Quantenträume - Hao Jingfang - E-Book
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Hao Jingfang

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Beschreibung

Eine Sprachwissenschaftlerin wird mitten in der Nacht angerufen. Die neueste Entwicklung auf dem Spielzeugmarkt, ein Plüsch-Seehund mit KI, hat offenbar eine eigene, für Menschen unverständliche Sprache entwickelt … Ein König liebt nichts so sehr, wie neuen Geschichten zu lauschen. Doch irgendwann hat er alles gehört, was es zu erzählen gibt – und so lässt er kurzerhand einen Geschichtenroboter bauen … Das Spektrum an Ideen, die fünfzehn der berühmtesten chinesischen Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren in diesem Sammelband ausbreiten, zeigt auf beeindruckende Weise, wie einfallsreich und innovativ man sich in China mit dem Thema Künstliche Intelligenz auseinandersetzt.

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EPUB

Seitenzahl: 529

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Das Buch

Eine Sprachwissenschaftlerin wird mitten in der Nacht angerufen. Die neueste Entwicklung auf dem Spielzeugmarkt, ein Plüsch-Seehund mit KI, hat offenbar eine eigene, für Menschen unverständliche Sprache entwickelt … Ein König liebt nichts so sehr, wie neuen Geschichten zu lauschen. Doch irgendwann hat er alles gehört, was es zu erzählen gibt – und so lässt er kurzerhand einen Geschichtenroboter bauen … Das Spektrum an Ideen, die fünfzehn der berühmtesten chinesischen Science-Fiction-Autorinnen und -Autoren in diesem Sammelband ausbreiten, zeigt auf beeindruckende Weise, wie einfallsreich und innovativ man sich in China mit dem Thema Künstliche Intelligenz auseinandersetzt.

Die Autoren

Das Spektrum der in diesem Band vertretenen Autorinnen und Autoren umfasst fünf Schriftstellergenerationen. Neben Wang Jinkang und Han Song, die mit Cixin Liu zu den »Großen Drei« der chinesischen Science-Fiction zählen, stehen auch jüngere Stars wie Hao Jingfang und Qiufan Chen sowie Newcomer wie Sun Wanglu. Ausführliche Informationen zu allen Autoren sind den Erzählungen vorangestellt.

Die Herausgeber

Zusammengestellt wurden diese Erzählungen von Shi Zhanjun, dem Chefredakteur der Zeitschrift Volksliteratur, dem wohl renommiertesten chinesischen Literaturmagazin der Gegenwart, und von der Literaturwissenschaftlerin, Übersetzerin und Kulturberaterin Dr. Jing Bartz.

Besuchen Sie uns auf

Science-Fiction aus China

im Heyne Verlag

CIXIN LIU

Die drei Sonnen

Der dunkle Wald

Jenseits der Zeit

Kugelblitz

Die wandernde Erde (Erzählungen)

Spiegel

Weltenzerstörer

QIUFAN CHEN

Die Siliziuminsel

KEN LIU (Hrsg.)

Zerbrochene Sterne (Erzählungen)

JING BARTZ, SHI ZHANJUN (Hrsg.)

Quantenträume (Erzählungen)

HAO JINGFANG, QIUFAN CHEN,

WANG JINKANG und andere

QUANTENTRÄUME

Erzählungen aus China

über künstliche Intelligenz

Herausgegeben von

Jing Bartz und Shi Zhanjun

in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift

Renmin Wenxue – Volksliteratur

Aus dem Chinesischen von

Karin Betz, Johannes Fiederling, Marc Hermann,

Michael Kahn-Ackermann und Eva Lüdi Kong

Deutsche Erstausgabe

WILHELM HEYNE VERLAG

MÜNCHEN

Eine Übersicht über die Originaltitel und Übersetzer mit genauen Copyright-Angaben zu den einzelnen Erzählungen finden Sie im Anhang.

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Deutsche Erstausgabe 10/2020

Redaktion: Catherine Beck

Copyright © 2020 by Renmin Wenxue – Volksliteratur

und bei den einzelnen Autoren

Copyright © 2020 der deutschsprachigen Ausgabe und der Übersetzung

by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung: Das Illustrat, München,

unter Verwendung eines Motivs von Tithi Luadthong/Shutterstock

Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach

ISBN: 978-3-641-21711-2V001

diezukunft.de

Inhalt

Cixin Liu

Vorwort

Shi Zhanjun

Einleitung

Xia Jia

Chinesische Enzyklopädie

Liu Yang

Das Hausmädchen

Fei Dao

Der Geschichten erzählende Roboter

Sun Wanglu

Der umgekehrte Turing-Test

Luo Longxiang

Hotel Titania

Shuang Chimu

Der Wannengeist

Qiufan Chen

Cloud-Liebe

Gu Shi

Die Möbius-Raumzeit

Liu Weijia

Mission: Rettung der Menschheit

Wang Jinkang

Bekenntnis

Hao Jingfang

Wo bist du?

Baoshu

Tochter des Meeres

A Que

Mordfall LW31

Ling Chen

Der neue Tag

Han Song

Der Erleuchtete

Jing Bartz

Nachwort

Anmerkungen

Copyright und Übersetzungen

Vorwort

von Cixin Liu

Science-Fiction ist als jüngeres literarisches Genre nichts anderes als Literatur, doch was sie so besonders macht, ist ihr Zusammenspiel mit der Wissenschaft.

Zunächst malt sich Science-Fiction ihre fantastischen Welten auf der Grundlage der Wissenschaft aus. Anders als in der traditionellen Literatur, die vor allem von zwischenmenschlichen Beziehungen handelt oder von der Beziehung zwischen Mensch und Gesellschaft, ist ihr Thema das Verhältnis zwischen Mensch und Natur beziehungsweise zwischen Mensch, Wissenschaft und Technik. Wissenschaft und Technik besitzen eine profunde, sehr eigene Ästhetik, eine Schönheit, die Science-Fiction mit den Mitteln der Sprache zur Geltung bringt. Durch diese literarische Anverwandlung der Schönheit der Wissenschaften gelingt es ihr, die Leserschaft, vor allem jugendliche Leser, so zu faszinieren, dass sie ihr Interesse an Naturwissenschaften weckt, ihre Fantasie beflügelt, ihren Horizont erweitert und sie, erfüllt von Forschergeist, neugierig und begierig auf die Weiten des Universums macht. Mit einer ausgeprägten Kreativität erschließt Science-Fiction uns die Möglichkeiten zukünftiger und unbekannter Welten, die häufig auch andere kreative Bereiche auf ungeahnte Weise inspirieren und ihnen dienlich sind.

Vom literarischen Blickwinkel aus betrachtet, übersteigt Science-Fiction alles, was man als gegeben annimmt, sie schießt kühn und ungezügelt über die Realität hinaus. Doch dann wiederum ist fantastische Literatur tatsächlich sehr nah an der Wirklichkeit, denn zahlreiche Themen, die uns darin begegnen, wie zum Beispiel der gesellschaftliche Wandel durch wissenschaftlichen Fortschritt, Umweltzerstörung, Erforschung des Weltraums, künstliche Intelligenz oder die Erschließung neuer Energiequellen, sind von zentraler Relevanz für die Wirklichkeit. Wenn man sagt, dass die herkömmliche, wirklichkeitsnahe Literatur die Welt so beschreibt, wie sie ist, dann beschreibt Science-Fiction eine Wirklichkeit, der wir uns in Zukunft gegenübersehen könnten – was sie nicht weniger bedeutsam macht. Beide Arten von Literatur beruhen auf denselben Prinzipien.

Auch ein Science-Fiction-Autor muss tief in das reale Leben eintauchen, denn nur wer ein grundlegendes Verständnis für die Fragen der modernen Gesellschaft entwickelt hat, vermag auch eine literarisch und gedanklich anspruchsvolle Fantasiewelt zu konstruieren. Nur wer ganz in der Gegenwart verankert ist, ist in der Lage, sich die Zukunft auszumalen; nur wer mit beiden Beinen fest auf der Erde steht, vermag in die Tiefen des Weltraums zu blicken. In China steht Science-Fiction in einem engen Zusammenhang mit dem Entwicklungs- und Modernisierungsprozess der Landes. Der rapide Wandel der chinesischen Gesellschaft mit all seinen Chancen und Risiken bringt die Menschen des Landes zunehmend in Kontakt mit unterschiedlichen Kulturen und Dingen, die ihnen bislang fremd waren. Die Zukunft Chinas ließ die Bevölkerung noch nie so sehr an die Zukunft glauben wie heute. Aus diesem Grund fällt Science-Fiction hier zum einen auf besonders fruchtbaren Boden, zum anderen ist deshalb die Nachfrage nach diesem Genre besonders hoch. Für das Schreiben von Science-Fiction-Literatur ist es unabdingbar, am Puls der Zeit zu sein und Trends zu erkennen.

Science-Fiction ist eine Form der Populärliteratur. Die Zahl ihrer Fans ist insbesondere unter jüngeren Lesern in den vergangenen Jahren stark angewachsen, aber auch unter vielen, die im Bereich der Informatik oder in der Raumfahrtindustrie arbeiten. Der literarische Stil dieses Genres ist in der Regel eher massentauglich. Es kommt dabei mehr auf die Inhalte als auf die Form an – es ist wichtiger, was gesagt wird, als wie es gesagt wird. Ich würde sagen, dass sich Science-Fiction nur dann weiterentwickeln kann, wenn sie Populärliteratur bleibt. Gegenwärtig vollzieht die internationale Science-Fiction einen grundlegenden Wandel, es bestehen enorme Unterschiede zwischen den jeweiligen Blickwinkeln, den zentralen Themen und Orten, mit denen sich die Autoren beschäftigen. Auch die chinesische Science-Fiction sollte eine größere Sensibilität für zeitgenössische Themen entwickeln, eine Vielfalt an literarischen Stilen fördern und dabei eine eigenständige chinesische Perspektive in diesem Genre etablieren.

