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W.D. Perske

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Beschreibung

Project Silent Wire: Summer’s End Ein geheimnisvolles Brummen. Ein verlassenes Haus. Ein vergessenes Experiment. In der abgelegenen Kleinstadt Falcon Hollow verbringt der schüchterne Aiden Blake seine Sommerferien damit, den umliegenden Wald zu erkunden und seine Eindrücke in einem Skizzenbuch festzuhalten. Aiden ist ein stiller Beobachter – seine künstlerische Ader lässt ihn Details wahrnehmen, die anderen entgehen. Doch als ein tiefes, unheimliches Brummen aus den Wäldern dringt, gerät sein Alltag aus den Fugen. Gemeinsam mit seinem draufgängerischen Freund Abel und dem technikbegeisterten Jayden stößt Aiden auf ein verstörendes Geheimnis: ein verschollenes Regierungsprojekt mit dem Codenamen „Silent Wire“, das vor Jahrzehnten tief im Herzen des Waldes durchgeführt wurde – und nie abgeschlossen war. Zur gleichen Zeit entdeckt die kluge und entschlossene Elaine Carter im berüchtigten Carmichael-Haus seltsame Symbole und die Aufzeichnungen eines verschwundenen Wissenschaftlers. Ihr wird schnell klar: Das Brummen ist kein Zufall. Etwas lauert in den Schatten von Falcon Hollow – etwas, das nie vergessen wurde, nie zur Ruhe kam und eine Macht besitzt, die alles verändern könnte. Project Silent Wire: Summer’s End ist der erste Band einer packenden Mystery-Serie mit Elementen aus Stranger Things, Goosebumps und Akte X. Entdecke eine Welt voller unerklärlicher Phänomene, jugendlicher Neugier und der unerschrockenen Suche nach der Wahrheit. Perfekt für Leser*innen, die lieben: Spannende Coming-of-Age-Mysterien Kleinstädte mit dunklen Geheimnissen Wissenschaftliche Rätsel & urbane Legenden Freundschaften, die sich dem Unbekannten stellen Warnung: Nach der Lektüre wirst du jedes Brummen im Wald mit anderen Ohren hören.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Project Silent Wire
Summer's End
W.D. Perske
Impressum © 2025 Wilfried Perske, veröffentlicht unter dem Pseudonym W.D. Perske
Alle Rechte vorbehalten. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Kein Teil dieses Buches darf ohne ausdrückliche, schriftliche Genehmigung des Autors reproduziert, gespeichert oder in irgendeiner Form – elektronisch, mechanisch, durch Fotokopie, Tonaufnahme oder auf sonstige Weise – übertragen werden. Alle in diesem Buch dargestellten Personen, Orte und Ereignisse sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen realen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Covergestaltung unter Verwendung von DALL·E (OpenAI), überarbeitet von Wilfried Perske Kontaktadresse: Wilfried Perske Coburger Straße 36 14612 Falkensee Brandenburg, Deutschland E-Mail: [email protected]
Inhalt
Titelseite
Impressum
Vorwort
Chapter One Summer's End
Chapter Two The House Next Door
Chapter Three Tracks in the Woods
Chapter Four Whispers of the Past
Chapter Five First Encounter
Chapter Six Rafael's Scar
Chapter Seven The Lure
Chapter Eight Driven Back, Not Defeated
Danksagung
Vorwort
Ich bin 1997 geboren – aufgewachsen in den frühen 2000ern, als man noch draußen spielen musste, weil’s drinnen einfach langweilig war. Unsere Abenteuer begannen auf dem Hof: Wir bauten Burgen auf dem alten Klettergerüst, sammelten Gogos und Yu-Gi-Oh-Karten – und führten epische Schlachten mit den guten alten Super Soakern mit eingebautem Schild.
Wenn man wissen wollte, ob jemand rauskommt, hat man geklingelt. Nicht geschrieben – geklingelt. Das Internet? Hatten wir nicht. Und wer’s hatte, wartete Ewigkeiten, bis eine Seite geladen war – wenn niemand gleichzeitig telefonierte.
Abends saßen wir vor dem Röhrenfernseher, und 20:15 Uhr war der heilige Moment: der große Film, der Startschuss fürs Kopfkino. Kein On-Demand, kein Algorithmus – nur du, das Flimmern und die Hoffnung auf was Gutes.
Project Silent Wire ist eine Verneigung vor dieser Zeit. Als die Welt noch langsamer war, aber nicht weniger aufregend. Als das Seltsame hinter der nächsten Hauswand lauern konnte – oder einfach nur im eigenen Kopf.
— W.D. Perske
Chapter One Summer's End
Der Gong. Nicht das sanfte, melodische Läuten, das den Beginn einer Stunde ankündigte, sondern der schrille, fast panische Alarm, der das Ende bedeutete. Das Ende des Schultages, das Ende der Woche, das Ende des Schuljahres. Ein Geräusch wie ein elektrischer Schock, der durch die Adern der Falcon Hollow High fuhr und eine kollektive Zuckung auslöste. Für Aiden Blake, der mit dem Rücken an die kühlen, mintgrün gestrichenen Betonziegel des Korridors gelehnt war, fühlte es sich an wie das Signal zum Start eines Rennens, an dem er nicht teilnehmen wollte. Er zog es vor, die Stampede aus sicherer Entfernung zu beobachten, ein stiller Beobachter im Auge des Orkans. Die Luft selbst schien vor aufgestauter Energie zu vibrieren, eine greifbare Spannung, die sich nun in einem chaotischen Ausbruch entlud.
