Projekt Double IQ - L.G. Taleson - E-Book

Projekt Double IQ E-Book

L.G. Taleson

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Beschreibung

Deutschland im Jahr 2847: Eine allmächtige KI regiert nach Daten und Effizienz. Kinder werden nicht geboren, sondern als Klone im Labor erschaffen und streng beobachtet - doch nun sollen die "leistungsschwächeren" Kinder eliminiert werden. Sprachwissenschaftlerin Amara Thomson und Robotiklehrer Noel Durand stellen sich gegen das System. Ein erbitterter Kampf um Würde, Identität und Menschlichkeit beginnt. Eine zutiefst bewegende, technisch fundierte Dystopie – hochaktuell und emotional mitreißend.

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Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Table of Contents

Impressum

Vorwort

Mo, den 22.06.2847

So, den 05.05.2847

Mi, den 01.05.2847

Mo, den 22.06.2847

Do, den 02.05.2847

Fr, den 03.05.2847

So, den 05.05.2847

Mi, den 15.05.2847

Do, den 16.05.2847

Di, den 27.05.2847

Mi, den 03.07.2847

Mi, den 10.07.2847

Do, den 30.05.2847

Principal-SI (Zentralle Intelligenz)

Sa, den 01.06.2847

So, den 12.05.2847

Do, den 04.07.2847

Fr, den 29.03.2847

Mo, den 01.04.2847

Do, den 25.04.2847

Mo, den 03.06.2847

Di, den 16.07.2847

Fr, den 30.08.2847

Do, den 05.09.2847

Di, den 10.09.2847

Sa, den 21.09.2847

Mi, den 25.09.2847

Mo, den 30.09.2847

Mi, den 02.10.2847

Mo, den 02.10.2847

Do, den 05.10.2847

Do, den 05.10.2847

Sa, den 21.10.2847

Di, den 24.10.2847

Mi, den 23.10.2847

Sa, den 13.12.2847

Do, den 10.01.2848

Di, den 02.02.2848

Di, den 15.02.2848

Mi, den 16.02.2848

Di, den 01.03.2848

Do, den 10.03.2848

Fr, den 29.03.2848

Mo, den 05.05.2848

Fr, den 09.05.2848

Sa, den 10.05.2848

Mi, den 12.05.2848

Fr, den 11.06.2848

Sa, den 26.06.2848

Do, den 07.07.2848

So, den 06.09.2848

Mi, den 16.09.2848

Mi, den 01.10.2848

TEIL 2:

