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Vier Frauen lernen sich nach einem Krankenhausaufenthalt in derselben Reha-Klinik kennen. Nach anfänglicher Zurückhaltung entwickelt sich zwischen ihnen eine tiefe Freundschaft. Die starke Margret, die immer zu Scherzen aufgelegte Petra und die kluge Jutta können ihren Reha-Aufenthalt richtig genießen, während Dagmar schwere Probleme zu haben scheint. Die Entscheidung, Daggi zu helfen, wird zu einer Bewährungsprobe für das ungewöhnliche Frauen-Quartett.
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Seitenzahl: 322
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Den Mitmenschen Freude zu machen, ist doch das Beste, was man auf dieser Welt tun kann.
Peter Rosegger
Margret Groß
Dagmar Dreyfuß
Jutta Hoffmann
Petra Klein
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Wenn mich jemand fragen sollte, wie es so gewesen ist – nun ja, ihr Lieben, mir ist es jeden Tag besser gegangen. Selbst nach meiner Hüftoperation habe ich keinerlei Probleme. Hier werde ich prima und nett behandelt. Alle – Ärzte, Schwestern, Pfleger, Physiotherapeuten und, und, und … – haben mir zu jeder Tageszeit lieb geholfen. Wisst ihr, ich bin mehr als zufrieden, ruhig, fühle mich entspannt – meine Heilung schreitet voran. Könnt ihr meine Freude verstehen?
Meine nette, durch einen Unfall bös ramponierte Mitpatientin sieht wie ich alles durch die rosarote Brille. Gut, es gibt Momente, in denen wir zwei keine langen und intensiven Gespräche führen, mit unseren Schwierigkeiten müssen wir doch hin und wieder klar Schiff machen. Oh Mann, diese Psyche!
Wenige Tage nach meiner Operation habe ich zusammen mit meiner Physiotherapeutin auf dem Stationsflur erleben können, wie unterschiedlich Patienten auf ihre Beschwerden und Behandlungen reagieren: lässig, euphorisch, misstrauisch, stumm leidend, klagend …
Ich habe früher selbst als Krankenschwester in verschiedenen Kliniken gearbeitet, meistens auf chirurgischen Stationen. Ob ich wohl damals anders reagiert habe als heute, nun als Patientin? Gibt es da Unterschiede? Doch, doch, doch! Als ich noch Patienten betreut habe, die selbst Ärzte, Schwestern oder Pfleger gewesen sind, sind es die ungeduldigsten Nörgler gewesen. Bin ich auch ein Besserwisser? Ich denke nicht. Mein Kontakt zum Klinikpersonal ist doch freundlich und liebenswürdig.
Wie schnell doch die zwei Wochen auf dieser Station vorübergegangen sind … Wölfi schleppt nun bereits meinen Koffer, mein Mann als Kofferträger im wahrsten Sinne des Wortes. Was packt man bloß alles ein? Aber in Reha-Kliniken braucht man eben mehr Klamotten und Kram als im Krankenhaus. Da steht sie nun auch noch, meine Reisetasche, prall gefüllt mit Sportsachen – ich will ja schließlich chic aussehen.
Ojemine, mein armer Ehemann! Schon wieder muss er wie vor zwei Jahren alleine zu Hause bleiben. Doch unsere beiden erwachsenen Kinder werden ihren Vater tatkräftig unterstützen – zumindest haben sie das vor. Unser hilfsbereiter Christian und unsere sozial eingestellte Sabine vergessen ihren Vater ganz bestimmt nicht. Schauen wir in andere Familien, so ist das nicht selbstverständlich.
Nach meinen gut verlaufenen Operationen bin ich einfach nur glücklich und frohen Mutes – nach all den Jahren endlich keine bohrenden Schmerzen mehr. Ich habe die richtigen Entscheidungen getroffen.
In einem Tag, noch nicht einmal vierundzwanzig Stunden, reisen wir. Wölfi fährt mit mir, seiner Prinzessin, ein paar Stunden im Auto bis in das schöne Städtchen Bad Driburg. Nun muss ich mich von meinen lieben Ärzten und Schwestern verabschieden. Auch meine Mitpatientin wird zusammen mit mir entlassen. Sie muss ebenfalls zur Reha, aber leider nicht nach Bad Driburg, sondern weit, weit weg. Zum Abschied schwören wir uns beide, dass wir uns irgendwann wieder treffen wollen. Aber jetzt sollen wir beide die nächsten Wochen gezielt mit den Therapeuten arbeiten. Ich freue mich darauf.
