihnen möchten wir gern wissen, wann wir mit den ersten zusätzlichen Raketen rechnen können?"
"Einsatzfähig!" fügte Pearsons hinzu.
"Sie wissen, dass die reine Produktionszeit einer Atlas zwölf Monate dauert. Von der Bestellung bis zur kompletten Auslieferung werden demnach achtzehn Monate erforderlich sein."
"Das ist zu lange. Wieweit lässt sich diese Frist verkürzen?"
Nun ist es heraus, dachte Bradley, eine schwierige Frage. Doch er brauchte nicht gleich zu antworten.
Pearsons erläuterte die Notwendigkeit, das Project Mercury mit allen Mitteln zu beschleunigen. Amerika hätte in letzter Zeit genug Schlappen hinnehmen müssen. Das nationale Prestige der Vereinigten Staaten stünde heute beim Wettlauf um die Vorherrschaft im Weltraum auf dem Spiel. Deshalb dürfe es auf keinem Fall geschehen, dass der Kolumbus des zwanzigsten Jahrhunderts ein rotes Banner in den Weltraum trüge.
Für Bradley gab es über derartige Notwendigkeiten keine lange Diskussion. "Einverstanden, mit allem einverstanden. Aber selbst wenn wir alle Chancen nutzen, werden wir die Gesamtzeit höchstens auf fünfzehn Monate drücken können. Zahlenangaben selbstverständlich ohne Gewähr. Dazu brauchen wir Dr. Gilbert. Er wird gleich hier sein."
Als Gilbert eintrat, erhob sich Webster und ging ihm einige Schritte entgegen. "Hallo, Dr. Gilbert. Ich freue mich aufrichtig, Sie zu sehen." Er machte Gilbert auf unkonventionelle Art mit Pearsons bekannt, den Konstrukteur dabei wegen seiner großen Leistungen lobend. Bradley betrachtete diese Szene mit gemischten Gefühlen. Eigentlich wäre es sein Amt gewesen, Gilbert und Pearsons einander vorzustellen. Nun stand er wie überflüssig daneben und musste hören, welchen freundlichen Ton der NASA-Chef gegenüber Gilbert anschlug und wie sehr Gilbert sich von dieser Begegnung angetan zeigte. Rasch schaltete sich Bradley wieder ein und erklärte seinem Chefkonstrukteur die Situation und die Wünsche der NASA auf Terminverkürzung.
Gilbert schien diese Frage sehr zu gefallen. Er erkannte die Chance, auch von seinen augenblicklichen Problemen zu sprechen. "Die eigentlichen Schwierigkeiten liegen nicht bei uns. Wir sind in den meisten Baugruppen von den Zulieferbetrieben abhängig. Bei den Antrieben sind wir auf die Rocket-Dyne Division oder auf Pratt & Wittney angewiesen, bei Stahl auf die Washington Steel Corporation, bei unseren Schweißverfahren auf die Solar Aircraft Corporation und bei der Elektronik auf American Bosch Arma oder North American Aviation. Bei den restlichen Bauelementen ist das ähnlich. Wenn wir dort mehr Entgegenkommen fänden, könnten wir die Lieferfristen vielleicht noch weiter senken. Nehmen wir zum Beispiel die Rocket-Dyne Division. Sie liefert für die Atlas jeweils drei Rohrbrennkammern laut Vertrag - laut langfristiger Vereinbarung. Da ist es nicht so leicht, kurzfristig Änderungen zu schaffen, denn Rocket-Dyne liefert auch an Chrysler und all die anderen Raketenproduzenten. Und die achten schon darauf, dass wir nicht zu viel Kapazität binden. Als ich vor kurzem für unsere Neuentwicklung ein Testtriebwerk für Zugfestigkeitsversuche brauchte ..."
"Das gehört doch nicht hierher!" unterbrach ihn Bradley.
"Doch!" Gilbert ließ sich nicht beirren, er war jetzt an dem Punkt, der ihm schon lange Sorgen bereitete. "Das Objekt S-5 ist für die Saturn bestimmt, ein Auftrag der NASA. Wir wären schon längst fertig, wenn nicht immer wieder solche Pannen passierten. Die Konstruktion ist fertig, die Technologie festgelegt, bloß in diesem Dickicht der Konzernverbindungen bleiben wir andauernd hängen."
