Provinzrebellen - Sibbe Rakete - E-Book

Provinzrebellen E-Book

Sibbe Rakete

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Beschreibung

Der 18-jährige Sibbe setzt sich in seinen Bulli und fährt los, um sein Leben als Punk auf dem Dorf hinter sich zu lassen. Auf seiner Fahrt lässt er die letzten Jahre Revue passieren. Er blickt zurück auf die Anfänge, als Punk ein Mittel gegen die Tristesse der Provinz wird, auf die Konflikte mit Eltern und Großeltern, aber auch auf seine erste Liebe und den damit verbundenen ersten großen Kummer.Und während Sibbe sich an Exzesse, Frustrationen, Freundschaften und eskalierende Demos erinnert, läuft sein Aufbruch in ein neues Leben auch anders, als er sich das so gedacht hat … „Provinzrebellen“ ist eine leidenschaftliche Ode an die Punk- und Independent-Subkultur kurz vor der Jahrtausendwende und zugleich ein authentischer, zeitloser Coming-Of-Age-Roman über die endlose Suche nach einem Platz in einer konservativen, verstaubten Gesellschaft.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 296

Veröffentlichungsjahr: 2022

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„Junge, wer mit 20 kein Anarchist gewesen ist,

aus dem wird nie ein guter Demokrat.“

F.S.K.

Für Lena, Lotta, Anton, Milosz und Jascha.

Ihr seid mein Zuhause.

Sibbe Rakete, 1979 zwischen Gummersbach und Köln geboren, hat schon im rechtsrheinischen Bibelgürtel der frühen Neunziger gelernt, gehörig Dampf abzulassen.

Seit der Dorfpunk vor 20 Jahren nach St. Pauli zog und zum Stadtpunk wurde, hat er sich daher diverse Möglichkeiten erarbeitet, die vielen Systemkonflikte seiner Existenz zu kompensieren. Als Drummer und Frontmann in mehr oder minder brachialen Hardcorebands wie Putzangst oder Tarantula Krise bis hin zur Notgemeinschaft Peter Pan, schrie er seine Wut über die kapitalistisch-rassistischen Verhältnisse lautstark nach draußen. Mit Notgemeinschaft Peter Pan veröffentlichte er vier LPs, sowie eine EP.

Weil Familie und Band schwer unter einen Hut zu bekommen sind, aber geborene Druckkessel über ausreichend Ventile verfügen müssen, malt Sibbe Rakete Bilder in Acryl, engagiert sich rund um den FC St. Pauli und gibt mehrere Fanzines heraus. Jetzt hat der vierfache Vater seinen Debütroman „Provinzrebellen“ fertiggestellt, um seiner Zeit als Dorfpunk in den 90ern ein Denkmal zu setzen und, Sie werden es bereits vermuten, um weiter Druck abzulassen in einer wahnsinnigen Zeit.

sibberakete.jimdofree.com

Sibbe Rakete

Provinzrebellen

Roman

subkultur.de

SIBBE RAKETE: „Provinzrebellen“

1. Auflage, November 2022, Edition Subkultur Berlin

© 2022 Periplaneta - Verlag und Medien/ Edition Subkultur

Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin

subkultur.de

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.

Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.

Korrektorat: Marion A. Müller

Coveridee: Sibbe Rakete & Stefan Becker

Satz & Layout: Thomas Manegold

Autorenbild: Stefan Becker

print ISBN: 978-3-948949-29-7

epub ISBN: 978-3-948949-30-3

Vorwort

Ja, ich bin einer dieser Menschen, die morgens auf dem Weg zur Arbeit in der Bahn sitzen und auf ihr scheiß Smartphone glotzen, unaufmerksam rumtippen und nur selten Blickkontakt suchen.

Mir ist auch klar, dass ich vor etwa 25 Jahren Punker mit einem tragbaren Telefon noch missbilligend als Handypunks verunglimpft habe. Meine No-Future-Attitüde habe ich aber mittlerweile abgelegt, auch wenn immer mehr Gründe gegen eine rosige Zukunft sprechen. Ich gehe halt jetzt mit der Zeit. Ich renne geradezu, weil ich sonst nicht länger schritthalten kann, bekomme dabei schnell Atemprobleme und von Zeit zu Zeit Seitenstiche. Die Kondition hat in den letzten Jahrzehnten schon arg gelitten.

Mitnichten gucke ich mir die neuesten Videos auf TikTok an. Interessiert mich null.

Ich bin Vater von vier Kindern. Meine Tochter ist 18, wohnt bei ihrer Mutter und hat diese ganze scheiß Pandemie und den Lockdown mitmachen müssen. Wenn ich das auf mein Leben als Teenager projiziere und mir vorstelle, man hätte mir einfach so zwei Jahre meiner Jugend geklaut, wer weiß, vielleicht wäre aus mir was geworden. Oder vielleicht was anderes.

Mein ältester Sohn ist 16 und teilt das gleiche Schicksal. Aber meine beiden Großen sind cool, sie sind denkende junge Menschen, die genau wissen, dass diese Scheiße nur ein Ende findet, wenn man seine eigenen Bedürfnisse zurückstellt. Meine Güte, als Teenager ist doch eigentlich alles irgendwie körperlich. Kabbeln, Umarmen, Küsschen links, Küsschen rechts, Knutschen, das volle Programm, abgelöst von Abstandhalten und Homeschooling. Ich hoffe, das geht schnell vorbei, und ich hoffe es am meisten für sie. Mein persönlicher Lockdown dauert schon eine Weile länger. Freitagabend zuhause zu bleiben, löst in mir schon lange nicht mehr das Gefühl aus, ich könnte irgendetwas verpassen.