Nein, ist diese Reha-Klinik groß, da kann man sich ja verlaufen. Ich fühle mich mutterseelenallein, wie isoliert. Dieses Bad Driburg ist doch ziemlich weit weg von Köln. Daheim kann ich mich wenigstens hin und wieder mit meiner Freundin treffen. Da kann ich einfach nur reden, Freude haben … aber leider auch öfter heulen.
Mist, es läuft seit Jahren alles nur Kacke. Warum ist Alex, mein Mann, nun schon seit zwei Jahren arbeitslos? Dass Firmen schon mal pleitegehen, wissen wir ja, aber warum findet mein Mann keine neue Stelle? Er hat als Meister in seinem Betrieb gearbeitet – kompetent, eifrig und kontaktfreudig. Wie oft haben seine Kollegen Probleme und Ärger gehabt, er hat ihnen zu jeder Zeit geholfen. Und heute? Verbissen ist er und maßlos enttäuscht von allem.
In den ersten Wochen seiner Arbeitslosigkeit ist Alex noch voller Hoffnung gewesen, bei seinen Fähigkeiten müsste es doch ein Leichtes sein, wieder eine schöne Arbeit zu finden. Und wie ernüchtert ist er jetzt, seiner Illusionen beraubt.
Und ich? Ich schaffe es nicht länger, ihn aufzumuntern, ja, er lehnt meine Mühen ab. Selbst wenn wir mal wirklich eine wohlige Nähe genießen könnten, wie denn und wann? Er verschwindet kurz nach fünf Uhr morgens aus dem Haus und kutschiert sein Taxi eine Ewigkeit, viele, viele Stunden lang. Wie oft ist es passiert, dass er bis in die Nacht hinein gefahren ist. Meinen Mann kann ich oft nur per Handy erreichen.
Meine Probleme werden immer größer. Alex, warum hilfst du mir nicht? Du hast dich so schrecklich verändert. Außer Taxi fahren machst du gar nichts mehr. Wie froh bin ich gewesen, als du diesen Nebenjob bekommen hast, aber heute? Ich hasse deine Arbeit inzwischen. Es ist zwar gut, dass dadurch etwas Geld ins Haus kommt, doch das langt nicht, an allen Ecken und Enden fehlt Geld für die Familie und das Haus. Kummer, Unruhe, schlaflose Nächte wegen unserer Geldsorgen.
Alex, ich schaffe es nicht mehr. Kennst du überhaupt noch unsere Kinder? Weißt du eigentlich, wie scheußlich sich eine vierzehnjährige Tochter in der Pubertät entwikkeln kann? Sarah ist von sich und ihrem Verhalten sehr überzeugt. Und was ist mit Amelie? Mit ihren zwölf Jahren ist sie natürlich von der älteren Schwester schwer begeistert und ahmt ihr Verhalten nach. Schlimme, schlimme Situationen. Nur unser kleiner Oliver merkt, dass es mir schlecht geht und ich große Schwierigkeiten habe. Wenn ich es mal wieder dicke habe, kommt er zu mir und tröstet mich liebevoll. Ein Zehnjähriger!
Sind unsere Kinder eigentlich noch glücklich und zufrieden? Können sie es sein? Unsere Töchter haben sich von uns zurückgezogen, ein inniges Zusammensein hat es schon länger nicht mehr gegeben. Sorgen und Ärger fressen mich auf. Mein Bauch tut weh, und Kopfschmerzen habe ich bereits ständig. Ich sollte eigentlich nicht mehr grübeln, aber die Probleme kann man auch nicht so einfach wegschieben.
Könnten denn unsere Unannehmlichkeiten nicht über Nacht verschwinden? Gibt es nicht irgendwo eine gute Fee und wir hätten drei Wünsche frei?
Alex hat mich mit seinem Taxi nach Bad Driburg in die Reha gebracht. Eine schöne und große Klinik. Bei der Anmeldung hat er mir noch geholfen und dann meine Koffer und Taschen in mein Zimmer, mein neues Reich auf Zeit, gebracht. Aber schon muss er wieder zurück nach Köln, Geld verdienen. Immer das verdammte Geld!
