Projekt: Phoenix - Geliebter Bodyguard - Cara Carter - E-Book

Projekt: Phoenix - Geliebter Bodyguard E-Book

Cara Carter

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Beschreibung

Die Gewalt des Herzens!

Lena von Lew genießt das Privileg eines Lebens als reiche Diplomatentochter in vollen Zügen. Gemeinsam mit ihren Eltern lebt die 22-Jährige seit vielen Jahren in Washington D.C., da ihr Vater das dortige deutsche Konsulat leitet. Als eines Tages nach einer Party ein Entführungsversuch nur knapp fehlschlägt, bekommt sie zum Schutz einen Agenten des Secret Service zur Seite gestellt. Connor James ist alles andere als erfreut über die undankbare Aufgabe des Babysitters, zumal Lena ihm mit ihrer Art und den nicht enden wollenden Shoppingtouren das Leben schwermacht. Doch als Lena in den Fokus der russischen Mafia rückt, kann nur Connor sie noch beschützen. Und je enger die beiden zusammenrücken, umso heißer brennt das Feuer zwischen ihnen ...

"Dieses Buch hat mich zutiefst berührt, gefühlvoll, realistisch und einfach zauberhaft. Nachdem ich das Buch ausgelesen hatte, war mir richtig schwer ums Herz. Ich war traurig, dass dieses Juwel schon zu Ende war." April Dawson über Dinas geliehener Mann

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Seitenzahl: 392

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

TitelZu diesem Buch123456789101112131415161718192021222324252627282930DanksagungDie AutorinCara Carter bei LYXImpressum

CARA CARTER

Projekt: Phoenix

Geliebter Bodyguard

Zu diesem Buch

Lena von Lew genießt ihr Privileg als reiche Diplomatentochter in vollen Zügen. Gemeinsam mit ihren Eltern lebt die 22-Jährige seit vielen Jahren in Washington D. C., da ihr Vater das dortige deutsche Konsulat leitet. Als eines Tages nach einer Party ein Entführungsversuch nur knapp fehlschlägt, bekommt sie zum Schutz einen Agenten des Secret Service zur Seite gestellt. Connor James ist alles andere als erfreut über die undankbare Aufgabe des Babysitters, zumal Lena ihm mit ihrer Art und den nicht enden wollenden Shoppingtouren das Leben schwermacht. Doch als Lena in den Fokus der russischen Mafia rückt, kann nur Connor sie noch beschützen. Und je enger die beiden zusammenrücken, umso heißer brennt das Feuer zwischen ihnen …

1

Lena

»Auf keinen Fall!« Aufgebracht stemmte Lena die Hände in die Hüfte. »Das kommt unter keinen Umständen infrage!«

Ihr Vater, der hinter seinem wuchtigen Schreibtisch aus Eichenholz saß, wirkte erschöpft, hielt jedoch ihrem trotzigen Blick stand, während er seine Brille abnahm und sich in das weiche Leder seines Stuhls zurücklehnte. »Lena von Lew, jetzt reicht es. Darüber wird es keine weitere Diskussion geben. Anstatt dankbar zu sein, dass der Secret Service eigens für dich einen Agenten abbestellt, führst du dich gewohnt kindisch auf. Man sollte meinen, dass man mit zweiundzwanzig annähernd erwachsen ist und derart wichtige Zusammenhänge verstehen kann.« Lena setzte zu einer Erwiderung an, doch ihr Vater war noch nicht fertig mit seiner Standpauke und hob mahnend die Hand. »Nichts, was du zu sagen hast, wird mich umstimmen. Meine einzige Tochter ist vor ein paar Tagen nur knapp einer Entführung entgangen. Für dich mag das kein Grund zur Besorgnis sein, aber für mich ist es das durchaus. Du erhältst ab heute Personenschutz, und damit ist das letzte Wort in dieser Angelegenheit gesprochen.«

Als hätte er ihr nicht gerade den Tag verdorben, setzte er seine Brille wieder auf und widmete sich seinen Unterlagen, die vor ihm lagen. Erbost starrte Lena auf sein grau meliertes, akkurat geschnittenes Haar und grübelte fieberhaft über Gemeinheiten nach, die sie ihm an den Kopf werfen konnte. »Das ist nicht fair, seit Tagen behandelst du mich wie eine Gefangene! Ich darf mich nicht mehr mit meinen Freundinnen treffen und jetzt habe ich auch noch einen Babysitter an der Backe, da kann ich ja gleich ins Kloster gehen.« Aufgebracht fuhr sie sich durch ihren blonden Schopf und wartete auf eine Reaktion ihres Vaters. Irgendeine. Dieses Mal harrte sie jedoch vergeblich aus, er ließ sich nicht einmal dazu herab, genervt zu ihr aufzublicken, wie er es üblicherweise zu tun pflegte. »Fein, ignoriere mich ruhig. Das zahle ich dir heim!« Sie machte auf dem Absatz kehrt und stapfte zornentbrannt aus dem ausladenden Büro ihres Vaters hinaus. Jetzt benötigte sie dringend Ablenkung von ihrem ganz persönlichen Drama.

Als von ihren Eltern über alles geliebtes Einzelkind war sie es kaum gewohnt, ihren Willen nicht durchsetzen zu können. Unter anderen Umständen wickelte sie ihren Vater locker um den kleinen Finger, zu ihrem Leidwesen waren nun außergewöhnliche Gegebenheiten aufgetreten, die alles verändert hatten. Schuld daran hatte nur dieser dämliche Entführungsversuch letztes Wochenende.

Während sie durch die endlosen Gänge des Deutschen Konsulats ging, das ihr Vater leitete, dachte sie über den ärgerlichen Vorfall nach. Wie ständig in den vergangenen Tagen, seit sie dazu verdonnert worden war, tatenlos in der Villa herumzusitzen, in der sie gemeinsam mit ihren Eltern in einem Außenbezirk von Washington D. C. lebte.

Lena war der festen Überzeugung, dass ihr Vater maßlos übertrieb. Inzwischen war sie sich nicht mal mehr sicher, ob der Vorfall tatsächlich ein Entführungsversuch gewesen war oder eher ein ziemlich ungeschickter Scherz, beauftragt von ihren Freunden. Dagegen sprach allerdings die nicht zu leugnende Tatsache, dass die zwei Kerle, die sie nach dem Verlassen der Disco in einen heruntergekommenen Van zerren wollten, vermummt gewesen waren. Lenas Freunde bestritten jedenfalls, damit auch nur im Geringsten etwas zu tun zu haben, und sie war versucht, ihnen zu glauben. Obwohl diese Aktion total zu Amber, ihrer besten Freundin, passen würde, die ihr schon weitaus dämlichere Streiche gespielt hatte. Ein Übermaß an Zeit und Geld brachte eben die unmöglichsten Ideen hervor.

Am Ende sollte Lena die Wahrheit nie erfahren, da ihr Chauffeur, der zufällig auf der gegenüberliegenden Straßenseite in der Limousine auf sie wartete, beherzt eingegriffen hatte. Dafür hatte er ein ziemlich übles Veilchen kassiert, was einen Spaß ihrer Freunde eigentlich ausschloss. Sie würden niemals jemanden mit Absicht verletzen. Also berichtete sie ihrem Vater davon, dessen stets leicht gebräuntes Gesicht daraufhin eine unnatürliche bleiche Färbung angenommen hatte und er die Contenance verlor, was ihm sonst so gut wie nie geschah. Das Ergebnis waren sechs Tage Hausarrest, in denen er ihr verbot, die Villa zu verlassen oder sich in die Öffentlichkeit zu begeben. Diese sechs Tage waren die reinste Hölle für sie gewesen, sie wusste nicht, wann sie zuletzt derart lange auf Shopping und abendliche Ausschweifungen in den privaten Klubs hatte verzichten müssen.