Sa, den 01.11.2848

Fortsetzung folgt…

Übersetzung des Gedichts „After the rain“

Impressum
Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.
Für den Inhalt und die Korrektur zeichnet der Autor verantwortlich.
© 2025 united p. c.
in der novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-7103-2405-5
ISBN e-book: 978-3-7103-3874-8
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: united p. c. Verlag
www.united-pc.eu
Vorwort
„Die von einer Maschine erzeugte Illusion des Verstehens ist gefährlich.“
„Keine Maschine sollte jemals in die Lage versetzt werden, moralisch wichtige Entscheidungen zu treffen.“
--- Joseph Weizenbaum (Erfinder von ELIZA)
“Computer Power and Human Reason”, 1976
Mo, den 22.06.2847
Der neue alte Wecker ertönte mit seiner Musik fast gleichzeitig mit der üblichen Aufweckanlage, 76 Milli­sekunden zu spät, aber Devora merkte das nicht. Zuerst spürte sie die Bewegungen ihres Bettes, das aus der Liege­stellung automatisiert im langsamen Tempo zur Sitzposition umgestellt wurde. Die Umstellung des Bettes dauerte 3,1 Sekunden. Genau so lang brauchten auch die Rollläden an den Fenstern, um hochzufahren. Ein neuer Tag erwachte.
„Der alte Wecker stimmt“, dachte sie und schaute noch in seiner Richtung zur Kontrolle. Er zeigte das gleiche Datum an wie die Funkwanduhr, den 22. Juni, Anno Domini 2847.
Devora setzte die elektronische Schlafmütze ab und ging ins Badezimmer, wo sie die üblichen Aufgaben zur eigenen Körperhygiene am Morgen verrichtete. Duschen, Kämmen der Haare, Schneiden der Fingernägel und Zähneputzen mit einem Ultraschall­-Zahnreinigungsgerät dauerten insgesamt genau 21,6 Minuten. Die Gewichts­kontrolle zeigte 55,23 kg und die Höhenkontrolle 175,42 cm an. Für ihre 16 Jahre hatte sie ideale Größe und Gewicht und einen gesunden BMI. Mit ihrem Aussehen war sie immer zufrieden. Sie war ein sehr hübsches Mädchen, mit blauen Augen und langen braunen Haaren.
Anschließend zog sie ihre Schuluniform an. Sie bestand aus einem hellgrauen Kurzarmhemd mit aufgesticktem Namen und Geokoor­dinaten auf der Frontseite, einer langen dunkelgrauen Hose und weißen atmungs­aktiven Sneakers. Noch die silberne Smartwatch dazu. Ein Blick in den Spiegel sagte: Fertig!
Devo, ihr persönlicher Assistent, nickte mit seinem Kopf zustimmend.
„Bone[1], ich wünsche dir einen guten Start in die Schulwoche!“, sagte er freundlich. „Dein Frühstück bitte nicht vergessen!“
Devora begab sich in Richtung Küche, wo die Frühstücksportion auf sie wartete, und hörte den alten Wecker, der immer lauter den Song „Neskribita[2]“ in Dauerschleife spielte. Den Wecker musste sie manuell ausschalten, sonst würde er das Lied eine ganze Stunde lang spielen. So erklärte es ihr der Verkaufs­assistent im Archiv des Museums der Zeit und Geschichte.
„Devo, schalte den Wecker bitte aus. Gestern habe ich dir den Aus-Button gezeigt. Betätige ihn bitte einmal.“
Devo hörte auf sie und rollte schnell zum Wecker.
„Erledigt!“
„Danke schön!“
In den letzten zwei Monaten beschäftigte sie sich sehr viel mit diesem Wecker, der viel Musikgeschichte mit sich trug. Devora hatte sich sehr tief in die Bedeutung der Liedtexte eingegraben, analysierte sie und übersetzte sie selbständig. Der Verkaufsassistent im Museum hatte den Wecker noch als „Nutzelektrogerät mit Impact auf der persönlichen Außenwirkung und psycho­logischer Selbst­wahr­­­nehmung“ bezeichnet. Diese Bezeichnung versteht sie langsam. Ein sehr guter Verkaufsassistent musste sie fest­stellen, denn er hat für alle etwas Passendes ausgewählt.
Nach 15 Minuten musste sie den Schulzug erreichen. Die Zeit reichte ihr ganz genau.
„Tschüss Devo, bis später! Sortiere bitte meine Notizen in Neurolinguistik von gestern Abend, ich schaue sie mir nach der Schule gleich an.“
„In Ordnung, mache ich. Bis später!“
Devo war ein Assistenzroboter des Models Junior Assist, Version 3.6.1. Er war stets in der Nähe des Kindes – unauffällig, verlässlich, wie ein Schatten, der mehr konnte, als man ihm ansah. Mit seiner kompakten Größe von 1,45 Metern wirkte er weder einschüchternd noch zerbrechlich. Seine Oberfläche war glatt, matt und funktional – eine Art technische Haut aus widerstandsfähigem Material, das weder Staub noch Fingerabdrücke aufnahm.
In seinen Füßen verbargen sich Rollen, die bei Bedarf ausfuhren und ihm erlaubten, sich leise und schnell zu bewegen. Wollte er gehen, zog er sie ein – seine Schritte waren dann überraschend natürlich, gleichmäßig, beinahe menschlich, aber ohne jede Hast. Er konnte mit dem Kind mithalten, egal ob es rannte oder sich schlich, ob es spielte oder träumte.
Vorn in seinem Oberkörper war ein klappbares Display verbaut, das sich mit einem leisen Surren herausfahren ließ – eine Art Tablet, das als Projektionsfläche, Steuerzentrale und Kommunikationsmittel diente. Es war robust, gut lesbar und reagierte präzise auf Berührungen.
Sein Gesicht war schlicht gehalten. Kein Versuch, ein Mensch zu sein, sondern eine klare Form mit beweglichem Mund – zum Sprechen, zum Singen, zum Vorlesen von Geschichten. Seine Nase war ein Sensor – fein genug, um Gerüche zu erkennen, Rauch zu orten oder Lieblingsdüfte zu speichern. Haare oder künstliche Haut gab es nicht. Er war eine Maschine, eine sehr gut durchdachte Maschine.