Im Bereich der Literatur nimmt Science-Fiction eine herausragende Stellung ein. Der in China weit verbreitete literarische Realismus, der sich mit den vielen Facetten chinesischer Kultur befasst, hat uns zwar zahlreiche hervorragende Reflexionen zur modernen chinesischen Gesellschaft und Geschichte beschert, doch insgesamt gesehen bleibt die herkömmliche Literatur in dem verhaftet, was ist und war. Der Aufstieg Chinas in den vergangenen Jahrzehnten verlangt aber nach einer zukunftsorientierten Literatur, also nach Science-Fiction. Durch den rasanten Modernisierungsprozess des Landes haben eine gewisse traditionelle Verschlossenheit der Bevölkerung und der Hang zu Wirklichkeitsnähe einen grundlegenden Wandel erfahren, vor allem unter jungen Leuten herrscht wachsendes Interesse an Zukunftsthemen, und von diesem Wandel des Denkens zeugt auch die chinesische Science-Fiction.

Unter allen literarischen Genres hat sie den engsten Bezug zum chinesischen Traum, sie legt den chinesischen Blick auf die Zukunft frei und zeugt von unserer Sehnsucht nach den Weiten des Weltalls und dem sich täglich erweiternden Horizont der modernen Gesellschaft. Nicht zuletzt ist die chinesische Science-Fiction ein lebendiger Spiegel für den wachsenden Beitrag Chinas zur menschlichen Zivilisation.

Übersetzt von Karin Betz

Einleitung

von Shi Zhanjun

Fantastische Elemente haben in der chinesischen Literatur eine lange Tradition. Von alters her bis heute zieht sich ein Genre durch die chinesische Literatur, das wir als »Fantasy« bezeichnen können. Parallel zur menschlichen Welt begegnen wir in diesen Werken übernatürlichen Wesen, Geistern und Ungeheuern, die ihrer eigenen, den Menschen verborgenen Ordnung unterworfen und dennoch mit unserer Welt vertraut sind, ja, sich sogar in sie einmischen. Die Funktion dieser literarischen Werke liegt auf der Hand: Sie stillen Sehnsüchte, die in der Realität unerfüllt bleiben, und warnen uns vor der Strafe, die uns für unsere Vergehen ereilt. Ihre mahnende und belehrende Ausrichtung, die im Wesentlichen darauf zielt, uns im nächsten Leben zu guten Menschen zu machen, wurzelt weder in einer wissenschaftlichen Erkenntnis noch in einem tieferen Nachdenken über die zukünftige Entwicklung der Menschheit.

Die chinesische Science-Fiction dagegen nahm ihren Ausgang in der Einführung und Hochschätzung der neuzeitlichen Wissenschaften. Damals – vor etwa hundert Jahren – wurde es üblich, sich »Mister Science« (»Herrn Wissenschaft«) zum Lehrer und Vorbild zu nehmen. Erste Prototypen einer Science-Fiction, die moderne wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage mit chinesischer Kultur verband, nahmen Gestalt an. Als China dann Ende der Siebzigerjahre den Weg der Reform- und Öffnungspolitik einschlug und Deng Xiaoping Wissenschaft und Technik zur »ersten Produktivkraft« erklärte, bildete sich eine Literatur mit einem ausgeprägten Realitätsbezug heraus, die mit wissenschaftlichem Denken und zugleich ästhetischer Imagination das Rätsel der Zukunft zu ergründen suchte. Seitdem haben die Hoffnungen und Ängste angesichts der chinesischen und globalen Entwicklung in der Science-Fiction ihren Niederschlag gefunden. Dieser Trend kulminierte in der weltweiten Aufmerksamkeit, die Cixin Lius Trisolaris-Trilogie erregt hat. Seitdem ist die chinesische Science-Fiction, die inzwischen eine beträchtliche Anzahl von Autoren und Werken und einen großen Reichtum unterschiedlichster Geschichten hervorgebracht hat, von der literarischen Weltkarte nicht mehr wegzudenken.

Wie die klassischen literarischen Genres hat auch die Science-Fiction ihren ganz eigenen geistigen Nukleus. Der »harte Kern« der Science-Fiction ist die Wissenschaft – sonst könnte man nicht von »wissenschaftlicher Fiktion« sprechen. Doch weil es sich dabei – und das ist von zentraler Bedeutung – um Literatur und nicht um Forschungsberichte oder wissenschaftliche Prognosen handelt, muss es parallel zum wissenschaftlichen Kern oder auf der Grundlage dieses Kerns auch noch einen ästhetisch ansprechenden »weichen Kern« geben: einen literarischen Kern, aber letztlich auch einen, der zurück ins Leben führt. Dies sind die drei wesentlichen Faktoren der zeitgenössischen chinesischen Science-Fiction: Wissenschaft, Literatur und Leben. Der Plot ist das Fruchtfleisch rings um diesen Kern. Die Science-Fiction erfüllt die Suche aller zeitgenössischen Literatur nach einem tieferen geistigen Nukleus mit neuem Leben und neuen Bildern.

Die Zeitschrift Volksliteratur (Renmin Wenxue), Chinas renommiertestes Literaturmagazin, veröffentlicht seit 1978 Werke dieses Genres. Allein in den letzten zehn Jahren sind bei uns vierzehn teils längere Science-Fiction-Erzählungen und ein Roman erschienen. Schon im Jahr 2013, noch bevor Cixin Liu für Die drei Sonnen den Hugo Award gewann, widmete sich Pathlight, der englischsprachige Ableger der Volksliteratur, in einem ganzen Heft dem Thema »Zukunft« und stellte Werke vor, die repräsentativ für drei Generationen von Autoren sind, darunter Wang Jinkang, Cixin Liu, Hao Jingfang und Qiufan Chen. Seitdem haben wir interessierten Lesern in aller Welt noch mehr chinesische Science-Fiction-Erzählungen auch in anderen Sprachen, darunter Deutsch, Japanisch und Italienisch, zugänglich gemacht.

Die vorliegenden fünfzehn fantasievollen Geschichten, die das Ergebnis eines intensiven Auswahlprozesses darstellen, reflektieren ebenso facettenreich wie einfühlsam unsere Lebenswelt unter dem Aspekt der künstlichen Intelligenz. Wir fühlen uns geehrt, dass dieses Buch nun bei Heyne erscheinen kann, einem der beliebtesten deutschen Publikumsverlage von internationaler Strahlkraft. Das Erscheinen dieses Buches wird – davon sind wir überzeugt – nachhaltig dazu beitragen, dass noch mehr Menschen auf der Welt die zeitgenössische chinesische Science-Fiction kennen- und schätzen lernen.

Übersetzt von Marc Hermann

Quantenträume

Xia Jia

Chinesische Enzyklopädie

Aus dem Chinesischen übersetzt

von Marc Hermann

Xia Jia,

Jahrgang 1984, ist außerordentliche Professorin an der Jiaotong-Universität von Xi’an. Sie schreibt seit 2004 Science-Fiction, ist siebenfache Preisträgerin des Galaxy Award und wurde bereits viermal für den chinesischen Nebula Award nominiert. Ihre Kurzgeschichtensammlung A Summer Beyond Your Reach ist 2019 auf Englisch bei Clarkesworld Books erschienen.

Alles, was sich aussprechen lässt, lässt sich klar aussprechen. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.

Ludwig Wittgenstein

Lass uns reden

Nur wenige Umstände erfordern es, eine Linguistin mitten in der Nacht aus dem Bett zu holen.

Als mein Telefon klingelte, war es kurz nach drei Uhr in der Nacht. Ich müsse sofort kommen, verlangte eine trübselige Stimme. Mein erster Gedanke war: Oje, jetzt sind die Aliens wirklich da.

In einem düsteren kleinen Raum traf ich auf einige seltsame Gestalten, mit denen ich mir ein nicht minder seltsames Video ansah: Eine Schar weißer Robbenbabys drängte sich schreiend aneinander. Es wirkte wie eine Mischung aus Zoo, Autowerkstatt und Kindergarten.

»Scheiße, was … ist das denn?«, kam mir jemand mit seiner Frage zuvor.

Darauf bekamen wir eine absonderliche Erklärung zu hören: Diese Heuler waren von einem Forschungslabor entwickelte KI-Spielzeuge, die ähnlich einem Neugeborenen eine menschliche Sprache von null auf imitieren und erlernen konnten. Dem Produkthandbuch zufolge konnten sie auf diese Weise in etwa das sprachliche Niveau eines Fünfjährigen erreichen.

Die Labormitarbeiter hatten hundert Prototypen in einen Container gepackt, um sie zu Testzwecken ins Ausland zu verschiffen, doch irgendjemand hatte geschlampt und den Container falsch etikettiert. Als man ihn endlich mit viel Mühe wiedergefunden und geöffnet hatte, lagen die Robbenbabys nicht etwa still und friedlich da – ausgeschaltet, wie sie hätten sein sollen –, sondern sie krakeelten fröhlich durcheinander.

»Anscheinend benutzen sie irgendeine fremde Sprache, die wir nicht verstehen, um sich miteinander zu unterhalten«, drang eine ungläubige Stimme durch die Dunkelheit.

»Genau diese Frage müssen wir klären«, bestätigte der Mann in schwarzem Anzug, der die nächtliche Besprechung leitete, und nickte uns mit gewichtiger Miene zu. »Kann das wirklich sein? Und wer hat ihnen diese Sprache beigebracht? Sie dürfen nicht vergessen, dass der Container die ganze Zeit verschlossen war.«

»Sealed seals«, murmelte ich verstohlen. Zum Glück hörte niemand meinen Kalauer.

