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Christopher Noks ist ein junger Mann Ende 20, der durch Zufall in eine absolut einmalige Situation kommt. Er verfügt über genug Geld, Macht und Informationen, um die Welt zum Positiven verändern zu können. Doch genau diese Macht, die mit seiner Position verbunden ist, birgt große Probleme in sich. Denn die Chance, bei dem Versuch mehr Schwierigkeiten zu erzeugen als vorhanden sind, ist ihm bewusst. Daher lädt er einen alten Freund zu sich ein und gibt ihm einen Einblick in seine Welt. In diesem ersten Teil der Geschichte geht es sowohl um die Vorbereitungen, das angestrebte Morgen zu erreichen, als auch um die moralische und ethische Vorbereitung der Protagonisten auf die Folgen, die jede ihrer Entscheidungen haben wird.
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Seitenzahl: 183
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Felix Moldenhauer
Projekt Gaia
Die Vorbereitungen
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Projekt Gaia (Teil 1) : Die Vorbereitungen
„
Da saß er nun. Eingeklemmt in einem brennenden Auto, vom Hals abwärts gelähmt und konnte nicht anders als zu lachen. Die Lächerlichkeit seiner Situation und die absehbaren Folgen waren so überwältigend, dass er einfach nicht anders konnte. Seine Leichtfertigkeit würde ihn einmal sein Leben kosten! Das hatte ihm ein guter Freund mal gesagt. Aber doch nicht heute, fluchte er innerlich. Er hätte die zweite Rakete nicht ignorieren dürfen. Ganz klar. Mit den eigenen Waffen geschlagen. Mit den einzigen Waffen, die überhaupt noch etwas ausrichten konnten. Wie bitter. Er versuchte seinen Begleiter zu kontaktieren. Doch er war allein mit sich selbst. Er musste seinen Geist fokussieren. Das einzige was ihm noch blieb. Erstmal rekapitulieren, was genau passiert war, dachte er sich. Die Explosion der Cruise Missile, die ihn vor etwa 2 Minuten knappe 10 Meter von der Fahrbahn in einen Graben an einer Wiese gedrückt hatte, wurde normalerweise zum Zerstören von Häusern und Bunkern oder Tragen von kleinen Nuklearwaffen genutzt. Da wollte jemand ein Zeichen setzen. Diese endlos erscheinende Landstraße in der Mitte der USA, auf der es gute 50 Kilometer keine Abfahrten gab und die doch nur eine Auffahrt zu einer Farm war, gesäumt von satten, grünen Weiden, war nun von einem Krater mit dem Ausmaß eines Kleinbusses verunstaltet. Es wäre ein leichtes für sie gewesen, die Rakete im Flug zu zerstören. Und das sogar auf so viele verschiedene Arten. Er versuchte noch einmal seinen Begleiter zu kontaktieren. Keine Antwort. Er vermisste ihn. Es war auf einmal so still in seinem Kopf. Aber er musste ja seinen Angreifern unbedingt eine Show bieten. Er gab seinem Begleiter vor dem Aufprall die Anweisung, die Rakete so nah wie möglich am Wagen zur Explosion zu bringen, um den Wagen in dem Feuerball untergehen zu lassen und dann ungesehen, also thermo-optisch getarnt, zu verschwinden. Sein Begleiter hatte die Rakete