Allein überlege ich, was mich hier erwarten wird. Ob es einen netten Stationsarzt gibt? Ob er mir gut helfen kann? Wann wird die Aufnahmeuntersuchung gemacht? Scheußlich, mein Bauch tut schon wieder fies weh, genau wie in dem Kölner Krankenhaus. Die Station, auf der ich gewesen bin, ist nicht schön gewesen, doch mein Arzt, der mich freundlich und eifrig behandelte, hat mir Geborgenheit und Hilfe gegeben. Dieser Mann hat es ganz schnell organisiert, dass ich in die Reha nach Bad Driburg kommen und hier weiterbehandelt werden kann.
Bei meinen fürchterlichen Bauch- und Magenschmerzen hat mir zunächst unser Hausarzt geholfen, doch er ist nach kurzer Zeit mit seinem Latein am Ende gewesen, also überwies er mich ins Krankenhaus. Wenn ich so darüber nachdenke, ist es der Stationsarzt in dieser Klinik gewesen, der sich ernsthafte Gedanken gemacht hat, wie er mir helfen könnte. Jeden Tag hat er mir Neues erzählt, warum Magen und Bauch so rebellierten, was sich aber in absehbarer Zeit auch bessern könnte. Er hat sich viel Zeit genommen, mit mir zu reden, mir auf den Zahn zu fühlen und mich buchstäblich auszuquetschen. Und das ist für mich befreiend gewesen!
Was hat er nur für eine Geduld mit mir gehabt. Er ist aufrichtig, aber auch herausfordernd gewesen. Ich habe ihm alles über mich und meine Familie erzählt … So alles von der Seele reden, wie schön! Zwischendurch habe ich schon mal gelächelt, meistens aber sind mir die Tränen nur so geflossen. Oh Mann, das hat alles trotzdem gut getan. Endlich jemand, der sich um mich bemüht hat.
Mein Krankenhausarzt hat für alles Verständnis gehabt, was bei uns so läuft: Probleme, Sorgen, Ärger, Ängste. Bauch und Magen müssen darauf irgendwann reagieren. Dr. Jansen ist sich sehr sicher und schwört Stein und Bein: Wenn die Seele krank ist, wird auch der Körper krank.
Schön, ich versuche nun tatsächlich zu verstehen, warum ich krank geworden bin. Ich habe sicher eine marode Psyche – das habe ich verstanden. Diese widerliche körperliche Störung könnte beseitigt werden, wenn die seelischen Ursachen beseitigt würden. Aber wie kann ich unsere familiären Probleme beiseite schieben?
Ich möchte wieder glücklich leben, ohne Sorgen, Angstgefühle und Beklemmungen. Wann werde ich wieder zufrieden sein? Nächstes Jahr? Noch später? Verdammter Mist, mein Bauch tut schon wieder fies weh!
Wie fürsorglich mein Pit ist … Selbst unsere Zwillinge können echt eifrig sein. Da bin ich doch richtig gerührt. Unsere Duo-Töchter können sogar Koffer packen. Sieh an, auch Zwölfjährige beherrschen diese Technik. Ich bleibe ganz, ganz ruhig und lasse mich verwöhnen. Alle meine Sachen sind bereits im Auto verstaut.
Meine sehr nette Mitpatientin in unserem Krankenzimmer hat einen Riesenspaß gehabt, das tatkräftige Herumfuhrwerken zu beobachten. Sie staunt schon, dass meine Töchter so hilfsbereit sind. Und das bei beginnender Pubertät! Sie hat auch Töchter, daher kann sie gut mitreden. Als wir beide alleine sind, die drei bringen meine Sachen gerade weg, meint sie doch grinsend, unsere Zwillinge seien zwar sehr reizend in ihrer gewinnenden Art, allerdings auch auf ihren Vorteil bedacht. Ja, liebe schnuckelige Lea und Jana, diese Beobachtung ist treffend. Für einen Tag die Schule schwänzen und mich gemeinsam nach Bad Driburg in meine Reha-Klinik bringen, das ist euer Ziel, einen Tag mal nicht pauken müssen. Ich muss schmunzeln.