Die beiden kleineren Jungs, sieben und fünf Jahre alt, haben mich ruhiger werden lassen und reiben mich dennoch täglich auf. Ein Siebenjähriger, der ganz viel einfordert und ein Fünfjähriger, der mit schwerstmehrfachen, körperlichen und geistigen Handicaps geboren wurde, haben mich erwachsen werden lassen. Ich habe ein „besonderes“ Kind, wie manche Leute so schön sagen. Ich sage: Ich habe vier besondere Kinder. Nur eines ist noch etwas besonderer. Man lernt ja sein ganzes Leben dazu, aber was ich seit seiner Geburt alles gelernt habe, und auch lernen musste, ist schon krass.

Die letzten Jahre konnte ich mir nicht mal im Fußballstadion den Frust von der Seele brüllen. Meine letzte Bastion, zerstört von einem verfickten Virus.

Ich habe verdammt nochmal nicht genug Zeit für all den Scheiß, der sich durch mein Ventil den Weg nach draußen suchen will. Mucke machen, Bilder malen, Bücher schreiben. Manchmal habe ich das Gefühl, kurz vor dem Zerbersten zu stehen.

Also male ich nachts Bilder, sofern meine Jungs schlafen, und schreibe meinen Roman in der U-Bahn, auf dem Weg zur Arbeit. Da habt ihr’s. Ich nutze jede freie Minute. Man kommt ja sonst zu nix. Wahrscheinlich ist mein Buch das erste, das komplett auf einem Smartphone geschrieben wurde.

Ich habe mir nicht die Mühe gemacht, mir irgendwelche Namen für meine Protagonisten auszudenken. Das heißt aber noch lange nicht, dass die hier verewigten Personen auch tatsächlich für alles Verantwortung tragen, was ihnen auf den Leib geschrieben wurde. Die Zahl der Protagonisten wäre sonst ins Uferlose gestiegen. Es handelt sich zwar um einen, in großen Teilen, autobiografischen Roman, aber es ist immer noch ein Roman, capisci? Was davon ehrlich wahr ist, behalte ich allein schon aus Gründen drohender Strafverfolgung für mich. Wobei das ohnehin alles verjährt sein sollte, wie ich hoffe.

Ich hasse solche Leute, die bei einer Kunstausstellung vor einem zeitgenössischen Werk stehen und verkünden, dass sie dieses einfach gehaltene Gemälde auch hätten selbst malen können. Können sie aber nicht, die Ficker. Bei den meisten scheitert es ja schon daran, in einen Laden für Künstlerbedarf zu gehen und ein paar Pinsel und Farben zu kaufen.

So ähnlich läuft das auch bei Büchern. „Was für ein scheiß Buch!“, „Braucht kein Mensch!“ und „Das hätte ich auch noch schreiben können!“, wird der ein oder andere vielleicht sagen. Aber ich habe es, im Gegensatz zu den Allermeisten, einfach gemacht.

Was meinst du? Hitler hat auch gemalt? Und auch ein Buch geschrieben? Ich werde, das verspreche ich hoch und heilig, wenn mein Buch und meine Kunst scheiße sein sollten, nicht in die Politik gehen. Und täte ich es doch, ich wäre bestimmt besser als Hitler. Und überhaupt ganz anders. Du würdest dich wundern. Echt jetzt. Wenn ich dann erstmal als Kopf an der Spitze dieses beschissenen Landes stünde, würde ich als Erstes diese … ach Shit … ich verrenne mich hier gerade.

Ich habe keine Ahnung, ob hier jetzt eine Triggerwarnung angeführt werden sollte. Mir ist bewusst, dass manche Ausdrucksweisen und Begrifflichkeiten, die in diesem Buch Verwendung finden, bei einigen Menschen schlechte Gefühle erzeugen könnten. Ich möchte aber vorweg klarstellen, dass es sich um einen Roman handelt, der in den 90ern spielt, und dessen Protagonist_innen Menschen dieser Zeit sind. Daher beschreibe ich natürlich auch einen Zustand und eine Normalität, von der ich hoffe, dass sie in großen Teilen heute nicht mehr en vogue sind.

Ich könnte jetzt auch noch alles Mögliche erklären und vorwegnehmen, zum Beispiel wie man sich nach heutigem Kenntnisstand in einer Beziehung richtig verhält oder wie man sich politisch engagiert, ohne sich im nächsten Moment selbst zu widersprechen. Ich würde damit allen Kritikern vorab den Wind aus den Segeln nehmen. Aber scheiß drauf, echt jetzt. Hier kommt mein Buch.

Um es mit den Worten von Marcus Wiebusch zu sagen: „Und das geht so …“

Abschied

Der Bulli, den ich mir nach bestandener Führerscheinprüfung von meinen Eltern hatte finanzieren lassen, ist mit allem beladen, was man fürs Erste benötigt, um einen Neustart in der Ferne zu wagen.

Ein Haufen alter T-Shirts von Bands, die ich verehre oder irgendwann mal verehrt habe: Ärzte, WIZO, Toxoplasma, Slime, But Alive und so weiter. Jeder mit einem Fünkchen Ahnung bemerkt gleich die Ambivalenz und dass sich mein Musikgeschmack in den letzten Jahren verändert hat. Vielleicht ist er auch einfach nur gereift.

Ein paar Hosen, ein Schottenrock, drei Hoodies. Einen Zehnerpack Unterhosen und ein Zehnerpack Socken hat meine Mutter in der Woche vor meiner Abfahrt bei Tschibo besorgt. Meine Lederjacke, Fliegermantel für kalte Nächte, meine Knobelbecher. Das Nötigste an Werkzeug, zusammengestellt von meinem Vater, ein Multitool und ein Schweizer Taschenmesser. Im Handschuhfach liegt der Kurzschlussstecker, man weiß nie, wann man ihn gebrauchen kann.

