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Eine Geschichte über Lena Doreen Shaffort Ein kleines Mädchen das mehr sieht, als die Einfachheit der Dinge. Ein Mädchen das mehr versteht, als das gesprochene Wort. Eine Tochter, die das Spiel ihrer Eltern nicht mehr mitspielen will. Eine Jugendliche die sich klar entscheidet. Und Lena hasst sich, für all das.
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Seitenzahl: 272
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Dorien Grey
pures Gold
deutschsprachige Erstausgabe 02.05.2019
ausschließlich als E-Book Veröffentlichung
dieser Roman entstand in kompletter Eigenregie und ging durch kein offizielles Lektorat.
Lediglich wurde Korrektur gelesen.
Formale oder grammatikalische Fehler bitte ich daher zu entschuldigen.
Stellenweise sind diese auch gewollt und entsprechen dem Plot der Geschichte.
Coveridee und Schrift: Dorien Grey
Covergestaltung und Umsetzung: Timo Grubing
Diese Geschichte wird gewidmet:
Del. Asiz
Sommer 2002
In Erinnerung an:
„Jeder sollte sein eigener Hirte sein.
Jeder sollte sich hüten!“ Heinz Erhardt
„SCHLAFEN UM ZU VERGESSEN, TRÄUMEN UM ZU ENTFLIEHEN.“
Lena ist verschwunden mit dem illusorischen Blick eines Kindes. „Wenn ich euch nicht sehe, dann seht ihr mich auch nicht!“ Das kleine Mädchen liebt es sich zu verstecken, sich unter ihren kleinen Händen aufzulösen um nicht mehr hier zu sein. „Sucht mich doch, ihr werdet mich doch nicht finden!“ rufen ihre Gedanken herausfordernd. Lena will es nicht wahrhaben, dass sie schon nach ein paar Sekunden gefunden und erbarmungslos aus ihrer Unsichtbarkeit herausgerissen wird. Unmöglich. „Das ist unfair!“ stampft sie wütend auf den Boden der Tatsache. In diesen Momenten rennt sie trotzig überdreht davon, ganz aufgebracht von der erlebten Enttäuschung. Lena drückt sich dann erneut in irgendwelche Ecken. Mit eng angezogenen Beinen, verschränkten Armen über ihren Kopf und ganz fest zusammengekniffen Augenlidern, verschwindet sie im Raum der totalen Schwärze. Gespannte Anspannung. Gedanklich reduziert sie sich auf ein Minimum und betet hoffnungsvoll. „Ich bin ganz und gar nicht da. Vielleicht ein Staubkorn noch, mehr aber nicht. Dieses Mal bin ich unauffindbar! Das muss es jetzt doch sein, das perfekte Versteck, oder?“ Doch dieser Zweifel lässt sie nur einen Sekundenbruchteil später durch ihre Deckung linsen und sie erschreckt sich gar fürchterlich. „Da hab ich dich!“ ruft ihre Mutter Alice siegestoll und reißt ihre Tochter mit einem gekonnten Griff aus ihrer Pose hoch empor. Lena strampelt wehrhaft mit ihren Füssen und windet sich laut schreiend in den Händen ihrer Mutter. Die Klauen der Übermacht. Alice hebt ihre Tochter als Zeichen des Triumphs hoch über ihren Kopf hinaus und schüttelt sie leicht durch. Lena spürt den festen Druck der Hände auf ihren Hüftknochen und fühlt sich alles andere als sicher. Hilflos. Irgendwann hat sie angefangen sich ganze Festen aus Stühlen und Decken zu errichten, ohne Erfolg. Und selbst riesige Stoffdecken vermochten es nicht, sie unsichtbar zu machen. „Wie geht das?“ fragt sie sich verzweifelt. All ihre Burgen und Schlösser, die sie sich ersann und die sie sich erbaut hatte, fielen unter dem Ansturm der unerbittlichen Feldherrin. Allesamt wurden sie erobert und ihr schützender Wall durchbrochen. Jedes Mal musste Lena schutz- und wehrlos aufgeben. Kapitulation. Wie sie ihre Flucht auch unternommen hat. Lena hat das Gefühl bekommen ihrer Mutter nicht entfliehen zu können. Ganz egal wo sie hingehen wird, der Schatten ihrer Mutter wird sie verfolgen. Dabei wünscht sie sich so sehr dieser empfundenen Enge entfliehen zu können. So sehr. Das drückende Gefühl der Machtlosigkeit hat bereits seinen Anker weit ausgeworfen und sich tief unten auf ihrem aufgewühlten Grunde fest verankert. Unbewusst läuft sie gegen diesen Widerstand an und wird dadurch immer wieder zurückgehalten. Lena hält sich zurück. Zurückhaltend. Einige Zeit später hat sie sich missmutig und enttäuscht aus dem Spiel gezogen, denn die Lust an diesem Spiel ist ihr endgültig vergangen. Dieses Spiel bereitet ihr einfach keine Freude mehr und sie lässt sich dazu auch nicht mehr animieren. Antriebslos. Aber nur wenn es um das Versteckspiel geht, denn Lena ist begeistert. Aufgeweckt durch eine rege Fantasie. Und genau diese Begeisterung wird zu Lenas Flucht. Zuflucht. Sie weiß jetzt wie! Gedacht und erfunden. Erdacht und gefunden. Ihre eigenen ganz persönlichen Spielgefährten. Fantastisch wahrhaftige Wesen die sie fortan auf ihren abenteuerlichen Wegen begleiten werden. Und davon gibt es einige. Die Anzahl ihrer engsten Vertrauten allerdings zählt genau drei. An dritter Stelle also, steht der tollpatschige MO. Ein kleiner Stofftiereisbär, der mit seiner behäbig gemütlichen Art für herzzerreißend komische Momente sorgen kann. So ist der kleine Eisbär unschätzbar wichtig für Lena, weil sie in diesen Momenten alles vergessen kann. In minutenlangen Lachanfällen befreit sie sich so aus den engen Fesseln der Beherrschung. Einzig und allein durch MOS Art und Weise. Unschuldiges Kinderlachen, geistreiche Fantasie! Dem entgegen steht HENK. Ein Stofftierdinosaurier der einfach nur zu niedlich aussieht. Hellgrün mit gedrungenen Ärmchen und einer roten Strubbelmähne. Aus seinem Gesicht ragt eine runde Knollennase und aus seinen Augenhöhlen lachen zwei schwarze Augenknöpfe heraus. Alles andere als furchteinflößend. Doch HENK hat eine grausame, furchterregende Art, die besonders dann zum Vorschein kommt, wenn es darum geht das junge Leben der Prinzessin zu verteidigen. Schon so etliche alptraumhafte Wesen mussten das schmerzlich erfahren. Ist HENK in der Nähe haben Geister nichts zu spuken. Keine Chance! An erster Stelle steht ihre Puppe LONI. Die Kaiserin. Sie ist die Große. Die Erhabene. Sie flüstert Lena die tollsten Ideen ins Ohr und ermutigt sie allzu oft, nicht zu verzagen. So ausweglos manche Situation auch erscheint. „Gib nicht auf mein Kind!