Pit organisiert für mich ganz selbstverständlich einen Rollstuhl, brauche ich doch dann nicht mühsam zu humpeln. Ich kann mich gemütlich in diesen, wie Jana es formuliert, Porsche auf zwei großen und zwei kleinen Rädern setzen. Nach der längeren Abschiedszeremonie sitze ich schön eingepackt in unserem Auto. Pit fährt souverän und vorsichtig, denkt dabei bestimmt an mein frisch operiertes Knie, das nicht zu sehr durchgerüttelt werden darf – das wäre ziemlich schmerzhaft.
Obwohl die drei gearbeitet haben, um mich zu schonen, und ich nichts getan habe, bin ich doch total erledigt. Mit einundvierzig Jahren müsste man eine solche OP doch wegstecken können, warum fühle ich mich dann so angeschlagen? Ich bin wirklich dankbar dafür, dass Pit meine Problemchen registriert und mir die so wichtige heilende Ruhe gegeben hat. Nun kann ich in aller Ruhe mit unseren allerbesten Töchtern quatschen und die Fahrt in Muße genießen, dabei die klopfenden Knieschmerzen ignorieren.
Wir sind inzwischen auf der viel befahrenen Autobahn, der Motor freut sich, mal so richtig schön ausgefahren zu werden. Pit albert mit Lea und Jana eine Zeit lang, dann amüsieren sie sich mit Wortspielereien. Manche sind nicht so berauschend, andere sehr witzig, und ich stimme in ihr Gelächter ein. Das nennt man erholsamen Familienspaß.
Es ist wieder Pit, der unseren Mädels eine Reihe von Aufgaben gibt, die mathematisches Denken erfordern und gut überlegt sein wollen. Nun ist es wieder ruhiger, die drei dürfen ohne mich grübeln, ich denke wieder an mich.
Mein ramponiertes Knie meckert immer noch. Ach, wäre das schön, jetzt wie im Krankenhaus die Beine hochlegen zu können. Ich muss mein Knie mal ganz unauffällig anfassen. Das Gelenk wird zusehends dicker und heiß. Gott sei Dank neigt sich die Fahrt dem Ende zu. Wenn die Operationsfolgen abgeklungen sind, ob ich dann wieder meinen Sport treiben kann? Ist der geliebte Skiurlaub wieder möglich? Bin ich doch beim Skilaufen blöd gestürzt und habe dabei mein Knie übel verletzt. Das ist noch gar nicht so lange her. Ob ich wohl wieder Fahrrad fahren kann? Diesmal ist noch der heftige Fahrradunfall hinzugekommen und hat meinem Knie den Rest gegeben. Und nun? Mein Chirurg ist ein Optimist, aber ich habe mit meinem Dingsbums-Knie so meine Zweifel.
Ach was, Jutta, denke besser an was Schönes. Was werde ich wohl in der Reha erfahren? Dabei werde ich bestimmt viele Mitleidende und auch viele gute Quälgeister, sprich Therapeuten und Ärzte, kennen lernen. Insbesondere denke ich da an die Krankengymnasten. Diese Physiotherapeuten können sich an uns Patienten so richtig austoben. Das ist auch im Krankenhaus schon so gewesen. Oh, oh, oh, in der Reha werden die Behandlungen unter Garantie noch häufiger und intensiver vorgenommen. Dagegen werden die Mediziner bestimmt ganz harmlos sein. Aber was soll’s, uns Patienten soll ja geholfen werden, und schließlich gehen wir ja auch freiwillig hin. Ich freue mich schon darauf, in dieser Zeit Kontakt zu vielen neuen Menschen und Mitkämpfern knüpfen zu können.
Lea und Jana sind nicht wirklich begeistert, dass ich mehrere Wochen lang von zuhause weg sein werde. Auf der anderen Seite sind sie ganz entzückt, dass Oma und Opa für sie sorgen werden. Aber ehrlich, Pit wird sich sicher auch darüber freuen, ist er doch dadurch erheblich entlastet. Also brauche ich mir um Pit und die Kinder keine Sorgen zu machen. Ein jeder hilft, wie er kann, so komme ich zu meiner wichtigen Ruhe. Danke an alle!