Aber zur Hölle, wer war sie schon Wichtiges, dass jemand Interesse daran hatte, sie zu entführen? Sie war lediglich die Tochter des Leiters des Deutschen Konsulats in Washington D. C., kein Promi oder gar eine wichtige Politikerin. Gut, sie war ein gern gesehener Partygast, unter ihresgleichen ziemlich bekannt und kein unbeschriebenes Blatt auf Instagram, aber dennoch weit davon entfernt, ein Star zu sein. Vermutlich hatte ihr Vater recht und sie dachte zu naiv über diese Sache, aber sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass jemand sie entführen und Lösegeld für sie fordern würde. Auch wenn der Gedanke tröstlich war, dass ihr Dad sofort bezahlen würde, klang das alles viel zu abenteuerlich und war sicher nur eine weitere List von ihm, sie in seiner Nähe zu behalten, wo sie keinen Blödsinn anstellen konnte, wie er ihre nächtlichen Ausschweifungen stets nannte.

Eben diese Überlegung hatte sie zu dem Schluss kommen lassen, dass alles nur ein riesiges Missverständnis gewesen sein musste, was ihren Hausarrest noch ärgerlicher machte. Sie wurde völlig umsonst ihrer Freiheit beraubt!

»Lena von Lew?«

Derart in ihren Grübeleien versunken, zuckte sie erschrocken zusammen und blieb abrupt vor dem Ausgang der Botschaft stehen, wo der Fremde sie gerade abgepasst und angesprochen hatte. Mit einem flauen Gefühl im Magen musterte sie ihn misstrauisch. Daran war nur ihr Vater und seine haarsträubenden Theorien schuld, sagte sie sich. Auf einmal schien auch ihr jeder verdächtig zu sein, das nervte. Sobald sie jedoch registrierte, was für ein Leckerbissen vor ihr stand, hellte sich ihre Miene sogleich auf. Verdammt, war der Kerl heiß. Sein unbestreitbar sexy und durchtrainierter Körper steckte in einem tadellos sitzenden schwarzen Anzug, der ihn ohne jeglichen Zweifel unverschämt attraktiv wirken ließ. Die schwarzen Haare und die verwegen wirkenden, dunkelbraunen Augen trugen auch dazu bei, dass Lena umgehend ihr schönstes Lächeln aufsetzte und ihn kokett anstrahlte. »Die bin ich«, erwiderte sie flirtend. Ein derartiges Prachtexemplar von Mann hatte sie schon lange nicht mehr vernascht, heute schien ihr Glückstag zu sein.

»Mein Name ist Connor James, ich wurde zu Ihrem Begleitschutz abkommandiert.«

Lenas Lächeln erstarb, wütend presste sie ihre Lippen aufeinander. Er sagte das, als sei es für ihn eine ebensolche Strafe, wie für sie. Während sie aufgebracht kehrtmachte und wütend die Tür ansteuerte, zerplatzte der angenehme Tagtraum über den eben noch vorgestellten Matratzensport. »Ich brauche keinen Babysitter, verschwinden Sie«, rief sie ihm über die Schulter zu und stapfte eilig ins Freie, in der Hoffnung, den SUV samt Chauffeur vor ihm zu erreichen.

»So gern ich das auch tun würde, habe ich leider meine Befehle.«

Erschrocken zuckte sie zusammen, er befand sich direkt hinter ihr, ohne dass sie seine Schritte vernommen hatte. Wie ein verdammter Geist. Einer, der vorhatte, ihr das Leben schwerzumachen. Wild entschlossen, diesen zwar gut aussehenden, aber dennoch unliebsamen Klotz am Bein einfach stehen zu lassen, stürmte sie regelrecht auf das Dienstfahrzeug zu, vor dem Ted, der Chauffeur, sie bereits erwartete. Lächelnd öffnete er die hintere Tür und sah zugegebenermaßen aufgrund ihrer übertriebenen Eile etwas verstört aus. »Fahren Sie los«, wies sie ihn barsch an und zog rasch die Tür zu, sobald sie ins Innere geplumpst war. Sie mussten hier verschwinden, bevor … na toll, zu spät.

Der Babysitter setzte sich seelenruhig auf den Beifahrersitz und blickte stoisch nach vorn. Nicht die geringste Regung war in diesem hübschen Gesicht auszumachen.

»Werfen Sie ihn raus«, befahl sie Ted, der jedoch entgegen ihren Worten den Wagen anließ und losfuhr.

»Tut mir leid, Miss, Ihr Vater hat uns klare Anweisungen gegeben.«

Genervt lehnte sie sich in das weiche Polster des Ledersitzes zurück. Ganz große Klasse. Ihr Vater hatte nicht nur dafür gesorgt, dass sie in ihrer Freiheit beschnitten wurde, nein, natürlich hatte er auch sichergestellt, dass sich niemand seinen Anweisungen widersetzte. Anstatt den Tag bei einem üppigen Brunch im Privatklub mit ihren Freunden zu genießen, wurde sie wie ein unmündiges Kind nach Hause eskortiert, wo sie weiterhin kontrolliert und überwacht würde. Ihr Leben war zum Kotzen.

Schnaubend sah sie aus der abgedunkelten Scheibe auf die vorbeihuschenden Gebäude hinaus. Fein. Sollte der Schönling doch versuchen, ihr die Laune zu vermiesen, dieses Spiel beherrschte sie geradezu perfekt. Allmählich kehrte ihre gute Laune wieder zurück, und sie grinste. Lena gab dem Hübschen nicht mehr als vierundzwanzig Stunden, bevor er alles hinschmeißen würde.

2

Connor

Scheinbar gelassen blickte Connor auf die Straße, über die sie gemächlich hinwegfuhren. Der Chauffeur hatte es wohl, im Gegensatz zu der aufgebrachten Furie auf der Rückbank, nicht eilig, voranzukommen. Die Ruhe trog jedoch. Tatsächlich verspürte Connor augenblicklich große Lust, seinen Boxsack zu malträtieren, um den Frust über diese unsägliche Aufgabe zu kanalisieren. Sie alle beim Secret Service hassten diese Art von Job, wie er ihn nun am Hals hatte. Ausgebildet, um wichtige Staatsoberhäupter zu beschützen, gab es für ihn und die Jungs kein größeres Übel, als den Babysitter für irgendwelche verwöhnten Gören zu spielen. Was leider hin und wieder vorkam. Sonderauftrag nannte es der Boss, für sie war es aber die reinste Bestrafung. Und dann verlangte der Boss jedes Mal, dass sie selbst wählten, wer die Aufgabe übernehmen sollte. Konfliktlösung sagte er dazu, einen riesigen Haufen Scheiße nannten es die Jungs. Weil es niemals einen Freiwilligen dafür gab, hatten sie wie üblich Streichhölzer entscheiden lassen und Connor hatte den Kürzeren gezogen. Wortwörtlich. Natürlich reichte dies allein noch nicht, nein, seine Schutzbefohlene war selbstverständlich der Prototyp eines reichen Töchterchen ohne Manieren.