“ LONI wird immer da sein und würde Lena niemals alleine lassen. LONI passt auf. Mit Gewissheit. Seitdem schreitet die kleine Prinzessin mutig voran, um diese Welt mit all ihren Geheimnissen zu entdecken. So hat Lena erst die Räumlichkeiten des Hauses entdeckt und später dann die Terrassentür. Vollkommen selbständig und sicher hat sie diese Tür geöffnet und damit die Pforte zu ihrem ganz persönlichen Paradies aufgestoßen. Ein wahrer Lustgarten ihrer Träume offenbarte sich ihr da. Wenn Wünsche wahr würden dann hier! Traumgarten. In diesem großen Garten hinter dem Haus ihrer Eltern fand sie später noch eine weitere Tür die sie in den angrenzenden Wald führte und in dem sie schon so manches Abenteuer erlebt und dazu das ein oder andere Schlupfloch entdeckt hatte. Besonders an heißen Sommertagen spielt sie gerne im kühlen Schatten der mächtigen Buchen des Waldes. „Und wenn ich einmal Zeit habe ...“ so begann ihr Vater sein Versprechen „... werde ich dir ein Schloss in der größten und schönsten Krone einer Eiche bauen. Nur für dich meine Prinzessin!“ Dabei schaute er seine Tochter nicht einmal an, sondern stand einfach nur verträumt da und lächelte gefällig. Lenas Vater meinte damit die große Eiche die bei ihnen im hinteren Teil des Gartens wächst und die sich mit weit ausladender Krone an den Waldrand schmiegt. Einladend und mächtig. Knorrig und unheimlich. Gewaltig genug um ein Baumhaus sicher zu tragen. So eine großartige Idee von ihrem Vater! Lenas Fantasie spielte unendliche Projektionen ab und malte ihr die schönsten Bilder dazu aus, wie sie hoch oben mit ihrem Gefolge alles überblicken würde. Ein Schloss in den Wolken! Wolkenschloss. Allerdings ist es zur Umsetzung seiner Idee bis jetzt nicht gekommen. Ein Luftschloss das Lena seither bewohnt, worin auf Nebel ihr guter Glaube thront. Lena glaubt immer noch daran. Irgendwann einmal.
Heute ist ein kühler Frühlingstag und Lena sitzt mit ihrer Gefolgschaft im Garten um sich abzulenken. Lena flieht. Weit auf steht die Terrassentür und sie kann die lauten Stimmen ihrer Eltern hören. Sie kann diesen Umstand nicht mehr ertragen in diesen Situationen mit sich allein zu sein! Ewig allein mit ihren Sorgen. Da können auch ihre Gefährten ihr nicht mehr weiterhelfen. Sie wird zu einer Gefangenen ihres Kopfes und die Gitterstäbe, die sie von der Realität isolieren, sind ihre Gedanken dazu. Kopfknast. Laut, stetig lauter werden die Stimmen ihrer Eltern die aus der Küche dröhnen. Unbedacht zwingen sie ihre Tochter in eine akustische Zwangsjacke aus der sie sich nicht aus eigener Kraft befreien kann. „Warum schreien sich Mami und Papi so an?!“ ruft Lena fragend in ihrer geistigen Aufruhr. Einer von jenen Momenten an denen Lena mit sich selber spricht. Einer der Momente bei dem sich ihr Wunsch sich aufzulösen immer mehr in den Vordergrund drängt. Wenn der Druck zu groß wird und sie keine andere Möglichkeit hat aus ihren Gedanken zu fliehen bricht sie lautstark in Tränen aus. Ausbruch. Verzweifelter Ruf, betroffene Stille. Dann hat Lena einen kurzfristigen Waffenstillstand zwischen ihren Eltern erzwungen. Momente trügerischer Ruhe. Oft wird sie mit verheißenden Versprechen getröstet. Ihren Eltern täte es Leid und das so etwas nicht noch einmal vorkommen wird. „Hey weine nicht mein Schatz, es ist doch alles wieder gut! Mami und Papi streiten nicht mehr, siehst du?“ sind die beschwichtigenden Worte und Versuche ihrer Eltern um ihr Vertrauen zu geben. Kurz darauf werden ihr noch neue Sachen zum Spielen geschenkt. Lena will aber keine neuen Spielsachen. Sie hat doch ihr Gefolge! Erkennen ihr Vater und ihre Mutter das denn nicht? Sie hat alles womit sie glücklich ist! Nur das was Lena wirklich will erahnen Christian und Alice anscheinend nicht. Lena will Ruhe und einen Ort der Stille. Sie will nicht mehr die lauten Streitereien ihrer Eltern hören müssen, die wie Wasser bei Rohrbruch durch die Wände sickern und nasse Pfützen auf dem Boden hinterlassen. Nasse Pfützen die sie wie durch einen permanenten Strohhalm aufzieht und deren Nässe am anderen Ende des Halmes wie beständiger Regen in ihr Inneres hineinprasselt. So wird sie immerzu geflutet von diesen Impressionen, die sie traurig machen und ihre Glückseligkeit ertränken. Schier grenzenlos weitet sich ein Meer ihrer Tränen in ihrem Brustkorb. Ein weiter Ozean, in dem ihre Wünsche gurgelnde Schäume brechender Wellen sind. Genährt durch Traurigkeit. Genährte Traurigkeit. Blues. Unerträgliche Gefühle von Unsicherheit und der totalen Ohnmacht gegenüber ihren Eltern belasten sie seither rund um die Uhr und die heiße Nadel des Zweifels sticht fiese kleine Wunden auf die noch dünne Haut ihres Gewissen und die entfachte Flammenzunge an der Nadelspitze züngelt brennend heiß an ihrer unerfahrenen Seele. Nur ein kleines Stück entflammt, erlischt und schwelt. Nur. Stück für Stück. Immer deutlicher hebt sich das Stigma aus Narben und dunklen Flecken hervor. Ein seelisches Brandmal das unwiderruflich verewigt wurde. Die Fratze unschuldiger Kindheit.