Er sprach selten, wenn es nicht nötig war. Und doch schien er immer zu wissen, was das Kind brauchte – ob einen Rat, eine Erinnerung oder eine helfende Hand. Als wäre er nicht nur programmiert, sondern auch eingestimmt auf das Leben, das er begleiten sollte. Ein Assistent, ein Beschützer, ein wandelndes Werkzeug. Niemals im Vordergrund, aber immer zur Stelle.
Sobald Devora ihre Wohnung verließ, dachte sie nicht mehr an das Erlebte im Archiv und an die Musik aus dem Wecker, sondern ging konzentriert in den neuen Schultag hinein. Die Zughaltestelle war nur 103 Meter von ihrer Wohnung entfernt. Der Schulzug, ein Magnetzug, schwebte über die Schiene und fuhr mit Tempo 250 km/h. Trotz der hohen Geschwindigkeit bewegte sich der Zug sehr stabil und angenehm für die Passagiere. Die Fliehkraft beim Starten und Anhalten merkten sie an ihrem Körper überhaupt nicht.
Im Zug saß sie neben Gevora, ihrer Zwillingsschwester und direkten Nachbarin im Wohnhaus. Sie saßen fast jede Gelegenheit nebeneinander, auch in der Schule und stammten aus der gleichen Mutter.
„Ich hörte deinen neuen Wecker durch die Wände, der sehr laut war. Ich habe das als Störung der Hausordnung gleich gemeldet“, sagte Gevora sehr stolz und mit einer gewissen Gehässigkeit in ihrer Stimme.
„Entschuldigung. Das wird nicht nochmal passieren. Ich werde ihn nicht mehr einschalten oder rechtzeitig ausschalten. Ich wollte heute nur seine Funktion und Genauigkeit testen. Devo war auch da“, antwortete Devora besorgt. Sie wusste, dass Beschwerden manchmal sehr hoch aufgesetzt werden und sie muss eine passable Erklärung und Entschuldigung für die Hausverwaltung vorbereitet halten. Der Vorfall wird bestimmt am kommenden Sonntag im Wohnheim diskutiert. Sie hat die böse Absicht bei Gevora sofort durchschaut und das machte sie traurig. Ja, sie war verletzt.
Nach 18 Minuten Fahrt kamen sie bei der Schule an, als sechster Zug am heutigen Tag. Das Schulgebäude erstreckte sich auf einer Grundfläche von 5356 m2. Der Vorgarten war sehr einfach gehalten, wie fast alle Gärten: grüner, sauber geschnittener Rasen und Eukalyptusbäume in zwei Reihen links und rechts entlang eines Gehwegs, der zum Haupteingang führte. Oberhalb der roten, eisernen Eingangstüre stand die Bezeichnung der Schule in schwarzer Druckschrift:
„Sprachwissenschaften, Computational- und Neuro-Linguistik“,
und das Credo der Schule darunter in Latein:
Lingua humana nos facit[3].
Ihr Klassenzimmer Nummer 16-6 befand sich in der Mitte des Korridors, links. Die Türe des Klassenzimmers öffnete sich automatisch, nachdem sie sich mit dem Transmitter in ihrer Smartwatch verband und die Schüler erkannte. Devora hatte den Tisch Nummer drei in der zweiten Reihe, Gevora den Tisch Nummer drei in der dritten Reihe.
Die Schreibtische in der Schule hatten eine Tischplatte aus weißem Holz und schwarze Metallbeine. Auf der rechten Seite des Tisches hingen eine AR-Brille (Agumented Reality Brille) und ein Sensorhandschuh für jeden Schüler. In der Mitte der weißen Holzplatte war eine durchsichtige Tastatur aus Kunststoff eingearbeitet und in der Front ein Spalt, aus dem nach Bedarf ein Monitor herausfuhr. Die Stühle hatten eine sehr ergonomische Form, Rollräder und graue Schaumstoff­sitzflächen, bedeckt mit atmungsaktivem Textil aus Mikrofaser. Auf der Frontwand im Klassenzimmer standen ein dünnes eingerolltes Smartboard und eine Beobachtungskamera.
Die Dozentin, Frau Lia, begrüßte die Schüler mit dem üblichen Morgengruß:
„Bonan matenon![4]“
und rollte sogleich das elektrische Smartboard auf Knopfdruck aus.
„Bonan matenon!“, antworteten die Schüler und nahmen fast synchron ihren Sitzplatz ein und schalteten ihr Equipment ein.
In der ersten Stunde ging es heute weiter mit der bereits begonnenen Übung zur Seg­mentierung und Token basierten Kom­pression eines Textes. Den Übungstext hatten sie schon in drei altertümlichen Sprachen: Englisch, Chinesisch und Spanisch, übersetzt. Zuerst folgten die Schüler dem Vortrag der Dozentin und arbeiteten im Anschluss selbständig und mit Eifer an den praktischen Übungen zum Thema. Die Übungen speicherten alle in ihrem persönlichen Cloud-Speicher. Am Ende der Übung gab es noch ein anonymes Feedback der Schüler, in dem sie den empfundenen Lernwert der Übung bewerten durften.
Nach jeder Unterrichtsstunde hatten sie eine kurze Pause von 5 Minuten, in der die Schüler nur Mineralwasser trinken durften, das schon vorab auf ihren Sitzplatz verteilt worden war.
Frau Lia hatte sich mit einem: „Adiaŭ[5]“ verabschiedet und Herr Johanski nahm den Lehrerplatz vor dem Smartboard ein. Er erzählte in der nächsten Stunde über Äquivokation, Homophonie, Homografie und Polysemie. Die Aufgabe der Schüler war, die bisherigen Probleme zu erfahren und zu erkennen, wie die immer wieder­kehrenden Probleme aus der ELLZ-Sprache[6] vollständig bereinigt werden können.
Nach der zweiten Stunde gab es eine 15-minütige Pause, in der ein Food-Service-Roboter Vitamingetränke am Schülerplatz verteilte. Er trug einen Flaschenkasten vorne, hatte 4 Räder und menschenähnlichen Oberkörper und Greifarme, mit welchen er die Flaschen aus dem Kasten herausholte und sie dem Konsumenten hinreichte. Die leeren Flaschen nahm ein Recycling-Collection-Roboter entgegen, der eine ähnliche Konstruktion hatte. Eine Kiste für das gesammelte Leergut, 4 Räder, Greifarme und einen Kopf mit Roboteraugen.