Die Tür des Klassenzimmers neben ihm flog auf und entließ eine Welle von Teenagern, deren Gesichter eine Mischung aus Erschöpfung und triumphaler Erleichterung zeigten. Der Geruch von Kreidestaub, der sich über Monate in den Ecken angesammelt hatte, abgestandener Luft, die nach zu vielen Mündern roch, und dem süßlichen, fast aufdringlichen Parfüm von Heather O'Connell vermischte sich mit dem Adrenalinschub der Freiheit. Spinde wurden mit metallischem Scheppern aufgerissen, als wären sie Gefängnistüren, die endlich nachgaben, und wieder zugeschlagen, wobei das Echo durch den langen Gang hallte. Bücher und Ordner, Symbole der vergangenen Plackerei, wurden achtlos hineingeworfen oder in Rucksäcke gestopft, die bereits unter der Last von Kassetten, zerknitterten Notizen und vergessenen Pausenbroten ächzten. Ein ohrenbetäubendes Crescendo aus Stimmen – hohe, aufgeregte Schreie, tiefes, erleichtertes Lachen –, Gelächter und dem Quietschen von Dutzenden Paar Turnschuhsohlen auf dem polierten, aber zerkratzten Linoleumboden erfüllte den Gang. Es war das Geräusch des Sommers, der sich mit roher Gewalt Bahn brach.
Aiden schob sein Skizzenbuch, ein abgewetztes Exemplar mit einem dunkelbraunen Ledereinband, das schon unzählige Stunden in seinem Rucksack verbracht und die Abdrücke von Schlüsseln und Münzen angenommen hatte, tiefer in die Tasche, als wollte er es vor dem Chaos schützen. Die letzte Seite zeigte eine Karikatur von Mr. Henderson, dem Geschichtslehrer, dessen Begeisterung für die Feinheiten der amerikanischen Verfassung oft in Monologen gipfelte, die selbst die engagiertesten Schüler in einen Zustand katatonischer Langeweile versetzten. Aidens Zeichnung zeigte Henderson mit wild abstehenden Haaren, die aussahen wie explodierte Wattebäusche, einer glühenden Glühbirne über dem Kopf, die jedoch kurz vor dem Durchbrennen stand und kleine Risse zeigte, und winzigen Schafen mit leeren Augen, die aus seinen Ohren sprangen und auf stilisierten Wolken davonhüpften. Eine kleine, stille Rache für die letzte, quälend lange Doppelstunde, in der Aiden die Muster der Deckenplatten studiert und sich gefragt hatte, ob Fliegen wohl auch Langeweile empfinden können. Er war kein Störenfried, kein Klassenclown. Seine Rebellion war leise, auf die Seiten seines Buches beschränkt, ein Ventil für die aufgestaute Frustration und die Beobachtungen, die er machte. Er war der Beobachter am Rand, der Chronist der kleinen Dramen und Absurditäten des Highschool-Alltags. Er sah, wie Kevin McMillan, der Möchtegern-Casanova der zehnten Klasse, versuchte, unbemerkt einen gefalteten Zettel an Jessica Albright weiterzugeben, obwohl diese ihn mit einer einstudierten Geste eisiger Ignoranz strafte. Er bemerkte den flüchtigen, fast panischen Blick, den Mrs. Davison, die Englischlehrerin mit den strengen Augen und dem Faible für Shakespeare, auf ihren überladenen Schreibtisch warf, als würde sie befürchten, die dreimonatige Abwesenheit der Schüler könnte ihre sorgfältig nach Alphabet geordneten Unterlagen in ein unkontrollierbares Chaos verwandeln. Er sah die angespannte Haltung von Mike Johnson, dem Football-Spieler, der wahrscheinlich eine miserable Note in Mathe befürchtete und dessen Nackenmuskeln unter dem Druck zu zerreißen schienen. All diese kleinen Details sog er auf wie ein Schwamm, archivierte sie in seinem mentalen Speicher für spätere Verwendung, kleine Mosaiksteine im großen Bild des Lebens in Falcon Hollow.
„ENNNNNNDLICH!“, brüllte eine Stimme so nah an seinem Ohr, dass er unwillkürlich zusammenfuhr und fast sein Gleichgewicht verlor. Der Schall schien direkt in seinem Gehörgang zu explodieren. Abel Garcia, sein Freund seit dem Sandkasten, stand neben ihm, die Arme wie ein siegreicher Gladiator nach einem gewonnenen Kampf in die Luft gereckt. Seine dunklen Locken, normalerweise ein unordentlicher Wust, klebten ihm verschwitzt an der Stirn, und sein „Moss Pit“-T-Shirt – eine Hommage an die lokale Grunge-Sensation, deren Sänger angeblich einmal eine Gitarre auf der Bühne zertrümmert hatte, nur um sie dann weinend und mit Klebeband umwickelt wieder zusammenzuflicken – spannte über seiner Brust, als würde es jeden Moment reißen. „Ich dachte schon, dieser Tag geht nie, nie zu Ende! Henderson hat mich fast in den Schlaf geredet. Ehrlich, ich habe kurz überlegt, ob das Zählen der Akustikplatten an der Decke eine valide Karriereoption wäre. 147! Ich hab's nachgeprüft!“ Abel ließ seinen Rucksack, der aussah, als hätte er mehrere Runden im Schleudergang einer Industriewaschmaschine hinter sich, mit einem lauten Wumms auf den Boden fallen, der einen kleinen Staubwirbel aufwirbelte. „Keine verdammten Bücher mehr! Keine Tests, die einem das Hirn verknoten! Keine dämlichen Aufsätze über Metaphern in Gedichten, die klingen, als hätte sie jemand auf der Rückseite einer Cornflakes-Packung geschrieben! Nur drei Monate… drei glorreiche Monate…“ Er suchte nach dem ultimativen Wort, sein Gesicht strahlte vor purer, ungezügelter Freude, die fast ansteckend war. „…pures, unverfälschtes, sonnendurchtränktes, ohrenbetäubendes CHAOS!“