Mit einem Knall schlägt die Küchentür in die Zargen und jagt dem kleinen Mädchen einen heftigen Schreck durch ihren zerbrechlichen Körper. Aufruhr und Apathie. Lena stiert mit glänzenden Augen auf ihre Spielsachen nieder. Erstarrt und perplex. LONI rührt sich nicht. HENK und MO liegen einfach nur still und apathisch da. Verzweifelt und hilflos greift sie LONIS Hand. „Erwache doch!“ fleht Lena. Ihre Fantasie erstickt unter dem tonnenschweren Druck gebündelter Schreie. Lena ist jetzt nicht einmal in der Lage zu heulen um den Streit so zu beenden. Stumm. „Und? Hast DU da auch mal an mich gedacht? Immer dreht es sich nur um DICH!“ Lena hält sich die Ohren zu. Eine Tasse knallt laut auf den Küchentisch. „Hier dein Kaffee! Darf es sonst noch was sein?“ Schall der Verachtung dringt dumpf durch ihre Handflächen. „Sag mal spinnst du?“ Holzbeine knurren über den gefliesten Küchenboden. Ein Klirren und Scheppern folgt darauf. Unergründliche Traurigkeit schnürt Lena die Kehle zu. Verzweifeltes Schluchzen und Atemholen. Ein Prusten. „Schlafen. Aufstehen. Hol mich wer! Ameisen. Blitz.“ Ihre Gedanken rotieren wie ein Malstrom. Gedankenflucht. Die Außenwelt beginnt sich zu drehen und Lena schließt ihre Augenlider. Schwindel erregt tanzt es in ihr. Ein Sog, der sie immer tiefer in die unendliche Flucht ihres Geistes hinab zieht. Tief hinab auf den Grund ihres Tränenmeeres. Jetzt liegt das kleine Mädchen einfach nur still da und ruht entspannt und zufrieden unter einer schützenden Luftblase. Trocken und sicher auf dem Grunde. Ausgeschlafen? Aufstehen! Die Blase zerplatzt und Lena kommt zu sich. Selbstsicher steht sie auf und klaubt mit sicheren Griffen HENK und MO von der Wiese. MO wird von ihr in die linke Jackentasche gestopft und HENK in die rechte Jackentasche. HENK schaut mit seinem Kopf und seiner roten Mähne, wie ein Streichholz aus geöffneter Schachtel, aus der Tasche heraus. Die kleine Prinzessin greift LONI bei der Hand und hüpft mit ihr vergnügt über die Gartenwiese in Richtung Wald. Dabei schwingt der Bommel ihrer bunten Wollmütze freudig hin und her. Ihr Anorak, eine Nummer zu groß, quietscht locker im Takt. Sie wächst ja noch! Keine Spur von Traurigkeit und Zweifel. Keine akustische Zwangsjacke die sie zwängt und kein Sog der ihren Geist zu Boden zieht. Alles ruhig. Alles friedlich. Und es gibt nur noch einen Gedanken der sie jetzt beschäftigt. Denn endlich ist der Tag gekommen an dem sie ihr neues Quartier beziehen wird. Lena hat es hier in diesem Wald vor ein paar Tagen erst entdeckt. Es ist kein Versteck wie man sich ein Versteck vorstellen würde. Kein schützendes Gebüsch und keine Bude aus gefundenen Gegenständen. Nein, all diese Beschreibungen treffen nicht zu. Es ist ein alter Bombenkrater der sich zwischen drei hohen Buchen in die Tiefe senkt. Sein Durchmesser beträgt in etwa vier Meter und sein tiefster Punkt liegt bei etwa drei Metern. Dabei ist er so offensichtlich gelegen, auf dass er doch wundersam verborgen bleibt. Lena schreitet auf die vermutete Stelle zu und schaut sich immer wieder suchend um. Ob sie sich nicht doch geirrt hat? Sie kann sich gerade nicht an den Zugang erinnern. Denn um den Krater zu betreten muss sie zuvor noch eine kleine Anhöhe überwinden, die sich wie ein schützender Ring um diesen Krater schließt und somit jeden Blick auf die bloße Erde ablenkt. Das perfekte Versteck! Mit einem wissenden Grinsen verrät sich ihre Erinnerung. Lenas Gesicht strahlt voll erfüllter Freude. Sie erinnert sich wieder an diesen Ring und schreitet flink den kleinen Erdwall hinauf. Vorsichtig betritt sie den Kraterrand und schaut prüfend in den Trichter. Langsam dreht sich die kleine Prinzessin um, legt sich LONI vor ihre Füße und stützt sich mit den Händen auf der Erde ab. Mit spitzer Sohle beginnt sie sich voran zu tasten, um Halt zwischen den dicken Wurzeln zu finden, die aus der Erde hervor wachsen. Lena stellt sich fest auf eine breite Wurzel und zieht LONI nach, die sie sicher auf die Erde unter sich fallen lässt. Nach einem kurzen Abstieg kommt sie auf einem Koffer großen Plateau zum Stehen. Lena hockt sich auf die Erde und schwingt ihre Beine über knochige Wurzeln hinweg, um sie frei über dem Abgrund baumeln zu lassen. Ringsherum laden die Wurzeln ebenfalls zum Sitzen ein. Ganz genau schaut sie sich die einzelnen Positionen für ihr Gefolge aus. Der Prinzessin eigenes Amphitheater! Das Mädchen klatscht vor Begeisterung in die Hände, steht auf und beginnt leichtfüßig über die hervorragenden Wurzelstrünke zu balancieren. Nach und nach platziert sie ihre Liebsten