Tief atmete er mehrmals durch, um irgendwie zu einer inneren Ruhe zu finden, die er jedoch nicht wirklich besaß. Der Hauptgrund, weshalb er vor dreizehn Jahren zur Army ging, war seine damalige ziemlich kurze Gemütszündschnur gewesen. Nach unzähligen Prügeleien in diversen Kneipen hatte er in den kräftezehrenden und oft hart an der körperlichen Grenze befindlichen Einsätzen seine Bestimmung gefunden. Die Jungs in der Army gaben ihm zwar den Spitznamen Rage, doch dieser passte irgendwann nicht mehr wirklich zu ihm. Vor vier Jahren dann zog er sich durch mehrere Splitter einer explodierten Granate während eines schweren Feuergefechts in der Stadt Kandahar eine komplizierte Schulterverletzung zu, die letztlich dazu führte, dass sein Dienst in der US Army für beendet erklärt wurde.

Ein Jahr Reha und einige Operationen später war er wieder so gut wie völlig hergestellt und trat nach einer weiteren dreimonatigen Auszeit, die er in Europa verbrachte, schließlich dem Secret Service bei. Seine Schulter stellte hierbei kein Hindernis dar, da er jegliche hierfür nötigen Tests mit Bravour meisterte. Connor wollte diesen Job, er brauchte ihn. Nach all den Jahren in der Army, zu der er nicht mehr zurückkehren wollte, war es für ihn andererseits unvorstellbar, sich hinter einen langweiligen Schreibtisch zu setzen und ordinäre Büroarbeit zu verrichten, selbst wenn es für das Verteidigungsministerium war. Also schlug er dieses Angebot aus und gab alles, um wieder gesund zu werden.

Heute, drei Jahre später, war er noch immer zufrieden mit seiner damaligen Entscheidung. Doch in diesem Augenblick, als 33–jähriger Babysitter einer verwöhnten Rotzgöre, verwünschte er den Secret Service. Der alte Rage drang allmählich aus den längst vergessenen Tiefen seiner selbst empor. Das hatte er nun davon. Alles, was er zu tun gehabt hatte, war, nicht dieses verdammte, kurze Streichholz zu ziehen. Bei einer Chance von 1:20 sollte man meinen, dass dies kein allzu großes Problem darstellte. Außer man hieß Connor James und war ein verflixter Pechvogel.

»Ich hoffe, Sie haben Ihre bequemen Schuhe an, das wird ein langer Nachmittag werden«, erklang es von der Rückbank.

Frustriert biss er die Zähne so fest zusammen, dass seine Kiefer knirschten. Sie erwartete hoffentlich keine Antwort. Innerlich schnaubend kniff er die Augen unter der Sonnenbrille, die er kurz nach dem Einsteigen aufgesetzt hatte, zusammen. Lena von Lew, was war das überhaupt für ein seltsamer Name? Der Secret Service hatte selbstverständlich alle Informationen über seinen Kunden fein säuberlich in einer dicken Akte zusammengetragen, die sich Connor vor Dienstantritt ausführlich eingeprägt hatte. Die Unterlagen seines Arbeitgebers waren stets umfassend, oft enthielten sie prekäres Material über Dinge, die sogar den Kunden selbst nicht über sich klar waren. Daher wusste er unter anderem, dass Lena Deutsche und als einziges Kind vor einigen Jahren gemeinsam mit ihren Eltern nach Washington gekommen war. Ihr Vater leitete das dortige Deutsche Konsulat, was überhaupt der Grund war, warum Connor nun in dieser Misere saß.

Hauptsächlich war der Secret Service, außer für die Bekämpfung der Finanzkriminalität, zuständig für die Bereitstellung von Personenschutz für den Präsidenten, den Vizepräsidenten sowie deren Familien. Unter die Bewachung fielen auch ehemalige Präsidenten und Staatsoberhäupter, welche die Vereinigte Staaten besuchten. Zu Connors Leidwesen zählten ebenfalls die in Washington ansässigen ausländischen diplomatischen Vertretungen dazu, sodass der Secret Service auch diesen Leuten Personenschutz gewähren musste. Wie etwa der zickigen Tochter des deutschen Diplomaten, die man anscheinend versucht hatte zu entführen, weil Daddy wohl irgendwelchen Mist gebaut hatte. Zu gern würde er ihr das unter die Nase reiben, leider waren sämtliche Informationen natürlich geheim und nicht für die Ohren von Zivilpersonen gedacht. Zu schade. Abgesehen davon, dass auch er nicht mehr wusste, aber das spielte jetzt keine Rolle.

»Connor James. Was ist das überhaupt für ein Name? Was davon ist Vor–, was Nachname? Oder ist das einer dieser komischen Decknamen, die ihr SEALs immer benutzt?«

»Secret Service«, erwiderte er gepresst. Was für eine freudige Aufgabe er doch vor sich hatte. Vielleicht sollte er den nächsten Entführungsversuch nicht vereiteln, falls es einen gäbe. Diese Frau um sich haben zu müssen, war vermutlich Höchststrafe genug, und dem Entführer sicherlich eine Lektion fürs Leben. Auch wenn sie zugegebenermaßen echt scharf aussah. Hatte er das gerade tatsächlich gedacht? Verflucht, er hätte gestern Abend seinen Frust nicht mit Bourbon runterspülen sollen. Zumindest hätte er das viele Bier davor weglassen können.

Die Vibration an seinem Brustkorb holte ihn aus den trübseligen Gedanken zurück. Frustriert griff er in die Innentasche seiner schwarzen Anzugjacke und zog sein Smartphone heraus. Ein rascher Blick darauf genügte, um ihm die Laune noch weiter zu verderben. Natürlich. Seine Jungs ließen es sich selbstverständlich nicht nehmen, ihn aufzuziehen.

»Und die Auszeichnung für den Babysitter des Jahres geht an … *Trommelwirbel* Connor James. Ladies and Gentleman, wir verbeugen uns vor diesem Ausnahmetalent und ziehen unseren Hut!«

»Sehr witzig. Fick dich«, schrieb Connor seinem Kollegen Kirk.

»So toll also?« Es folgten viel zu viele dieser nervigen Smileys, welche die Zunge herausstreckten. Connor hasste Smileys. Welcher erwachsene Mann benutzte bitte Smileys? »Komm schon, wir warten alle auf einen Lagebericht. Ist sie wenigstens heiß?«

Kirk ließ nicht locker, was zu erwarten war, doch Connor hatte nicht vor, darauf zu antworten. Gerade als er das Handy wieder wegstecken wollte, summte es erneut.

»Dann verrate uns wenigstens, welchen Codenamen du ihr gegeben hast!«

Der Secret Service benutzte Codenamen für die Präsidenten, ihre Familien, sowie jede andere prominente Person, die sie beschützten und auch für Orte. Dieses Konzept stammte noch aus alten Zeiten, in denen sensible elektronische Kommunikation nicht routinemäßig verschlüsselt wurde, und diente damals zur Sicherheit. Heute, in Zeiten modernster Verschlüsselungstechnik war diese Methode nicht mehr vonnöten, wurde jedoch aus Tradition weiterhin verwendet, wobei die Codenamen nicht vom Secret Service, sondern von der White House Communications Agency, einer Agentur des Militäramtes des Weißen Hauses, zugewiesen wurden. Was Connor und die Jungs aber noch nie davon abgehalten hatte, sich ihre eigenen Bezeichnungen für die Personen auszudenken, die sie zu beschützen hatten. Offiziell hatte Lena von Lew den Codenamen Polarfuchs bekommen.