Bradley war dieses Thema unangenehm. Er versuchte es zu beenden. "Wir arbeiten, wie allgemein üblich, mit einem erprobten Vertragssystem. Da braucht eben alles seine Zeit."
"Die wir immer wieder gegen die Russen verlieren!" Gilbert ließ sich nicht mehr bremsen. Temperamentvoll fuhr er fort: "Ich bin jedenfalls überzeugt davon, dass sich die Konstrukteure dort nicht mit einem Dutzend anderer Firmen herumzuschlagen haben." Gilbert trat dicht an Bradley heran. Seine Stimme wurde eindringlich. "Deswegen bitte ich Sie jetzt wieder um Ihre Hilfe, Mister Bradley. Wenn wir die Russen endlich einholen und überholen wollen, geht das nicht ohne besseres Material für die Brennkammern. Höherer Schub bedeutet vor allem höhere Ausströmgeschwindigkeiten - also höhere Drücke und Temperaturen. Das erreichen wir nicht ohne energiereicheren Brennstoff."
"Aber Pratt & Wittney ... " wollte Bradley entgegnen, doch Gilbert fuhr sogleich fort: " ... arbeiten schon lange an Flüssigwasserstoff-Motoren, ich weiß."
"Sehen Sie." Bradley warf einen nervösen Blick auf die Besucher, die alles mit größter Aufmerksamkeit verfolgten.
"Zu lange! Ach, es ist doch zum ... " Gilbert fing sich im letzten Moment und wandte sich an Webster und Pearsons: "Entschuldigen Sie, bitte."
"Aber wieso denn?" Webster spritzte etwas Soda in sein Glas. "Sie haben völlig recht." Dabei blickte er zu Bradley, der ärgerlich vor sich hin starrte. Man musste offen mit ihm sprechen.
"Bitte, verstehen Sie uns nicht falsch. Dieser Wettlauf mit dem Osten kann sich zu einer Lebensfrage für die Vereinigten Staaten auswachsen, und Sie kennen doch den Grundsatz: Besondere Umstände verlangen besondere Maßnahmen. Wenn die Verkürzung der Lieferfristen im Verwaltungsrat zur Sprache kommt, dann wird es nicht zuletzt von Ihnen abhängen, wie entschieden wird. Auf jeden Fall haben Sie die volle Unterstützung der NASA und auch die des Präsidenten. Die Geschäftsinteressen müssen sich doch mit den großen politischen Notwendigkeiten koordinieren lassen. Sonst - und in dem Punkt hat Dr. Gilbert wirklich recht - erlauben wir es den Russen, ihren immerhin schon peinlichen Vorsprung noch weiter zu vergrößern."
"Ich glaube Sie verstanden zu haben, Mister Webster", erklärte Bradley höflich, "und ich versichere Ihnen, dass die Interessen Amerikas auch die Interessen der Convair sind."
"Ich danke Ihnen." Webster war mit dem Ergebnis der Unterhaltung zufrieden, denn es zeichneten sich Möglichkeiten ab, die der NASA bald eine ausreichende Zahl stärkerer Trägerraketen bringen würden.
Als sich nun Webster und Pearsons verabschiedeten und um die Möglichkeit einer Betriebsbesichtigung baten, schien Bradley wieder strahlender Laune zu sein. Nur Gilbert ließ sich nicht täuschen. Er kannte seinen Chef zur Genüge und wusste, dass er solche Sekunden der Unterlegenheit nicht so schnell vergaß. Gerade weil Bradley ein geschickter Taktiker war und in der Regel alle für ihn unangenehmen Situationen abzufangen verstand, ärgerte ihn jede noch so kleine Schlappe doppelt und ließ ihn mit großer Ausdauer nachtragend werden.
Nach dem kurzen Weg über den von der Sonne aufgeheizten Werkhof empfanden es die drei Männer als angenehm kühl in der langgestreckten Halle. Gilbert war in seinem Element. Er kannte hier jeden Mann und jeder kannte und schätzte ihn.