einzeln auf die jeweils ausgewählte Position und setzt sich selbst nach getaner Arbeit zurück auf ihr Plateau. LONI hat sie sich links neben sich gesetzt und erfreut sich nun an dem Bild, wie ihre Gefolgschaft um sie herum sitzt und sie anschaut. Privataudienz. Goldene Sonnenstrahlen dringen durch das noch nicht belaubte Kronendach der Buchen und Lena empfängt diese Sonnenstrahlen genießerisch mit nach hinten gestrecktem Kopf. Wie ein warmes Tuch legt sich die Energie der Sonne auf ihr vor Kälte rotes Gesicht. Ihre bunte Wollmütze rutscht dadurch etwas schräg von ihrem Kopf und auch ihr Anorak ist nicht ganz zugeknöpft. Plötzlich weckt ein pochendes Geräusch ihr Interesse und Lena horcht auf. Mit gespitzten Ohren versucht sie dem Geräusch zu folgen. Tastend fährt sie mit ihren kleinen Händen über die freien Erdstellen neben sich. Nichts. Ihre Ohren sind nach wie vor spitz. Raschelnde Geräusche aus der Umgebung beleben die Stille um sie herum. Seltsam lebendig, Das Rascheln wird vom Wind zu ihr herüber getragen und scheint eine fremde Sprache zu flüstern, die sich in ihren Ohrmuscheln verfängt und unverstanden in ihrem Filter landet. Codiert. Lena fängt an zu frieren und zuckt vom klatschenden Flügelschlag aufgescheuchter Vögel zusammen. Ihr wird es unheimlich zumute. Da raschelt es wieder. Laub knistert. Trockene Äste brechen. Wer oder was schleicht da durch den Wald? Wird sie beobachtet? Sie schaut sich um. Etwas ist dort. Leicht beugt sie sich zu ihrer Puppe herunter und flüstert ihr zu: „LONI da ist Etwas?“ Lena schreit auf! Vor ihrem Gesicht strecken sich zwei Hände aus den Wurzeln der Bäume ihr entgegen, die mit ausgestreckten Zeigefingern auf sie zeigen. Mit stierenden Blick auf die hölzernen Hände sitzt sie wie erfroren da und ist gar nicht in der Lage auch nur einen Hauch zu atmen, noch sich einen Millimeter weit zu bewegen. Der Schreck gefror sie mit eisiger Kälte und erhöhte die Spannung ihrer Glieder. Schockgefrostet. Seltsamerweise verspürt sie dabei keinerlei Angst. Lena hat sich nur gehörig erschrocken und sie fühlt sich von den Händen eher sonderbar überrascht, als wirklich verängstigt. Und weit Sonderbares geschieht nun. Geschickt knöpfen die hölzernen Hände ihren Anorak zu, rücken ihre bunte Wollmütze auf ihrem Kopf zurecht und binden deren Schnüre unter ihrem Kinn zu einer Schleife zusammen. Fertig. Anerkennend tätschelt eine hölzerne Hand ihren Kopf. Immer noch erstarrt und sprachlos stiert das kleine Mädchen mit aufgerissenen Augen und offenem Mund auf diese Erscheinung. Die Wurzelhände erstarren vor ihrem Gesicht und wirken fragend. Eine ansprechende Geste. Lenas Gesichtszüge beginnen sich zu entspannen und ihr Gesichtsausdruck wird wieder weicher. Wärme zieht sich zurück in ihre Glieder, der Schreck ist überwunden. Aufgetaut. Ihre Neugier triumphiert. Sie holt tief Luft und wie von selbst streckt sich ihre Hand aus, um die hölzernen Fingerspitzen mit ihren Fingerkuppen zu berühren. Berührt. Kühl fühlen sich die Fingerspitzen an. Ein schwacher Puls pocht gegen Lenas Finger. The first contact. Auch die hölzernen Hände empfinden diesen Strom und schrecken mit gespielten wellenförmigen Bewegungen zurück. Dann drehen sie sich auseinander. Eine Hand ebbt nach links, die andere Hand nach rechts. Kunstpause. Dann formen die Finger der Hände jeweils einen Kopf und mimen zu laufen. Lena lacht laut und schrill auf! So etwas hat sie jetzt nicht erwartet. Belauernd schauen sich die zwei geformten Köpfe an und ein irrwitziges Mimenspiel beginnt. Ihr Argwohn ist endgültig besiegt und sie bleibt ganz und gar fixiert auf das Spektakel vor ihr, das ihr nur zu sehr gefällt. Minuten der Sorglosigkeit. Das ihr so etwas Schönes doch passiert? Hier und Jetzt. „Seid ihr die Hände des Waldes?“ fragt Lena prompt mit der Gewissheit eines Kindes, das ganz genau weiß: „Es muss so sein!“ „Ja. Hier sind wir die Hände des Waldes, aber diese Hände hier ....“ die Stimme unterbricht. Aufgerichtet zeigen die zwei hölzernen Hände ihre hellbraunen Handinnenflächen. „...sind nur ein Teil unserer wahren Gestalt hier“, setzt die körperlose Stimme geheimnisvoll fort. „Hier?“ fragt Lena neugierig nach und versucht die Hände erneut zu berühren. „Hier ist nicht unsere Welt.“ Die Stimme verhallt im Echo und ihr Griff fasst ins Leere. So schnell wie die Hände aufgetaucht sind, so schnell sind die Hände jetzt verschwunden. Beunruhigt schaut Lena sich um und blickt fragend in die Gesichter ihrer Gefährten. Keinen Rat. Ratlos. Erneut beginnt dieses Rascheln, es klingt jetzt kratzender als zuvor. Lena erschrickt. Etwas ist in ihrem linken Hosenbein ihr Bein hinauf gekrabbelt. Ehrfürchtig blickt sie in den Trichter. Der Boden unter ihren Füßen schwappt wie dunkelbrauner Kaffee. „Was geschieht hier?