Die Gasflasche für den Campingkocher ist noch gut gefüllt, das Bett ausgeklappt und ordentlich gemacht, wahrscheinlich zum letzten Mal. Ich halte Bettenmachen für die unnötigste Arbeit der Welt.

Der Kühlschrank ist, dank meiner Mom, gut bestückt mit Käse, Äpfeln, Kiwis und Bananen. In einer Plastikdose vier hartgekochte Eier von glücklichen Hühnern. Sie lernt es nie, denke ich und muss doch schmunzeln.

Ich umarme meine Geschwister und meine Mama, und als mir mein Vater ein dickes Elektrokabel überreicht, sehen seine Augen seltsam feucht aus. Das Kabel hat er mir extra zum Schlagstock umgebaut. Zu Selbstverteidigungszwecken, wie er meint. Schließlich würde ich ja vorerst im Bus schlafen und wer weiß schon, welchen Gefahren man sich in einer Großstadt ausgesetzt sieht. Das obere Ende des Knüppels ist mit Isolierband verklebt.

„Damit sich niemand an den Kabelenden verletzt“, erklärt er, und seine Augen füllen sich mit Tränen.

„Danke, Papa“, sage ich und nehme die Waffe, ehrlich ein bisschen gerührt, entgegen. Das Teil ist etwa 40 Zentimeter lang und dreieinhalb Zentimeter dick. Es liegt mir schwer in der Hand und ich packe es unter den Beifahrersitz. Wenn ich mit diesem Prügel irgendwann mal zuschlagen muss, denke ich, sind die Enden des blanken Kupferkabels das geringste Problem meines Gegenübers.

Jetzt umarmt auch er mich, mit seinen starken Malocherarmen, als wolle er mir noch schnell das Rückgrat zerlegen, und dann brechen bei ihm alle Dämme. „Mach’s gut, mein Junge“, schluchzt er wie ein kleiner Schlosshund.

„Ach, Papa, mach’s uns doch nicht unnötig schwer. Ich komm ja zu Besuch.“ Ich bin es einfach nicht gewohnt, meinen Vater so sentimental zu sehen.

„Ich weiß, es ist ja nur …“, er stockt kurz und gibt mich aus der Umklammerung frei, „das ging jetzt alles so schnell.“

„Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Hast du doch selber immer gesagt“, versuche ich ihn zu beruhigen.

Auf der anderen Straßenseite steht unsere Nachbarin, Frau Esser, vor ihrer Haustür, mit ihrem brachialen Hintern an ihre Gehhilfen gelehnt. Wie immer, wenn es nicht gerade in Strömen regnet oder schneit. Wie immer in viel zu knappen Hotpants, die die Zellulitiskrater an ihren Oberschenkeln preisgeben, und den Namen nicht verdient haben, wenn sie sie trägt.

„Sebastian, gute Reise“, ruft sie und winkt herüber. Es klingt genauso wehleidig wie all ihre Rufe. „Sebastian, bitte etwas leiser“, wenn wir im Partykeller meiner Eltern eine Bandprobe hatten, „Sebastian, wieder im Lande?“, wenn ich aus dem Urlaub zurückkam. Immer in diesem weinerlichen Ton, dirigiert vom jahrelangen Alleinsein einer alten, kinderlosen Frau.

Ich winke zurück, ohne etwas zu erwidern. Allein schon Sebastian. Kein Mensch – abgesehen von Frau Esser von gegenüber – nennt mich noch so. Meinen bürgerlichen Namen verlor ich auf der Grundschule. Rick war der Erste, der mich Sibbe nannte und auch wenn meine Eltern noch eine Zeit lang versuchten, Sebastian durchzusetzen, scheiterten sie sehr bald damit, resignierten und fanden sich mit Sibbe ab.

Sebastian. Was war das auch für ein Name, den sich meine Eltern da für mich ausgedacht hatten. Glaubt man meinem Vater, so entstand dieses Stück Schall und Rauch auf einem gemeinsamen Winterurlaub mit Freunden in Österreich, irgendwo auf einer Almhütte. Meine Mutter war mit mir in anderen Umständen und mein Vater begoss dies gemeinsam mit seinem Kumpel und dessen Lebensgefährtin, stilecht mit einer Flasche Stroh-Rum. Um genauer zu sein, mit einer Flasche aus dem Hause Sebastian Stroh. Ich wurde also tatsächlich nach einer Flasche 80%igem benannt. Also auch nicht viel besser als Sibbe.

Mein Namensgeber Rick war ein armer Tropf und ging mit mir in die Grundschule. Viel zu dünn, fettiges Haar und immer ein Herpesbläschen abwechselnd auf der Ober- oder Unterlippe. Sein Gesicht sah schon in der ersten Klasse aus wie das eines alten Mannes und wahrscheinlich hatte er auch schon so einiges gesehen und erlebt, was für seine junge Seele zu krass war. Er wohnte in Zone vier, in einer der angeblich so „sorgenfreien Villen“ und er kam, wie man sagte, „aus schwierigen Verhältnissen“ – wobei die größte Schwierigkeit für ihn darin bestand, seine Familienverhältnisse selbst auf die Kette zu kriegen. Also, wer sein leiblicher Vater war, wer sein Halbbruder und wer sein richtiger Bruder, beziehungsweise wer seine Halbschwester und seine richtige Schwester war. Nur seine Mutter wechselte nie den Status, wenn auch den Familiennamen, is ja logisch. Aber er wusste nie, welchen Nachnamen er selbst denn nun trug und ob es der Gleiche war, den seine Brüder und Schwestern trugen. Und weil er es war, der mir meinen neuen Namen gegeben hatte, hatte dieser Name etwas Verwegenes.