„Oder drei Monate, um die Festplatte zu defragmentieren, was bei meiner 80-Megabyte-Platte ungefähr zwei Wochen dauert, die neuesten Treiber für die Sound Blaster Pro zu finden, weil die alten ständig Konflikte verursachen, und vielleicht, nur vielleicht, eine stabile 2400-Baud-Verbindung zum 'Dragon's Lair'-BBS herzustellen, ohne dass die Leitung ständig zusammenbricht, weil wieder jemand im Haus das Telefon abhebt“, murmelte Jayden Marsh, der dritte im Bunde, und vervollständigte damit das ungleiche Trio mit einer Dosis technokratischem Realismus. Jayden stand ein paar Schritte entfernt, den Blick starr auf den kleinen, grünlich-grauen Bildschirm seines Game Boys gerichtet, als wäre es ein heiliges Artefakt. Seine Finger bewegten sich mit hypnotischer Geschwindigkeit über die Tasten, während die charakteristischen Pling- und Plong-Geräusche von Tetris aus dem kleinen Lautsprecher drangen, ein minimalistischer Soundtrack zum allgemeinen Chaos. Jaydens Brille, ein klobiges Modell mit braunem Plastikrahmen, das ständig von seiner Nase rutschte und einen permanenten roten Abdruck hinterließ, spiegelte das flackernde Neonlicht der Deckenbeleuchtung. Er war der Anker der Vernunft in ihrer Gruppe, obwohl seine Definition von Vernunft oft Dinge wie optimale IRQ-Einstellungen, die Vorzüge von QBasic gegenüber Turbo Pascal und die Debatte über die beste Kompressionsrate für .ZIP-Dateien umfasste. Sein Rucksack war zweifellos gefüllt mit Dingen, die für Abel und Aiden wie Requisiten aus einem Science-Fiction-Film aussahen: Dutzende 3,5-Zoll-Floppy Disks mit handgeschriebenen Etiketten, seltsam geformte serielle und parallele Adapter, Batterien verschiedenster Größen und vielleicht sogar ein kleiner Lötkolben für Notfallreparaturen. „Und ich muss immer noch versuchen, Dad davon zu überzeugen, dass ein 486er DX2 mit 66 Megahertz, 8 Megabyte RAM und einem SVGA-Monitor keine Luxusausgabe ist, sondern eine grundlegende Notwendigkeit für die moderne Informationsgesellschaft. Stell dir vor, Aiden, Doom in 640x480 Auflösung! Mit Stereo-Sound über die Sound Blaster! Das ist nicht nur die Zukunft, das ist das Paradies!“
Aiden konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen, das sich auf seinen Lippen kräuselte. Ihre Freundschaft war ein seltsames, aber stabiles Gebilde, geschmiedet in unzähligen gemeinsamen Nachmittagen, geteilten Geheimnissen und der gemeinsamen Erfahrung des Aufwachsens in einer Stadt, die sich manchmal wie das Ende der Welt anfühlte. Abels überschäumende, oft chaotische Energie war der perfekte Gegenpol zu Jaydens ruhiger, analytischer, manchmal fast roboterhafter Art. Und Aiden? Er war der stille Beobachter, der die Balance hielt, derjenige, der zuhörte, ohne immer selbst viel zu sagen, der die Momente festhielt, die den anderen vielleicht entgingen. Während Abel bereits Pläne schmiedete, die hauptsächlich darin bestanden, möglichst lange zu schlafen, bis die Sonne fast wieder unterging, laute Mixtapes auf seinem Doppelkassettendeck zusammenzustellen und am trägen, schlammigen Ufer des Falcon River herumzuhängen, und Jayden von einer digitalen Utopie träumte, die nur durch die begrenzten finanziellen Mittel seiner Eltern und die frustrierenden technischen Limitationen der frühen 90er gebremst wurde, wanderten Aidens Gedanken bereits voraus. Zum Wald. Immer wieder zum Wald.
Der Wald war sein eigentliches Zuhause. Nicht das zweistöckige Haus in der Maple Street, mit seinen knarrenden Dielen und dem Geruch nach dem Bohnerwachs seiner Mutter, das er mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester Milana teilte, sondern das endlose, atmende Meer aus riesigen Douglasien, Hemlocktannen, dichtem Farn und moosüberwachsenen Felsen, das Falcon Hollow wie eine dunkle, schützende, aber auch erdrückende Decke umgab. Der Sommer bedeutete für ihn nicht nur Freiheit von den vier Wänden des Klassenzimmers, sondern die Freiheit, stundenlang durch das dichte Unterholz zu streifen, alten, vergessenen Holzfällerpfaden zu folgen, das faszinierende Spiel von Licht und Schatten auf moosbewachsenen Stämmen zu studieren, wenn die Sonne durch das dichte Blätterdach brach. Er liebte den erdigen, feuchten Geruch von Humus und verrottendem Laub, das würzige Aroma von Nadelbäumen nach einem Regenschauer, das Geräusch des Windes, der wie ein Seufzer durch die Wipfel strich, das plötzliche Knacken eines Zweiges unter seinen Füßen, das ihn jedes Mal zusammenzucken ließ. Es war ein Ort der tiefen Stille, eine Quelle unerschöpflicher Inspiration für sein Skizzenbuch, aber manchmal, besonders in der Dämmerung oder wenn der Nebel vom Fluss heraufkroch und die Konturen verschluckte, auch ein Ort des leisen, unerklärlichen Unbehagens.