“ die kleine Prinzessin hält intuitiv die Luft an. Ihre Füße tauchen in den Kaffee ein und der Pegel steigt weiter an. Es müssen Milliarden sein! Lena sitzt in einem riesigen Ameisenhaufen! Bis zu ihren Schulten ist die Masse nun schon aufgestiegen. Rasend schnell. Lena röchelt und spuckt aus. Zu spät! Schreie! Nur verstummt. Ihre Zunge betäubt durch die Insekten und aus ihrem Mund strömt schon eine ganze Straße dieser emsigen Kreaturen. Nase und Ohren werden zu nötigen Umleitungen. Verstopfte dunkle Kanäle. Nur noch der Bommel ihrer bunten Wollmütze schaut wie der Apfel obenauf aus dem ruhelosen Haufen. Es dauert nur einen Bruchteil einer Sekunde bis auch er in der Flut versinkt. Verschluckt! Tonlos verebbt das Szenario. Unschuldig und verträumt zeigt sich der Wald wieder von seiner gewohnt friedlichen Seite, als wäre das Alles nie geschehen. Unauffindbare Stille!
„LAUTLOSE GEWITTER DIE UNS ABLENKEN, LAUTLOSE GEWITTER WENN WIR UNS WAS DENKEN!“
Lena windet sich hin und her und sträubt sich vor Ekel. „Das ist ekelig!“ platzt es aus ihr heraus. Sie schüttelt sich wie ein nasser Hund und klopft sich mit ihren Händen alles ab. Zuerst fährt sie mit ihren kleinen Händen über ihren Körper, dann über ihren Kopf und zuletzt über ihr Gesicht. Jede Stelle ihres Körpers kribbelt unter dem Tritt Milliarden kleiner Beinchen und ihre feinen Härchen auf der Haut stehen wie statisch geladen. „Beruhige dich mein Kind. Die Ameisen sind fort. Du fühlst sie nur noch“, gibt die körperlose Stimme aus dem Wald ihr zu bedenken. Lena hält inne und schaut an sich herab. Sie rubbelt sich mit ihren Händen noch einmal durch ihre Haare. Und ein letztes Mal schüttelt sie ihren Körper kräftig durch und lässt dabei ihre kleinen Beine tanzen. Nur zur Sicherheit. Alles wieder gut! Beruhigt. Jetzt ist sie sich sicher, dass tatsächlich kein einziges Insekt mehr über und durch sie hindurchkrabbelt. Kindliches Gemüt, überrannt von Neugier. „Ist das dein Zuhause?“ fragt die Reisende erwartungsvoll und mustert die Umgebung mit scharfem Blick. „Ja, das hier ist meine Welt“, erklingt die ihr mittlerweile vertraute Stimme wieder. Es kommt ihr so vor als würde die Stimme ihr mit weisendem Finger diese neue Welt zeigen. Fingerzeig. Lena steht auf einer blühenden, endlos weiten Wiese unter einem Baum und kann das alles gar nicht so recht fassen. Sie hockt sich hin und streicht mit ihren Händen über die hohen Grashalme. Diese fassen sich nicht anders an, vielleicht etwas fester, als in ihrer Welt stellt sie fest. Aber, wie zuhause. Vertraut. Alles nur ein böser Tagtraum! Lena schaut sich weiter um und zieht mit gekrauster Nase tief die Luft ein. Ihr fällt auf, dass es hier feiner riecht. So wie geschnittenes Gras an einem warmen Sommertag. Blumig und frisch. Kein bedrohlicher Geruch vor dem sie Angst zu haben braucht. Sie fühlt sich wohl und keineswegs fremd an diesem Ort. Zudem ist es hier still. Seltsam still. Ist das die Ruhe nach der sie sich so sehr gesehnt hat? Sie pflückt sich ein paar Wiesengräser und lässt sich entspannt mit dem Rücken in das kniehohe Gras fallen. Verträumt schaut sie in die Krone des Baumes über ihr und beobachtet seine flatternden Blätter. Kleine Fähnchen im Wind. „Hier haben sich die Bäume schon angezogen“, denkt Lena und schaut weiter an den Baumwipfeln vorbei zu den Wolken, ohne zu bemerken, dass sie selbst angeschaut wird. Diese Wolken hier strahlen viel weißer, als bei ihr Zuhause und auch das Firmament wirkt viel heller in seinem Blau, das in der Tiefe dunkler wird. „Hast du eigentlich ein Haus?“ fragt Lena, der es gerade in den Sinn kommt, ohne darauf eine Antwort zu erhalten. Bisher hat sie keinerlei Häuser entdecken können und dass diese Stimme einfach nur erklingt und scheinbar keinen Körper besitzt, wundert sie nicht. Zu ihrem jetzigen Gedanken passt nur: „Wer spricht muss auch irgendwo wohnen?“ Ganz einfach. Hinter ihr streift irgendetwas geräuschvoll durch die Wiese. Lenas Wachsamkeit schlägt Alarm. Blitzschnell springt das Mädchen auf und dreht sich sofort um. Nicht schon wieder! Dunkelgrüne Augen funkeln sie beruhigend an. Irgendetwas? Es ist eine Katze. Zum Glück! Nur eine Katze? Was sollte ihr eine Katze schon antun? Ohne Scheu vor dem unbekannten Menschenkind schreitet das Tier weiter zielstrebig auf Lena zu. Verloren ist jegliches Bedenken. Das Tier spürt Lenas Gefasstheit. „Du hast mich ganz schön erschreckt, weißt du das überhaupt?