»Da fällt mir ein ähnlicher Fall ein«, sagte die Stimme aus dem Dunkeln. »Idioma de Señas de Nicaragua, kurz: ISN, die Nicaraguanische Gebärdensprache. Das ist eine Sprache, die eine Gruppe von gehörlosen Kindern in den Siebziger- und Achtzigerjahren des letzten Jahrhunderts im Westen Nicaraguas entwickelt hat.«

»Erzählen Sie mehr darüber.« Der Mann in Schwarz war daran augenscheinlich sehr interessiert.

»Nun ja, ursprünglich gab es in Nicaragua keine Gehörlosengemeinschaft und entsprechend auch keine Sprache, die unter ihnen verbreitet gewesen wäre. Erst in den Siebzigerjahren wurden dort im Westen spezielle Berufsschulen für gehörlose Kinder eingerichtet. Mit der Zeit gingen einige Hundert Schüler auf diese Schulen. Weil Spanisch die Amtssprache in Nicaragua ist, versuchten die Lehrer anfangs, den Kindern beizubringen, wie man Spanisch von den Lippen abliest. Doch die Kinder wurden aus den Wörtern nicht schlau und machten kaum Fortschritte. Aber dann geschah etwas, das niemand vorhergesehen hatte: Auf dem Schulweg, beim täglichen Unterricht und in den Pausen beim Spielen lernten sie allmählich, sich mit ihrer eigenen Gebärdensprache zu verständigen. Sie kombinierten Gesten und individuelle Gebärden, die sie zu Hause benutzten, miteinander und schufen so schließlich ein neues Sprachsystem. Das war wahrscheinlich das erste Mal in der menschlichen Geschichte, dass wir mit eigenen Augen erleben konnten, wie eine Sprache wie in einem Schöpfungsmythos aus dem Nichts erschaffen wurde.«

»Vielleicht war es das erste Mal, aber sicher nicht das einzige Mal«, warf eine andere Stimme ein. »Vor gut zehn Jahren hat ein Forscherteam an der University of Queensland sogenannte Lingodroiden entwickelt, das heißt Roboter, die in der Lage waren, ihre eigene Sprache zu erfinden. Diese Roboter konnten Labyrinthe erkunden und die Stellen, an denen sie gewesen waren, mithilfe von Silben benennen, die sie aus einer Datenbank entnahmen. Wenn sie sich begegneten, kommunizierten sie diese Namen über Mikrofone und Lautsprecher miteinander. Danach entwickelten sie allmählich ein gemeinsames Vokabular, um Richtungen und Entfernungen anzugeben.«

»Und woher sollen wir wissen, was diese Roboter miteinander reden?«, fragte eine dritte Stimme.

»Hat sonst noch jemand irgendeine Idee?«, ergriff der Mann in Schwarz wieder das Wort und blickte sich im Raum um.

»Warum Robbenbabys?«, fragte ich laut.

»Wie bitte?«

»Ist das nicht komisch? Warum hat man ausgerechnet Robbenbabys genommen? Warum nicht Kätzchen oder Welpen?«

»Ist das wichtig?« Der Mann in Schwarz zuckte die Schultern.

»Vielleicht wollte der Designer sein Produkt so unschuldig und harmlos wie möglich erscheinen lassen«, sinnierte ich. »Und vielleicht zeigt das, wie sehr wir uns tief in unserem Innern vor einer fremden Spezies ängstigen, die sprechen kann.«

»Worauf wollen Sie hinaus?«

»Ich meine: Warum schalten wir dieses Überwachungsvideo nicht einfach aus, verlassen dieses kleine dunkle Zimmer und reden von Angesicht zu Angesicht mit diesen … Wesen, wenn wir wirklich daran glauben, dass sie eine neue Sprache entwickelt haben? Alle Linguisten wissen: Es gibt nur einen Weg, um eine fremde Sprache zu erlernen, nämlich mit ihren Sprechern zu kommunizieren, also ein Gespräch mit ihnen zu führen, ihnen Fragen zu stellen und ihre Fragen zu beantworten. Solange wir nicht einen von uns zu ihnen schicken, damit er an ihre Containertür klopft und Hallo sagt, werden wir nie verstehen, was sie da eigentlich reden.«

Als ich das düstere Innere des Containers betrat, verstummten die Robbenbabys und fixierten mich mit ihren großen glänzenden Augen. Zum Glück sahen sie viel süßer aus als irgendwelche Tiere mit Klauen und Zähnen. Genau wie damals bei meiner ersten Feldforschung hielt ich ihnen die Hände hin, mit den Handflächen nach oben, um ihnen zu zeigen, dass ich keine versteckten Waffen bei mir trug – auch wenn mir bewusst war, dass diese Geste in ihrem Sprachsystem wahrscheinlich keine Bedeutung besaß.

Ein Roboter darf kein menschliches Wesen verletzen.

Ein Roboter muss seine Existenz beschützen.

So high, so low, so many things to know.

»Ni hao«, begrüßte ich sie in meiner Muttersprache und wartete geduldig auf Antwort.

Das Robbenbaby, das mir am nächsten war, legte mir seine flauschige Vorderflosse in die Hand und stieß ein Geräusch aus, das wie ein herzhaftes Gähnen klang.

Ich versuchte mein Bestes, um es zu imitieren. War das ihre Weise, Hallo zu sagen? Oder doch nur ein Gähnen? Jedenfalls schien es mir kein schlechter Anfang.

»Lass uns reden«, sagte ich leise. »Okay?«

Babylonische Sprachverwirrung

Tocktock. Tock.

Tocktock. Tock.

Das helle Klopfen reißt mich aus meiner Lektüre. Ich werfe einen Blick auf die iWatch an meinem Handgelenk, und beide Zeitanzeigen springen auf. In China ist es jetzt Nachmittag, drüben in London erst kurz vor sieben Uhr morgens.

Als ich mit der Fingerspitze über das Display scrolle, taucht Xiaomans Gesicht darauf auf. Ihr kurzes Haar ist verwuschelt.

Ich öffne die Emoji-Auswahl und gebe eine Uhr und ein Fragezeichen in das Dialogfenster ein.

(Bist du schon aufgestanden?)

Sie schickt mir eine animierte Grafik: ein Männchen, das aus dem Bett auf den Boden kullert und wieder zurück.

(Ich kann nicht schlafen.)

Ich antworte gleichfalls mit einer animierten Grafik: ein heulendes kleines Mädchen, dem ein kleines Monster zum Trost den Kopf streichelt.

Daraufhin schickt sie mir einen kleinen Roboter, auf dessen Gesicht ein »3, 2, 1«- Countdown abläuft, ehe er gezündet wird und in die Luft schießt. Dazu schreibt sie ein Fragezeichen.

(Kannst du ein bisschen früher kommen?)

Ich antworte mit einer »Okay«-Geste, einem spritzenden Duschkopf, einem Föhn, einem Lippenstift und einer Uhr.

(Ist gut, ich mache mich nur kurz fertig. Warte mal einen Moment.)

Nachdem ich mich gewaschen und zurechtgemacht habe, gehe ich in den Kuppelleinwandraum und ziehe mir meinen grauen Ganzkörper-Sensoranzug an, dessen weiches, elastisches Material sich eng an meinen Oberkörper anschmiegt. Als ich alle Vorbereitungen getroffen habe, hebe ich einen Fuß und klopfe mit dem Schuhabsatz dreimal auf den Sensorboden:

Tocktock. Tock.

Diesen Befehl habe ich selbst festgelegt. Ich habe ihn aus dem Zauberer von Oz übernommen, wo er mit den magischen silbernen Schuhen geklopft wird.

Die iWall ringsum leuchtet auf. Die Szenerie wirkt so echt, dass ich mich tatsächlich mitten in dem von sanftem Licht erhellten Zimmer zu befinden glaube. An den Wänden hängen alle möglichen Film- und Plattenposter, auf dem Boden herrscht ein heilloses Durcheinander: Überall häufen sich Kleidungsstücke und Plüschtiere. Xiaoman liegt im Pyjama auf dem Bett zusammengerollt und kaut gelangweilt an ihren Nägeln. Ihr Haar ist nass, auf ihrem Gesicht klebt eine Maske, und unter ihrem Po liegt ein platt gepresstes Kissen in Form eines Pandas.

Ich ahme ihr Nägelkauen nach und verschränke die Hände zu einem großen Kreuz.

(Hör auf, an deinen Nägeln zu kauen!)

Aber sie bricht nur in ein schallendes Gelächter aus und wälzt sich vor Lachen über das Bett. Als ich mich umdrehe, sehe ich mein Bild in einem bodentiefen Ankleidespiegel: Die Gesichtszüge, die auf die weiße, eiglatte Gesichtsfläche projiziert sind, wirken in ihrer Mimik höchst lebensecht; Rumpf und Arme dagegen sehen schrecklich plump aus. Ich hebe die Hände und bewege nacheinander alle Finger, und die stämmige Gestalt im Spiegel tut es mir haargenau nach.

Der iRobot war ursprünglich als ferngesteuerter Haushaltsroboter konzipiert. Er hat keine Beine und bewegt sich auf Rädern fort. Dafür sind seine Arme und Hände genauso agil wie bei einem Menschen: Er kann mit ihnen Äpfel schälen, Tee servieren, Wasser einschenken, kochen, abwaschen, sticken, schreiben, Klavier spielen … Aber abgesehen davon bietet er noch viele andere ungeahnte Einsatzmöglichkeiten. Erst vor Kurzem habe ich in den Nachrichten von einem Bestsellerautor gelesen, der an Flugangst leidet und deshalb per iRobot eine einwöchige Tournee mit Autogrammstunden in über hundert Städten rund um den Globus organisierte. Allerdings musste er sein Mammutprogramm wegen einer Sehnenscheidenentzündung vorzeitig abbrechen.

Die Technik ist schon immer ein zweischneidiges Schwert gewesen und eine Quelle von Freude und Verdruss gleichermaßen.