„Na, was sagt der Meisterzeichner?“ Abel riss ihn mit einem freundschaftlichen Klaps auf die Schulter aus seinen Gedanken. Der Klaps war, wie immer bei Abel, etwas zu kräftig und traf ihn genau auf dem Schulterblatt. „Schon Pläne, wie du die Welt mit deinen Bleistiftzeichnungen erobern willst? Vielleicht eine Serie über die faszinierende Vielfalt von Tannenzapfen? Oder ein hyperrealistisches Porträt von Jaydens Game Boy in Lebensgröße, inklusive der Fettflecken auf dem Bildschirm?“
„Sehr witzig, Abel“, erwiderte Aiden, rieb sich die schmerzende Stelle und schob sich den ausgefransten Riemen seines Rucksacks zurecht. „Ich dachte eher daran, den Wald zu zeichnen. Wie immer.“ Er zögerte kurz, ein Gedanke formte sich. „Und vielleicht das alte Carmichael-Haus. Bevor es endgültig zusammenfällt oder von Efeu überwuchert wird.“
Das Carmichael-Haus war mehr als nur ein Schandfleck der Maple Street; es war ein Monument des Verfalls, ein großes, einst prächtiges viktorianisch anmutendes Gebäude direkt neben Aidens Elternhaus, das seit Jahren leer stand und dessen Anblick die Nachbarn mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu erfüllte. Die weiße Farbe blätterte in langen Streifen von den Wänden und enthüllte das dunkle, verwitterte Holz darunter. Einige Fenster im Obergeschoss waren mit Brettern vernagelt, andere zeigten zerbrochene Scheiben wie blinde Augen. Der Garten war ein undurchdringlicher Dschungel aus hüfthohem Unkraut, dornigen Brombeersträuchern und verwilderten Rosenbüschen, die sich wie Tentakel um die verrottende Veranda rankten. Es war der Stoff, aus dem lokale Legenden und Albträume gestrickt wurden – Geistergeschichten über die unglückliche Mrs. Carmichael, die angeblich im Schlafzimmer im Obergeschoss verrückt geworden war, Gerüchte über einen verschollenen Schatz, den der exzentrische Mr. Carmichael irgendwo im Haus versteckt haben sollte, bevor er spurlos verschwand, Erzählungen von seltsamen, flackernden Lichtern in den Fenstern und unheimlichen Geräuschen in windstillen Nächten. Die meisten Leute mieden es, wechselten die Straßenseite, wenn sie daran vorbeigingen. Aber Aiden fühlte sich auf seltsame Weise davon angezogen. Es hatte eine melancholische, fast tragische Aura, eine Geschichte, die darauf wartete, erzählt oder, in seinem Fall, gezeichnet zu werden.
„Das Gruselhaus?“, fragte Abel und zog die Augenbrauen so hoch, dass sie fast in seinem Haaransatz verschwanden. „Willst du dich freiwillig von Geistern heimsuchen lassen oder was? Ich hab gehört, der alte Mr. Carmichael soll da immer noch als Poltergeist herumspuken und nach seiner verlorenen Sammlung seltener Porzellantassen suchen. Oder waren es Briefmarken?“
„Glaubst du doch selbst nicht“, sagte Jayden, ohne von seinem Spiel aufzublicken, obwohl seine Finger kurz innehielten. „Das sind Ammenmärchen, um Kinder zu erschrecken. Wahrscheinlich ist das Fundament instabil, und die Geräusche kommen vom Wind, der durch die Ritzen pfeift, oder von Waschbären auf dem Dachboden.“ Er drückte eine Taste auf seinem Game Boy mit einem entschlossenen Klicken. „Logische Erklärung. Immer. Für alles.“
„Logik ist langweilig!“, konterte Abel mit gespielter Empörung. „Geister sind viel cooler. Stell dir vor, Aiden, du sitzt da und zeichnest die modrige Veranda, und plötzlich… zack… erscheint auf dem Papier eine durchscheinende, geisterhafte Gestalt mit leeren Augenhöhlen!“ Er machte eine gruselige Geste mit seinen Händen.
„Ich glaube, dann würde ich einen neuen Bleistift brauchen“, sagte Aiden trocken, obwohl ihm bei der Vorstellung ein kalter Schauer über den Rücken lief. „Und wahrscheinlich eine neue Hose. Und vielleicht einen Therapeuten.“
Sie hatten den Hauptausgang der Schule erreicht und traten hinaus in die blendende Helligkeit und die drückende Wärme des Juninachmittags. Die Luft war schwer und roch nach Sommer – eine komplexe Mischung aus frisch gemähtem Gras vom nahen Sportplatz, dem heißen, teerigen Geruch des riesigen Parkplatzes, dem süßlichen, fast betäubenden Duft von blühendem Flieder und Geißblatt aus den umliegenden Gärten und einem Hauch von Abgasen von der Hauptstraße. Der Himmel war ein fast schmerzhaft strahlendes, wolkenloses Blau, das sich endlos über dem Tal spannte. Falcon Hollow lag vor ihnen, eingebettet in das satte Grün des Tals, durch das sich der träge, bräunliche Falcon River schlängelte. Es war eine Kleinstadt wie aus einem vergilbten Fotoalbum, mit einer breiten Hauptstraße, gesäumt von zweistöckigen Backsteingebäuden aus dem frühen 20. Jahrhundert, deren Fassaden von vergangenen Zeiten erzählten. Da war die weiße Holzkirche mit ihrem spitzen Turm, der wie ein Fingerzeig Gottes in den Himmel ragte, das alte Postamt mit seiner amerikanischen Flagge, die schlaff im Wind hing, und die ordentlichen Wohnhäuser mit ihren gepflegten Vorgärten, in denen perfekt gestutzte Rasenflächen und bunte Blumenbeete um die Wette strahlten. Aber hinter dieser idyllischen, fast zu perfekten Fassade spürte Aiden manchmal eine unterschwellige Spannung, eine Art kollektives Schweigen über die Dinge, die nicht ins Bild passten – die hohe Arbeitslosigkeit seit der endgültigen Schließung des großen Sägewerks vor fünf Jahren, die das wirtschaftliche Herz der Stadt gewesen war, die wachsende Zahl leerstehender Geschäfte mit ihren staubigen Schaufenstern und vergilbten „Zu vermieten“-Schildern, das nagende Gefühl, von der rasanten Entwicklung der Außenwelt abgekoppelt zu sein, ein vergessener Außenposten in einer sich schnell verändernden Welt. Das Internet war hier noch ein Mythos, ein fernes, unverständliches Rauschen auf einer knisternden Telefonleitung, das nur wenige technikbegeisterte Enthusiasten wie Jayden zu entschlüsseln versuchten. Die Nachrichten kamen über das körnige Flimmern des Röhrenfernsehers oder die raschelnden Seiten der wöchentlich erscheinenden Lokalzeitung „Falcon Hollow Chronicle“. Die Welt drehte sich langsamer in Falcon Hollow, manchmal so langsam, dass es sich anfühlte, als würde sie rückwärtslaufen.