Ich löse mich aus meinen Gedanken und Erinnerungen. Auf der Fahrt, die mir bevorsteht, werde ich noch genug Zeit haben, über die Tristesse meines bisherigen Lebens nachzudenken. Dann eine letzte mütterliche Umarmung.

„Pass auf dich auf, mein Großer.“

„Du aber auch auf dich, Mama.“

„Fahr schon los, sonst muss ich auch noch heulen.“

„Okay. Tschö! Hab euch lieb.“

Bei uns sagt man Tschö, da wo ich hin will, sagen sie Tschüss.

„Tschö, großer Bruder“, meine Schwester drückt mir einen Kuss auf die Wange, als ich mich zu ihr runterbeuge, um sie ein letztes Mal zu umarmen. Dann kommt mein Bruder auf mich zu, den ich als Teenager in dieser Ödnis zurücklasse. Er hat sich ganz gut gemacht in letzter Zeit, denke ich.

„Mach’s gut“, sagt er kurz und knapp, wie es seine Art ist, und klopft mir auf die Schulter.

„Bau kein Scheiß“, sage ich und meine eigentlich das Gegenteil. „Tu nichts, was ich nicht auch getan hätte“, füge ich dann relativierend hinzu und ich glaube, er versteht, was ich meine, als ich ihm auf den Oberarm boxe. Ich steige in meinen Bulli, starte den Motor und fahre, tatsächlich etwas wehmütig, los.

Ihr findet das jetzt wahrscheinlich nicht sonderlich cool und punk, dass meine Augen gerade anfangen zu glänzen, aber das ist, auch wenn ich es mir selber ausgesucht habe hier wegzugehen, schließlich meine Heimat, mit meinen Löweneltern und meinen Geschwistern und all dem Bums, der da dranhängt. Ich bin echt nah am Wasser heute, also lasst mir gefälligst diesen Moment. Is voll Emocore, echt jetzt.

Meine Familie steht winkend auf der Straße und auch Frau Esser wedelt mit ihren speckigen Armen, dass das Winkfett nur so hin und her schwabbelt, bis ich aus ihrem Blickfeld verschwunden bin.

Ich fahre an die Tanke ran, um den Fuffi, den mein Papa mir heimlich zugesteckt hat, in Diesel zu investieren. Mir bleibt also noch der Fuffi, den mir meine Mama heimlich zugesteckt hat.

David arbeitet heute nicht. Er liegt wahrscheinlich noch im Bett und schläft seinen Rausch aus.

Am Abend vor meiner Abreise hatten wir uns alle gebührend voneinander verabschiedet. David hatte bereits seine Pläne für einen Umzug nach Köln konkretisiert, wo er mit Tödder und Dieken eine WG gründen wollte.

Bayer schwärmte von Berlin und Hamburg, der Woodmaster hatte keine Ambitionen seine Heimat zu verlassen und sein Bruder, Borger Flo, wollte sein Glück erstmal in Siegen versuchen.

Tsunami hatte zappelig auf dem durchgewetzten Sofa gesessen. Er hing jetzt öfter auf irgendwelchen Goa-Partys im Sauerland ab. Wahrscheinlich würde er einfach irgendwo im Wald eine Blätterbude bauen, Pilze sammeln und dort für immer versacken.

Alle hatten irgendwelche Vorstellungen und Träume, wie es weitergehen könnte, wenn hier alles zusammenbräche, was wir uns in mühevoller Kleinarbeit über all die Jahre aufgebaut hatten.

Als müsste noch irgendetwas gesagt werden, als stünde noch etwas im Raum, das einer Klärung bedurfte, diskutierte ich mit Borger Flo über Begrifflichkeiten. Sagte man nun „gefachsimpelt“ oder „fachgesimpelt“? War es die „Habachtstellung“ oder die „Halbachtstellung“? Sprach man von „Torschusspanik“ oder von „Torschlusspanik“?

Zumindest beim Letzteren war ich mir sicher, dass es nichts mit der Versagensangst des Elfmeterschützens zu tun hatte, sondern vielmehr mit der Panik, nicht vor Schließung des Tores zurück in die sichere Burg zu gelangen.

„David! Was habt ihr mit meinem verdammten Whisky gemacht?!“, brüllte Davids Vater auf einmal die Treppe hoch.

„Das hat länger gedauert als gedacht“, warf David in die Runde, ohne weiter auf seinen Vater einzugehen, und wir schüttelten uns ein letztes Mal vor Lachen.

Am Ende bekam ich zur Verabschiedung einen Haufen Mixtapes überreicht, lauter Zusammenstellungen der Songs meiner Jugend, in chronologischer Reihenfolge mit den jeweiligen Jahreszahlen beschriftet, die ich selbstverständlich fein säuberlich in der Mittelkonsole meines Bullis aufreihte.

Ich taste mich mit dem Zeigefinger am Tankstutzen an die 50-Mark-Grenze und schaffe den runden Betrag auf den Punkt. Is so ne Macke von mir.

Ich bezahle bei Davids Kollegin, die müde hinterm Tresen sitzt und gerade gelangweilt in einer Modezeitschrift blättert. Trotzdem guckt sie genervt, als würde ich sie bei etwas wirklich Wichtigem stören. Wahrscheinlich mache ich das auch. Gerade war sie noch in London oder in Paris, jetzt sitzt sie wieder hier in diesem Kaff hinterm Tresen der Tankstelle und arbeitet unter Mindestlohn.

Ich lege den beige-braunen Schein auf die Theke. „Stimmt so“’, sage ich mit zynischem Lächeln.

„Sehr großzügig“, meint sie und schiebt den Schein in die Kasse, „Tschö.“

„Tschö“, sage ich ein allerletztes Mal, steige in meinen Bus, werfe den Motor an und lenkte mein neues Zuhause auf die B55, Richtung Engelskirchen.