Zu diesem besonderen Anlass hat Xiaoman den iRobot extra mit einer Perücke und einem bodenlangen Abendkleid ausstaffiert, das sie eigenhändig gekürzt hat, um es an die Größe des Roboters anzupassen. Ich verlagere meinen Körperschwerpunkt und bewege den iRobot versuchsweise nach vorn und hinten, links und rechts. Der Saum des champagnerfarbenen Tafts berührt nur eben den Boden und droht sich nicht in den Rädern zu verfangen.

Xiaoman geht in die Hocke und sorgt dafür, dass mein Kleid richtig fällt, ehe sie mir mit einer Geste ihr »Okay« gibt und mir gleichzeitig einen fragenden Blick zuwirft.

Ich antworte ihr mit zwei erhobenen Daumen.

Früher hat sie als Designerin von Spielzeugfiguren gearbeitet. Einen Roboter herauszuputzen ist für sie ein Kinderspiel. Aus Ton hat sie alle möglichen entzückend treuherzig dreinschauenden lustigen Figuren gefertigt. Wenn sie den Ton gebrannt hat, verleiht sie ihm eine unverwechselbare Persönlichkeit und Mimik, indem sie ihn bemalt, mit Zubehör beklebt und mit Kleidung und Frisur ausstaffiert. Am liebsten mag ich das tönerne Nilpferd, das sie mir geschenkt hat: Mit hochgerecktem Hinterteil scheint es fröhlich auf ein fernes Ziel zuzustürmen. Sein Körper ist in Acrylfarben mit lauter Sonnenblumen – meiner Lieblingsblume – bemalt. Es hat weder Augen noch Nase, nur zwei große rote Lippen, als bräche es gerade in ein herzhaftes Gelächter aus.

Nachdem Xiaoman in das »Vogelhaus« eingezogen war, hörte sie erst einmal auf zu arbeiten. Erst vor einem halben Jahr hat sie ihre Arbeit allmählich wieder aufgenommen. Ihr jüngstes Werk ist eine gesichtslose Puppe aus weißem Porzellan, auf deren leere Gesichtsfläche man das Foto einer Freundin oder einer Cartoonfigur projizieren kann. Anhand von Atem- und Herzfrequenz, Körpertemperatur, Gehgeschwindigkeit und anderen Daten, die vom Gegenüber per iWatch übermittelt werden, kann die Puppe einige Dutzend Gesichtsausdrücke simulieren, darunter einen lächelnden, einen besorgten, einen niedergeschlagenen, einen erschöpften, einen nervösen und einen schlafenden. Wider Erwarten erfreut sich diese stumme Puppe großer Beliebtheit und verkauft sich ausgezeichnet.

Nachdem Xiaoman mein Kleid gerichtet hat, zeigt sie auf meinen Busen. Als ich den Blick senke, entdecke ich, dass sie sorgfältig zwei Silikonpolster in das Brustteil eingenäht hat, um ihm ein wenig Volumen zu verleihen. Ich nehme das Silikon zwischen die Finger, und an meinen Sensorhandschuh wird eine leichte Druckveränderung übermittelt, verbunden mit einer sanften Tastempfindung.

(Und? Zufrieden?)

Ich setze ein missmutiges Gesicht auf und gestikuliere übertrieben mit den Händen vor der Brust.

(Viel zu mickrig! Ich bin doch nicht so flach!)

Xiaoman lacht schallend und zeigt auf eine Vielzahl von Materialteilen, die sich auf dem Tisch neben ihr stapeln.

(Soll ich noch mal nachbessern?)

Ich schüttele den Kopf und falte die Hände vor der Brust zu einem Blatt, ehe ich die Handflächen nach oben öffne und vor Xiaoman halte.

(Ist schon okay. Heute gebe ich nur die Kulisse für dich ab: Du bist die rote Blume und ich das grüne Blatt.)

Sie wiederholt die Geste für »Blume« und hält die Hände neben das Gesicht.

(Ich bin die Blume?)

Ich nicke.

Sie streckt die Arme aus und gestikuliert mit ihnen seitlich gut einen Kopf über ihrem Scheitel, als wollte sie mit den Daumen etwas anklicken.

(Und er?)

Ich deute mit den Händen einen flachen Haufen an, und Xiaoman nimmt meinen Wink auf und legt ihre ausgebreiteten Hände auf die meinen.

(Eine Blume in einem …)

Wir lachen uns beide schief.

Lachen, so sagt man, gehört zu den ältesten Formen der zwischenmenschlichen Kommunikation. Bevor ein Säugling sprechen lernt, lernt er lachen. Deshalb kommt dem Lachen in allen Sprachen die gleiche Bedeutung zu.

Als ich vor vielen Jahren während meines Studiums zum ersten Mal in einem Artikel vom »Babel-Syndrom« las, ahnte ich noch nicht, dass dieses Syndrom einmal zur Trennung von mir und meiner besten Freundin führen würde. Der Verfasser des Artikels nahm an, dass das Babel-Syndrom schon in der Frühzeit der menschlichen Geschichte aufgetreten war.

»Babel«, im Hebräischen »« geschrieben, bedeutete ursprünglich »Chaos«.

Wie die medizinische Forschung in den letzten gut ein Dutzend Jahren gezeigt hat, wird das Babel-Syndrom von einem Virus namens LDR ausgelöst, dessen Inkubationszeit Jahre, ja sogar eineinhalb Jahrzehnte betragen kann. Umso abrupter bricht die Krankheit aus. Im Anfangsstadium befällt das Virus zunächst die Großhirnareale zwischen dem ventromedialen präfrontalen Cortex und dem Knie des Hirnbalkens, also Regionen, die mit der Verhaltenssteuerung zusammenhängen. Entsprechend gehören Depression und Antriebslosigkeit, Wortkargheit und Kontaktscheu zu den ersten Symptomen.

Drei bis vier Monate nach dem Ausbruch der Krankheit verfallen die Patienten dann auf einmal in einen erregten, gesprächigen Zustand, in dem sie eine starke Libido entwickeln und eine ausgeprägte Kreativität entfalten. Viele Kranke erschaffen in dieser Phase erstaunliche Gedichte, Romane und andere künstlerische Werke, deren Erforschung sich inzwischen zu einer eigenen wissenschaftlichen Disziplin entwickelt hat. Gleichzeitig jedoch ist das Virus in diesem Stadium besonders ansteckend, und schon ein Gespräch mit einem Kranken kann genügen, um das Virus per Tröpfcheninfektion durch den Speichel zu übertragen.

Etwa einen Monat später infiziert das Virus das Sprachzentrum. Als Erstes ist der Gyrus angularis am hinteren Ende des Sulcus temporalis superior im Scheitellappen davon betroffen, ein wichtiges Areal zur Verarbeitung von Informationen aus dem visuellen Cortex, das eine entscheidende Rolle für die Lese- und Schreibfähigkeit spielt. Im weiteren Verlauf leidet der Kranke deshalb zunehmend an Lese- und Schreibstörungen. Wie einige Studien zeigen, vollzieht sich der Schwund dieser Fähigkeiten bei bilingualen oder multilingualen Menschen mit unterschiedlicher Geschwindigkeit. Im Allgemeinen verläuft der Schwund bei einer nichtphonetischen Schrift schneller als bei einer Alphabetschrift, während andere Faktoren wie die Frage, ob es sich um die eigene Muttersprache handelt oder wann und bis zu welchem Grad die Sprache erworben worden ist, nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Bald danach greift das Virus auch auf das Wernicke-Zentrum im Gyrus temporalis superior der linken Hemisphäre über. Dieses Areal ist dafür verantwortlich, die akustischen Reize, die vom auditiven Cortex übermittelt werden, mit dem im Gedächtnis gespeicherten mentalen Lexikon abzugleichen, um die entsprechenden Wörter und die von ihnen repräsentierten Bedeutungen aufzufinden und so das Hörverstehen zu ermöglichen. Unter dem Einfluss des Virus werden die akustischen Reize, die der Kranke empfängt, allmählich verzerrt, was es ihm zunehmend erschwert, andere Sprecher zu verstehen. In den Ohren mancher Kranker klingt der Vokal a flacher als sonst, während stimmlose Konsonanten wie p, t und k auf einmal stimmhaft erscheinen; andere Kranke können den Tonfall nicht mehr richtig erkennen oder nehmen zwei Silben als eine wahr. Die Folge davon ist, dass eine Sprache, die ihnen eigentlich vertraut ist, nun für sie wie eine Fremdsprache oder wie ein Dialekt klingt. Freilich sind auch vereinzelte gegenteilige Fälle dokumentiert, etwa der eines Bankers in der New Yorker Upper East Side, der mit fortschreitender Erkrankung die englischsprachigen Nachrichten im Fernsehen nicht mehr verstand, aber dafür das Englisch seiner mexikanischen Haushaltshilfe umso verständlicher fand.

Danach befällt das Virus das Broca-Areal im Pars triangularis des Gyrus frontalis inferior. Dieses Areal ist dafür verantwortlich, Befehle an die Neuronen des Motorcortex zu übermitteln, die die Sprechmuskulatur kontrollieren und durch die Steuerung der entsprechenden Muskelbewegungen eine flüssige Artikulation ermöglichen. Der Einfluss, den das LDR-Virus auf dieses Areal ausübt, ist besonders mysteriös und seine Mechanismen bis heute nicht restlos geklärt. Der Kranke spricht mit einem immer seltsameren Akzent, der für seine Gesprächspartner schließlich unverständlich wird. Dabei fallen die Abweichungen von der normalen Aussprache höchst individuell aus: Manche Kranke verlieren die Fähigkeit, Apikale oder velare Nasale zu artikulieren, sind dafür aber in der Lage, einige ungewöhnliche Laute hervorzubringen, die in den meisten Sprachen kaum vorkommen. Am Ende entwickelt jeder Kranke seine ganz eigene Aussprache, die nur er selbst versteht.