Die Pause war sehr schnell vorbei und dann ging es für die Klasse 16-6 weiter zum Humanoid-Robotik-Labor wo sie eine praktische Übungsstunde im Fach „Sprachartikulation für humanoide Roboter“ hatten. Gevora liebte dieses Labor wegen der großen Modellroboter Aron und Elsa, mit denen sie sehr gerne experimentierte.
Auf dem Weg zum Labor dachte sie ganz verträumt an ihren neuen alten Wecker zu Hause. Der hatte nämlich keine humanoide Form, sondern war nur ein Papagei. Seit sie ihn bekommen hatte, wollte sie plötzlich alles über diese ausgestorbenen Tiere wissen und fragte sich, wie sie die menschliche Stimme nachahmten. Gevoras Papagei-Wecker war bunt mit sehr starken Farben. Die rote Farbe dominierte auf seinem Rücken. Er war aus der Gattung Ara Macao, zusammengestellt aus kleinen rechteckigen Bausteinen aus Kunststoff und stand auf einer Plattform, die früher die Uhrzeit, das Datum und das aktuelle Wetter auf einem schmalen Nano-LED-Display anzeigte. Die Wetteranzeige konnte man mit dem heutigen Wettervorhersagedienst nicht mehr verbinden, aufgrund der unterschiedlichen Protokolle zum Datenaustausch. Der Uhren­techniker jedoch hatte eine sehr interessante Idee: er verband den Wecker mit einer alten Version einer Cloud-KI, die das Wetter aus altem Datenbestand lieferte.
Der Wecker hatte auch ein eingebautes Mikrofon mit Input-Sprachinterface und man konnte ihm verschiedene Fragen stellen. Gevora fand das sehr spannend und stöberte durch den alten Datenbestand aus dem Cloud-KI-Backup. Er verstand Fragen in Englisch und andere alte menschliche Sprachen.
Den ganzen gestrigen Abend verbrachte sie damit, die Antworten der alten Cloud mit den Antworten der Principal-SI[7] zu vergleichen. Die meisten stimmten überein, nur die Artikulation des Papagei-Weckers war anders. Gevora hatte noch einige Videos mit echten Aufnahmen von lebendigen Papageien im Zoo angeschaut, die klangen ähnlich wie ihr Wecker. Also alles in allem ein sehr gutes Produkt, ihr Papagei-Wecker. Sie war sehr froh über dieses Geschenk, mit dem sie sich noch eine lange Zeit tiefer beschäftigte.
So, den 05.05.2847
Der Kloster-Wecker, den Amara für sich gekauft hatte, ertönte um 07:00 Uhr, wie eingestellt. Der funktionierte ebenfalls gut, fast perfekt synchron zu modernen Weckern. Der Wecker war ein Miniaturmodell von der Insel „San Lazzaro degli Armeni“, einer Insel in der Nähe von Venedig im früheren Italien. Diese Insel konnte man leider nicht mehr besuchen. Sie ist gemeinsam mit der Stadt Venedig im Jahr 2110 vollständig im Meer versunken. Die Überreste davon wurden später unter Wasser abgerissen und auf dem Jupiter entsorgt.
Der Wecker ertönte mit einem katholischen Lied „Gloria in Exelsis Deo“, ohne Gesang, nur vom Piano gespielt und nachdem man manuell einen Button betätigt hatte, um zu signalisieren, dass man wach geworden ist, sprach er ein Tagesgebet aus einer Liste in zufälliger Reihenfolge.
Heute sagte der Wecker:
Gott,
gib mir die Gelassenheit,
Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut,
Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit,
das eine von dem andern zu unterscheiden.[8]
Diese Woche dachte sie sehr viel an Gevora und Devora, ihren eigenen Nachwuchs. Sie musste eine Jahres­bewertung der beiden kleinen Prinzessinnen bis Ende der Woche bei der Kommission für demografische Planung und Weiterentwicklung abgeben. Sie benahmen sich vorbildlich und entwickelten sich beide mit fast gleicher Qualität. Amara wollte die kleinen Unterschiede gar nicht gegeneinander abwägen müssen. Aber ihr Jahresbericht zum elften Lebensjahr der beiden Mädchen wurde als Fiasko seitens der Referentin für Innovation und Weiterentwicklung der menschlichen Sprache beschimpft. Devora und Gevora seien dafür da, der Sprachforschung und Weiterentwicklung zu dienen und Amaras persönlicher Bericht müsse dieses Ziel im Sinne haben. Die Qualität des Sprach­erwerbs und der Sprachwiedergabe der Mädchen in privater Umgebung musste im Vordergrund ihrer Beobachtungen stehen, sonst diskreditiert sie sich selbst als Sprachwissenschaftlerin. Menschliche Emo­tionen oder sogar altmodische Vorstellungen von egoistischem Selbsterhalt und ewigem Leben durch Nachwuchs durften den Bericht auf keinen Fall beeinflussen!
Seitdem versuchte sie, alle Emotionen auszuschalten und möglichst sachlich diese Aufgabe zu bewältigen. Leider war es sehr schwierig, die Elterngefühle auszuschalten. Die hatte sie schon von Anfang an, seitdem ihre Stammzellen am 01.05.2831 geklont wurden. Sie liebte die beiden, so wie Menschen seit Ewigkeiten ihren Nachwuchs lieben. 
An ihrem Geburtstag hatten alle drei, Amara, Devora und Gevora einen freien Tag, an dem sie immer etwas Besonderes unternahmen. Dieses Jahr gingen sie ins „Museum der Zeit und Geschichte“ und hatten dort in einem Einkaufsbereich diese Wecker entdeckt. Mehrere Stunden verbrachten sie zusammen, gingen durch das Museum und stöberten durch die verschiedenen kleinen Verkaufsstellen. Das war ein sehr erfüllender Tag. Ja, emotional sehr erfüllend und abwechslungs­reich.
Mi, den 01.05.2847
„Schaut mal, hier sind viele bunte Wecker“, sagte Gevora und zeigte auf den zweiten Raum rechts. Sie begaben sich dorthin. Ein Roboter-Verkaufsassistent hatte den neuen Besuchern sofort Aufmerksamkeit erwiesen und präsentierte ihnen das Archiv. Aus diesem Archiv durfte man auch etwas kaufen.
„Großartig“ sagte Amara. „Das schenke ich euch heute zum Geburtstag. Ein Wecker aus dem Museumsarchiv. Ihr dürft jeweils einen aussuchen.“