Webster und Pearsons hatten bisher noch nie so eingehend die Herstellung einer großen Rakete beobachten können. Voller Interesse sahen sie, wie zu Beginn die blanken, rostfreien Stahlbänder von mächtigen Rollen abgewickelt und zwischen Walzenpaaren geglättet wurden. Bei einem Meter Breite hatten sie nur eine Stärke von weniger als einem Millimeter. Davon wurden Stücke abgeschnitten und an den Enden zu einem Trommelring von rund drei Meter Durchmesser zusammengeschweißt. Ein Schweißautomat verband zwei Trommelringe zu einem größeren Segment. Da das Stahlband in sich keinen Halt hatte, mussten von innen und von außen Stützringe angebracht werden. In der nächsten Halle konnten sie sehen, wie nebeneinander mehrere Raketenkörper montiert wurden,
"Montieren ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck dafür", erläuterte Gilbert, "denn hier wird, von der Spitze beginnend, immer ein Segment an das andere geschweißt. Es handelt sich um eine sogenannte Stumpfschweißung, bei der die Naht durch einen untergelegten Streifen rostfreien Stahls verstärkt wird. Dadurch können wir auf die inneren Stützringe verzichten und mit den äußeren Ringen auskommen."
Sie waren nun bei einem Raketenkörper angekommen, der die volle Länge von achtzehn Metern erreicht hatte. Die Bodenplatte war angeschweißt worden und einige Techniker waren jetzt dabei, eine Druckgasleitung anzuschließen. Gilbert erklärte den Vorgang: "Die große Leistung der Atlas konnte dadurch erreicht werden, dass es uns gelungen ist, die Raketenteile gleichzeitig als Treibstoffbehälter zu benutzen und durch den dünnen Spezialstahl ungewöhnlich leicht zu halten. Ohne die Stützringe würde das Ganze zusammenbrechen. Deswegen füllen wir nun die Zelle mit Helium-Druckgas und verleihen dem Raketenmantel so eine ausreichende Stabilität, um die weiteren Bauarbeiten vornehmen zu können. Das Druckgas bleibt in der Rakete, bis sie auf dem Starttisch, unmittelbar vor dem Abschuss, aufgetankt wird. Wir nennen das unter uns die Luftballon-Methode, denn die aufgeblasene Raketenzelle ist ähnlich empfindlich gegen äußere Beschädigungen wie ein Luftballon."
Gilbert gab einem Ingenieur im weißen Kittel einen Wink. Mit leisem Zischen strömte Helium in den großen Hohlraum, und zusehends glättete sich die Oberfläche des Raketenkörpers. Nach wenigen Minuten war dieser Prozess beendet, und die Stützringe wurden entfernt. Als sie weitergingen, sagte Gilbert scherzhaft: "Also, Korkenzieher und andere spitze Gegenstände lieber in der Tasche behalten."
Die Endmontagehalle bildete den Abschluss des Rundgangs. Hier wurden die Raketentriebwerke eingebaut und die Steueranlage, das Führungssystem, das Fernmesssystem und die anderen Bordanlagen installiert. Eine Stunde hatte der Rundgang gedauert, aber zwölf Monate vergingen, bevor eine Atlas diesen Weg bis zur fertigen Rakete durchgemacht hatte. Die drei Männer befanden sich jetzt in der Messzentrale des Prüfstands. Gilbert hatte gerade den leitenden Ingenieur der Abteilung hinausgeschickt, um eine Korrektur am Treibstoffpumpensystem ausführen zu lassen. Sie waren im Moment allein. Webster und Pearsons wechselten einen Blick, unbemerkt von Gilbert, der gerade die Messinstrumente der Anlage überprüfte.
Webster trat neben den Chefkonstrukteur. "Doktor, ich möchte Sie etwas fragen, offen und ungeschminkt."
Gilbert blickte erstaunt auf. "Bitte?"
"Sagen Sie, wie schätzen Sie unsere Lage im Wettlauf um den ersten bemannten Raumflug ein?"
Gilbert sah von einem zum anderen. Die Frage kam zu unvermittelt, als dass er sofort hätte antworten können. Dabei hatte er durchaus eine eindeutige, wenn auch sehr kritische Meinung zu den Chancen der USA in diesem Wettlauf. Zögernd begann er: "Ich möchte mir kein Urteil anmaßen. Vermutlich aber hat die NASA noch sehr viel zu leisten, wenn sie Chancen haben will, den Wettlauf zu gewinnen." Mit einer entschuldigenden Geste fuhr er erklärend fort: "Ich denke dabei in erster Linie an die beiden Meldungen der letzten Woche, an den bedauerlichen Rückschlag mit der Redstone und an den eindrucksvollen russischen Erfolg."