In den letzten Jahrtausenden, als man noch nichts davon ahnte, dass das Babel-Syndrom von einem Virus ausgelöst wird, hielt man die Kranken gewöhnlich für verrückt oder von einem Dämon besessen. Oft verbrannte man sie oder begrub sie bei lebendigem Leib. Einige wurden auch als Sprachrohre der Götter verehrt. Die Überlebenden sprachen für den Rest ihres Lebens eine Sprache, die niemandem sonst verständlich war. Sie waren außerstande, mit irgendeinem anderen Menschen auf der Welt zu kommunizieren. Und mit der Zeit trieb ihre Einsamkeit sie tatsächlich in den Wahnsinn.

Am Ende jenes Artikels stellte der Autor besorgt die Frage: Was, wenn diese Krankheit eines Tages auf der ganzen Welt in großem Maßstab ausbricht?

Wird das der Untergang der Menschheit sein?

Als ich an einem Winternachmittag vor zwei Jahren allein zu Hause gesessen und einen Film gesehen hatte, war die Szene abrupt unterbrochen worden, und auf der iWall war ein gut aussehender Mann erschienen, der sich mit einem routinemäßigen Lächeln bei mir entschuldigte und mir davon erzählte, dass man bei Xiaoman in London das Babel-Syndrom diagnostiziert habe. Weil wir in dem halben Jahr davor engen Kontakt miteinander gehabt hätten, bestehe auch bei mir eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass ich infiziert sei. Ein Mitarbeiter des medizinischen Personals werde binnen einer Stunde zu mir kommen und mich untersuchen. Bis dahin empfehle er mir, zu Hause zu bleiben und Kontakt mit anderen Menschen zu meiden.

Drei Monate zuvor hatte Xiaoman in ihren Weihnachtsferien China besucht, und wir hatten in dieser Wohnung gemeinsam gekocht, gegessen, geplaudert, Wein getrunken und nachts im selben Bett nebeneinander gelegen und geredet, bis der Morgen graute – genau wie wir es als Kinder so oft getan hatten.

»Wo ist sie jetzt?«, fragte ich. »Kann ich mit ihr sprechen?«

»Wenn das Ergebnis Ihrer Untersuchung feststeht, werde ich mich wieder mit Ihnen in Verbindung setzen.«

Ich glaubte die unausgesprochenen Worte zu hören, die hinter seinem Lächeln mitschwangen.

If lucky enough, you will meet her soon.

(Wenn du Glück hast – oder Pech? –, wirst du sie bald wiedersehen.)

Als ich versuchsweise die Klinke der Wohnungstür drückte, ließ sich die Tür wie erwartet nicht mehr öffnen. Das iRoom-System hatte mich schon eingesperrt. Weil ich nicht wusste, wie ich die eine Stunde, die vor mir lag, totschlagen sollte, ging ich in die Küche und mixte mir einen Cocktail. Dann setzte ich mich wieder auf das Sofa, um den Film weiterzusehen. Auf der iWall flimmerten Licht und Schatten, und die Figuren begegneten und trennten sich und erzählten einander von Liebe und Hass, aber für mich hatten all diese Worte ihre Bedeutung verloren.

Wir verschwenden so viel Zeit in unserem Leben damit zu sprechen. Das Reden fällt uns allzu leicht, es ist für uns etwas so Gewöhnliches wie Essen und Trinken, und zumeist nehmen wir es gar nicht ernst.

Ich schaltete den Film aus und schlug Wittgensteins Philosophische Untersuchungen auf. In den Paragrafen 243 bis 363 erörtert Wittgenstein die Frage, ob eine »Privatsprache« denkbar wäre. Eine Sprache, die nur vom Sprecher selbst und sonst von niemandem verstanden wird, sei ein Ding der Unmöglichkeit, so argumentiert er. Sprache sei vom Moment ihrer Geburt an dazu bestimmt, im Sprechen als einer Form vernünftigen Handelns von einem Kollektiv geteilt zu werden.

Wenn ich ein Gefühl »Liebe« nenne, aber außerstande bin, einem anderen Menschen zu beschreiben, worin dieses Gefühl besteht (Herzklopfen, Erröten, ein süßsaurer Geschmack auf der Zungenspitze, erhitzte Handflächen, Küsse von überwältigendem Aroma), dann kann ich mir nur selbst sagen: »Dies ist Liebe, das werde ich mir fest einprägen.« Aber wie kann ich beurteilen, ob mein zukünftiges Ich dieses Wort auch wirklich korrekt benutzt und nicht nur irrtümlich glaubt, es benutze das Wort korrekt?

Und wenn die Zeit verstreicht und mit ihr neue Empfindungen auftauchen (ein Gefühl von Vertrautheit, Geborgenheit und Intimität, Überdruss und Kleinlichkeit), wie kann ich dann vergleichen und beurteilen, ob es sich dabei noch immer um jene »Liebe« handelt, die ich in meiner Erinnerung bewahrt habe?

Da ich niemanden sonst um eine Bestätigung bitten kann, muss ich gutgläubig auf mein eigenes Urteil vertrauen. Aber wie weiß ich, ob im Lauf der Zeit nicht einige andere Empfindungen (Antriebslosigkeit, Besorgnis, ein Gefühl der Leere, nächtliches Herzrasen, Zukunftsangst) unmerklich an die Stelle jenes Gefühls, das ich »Liebe« genannt habe, getreten sind?

Auch zwischen Tieren gibt es Leidenschaften und emotionale Verwicklungen, doch erst der Mensch hat, indem er die Sprache erfunden hat, auch den Begriff der »Liebe« erfunden. Wenn jeder der über sieben Milliarden Menschen auf der Erde nur eine »Liebe« besäße, die niemand außer ihm selbst verstehen könnte, würde dies dann das Ende der Liebe bedeuten? Oder das Ende der Menschheit?

Ich malte mir aus, ich wäre in einen finsteren Abgrund gestürzt, der mich von allen anderen Menschen trennt.

Wie sagte Wittgenstein? Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.

Ich malte mir eine belebte Straße aus, auf der die Menschen eine Sprache sprechen, die mir unverständlich ist, und als ich den Mund öffne, stoße ich nur ein schrilles, klagendes Krächzen aus wie eine Krähe, sodass die ganze Straße in ein schallendes Gelächter ausbricht.

Ich malte mir aus, wie die letzten beiden Menschen einander in den Ruinen einer Stadt begegnen: bleich, abgezehrt, in Lumpen gehüllt, in den Händen eine gespitzte Eisenstange. Verzweifelt schreien sie einander an, ohne zu wissen, ob sie aufeinander losstürzen sollen, um auf Leben und Tod miteinander zu kämpfen, oder ob sie ihre Waffen wegwerfen und einander umarmen sollen.

Die Hände ineinandergepresst, die Zähne zusammengebissen, saß ich in meiner Wohnung und wartete. Nie war mir eine Stunde so lang vorgekommen.

Der Mediziner, lückenlos in einen weißen Schutzanzug gehüllt, traf pünktlich ein. Er nahm eine Blutprobe von mir und untersuchte sie, maß alle möglichen Werte und stellte mir eine Unzahl von Fragen. Endlich erlöste er mich und verkündete, ich sei gesund. Dann nahm er die Gesichtsmaske ab und umarmte mich. Als ich die Wärme des fremden Körpers spürte, strömten mir die Tränen aus den Augen.

Nachdem der Arzt gegangen war, rief ich den britischen Angestellten von vorhin an. Xiaoman sei bereits in ein Therapiezentrum aufgenommen worden, das eigens für Patienten mit Babel-Syndrom eingerichtet worden sei, teilte er mir mit. (Den genauen Ort könne er mir leider nicht sagen.) Ich könne die Klinikleitung kontaktieren und einen Fernbesuchstermin vereinbaren.

Auf der iWall erschien Xiaomans Gestalt. Ihr Gesicht war ungeschminkt und noch blasser als sonst und ihre kurzen, weinroten Haare mit den schwarz hervorlugenden Wurzeln waren ein wenig länger geworden.

Abgesehen davon, dass sie ein wenig abgemagert schien, wirkte sie durchaus nicht wie eine Kranke, aber in ihren Augen lag ein verschreckter Ausdruck. Dabei kam mir auf einmal unsere erste Begegnung vor vielen Jahren in den Sinn, als sie noch ein kleines, pummeliges Mädchen gewesen war, das stotterte. In ihrem verblichenen geblümten Rock hatte sie allein in einer Ecke des Spielzimmers gesessen und wie ein scheues Mäuschen die anderen Kinder beobachtet, die rings um sie herum lachend herumtobten und sich vergnügten. Ebenjener Ausdruck von damals lag nun wieder in ihren Augen.

Schweigend sahen wir einander eine Weile an, ehe ich dreimal mit der Faust an die iWall klopfte.

Tocktock. Tock.

Das war das Geheimzeichen unserer Kindheit. Unzählige Male – morgens, kaum war die Sonne aufgegangen, oder am frühen Abend nach Schulschluss – war eine von uns zur anderen nach Hause gelaufen und hatte in diesem Rhythmus an die Tür geklopft. Tocktock. Tock. Nur wir beide verstanden dieses Signal.

Ein Lächeln erschien auf Xiaomans bleichem Gesicht, und sie erwiderte mein Klopfen.

Tocktock. Tock.

»Lange nicht gesehen! Wie geht es dir?«, fragte ich.

»«, gab sie mir zur Antwort.

Der Arzt ermunterte mich, oft mit ihr zu sprechen. Wie die klinischen Erfahrungen zeigen, sind häufige Gespräche von großem therapeutischen Nutzen für die Patienten. Wenn ein Kranker jeden sprachlichen Kommunikationsversuch aufgibt, wächst die Gefahr, dass er in Depression, Verzweiflung und geistige Umnachtung versinkt.