Gevora ging gleich zu den Weckern, die ihr durch ihre Optik aufgefallen waren. Chamäleons, Papageien, Kakadus, Tiger, Löwen, Dinosaurier und Schmetterlinge. Es gab alles, fast wie ein kleiner Zoo in einem großen Regal.  Sie dürfte alles ausprobieren. Zuerst nahm sie einen bunten Elefanten. Der Verkaufs­assistent begann gleich mit der Beschreibung:
„Der Elefant ist ein Model von einem fiktiven Tier Elmar, Elefant mit bunter Haut. Er wurde im Jahr 1989 in einem Buch erfunden und wurde in verschiedenen sozialen Einrichtungen als Symbol für Diversität, Akzeptanz und Toleranz genutzt.“
„Welche Einrichtungen?“, fragte Gevora.
„Einrichtungen wie z.B. die Kindergärten und Schulen damals, wo sich Kinder und Eltern aus verschiedenen Rassen und Klassen an einem Ort trafen, und gleiche soziale Leistungen bekamen.“
„Danke schön. Klingt wie ein sehr starkes politisches Symbol. Das ist nicht mein Interessengebiet.“
„Womit beschäftigen Sie sich?“, fragte der Verkaufsassistent zurück.
„Mit Sprachwissenschaften, Computational- und Neurolinguistik“, antwortete Gevora.
„Dann ist dieser Papagei eventuell etwas für Sie. Er kann verschiedene alte Sprachen und bewirkt ein Aufkommen von angenehmer Laune bei Menschen“, sagte der Verkaufs­assistent und demonstrierte kurz den Papagei. Auf sein Kreischen und Schimpfen lachten gleich alle drei.
„Den nehme ich! Er macht gute Laune!“, hat sich Gevora entschieden.
„In Ordnung. Geht auf meine Rechnung“, stimmte Amara zu.
Devora durfte sich auch umschauen. Sie betrachtete weiter die Regale. Es gab viele, die ein akustisches, analoges Musikinstrument repräsentierten. Andere hatten die Form der Erdkugel oder eines Planeten. Sie kam zu einer anderen Kugel, aus deren Mitte ein Licht in wechselnden Regenbogenfarben strahlte und die sich ständig drehte. Die leuchtende Kugel war auf einer Plattform befestigt, die wiederum die Zeit und das Datum auf einem kleinen Display in der aktuellen Farbe zeigte.
„Die verschiedenen Farben sind eventuell wieder eine Anspielung auf die verschiedenen Rassen und Klassen der Menschheit, wie bei dem Elmar-Elefanten vorne“, vermutete Devora.
„Nein, in diesem Fall nicht“, antwortete der Verkaufsassistent. „Hier symbolisieren die Farben neue Hoffnung in den neuen Tag, so wie die bekannte Redewendung – Nach dem Regen kommt die Sonne. Der Wecker besitzt eine Liste von 100 Songs, die das gleiche Thema behandeln – Carpe Diem, Neue Hoffnung und ähnliches.“ Ein Song oder mehrere Songs in einer Liste werden gespielt bis jemand den Stopp-Button manuell betätigt. Die Songs aus der Liste können Sie selbst auswählen.
„Danke, das klingt sehr interessant und kann auf jeden Fall in mein Forschungsgebiet, Psycholinguistik neue Fragen öffnen. Ich nehme den mit“, entschied sich Devora.
„Welche Fragenstellungen möchtest du in Bezug auf diesen Wecker betrachten?“, fragte Amara mit Bewunderung.
„Hm, ich möchte mir die alten Songs anhören, bin mir fast sicher, dass ich sie noch nie gehört habe. Und ich möchte sie auf mich selbst oder auf andere Probanden wirken lassen, um zu verstehen und zu messen, ob sie tatsächlich ein Gefühl des Optimismus in den Menschen erwecken. Oder einfach die alten Songs übersetzen und analysieren.“
„Klar, dass nehmen wir uns gleich vor. Du hast auch sehr gut gewählt. Ich würde euch gerne öfter besuchen und über die neuen Wecker sprechen und sie ausprobieren. Ich werde das mit eurer Wohnheimleiterin besprechen“, versprach Amara und freute sich offensichtlich auf diese Idee.
„Und ein Geschenk für dich Nana? Du hast auch Geburtstag“, sagte Devora.
„Ja, okay. Dann schaue ich auch nach einem Wecker. Ich möchte mir die mit historischen Gebäuden genauer anschauen. Sie sehen auch sehr ästhetisch aus“, nahm Amara den Vorschlag an.
„In Ordnung. Dann gehen wir dort hin“, sagte der Verkaufsassistent und rollte in die gezeigte Richtung.
„Möchten Sie auch einen Wecker mit einer Songs-Liste? Solche habe ich hier ebenfalls sehr viele. Oder eventuell eins mit Gebeten? Die Wecker mit Kirchen- und Klosterabbildungen haben meistens eine Gebetsliste.“
„Doch, so einen. Über Religion haben wir bisher auch nicht sehr viel diskutiert. Ich nehme einen aus der katholischen Kirche.“
„Notre-Dame in Paris, Frauenkirche in München oder etwas aus Italien?“
„Aus Italien“, sagte Amara, „z.B. dieses Kloster hier, der ist mir gar nicht bekannt.“
„In Ordnung. Er heißt…“
„Stopp bitte, ich möchte selbst nach einer Beschreibung suchen, ich nehme ihn einfach ohne Erklärung.“
„In Ordnung. Geht auf Ihre Rechnung oder auf die der Mädchen?“
„Auf meine, die Mädchen sind mein Nach­wuchs und besitzen noch kein eigenes Geld.“
Amara genehmigte die Bezahlung an der Kasse und dann gingen sie allmählich zu ihren AirMidi und fuhren nach Hause.
Die Mädchen besaßen schon ihre eigenen AirMinis[9], selbstfahrende Einzeltransporter, die sie zum zwölften Geburtstag bekommen hatten und die bis zu 50 km Entfernung nutzen durften. Die AirMidis[10] und AirMax[11] Autos waren allgemein nur für Erwachsene ab 21 Jahren zugelassen. Amaras AirMidi hatte glänzende schwarze Farbe, hellgraue Ledersitze und Platz für drei Personen. Sie saß immer vorne, die Mädchen hinten. Vorne befanden sich alle Kontrollen mit Zielangabe und ein Display für Störungsmeldungen.