Verdummich nochmal, finde ich meinen Herzdoktor noch gut? Seine Hoheit mit seinen Ermahnungen und Drohungen? Aber da ist er falsch gewickelt, damit kann er mich nicht einschüchtern. Ich schlucke doch brav seine Giftpillen. Und dann Drohungen wegen dem bisschen Herzinfarkt? Nein, ich habe keinerlei Lust, mein Leben zu ändern. Was sollte ich überhaupt ändern? Ich bin kein hektischer und erst recht kein gehetzter Typ. Der Herzdoktor soll einfach nur meine Pumpe behandeln. Er mag ein guter Kardiologe sein, aber kein Psychologe.
Ich, gerade ich, sollte mehr positives Denken zeigen? Typisch Schulmediziner! Ich bin lebensfroh und gerne auf dieser Welt. Er behauptet, dass ich hier im Krankenhaus eine fahrige »Zappelpetra« sei. Da fehlen mir die Worte – ich habe keine Probleme.
Wenn man beruflich selbstständig ist, muss man beweglich sein und mit den Kunden Kontakt halten. Wart mal ab, mein Doktorchen, kannst ruhig mal zum Haareschneiden zu mir kommen, da hätte ich wirklich einen Riesenspaß. Da würdest du schon merken, dass ich weder unruhig noch nervös bin. Die Patienten sollten doch die Ärzte formen und nicht umgekehrt, oder?
Andererseits kann ich eigentlich über mein Doktorchen nicht meckern – er ist ständig aktiv. Vor kurzem ist er in meine Krankenkemenate gekommen, hat sich mir gegenüber hingesetzt und meine Hände gehalten und nett mit mir geplaudert. Meine Krankenakte liegt derweil unberührt auf dem Tisch. Kein Wort über meine neuen Untersuchungsergebnisse wie EKG und Blutbild. Ich bin gleich skeptisch – er hatte doch sonst immer die Krankenblätter in den Händen.
Aber sieh mal an, ein Arzt kann auch menschlich sein. Seine Worte klingen sanft und einfühlsam, nicht so streng wie sonst. Er spricht allgemein, über Gott und die Welt. Da kann ich mitreden. Die Themen werden konkreter – erst über Deutschland, dann über Duisburg, meine Heimatstadt, und zuletzt über mich. Das hat er schon fein ausgeklügelt. Aber ohne Frage, bis dahin ist es ein sehr schönes Zwiegespräch. Ich merke natürlich sofort, dass mein Doktorchen mich beobachtet, registriert, wie sich meine Muskeln anspannen. Mein Gesichtsausdrück ist bestimmt nicht misstrauisch, aber ich nehme doch eine »Habachtstellung« ein. Er soll bloß keine sentimentale Rede halten!
Aber sieh an, er plaudert wie vorher ganz sympathisch weiter. Wenn ich es mir so überlege, muss ich ihn nur ganz kurz ungläubig angesehen haben. Aber er ist offensichtlich kein guter Beobachter. Wie schön ist es, sich ganz locker über mich und meine Erkrankung auszulassen und zu überlegen, warum es einen – korrekt: meinen – Herzinfarkt gegeben hat. Ich höre intensiv zu, als er ganz locker meint, dass ich zwar vom Alter her – fünfundfünfzig Jahre – eventuell ein höheres Risiko haben könnte, wegen verstopfter Venen und so, denn meine Adern sind naturgemäß nicht mehr jugendlich frisch und elastisch. Doch es gibt fast keine Ablagerungen und von da könnte meine Erkrankung höchstwahrscheinlich nicht herrühren.
Sieh an! Natürlich muss ich nachhaken, um eine Erklärung zu erhalten. Und schon sind wir bei dem Gesprächsschwerpunkt – die Psyche. Das Doktorchen spricht weiter im partnerschaftlichen Tonfall, lässt mich dabei nicht aus den Augen. Sehr verärgert reagiert er, als nach kurzem Anklopfen eine Putzi ins Zimmer kommt. Die arme Frau, sie wird vom Doktorchen regelrecht rausgeschmissen. Das ist auch gut so, denn es geht schließlich um mich und nicht um sie.
Es ist wieder ruhig, selbst meine Mitpatientin liegt mucksmäuschenstill in ihrem Bett und hört aufmerksam zu. Auch sie hat einen Herzinfarkt erlitten. Die Venen an ihrem Herzen waren verstopft, es mussten Bypässe gelegt werden. Bei mir ist das nicht nötig gewesen.