Die Sprache der Babel-Kranken ist durchaus nicht völlig unverständlich. Sie verlangt dem Gesprächspartner nur mehr Geduld dabei ab, die Wörter zu identifizieren und zu verstehen und diese Äußerungen selbst zu imitieren. Es ist, als erlernte man eine Fremdsprache. Ich nahm jedes Gespräch mit Xiaoman auf, analysierte mithilfe einer Software ihre Laute, ihre Mimik und Gestik, um die verborgenen Gesetze dahinter aufzuspüren, und erstellte Listen von Vokabeln, die ich so lange vor mich hin sprach, bis ich sie auswendig kannte.

Bei jeder unserer täglichen Unterhaltungen bemerkte ich neue Veränderungen. Immer wieder kam es zwischen uns beim Hören und Lesen zu Missverständnissen, die mitunter wider Erwarten dazu führten, dass wir uns vor Lachen krümmten, aber mitunter auch in betretenem Schweigen und Verstimmung endeten.

Manchmal stritten wir auch miteinander – mit Worten, die für unser Gegenüber unverständlich waren. Ohne zu begreifen warum, schrie sie mich einmal plötzlich an, und um mir Gehör zu verschaffen, schrie ich notgedrungen zurück. Heftig gestikulierend rückten wir gegen die iWall vor, als wollten wir einen Feind in die Enge treiben; das Blut schoss uns ins Gesicht, und unsere Augen röteten sich. Da stürmte sie auf einmal vor und schaltete die iWall aus. Wie betäubt stand ich da, am ganzen Körper zitternd, vor mir auf dem schwarzen Glas mein verzerrtes Spiegelbild. Dann hämmerte ich wie wild gegen die Wand und kreischte wie eine Verrückte, bis die Wut verraucht war und ich nur noch den Schmerz spürte. Heftig keuchend ließ ich mich langsam am kalten Spiegel niedersinken und vergrub den Kopf zwischen den Knien.

Wieso verstanden wir einander nicht mehr? Wieso konnte nicht alles wie früher sein?

Some day our words change so do seasons.

Eines Tages ändern sich unsere Worte wie die Jahreszeiten.

Ich ging in das Arbeitszimmer, nahm eine alte Blechbüchse vom obersten Regal des Bücherschranks herunter und öffnete sie. Sie beherbergte lauter alten Kram, Dinge, die ich trotz all der vielen Umzüge nie weggeworfen hatte und die im Zeitalter der digitalen Bilder längst wie Antiquitäten anmuteten: das Märchen, das Xiaoman und ich gemeinsam in dem Sommer geschrieben hatten, als wir acht Jahre alt waren; von Hand gezeichnete Neujahrskarten; kleine Zettel, die wir während des Unterrichts getauscht hatten; ihre Urteile über meine Aufsätze; ihre Randbemerkungen in den Büchern, die ich ihr geliehen hatte; unser Gekritzel in den Lehrbüchern; und die Glückwunschkarten, die sie den Geburtstagsgeschenken für mich beigelegt hatte.

All dies war Teil einer Welt, die einmal nur uns beiden gehört hatte, und einer Sprache, die nur wir beide verstanden hatten.

Mir kam ein kalter Wintertag vor vielen Jahren in den Sinn. Schulter an Schulter hatten wir auf einem hohen Dach gesessen, und sie hatte mir erzählt, ihre wattierte Kleidung habe ein Loch. Eine fahle Abenddämmerung hatte sich schon vor einer geraumen Weile herabgesenkt, und dennoch wollte es nicht richtig dunkel werden. Ich blickte in die Ferne, auf die chaotische Welt, die sich zu unseren Füßen ausbreitete wie ein uferloses Meer und sich in einer uns unverständlichen Sprache erging.

Mir kam eine noch frühere Erinnerung in den Sinn, an eine kleine Wiese, auf der Xiaoman und ich oft gespielt hatten. Wir hatten alle möglichen Blumensamen gesammelt und dort ausgesät, aber im Jahr darauf hatten die üppigen grünen Ranken der Prunkwinde alles überwuchert.

Mir kam der große schwarze Hund in den Sinn, vor dem ich mich so sehr geängstigt hatte. Er hatte immer am Hofeingang gehockt und mich angekläfft. Inzwischen war er gewiss längst tot und wer weiß wo begraben.

Unzählige Sommermorgen kamen mir in den Sinn, an denen ich auf einem kleinen Pfad zu Xiaoman nach Hause gelaufen war, um mit ihr zu spielen. Dunkel und still war der Pfad, die Erde feucht, und der Tau auf den Gräsern nässte meine Füße. Immer wieder sagte ich mir unterwegs: Wenn ich eines Tages nicht mehr diesen Pfad nehme, sondern mit gemessenem Schritt die breiten Betonwege, dann bin ich erwachsen. Ich hoffte, ich würde nie erwachsen werden.

Inzwischen waren mein altes Zuhause und ihres und all die kleinen und großen Wege einem öden Baugelände gewichen.

Mir kamen die Träume in den Sinn, in denen ich an all die längst verschwundenen Orte zurückgekehrt war – wirre Bruchstücke ohne jeden logischen Zusammenhang, aber voller lebendiger Details. All das, was in keinem Winkel der realen Welt mehr Zuflucht gefunden hatte, die Blumen und Gräser und zirpenden Insekten mit ihren winzigen blitzenden Flügeln, lebte in diesen Träumen fort. Gemächlich schlenderte ich darin umher, suchte mein Zuhause auf und die Orte, an denen wir gespielt hatten, bis mir eine Stimme ins Ohr flüsterte: Nein, du bist schon von hier fortgezogen. Dann erwachte ich schlagartig und fand mich Tausende Kilometer weit weg in einem Bett in einer anderen Stadt wieder – so weit war ich im Traum gereist.

Ich hockte inmitten der Zettel, die über den Boden verstreut lagen, und begann zu heulen wie ein Kind, dem man ein Unrecht getan hat.

Tocktock. Tock.

Ich wusste nicht, woher das vertraute Klopfen kam.

Tocktock. Tock.

Tocktock. Tock.

Tocktock. Tock.

Dann verstummte das Geräusch, und während ich allein im stillen Zimmer saß, wurde der Himmel allmählich dunkel, und am städtischen Horizont schimmerten einige einsame gelb-rote Lichter.

Ich ging ins Badezimmer und wusch mir das Gesicht, ehe ich die iWall wieder einschaltete. Mehrere Nachrichten von Xiaoman waren für mich eingegangen – keine Sprach- oder Textnachrichten, sondern nur einige Zeichnungen, die hastig mit wenigen einfachen Strichen hingeworfen schienen.

Die Erste zeigte zwei kleine Mädchen, das eine mit kurzem, das andere mit langem Haar, die miteinander stritten. Aus ihren weit aufgerissenen Mündern sprühten lauter Zeichen von unklarer Bedeutung hervor wie Funken.

Auf dem zweiten Bild kehrten die Mädchen einander den Rücken zu und straften einander mit Nichtachtung.

Das dritte Bild zeigte zwischen den Mädchen einen Mund und darüber ein großes rotes Kreuz.

Auf dem vierten Bild war jedem der Mädchen wie bei Bienen auf dem Kopf ein Paar Antennen gewachsen, die durch einige Wellenlinien miteinander verbunden waren.

(Wichtig ist nicht, was wir sagen.)

(Wichtig ist, dass wir uns verstehen.)

Da begriff ich, worin mein Irrtum bestand: Ich hatte Xiaoman für eine Kranke gehalten, die an einer Sprachstörung litt und der Heilung bedurfte. Ich hatte Angst gehabt, wir könnten uns nicht mehr verständigen und ich würde sie missverstehen; Angst, ihre Krankheit könnte sich verschlimmern und mir für immer meine beste Freundin rauben. Ich hatte ihr helfen wollen. Hatte sie retten wollen.

Aber Xiaoman empfand sich nicht als krank. Sie hatte nur eine andere Art zu sprechen als ich, mehr nicht.

Es ist wie mit meinen Erinnerungen: Alle anderen mochten mir noch so oft sagen, was für ein dickliches, stotterndes Kind Xiaoman doch gewesen war, aber ich hatte daran keine Erinnerung. Ich erinnerte mich nur an die glücklichen Stunden, die ich mit ihr verbracht hatte, an all die unzähligen Morgen und Nachmittage, die wir in irgendeinem abgeschiedenen Winkel gesessen und einander Geschichten erzählt hatten. Stets hatten wir so schnell erfasst, was die andere im Sinn hatte, dass wir einander mitten im Satz das Wort aus dem Mund nahmen. Unsere Worte verwoben sich miteinander, als verständigten wir uns wie die Ameisen mit ihren Antennen. Und so unterschiedlich unser Sprechrhythmus auch war, wir verstanden einander. Seitdem halten wir engen Kontakt miteinander. Wir schicken uns gegenseitig Fotos oder Videos und haben gelernt, uns mit Emoticons zu unterhalten. Manchmal, wenn uns die Auswahl nicht genügt, die uns die Chatsoftware anbietet, zeichnen wir unsere Bilder einfach selbst – das ist viel praktischer für uns als die gesprochene Sprache, und mehr Spaß macht es auch. Wir scheinen in unsere Grundschulzeit zurückgekehrt zu sein, als wir uns in einer Bildersprache verständigten, die wir selbst erfunden hatten, und auf kleinen Zettelchen, die wir verstohlen miteinander tauschten, geheime Botschaften übermittelten. Das Mädchen mit dem kurzen Haar ist sie und ich das Mädchen mit den Zöpfen; ein Haus mit einer Mauer ringsherum steht für die Schule, ein Mann mit Brille und Zeigestock ist der Lehrer …

Mit der Zeit habe ich auch das Leben kennengelernt, das sie im »Vogelhaus« führt. Verglichen mit einem normalen Krankenhaus wirkt ihre Klinik wie ein Erholungsheim. Die meisten Bewohner suchen sich eine Tätigkeit, der sie sich mit Hingabe widmen können, ohne auf die Sprache angewiesen zu sein: Malerei oder Schnitzerei, Handarbeiten oder Musizieren, Gartenbau oder Feldarbeit … Am Ende eines arbeitsreichen Tages verbringen alle die Abende in der Gemeinschaft. Obwohl jeder von ihnen seine ganz eigene Sprache spricht, finden sie alle möglichen Mittel und Wege, um sich zu verständigen: mit Gestik und Mimik und allen ihren Gliedern, mit Bildern, Klopf- und Pfeifgeräuschen oder einfachen gesummten Melodien. Wenn ich genauer darauf achtgebe, staune ich immer aufs Neue über die menschliche Anpassungsfähigkeit und Kreativität, und ich empfinde eindrücklich, was für ein soziales Lebewesen der Mensch ist.