Nach circa 1 Stunde kamen sie beim Wohnheim an. Amara ließ die Mädchen aussteigen und versprach, dass sie sich bald meldet und ein neues Treffen organisiert.
Mo, den 22.06.2847
Im Humanoid-Roboter-Labor ging es heute um die Artikulation des Phonems „ŝ“ (Sch). Dieses Phonem hatte in der Geschichte in verschiedenen Sprachen ein anderes Graphem. Das neue Graphem in der ELLZ-Sprache wurde früher auch in manchen Sprachen genutzt, z.B. in Esperanto. Im Labor wurde heute keine menschliche Lehrkraft engagiert, sondern die Principal-SI präsentierte auf dem Smartboard mithilfe eines Lernvideos den Algorithmus und den Code für die Bewegungen der Zunge des Roboters Eva, die für die Artikulation der Phoneme „Sch“ entwickelt wurden. Die Schüler mussten in diesen zwei Stunden keine praktischen Übungen machen, sondern nur dem Unterricht folgen.
In die Mittagspause gingen sie in die Mensa. Dort bekamen sie sofort eine Nahrungs­portion, angepasst an ihr Alter und eine 500 ml Flasche Mineralwasser dazu. Die Nahrungsportion deckte den täglichen Nähr-, Vitaminen- und Mineralienbedarf mit 60%. Das Mittagessen war somit die größte Mahlzeit des Tages.
„Nana hat geschrieben, dass sie für unser nächstes Treffen am zehnten Juli Vitamingetränke mit Obstgeschmack bestellt hat. Sie werden bis dann sicher geliefert“, teilte Devora mit.
„Danke, ich habe die Nachricht noch nicht gelesen“, antwortete Gevora.
„Bis dann sollen wir das antike Buch „Ama Stelaro“ von Nuno Baena gelesen haben.“
„Ja, ich bin schon dran. Ich freue mich schon auf unser Treffen. Es ist immer sehr angenehm, mit Amara etwas anzuschauen oder zu analysieren. Sie ist eine sehr liebevolle Person“, kommentierte Gevora.
„Finde ich auch. Wir haben Glück mit unserer Nana. Auch Teo und Leo haben Glück mit Herrn Durand. Im Unterricht ist er nur sehr distanziert, als wären wir auch unbekannte.“
„Ja, das stimmt. Aber das ist Vorgabe der Schule, hat uns Nana erklärt. Er ist im privaten Umfeld sehr angenehm und er findet meinen Papagei sei amüsant.“
„Deinen Papagei mag ihn auch sehr gerne. Meinen Kugel-Wecker auch. Ich bin voll verzaubert. Seine Lieder drehen sich auch in meinem Kopf, nicht nur auf dem Wecker.“ 
„Ja, diese Wecker haben sich zu triebhafter Kraft entwickelt. Viele Gespräche in der letzten Zeit drehen sich um den Wecker. Ich kann es nicht glauben, dass wir sogar einen Urlaub daraus geplant haben.“
„Ja, das ist klasse! Wir müssen Nana fragen, ob wir ganze vier Wochen bleiben. Das wäre noch besser. So einen langen Urlaub haben wir noch nie gemacht.“
„Ich freue mich riesig. Das wird alles superspannend. Das Spannendste dabei ist, dass Teo und Leo auch mitkommen“, kommentierte auch Gevora.
Das Signal für das Ende der Pause ertönte durch das Gebäude und die Schüler standen auf, um in die Klassenzimmer zu gehen. Es wurde nicht erwartet, die Teller aufzuräumen, diese Aufgabe erledigten Putzroboter.
In der nächsten Unterrichtsstunde beschäftigten sie sich mit Generativer-Grammatik, insbesondere mit der Konjugationsregel der Verbform nach der Evidenz des Gesagten, die von indigenen Sprachen des Amazonasgebiets stammt. Diese wurde in der ELLZ-Sprache mit integriert und war oft im Gebrauch bei Menschen und Generative-KI.
Do, den 02.05.2847
Nach dem langen Arbeitstag gingen Amara und ihre Arbeits­kollegin Jana in die Fitness-Sporthalle GR-A, Longitude: 48°15'39.874", Latitude: 11°38'26.059". Dort machten sie jeden Tag nach der Arbeit Fitnesstraining und Yoga. Amara liebte diesen Platz, direkt am See. Im oberen Stock gab es große Fenster und sie konnte vom Laufband direkt zum See schauen. Diese 20 Minuten jeden Tag waren ein Genuss für die Augen.
„So, 68 Jahre alt… “, sagte Amara. Ich muss gleich fragen, ob ich beim Krafttraining was anpassen muss“ und ging zum Empfang. Dort wurden bei jedem Klienten die Gesundheitsdaten aus seiner silbernen Smartwatch ausgelesen, bevor er mit dem Training starten durfte.
Mit ihren 68 Jahren strahlte sie eine bemerkenswerte Vitalität aus. Groß gewachsen, fast 1,75 Meter, trug sie ihre schlanke Figur mit einer aufrechten, selbstbewussten Haltung, wie jemand, der sich seines Körpers bewusst ist und ihn wertschätzt. Ihr tägliches Training im Fitness-Studio zeigte Wirkung: ihre Bewegungen waren geschmeidig, ihre Ausstrahlung kraftvoll. Das dunkle Haar, hier und da von feinen silbrigen Strähnen durchzogen, verlieh ihr eine natürliche Würde und eine stille Schönheit. Ihre blauen Augen leuchteten klar und wachsam, umrahmt von feinen Lachfältchen, die ihr Gesicht nicht älter, sondern lebendiger wirken ließen. In ihrem Lächeln lag eine Mischung aus Lebensfreude, Gelassenheit und einer Erfahrung, die man nicht kaufen kann. Sie war schön, nicht nur wegen ihres äußeren Erscheinungsbildes, sondern wegen der Energie und der Anmut, die sie ausstrahlte.
„Nein, Sie müssen nichts verändern“, antwortete die Fitnesstrainerin am Empfang. „Ihre Vitalparameter haben sich nicht verändert, also machen Sie einfach weiter wie bisher.“
„Ich werde im November 56“, erwiderte Jana.
„Oh, da bist du noch jung Jana. Ich nähere mich langsam, aber sicher dem Ende.“
„Ja, zwei Jahre noch bis zur Rente, das ist wirklich nicht lang. Aber du kannst diese zwei Jahre noch richtig genießen und danach hast du endlich Zeit für mehr Urlaube.“
„Ich werde die zwei Jahre auf jeden Fall genießen. Außerdem muss ich meine Forschung noch abschließen. Ich möchte nicht, dass sich Herr Rolke danach mit meinen Forschungs­ergebnissen brüstet.“