Unser Dorf beginnt im Rückspiegel zu schrumpfen und ich weiß, dass es nie wieder auf seine ursprüngliche Größe anwachsen wird. Dieses klitzekleine Dorf, das mal mein Universum war.

Das Dorf

Unser Dorf ließ sich grob in vier Zonen aufteilen.

Da gab es den „heiligen Berg“, auf dessen Nord-Hanglage immer mehr Schatten als Licht war. Dennoch wohnten hier, warum auch immer, in großer Mehrheit die gläubigen Katholiken. Die Anzahl der Kinder in den jeweiligen Familien verriet, wie oft ein Ehepaar miteinander schlief. Denn es gab nur einen Zweck für christlichen Beischlaf: die Reproduktion. Diese Menschen waren so verstaubt, dass es kaum zu fassen war. Man kann sich in etwa vorstellen, was sie von uns Punks hielten. Sie hatten Angst, wir würden ihre Töchter klauen, sie zum Satanismus bekehren, drogenabhängig machen und was das Allerschlimmste wäre: unverheiratet schwängern und dann das Neugeborene verspeisen.

Der Kindergarten und die Grundschule, beide selbstverständlich katholisch, befanden sich ebenfalls auf dem „heiligen Berg“. Genauso wie der Friedhof. Und wenn wir den nachts überquerten, um eine Abkürzung zu nehmen, kam uns nicht selten der Totengräber in der Dunkelheit entgegen. Er blieb dann kurz stehen, zeigte mit dem Finger auf jeden Einzelnen von uns und zählte dabei unsere Nachnamen auf. Außerdem war es ihm immer auch wichtig, uns mitzuteilen, dass er wusste, wo wir wohnten.

„Zwei aus dem Dorf, zwei von der Siedlung“, raunte er dann durch seinen langen Bart, wandte sich ab und schlich weiter durch die Nacht. Sicher glaubte er, wir würden über den Friedhof laufen, um Gräber zu schänden und okkulte Messen abzuhalten. Daher versuchte er uns stets zu signalisieren, dass er uns im Auge behalten würde.

Die zweite Zone hieß „das Dorf“ und lag im Tal. Hier gab es alles, was der Hinterwäldler benötigte – und vieles eben auch nicht. Vorhanden war ein Sparmarkt, eine Bäckerei, ein Laden mit Kurzwaren, ein Drogeriemarkt, eine Post, eine Sparkasse, ein Uhrmacher, eine holzvertäfelte Kneipe mit Kegelbahn und eine holzvertäfelte Kneipe ohne Kegelbahn. Es gab einen Imbiss, der bis weit über die Grenzen unserer Ortschaft hinaus für die beste Currywurst der Welt bekannt war. Ein Versicherungsbüro, eine Apotheke, ein Sägewerk, einen Zahnarzt, der lieber Zähne zog, als sie zu erhalten und einen Hausarzt, den man niemals mit ernsthaften gesundheitlichen Problemen konsultierte, sondern nur, wenn man einen gelben Schein benötigte. Da war das Schützenhaus mit Festplatz, auf dem im Frühsommer die Kirmes mit Kinderbelustigung stattfand und die katholische Kirche, in welche die Bewohner des „heiligen Berges“ jeden Sonntag pilgerten. Direkt gegenüber: das Spritzenhaus der Freiwilligen Feuerwehr, die außer ihrem Durst selten etwas zu löschen hatte. Durch die zweite Zone schlängelte sich die Agger, und wurde vor dem Wasserkraftwerk aufgestaut, um bei Bedarf die Schleusen zu öffnen und die Turbinen für die Stromversorgung anzutreiben.

Im Stundentakt sauste die Regionalbahn zwischen Gummersbach und Köln über die Schienen hin und her, ohne bei uns im Dorf Halt zu machen. Der Lokführer kam aus unserem Ort und so gab es bei jeder Durchfahrt ein kurzes Hupen, damit seine Frau wusste, dass es ihm gut ging. Einen Bahnhof gab es schon lange nicht mehr und man musste wahlweise nach Engelskirchen oder nach Overath fahren, um mit der Bahn wegzukommen.

Die dritte Zone war „die Siedlung“, die auf dem Südhang gegenüber des „heiligen Berges“ im Sonnenschein lag. Sie war meine Zone, also die, aus der ich stammte. Nach dem Krieg hatten sich hier Flüchtlinge aus Ostpreußen, Schlesien oder sonst wo her ihre neue Heimat aufgebaut. Kleine bescheidene Einfamilienhäuser mit Grundstück und Garten, die sich sehr ähnlich sahen.

Dann haben die Kinder der ersten Neuankömmlinge, also die Generation meiner Eltern, dazwischen gebaut und von uns, der selbsternannten Generation X, wurde nun erwartet, dass wir weiter bauten. Wie in einem dieser Siedlerspiele, die man jahrelang auf dem Computer spielen konnte. Platz und Bauland gab es jedenfalls zu Genüge. Einzig der Antrieb, in die Fußstapfen unserer Ahnen zu treten, fehlte zumindest uns Dorfpunks komplett.

Jeden Samstag war hier von morgens bis abends das Heckenscheren- und Rasenmäherkonzert zu hören und es war stets wichtig, was die Nachbarn dachten.