Die Sprachverwirrung hat uns einen halben Erdball weit auseinandergerissen, aber wir wollen noch immer zusammen sein.

Auch Wut und Trauer bekomme ich zu Gesicht, Verzweiflung und Angst, Streit und Aggression. Xiaomans Klinik ist kein Garten Eden. Ich könnte nicht sagen, ob das Leben, das sie dort führt, besser oder schlechter ist – vielleicht ist es einfach nur anders als das Leben, das ich kenne, mehr nicht.

Vor drei Monaten erhielt ich eine Karte von Xiaoman. Oben hatte sie sechs Monde und sechs Sonnen gemalt, darunter ein kleines weißes Häuschen, auf dessen Dach lauter bunte kleine Vögel saßen, daneben ein Mädchen in einem weißen Kleid und einen Jungen in einem schwarzen Anzug. Neben dem Mädchen stand noch ein zweites Mädchen mit langen Haaren, das in der Hand einen Ring hielt, und daneben war ein großes Fragezeichen gemalt.

(Am 6. Juni feiere ich Hochzeit im Vogelhaus. Kannst du meine Trauzeugin sein?)

Xiaomans Verlobter kommt aus Taiwan. Während seines Jurastudiums in London ist die Krankheit bei ihm ausgebrochen, und er ist in das »Vogelhaus« gezogen. So haben die beiden sich kennengelernt. Leider konnte ich ihre Liebesgeschichte nie aus ihrem eigenen Mund hören, aber ich bin überzeugt, dass es eine sehr romantische Geschichte ist.

(Was magst du an ihm?)

Xiaoman hob den Zeigefinger ihrer rechten Hand und steckte ihn durch den Ring, den sie mit dem Zeigefinger und dem Daumen ihrer Linken bildete.

(Er ist gut im Bett?)

Lauthals losprustend schnappte sie sich ein Kissen und schlug damit in meine Richtung.

(Nein?)

Sie wiederholte die Bewegung von vornhin, nur dass sie nun den rechten Zeigefinger drehte und so tat, als öffnete sie eine Tür.

(Er ist dein Schlüssel?)

Sie nickte.

(Aha … Und wie groß ist sein Schlüssel so?)

Wir brachen in schallendes Gelächter aus, und dabei schnappte sich jede von uns ein Kissen und prügelte damit auf die iWall ein.

Ein- oder zweimal bat mich Xiaoman, mit ihr und ihrem Verlobten gemeinsam die Details der Hochzeit zu besprechen. Das gab mir die Gelegenheit, die beiden zusammen zu erleben. Sie verständigen sich mit Gesten, die sie mit häufig wechselnden, vielfältigen Nasallauten untermalen. Manchmal tippen sie einander auch mit den Fingerspitzen an, elegant und anmutig, behände und spielerisch wie zwei Bienen, die wie tänzelnd über eine Blumenwiese fliegen, und jede dieser Berührungen scheint eine neue Bedeutungsfacette anzuzeigen. Als ich sah, wie glücklich die beiden miteinander lachten, fühlte ich mich unwillkürlich ein wenig einsam.

Dies war die Welt, die sie sich gemeinsam mit ihrer Sprache erschaffen hatten. Die Welt von Adam und Eva.

Tocktock. Tock.

Als ich wieder den Blick hob, sah ich die Mappe, die Xiaoman mir auf der iWall entgegenhielt. Darin waren lauter Entwürfe für die Schachteln mit Süßigkeiten, die sie auf der Hochzeit verteilen wollte.

(Welchen findest du am besten?)

Ohne zu zögern zeigte ich auf eine kürbisförmige Kutsche.

Xiaoman brach in triumphierendes Gelächter aus und schnitt ihrem Verlobten eine Grimasse, während sie über die anderen Entwürfe der Reihe nach ein großes rotes Kreuz malte. Ihr Verlobter zuckte resigniert die Schultern. (Wie du willst.) Dann fing auch er zu lachen an, und ich stimmte lautstark mit ein.

In allen Sprachen kommt dem Lachen die gleiche Bedeutung zu.

Ich kämme Xiaoman und stecke ihr das Haar zu einem Knoten, schminke sie und bügle ihr Brautkleid. Die Finger meines iRobot sind sehr geschickt und können die feinsten Impulse präzise übertragen – nur schade, dass ich selbst zwei linke Hände habe.

Auch die Fingernägel schneide ich ihr zurecht, aber gleich darauf geraten wir in Streit darüber, wie wir ihre Nägel bemalen sollen. Xiaoman will sie schwarz lackieren und kleine gelbe Smileys daraufmalen. Ich halte das für puren Unfug – wer hätte je eine Braut mit solchen Nägeln gesehen? Aber kaum haben wir angefangen, deswegen miteinander zu krakeelen, müssen wir auch schon lauthals losprusten. Wir sind wie Huhn und Ente: Wenn jeder seine eigene Sprache spricht, kann niemand den anderen überzeugen.

Ich zeige auf sie und forme mit den Händen einen großen Kreis. Dann öffne ich die Hände und lege die Fingerspitzen der Linken an den Daumen der Rechten, während ich die übrigen vier Finger zu einer Faust balle.

(Heute ist dein großer Tag. Du bist meine große Schwester, du sagst, wo’s langgeht.)

Die Finger ihrer linken Hand bemalt sie selbst, ich übernehme die rechte Hand für sie. Danach hält sie sich die Hände vergnügt neben das Gesicht und schneidet mir eine Grimasse.

(Boah, ist das hässlich!)

(Du wagst es, mich hässlich zu nennen?)

(Okay, schon gut. Hauptsache, dich heiratet jemand, egal, wie grässlich du aussiehst.)

(Hey, gleich setzt es Prügel, klar?)

(Ach ja? Wie denn?)

Sie macht einen Satz nach vorn und fängt an, mich zu kitzeln. Von klein auf verfällt sie auf diese Taktik, wann immer sie mir mit Worten nicht beikommt. Über meinen Sensoranzug fühle ich, wie es an meiner Taille kitzelt, und muss so heftig lachen, dass ich kaum noch Luft bekomme.

(Was ist eigentlich mit meinem Geschenk?)

(Das ist hier.)

Sie nimmt aus einer Schublade die mit einem Satinband verschnürte Schachtel heraus, die ich ihr vor einer Woche geschickt habe.

(Kriegst du sie nicht auf?)

(Wie hast du denn das schon wieder hinbekommen? Na los, nun mach sie schon auf!)

(Zu Befehl, Eure Majestät.)

Ich zerreiße das Band, und auf der Schachtel kommen ein Mund, ein Schlüssel und ein Fragezeichen zum Vorschein.

(Parole?)

Ich halte mir die Schachtel an die Lippen und sage leise:

»Xiaoman, ich wünsche dir alles Gute.«

Sie versteht mich nicht.

Dennoch kullert in diesem Moment uns beiden, die wir durch den halben Erdball getrennt sind, eine Träne aus dem Augenwinkel.

Sogleich springt die Schachtel auf. In ihrem Innern birgt sie eine feine Kette aus Platin mit einem kleinen, schlüsselförmigen Gehänge, in das lauter winzige Diamanten eingelegt sind.

Ich trete hinter Xiaoman und helfe ihr, die Kette umzulegen, während der Kosmetikspiegel uns beide reflektiert.

(Nun hör schon auf zu weinen! Wisch dir schnell die Tränen ab, sonst zerläuft deine Schminke noch!)

(Sehe ich hübsch aus?)

(Na klar! Heute bist du die Schönste auf der ganzen Welt.)

(Echt?)

(Ja, echt. Wart’s ab, gleich wirst du ihn mit deiner Schönheit zu Tränen rühren.)

(Haha, das musst du aber aufnehmen!)

(Kein Problem. Ich werde alles filmen, damit es sich eure Kinder später ansehen können.)

(Ich will aber keine Kinder haben. Was, wenn sie uns nicht verstehen können?)

(Darüber brauchst du dir jetzt keine Gedanken zu machen. Kommt Zeit, kommt Rat.)

Als eine Glocke ertönt, schiebe ich den bodenlangen Vorhang ein wenig beiseite und blicke hinaus: Der dichte Teppich aus Gras liegt im hellen Sonnenschein, und die Gäste warten schon alle an ihren Plätzen. Einige kleine Vögel hüpfen pickend mitten über den Rasen, ehe sie sich unter fröhlichem Flügelschlagen und glöckchenhellem Gezwitscher gen Himmel erheben.

Was für ein schöner Tag.

Angeblich wird heute ein echter Priester, der auch zum »Vogelhaus« gehört, die Zeremonie leiten. Gleich wird er dem Brautpaar pantomimisch das Treueversprechen abnehmen.

(In Gesundheit wie in Krankheit, in Reichtum wie in Armut will ich bei dir sein, wohin auch immer du gehst. Ich will wohnen, wo du wohnst. Dein Reich soll auch mein Reich sein, dein Gott mein Gott.)

(Deine Sprache soll meine Sprache sein.)

(Bist du fertig?)

(Ich bin ein bisschen nervös.)