“ empört sich die kleine Prinzessin über das ihrer Meinung nach ungezogene Verhalten der Katze. „Das lag nicht in meiner Absicht. Demnächst werde ich mich mit einem gebührenden Miau zu erkennen geben“, kontert die Mieze in einem sanften Tonfall. Sie versteht sehr wohl Lenas Empörung. Abrupt verliert die kleine Dame ihre Haltung, denn mehr als zu stottern ist ihr gerade nicht möglich und sie lässt sich überrascht an Ort und Stelle auf ihren Hosenboden sinken und versucht diese Begegnung zu begreifen. Ihre Beine verschränken sich dabei automatisch zum Schneidersitz. Majestätisch setzt die Katze ihren eleganten Schritt fort. Fasziniert schaut Lena dem Tier dabei zu. Verzückt streckt sie eine Hand aus, denn das Hallo versteckt sich immer noch hinter der Überraschung und ein Impuls gibt ihrem Verstand zu verstehen, die Hand zur Begrüßung vorzustrecken. Anmutig und mit erhobenem Kopf schreitet die Katze Lena entgegen und nimmt die Geste des kleinen Mädchens freudig an. Mit einem wohligen Schnurren dreht sie ihren Kopf in die kleine Handfläche hinein und wölbt erregt einen Buckel. „Das ist doch viel schöner als angefaucht zu werden“, bestätigt die Katze und dreht sich elegant auf den Rücken. „Du bist gut!“ kichert Lena mit erstarkter Stimme und krault mit ihren Fingern durch das offen präsentierte Bauchfell. Ergeben. Durch die Berührung der Katze erfährt Lena Vertrauen und auch dass Katzen sprechen empfindet sie als ganz normal. Denn sie hat das schon immer gewusst, dass diese Tiere das können. Katzen sind einfach nur viel zu klug, diese Begabung jedem Menschen zu offenbaren. „Ich mag es auch nicht, wenn man mich anfaucht, oder wenn sich Menschen gegenseitig anfauchen“, erklärt Lena mit den Worten der Katze und denkt dabei an ihre Eltern, die sich an diesem Tag wieder einmal gestritten haben. Und das tut ihr weh. Nicht, dass sie fern von Zuhause ist, sondern einfach nur, weil diese Sinnlosigkeit Lena überfordert. Sie sieht keinen Sinn im Streit. Sie sieht nur, wie die Menschen um sie herum zerbrechen nachdem sie sich gestritten haben. Lena versteht nicht, dass Streit auch etwas Positives haben kann. Dass Einsicht und Respekt den Konflikt klären und den zuvor erlebten Stress wieder ausgleichen können. Versöhnung. Friedensschluss. Sie sieht ihre Eltern, die sich immer weiter voneinander entfernen und wohl nicht mehr zueinander finden werden. Ihre glänzenden Augen verraten ihren Trübsinn. „Sei nicht traurig Prinzessin. Es wird immer einen Weg geben, den alle Lebewesen dieser Welt für sich gehen werden. Wir müssen nur lernen, das zu verstehen und dazu gehört auch, zuzuhören. Kein Staudamm hält ewig Wasser und jede Träne fließt nur einmal“, ermuntert die Katze wissend. „Du darfst deine Schleusen öffnen um deine Täler zu speisen. Alles hat seine Gründe. Du wirst sie sehen wenn du es tust“, fügt das Tier weise hinzu. Tränen rinnen über Lenas Wangen und stürzen zu Boden. Regentropfen des Bewusstseins. Hat die Katze sie gerade Prinzessin genannt? Das Tier liegt immer noch ruhig vor ihr und beobachtet wie Lenas Tränen zu Boden fallen. Lena kommt nicht dazu weiter darüber nachzudenken ob. Abrupt wird sie von der Katze abgelenkt. Reflexartig hat das Tier mit ihrer Pfote eine Träne aufgefangen und damit ein kleines Wunder vollbracht, denn die Träne behält ihre Form und funkelt auf der Pfote wie ein tropfenförmiges Prisma im Sonnenlicht. Lichtbruch. Noch einmal schnieft die Prinzessin geräuschvoll, bevor die Begeisterung ihren Tränenfluss endgültig stoppt. „Das ist wunderschön“, haucht Lena. Ganz vorsichtig versucht sie den funkelnden Tränentropfen zwischen ihre Fingerspitzen zu nehmen. Entspannt. Mit der Berührung reißt die dünne Haut der Träne und zerfließt zu einer kleinen Pfütze auf ihrer Fingerbeere. „Wie hast du das gemacht?“ fragt Lena irritiert. Erschrocken reibt sie ihre Finger gegeneinander und schaut sehnend auf ihre feuchte Fingerhaut. Warum kann etwas Schönes nicht bestehen bleiben? Warum eigentlich nicht? Gedanken-verloren streichelt Lena über den weichen Pelz des Tieres. Die Katze hat sich in der Zwischenzeit auf den Bauch gelegt und schaut zufrieden zu dem Mädchen auf. „Wie heißt du?