Sie schlenderten die Hauptstraße entlang, ein vertrauter Weg, den sie schon tausendmal gegangen waren. Vorbei an „Miller's Mercantile“, dem Gemischtwarenladen, der eine Institution in Falcon Hollow war und dessen Besitzer, der mürrische alte Mr. Miller, angeblich jeden Einwohner beim Namen kannte. Aidens Mutter, Winona, stand hinter der Theke und war gerade dabei, einer älteren Dame Kleingeld herauszugeben. Sie winkte ihnen kurz durch das große Schaufenster zu, ein warmes, aber auch leicht prüfendes Lächeln auf den Lippen. Winona Blake war der pragmatische Anker der Familie, immer beschäftigt, immer organisiert, und mit der unheimlichen Fähigkeit ausgestattet, anhand eines einzigen Blicks zu erkennen, ob Aiden seine Hausaufgaben gemacht hatte oder ob er wieder bis spät in die Nacht gezeichnet hatte. Aiden winkte flüchtig zurück, insgeheim froh, dass sie beschäftigt war und ihn nicht mit Fragen nach seinen Zeugnisnoten oder seinen Plänen für den ersten Ferienabend löchern konnte.
Ein paar Türen weiter lag das „Owl's Nest Diner“, dessen rot-weiße Leuchtreklame – eine stilisierte Eule mit einer dampfenden Kaffeetasse in den Krallen – selbst am helllichten Tag trotzig brannte. Der Geruch von heißem Fett, gebratenen Zwiebeln und starkem, leicht bitterem Kaffee waberte ihnen wie eine unsichtbare Wolke entgegen. Durch das große Panoramafenster sahen sie Abels Mutter, Rosa Garcia, wie sie mit der Anmut einer erfahrenen Jongleurin ein schwer beladenes Tablett mit Tellern voller Burger und Pommes durch den schmalen Gang zwischen den roten Kunstlederbänken balancierte und gleichzeitig einem Gast mit einem breiten, strahlenden Lächeln einen Kaffee nachschenkte. Rosa war eine kleine, quirlige Frau mit dunklen, lebhaften Augen und einem ansteckenden Lachen, das das ganze Diner erfüllen konnte. Sie hatte den Ruf, die besten Blaubeerpfannkuchen westlich des Mississippi zu machen und war praktisch eine zweite Mutter für Aiden und Jayden, immer bereit, sie mit einem extra großen Milchshake zu versorgen oder ihnen einen mütterlichen Rat zu geben, egal ob es um Mädchen oder um kaputte Fahrradketten ging.
„Ich schwör’s euch, Jungs“, sagte Abel und sog den fettigen Duft des Diners tief ein, als wäre es das feinste Parfüm. „Dieser Sommer… der wird legendär. Absolut. Episch. Legendär. Mein Bruder Rafael hat gesagt, er zeigt uns vielleicht, wie man den Vergaser von seinem alten Ford Pick-up reinigt. Stellt euch das vor! Echte Motoren!“ Seine Augen leuchteten bei dem Gedanken. „Oder wir könnten versuchen, das Floß zu bauen, von dem wir letztes Jahr geredet haben. Ein richtiges Huckleberry-Finn-Floß, aus Baumstämmen, mit Segel und allem! Damit könnten wir den ganzen Fluss runterfahren, bis zum Ozean!“ (Dass der Ozean über hundert Meilen entfernt war, schien Abel in seiner Begeisterung nicht zu stören.) Rafael Garcia, Abels älterer Bruder, war eine Art lokale Berühmtheit unter den Jüngeren. Mit seinen achtzehn Jahren, seinem Job als Mechaniker in „Gary's Garage“ am Stadtrand, seinem abgetragenen Lederjacken-Look und seiner stoischen, wortkargen Coolness war er das, was sie alle – zumindest Abel und manchmal auch Aiden – gern wären: unabhängig, respektiert und im Besitz eines eigenen, wenn auch rostigen, Fahrzeugs.
„Solange das Floß besser schwimmt als dieses aufblasbare Desaster letztes Jahr“, erinnerte Jayden ihn pflichtschuldigst, während er versuchte, einen besonders kniffligen L-förmigen Block bei Tetris in eine passende Lücke zu manövrieren. Seine Konzentration war so intensiv, dass kleine Schweißperlen auf seiner Stirn standen. „Wir sind kaum zehn Meter vom Ufer weggekommen, bevor es anfing zu zischen wie eine sterbende Katze und wir bis zur Hüfte im stinkenden Schlamm standen. Ich hab immer noch Albträume von diesen riesigen, schleimigen Blutegeln, die sich an meinem Bein festgesaugt haben.“ Er schauderte bei der Erinnerung.
„Kleinigkeiten! Technische Details!“, winkte Abel großspurig ab, als wäre ein sinkendes Boot nur eine geringfügige Unannehmlichkeit. „Das war ein Prototyp. Ein Testlauf. Diesmal verwenden wir mehr Holz. Und weniger… äh… Löcher. Und besseres Klebeband! Viel besseres Klebeband!“ Er grinste breit, unbeeindruckt von Jaydens Pessimismus. „Außerdem hat Rafael versprochen, uns zum 'Whispering Falls' mitzunehmen. Zum Klippenspringen! Vom höchsten Felsen!“
Aidens Magen zog sich bei dem Gedanken schmerzhaft zusammen. Klippenspringen. Allein das Wort löste bei ihm eine leichte Übelkeit aus. Er war kein Freund von Höhen, schon gar nicht von unkontrollierten Stürzen in unbekannte Tiefen. Er bevorzugte festen Boden unter den Füßen und einen Zeichenblock in der Hand. Sein Blick wanderte unwillkürlich wieder zum Waldrand, der hinter den Dächern der letzten Häuserreihe wie eine dunkle, bedrohliche Welle aufragte. Eine undurchdringliche grüne Linie, die das ordentliche, vorhersehbare Tal von der wilden, ungezähmten Natur trennte. Er spürte die vertraute Mischung aus Faszination und tiefem Respekt, fast schon Furcht. Der Wald war wunderschön, ein endloser Quell der Inspiration, aber er konnte auch gefährlich sein, unversöhnlich. Leute hatten sich darin verirrt und waren tagelang verschwunden. Es gab Gerüchte über riesige Schwarzbären und scheue Pumas, die angeblich manchmal bis an den Stadtrand kamen. Und manchmal, wenn der Wind auf eine bestimmte Weise durch die hohen Wipfel strich, klang es wie ein vielstimmiges Flüstern, das seinen Namen zu rufen schien. Oder er bildete es sich nur ein, beeinflusst von den Geschichten, die er gelesen hatte. Sein Vater, William Blake, ein Mann, der seine Tage damit verbrachte, in staubigen Archiven zu wühlen und die vergessenen, oft düsteren Geschichten von Falcon Hollow auszugraben, hatte ihm einmal erzählt, dass die Ureinwohner, die dieses Tal vor den weißen Siedlern bewohnt hatten, diesen Wald für heilig und gleichzeitig für verflucht hielten. Ein Ort der mächtigen Geister und der verborgenen, unberechenbaren Kräfte. Aiden glaubte nicht wirklich an Geister, aber er glaubte an die unermessliche Macht der Natur und an die unzähligen Geheimnisse, die sie in ihren tiefsten Schatten barg.