Grinsend öffnete Connor das Nachrichtenmenü, das nur innerhalb des Secret Service verwendet wurde, und begann zu tippen. Und ob er einen speziellen Titel für Miss von Lew hatte. »Klar. Codename: Bitch!« Trotz seiner Aversion hatte er nicht minder Lust, einige dieser dämlichen Smileys hinterherzuschicken. Aber auch ohne die gelben Dinger fühlte er auf einmal eine starke Befriedigung, die den Umstand seine Anwesenheit augenblicklich etwas weniger schlimm erscheinen ließ. O ja, Bitch war gut. Es war sogar verdammt gut. Welcher Horror auch immer an diesem Tag noch auf ihn wartete, seine Zufriedenheit würde sie ihm zumindest nicht nehmen können. Ohne auf die Antwort seines Kollegen zu schauen, steckte er das Smartphone weg und blickte gelassen aus dem Seitenfenster. Er war ein ausgebildeter Soldat und Agent beim Secret Service, hatte ausweglos erscheinende Feuergefechte und Bombenanschläge überlebt, was zur Hölle sollte er also vor einer Frau zu befürchten haben, die fast noch ein Kind war? Dieser Auftrag würde das reinste Zuckerschlecken werden.

3

Lena

Ob sie es übertrieben hatte? Ein klein wenig vielleicht? Der arme Kerl, den ihr Vater ihr ans Bein gebunden hatte, saß mit verkniffenem Gesichtsausdruck vor der Kabine und seine Augen wirkten, als wollten sie Lena bei lebendigem Leib verbrennen. Ob er noch immer so verstimmt aussah, wusste sie nicht, zumindest war das bei jedem Mal der Fall gewesen, wenn sie ihm neue Klamotten präsentierte. Ihre Lippen zuckten voll freudiger Erwartung, dann streifte sie Outfit Nummer achtzehn über und trat grinsend aus der Umkleidekabine heraus. »Oder das hier?« Sie drehte sich einmal um sich selbst und strich dabei den Stoff des hautengen, weißen Minikleids mit zartgelben Blütenapplikationen darauf glatt. Wohl wissend, dass diese Farben ihrem leicht gebräunten Teint und ihren blonden Haaren schmeichelten, hörte sie nicht auf, Connor zu provozieren. Das Kleid war dermaßen eng und besaß einen äußerst freizügigen Ausschnitt, sodass es ihr geradezu diebische Freude bereitete, ihn zu ärgern. Ihre perfekte Figur verdankte sie schließlich nicht dem Zufall, sondern dem täglichen, eisernen Einsatz von Jorge, ihrem Personaltrainer. Weshalb sollte sie also die Waffen, die sie besaß, nicht einsetzen?

»Mmh.«

Grummelnd nickte der Secret-Service-Typ, wie auch all die Male zuvor. Wie lange er wohl noch durchhalten würde? »Sie haben recht, es ist ganz nett, aber zum Tanzen nicht unbedingt geeignet. Zum Glück ist die Auswahl hier endlos.« Lena musste ihn nicht ansehen, um zu wissen, dass er mehr als nur genervt war. »Dann probiere ich das Nächste an, bis gleich.« Das boshafte Lächeln, mit dem sie das Innere der ausladenden Umkleidekabine betrat, strafte ihre freundliche Stimme Lüge. Sie hätte nicht gedacht, dass es so großen Spaß machen würde, ihrem unliebsamen Babysitter das Leben schwer zu machen.

Das nächste Outfit war eher langweilig, ein schwarzes Cocktailkleid mit Spitzenapplikationen am Ausschnitt. So etwas trug Lena lediglich zu offiziellen Anlässen, wenn sie ihren Dad begleiten musste. Der eigentliche Grund, weshalb sie es dennoch ausgewählt hatte, war, dass es nur mit einem Reißverschluss am Rücken zu schließen war. Sie würde also tatkräftige Unterstützung benötigen. Während sie hineinschlüpfte, freute sie sich diebisch auf Connors Reaktion. Selbstverständlich trug sie keinen BH darunter, sodass er ihren blanken Rücken präsentiert bekäme. Bevor sie ihn zu sich rief, musste sie sich jedoch mehrmals räuspern und schüttelte verwundert den Kopf. Weshalb zur Hölle stellten sich bitte nun ihre Nackenhärchen bei dem Gedanken auf, dass seine Finger sie gleich berühren würden? War sie noch bei Trost?

»James?«, rief sie mit einer Spur Verunsicherung in der Stimme, sobald sie sich einigermaßen gefasst hatte. »Ich benötige Ihre Hilfe!«

Vor der Tür hörte sie ihn deutlich fluchen und das selbstsichere Lächeln kehrte wieder in Lenas Gesicht zurück, während sie sich umdrehte, um ihm ihre Kehrseite zu präsentieren.

»Connor!«, sagte er grimmig, als er eintrat, und natürlich wusste sie seinen Namen. Es machte einfach zu viel Spaß, ihn zu verärgern. »Was ist los?«

»Wenn Sie so freundlich wären, und den Reißverschluss für mich schließen könnten? Ich komme leider nicht dran.« Den Blick unverwandt auf den mannshohen Spiegel gerichtet, der in der Kabine hing, wartete sie gespannt auf seine Reaktion. Deutlich sah sie in dem grellen Licht, wie er endlich ihren Rücken anstarrte. Für den Bruchteil einer Sekunde regte er sich nicht, doch seine Augen sprachen Bände. Obwohl er sie zu schmalen Schlitzen zusammenpresste, blitzte kurz etwas in ihnen auf.

»Ich bin nicht Ihre Kammerzofe«, erwiderte er schroff und wandte sich bereits zum Gehen um.

»Das ist mir durchaus bewusst, doch leider wurde mir ja verboten, meine Freundinnen mit zum Shoppen zu nehmen, weshalb Sie nun bedauerlicherweise der Einzige sind, der mir behilflich sein kann.« Sie versuchte es mit der Das–Schlechte–Gewissen–Tour, und es schien zu funktionieren. Connor hatte die lautstarke Diskussion mit ihrem Vater am Telefon vorhin deutlich mitbekommen, in welcher ihr untersagt worden war, andere Personen ebenfalls in potenzielle Gefahr zu bringen. Der Secret Service war einzig zu ihrem Schutz da, nicht, um ihre Freunde ebenfalls zu beschützen.

Angespannt beobachtete sie im Spiegel, wie Connor verharrte, kurz zögerte und sich schließlich tief durchatmend wieder zu ihr umwandte. »Schön, von mir aus.«

Sobald er zu dem Reißverschluss griff und seine Fingerkuppen ihre Haut berührten, zuckte sie kaum merklich zusammen. Plötzlich wurde ihr warm, und an der Stelle, an der Connor zog, entstand ein wohliges Prickeln, das umgehend in ihren restlichen Körper ausstrahlte. Überfordert mit der unerwarteten Reaktion, hielt Lena die Luft an und sah ungläubig auf Connors Spiegelbild. Was geschah da gerade?

Endlich fügte sich der Verschluss und sie spürte, wie Connor ihn quälend langsam hochzog. Auf einmal sah er auf und fixierte ihren Blick im Spiegel. Unfähig, sich davon abzuwenden, nahm Lena nur am Rande wahr, wie ihr Herz unversehens schneller zu schlagen begann. Als müsste sie in den unergründlichen Tiefen seiner dunklen Augen nach den Geheimnissen suchen, die jeder in sich verbarg, war sie nicht imstande, wegzusehen. Der Blick in seine Seele wurde ihr jedoch verwehrt, stattdessen schien die Luft um sie herum regelrecht zu lodern. Möglicherweise waren es auch ihre Sinne, die ihr einen unschönen Streich spielten, vielleicht sollte sie einfach endlich nur wieder atmen. Richtig. Luft holen.

