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Manuela muss Abschied nehmen. Ihre Mutter befindet sich im Hospiz und wird in Kürze sterben. In diesen letzten Stunden erlebt Manuela eine Achterbahn der Gefühle, erinnert sich an einschneidende Erlebnisse aus der Vergangenheit und reflektiert gleichzeitig sachlich und schonungslos die Beziehung zu ihrer Mutter. Durch den Tod ihrer Mutter muss sich Manuela selbst neu definieren, muss erkennen wer sie ist oder sein will. Die Geschichte einer junge Frau, die eine Krise als große Chance begreift.
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Seitenzahl: 40
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Mica Bara
PUNKT
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
TEIL EINS
TEIL ZWEI
Impressum neobooks
Auf dem Hühnerhof war der Hahn erkrankt. Niemand konnte mehr damit rechnen, er werde auch am nächsten Morgen noch krähen. Abschied war angesagt. Die Hennen machten sich Sorgen - sie waren felsenfest überzeugt, die Sonne gehe nur auf, weil der Meister sie rufe. Der nächste Morgen aber belehrte sie eines Besseren: Die Sonne ging auf wie jeden Tag; nichts hatte ihren Gang beeinflusst.
Aus Persien
"Krankenhaus Havelhöhe" - die elektronische Ansage im Bus X 34 kommt Manuela an diesem Abend abweisend, beinahe bedrohlich vor. Dabei kann die Frauenstimme gar nicht anders – sie muss tagein, tagaus monoton und teilnahmslos aus den Lautsprechern tönen.
Manuela schüttelt sich, als wolle sie die verqueren Gedankengänge aus ihrem Kopf vertreiben und reibt sich die blutleeren Hände zwischen den Schenkeln.
die im sud der engel badenden lämmer der verliebten
zahlen für die sünde des daseins
durch kontrollierende kameras in den köpfen
in ihrem kummer sehnen sie den tod herbei
doch sie hocken verlassen im bau
und müssen freudig die last des lebens ertragen
im netz des wahnsinns gefangen
spähen dumme lämmeraugen
verlangend doch ohne gier
in der glut des nichts
nach zeichen der gesunden welt
doch sie bleiben ohne liebe
vergessen im strom der angst
welcher einem schraubstock gleich
das dasein zum stillstand zwingt
und die schwache seele
im wachstum verwesen lässt
Der grelle Piepton lässt Manuela zusammenzucken. Als sie aufblickt, steht auf der Anzeige bereits "Stopp" in leuchtend roter Schrift.
Sie erkennt den jungen Mann, der ihr beim Drücken des Haltewunschknopfes zuvorkam. An der Haltestelle hat sie ihn nach dem Weg gefragt. Sie muss verstört ausgesehen haben, mit ihrem zerknüllten Zettel in der Hand und den verweinten Augen.
Und nun lächelt er sie so mitleidig an, dass sie gar nicht weiß, wie sie reagieren soll.
Er ist wohl Mitte 20, schätzt sie, wie sie selbst. Mit weichen Zügen um die dunklen Augen.
Manuela erwidert das Lächeln scheu und senkt schnell den Blick. Wie wäre es, wenn sie in diesem Moment nicht zu ihrer sterbenden Mutter ins Hospiz fahren würde...?
Alles kommt ihr an diesem Abend völlig absurd vor.
Ein Teil von ihr ist der festen Überzeugung, die Zeit müsse stehenbleiben mit dem Tod ihrer Mutter. Als würde die Welt aufhören zu existieren. Als wäre das „Danach“ ein Leben im Vakuum.
Jetzt erst wird ihr klar, dass sie über dieses Danach nie nachgedacht hat. Zwar hat sie sich weiterhin beworben, doch ohne Enthusiasmus. Lustlos waren die Unterlagen zusammengeworfen, eingetütet und abgeschickt worden. Sie hat sich nicht viel davon erhofft. Schließlich ist Manuela eine von unzähligen arbeitslosen Schauspielerinnen in Deutschland. Ziellos hangelt sie sich von Projekt zu Projekt, ab und zu ein bezahltes Gastengagement...
„Ich finde dich gut.“
Unter der breiten Brille der Mutter sieht Manuela etwas glänzen.
„Wow, du hast ja Tränen in den Augen – Mann, ich muss ja echt gut gewesen sein.“
Manuelas Ton klingt angestrengt lässig. Sie fühlt sich unwohl, kann es sich selbst nicht erklären.
Die Mutter nimmt mit einem unsicheren Lachen die Brille ab und wischt sich vorsichtig ein Tränchen aus dem Augenwinkel.
„Naja, kann ich ja sonst immer gut verstecken unter der Brille“, sagt sie.
Nicht nur unter der Brille, fügt Manuela in Gedanken hinzu.
Schade. Es war ein so schöner Augen-Blick. So pur. So berührend.
Manuela kann mit dieser plötzlichen Weichheit ihrer Mutter nicht umgehen.
Sie stehen nebeneinander, in der Kantine, bei der Premierenfeier. Manuela hat die Mutter lange nicht gesehen. Doch sie fühlt sich auch jetzt, wenige Zentimeter neben ihr, als läge ein Graben zwischen ihnen.
Sie wünscht sich den einen, kurzen Augenblick zurück. Und sie schwört sich, diesen Moment wie ein Standbild in sich zu bewahren. Für immer.
Manuela nimmt ihr schwarzes Cap vom Kopf, fährt sich mit der Hand über das Gesicht und durch das Haar. Wozu Standbilder heraufbeschwören, wozu sich erinnern an Zehntelsekunden, die schneller vergehen als ein Fingerschnipsen. Wozu festhalten wollen, was niemals wiederkehren wird. Heißt es nicht, man solle der Realität ins Auge blicken... Und hat sie das nicht bereits getan... zum letzten Weihnachtsfest...
Sie steht in ihrem engen, alten Kinderzimmer und es kommt ihr vor, als wäre sie mit einer Zeitmaschine in die Vergangenheit gereist.
Vor 4 Jahren ist Manuela ausgezogen, doch alles scheint unverändert zu sein.