Zone Nummer vier war „das Aul“, von manchen auch „Ghetto“ genannt. Hier standen hässliche graue Wohnblocks. Die Bewohner der anderen drei Zonen nannten jedes dieser Häuser „Villa Sorgenfrei“, da die Mieten meist vom Sozialamt bezahlt wurden. Hier wohnten viele Migranten und gescheiterte Existenzen, die sicherlich alles andere als sorgenfrei waren. In die vierte Zone fiel außerdem das Gewerbegebiet mit Autowerkstatt, Lagerhallen und Schrottplatz sowie der Sportplatz des ASC Loope, für den auch ich einige Jahre die Fußballschuhe geschnürt hatte. Der einzige Rasenplatz unserer Region war ein mit Maulwurfshügeln durchzogener Acker und sorgte immer für einen gewissen Heimvorteil, da die Gegner nie geeignetes Schuhwerk mit Schraubstollen dabei hatten.

Drumherum nichts als Wald und Ackerland und eine Autobahnbrücke von der, wenn es abends noch stiller wurde, immer ein leichtes Grundrauschen zu hören war.

Wegen ihrer abgeschiedenen Lage war die Autobahnbrücke schon früh zu einem unserer Treffpunkte geworden. Wir setzten uns dort unter die fast hundert Meter hohen Pfeiler, blickten nach oben und rauchten dabei heimlich unsere ersten Zigaretten.

Orte, an denen wir uns den Augen unserer Erziehungsberechtigten entziehen konnten, gab es viele und in jeder Zone. Und Anlässe, um von zu Hause zu fliehen, waren zahlreich. Wenn mein Vater mal wieder meine Wochenenden mit Gartenarbeit verplant hatte, wenn ihm meine Haare nicht gefielen und er den Rasierer schon im Anschlag, oder sonst irgendein Problem hatte, war ich froh über jeden Zufluchtsort.

Kurz hinter dem Wasserkraftwerk teilte sich der Fluss in den alten und den neuen Aggerlauf. An der alten Agger hingen wir häufig bei der Hängebrücke ab. Diese lag am Rande eines stillgelegten Erzabbaugebietes. Das im Boden verbliebene Eisen färbte an dieser Stelle das Wasser rostig rot. Überall standen Warnschilder in der, an eine Mondlandschaft erinnernden, kargen Gegend. Offenbar war es nicht sonderlich gesund, dort rumzulaufen, aber das störte uns nicht weiter. Wir hüpften auf der Brücke rum und brachten sie so zum Schwingen. Daher hatte sie seit hundert Jahren den Namen Schwungbrücke. Schon als Kinder waren wir oft mit meinen Eltern dort gewesen und das wilde Schaukeln meines Vaters hat, wenn ich richtig überlege, einen gewissen Anteil an meiner heutigen Höhenangst.

Weiter flussaufwärts, noch vor dem Wehr, befand sich die Liebesinsel, eine kleine, ins Wasser ragende Landzunge mit Bachlauf, die wahrscheinlich schon meinen Großeltern als Rückzugsort gedient hatte. Wollte man mal ungestört fummeln, rauchen oder einfach abhängen, war dieser Platz eine gute Wahl. Romantisch, abgelegen und über Generationen hinweg für tauglich befunden. Auch ich hatte hier zum ersten Mal mit Zunge geküsst.

Auf dem „heiligen Berg“ stand in einem Waldstück eine massive Blockhütte, die Markus Opa gehörte. Sie war unten mit ranzigen Sofas und oben mit Matratzen ausgestattet. Ich hatte mir dort beim Pennen mal eine waschechte Punkerschleppe eingefangen, in deren Krankheitsverlauf mein Gesicht aussah, als würde es langsam verfaulen.

„Junge, wie siehst du denn aus?“, hatte meine Oma entsetzt gefragt, obwohl es, wenn ich ehrlich bin, nicht besonders schwer war, ihr diesen Satz zu entlocken. Sie fand an meinem Aussehen immer irgendwas erwähnenswert. Da brauchte es keine krustigen, immer wieder aufplatzenden, blutigen Stellen im Gesicht. Aber trotz der Gefahr für meine Gesundheit war auch die Hütte ein geeignetes Refugium geblieben, um dem Alltag zu entfliehen.

Über Land

Parallel zur Straße Richtung Engelskirchen schlängelt sich die Agger durchs Tal. Es ist immer der gleiche Fluss, wie er da so ruhig entgegen meiner Fahrtrichtung fließt, um irgendwann in Troisdorf in die Sieg zu münden, die ihr Wasser dann bis in den Rhein transportiert. Zumindest denke ich heute, dass es immer der gleiche, scheiß Fluss ist, wenn auch nicht derselbe. Da hatte Borger Flo schon recht.

Ich drossele bei der Ortseinfahrt meine Geschwindigkeit. Oft steht hier ein mobiler Blitzer. Das weiß man, wenn man aus der Gegend kommt, und ihr wisst jetzt auch Bescheid, nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass es euch mal hierher verschlagen sollte.

Was mache ich hier eigentlich? Ich bin noch ganz schön angeschlagen von gestern Abend. Sowohl vom Suff als auch emotional. Das kommt ja auch nicht jeden Tag vor, dass man sich von seinen besten Kumpels verabschieden muss, weil einem dieses verfluchte Goldfischglas einfach zu klein geworden ist. Aber mal im Ernst: Mein Entschluss ist gefasst, da lass ich mir von euch auch nicht reinquatschen, echt nicht. Wenn ich jetzt nicht die Gelegenheit bei den Eiern packe, komme ich vielleicht nie hier raus. Was meint ihr? So schlimm ist das hier doch alles gar nicht? Habt ihr ne Ahnung. Das ist die gelebte Stagnation. Ich hab so ziemlich alles gemacht, was dieses Kaff zu machen hergibt. Ich brauche Platz, was Neues, mehr Angebot. So schwer is das ja wohl nicht zu kapieren, oder?