Gerade, als sie den erlösenden Sauerstoff tief in ihre Lunge sog, beugte sich Connor bedächtig zu ihr vor, bis er direkt an ihrem Ohr innehielt. Sein heißer Atem streifte die empfindliche Haut an ihrem Hals, während sein Blick im Spiegel sie zu verschlingen schien. Lenas Atmung ging flach, die Hitze in diesem Raum drohte, sie zu versengen.

»Das sollte besser das letzte Kleid sein, das Sie anprobieren. Wir wollen Daddy doch nicht verärgern«, raunte er derart sinnlich in ihr Ohr, dass sie einige lange Sekunden benötigte, um zu verstehen, was er eigentlich sagte.

Sie bemerkte erst, wie sehr sie sich wünschte, dass er etwas anderes, zu dieser sinnlichen Stimme Passendes gesagt hätte, als seine Worte sie wie eine eiskalte Dusche trafen. Sogleich straffte sie sich und bedachte ihn mit dem teilnahmslosesten Blick, den sie zustande brachte. »Das lassen Sie mal mein Problem sein«, erwiderte sie kalt und betete, dass er nichts von dem Feuer in ihrem Inneren mitbekam, das noch immer brannte und vergeblich darum kämpfte, nicht zu erlöschen.

Mit einem Ruck zog er den Reißverschluss wieder herunter, grinste geradezu unverschämt und ging anschließend einfach aus der Kabine heraus. Lena hatte keine Ahnung, wie lange sie nur so dagestanden hatte, darauf wartend, dass sich ihr Puls beruhigte. Sie musste sich eingestehen, dass sie gerade von Connor übertrumpft worden war. Sobald sie wieder einen klaren Gedanken fassen konnte, funkelte sie ihr Spiegelbild an. »Das bekommst du zurück«, murmelte sie verärgert. »Ich habe noch keine Ahnung, wie, aber mir wird sicher genug einfallen, wie ich dir das Leben ebenfalls schwer machen kann.« Zufrieden nickte sie dem Spiegel zu und schlüpfte schließlich aus dem Kleid. Zu ihrem Verdruss fühlten sich ihre Beine noch immer wacklig an, als sie ihre Jeans überzog. Dieser Kerl sah nicht nur zum Anbeißen aus, er wusste auch ganz genau, wie er dies zu seinem Vorteil einsetzen konnte. Lena schnaubte. Bitte, sollte er doch. Dieses Spiel kannte sie zur Genüge und sie verlor nicht gern. Sie würde ihm sein dämliches Grinsen schon noch austreiben!

»Brauchen Sie noch mal meine Hilfe?«, ertönte es belustigt von draußen.

»Danke, nein. Alles bestens.« Das war zwar gelogen, aber bald würde es das sein, dafür würde sie schon sorgen.

Es war befremdlich, bei jedem Schritt, den sie tat, jemanden an ihrer Seite zu wissen. Connor behinderte sie in ihrer Freiheit, was sekündlich nerviger wurde. Ständig mischte er sich in alles ein, wie eben, als er die Damen im Queen of Nails grob anfuhr, die Lena zur Maniküre in einen separaten Raum mitnahmen und ihm den Zutritt verweigern wollten. Gut, vielleicht hatte Lena auch zufällig vergessen, die Damen über ihn aufzuklären und daher war er ihnen wie ein Stalker vorgekommen, dennoch nervte er! Er musste doch nicht überall dabei sein? Es genügte völlig, wenn er irgendwo draußen wartete, am besten so weit weg wie möglich.

»Erzähl mir alles über ihn!«, unterbrach sie Tina, die für ihre Nägel zuständig war.

»Da gibt es nichts zu erzählen. Mein Dad ist der Meinung, dass er mir einen Gorilla aufdrücken muss und der folgt mir jetzt überallhin.«

»Na ja, wie ein Gorilla sieht er ja nicht aus.« Tina kicherte vergnügt, während sie die Feile neu ansetzte.

Da hatte sie allerdings recht. »Ja, er sieht ganz passabel aus, das stimmt. Aber das bringt mir alles nichts, wenn ich dafür keinen Schritt gehen kann, ohne ihn ständig an der Backe zu haben.«

»An deiner Stelle würde ich dieses Schnittchen ja so schnell wie möglich in mein Bett locken.«

»Tina!«

»Was denn? In meinem Alter tickt die innere Uhr schon ohrenbetäubend laut, da hat man keine Zeit mehr für unnötiges Geplänkel und man kommt direkt zur Sache.« Wieder kicherte sie über ihren eigenen Scherz.

»Du spinnst doch.« Lena lächelte, doch ihr war nicht wirklich danach zumute. Sie war erst Anfang zwanzig, ihre innere Uhr war noch sehr leise. Und sie hatte nicht vor, die kommenden Jahre mit Connor zu verbringen.

»Warte noch zehn, fünfzehn Jahre ab, dann wirst du mich verstehen. Wenn deine Schönheit anfängt zu welken, die Haare grau und brüchig werden, die Fettpölsterchen sich trotz Sport überall festsetzen und deine weiblichen Vorzüge nicht mehr länger der Schwerkraft trotzen können.« Dabei griff sich Tina beherzt an die Brüste und zwinkerte Lena zu. »Eines Tages tauscht du deine Reizwäsche gegen praktische Stütz–BHs und bist froh, wenn dich mal ein Typ anquatscht, weil er trotz allem noch etwas an dir sexy findet und nicht wieder nur nach dem Weg fragen will. Dann denkst du an diesen Augenblick zurück und an meine Worte. Und du wirst dir sagen: Hätte ich doch nur auf Tina gehört und diesen heißen Kerl in mein Bett gezerrt, solange ich noch scharf aussehe und die Möglichkeit dazu habe.«

Mit großen Augen starrte Lena Tina entsetzt an. »Das ist die schrecklichste Zukunftsvision, die ich je gehört habe.«

»Ich weiß, mein Kind, ich weiß. Dennoch ist diese Tatsache so sicher, wie die, dass ich immer Batterienachschub für meine Vibratoren im Bettkästchen habe.«

»Tina! Zu viel Information!« Mit der freien Hand rieb sich Lena über das Gesicht. Sie fühlte sich erschöpft und müde, obwohl der Tag überhaupt nicht anstrengend gewesen war. Gut, bis auf Connor eben. Und da war er wieder, der Frust über ihren Babysitter. Er war an allem schuld. An ihren Kopfschmerzen ganz sicher auch. So ging das nicht weiter, sie musste dringend mit ihrem Vater sprechen, sobald sie wieder zu Hause war.

Eigentlich hatte sie vorgehabt, ihren Dad mit so vielen vernünftigen Argumenten zu überschütten, wie sie eben vorbringen konnte. Eine Stunde war sie in ihrem Zimmer umhergelaufen, um sich die passenden Worte zurechtzulegen, von denen sie annahm, dass diese zu ihrem Vater durchdringen würden. Und um ihm ein wenig Luft zu lassen, um sich nach seinem Feierabend daheim zu entspannen. Es wäre unklug gewesen, ihn direkt nach seiner Ankunft zu bestürmen, denn da hatte er noch nie ein Ohr für sie gehabt.

Doch als sie nun sein Büro betrat, das um einiges kleiner und schlichter war, als das in der Botschaft, zögerte sie. Ihr ganzes Leben lang war ihr Vater der eine Mensch gewesen, zu dem sie stets aufgeblickt hatte, vor dem sie enormen Respekt hatte. Er war seit jeher ihr Vorbild, der Beweis, dass man alles erreichen konnte, wenn man nur hart genug dafür arbeitete. Der Fels in der oftmals stürmischen Brandung der Familie von Lew.