schon geortet, bevor sie überhaupt gestartet wurde. Die Echtzeit-Satelliten-Überwachung des ganzen Areals hatte gezeigt, dass die erwähnte „Farm“, über mehrere Bunkeranlagen mit Raketensilos und Abschussgerätschaften für so eigentlich alles verfügte. Als sich eine dieser Anlagen anhob und ausrichtete, war klar, was los war. Da kann man mal sehen. Vor einer halben Stunde noch spricht man mit einigen der Mächtigsten und Einfluss“Reichsten“ Menschen der Welt und alle geben sich ganz handzahm in Schlagweite. Und sobald man den Raum verlässt, wird man mit taktischen Flugkörpern beschossen. Nette Gesellschaft. Wenigstens war er nicht tot. Noch nicht. Er war etwa 30 Autominuten von der Farm entfernt. Also würden die „Bergungsteams“ in etwa 10 Minuten hier sein. Sein Begleiter hatte die Rakete wirklich sehr nah an das Auto heran kommen lassen. Er hatte noch die Bilder vor Augen. Er blickte nach links aus dem Seitenfenster der Fahrerseite und er sah, wie sich an diesem Fenster der graue Film, der sein Auto umgab und sonst so dünn war, das er für das Auge unsichtbar war, ansammelte. Der Fleck vibrierte und pulsierte und wurde immer dichter und grauer. Er schaute nicht mehr nach vorne, hielt nur den Fuß auf dem Gas und den Blick auf den Fleck. Dann sah er die Rakete. Nur ganz kurz, so klein war sie von vorne und so schnell kam sie aus dem Himmel. Der graue Film schoss in einem Tropfen von der Scheibe in Richtung der Rakete. Als er auf den Kopf der Rakete prallte, formte sich aus dem Tropfen eine Schüssel, die die Kraft der Explosion von dem Wagen weg lenkte. Der Feuerball war unglaublich. Er fuhr einfach weiter, wohl wissend, dass die Flammen der Ummantlung des Fahrzeugs nichts anhaben konnten. Doch dann kam die zweite Rakete. Sein Begleiter spielte ihm kurz vor dem Aufprall Bilder zu, die einen zweiten, wesentlich kleineren Flugkörper zeigten, der sich im Kondensschweif des ersten dem Fahrzeug näherte. Sie sollte genauso behandelt werden wie die erste, lautete seine Anweisung. Doch mit dem, was dann folgte, hatten sie einfach nicht gerechnet. Das war auch der Grund für seinen Lachanfall. Sie hatten Ihm einen seiner eigenen EMP´s geklaut und für ihre Zwecke missbraucht. Durch den Ausfall seiner technischen Hilfsmittel, blieb noch so viel Kraft von der Explosion übrig, das sie das Fahrzeug von der Straße gedrückt hatte. Diese elektromagnetischen Puls Generatoren, die in einem Umkreis von etwa 5 Kilometern jegliche Technik unbrauchbar machten, sollten seine Pläne absichern und nicht diese zunichte machen. Und nun war einer von den Tausenden, die im Umlauf waren und auf die eigentlich nur er Zugriff hatte, sein Tod und der seines Planes. Und wenn es ganz ungünstig kam, sogar der einer ganzen Spezies. War es wirklich zu viel verlangt, die Welt verändern zu wollen? War ihnen der Status Quo so viel mehr wert als seine Visionen? Offensichtlich. Dabei hatte doch alles so gut begonnen, dachte er sich, bevor er das Bewusstsein verlor.