Sie näherten sich der Kreuzung von Main Street und Oak Avenue, dem Punkt, an dem sich ihre Wege normalerweise trennten. Abel und Jayden wohnten weiter unten, in Richtung Fluss, in einer Gegend mit kleineren, neueren Häusern und größeren, offeneren Gärten. Aiden musste den sanften Hügel hinauf zur Maple Street, wo die Häuser etwas älter und stattlicher waren und die riesigen Ahornbäume im Sommer ein dichtes Blätterdach über der Straße bildeten. Die Sonne stand schon merklich tiefer am westlichen Himmel und tauchte die gesamte Szenerie in ein warmes, fast unwirkliches goldenes Licht. Lange Schatten krochen über den Asphalt. Die Luft war erfüllt vom lauten, rhythmischen Zirpen der Grillen und dem fernen, melancholischen Bellen eines Hundes. Ein perfekter, fast klischeehafter Sommernachmittag. Zu perfekt, vielleicht.
Doch dann geschah es. Das Geräusch, das den perfekten Nachmittag zerreißen sollte.
Jayden blieb so abrupt stehen, dass Aiden, der in Gedanken versunken war, fast in ihn hineinlief. Er stolperte und konnte sich gerade noch fangen. Jayden hatte sich die klobigen Kopfhörer seines Walkmans – leuchtend orangefarbene Schaumstoffpolster, die aussahen wie Rettungsringe für die Ohren – vom Kopf gerissen und lauschte mit einer ungewöhnlich angespannten Miene in die Luft. Seine Augen waren leicht geweitet. „Hört mal! Schnell!“
„Was ist los?“, fragte Abel, der gerade dabei war, einen imaginären Basketball zwischen seinen Beinen zu dribbeln und dabei leise vor sich hin zu summen. „Hast du endlich den Tetris-Highscore geknackt? Wurde auch Zeit.“
„Nein, sei still! Ernsthaft! Hört ihr das nicht?“ Jaydens Stimme klang seltsam dünn und angespannt. Er deutete mit einer Kopfbewegung in Richtung des Waldes, der hinter den Häusern der Oak Avenue begann.
Aiden und Abel tauschten einen verwirrten Blick, dann lauschten sie ebenfalls, hielten den Atem an. Zuerst hörten sie nichts Außergewöhnliches. Das allgegenwärtige Summen der Insekten im Gras, das sanfte Rascheln der Blätter im leichten Nachmittagswind, das entfernte, monotone Geräusch eines Autos, das die Hauptstraße entlangfuhr. Die übliche, beruhigende Geräuschkulisse eines schläfrigen Sommernachmittags in Falcon Hollow.
Doch dann drang es an ihre Ohren. Leise zuerst, kaum wahrnehmbar, wie das tiefe Brummen eines weit entfernten Dieselmotors oder das Summen von Hochspannungsleitungen. Aber es wurde lauter, stetig anschwellend, unaufhaltsam, bis es zu einem tiefen, resonanten, fast körperlich spürbaren Dröhnen wurde, das eindeutig aus der Richtung des Waldes hinter der Oak Avenue zu kommen schien, irgendwo aus den dichten Baumreihen hinter der nächsten Hügelkuppe. Es war kein Geräusch, das sie kannten oder einordnen konnten. Es klang nicht wie ein Flugzeug, das den kleinen, selten genutzten Flugplatz am anderen Ende des Tals anflog. Es klang nicht wie die schweren Holzlaster, die manchmal rumpelnd durch die Stadt fuhren. Es war ein konstantes, niederfrequentes Brummen, das eine seltsame, fast unangenehme Vibration erzeugte. Aiden spürte sie deutlich durch die dünnen Gummisohlen seiner abgetragenen Converse-Schuhe, ein leichtes Kitzeln auf den Fußsohlen, das sich wie eine Welle durch seinen Körper bis in seine Knochen fortzusetzen schien. Es war ein eindeutig industrielles Geräusch, mechanisch in seiner Gleichförmigkeit, aber gleichzeitig seltsam organisch, fast lebendig, wie das tiefe, regelmäßige Atmen einer riesigen, unter der Erde schlafenden Maschine.
„Was zum Teufel ist das?“, flüsterte Abel, seine Stimme kaum mehr als ein Hauchen. Er starrte mit aufgerissenen, ungläubigen Augen in Richtung Wald. Seine sonst so lässige Haltung war verschwunden, ersetzt durch eine sichtbare Mischung aus kindlicher Neugier und instinktiver Furcht. Selbst der imaginäre Basketball war vergessen, seine Hände hingen schlaff an seinen Seiten.
Das Brummen hielt an, eine unheimliche, monotone Konstante in der sonst so friedlichen Atmosphäre. Es schien den ganzen Luftraum zu füllen, die Stille zu durchdringen, die Blätter an den nahen Bäumen leicht erzittern zu lassen. Aiden blickte sich verstohlen um. Ein paar andere Leute auf der Straße waren ebenfalls stehen geblieben, blickten sich mit verwirrten oder genervten Mienen um oder legten die Hand ans Ohr, als wollten sie das Geräusch besser lokalisieren. Mrs. Henderson, die Frau des Geschichtslehrers, die gerade ihren weißen Pudel ausführte, zog das zitternde Tier beschützend näher zu sich heran und blickte mit offen zur Schau getragener Besorgnis zum dunklen Waldrand.