“ fragt Lena nach. Ihr ist aufgefallen, dass sie noch gar nicht vorgestellt haben. Doch bevor die Katze auf Lenas Frage antwortet setzt sich das Tier auf seine Hinterläufe und schaut die Prinzessin konzentriert mit ihren zwei hypnotisch wirkenden Smaragden an. Lena empfängt etwas mit diesem Augenblick, dass sie bisher noch nicht erfahren hat. Eine tiefe Einsicht begleitet von einem ungewohnt positiven Gefühl, das sich wie warmes Wasser in ihrem Bauch ausbreitet. Das kosmische Gefühl der Verbundenheit. Verbunden mit allem. Connected to everything. Sie hat mit einem Mal die Gewissheit, dieses Wesen hier schon ewig zu kennen. Und auch, als ob diese Welt hier schon eine Ewigkeit existiert! Existent. Eine Lebensspanne spannt ihren Bogen so weit wie gelebt. Weder definierbar, noch vorhersehbar. Spannungsbogen. Die Spannung erhält sich so lange die Energie durch die Adern der Schöpfung fließt und der Quell des Lebens erst durch Erschöpfung versiegt. Abspann. Katzenaugen. Grünes durchsichtiges Glas. Lenas Blick durchdringt das grüne Fensterglas und blickt hinein in die unergründliche Schwärze schöpferischer Kraft! Hinter den Kulissen. Ihr Verstand wird hinausgezogen und verliert sich im gesamten Raum der Schwärze. Jegliche Definitionen sind aufgehoben und Lena genießt intuitiv ihren Flug durch diesen Raum. Denn sie vertraut. Blind. Und sie lauscht dem urelementaren Geräusch. Stille! Das kleine Mädchen erfasst diesen Zustand noch nicht in seiner unermesslichen Bedeutung, sie fühlt ihn nur. Und sie spürt die Kraft der Erfahrung die die Instinkte ihres Wesens weckt. Intuition. Intuitives Leben intuitiv zu leben. Intuitives Leben. Intuitiv zu leben! „Vertraue dir!“ In sanften Schüben verebbt der geflüsterte Satz bis nur noch eine Ahnung von ihm übrig ist. Mit einem Zwinkern, laut wie ein Fingerschnippen, bricht die Katze den Bann und wartet bis Lena sich gesammelt hat. Wache Augenpaare schauen sich an. Bereit. „Mein Name ist SCUBBLE und wie heißt die Prinzessin hier?“ erneut sucht das Tier die Zuwendung des Mädchens und dreht dabei ihren Kopf unter Lenas Handfläche. Durch SCUBBLES Drolligkeit wird sie regelrecht geerdet. Jede Realitätsebene ist eine Traumebene! Träumend wach, wach träumend. Träumend lebendig. Benommen von der Wahrhaftigkeit. „Lena“, entgegnet das Mädchen knapp, aber mit deutlich hörbarer Verzückung. Sie nimmt das linke Ohr von SCUBBLE zwischen Daumen und Zeigefinger und beginnt damit, es sanft zu massieren. Lena beobachtet zufrieden wie SCUBBLE ihre Ohrmassage genießt. „Und das ist ELDRIOR mein ältester Freund“, fügt SCUBBLE wohl schnurrend hinzu. Mit ihrer Tatze deutet sie auf den belaubten Baum hinüber, der vor Lenas Rücken steht. Sie schaut sich suchend um. Nach demjenigen den SCUBBLE wohl gemeint hat. Noch immer sitzt sie im Schneidersitz in dieser duftenden Blumenwiese und dreht sich jetzt um. Niemand. SCUBBLE räkelt sich vergnügt zu Lenas Knien, so als wenn ihr ein Spaß gelungen wäre. „Wen meinst du mit ELDRIOR?“ fragt Lena nach, die den Wink der Tatzen nach oben nicht verstanden hat. „Hallo Lena. SCUBBLE meint mich!“ spricht die ihr bekannte Stimme. Sie klingt nun viel tiefer und voller, aber genauso sanft wie zuvor. Daraufhin neigt sich die Krone des Baumes mit hörbarem Knarren ein Stück weit nach vorne. ELDRIOR verneigt sich mit aller Höflichkeit vor der Prinzessin. Lena schaut hinauf in die Baumkrone und erkennt schon bald inmitten des Kronenansatzes oberhalb des Stamms, bevor die Verzweigung beginnt, ein verwittertes Gesicht in der Borke. Die Stimme des Waldes erklingt aus einem Baum! „Bist du ein ENT?“ fragt Lena spontan. Erst vor kurzem wurde ihr die Geschichte über die Gefährten aus dem Auenland vorgelesen. „Ein was?“ fragt ELDRIOR mit sichtlicher Überraschung. „Na, ein Baumwächter. Ein Hüter des Waldes“, setzt Lena euphorisch fort. ELDRIOR schweigt eine Sekunde. Unmerklich für das kleine Mädchen. Die Wahrheit wäre jetzt zu viel für Lena. Stattdessen spielt ELDRIOR weiterhin den Überraschten und entscheidet sich dafür, ihr eine andere, kurze Version seiner Geschichte zu erzählen. „Ich werde von den Bewohnern dieser Welt ELDRIOR genannt und als Baum der Weisheit verehrt. Ich bin der älteste Baum dieser Art und der Einzige weit und breit. Ich gebe den Wesen und Menschen hier Antworten auf ihre Fragen, die mich besuchen. Oder sie besuchen mich um einfach nur zu reden. Ich höre jedem Einzelnem zu und bei Zeiten erzähle ich ihnen selbst Geschichten aus meinem über Jahrhunderte reichenden Leben.“ Mit diesen Sätzen schließt ELDRIOR seine Vorstellung ab. Er bemerkt Lenas Müdigkeit, die den Sinn seiner Worte nicht mehr erfassen kann. Außerstande neugierig nach den Wesen und Menschen zu fragen, von denen ELDRIOR besucht wird. Und was sind das für alte Geschichten die dieser Baum zu erzählen hat? Über Jahrhunderte? Stattdessen blickt das Mädchen einfach nur verträumt in die Ferne. Auszeit. Mit der Ermüdung im Schlaf naht das Erwachen! ELDRIOR lässt eine Schlinge aus Luftwurzeln herab. „Hast du Lust ein wenig zu schaukeln?