Aber warum habe ich trotzdem diese Attacken bekommen? Diese Frage hat man mir schnell beantwortet: Meine belastete Psyche ist schuld. Wenn ich es mir so recht überlege, hat mir mein Doktorchen diesen üblen Grund einleuchtend dargelegt. Er wird sicher recht haben. Auf meine Art und Weise habe ich – meistens – das letzte Wort. Jetzt muss ich zum zweiten Mal ruhig bleiben.
Verdammt, mein Doktorchen lässt nicht nur EKG, Blutuntersuchungen, CT und, und, und … machen und fasst die Ergebnisse zusammen, sondern stellt erfreulicherweise weitere Überlegungen an. Ich denke an das letzte Jahr, in dem ich erhebliche Beschwerden im Brustbereich gehabt habe, offenbar bereits erste Anzeichen meiner Herzprobleme. Die Bestätigung habe ich heute bekommen. Mein damaliger Internist und Kardiologe meinte nach allen negativen Feststellungen, dass nur ein Psychiater mir helfen könnte. So einfach geht das aber nicht! Bei diesen Schulmedizinern sträuben sich mir die Haare.
Hätte ein Psychiater die Möglichkeiten gehabt, mich vor dem Infarkt zu bewahren? Das ist nur eine müde Frage. Ich will mich nicht schon wieder zum Thema Ärzte und Schulmediziner auslassen. Am Beispiel meines todkranken Mannes habe ich das über Jahre miterleben müssen. Ärzte, Krankenhaus, Ärzte … ohne Pause. Eine furchtbare Belastung für uns beide. So schlimm, dass ich selbst krank geworden bin, sogar ziemlich bös. Wenn ich an diese Zeit zurückdenke, ist es nur schlimm und übel gewesen. Wenige Tage nach meiner Operation ist mein Mann gestorben. In dieser Zeit und davor, als mein Mann noch lebte und ich auch nicht mehr gesund gewesen bin, da hätten wir einen Psychologen gebraucht. Aber keiner hat Zeit gehabt.
Mein Doktorchen hat meine Geschichte verstanden. Vielleicht hat er ja recht, wenn er sagt, dass ich mich ein wenig ändern müsse, um innerlich zur Ruhe zu kommen. Deshalb sollte ich möglichst weit weg von zuhause und meinem Geschäft in eine gute Reha-Klinik gehen.
Ja, ich glaube, ich habe es begriffen, für eine Zeit Abstand gewinnen zu müssen. Meine beste Freundin und Kollegin ist ja Gott sei Dank bereit, mir mit allem zu helfen. Sie wird mich nach Bad Driburg bringen und mein Friseurgeschäft gerne weiterführen. Noch mehr kann ich sicher nicht erwarten. Und selbst ein Schulmediziner, mein Doktorchen, kann durchaus auch mal gut sein.
Bad Driburg, Reha Caspar-Heinrich-Klinik, Dienstag, 1. März
Der letzte Februartag zeigte sich noch eher regnerisch, der neue Monat hatte allem Anschein nach andere Stärken. Der 1. März deutete auf ein Bilderbuchwetter hin, bei klarem Himmel durfte man mit strahlendem Sonnenschein rechnen. Am frühen Morgen gab es zunächst orakelhafte Nebelbänke in diesem schönen kleinen Städtchen. Der schaurig schöne Moment hielt sich nur kurz, die Sonne besaß schon Stärke, löste den Nebel auf, und die frische, klare Luft erwärmte sich schnell. Nur die bewaldeten sanften Hügel umwaberten noch einzelne Nebelschwaden, als ob sie etwas verbergen wollten.
Das reizvolle Städtchen mit seinem weitläufigen, ideenreich angelegten Kurpark und der Reihe von Kur- und Reha-Kliniken dominierte über die anderen Kurstädte in dieser Gegend. Zu den vielen Kliniken gehörte auch die moderne Caspar-Heinrich-Klinik, der ein hervorragender Ruf vorauseilte und die majestätisch in der freien Landschaft thronte.