„Das ist kein normales Geräusch“, sagte Jayden, seine Stimme immer noch kaum mehr als ein Flüstern, aber mit einer neuen, analytischen Schärfe. Er schob seine Brille fester auf die Nase, als könnte er dadurch das Phänomen besser analysieren. „Die Frequenz ist viel zu tief, zu konstant. Nicht wie ein Motor, der schwankt. Klingt wie… wie ein massiver Transformator in einem Umspannwerk. Oder ein… ich weiß nicht… ein Teilchenbeschleuniger?“ Er sprach das Wort zögernd aus, als würde er selbst nicht ganz glauben, was er sagte.
„Ein was?“, fragte Abel ungläubig. „Ein Teilchen-Dingsbums? Gibt’s sowas überhaupt außerhalb von Comics oder verrückten Wissenschaftlerfilmen? Hier in Falcon Hollow?“
„Natürlich nicht. Wahrscheinlich nicht“, korrigierte sich Jayden ungeduldig. „Aber so klingt es. Irgendetwas Großes. Etwas mit enormer Leistung. Etwas, das nicht hierher gehört.“
Aiden sagte nichts. Er starrte nur auf den dunklen, schweigenden Wald, der jetzt, in Verbindung mit diesem unerklärlichen, beunruhigenden Geräusch, plötzlich eine ganz neue, bedrohliche Qualität angenommen hatte. Das vage Gefühl des Beobachtetwerdens, das ihn manchmal in der Nähe des Waldes beschlich, war plötzlich wieder da, aber diesmal war es keine flüchtige Einbildung, sondern eine fast greifbare Gewissheit. Was konnte dieses Geräusch verursachen? Eine geheime Militäranlage tief unter der Erde, von der niemand etwas wusste? Ein vergessenes Relikt aus den Hochzeiten des Kalten Krieges, das nun wieder zum Leben erwacht war? Oder etwas völlig anderes, etwas, das sich jeder logischen Erklärung entzog? Die Geschichten seines Vaters über seltsame Vorkommnisse in der Gegend, die er immer als unterhaltsame Spinnerei abgetan hatte, kamen ihm plötzlich wieder in den Sinn – Berichte über unerklärliche Lichter am Nachthimmel, über Wanderer, die spurlos in den Wäldern verschwanden, über Gerüchte von einem geheimen Regierungsprojekt aus den 60er Jahren, das angeblich Experimente mit Radiowellen oder Schlimmerem in den abgelegenen Wäldern um Falcon Hollow durchgeführt haben sollte. Project Silent Wire, so nannten es die wenigen hartnäckigen Verschwörungstheoretiker der Stadt, die sich regelmäßig im Diner trafen und ihre Theorien austauschten. Sein Vater tat es als lokale Folklore ab, Stoff für seine Mystery-Kolumnen. Aber in diesem Moment, mit diesem tiefen, vibrierenden Brummen in den Ohren, erschien die Folklore plötzlich gar nicht mehr so abwegig.
Das Brummen dauerte vielleicht eine halbe Minute an, möglicherweise auch eine ganze – die Zeit schien sich gedehnt zu haben, jeder Herzschlag hallte in Aidens Ohren –, eine gefühlte Ewigkeit, in der die Welt den Atem anzuhalten schien. Dann, so abrupt und unerwartet wie es begonnen hatte, war es weg. Einfach weg. Die plötzliche Stille, die folgte, war fast schmerzhaft, ohrenbetäubend in ihrer Leere. Das Zirpen der Grillen, das Rascheln der Blätter, das ferne Hundegebell – die normalen, alltäglichen Geräusche kehrten zurück, klangen aber jetzt irgendwie dünn, brüchig und fehl am Platz. Die unheimliche Vibration unter ihren Füßen war verschwunden, hinterließ aber ein seltsames Kribbeln, ein Echo in den Nerven.
Sie standen noch einen Moment wie angewurzelt da, lauschten angespannt in die wiederhergestellte, aber irgendwie veränderte Stille hinein. Mrs. Henderson zerrte ihren immer noch winselnden Pudel hastig weiter, warf aber noch einen letzten, langen, nervösen Blick über die Schulter zum Wald, bevor sie um die nächste Ecke bog. Die anderen Passanten, die kurz innegehalten hatten, zuckten nun mit den Schultern, schüttelten vielleicht den Kopf und gingen weiter, als wäre nichts Besonderes geschehen. Vielleicht hatten sie es als einen besonders lauten LKW abgetan, oder als Geräusche von Bauarbeiten irgendwo in der Ferne. Oder sie hatten einfach beschlossen, es zu ignorieren, es auszublenden. Das war die Art von Falcon Hollow: Seltsame Dinge wurden bemerkt, kurz bestaunt oder befürchtet, aber selten wirklich diskutiert oder hinterfragt. Man lebte lieber in der brüchigen Illusion der Normalität, zog die Vorhänge zu und hoffte, dass das Seltsame wieder verschwand.