Ich fahre durch den halben Ort, vorbei an der alten Hauptschule, die seit Jahren wegen Asbestverseuchung geschlossen ist, lasse den Spielwarenladen links liegen, passiere das Birkenbäumchen, das früher mal Poncho hieß, aber seit der Umbenennung nur noch Ballermannproleten anzieht, und biege dann ab, um Richtung Sauerland zu fahren. Eine Strecke, auf der ich bei Sonntagsausflügen mit meinen Eltern nicht nur einmal das Auto vollgekotzt habe. Serpentinen, rechts, links, hoch, runter. Jetzt, da ich selber fahre, macht das sogar Spaß, aber auf dem Rücksitz, hinter meiner Mutter, mit einem Mickey-Mouse-Heft auf dem Schoß, war das nicht so witzig. Es führt kein Weg daran vorbei, wenn man so schnell wie möglich in Meinerzagen auf die Autobahn muss. Und ich muss so schnell wie eben möglich. Echt jetzt.

Durch das geöffnete Fenster dringt die warme Sommerluft. Der Geruch von erdigem Waldboden und blühenden Wiesen steigt mir ein letztes Mal in die Nase. Ich schiebe das erste Mixtape in den Schlitz meines Autoradios. „1992“ steht schon etwas blass auf der Kassette, aber ich kann noch gut Davids Sauklaue erkennen. Der Song, der aus meinen Lautsprechern leiert, die Qualität des Magnetbands hat hörbar gelitten, war 1992 zwar schon sechs Jahre alt, aber bis es irgendwas Brandneues in die entlegenen Provinzen dieser Republik schafft, vergehen schon mal ein paar Jahre, denke ich.

„Wir werden immer laut durchs Leben zieh’n, jeden Tag in jedem Jahr. Und wenn wir wirklich einmal anders sind, ist das heute noch scheißegal.“„Wort zum Sonntag“ Die Toten Hosen

Aller Anfang

„Woher nehmen, wenn nicht stehlen?“ David und ich sahen uns vielsagend in die Augen und grinsten verschworen, als uns dieser Satz nahezu zeitgleich über die Lippen kam.

Es war einer dieser Freitage, an denen wir viel zu spät damit begonnen hatten, den Abend und die Nacht zu planen. Wir wollten zelten, so viel stand fest, und mein Opa hatte eine kleine Wiese, auf der dies ohne Weiteres möglich war.

Nun ging es darum, Besorgungen zu machen. Und da in diesem Kaff schon alle Läden geschlossen hatten, mussten wir uns einen Plan B einfallen lassen, um noch an etwas zu saufen zu kommen.

„Also stehlen“, unterstrich Flo und wir wussten alle vier, was er meinte.

Marco begann sich aufgeregt im Schritt rumzukneten und ging erstmal in den nächsten Busch, um seine Blase zu leeren. „Das können wir doch nicht machen“, rief er, „was ist, wenn der uns erwischt?“

„Wie soll der alte Sack uns denn erwischen?“, fragte ich.

„Eben, der pennt eh spätestens um elf besoffen auf dem Sofa ein“, wusste David.

„Wegen euch lande ich nochmal irgendwann im Knast.“ Marco zog sich den Reißverschluss seiner Hose hoch.

„Kein Mensch kommt in den Knast wegen ein paar Flaschen Bier, echt jetzt.“

Dann machten wir uns sofort auf die Socken und gingen alle nach Hause, um unsere Schlafsäcke, Isomatten und das Zelt zu holen.

Ein paar Tage zuvor war ich mit dem Linienbus 310 gefahren und hatte eine Busfahrkarte gefunden. Das Bild auf dem Fahrausweis hatte mir verraten, dass der Besitzer wohl ein Skinhead sein musste. Damals war ein Skinhead für mich noch ein Indiz für Rechtsradikalismus gewesen, und ich sollte erst später merken, dass man nicht alle Glatzköpfe über einen Kamm scheren konnte. Egal, ich fand also diese Busfahrkarte und die mit Filzstift aufgemalten Hakenkreuze auf der Schutzfolie unterstützten meine These. Sofort überlegte ich, welchen Nutzen diese Fahrkarte für mich noch haben könnte.

Eine halbe Stunde später versammelten wir uns auf der Wiese, um das Iglu aufzubauen. David hatte eine Flasche Bier bei seinem Vater gemopst, die wir uns bei der Arbeit durch vier Hälse teilten.

„Den Pfand muss ich aber wieder mitnehmen“, meinte er und zog eine seiner Grimassen, „das fällt sonst auf, wenn da eine fehlt.“

Er war unglaublich witzig, was nicht zuletzt an seiner Gestik lag. Es machte oft den Anschein, als habe sich Jim Carrey einiges bei ihm abgeguckt, um als Tierdetektiv eine gute Miene zu machen. Außerdem kannte ich niemanden, der ein herkömmliches Feuerzeug hochkant zwischen den Frontzähnen seines Ober- und Unterkiefers platzieren konnte. Kein normaler Mensch bekommt die Klappe so weit auf, probiert es ruhig aus.

Wir richteten unsere Pennplätze ein und warteten, Bantam rauchend auf die Dunkelheit, um unseren Plan in die Tat umzusetzen. Unser gemeinsamer Freund Matze hatte einen Vater, der eindeutig zu viel trank und der die Angewohnheit hatte, gutgläubig sein ganzes Bier hinter dem Haus im Garten zu lagern.

Eine Stunde später war es endlich so weit, und wir schlichen im Schutz der Dunkelheit runter ins Dorf. Dort kam uns auf halber Strecke Orhan entgegen, der sich schon freudig die Hände rieb.

„Heute gibt’s Spar-Lieferung, lecker Erdbeeren.“ Orhan war ein kleingewachsener, schmächtiger Junge, der so dünn war, dass man hätte glauben können, er würde tatsächlich nur einmal in der Woche etwas essen. Nämlich immer dann, wenn der Sparmarkt eine Lieferung bekam. Ich kannte ihn von früher, denn ich hatte mit Orhan im örtlichen Verein Fußball gespielt.