Doch nun sah sie auf einen alten Mann, dessen Sorgenfalten auf der Stirn sich fest eingegraben zu haben schienen. Gedankenverloren starrte er auf die Unterlagen vor sich, ohne jedoch etwas wahrzunehmen. Sein Geist schien weit fort zu sein, während sein Körper, der mit einem Mal alt und gebrechlich wirkte, zurückgeblieben war. Das Bild, das sich Lena bot, ängstigte sie. Die Härchen auf ihren Unterarmen stellten sich auf und das erschrak sie. Was zur Hölle war hier los? »Dad, ist alles in Ordnung?« Als er nicht auf sie reagierte, stürmte sie panisch zu ihm und rüttelte ihn energisch. »Dad?«

Sobald sie die erste Regung in seinem Gesicht sah, atmete sie erleichtert aus. »Mach das nie wieder«, murmelte sie, noch immer besorgt.

»Schätzchen, schön dich zu sehen.« Zaghaft lächelte er sie an, während er die Akte vor sich schloss und seine Brille zurechtrückte. »Du wirkst aufgebracht, ist es wieder wegen des Agenten? Du weißt, dass wir darüber nicht mehr diskutieren werden.«

Seufzend kniff Lena die Lippen zusammen. Ihr Vater hatte offensichtlich absolut keine Ahnung, was für einen riesigen Schrecken er ihr gerade eingejagt hatte. Zu gern wollte sie ihn fragen, wo er mit seinen Gedanken gewesen war, doch sie wusste aus jahrelanger Erfahrung, dass er ihr seine Sorgen ohnehin nicht mitteilen würde. Ob er eine Krankheit hatte, von der sie nichts wusste? Angst kroch unvermittelt aus ihrem Inneren empor und fraß sich durch sie hindurch. »Wann warst du das letzte Mal beim Arzt?«

»Was soll diese merkwürdige Frage?«

»Du siehst … nicht gut aus, wenn ich das so sagen darf.«

»Schätzchen, jenseits der zwanzig sieht niemand mehr aus, wie das blühende Leben. Ich versichere dir, dass alles mit mir in Ordnung ist. Ich habe nur etwas viel Stress auf der Arbeit gehabt in letzter Zeit, das ist alles.«

Lena musterte ihren Vater eingehend. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass er sie belog. Sie würde schon noch herausfinden, was ihn plagte, auch wenn er sich ihr nicht mitteilen wollte. Aber gerade gab es Dringlicheres zu besprechen. »Dad, ich bitte dich, dir das mit Connor noch einmal zu überlegen.«

»Dein Starrkopf steht dir seit jeher im Weg«, erwiderte er und schüttelte kaum merklich den Kopf, als sei er enttäuscht von ihr. »Wir haben dir stets die beste Bildung zukommen lassen, dir hat es nie an etwas gemangelt. Und dennoch gab es deiner Ansicht nach immer etwas, das du nicht haben konntest, aber wolltest. Bereits als Baby hast du versucht, deinen Willen durchzusetzen.« Nachdenklich fuhr er sich über das glatt rasierte Kinn. »Ich liebe dich mehr als alles andere auf der Welt, Lena. Aber so sehr du es auch gewohnt bist, deinen Kopf durchzusetzen, in dieser Angelegenheit werde ich nicht nachgeben. Der Secret-Service-Agent bleibt, egal, wie sehr du dich auch windest und was für haarsträubende Einwände du bringst – er bleibt.«

Wut ersetzte die Angst, die sich gänzlich in Luft aufgelöst hatte. »Aber wieso?« Trotzig wie ein kleines Mädchen stemmte sie die Hände in die Hüfte.

»Weil ich dich liebe, mein Kind.«

»Das verstehe ich nicht. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?«

»Ich weiß, Schätzchen, ich weiß. Vielleicht wirst du es eines Tages. Bis dahin denk immer daran, dass wir nur dein Bestes wollen und alles dafür tun würden, um dich zu beschützen.«

Als ihr Vater seine Brille absetzte und seine Augen rieb, wirkte er auf einmal um weitere zehn Jahre gealtert. Da erst bemerkte Lena, dass der sonst tadellose Anzug, den er heute trug, zu viel Spiel hatte, als hätte ihr Dad einiges an Gewicht verloren. Wann war das geschehen? Die Sorgen von vorhin kamen erneut auf und sie schluckte. Wenn ihr Vater ernsthaft krank war, dann hätte ihre Mutter sie doch sicherlich längst eingeweiht?

»Nun, da dies geklärt ist, würde ich gerne weitermachen. Die Arbeit wird leider nicht weniger.« Er musterte sie eingehend, als wartete er geradezu auf einen neuerlichen Ausbruch.

»Sicher.« Sie hatte vielleicht einen Dickschädel, doch sie wusste auch, wann sie gegen verschlossene Türen rannte. Für heute war hier nichts mehr zu machen.

»So schlimm ist es doch nicht, oder?«, rief ihr Vater Lena hinterher, als sie bereits an der Tür war. »Er begleitet dich nur außerhalb der Villa, hier hast du deine Privatsphäre und kannst tun und lassen, was du willst. Zudem scheint er mir recht ansehnlich zu sein?«

Überrascht über sein verschmitztes Lächeln nickte Lena lediglich und überließ ihren Vater schließlich seiner Arbeit. Was hatten sie nur alle mit Connors Optik? Sicher, sie hatte ihn auch angeschmachtet, das war jedoch gewesen, bevor sie gewusst hatte, wer er war. Die Tatsache, dass er sie in ihrer Freiheit beschnitt, milderte seine Wirkung auf sie ungemein. Jäh fiel ihr der Moment in der Umkleidekabine ein, sein eindringlicher Blick und das Gefühl seiner Finger auf ihrer Haut. Ächzend schnappte sie nach Luft. Das hier war die reinste Katastrophe!

4

Connor

Seit vier quälenden, nicht enden wollenden Tagen begleitete Connor Lena von Lew nun schon überall hin. Und wenn er sagte, überall, dann meinte er das auch so. Es war unglaublich, wie viele Orte es für eine Rotzgöre Anfang zwanzig gab, an denen sie Daddys hart verdientes Geld verprassen konnte. Während ihm nichts anderes übrig blieb, als wie ein Volltrottel artig danebenzustehen, Zeit totzuschlagen und zu hoffen, dass Madames Kreditkartenlimit endlich aufgebraucht war. Was irgendwie nie vorkam. Dafür wusste er nun genau, wo es die teuersten Pumps mit schwindelerregenden Absätzen gab, die Marken–Handtaschen persönlich auf einen zugeschnitten wurden und welcher Star mit wem was hatte. Letzteres erfuhr er bei Lenas Frisörtermin am Vormittag, der geschlagene drei Stunden gedauert hatte und nach dem ihr blondes Haar genau so blond aussah wie zuvor. Sie hatte etwas von Strähnchen und Highlights erzählt, aber er verstand nur Bahnhof. Möglicherweise war Connor auch zu abgelenkt gewesen, den Avancen von Fabio, dem Frisör des Cum2cut, zu entgehen.

Glücklicherweise hatte Lena den Rest des Tages in der heimischen Villa verbracht, was für ihn selige Auszeit bedeutete. Der Personenschutz galt nur für ihren Aufenthalt außerhalb ihres Zuhauses. Zu seinem Leidwesen war der Nachmittag viel zu schnell vergangen und nun saß er, gemeinsam mit Lena und ihren Freundinnen, in der Limousine, die sie ins Vibe, irgendeine super angesagte In–Disco, brachte. Connor hatte von Klubs so viel Ahnung, wie der Weihnachtsmann von Ostereiern.