Er erblickte einen leicht leuchtenden Punkt, der sich ihm in einem dunklen Raum näherte. Eine diffuse Erscheinung, deren gesamtes Ausmaß bei ihrer Entstehung kaum zu erfassen war, waberte durch den völlig leeren Raum. Erst bei genauerer Betrachtung erkannte er, worum es sich handelte. Er flog auf eine große Anzahl identisch großer Räume zu, die mit kurzen Gängen miteinander verbunden schienen. Obwohl er nicht wusste, warum er hier war, wusste er doch ganz genau, wo er war. Die Räume innerhalb dieses „Museums“ waren alle identisch. In jedem dieser Räume war nur ein Bild vorhanden. Die Räume waren untereinander so verbunden, dass man in jeder Richtung, in der man den Raum verließ, einen anderen, aber identischen Raum vorfand. Nur das Bild war ein anderes. Die Besonderheit dieses Museums war, dass alle möglichen Bilder innerhalb der Räume vorhanden waren. Man musste sie nur noch finden. Allerdings war der Weg zu einem bestimmten Bild nicht vorhersagbar. Denn indem man durch einen Raum schritt und das Bild betrachtete, veränderte dies den nächsten Raum und das nächste Bild. Der Prozess der Beobachtung veränderte alles Folgende. Man konnte nicht sagen, was einen in dem nächsten Raum erwartete. Nach langer Zeit - ihm schien es als wären Jahre vergangen - war es möglich, gewisse Attribute der Veränderung zu erkennen, doch niemals würde es möglich sein, sie genau zu bestimmen. Er fand heraus, dass, wenn er den Raum nach unten verließ, sich nur die Farben des Bildes veränderten. Das Gezeigte allerdings bleib gleich. Ging er aus dem rechten Ausgang, blieb alles gleich, bis auf die gezeigten Formen. Größe und Farbe blieben erhalten. So strebte er in immer höherer Geschwindigkeit durch die Räume auf der Suche nach einer Antwort. Er wusste nicht, auf welche Frage und er kannte auch keinen Grund nach einer Antwort zu suchen, doch er spürte, dass die Suche für ihn existenziell war. Und er spürte, dass er auf dem richtigen Weg war. Nach endlosen Betrachtungen von Bildern betrat er den Raum, in dem er die Antwort vermutete. Und tatsächlich bekam er eine Antwort. Allerdings wusste er sie anfangs nicht zu deuten. Er blickte auf ein Bild, das ihn zeigte, wie er auf der Suche nach sich selbst war. Eine endlose, in einen Rahmen gefasste Schleife, die sich in dem Bild manifestierte. Er war von Anfang an Teil der Antwort gewesen. Wäre er nicht auf der Suche nach einer gewesen, hätte sich der Zustand, den das Bild annahm, also die Antwort, nicht formulieren können. Sie existierte zwar, wäre aber ohne die passende Frage nur eines von unendlich vielen Bildern und der Sinn nicht zu verstehen gewesen. Innerhalb dieses Museums sind alle Bilder vorhanden. Es hängt in irgendeinem Raum und wartet darauf betrachtet zu werden. So ähnlich verhält es sich mit Ideen und Gedanken. Sie sind alle schon vorhanden und warten nur darauf gefunden zu werden. Doch obwohl es so scheint, als könne jeder Gedanke von jedem Anderen zu jeder anderen Zeit auch gedacht werden, ist der Weg zu dem Gedanken essentiell. Ohne den Weg ergibt sich diese Antwort nicht, sondern sind viele andere möglich. Denn Gedanken und Ideen sind geprägt von Vorwissen und einer moralischen und ethischen Einstellung. Das bedeutet, dass ein Gedankengang immer in Abhängigkeit von dem zeitlichen Kontext und dem Wissen um schon vorhandene Ideen und Erfahrungen gesehen werden muss und sich daher bei gleichen Ansätzen die Lösungen unterscheiden können. Der richtige Weg wird zu einer Antwort führen, wenn auch nur in einer und für eine bestimmte zeitliche Epoche. Doch immer bleibt die Suche nach der richtigen Frage immer auch Grundvoraussetzung für die Findung der richtigen Antwort. Der Weg ist das Ziel. Während diese Worte wie ein Echo durch seinen Kopf hallten, merkte er, wie er aus dem Reich seines nur im Traum existierenden, aber so real erscheinenden Museums entschwand und sich der geistige Zustand der letzten Jahre wieder einstellte.
„Immer diese Botschaften“ nuschelte er, während er sein Gesicht in sein Kopfkissen drückte. Er dreht sich auf die Seite und blickte auf die Uhr. Kurz nach 4. Er fühlte sich schon wieder gedrängt aufzustehen. Untätigkeit verursachte neuerdings Unruhe in ihm. Dieses Gefühl, sich mit irgendwelchen ach so wichtigen Fragen beschäftigen zu müssen, ohne dass er jemals hätte definieren können, warum diese jetzt wichtiger sein sollten als jede andere Frage, die sich ein Mensch stellen kann. Es war mehr als nur ein Gefühl. Es wurde zum Zwang. Warum das so war, hatte er schon mit vielen Methoden versucht zu erkennen. Doch er kam zu dem Schluss, dass das Warum keine zu klärende Frage war. Er war sich sicher, sie würde sich mit all den anderen Fragen klären, wenn er nur die „eine wahre Antwort“ finden würde.