„Okay, das war… weird“, sagte Abel schließlich und brach das angespannte Schweigen. Er versuchte, einen lässigen Ton anzuschlagen, schaffte es aber nicht ganz. Seine Stimme war eine Oktave höher als sonst, und er rieb sich nervös die Arme, obwohl es immer noch warm war. „Definitiv kein Bigfoot mit ’ner neuen Bassgitarre.“
„Ich hab’s dir ja gesagt, es war nicht normal“, erwiderte Jayden, obwohl er immer noch sichtlich blass um die Nase aussah. Er kramte einen kleinen, spiralgebundenen Notizblock und einen abgenutzten Kugelschreiber aus den Tiefen seines Rucksacks – Utensilien, die Aiden noch nie zuvor bei ihm gesehen hatte, da Jayden normalerweise alles digital zu erfassen schien – und machte sich mit konzentrierter Miene eilig ein paar Notizen in seiner winzigen, fast unleserlichen Schrift. „Tieffrequent. Konstante Amplitude, keine Modulation. Dauer ca. 45-50 Sekunden. Plötzlicher Start und Stopp, keine An- oder Abklingzeit. Quelle: Waldgebiet nordöstlich von Oak Avenue, geschätzte Entfernung 1-2 Meilen.“ Er blickte auf, seine Augen hinter den Brillengläsern wirkten ernst. „Wir sollten das untersuchen.“
„Was untersuchen?“, fragte Abel misstrauisch und wich einen Schritt zurück. „Du willst jetzt ernsthaft in den Wald gehen und nach einem riesigen, brummenden Etwas suchen, das vielleicht Teilchen beschleunigt oder wer weiß was macht? Klingt nach einer absolut super Idee, um den ersten Ferientag zu beginnen. Oder um ihn zu beenden. Für immer. Als Vermisstenmeldung in Dad's Zeitung.“
„Wir müssen ja nicht gleich mit Fackeln und Mistgabeln losziehen“, sagte Jayden beschwichtigend, obwohl seine Augen vor wissenschaftlicher Neugier leuchteten. „Aber wir sollten die Augen offen halten. Auf Spuren achten. Vielleicht findet sich eine Erklärung. Eine logische Erklärung.“ Er betonte das letzte Wort noch einmal, als wollte er nicht nur Abel, sondern vor allem sich selbst davon überzeugen, dass es eine geben musste.
Aiden schwieg immer noch, sein Blick hing am Waldrand. Er dachte an die Zeichnung, die er später machen würde, oder besser gesagt, die sich durch seine Hand manifestieren würde. Das Brummen hatte etwas in ihm ausgelöst, eine Saite zum Klingen gebracht, von deren Existenz er bisher nichts geahnt hatte. Es war mehr als nur ein seltsames Geräusch gewesen. Er hatte das untrügliche Gefühl, dass dieses Brummen kein Zufall war, keine harmlose technische Anomalie. Es war ein Vorzeichen. Ein Signal. Der Anfang von etwas.
Sie verabschiedeten sich an der Ecke Oak Avenue, diesmal ohne das übliche Geplänkel und die gegenseitigen Sticheleien. Die ausgelassene, unbeschwerte Stimmung des letzten Schultages war wie weggeblasen, ersetzt durch eine neue, ungewisse, fast greifbare Spannung, die zwischen ihnen in der Luft hing. Als Aiden langsam den sanften Hügel zur Maple Street hinaufging, spürte er die Blicke seiner Freunde im Rücken. Er warf immer wieder unwillkürliche Blicke zurück zum bedrohlich schweigenden Waldrand, halb erwartend, Rauch aufsteigen zu sehen, eine seltsame Antenne zwischen den Baumwipfeln zu entdecken oder das Brummen erneut zu hören. Aber der Wald schwieg, hütete sein Geheimnis.
Das Haus in der Maple Street wirkte still und friedlich, als er ankam, ein starker Kontrast zu dem Aufruhr in seinem Inneren. Der süßliche Geruch von frisch gebackenen Schokoladenkeksen hing noch schwer in der Luft, aber seine Mutter war offenbar wieder zurück zum Laden gegangen, um die Spätschicht zu übernehmen. Aus dem Arbeitszimmer seines Vaters im Erdgeschoss drang das leise, rhythmische Klappern der alten Olympia-Schreibmaschine – sein Vater weigerte sich hartnäckig, den modernen Computer zu benutzen, den Jayden ihm letztes Weihnachten mühsam eingerichtet hatte. William Blake war in seiner eigenen Welt, versunken in die staubigen Annalen der Vergangenheit von Falcon Hollow, wahrscheinlich gerade dabei, eine weitere obskure Anekdote über einen exzentrischen Bürgermeister oder ein vergessenes Scharmützel aus dem Bürgerkrieg niederzuschreiben. Manchmal beneidete Aiden ihn um diese Fähigkeit, sich so vollständig in einer anderen Zeit zu verlieren.
Aiden ging die knarrende Holztreppe in den ersten Stock hinauf. Jeder Schritt hallte in der Stille des Hauses wider. Die Tür zu Milanas Zimmer am Ende des Flurs war fest geschlossen, ein klares „Bitte nicht stören“-Signal. Darunter drang leise Musik – er erkannte den melancholischen Gesang von Eddie Vedder – und das gedämpfte, fast unverständliche Murmeln ihrer Stimme ins Telefon. Sie telefonierte. Wahrscheinlich mit Brenda oder vielleicht mit Lisa, ihrer besten Freundin, diskutierte über Jungs, die neuesten Musikvideos auf MTV oder die bevorstehende große Abschlussparty am See, zu der Aiden selbstverständlich nicht eingeladen war. Er fühlte den vertrauten, dumpfen Stich der Entfremdung, der ihn immer überkam, wenn er an seine Schwester dachte. Früher, als sie jünger waren, war Milana seine Verbündete gewesen, seine große Schwester, die ihn vor den älteren Jungs beschützt und ihm die coolen Bands gezeigt hatte. Jetzt war sie fast achtzehn, stand kurz vor dem Schulabschluss und schien es kaum erwarten zu können, Falcon Hollow und ihre Familie hinter sich zu lassen. Sie war eine Fremde mit demselben Nachnamen geworden, die einen anderen Planeten bewohnte, dessen Umlaufbahn die seine nur noch selten kreuzte. Er klopfte nicht. Wozu auch? Die Antwort wäre ohnehin nur ein genervtes „Was ist denn?“ gewesen.
Er zog sich in sein eigenes Zimmer zurück, diesen kleinen, persönlichen Raum unter der Dachschräge, der vollgestopft war mit seinen Zeichnungen, Stapeln von Büchern und Hunderten von Kassetten. Die Wände waren ein chaotischer Flickenteppich aus Postern – Kurt Cobains melancholischer, fast anklagender Blick, Eddie Vedders intensive Bühnenperformance, die abstrakten, träumerischen Landschaften eines R.E.M.-Albumcovers, ein altes Filmplakat von Blade Runner.
---ENDE DER LESEPROBE---