Die friedvolle Nacht, die den erschöpften Patienten nach den anstrengenden Behandlungen Erholung gebracht hatte, war vorüber. Am neuen Tag standen wieder jede Menge Therapien an, die Ruhepause hatte neue Energien freigesetzt. Die Patienten akzeptierten natürlich die ärztlich verordneten Behandlungen, dienten sie doch zu ihrer körperlichen Wiederherstellung und nährten die Hoffnung, ohne Schmerzen weiterleben zu können.
Jeden Tag am frühen Morgen setzte die Betriebsamkeit ein im großzügigen und freundlich gestalteten Eingangsbereich. Ärzte, Physiotherapeuten und ein Team von Hilfskräften eilten zu ihren Einsatzbereichen, um die Vorbereitungen für den Tagzu treffen, Mitarbeitergespräche zu führen und die Funktionsbereiche startklar zu machen.
Patienten humpelten oder waren an Stöcken unterwegs zu ihren Therapien, andere gingen zu ihrem Arzt zu den regelmäßigen Besprechungen und Untersuchungen. Bei dem herrlichen Wetter strömten die Patienten, die ihre Behandlungen bereits hinter sich oder größere Pausen zwischen ihren Anwendungen hatten, nach draußen, um sich zu sonnen oder einfach nur die schöne Luft zu genießen. Neugierig sahen sie sich die Neuankömmlinge an, die an diesem Vormittag eintrudelten. Und neugierig schauten diese zurück, um sich die »alten Hasen« näher zu betrachten, die sich in dieser Umgebung schon auskannten. In ihren Gesichtern spiegelte sich die Hoffnung, dass ihnen hier in dieser Klinik geholfen werden konnte, aber auch Skepsis und Zweifel.
Dagmars Gesicht stach heraus. Sie konnte es kaum erwarten, nach so vielen Wochen endlich eine Perspektive zu haben, wenigstens einen winzig kleinen Lichtblick in ihre seelische Dunkelheit zu bekommen. Sie stand am Fenster ihres neuen, behaglichen Zimmers und schaute gedankenverloren in die grüne Umgebung. Nun war sie ganz allein, Alex hatte kaum Zeit gehabt, ihr aber das Gepäck selbstverständlich ins Zimmer gebracht – das Taxifahren wartete bereits.
Sie hatten sich kurz, aber liebevoll verabschiedet. Daggi hatte vergeblich mit den Tränen gekämpft und ein bisschen geschluchzt. Alex hatte ihr kosend über den Kopf gestrichen. Wie lange wartete sie schon auf eine warme Umarmung? Sie sah ihn aus großen und feuchten Augen an – ob ihr wohl geholfen werden könnte? Er küsste ihr sanft die letzten Tränen aus den Augen fort. »Daggi, Schatz, sei nicht so traurig. Ich versuche ernsthaft, alles wieder ins Lot zu bringen, damit es endlich wieder so wird, wie es einmal gewesen ist. Ich will kämpfen – für dich und unsere Kinder!«
Das war zu viel für Daggi, jetzt brachen sich die Tränen vollends Bahn. Mit geweiteten Augen sah sie ihren Mann an. »Aber, Alex …« Er verschloss ihren Mund mit seinen Lippen. »Weißt du, Daggi«, sagte er leise, als sie sich wieder beruhigt hatte, »es war Oliver, der vorgestern ausnahmsweise mal wieder mit mir gesprochen hat. Unser kleiner, großer Sohn war so mutig, mich auf meinen Mist aufmerksam zu machen und mich zu animieren, mich endlich mal um ihn und seine Schwestern zu kümmern. Du, Schatz, es war so toll, wie er mir seine Vorwürfe nur so um die Ohren haute. Ich müsste nach der langen Zeit aufwachen und an meine Familie denken. Wie ein kleiner Junge so ernsthaft mit dieser schwierigen Situation umgehen kann! Seine Worte waren zwar kindlich, aber eindeutig. Keine Ahnung, wie ich ihn in diesem Moment angeschaut habe. Der mutige Oli umarmte mich noch, klopfte mir auf den Rücken und knutschte mich vor lauter Glücksseligkeit ab. Freudentränen liefen ihm übers Gesicht und tropften mir über die Nase. Ich musste mich schwer beherrschen, sonst hätte ich gleich mitgeheult. Unser kleiner, kluger Junge wagte es, mich wach zu rütteln. Ein zehnjähriger Junge! Und ich? Ein Versager!«