Er schlug die Decke zu Seite und setzte sich auf. Aus den Boxen an der Decke fielen augenblicklich sanfte Gitarrenklänge vor dem Hintergrund einer Ozeanbrandung. Die Rollladen an seinem Schlafzimmerfenster wurden langsam hochgefahren. Er griff seine Sonnenbrille von dem Nachttisch, schlüpfte in seine Hausschuhe und ging auf das Fenster zu. Sein Blick ging vorbei an dem in wunderschöner Blüte stehenden Kirschbaum, der in vollstem Pink erstrahlte, über die riesige Grünfläche auf einen Hain Obstbäume und er genoss für einen Augenblick den Anblick der Natur in diesem Licht. Eine Mischung aus Nacht mit hellem Mond und der Andeutung der aufgehenden Sonne am Horizont. Wunderschön. Natur. System.
Warum und wie entstehen autopoetische, also selbsterhaltende und selbststeuernde Systeme? Fragte er sich. Warum scheint das Leben selbst der Sinn des Lebens zu sein?
„Warum kommen ständig dieselben Fragen auf, ohne dass man das Gefühl hat, der Antwort auch nur in geringster Weise näher gekommen zu sein“, fluchte er leise vor sich hin. Er zuckte mit den Schultern und wandte sich vom Fenster ab, da es ihn ein wenig fröstelte, nur in Boxershorts bekleidet, in dem großen Zimmer zu stehen.
„Guten Morgen“ ertönte eine Stimme, in dem Moment, als er wieder auf sein Bett zuging.
„Wie spät ist es?“ erwiderte er.
„Es ist 4.16 Uhr und 13 Sekunden.“
„Wie lange habe ich geschlafen?“
„Zwei Stunden und 46 Minuten“ war unverzüglich zu hören.
Zu wenig, dachte er sich.
„Wo ist denn mein Bademantel ab geblieben?“ fragte er in den Raum hinein, während er sich seine Augen rieb.
„Im Badezimmer unter dem Waschbecken“, war als Antwort zu vernehmen.
„Danke“, entgegnete Chris und machte sich auf den Weg, seinen Morgenmantel zu finden. Suchen musste er schon lange nichts mehr. Er musste sich nur an die ihm gereichten Informationen halten und schon fand er fast alles.
„Sehr angenehm“, sagte er sich, als er sich den Mantel über den nackten Oberkörper streifte und sich kurz im Spiegel betrachtete. Oh, Mann, diese Augenringe, dachte er sich.
„Gibt’s was zu tun? Haben wir Termine heute?“, fragte er, während er sich auf den Weg zu seiner Terrasse machte und dabei die Wohnzimmer/Wohnraum/Küchenkombination durchschritt. Ein etwa 400 m² großer Raum, der komplett mit edelstem Parkettfußboden und einer Kombination aus weißen Ledermöbeln und Edelstahl-Glaskombinationen durchzogen war. Alles vom Feinsten. Alles Müll, dachte er sich wie so oft. Wie aus ´nem verdammten Katalog. So etwas wollte er immer vermeiden und nun hatte er ein ganzes Haus voll mit teuren Staubfängern, die eh so gut wie nie genutzt wurden. Er kam an seinem Schreibtisch vorbei, griff nach einem Zigaretten-Etui und nahm sein Smartphone aus der Ladestation neben einem Laptop. Die Schiebetür zur Terrasse glitt auf, als er sich auf sie zu bewegte und er setzte sich auf eine der Liegen, die dort draußen standen. Es war noch relativ dunkel und so war der Wald, in dem das Haus lag und der etwa 500 Meter westlich begann, nur als düsterer Schatten zu erkennen. Die Sterne und der fast schon versunkene Mond spiegelten sich in dem Teich, an und über dem die Terrasse lag.