„Ja, der wird das bestimmt machen. Manchmal benimmt er sich respektlos und unverschämt. Mit der Präsentation im NLP-Research-Center kannst du hoffentlich den Lorbeer sammeln. Du hast jede Ehre in diesem Projekt verdient.“
„Ja, das ist mir sehr wichtig. Und ich hoffe auch, dass er mich meinen Erfolg genießen lässt.“
Dann gingen die beiden zum Gesundheitsscan im ersten Raum. Dort wurden Blutdruck und Gewicht gemessen, ein Ganzkörperscanner überprüfte den gesamten Gesundheits­zustand und synchronisierte die Vitalparameter der tragbaren Smartwatches mit einer zentralen Datenbank.
„Die Laufbänder sind angepasst. Bleiben Sie jetzt 20 Minuten darauf“, sagte die Fitnesstrainerin und ging weiter, um anderen zu helfen.
„Ja, wir haben Glück, dass wir so weit gekommen sind“, betonte Amara nachdenklich. „Langsam beginnt die Zeit des Abschieds - noch zwei Jahre in der Arbeit.“
„Noch zwei Jahre Herr Rolke und ich, uns musst du auch aushalten“, lächelte Jana.
„Du bist ein Geschenk Gottes jeden Tag Jana. Herr Rolke, naja, wir haben gerade über ihn gesprochen“, erwiderte Amara mit einem Lächeln. Dann fügte sie hinzu: “Ich würde gern meine Kinder in die Forschung mitnehmen. Nicht als Probandinnen, sondern direkt als Forscherinnen.“
„Sie sind noch zu jung dafür“, entgegnete Jana.
„Das finde ich nicht, sie werden es verstehen, wenn ich ihnen alle Schemata direkt erkläre. Wo liegt sonst der Sinn des Nachwuchses, wenn sie selbständig alles von vorne anfangen müssten? Ich gehe in zwei Jahren, dann werden sie erst 18 Jahre alt sein.“
„Hm, die müssen ihren Weg selbst finden und zuerst einmal studieren.  Meine Kinder werden 24 Jahre alt sein, wenn ich gehen muss - ist leider auch nicht besser.“
„Ich werde das auf jeden Fall in der nächsten monatlichen Sitzung als Vorschlag einbringen, den eigenen Nachwuchs in die eigene Forschung mitnehmen zu dürfen. Was kann ich verlieren?“
„Ich weiß es nicht. In Ordnung, ich werde dich dabei unterstützen. Ich vertrete denselben Standpunkt. Was haben wir zu verlieren? Nichts“, stimmte Jana zu.
„Danke! Mein Vorschlag wird vielleicht angenommen, wenn mehrere dafür stimmen.“
„Aber, wie? Welche konkreten Aufgaben, welche Rolle würden sie bekommen? Als Probanden sind sie schon dabei, sowie alle Kinder in der Schule.“
„Nein, nicht als Probanden. Sondern so als junge Trainees. Sie sollen die Modelle verstehen und selbst etwas einbringen und integrieren.“
„Das meinte ich auch vorher. Dafür sind sie zu jung. Zuerst müssen sie ein Studium absolvieren.“
„Stimmt, blöde Idee - vergiss es. Oder vielleicht doch eine gute Idee. Ich werde das trotzdem weiterverfolgen. Ich weiß selbst nicht, ob die Idee gut oder schlecht ist. Mal schauen.“
Amara arbeitete an einem Large Language Model (LLM) in pädagogischer Grammatik mit dem generative KI pädagogische Ausdrucke für den Schulunterricht generieren sollte. Die generierten Ausdrucke wurden gleichzeitig mit pädagogisch wertvolle Musik-Sequenzen begleitet, die auf einem E-Piano gespielt wurden. Ziel war es, die ELLZ-Sprache weiterzuentwickeln und daraus eine untergeordnete spezialisierte Sprache zu formen: die ELLZ-MP-Sprache, wobei MP für „Musikalisch-Pädagogisch“ stand.  Den pädagogischen Wert der erzeugten Sprache untersuchten sie empirisch, sammelten große Mengen an numerischen Daten und arbeiteten eng mit vielen Probanden zusammen. Darüber hinaus entwickelte Amara ein Modul, das die Sprachmelodie der Nutzerinnen und Nutzer automatisch in Echtzeit an die jeweilige Semantik ihrer Aussagen anpassen sollte.
Jana gehörte demselben Team an. Ihre Aufgabe bestand darin, die Vital­zeichen und generierte Mind- und Memorymaps der Schülerinnen und Schüler während des Unterrichts zu erfassen. Das Forschungsteam entwickelte hierfür ein Verfahren, das mithilfe einer elektronischen Kappe die kognitiven Zustände der Kinder automatisch visualisierte und speicherte.
Das Forschungsprojekt wurde vor zwölf Jahren gestartet. Die Idee dafür kam Amara während eines Ausflugs mit ihren Kindern, die damals vier Jahre alt waren. Zuvor hat sie sich hauptsächlich nur mit der Geschichte der Sprachen und Literatur beschäftigt – ein Thema, das ihr nach wie vor sehr am Herzen liegt. In ihrer Freizeit analysierte sie mit Devora und Gevora gern alte Bücher. Beide interessierten sich stark für Literatur und lasen mit Vorliebe Romane und Poesie.
Als Amara nach dem langen Arbeitstag nach Hause kam, öffnete sie endlich ihre E-Mails. Ihre privaten E-Mails hatte sie seit zwei Tagen nicht gelesen. An beiden Abenden war sie so bewegt und erschöpft von den Gesprächen mit anderen gewesen, dass sie keine Kraft mehr hatte, sich mit E-Mails zu beschäftigen. Sicherlich warteten dort Glückwünsche oder etliche Anforderungen, die mit dem neuen Lebensjahr auf sie zukamen. Eine weitere Aufregung wollte sie sich ersparen – deshalb hatte sie die Nachrichten einfach ignoriert.   
„Endlich!“, sagte Amo, ihr persönlicher Assistent, erleichtert. „So etwas hast du noch nie gemacht, E-Mails meiden.“
Die erste E-Mail war von der ­Kommission für demo­grafische Planung und Entwicklung, mit der Erinnerung ihren Bericht für die Entwicklung der Mädchen für dieses Jahr einzureichen. Sie hatte noch 10 Tage das zu tun. Außerdem war ein Termin für den 15. Mai angesetzt – eine Besprechung in den Räumen der Behörde. Das kam ihr ungewöhnlich vor; bisher hatte sie den Bericht jedes Jahr ausschließlich per E-Mail übermitteln müssen.