Während er wegen seines miesen Vergleichs den Mund verzog, versuchte er, angesichts der Hölle, in der er sich befand, die Fassung zu wahren. Laute Technomusik wummerte durch den Innenraum, der mit zwei sich gegenüberliegenden, in weichem, hellen Leder eingefassten Sitzreihen ausgestattet war. Die Frauen grölten lauthals mit und verschütteten bei jeder ihrer mit dem Oberkörper angedeuteten Tanzbewegungen Champagner. Was sie offenbar amüsant fanden, denn anschließend lachten sie noch lauter, schenkten sich nach, und das Elend begann von vorn.

Connor würde nie verstehen, wie dieser Krach als Musik durchging. Er liebte die Klassiker aus den 70ern, richtige Musik, die noch Melodie, Texte und Sinn hatte. Nicht diesen Computerquatsch von heute. Aber was wusste er schon vom Leben. Seine einzige Familie war die Army gewesen. Die Jungs beim Secret Service waren zwar auch in Ordnung, es war jedoch kein Vergleich zu dem ganz besonderen Zusammenhalt, den man nur erfuhr, wenn man gemeinsam dem Tod ins Auge gesehen hatte. Mehr als nur einmal war er knapp dem Sensenmann entronnen und nun saß er zwischen aufgebrezelten Frauen, die noch halbe Kinder waren, peinliches Zeug von sich gaben, weil sie bereits beschwipst waren und ihm mit ihren anzüglichen Kommentaren mächtig auf den Sack gingen, und musste dabei auch noch Babysitter spielen. Klasse. Dabei hatte er nach seiner Verletzung und dem Ausscheiden aus der Army gedacht, dass er nicht noch tiefer fallen konnte.

Darauf konzentriert, auf seinem äußeren Sitzplatz nicht permanent angerempelt und erneut zum Mitmachen aufgefordert zu werden, saß er weiterhin stumm da und beobachtete. Es gehörte zu seinem Job, jede winzige Kleinigkeit zu bemerken, jede Abweichung der Norm zu registrieren und potenzielle Gefahren zu erkennen. Die einzige Gefahr heute Abend waren jedoch höchstens die knappen und provokanten Outfits der Damen. Nicht für Connor, aber er bedauerte jetzt schon die armen Kerle, die ihnen verfallen würden. Er fragte sich, weshalb derart reiche Kids scheinbar kein Geld hatten, um sich anständige Klamotten zu kaufen. Aber was wusste er schon.

»Wir sind da!«, rief Lena aufgeregt und sofort entledigten sich die Frauen ihrer Champagnergläser, fummelten noch einmal an ihren Frisuren und Kleidern herum, zogen das bisschen Stoff zurecht und legten Lippenstift nach.

Der Wagen wurde langsamer, bis er schließlich hielt. Connor verdrängte jegliche ablenkende Gedanken und konzentrierte sich auf seine Schutzbefohlene. Was nicht einfach war, da sie ständig von ihren Freundinnen umringt war. Weshalb spielte es heute keine Rolle, dass sie dabei waren, während der ausgiebigen Shoppingtouren war es ihnen aber untersagt? Er hatte nicht die geringste Ahnung und hinterfragte die Order seines Vorgesetzten auch nicht weiter. Auftrag war Auftrag. Und seiner besagte, dass er die gackernde Meute jetzt irgendwie so unauffällig wie möglich ins Innere des Vibe bekam, wo er Lena nicht aus den Augen verlieren durfte. Das klang doch relativ einfach.

Sobald er ausstieg, bemerkte er fluchend, dass sie nicht etwa am Hintereingang oder einige Meter weiter standen, nein, natürlich ließ es sich eine Lena von Lew nicht nehmen, direkt vor dem Haupteingang auszusteigen, wo Hunderte Augenpaare der Menschen aus der Warteschlange auf sie gerichtet waren. Unter so vielen Leuten gab es mehr Möglichkeiten für potenzielle Entführer, rasch und anonym zuzuschlagen, ohne in dem Gedränge groß aufzufallen und anschließend problemlos im Chaos sofort wieder unterzutauchen.

Eilig holte er die Mädchen ein, die soeben den abgetrennten VIP–Eingang erreichten. Der dunkelhäutige Türsteher grüßte Lena mit Vornamen, die scheinbar in ganz Washington bekannt war, wie ein bunter Hund. Prima, das erleichterte seinen Job natürlich ungemein. Gerade als Connor ebenfalls hindurchhuschen wollte, hielt ihn der Gorilla barsch zurück und befestigte die rote, etwa armdicke Absperrkordel wieder an dem goldfarbenen Standpoller. »Nur für besondere Gäste«, sagte er grimmig und zeigte auf die meterlange Menschenschlange, deren Ende von hier aus nicht zu sehen war. »Da ist deine Reihe, Freundchen.«

Genervt presste Connor die Lippen aufeinander und zog seinen Ausweis. »Secret Service. Ich bin der Personenschutz für Miss von Lew.«

»Und ich bin Beyoncé. Verpiss dich.«

Der riesige, stämmige Türsteher funkelte ihn bedrohlich an und hielt es offensichtlich nicht für nötig, einen Blick auf Connors Ausweis zu werfen. Was für eine Scheiße. Die Mädels waren verschwunden und Lena nicht mehr in seinem Blickfeld. Wenn dieser Typ dachte, ihn von seiner Aufgabe abhalten zu können, würde er bald Bekanntschaft mit seiner Faust machen. »Du willst dich nicht mit mir anlegen, glaub mir. Ich gehe jetzt da rein oder –«

»Oder was?« Amüsiert sah der Gorilla, der Connor trotz seiner eins neunzig um einen Kopf überragte, auf ihn hinab.

»Das würde ich dir zu gerne zeigen. Du hast Glück, dass ich keine Lust auf Ärger habe.«

Der Aufpasser trat einen weiteren Schritt näher, sodass Connor dessen nach Bier riechenden Atem abbekam. »Ich liebe Ärger.«

War das zu fassen? Der Kerl bettelte ja regelrecht darum, verdroschen zu werden.

»Ach ja, Cyrus, der Typ da gehört zu uns«, erklang auf einmal Lenas Stimme aus dem grell beleuchteten Eingang. »Sei so lieb und lass ihn durch, sonst bekomme ich Stress mit meinem Dad.«

Der Türsteher zog eine Grimasse, brummte etwas vor sich hin, trat dann jedoch tatsächlich zur Seite. Er löste die Absperrung und nickte Connor zu. »Glück gehabt.« Grinsend schob er ihn durch, um sich wieder den anstehenden Gästen zu widmen, als sei nichts gewesen.

Ungläubig schüttelte Connor den Kopf und stapfte zu Lena. Weil der Gorilla keine Lust gehabt hatte, die Dienstmarke anzusehen, würde es vermutlich Probleme geben, sollte das Sicherheitspersonal die SIG Sauer P 228 in dem Holster unter seiner Anzugjacke finden.