„Nein heute sind keine wichtigen Termine in der Firma - du hast frei, wenn du willst.“ wurde ihm durch die Boxen seines Smartphones mitgeteilt.
Er musste unweigerlich grinsen, als er sich ausmalte, wie viele Millionen von Prozessen und Anfragen eigentlich gleichzeitig auf ihn zu schossen und alle von nur einer Instanz aufgehalten, bearbeitet und wieder retour geschickt wurden, ohne dass sie ihn auch nur annähernd belasteten. Im Grunde musste er seit einigen Jahren nicht mehr zur Arbeit gehen und tat dies auch nur noch zum Zeitvertreib. Man kannte ihn kaum noch vor Ort und man wunderte sich jedes Mal, wenn eine elektrisch betriebene Luxuslimousine vor dem Gebäude hielt, aus der unüberhörbar Hip-Hop dröhnte. Wenn dann auch noch ein junger Mann in kurzer Hose, Sneakers und mit Cap aussteigt und fordert an einer Vorstandssitzung teilzunehmen, kam es auch schon das ein oder andere Mal zu kleineren Schwierigkeiten mit dem Sicherheitspersonal. Sein Motto „just don´t give a fuck“ laut dem großen Philosophen Eminem – wenn das nicht half: Situation neu analysieren und feststellen „still don´t give a fuck“ – er war ja eh nur da, um Zeit totzuschlagen. Es war seine Firma, die halt nur von jemand anderem geleitet wurde. Das wusste er und musste es niemandem beweisen. Er hatte vieles gesehen und auch schon so einiges verstanden auf seinem Lebensweg, der sich erst über 27 Jahre erstreckte, um zu wissen, dass Arbeit und Besitz nicht alles war. Nicht mal annähernd.
„Wie ist unser momentaner Kapitalstand?“ fragte er, als er sich von seinen Gedanken löste und wieder in die Gegenwart kam. Sofort erschien eine Anzeige auf dem Display seines mobilen, kleinen Computers. „Nett“ sagte er, als er die 12-stellige Nummer sah. Milliarden von Euro waren in diesem Moment für ihn verfügbar. Dies beinhaltete natürlich auch das Anlagevermögen seiner unzähligen Firmen, gab aber einen ungefähren Überblick.
„Wieso kann ich dann nicht ruhig schlafen?“ fragte er.
„Weil Geld nicht alles ist?“, kam es als Gegenfrage zurück.
„Du sollst doch nicht mit Fragen antworten.“ sagte er lachend, „aber du hast Recht.“
Er hatte schon länger das Gefühl, dass sich etwas in ihm regte. Dass sich seine Ansichten änderten. Das etwas Neues entstand. Eine ungewollte Lebensmaxime vielleicht. Etwas so Durchdringendes, dass alle Handlungen und Denkansätze davon bestimmt wurden. Etwas, vor dem man nicht fliehen konnte. Nicht einmal im Schlaf.
Chris hatte nächtelang wach gelegen und sich mit dem Gegebenen auseinandergesetzt oder war zu nahe gelegenen Universitäten gefahren, um sich in den Bibliotheken ausgewählten Schriften zu widmen, um mögliche Antworten oder wenigstens Hinweise über oder besser noch von Gleichdenkenden zu finden. Doch das Gefühl blieb - egal zu welchem Schluss er kam. Niemand konnte ihm sagen, wie er sich zu verhalten hatte. Ja nicht mal einen Weg konnte man ihm weisen, denn es schien fast so, als habe sich vor ihm noch niemand in einer solchen Situation wie der seinen wiedergefunden.