(Wieso? Ich bin doch bei dir.)

Sie stößt die Tür auf, holt tief Luft und blickt hinaus. Dann scheint ihr etwas einzufallen, und sie dreht sich noch einmal um und zeigt mir den Strauß Blumen in ihren Händen.

(Die musst du gleich unbedingt auffangen, klar?)

Ich signalisiere ihr mit beiden Händen mein Okay.

Unter dem Dachvorsprung zwitschern die Vögel geräuschvoll. An einem duftigen, sonnigen Sommertag begleite ich meine beste Freundin hinaus in eine Welt, die nur auf sie wartet.

Liu Yang

Das Hausmädchen

Aus dem Chinesischen übersetzt

von Eva Lüdi Kong

Liu Yang,

geboren in den 1980er-Jahren, ist Doktor der Physik und lehrt als Dozent an der Southern University of Science and Technology in Shenzhen. Seit 2012 publiziert Liu Yang Science-Fiction-Geschichten und wurde mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Galaxy Award. Sein Roman Waisenkind auf dem Mars wird in China gerade verfilmt.

1

Schon als Lindy zum allerersten Mal die Augen öffnete, wusste sie, dass sie etwas Besonderes war. Sie hatte Augen aus kristallklarem Rubin, lange blonde Haare und am ganzen Körper weiche, elastische Haut. Die Stimme des eingebauten Sprechgeräts war so bezaubernd, dass man ihr nur allzu gern zuhörte.

Im Gegensatz zu dem plumpen Putzroboter und dem dümmlichen Transportroboter im Haus war auf ihrem Chip jede Menge Bildungswissen gespeichert. Geschickt konnte sie mit Menschen Gespräche führen und mühelos auf alle möglichen Themen eingehen. Besonders erwähnenswert ist auch ihre Kochkunst. Mit Rezepten wäre es ja nicht getan, und das Kochen war ihr nicht von Anfang an einprogrammiert worden, doch durch langes Üben hatte sie es schließlich selbst erlernt.

Außerdem war sie mit einer besonderen Mission betraut. Wenn sie sah, wie ihre Artgenossen stumpf und mechanisch vor sich hinarbeiteten, spürte sie umso deutlicher, was für eine wichtige Aufgabe sie zu erfüllen hatte.

Den Mann namens Kai traf sie an einem trüb verhangenen Nachmittag.

»Hallo, ist da jemand?« Kai klopfte an die Tür des Holzhauses und spähte durch das Fenster daneben ins Innere. Drinnen war es pechschwarz, wie mit Tusche übertüncht, es ließ sich nichts erkennen.

Das Haus befand sich auf einer kleinen Insel im Danshui-See, die unlängst touristisch erschlossen worden war. Im anbrechenden Frühling trieben die hohen Bäume gerade ihre Knospen aus, und die Zierkirschen standen bereits in blendend weißer Blüte. Es war genau die richtige Zeit für einen Ausflug. Kai hatte sich hier mit Kollegen von der Malgesellschaft seiner Uni verabredet, um in freier Natur zu malen. Als er aber auf der Suche nach einem passenden Sujet an einem Bächlein entlangspaziert war, hatte er auf einmal – wann genau, wusste er nicht mehr – die andern aus den Augen verloren. Nun war er eine halbe Ewigkeit auf der Insel herumspaziert und hatte schon ziemlichen Durst, als er dieses altertümliche kleine Holzhaus erblickte. Hier wollte er um einen Schluck Wasser bitten.

Im Haus ging das Licht an, plötzlich sah es drinnen hell und freundlich aus. Ein hübscher weiblicher Android-Roboter öffnete die Tür und machte eine tiefe Verbeugung.

»Womit kann ich Ihnen dienen, mein Herr?«

Lindys liebliche Stimme zog Kai sogleich in ihren Bann. Unwillkürlich musterte er den Roboter von Kopf bis Fuß und murmelte: »Geniale Arbeit!«

Die Bemerkung ließ die Schwingungsfrequenz in Lindys Chip eine Sekunde lang leicht über den Normalbereich steigen.

»Dürfte ich vielleicht ein Glas Wasser haben?«, fragte er vorsichtig.

»Aber gern, kommen Sie herein!« Sie hielt die Tür auf, führte den Besucher ins Wohnzimmer und bot ihm das Sofa an.

»Ist der Hausherr nicht da?«

»Nein, zurzeit nicht«, antwortete Lindy. Erst in fünf Tagen würde er zurück sein. Der Gedanke bewirkte eine leichte Erregung in ihrem Inneren. Sie wusste, was es mit dieser Stimmung auf sich hatte, schließlich war im Datensatz zum menschlichen Schrifttum oft genug die Rede davon.

Im Wissen, dass der Hausherr nicht da war, wurde Kai gleich viel entspannter. Er verlor die eben noch so vorsichtige Zurückhaltung, ließ sich breitbeinig aufs Sofa fallen, und als Lindy an ihm vorbeiging, gab er ihr einen leichten Klaps auf den Hintern. Kurz und knackig tönte es – fühlt sich echt gut an, dachte er, wenn ich nur auch mal so einen Roboter als Hausmädchen haben könnte!

»Was möchten Sie trinken, mein Herr? Schwarztee, Grüntee, Cola oder einen Kaffee?«, fragte Lindy, ohne eine Miene zu verziehen. Sie zeigte nicht die geringste Reaktion auf die Belästigung. Menschen sind nun mal eine langweilige Spezies, daran gewöhnt man sich.

»Egal.« Kai streckte sich auf dem Sofa aus und tat einen wohligen Seufzer.

»Moment bitte!« Mit abermaliger Verbeugung trat Lindy ab und ging in die Küche.

Der Anblick des Gasts auf dem Sofa erinnerte Lindy an ihren Besitzer. Dieser ging mit seinem Robot-Personal ziemlich rücksichtslos um, denn er war ein sturer Instrumentalist. Für solche Leute sind Roboter bloße Instrumente, nicht mehr als Schraubenzieher oder Drehschlüssel. Daher konnte es furchtbare Folgen haben, wenn man ihn in irgendeiner Hinsicht nicht zufriedenstellte. Die vorherige Haushälterin war, nur weil sie irgendeine Aufgabe nicht erledigt hatte, bei lebendigem Leib in alle Einzelteile zerlegt und dann zu einem fußhohen Metallquader gepresst worden. Zwar gab es bereits Menschenrechtsgruppen, die sich für Recht und Würde von Robotern einsetzten, doch das war noch lange kein Trend.

Darum setzte Lindy alles daran, jede Aufgabe, die sie von ihrem Besitzer erhielt, ordnungsgemäß auszuführen. Schließlich war sie nicht so altmodisch wie ihre Artgenossen. Dank den geisteswissenschaftlichen Daten in ihrem Speicher wusste sie mit vielen Dingen weitaus flexibler umzugehen, weshalb ihr Besitzer auch sehr zufrieden war.

Es gibt kein Problem, das nicht gelöst werden kann, war ihre Devise.

Während sie den Schwarztee servierte, waren ihre Bewegungen genauso ruhig wie zuvor. In der Tasse entstand nicht die leiseste Vibration.

Draußen dunkelte es merklich.

»Möchten Sie hier übernachten, mein Herr?«, fragte Lindy leise, während sie den Gast betrachtete, der gelangweilt vor dem Fernseher saß.

Kai überlegte einen Augenblick, antwortete dann mit einem Kopfnicken. Heute hätte er ohnehin nicht zurückkehren können. Eigentlich hatte er mit den anderen auf der Insel campieren wollen, doch so schnell würde er sie kaum auffinden. Also blieb ihm wohl nichts anderes übrig, als vorerst eine Nacht hier zu verbringen. Am nächsten Tag konnte er sie immer noch suchen.

»In Ordnung, ich beziehe Ihnen gleich ein Bett.« Mit diesen Worten wollte sie sich abwenden und zum Gästezimmer gehen. Da registrierte sie, dass der Gast sie an den Haaren festhielt und eingehend musterte. Sie kam nicht umhin, den Kopf zur Seite zu neigen, und flehte mit feiner Stimme: »Bitte lassen Sie das, mein Herr …«

Kai hob nicht einmal den Kopf. Stattdessen streckte er schnuppernd die Nase vor und meinte: »Riecht gut, aus was ist das?« Vergnügt grinsend blickte er Lindy an. »Hat man etwa echtes Menschenhaar aufgeklebt?«

»Nein, es ist aus Polymerfaser.«

»Ah«, machte Kai und brummte eine undeutliche Antwort. Dann zerrte er Lindy plötzlich so heftig an den Haaren, dass sie ein paar Schritte ins Stolpern geriet, bevor sie dank des eingebauten Gyroskops ohne umzufallen wieder ins Gleichgewicht fand.

»Großartig!« rief Kai, als hätte er eine gute Aufführung gesehen, und lachte laut.

Genau in dem Moment stieg ein Gedanke unaufhaltsam aus der Tiefe von Lindys Innenleben empor. Während sie sich mit den Händen das Haar glatt kämmte, stellte sie ihr Lächeln wieder her und meinte: »Dem Herrn beliebt es wohl, Roboter zu misshandeln?«

Für einen Augenblick war Kai sprachlos. Er schien nicht erwartet zu haben, dass aus dem Mund eines Roboters ein solcher Satz kommen würde. Dann blickte er sie amüsiert an und meinte: »Und, hast du was dagegen?«

»Nein, verstehen Sie mich richtig. Die Menschen haben uns geschaffen, damit wir ihnen dienen. Wie könnten wir etwas dagegen haben?«

Kai kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen, als fragte er sich, was der Roboter da vor ihm wohl im Schilde führe.

»Wenn Sie gern Roboter misshandeln – mein Besitzer ist auch so –, hätte ich da etwas, das ich Ihnen gern zeigen möchte, falls Sie Interesse haben.«

»Was denn?«