Webster und Pearsons konnten ihm nur bestätigen, dass er mit seiner Ansicht völlig im Recht war. Sie erläuterten ihm nun, welche Schritte die NASA zu unternehmen gedachte, um den bereits eingetretenen Zeitverlust, wettzumachen. Dabei kamen sie schließlich auch darauf zu sprechen, wie wichtig es für die neue Versuchsserie sein würde, ein gutes Team erstklassiger Fachleute beisammen zu haben. Sie baten ihn darum, sie bei der Auswahl der Techniker und Ingenieure zu beraten. Die notwendigen Formalitäten würde die NASA, unterstützt von der Regierung, schon mit dem Verwaltungsrat besprechen. Es war Gilbert ehrlich daran gelegen, der NASA zu helfen. Er schlug vor, zu einem solchen Gespräch doch lieber einen anderen Ort zu wählen, und lud Webster und Pearsons ein, am Abend seine Gäste zu sein.
Gilberts Haus lag hoch über dem felsigen Ufer der San Diego Bai. Es war nicht übermäßig groß, aber völlig ausreichend, um den Konstrukteur und sein Hauspersonal komfortabel zu beherbergen. Die Einrichtung verriet, dass hier kein prunksüchtiger Geldprotz wohnte, sondern ein gebildeter Mann mit erlesenem Geschmack. Der Empfangsraum, der geräumige Wintergarten und das Speisezimmer, alles war in der modernen und zugleich gediegenen Art eingerichtet, wie sie seit einigen Jahren aus Schweden bekannt geworden war. Lediglich das Arbeitszimmer atmete eine nüchternere, technische Atmosphäre. Webster und Pearsons waren vom Butler empfangen worden und hatten einige Minuten Zeit, sich umzusehen, bevor Gilbert erschien. So konnten sie gleich mit guten Gründen das angenehme Fluidum dieses Hauses loben. Es war ein milder Abend, und sie setzten sich draußen auf die breite Terrasse, von der aus man einen prächtigen Blick auf den Pazifik hatte. Das Gespräch kam schnell in Gang. Webster knüpfte an die Überlegungen des Nachmittags an, und Gilbert bekundete, dass er sich bereits Gedanken über die zu empfehlenden Spezialisten gemacht hatte. Noch bevor der Butler meldete, dass das Dinner bereit stünde, war man sich in den meisten Punkten einig geworden.
Nach dem Essen saßen sie noch bei einem Glas zusammen. Webster dankte für die gastliche Aufnahme, für die große Hilfe und meinte: "Soweit ist alles klar, nur das Wichtigste fehlt noch." Er machte eine Pause und sah Gilbert lächelnd an.
"Und das wäre?"
Webster hob sein Glas und beugte sich etwas zu Gilbert vor. "Der technische Leiter unserer Atlas-Versuchsreihe - Sie selbst, Dr. Gilbert."
Die Verblüffung war vollständig. Gilbert schüttelte den Kopf, als glaubte er, nicht richtig verstanden zu haben. Doch Webster und Pearsons erläuterten, welchen Gewinn es für die NASA bedeuten würde, wenn er sich dazu entschließen könnte, persönlich dieser großen nationalen Aufgabe zu dienen.
"Gerade weil wir nicht in der Lage sind, sofort mehr und stärkere Raketen einzusetzen", betonte Webster, "müssen uns die wenigen Atlas genügen, um den Erfolg im letzten Moment doch noch aus dem Feuer zu reißen. Jede einzelne Rakete, jeder einzelne Start ist von nicht zu überschätzender Bedeutung. Wir dürfen nicht die kleinste Verzögerung eintreten lassen: Das Beste ist gerade gut genug. Die Atlas ist unsere beste Rakete, und Sie, als ihr Konstrukteur, sind der beste Leiter für die Versuche. Sie und Ihre Rakete stellen im wahrsten Sinne des Wortes die letzte Chance für Amerika dar, diesen Wettlauf zu gewinnen."
Gilbert antwortete nicht gleich. Eine derart hohe Einschätzung seiner Person kam ihm nicht nur überraschend, sie machte ihn auch ein wenig verlegen. Er glaubte zudem nicht, dass ausgerechnet er von solcher Bedeutung für die USA sein sollte. Dass Ihn die NASA gern als technischen Leiter sehen wollte, schien ihm verständlich. Aber dafür alles aufgeben, was er sich hier in langen Jahren erarbeitet hatte? Andererseits war es schon eine verlockende Aufgabe, den Beweis anzutreten, dass die Atlas nicht nur eine verderbenbringende Waffe war, sondern dabei half, den Menschen von den Fesseln der Erdenschwere zu befreien. Für ihn als den Konstrukteur konnte ein solcher Beweis eine größere Genugtuung darstellen, als es jemals das Gefühl vermitteln würde, den Träger der bisher schrecklichsten Vernichtungswaffe geschaffen zu haben.