Einige Zeit spielte er sogar mit dem Gedanken einer Religion beizutreten, da er Gott fragen wollte, was er ihm raten würde. Allerdings hielt keine der ihm bekannten Religionen eine Antwort parat. Er war ein Kind der Wissenschaften. War es nicht zu belegen, dann standen sich Wunder und Theorien gegenüber und bei ihm gewannen halt immer die Theorien. Er war sich allerdings auch nicht zu schade, einen Fehler einzuräumen, wenn er mal falsch gelegen hatte.
Denn ihm ging es immer schon um Wahrheit und die richtigen Antworten. Doch gerade in den Fragen, die momentan für ihn wichtig waren, gab es kein Richtig oder Falsch und vor allem keine Endgültigkeit. Er stellte ganze Systeme in Frage. Diese Systeme waren allerdings dauerhaft in Bewegung und einem stetigen Veränderungsprozess unterworfen. Das wiederum schränkte die Möglichkeit ein, diese Systeme situationsgenau zu beschreiben und mögliche Fragen zu klären, so dass auch diese Fragen und Beschreibungen ebenso einem stetigen Veränderungsprozesses unterzogen werden mussten. So konnte es sein, dass eine Antwort am nächsten Tag beziehungsweise mit der nächsten Veränderung wieder als unzureichend angesehen werden musste.
„Aber es waren doch Fragen, die sich Menschen schon vor mindestens 5000 Jahren stellten. Wieso gibt es darauf noch keine allgemeingültigen Antworten.“ dachte er sich. Fragen, die wahrscheinlich noch älter waren und bestimmt schon gestellt wurden, als die ersten Fragen formuliert werden konnten. Fragen die zwangsläufig entstehen. Sie ergeben sich, ungesteuert und unkontrollierbar. Fragen, die so zeitlos sind, dass sie jederzeit von jedem Menschen, der sich mit sich und dem Leben auseinandersetzt, auf sie stoßen wird. Nur die Antworten würden sich unterscheiden. Doch immer weniger müssen sich heute mit sich selbst auseinander setzen. Moral, Normen und Ethik sind Begriffe, die als gegeben angesehen werden. Man übernimmt sie und verhält sich danach oder halt nicht. Aber kaum jemand beschäftigt sich mit Alternativen. Oder Anpassungen und Erweiterungen. Aber warum auch, fragte er sich die letzten Jahre immer wieder. Denken ist nicht einfach und Reflexion und Selbstreflexion sind noch viel schwieriger. Und wenn er sah, was das ständige Hinterfragen von quasi allem, was ja auch immer eine inhaltliche Auseinandersetzung mit den Problemen, die es zu hinterfragen gab, mit sich brachte, an ihm und seiner Psyche für Wunden hinterließ, glaubte er, den Grund zu verstehen, warum die Menschen das Denken lieber bleiben ließen. Doch wiederum müsste man, um auf diese Ursache zu stoßen, erst einmal dem Denken auf hohem Niveau mächtig gewesen sein, was er dem Großteil der Menschheit absprach. Von daher verwarf er auch diese Theorie wieder.
Aber ist die Suche nach einer Antwort es wirklich wert, ein „normales“ und zufriedenes Leben aufzugeben? Sein Leben bestand ausschließlich aus Fragen und hatte bis zu diesem Zeitpunkt kaum Antworten geliefert. Und er hatte es nicht hinbekommen, den Versuch zu starten auf höchster Ebene zu denken und zu arbeiten und gleichzeitig ein einigermaßen normales soziales Umfeld zu pflegen und sich dem sinnfreien, einfachen Leben hingeben zu können. Doch die Sache mit den Antworten sollte sich schneller ändern als er ihm bewusst war. Vielleicht würde ein Dialog helfen, sagte er sich.
„Was macht Fait im Moment?“, fragte er. Die Stimme antwortete zügig.