»Wird das heute noch was? Mir ist kalt, Beeilung bitte!«

Connor schnaubte. Er würde auch frieren, wenn er lediglich einen winzigen Fetzen Stoff am Körper trüge. Während er ihr folgte, fiel sein Blick auf die gewagten Pumps, deren Absätze als Mordwaffe durchgehen könnten. Wahrscheinlich würde er nie verstehen, warum sich die Frauen dies antaten. Klar, es machte endlos lange Beine und der Hüftschwung war nicht zu verachten. Oder der wirklich ansehnliche Hintern, der gerade noch vom Saum des gelben Kleids verdeckt wurde. Himmel, war er noch bei Trost? Stöhnend fuhr er sich durch sein Haar, das er seit dem Ausscheiden aus der Army wieder länger trug und räusperte sich. Reiß dich gefälligst zusammen, Trottel, ermahnte er sich. Dennoch fiel ihm ausgerechnet jetzt die kleine, eigentlich völlig unwichtige Szene in der Umkleidekabine vor ein paar Tagen ein: Lenas Blick, als ihr klar geworden war, dass er sie mit ihren eigenen Waffen geschlagen hatte und er sich hatte zusammenreißen müssen, damit sie nicht bemerkte, dass er blöderweise tatsächlich auf sie reagierte. Niemand verurteilte ihn deshalb härter, als er sich selbst. Das war einfach nur peinlich. Sicher, sie war wirklich heiß, aber das waren andere vor ihr ebenfalls gewesen und da hatten seine Hormone nicht gesponnen. Vielleicht hätte er in den letzten Monaten auch mal an seine männlichen Bedürfnisse denken sollen und nicht nur an die Pflicht. Zu blöd, dass er sich heute nicht betrinken durfte.

Eine Stunde später erschien ihm der Gedanke, auf Alkohol verzichten zu müssen, noch unerträglicher, als zuvor. Sobald sie in den Hauptraum kamen, auf dessen ausladender Tanzfläche sich trotz der hektischen Musik jede Menge Körper aneinanderschmiegten und seltsame Bewegungen vollführten, hatte Connor umgehend die Notausgänge inspiziert. Potenzielle Fluchtwege auskundschaften war stets das Erste, das er tat, wenn er ein unbekanntes Gebäude betrat. Anschließend hatte er darauf bestanden, dass Lena und ihre Freundinnen sich an einem der äußeren Tische der VIP–Lounge niederließen, wogegen sie natürlich aufs Heftigste protestierten. Das war ihm jedoch egal, in dieser Hinsicht ließ er sich nicht erweichen. Ihre Einwände, dass man sie an diesem Platz kaum wahrnehmen würde, weil er abseits vom Hauptgeschehen lag, ignorierte er, ebenso wie Lenas trotzige Aussage, dass es dort zog und sie alle krank würden. Connor erwähnte nur einmal ihren Vater, und dass sie gerne wieder nach Hause fahren könnten, und schon hörte das Gezicke auf.

Nun saß er dort, frustriert und genervt, und beobachtete die Frauen, die vor einigen Minuten grölend auf die Tanzfläche gelaufen waren, nachdem sie offenbar genug dieser grellgrünen Cocktails vernichtet hatten, deren Name er nicht einmal aussprechen konnte. Zufrieden, dass er Lena sicher in Notausgangnähe wusste, ließ sich die quälend langsam dahinrinnende Zeit besser ertragen. Noch ein paar Stunden mit diesem dröhnenden Bass und er würde am nächsten Tag sicher taub sein.

Streng genommen sollte er sich ebenfalls auf der Tanzfläche befinden, in unmittelbarer Nähe von Lena. Allerdings war er sich sicher, dass ihr hier keine Gefahr drohte. In den VIP–Bereich kam kein Normalsterblicher rein, außerdem drehte Connor alle fünfzehn Minuten seine Runde. Dabei prägte er sich jedes Gesicht ein, jede Banalität könnte die eine sein, die er übersah und die ihnen gefährlich werden könnte. Der Raum war nicht so brechend voll, wie der für Nicht-VIPs, was es ihm um einiges leichter machte. Die Reichen und Schönen Washingtons waren ohnehin ausschließlich mit sich selbst beschäftigt, Connor traute keinem von denen hier zu, einen komplexen Entführungsversuch zu planen und erfolgreich durchzuführen. Tatsächlich war der Schutz eines VIPs nicht mal halb so aufwendig, wie der eines Staatsoberhauptes zum Beispiel. Es sei denn, man erwischte ein verzogenes junges Ding mit Shoppingsucht. Außer einem bescheuerten Stalker hatten die Stars ohnehin kaum etwas zu befürchten.

Allmählich fand Connor seine innere Ruhe wieder. Die Frauen waren außer Hörweite, er hatte die Lage mehr als einmal gecheckt, bis auf die grässliche Musik schien es ein ansonsten ereignisloser Abend zu werden. Wäre er kein Profi, hätte er sich vermutlich zurückgelehnt und irgendwelchen Gedanken nachgehangen. Wäre er kein Profi, hätte er nicht aus den Augenwinkeln gesehen, wie die Notausgangtür sich einen Spalt öffnete, obwohl dies von außen nicht möglich sein sollte. Kaum merklich, jedoch ausreichend, dass Connor in dem plötzlich hereinfallenden Lichtschein die behandschuhte Hand allzu deutlich wahrnahm, die sich durch den schmalen Schlitz schob. Und die eine Waffe hielt.

Verfluchte Scheiße! Binnen eines Wimpernschlages übernahmen seine antrainierten Instinkte. Er sprang derart heftig auf, dass er den Tisch samt Stuhl einfach umwarf. Da es zwecklos war, gegen die ohrenbetäubende Musik anzuschreien, rannte er, so schnell wie nur möglich zur Tanzfläche, bevor der Schütze Lena erwischen konnte.

Die Sache mit Kugeln ist jedoch, dass sie stets schneller sind als ein Mensch. Selbst wenn dieser in ausgezeichneter körperlicher Verfassung war. Connor sah während seines Sprints gehetzt über die Schulter, und als er mehrmals das Mündungsfeuer aufblitzen sah, schrie er doch. Er brüllte aus voller Kehle, doch die Frauen hörten ihn nicht. Weder ihn noch die Schüsse. Connor würde zu spät kommen! Er hatte auf ganzer Linie versagt.

5

Connor

Endlich erreichte er die Tanzfläche, nur, um Lenas verstörtem Blick zu begegnen, als sie ungläubig auf das Blut sah, das durch ihre Finger rann, die sie schockiert gegen ihren Bauch presste. Ihre Augen weiteten sich vor blanker Angst, doch die nächste Kugel, die sie an der Schulter traf, riss sie zu Boden, bevor sie Schutz finden konnte. Das hier war ein Albtraum! Ein verfluchter Albtraum!

Keuchend ging Connor auf die Knie, um sich über Lena zu werfen und sie mit seinem Körper abzuschirmen und zu schützen. Immer wieder murmelte er ihren Namen, doch seine Worte gingen in dem Geschrei der panisch fliehenden Gäste unter. Mittlerweile hatte die Musik aufgehört zu spielen und die Beleuchtung war angegangen, doch das machte alles nur noch schlimmer. Lena in ihrem Blut liegen zu sehen versetzte Connor für einen Augenblick selbst in eine Art Schockzustand. Nur eine Aufgabe! Alles, was er hatte tun müssen, war, sie zu beschützen und nun starrte er auf die beiden Schusswunden, die ihr Kleid zusehends dunkelrot färbten. Wann zur Hölle war aus einem vermeintlichen Entführungsversuch ein Mordanschlag geworden?

Unbändige Wut bahnte sich einen Weg aus seinem Inneren. Hatte sein Boss das gewusst? Hatten sie Connor im Ungewissen darüber gelassen, dass Lenas Leben in Gefahr war? Nie wäre er dann derart leichtfertig gewesen, sie aus dem Haus zu lassen, ihr kompletter Schutz wäre völlig anders aufgezogen worden. Verflucht, das brachte ihn in diesem Moment jedoch auch nicht weiter. Er musste versuchen, seinen Zorn zu kanalisieren und die Fragen auf später zu verschieben. Jetzt zählte nur, Lena zu retten.