„Wir machen heute was anderes“, meinte Flo und glotzte dabei so unauffällig, dass jedem etwas auffallen musste, der nicht gerade auf den Kopf gefallen war.

„Aber viel Spaß und guten Hunger“, fügte ich schnell hinzu, um die Situation zu beenden. Wir verabschiedeten uns von dem kleinen Kurden und schlichen weiter durch menschenleere Straßen bis hin zum Elternhaus des Freundes.

Marco und Flo standen an der Straßenecke Schmiere. Flo war, genau wie Marco, fast zwei Jahre jünger als ich. Er hatte es irgendwie drauf, seine Eltern glauben zu machen, wir tränken Caprisonne oder Fanta, wenn wir abends um die Häuser zogen. Meistens war er es aber, den wir auf dem Heimweg stützen mussten. Flo las viel und hatte sich mit der Zeit ein wahnsinnig umfangreiches, unnützes Wissen angeeignet, das er bei jeder Gelegenheit rausposaunte. Außerdem lernte er Spanisch und Gitarre, beides mit einer Ausdauer, die ich irgendwie bewundernswert fand.

Marco war mein Cousin und einer der Menschen, die mich seit dem Kleinkindalter begleitet hatten. Auf Familienfeiern gab er immer den Clown, hyperaktiv und albern, ein bisschen ADHS würde man heute sagen. Das gab es aber damals noch nicht. Zumindest hätte das kein Arzt hier auf dem Dorf diagnostiziert. Marco konnte schon früh einige Musikinstrumente spielen: Blockflöte, Mundharmonika, Akkordeon oder Klavier. Während sich unsere Väter, sonntags nach dem Kaffee, ein Bier nach dem anderen reinstellten, wurde er genötigt, doch mal etwas auf der Orgel vorzuspielen. Er ließ sich meistens ein paarmal bitten und dann legte er los und gab den Alleinunterhalter – nicht ohne Talent, aber immer albern. Wie ein kleiner Helge Schneider, den allerdings damals noch niemand kannte. Mit der Pubertät wurde Marco etwas ruhiger. Fast schon schüchtern, wenn es um Mädchen, und schnell zu erregen, wenn es um Verbotenes ging. Sein Talent, aus jedem Musikinstrument etwas Passables herauszubekommen, war geblieben.

„Passt bloß auf“, zischte Flo aufgeregt. David und ich pirschten uns an, öffneten das Gartentor und verschwanden in der Dunkelheit. Dann ging alles ganz schnell. Wir schnappten uns jeder eine Kiste Bier und rannten, entgegen dem eigentlichen Plan leise zu sein, mit der klimpernden Fracht los.

„Leise! Ihr müsst leise sein!“, Flo schrie viel zu laut.

Marco konnte sein Lachen nicht unterdrücken. „Geil, geil, geil!“ Er hüpfte auf und ab, während er sich aufgeregt im Schritt rumfummelte, als müsse er mal wieder dringend pinkeln.

Wir konnten es alle nicht fassen, wie einfach das gewesen war und suchten uns ein Plätzchen unten am Fluss, um mit der Sauferei zu beginnen. Alles musste vernichtet werden. Nichts durfte übrigbleiben. Wann hat man mit 14 oder 15 Jahren schon mal zwei Kisten Bier zur freien Verfügung? Wir saßen zusammen und alles war wie in einem dieser Filme. Stand by me, das Geheimnis eines Sommers, oder so. Eine lauwarme Nacht, die allen in Erinnerung bleiben würde.

„Ist es nicht seltsam, dass der beste Kumpel von Mickey Mouse ein Hund ist und Mickey Mouse aber auch einen Hund als Haustier hat?“ Flo warf ständig solche Dinge in den Raum.

„Was soll das denn jetzt? Meinst du, eine Maus kann keinen Hund zum Freund haben?“ David war erschüttert.

„Nein, ich meine Goofy ist ein Hund und Mickeys Kumpel. Er trägt Hosen, Pullover und nen Hut. Er geht auf zwei Beinen durch Entenhausen und kann sogar sprechen. Klar, so richtig schlau is er nicht aber immerhin“, Flo knibbelte am Etikett seiner Flasche rum. „Pluto ist auch ein Hund. Ein nackter Hund, ohne Klamotten. Er spricht nicht und geht auf allen vieren. Das schnall ich nicht. Was soll das?“

„So hab ich das nie gesehen, du hast recht.“ David trank nachdenklich seine erste Flasche leer.

„Thommy hat übrigens letzte Woche Ines Brüste angefasst! Unter dem Pullover und sie hat nix dagegen gehabt!“, Flo blickte traurig zu Boden. „Danach haben die anderen sie alle als Schlampe und Nutte beschimpft, aber mal im Ernst, Thommy is der geile Typ und sie soll ne Schlampe sein?“ Er war entsetzt und wäre eigentlich gerne Thommy gewesen, denn er war heimlich in Ines verliebt. Also so heimlich wie das unter Kumpels nur sein konnte. „Wenn du als Junge mit tausend Frauen rumknutschst, bist du ne große Nummer. Als Mädchen bist du gleich ne Schlampe und bekommst einen Stempel fürs Leben. Das is doch ungerecht.“

Nach einer fast schon peinlichen Redepause meldete sich David zurück. „Donald Duck müsste mit seinem Sprachfehler auch mal zum Logopäden.“

„Was hat das denn jetzt damit zu tun?“ Flo glotzte in die Runde.

„Ach, scheiß drauf! Prost!“ Wir stießen unsere Flaschen klirrend aneinander.