“ fragt ELDRIOR. Er weiß, dass nun die Zeit des Abschieds gekommen ist. Lena ist verblüfft und mit einem Mal wieder ganz das wache Mädchen. Mit letzter Kraft. Zuhause hat sie nur einen alten Reifen der an einem Seil befestigt ist und von einem dicken Ast getragen wird. Es fehlt diese fantastische Lebendigkeit. Mit einer flinken Drehung löst sie sich aus ihrem Schneidersitz heraus, steht auf und greift begeistert nach der hölzernen Schlinge. Prüfend zieht sie an den Wurzeln. ELDRIOR lacht auf. Lenas aufgeweckte Art und Weise bewegt ihn dazu. Bäume sind nicht kitzelig. „Nun so alt und morsch ist mein Holz nun auch wieder nicht, als das ich dich nicht tragen könnte“, erwidert ELDRIOR selbstsicher. „Ich glaube Dir dass du stark bist! So etwas habe ich nur noch nie gesehen“, erläutert sie überrascht. Lena fasst mit der rechten Hand den linken Luftwurzelstrang, dreht sich um und fasst dann mit der linken Hand den gegenüberliegenden Strang. Geschickt zieht sie sich auf die Wurzelschlinge und beginnt mit beiden Beinen auf und ab zu pendeln. Ganz so wie ein Pendel in einer großen Uhr. Es ist Zeit. Ein Gefühl der Schwermut ergreift sie ein weiteres Mal. Alles hier scheint so wahr zu sein. So echt. „Ich will hier mein Zuhause haben!“ wünscht sie sich. Lena durchströmen Gefühle der Sehnsucht und der Aversion. Hin und hergerissen zwischen dem Hier und Dort. Wechselbad der Gefühle. „Was ist das dort drüben für ein Zeichen?“ ruft Lena fragend durch ihre Gedanken hindurch und verlangsamt ihre Pendelbewegungen um genauer beobachten zu können, was dieses Zeichen dort bedeuten könnte? Sie erkennt einen hellen Riss, der sich wie ein gezackter Blitz aus dem dunklen Blau zieht und auf der Horizontlinie endet. Noch im Ansatz eines Gedanken sprengt der Riss auseinander und Lena wird von dem gleißend hellen Licht verschluckt, begleitet von ELDRIORS Antwort. „Das ist ein Blitz deines Geistes!“
„TIEFER GRABEN, WEITE SCHLUCHT. BRÜCKE ZU SCHLAGEN, LETZTE FLUCHT!“
Kalt weht der Wind durch den Hausgarten und mit ihm streifen unsichtbare Wesen durch die Gräser und hinterlassen für einen Moment ihre Fußspuren. Helle Flecken. Niedergedrücktes Gras. Flüchtig und geheimnisvoll. Mittlerweile ist es Nachmittag an diesem Frühlingstag. Die Sonne scheint, unbehelligt von Wolken, doch ihre Energie vermag es noch nicht, die Umgebung zu wärmen. Zu früh im Jahr. Zu nördlich. Leicht lehnt die Terrassentür im Rahmen und lässt frische Luft hineinziehen. Luftzirkulation. Stille. Der laute Ton des Wortstreits ist erstorben. Sie haben sich nichts mehr zu sagen. Ausgereizt. Neutrale Punkte, auf neutralem Boden, aus neutralem Grund. Stumm. Das Wortfeld ruht. Ausgefochtenes Wortgefecht. Wortgewaltig. Im Sinne der Gewalt fielen unzählige Opfer fieser Worte und liegen wieder einmal weit zerstreut umher. Wortfetzen. Ihre Artikulation wurde zerfetzt durch einschlagende und nicht immer rhetorisch präzise Verbalprojektile. Zerschossen wurde auch ihre Aufmerksamkeit. Unbemerkt fielen zivile Opfer um sie herum. Stiller Drohnenkrieg. Kollateralschäden im Rausch des Zwist. Wenn sie doch nur wüssten das, dass Leben viel mehr als ein Twist ist. Tanz in Balance. Den richtigen Ton finden und seiner Melodie folgen. Taktvoll dem fremden Takt nachspüren und sich führen lassen. Mal unachtsam auf Füße treten, aber ohne sie zu brechen! Die Kunst des Tanzes ist die Vollendung der Bewegung im Rhythmus. Gefühl und Verständnis. Wenn Verständnis dem Unverständnis weicht und Sympathie nicht mehr zu Frieden reicht, ist der Frieden nur noch ein Kuchen ohne Teig. Substanzlos.
Alice sitzt im Wohnzimmer auf der Couch und zündet sich eine Zigarette an. Die Zigarette danach. Sie lenkt sich ab. Mit Ihm ist es in letzter Zeit so anstrengend geworden und diese Anforderung zerrt an ihr. Angefressen. Für den Moment fühlt sie sich ausgesaugt und über die Zeit wurde ein Teil von ihr von dieser Spannung verzerrt. Aufgefressen. Christian betritt freudig das Wohnzimmer. „Hast du meinen Projektordner gesehen?“ fragt er in den Raum hinein. Ohne das er dabei ein erkennbares Anzeichen irgendeiner Reaktion auf den gestellten Umstand andeutet. Streit ist alltäglich. Seine Flucht ist die Flucht in Arbeit. „Nein das habe ich nicht. Vielleicht hast du ihn ja im Auto auf dem Rücksitz vergessen?“ stellt Alice ihre Gegenfrage monoton. „Das könnte sein. Danke!“ Er schnippt mit dem Finger und verlässt eilig das Wohnzimmer. „Gibt es eine Erklärung dafür?“