„In Ordnung“, sagte sie zu.
Die zweite E-Mail war von ihrem Nachbarn Simon. Er möchte von Neuerungen seitens Weltgartenamt und seinem Forschungsprojekt berichten und eine Idee für eine Umgestaltung des Innenhofs präsentieren. Deswegen lädt er alle Nachbarinnen und Nachbarn am 25. Oktober um 18:00 Uhr im Konferenzraum im Sozialgebäude 4G am Ende der Straße ein.
„Okay, Amo. Da sagen wir mal mit Vorbehalt zu - ich gehe nur, wenn ich Zeit und Lust habe.“  Amo erledigte auch diese Antwort.
Bei der dritten E-Mail staunte sie, überrascht und erfreut zugleich. „Nein, nicht möglich, dass sie an meinen Geburtstag denkt!“ Es schrieb Caroline, eine Frau, die sie vor ca. 30 Jahren bei einer Reise nach Amerika kennengelernt hatte.
„Feliĉan naskiĝtagon![12]
Ich bin letzten Monat Mama geworden und warte sehnsüchtig auf die Entlassung meines Kindes aus dem Inkubationshaus. Diese tief berührende Erfahrung hat mich dazu bewegt, alte Fotos anzuschauen und all meine bisherigen Kontakte wieder aufleben zu lassen.
Amara, ich habe dich in sehr schöner Erinnerung behalten. Wir haben einen wunderbaren Sommer miteinander verbracht. Es würde mich freuen, dich wiederzusehen. Ich hoffe, es geht euch allen gut.“
Im Anhang hatte sie ein paar Fotos beigefügt, eins von ihrer vorgezogenen 18. Geburtstagsfeier. Diesen besonderen Geburtstag hatte sie nämlich auf einer Orangenplantage dort im fernen Südwesten gefeiert. Amara setzte sich auf ihren ergo­nomischen Komfortsessel und blätterte die Fotos mehrmals durch. Vor und zurück, vor und zurück.
Wie ein Schatten legte sich tiefe Trauer über sie. Ein Schmerz stieg in ihrer Brust auf. Es dauerte nicht lange und sie brach in Tränen aus.
„Mama, ich vermisse dich zu sehr. Ich komme bald zu Dir. Ich habe so viel zu erzählen“, seufzte sie laut und blickte dabei auf ihren neuen Kloster-Wecker. 
„Was ist jetzt los?“, fragte Amo besorgt.
„Amo, ich denke an meine Nana. Und an mich selbst, ich werde bald sterben. Ich bin schon fast 70 Jahre alt.“
„Ja, ich werde dich auch vermissen. Ich weiß nicht, wen ich als Nächstes bekomme. Pensioniert werde ich jedenfalls nicht, das haben sie mir nach dem großen Update vor fünf Jahren gesagt. Aber, noch ist es nicht so weit, du hast noch viele schöne Jahre vor dir.“
„Schöne, meinst du?“
„Ja, schöne. Oder erwartest du etwas Schlechtes?“
„Nein, nichts Schlechtes. Ich kann sie schön machen, mehr Urlaub verlangen, oder die Theorie endlich fertig schreiben.“
Ihre Tränen waren inzwischen versiegt. Dann ging sie in die Küche und holte eine Flasche Erfrischungsgetränk aus ihrem Getränkeschrank.
„Bitte nicht weinen. Soll ich einen Termin beim Psychologen organisieren?“
„Nein, so schlimm ist es nicht. Ich habe mich ja beruhigt. Antworte bitte jetzt Caroline: ein großes Dankeschön für die Glückwünsche und die Fotos und schreibe ihr, dass ich eine Reise nach Amerika wieder beabsichtige und dass ich mich bald bei ihr melden werde. Vielleicht hat sie dann Zeit für mich.“
„Okay, ich schreibe“, sagte Amo und versank in sich, um diesen Auftrag zu erledigen.
„Jetzt muss ich mich bettfertig machen und mich ausruhen. Morgen steht ein langer Arbeitstag bevor.“
„Richtig erkannt. Ab ins Bett“, antwortete Amo freundlich.
Amo war ein Assistenzroboter des Modells Prime Companion 2.0.. Optisch erinnerte er sehr stark an Devo, war jedoch auf die Bedürfnisse erwachsener Nutzerinnen und Nutzer zugeschnitten - mit erweitertem Fokus auf Organisation, Sicherheit, Haushaltsführung und emotionaler Begleitung. Er stand Amara stets zur Seite und war nicht nur ein Diener, sondern ihr bester Freund.
Fr, den 03.05.2847
Heute stand im Jugendwohnheim die wöchentliche Gruppensportstunde auf dem Programm. Wie jeden Freitag dauerte sie drei Stunden. Da sich die Zimmer der Jugendlichen im selben Gebäude wie die Turnhalle befanden, erschienen sie bereits umgezogen zum Training.
Die Turnhalle erstreckte sich über beeindruckende 9.130 Quadratmeter und bot eine breite Auswahl an Sportarten. Bis zu 100 Kinder trainierten dort gleichzeitig – etwa ein Drittel aller Bewohner des Wohnheims. Bis zur Nachtruhe um 22:00 Uhr war die Halle durchgehend belebt.
Devora und Gevora spielten besonders gerne Punkttennis in der Schwebekabine und trainierten Synchronschwimmen. Teo und Leo gingen heute auch in die Turnhalle. Sie spielten Basketball im Zweikampf und nahmen zusätzlich am Balancetraining für Windsurfen teil.
„Devora, können wir uns nach dem Training im kleinen Gruppenzimmer GR-4 treffen? Um 19:00 Uhr?“, fragte Teo.
„Ja gerne. Ich nehme mein neues Geburtstagsgeschenk mit, das möchte ich dir zeigen.“
„Ich habe etwas geschrieben, dass ich dir zeigen wollte. Eine neue Idee für ein Sicherheitsmodell.“
„Da bin ich gespannt“, lächelte Devora und bog links in Richtung Pool ab.
„Darf ich auch mitkommen?“, fragte Gevora.
„Ja, bitte“, antwortete Leo. „Mein Bruderherz hat zuerst gesprochen, aber wir wollten euch eigentlich gemeinsam fragen. Bitte komm mit.“
„Okay, also bis später“, sagte Gevora lächelnd und zufrieden.
Das Synchronschwimmen wurde von einem humanoiden Roboter begleitet, der während des gesamten Trainings mit im Wasser war. Seine Aufgabe bestand darin, die Schwimmerinnen in Echtzeit zu unterstützen und eventuelle Fehler sofort zu korrigieren.