Gilbert spürte die erwartungsvollen Blicke seiner Gäste auf sich ruhen und sagte nachdenklich: "Ihr Angebot ehrt mich. Es hört sich recht schmeichelhaft an. Nur - das Ganze kommt für mich sehr überraschend. Sehen Sie, ich bin jetzt fast zwanzig Jahre bei der Convair, habe einen langfristigen Vertrag, eine Arbeit, an der ich hänge, und ein Haus, in dem ich mich wohl fühle. Was ich hier habe, weiß ich. Was dort sein wird, bei Ihnen auf dem Cape, das kann ich nicht beurteilen. Es wird eine neue, fremde Umgebung sein, Mitarbeiter, die ich nicht kenne, eine neue Verantwortung, die groß sein würde, weil ja unmittelbar Menschenleben auf dem Spiel stehen. Wie sieht es zum Beispiel in diesem Punkt aus? Gibt es Sicherheit für den Astronauten? Und ab wann rechnen Sie denn mit dem Beginn der neuen Testserie?"
Webster und Pearsons sahen sich kurz an. Dann wandte sich Webster lächelnd zu Gilbert. "Es sind nur noch runde vier Wochen Zeit. Sie sehen, wir haben es sehr eilig, und das, weil uns die internationale Situation nicht mehr Zeit lässt. Deshalb würden wir mit voller Unterstützung der Regierung der Vereinigten Staaten alles tun, um Ihnen, sobald Sie uns eine Zusage geben, alle Schwierigkeiten aus dem Weg zu räumen. Sie könnten zum Beispiel dort ein gleichwertiges Haus erhalten, auch eine langfristige Sicherheit."
"Verzeihen, Sie, aber ich habe nicht die Absicht, jemals auf die schöpferische Arbeit der Neuentwicklungen, der theoretischen und praktischen Forschung zu verzichten!"
"Einverstanden. Wir dachten auch nicht an ein völliges Ausscheiden, sondern an einen befristeten Urlaub von ungefähr einem Jahr. Solange dürfte unsere Versuchsreihe dauern. Wir würden uns beim Verwaltungsrat der Convair für eine Regelung einsetzen, die es Ihnen unbenommen lässt, danach in Ihre alte Position zurückzukehren."
Gilbert hörte sich aufmerksam alle Vorschläge an, die noch folgten. Die Zugeständnisse und Garantien, die ihm von der NASA angeboten wurden, bewiesen immer deutlicher, wie viel der Raumfahrtbehörde an seiner Mitarbeit gelegen war. Dennoch blieb er zurückhaltend. Ihm schien das ganze Unternehmen noch reichlich waghalsig zu sein. Bevor er sich entschied, wollte er genau wissen, wie weit die Vorbereitungen bereits gediehen waren, welche echten Chancen für einen Erfolg bestanden und wieweit seine Hilfe wirklich notwendig war.
Webster zeigte Verständnis für die Skepsis, die aus Gilberts Haltung sprach, und sicherte ihm zu, umgehend alle erforderlichen Unterlagen zu selbstverständlich vertraulicher Einsicht durch einen Kurier übersenden zu lassen.
Pearsons fügte noch einen Vorschlag hinzu: "Wenn Sie in den nächsten Tagen einmal achtundvierzig Stunden Zeit haben sollten, dann fahren Sie doch nach Langley. Sie wissen, dort ist das Ausbildungszentrum unserer Astronauten. Sie können sich selbst vom Stand des Trainings überzeugen und alle speziellen medizinischen Fragen mit Chefarzt Dr. Ward besprechen."
Webster nickte. "Eine gute Idee!" Schmunzelnd fuhr er fort: "Außerdem hätten Sie dort die beste Gelegenheit, einen für Sie absolut glaubwürdigen Zeugen zu vernehmen: Scott Sharper. Er war doch früher Testpilot bei der Convair."
Gilbert musste lachen. "Sie haben sich ausgezeichnet über alles informiert. Mein Kompliment! An dem Vorschlag ist etwas dran. Ob ich am Ende zusage oder nicht, einen Besuch in Langley sollte man sich nicht entgehen lassen."