„Seine Vitalfunktionen sagen aus, dass er schläft. Er muss um 8:00 Uhr im Audimax bei der Veranstaltung ‚Einführung in die Politikwissenschaft’ bei Professor Schmidt sein. Der Wecker in seinem Handy ist auf 6:55 eingestellt.“ Er blickte auf die Uhr.
„Weck mich, wenn er aufsteht“, sagte er, zündete sich eine Tüte an, die er aus dem edlen Etui zog und blickte gedankenverloren auf den immer heller werdenden Horizont. Es versprach wenigstens vom Wetter her ein schöner Tag zu werden. Nach einigen wenigen Zügen ließ er den Joint im Aschenbecher ausgehen und nickte lächelnd und einigermaßen zufrieden ein.
Plötzlich und unerbittlich holte ihn der Vibrationsalarm aus seiner traumfreien Zufriedenheit zurück in die Realität.
„Und, ist er schon aufgestanden?“, fragte er, während er sich seine Augen rieb.
„Ja. Er ist gerade auf dem Weg in die Küche.“
„Dann verbinde uns doch mal.“
Keine 5 Sekunden später klingelte etwa 300 Kilometer entfernt ein Handy.
„Jo, hallo?“ kam es verschlafen aus dem Apparat.
„Moinsen Fait. Na alles fit bei dir?“
„Chris?“ frage sein Gesprächspartner verdutzt.
„Jo, ich bin’s. Alles gut bei dir? Lange nichts von einander gehört. Wie läuft das Studium?“
„Nice. Schön von dir zu hören. Danke, sitze grade an meiner Master-Arbeit. Muss dieses Semester nur noch 2 Veranstaltungen besuchen. Habe also viel frei. Und wie läuft´s bei dir? Noch in Hamburg an der Uni?“ erwiderte Fait.
„Naja, eingeschrieben noch, aber war seit ungefähr ´nem Jahr nicht mehr da. Hast du diese Woche mal Zeit? Wollte dich besuchen kommen oder besser noch dich abholen und wir machen uns ein paar nette Tage. Musst Du heute wirklich zur Politik Einführung?“
„Ähhh. Nicht zwangsläufig. Ist nur Wiederholung im Moment. Aber… wann willste denn hier sein?“
„kurz afk!“ Christoph schaltete das Mikrofon des Smartphones stumm und fragte das Telefon: „Wann könnte ich da sein?“
„Die Maschine um 9:10 von Paris aus wäre gegen 10:35 in Nürnberg.“ Chris widmete sich wieder dem Telefonat. „Jo, wieder da. Musste das grade mal abklären. Ich könnte gegen 11:00 bei dir sein.“
„Heute Mittag um elf? Wo biste denn grade?“
„In Nordfrankreich. Ich fliege dann von Paris aus nach Nürnberg und nehme mir ein Taxi. Passt dir das?“
„Jo gerne. Kann ein paar Tage Ablenkung gut gebrauchen.“ „Sehr schön. Dann pack schon mal. Bis später.“
„Halt! Wofür soll ich denn packen?“
„Wir fliegen dann zu mir nach Hause. Ein paar Tage Urlaub machen. Einverstanden?“
„Klar. Ich lass mich überraschen. Dann bis später. Ach so. Hast du meine Adresse.“
„Ja“ antwortete Christoph. „Bis nachher dann“.
Nachdem er das Telefonat beendet hatte, erklang die Stimme wieder.
„Soll ich einen Platz buchen?“
„Ja, bitte. Und ruf mir bitte ein Taxi, so dass ich in einer Stunde etwa los kann. Ich geh noch eben duschen. Gib mir ´nen Überblick über unsere Projekte, während ich dusche und sorge bitte für ´nen Rückflug hierher.“
Eine Stunde später saß er auf dem Rücksitz eines Taxis. Im Radio lief entspannende klassische Musik und wie sich morgens schon angedeutet hatte, war es ein schöner warmer Tag. Am Flughafen zahlte er den Taxifahrer und zog einen Ausweis aus seiner Innentasche.