Er kraulte gedankenverloren seinen verkrampften Nacken. »Ich weiß zwar noch nicht, Daggi, was ich machen kann, aber ich werde kämpfen, etwas Neues suchen, werde nicht mehr schweigsam sein und wie gelähmt. Irgendeine Arbeit werde ich bestimmt finden.« Sanft nahm er Daggis Kopf in seine Hände. »Daggi, Entschuldigung für alles Negative der letzten beiden Jahre. Das war wirklich eine sehr traurige Zeit. Nun werden wir uns ändern, werden positiv denken und nur Gutes tun. Hilfst du mir? Zu zweit werden wir das bestimmt schaffen …«
Das war für Dagmar eine überraschende Neuigkeit. Aber das konnte doch nie und nimmer klappen. Wie sollte sich Alex ändern? Konnte er sich überhaupt ändern? Ja, und dann die Kinder … Ihr mutiger Oli vielleicht, aber ihre unausstehlichen Töchter? Ob Alex das generell in den Griff kriegen konnte? Tief grübelnd stand sie vor ihrem großen Zimmerfenster, ihre Gedanken waren noch bei Alex und Oliver. Wie schön, was da zu Hause zwischen den beiden geschehen war. Ihre Gedanken glitten wieder ins Positive. Und sie überlegte: Wenn Alex sich bessern wollte, könnte sie sich in dieser Klinik doch ebenfalls ändern, nicht mehr traurig sein, und ihr blöder Bauch könnte sich auch erholen.
›Wie groß doch eine Reha-Klinik ist‹, dachte sie, ›ganz anders als ein Krankenhaus. Hoffentlich verlaufe ich mich hier nicht. Viele Etagen, Unmengen von Zimmern, jede Menge Menschen, alle möglichen Mitpatienten. Die haben sicher alle irgendein Handicap wie ich. Noch muss ich in meinem Zimmer bleiben und auf den Anruf warten, wann ich zu meinem zuständigen Arzt kommen kann, um die Aufnahmeuntersuchung hinter mich zu bringen. Also muss ich warten, warten …‹
Sie schaute weiter nach draußen, über ihren schönen, kleinen Balkon hinweg. Sie hätte sich die toll geformten Parkanlagen ansehen können, aber sie registrierte nichts. Sah auch nicht die großzügigen Strauchrabatten und die Beete mit den riesengroßen Rhododendren, voll mit dikken Knospen. Am Rande der Beete und rechts und links der Eingangswege blühte bereits eine Unmenge von farbenprächtigen Frühlingsblumen.
Ob Alex sich wirklich ändern kann? So, wie er früher war? Ich wage noch nicht davon zu träumen. Träumt Alex von einer Wende zum Positiven? Nach all der Zeit? Ich würde mich ja riesig freuen, aber … Verflixt, ich kann meine Sorgen und Ängste nicht so einfach beiseiteschieben.
Unbewusst und wie unter Zwang hielt sie ihren Bauch, die Schmerzen wurden wieder stärker. In aller Ruhe setzte sie sich in einen der gemütlichen kleinen Sessel, die Spannung in ihrem Magenbereich entkrampfte sich langsam. Ach, Alex, warum warst du während der Fahrt so schweigsam? Musstest du Olis Predigt erst sacken lassen? Oder warst du nur so verschlossen wie bisher? Einsilbig, kurz angebunden, reserviert? Mit dir reden? Wann? Wie? Und überhaupt! Und nun, Alex, bist du auf einmal ganz anders? Ach, wäre das schön! Hmm …
Hatte er sich auf der Fahrt eigentlich die schöne Landschaft Ostwestfalens angesehen? Oder grübelte er stundenlang über die »Wende«? Nein, er hatte diese idyllische Landschaft auch verinnerlicht. Wie hässlich sahen aber in der malerischen Natur die zahlreichen Windräder aus. Wie konnte man nur diese wunderschöne Landschaft so verschandeln?
Daggi war sich sicher, dass es viel besser geeignetere Landstriche geben müsste, wo aus der Natur Strom gewonnen werden könnte. Dort, wo ständig Wind wehte. Zum Beispiel vor der Nordseeküste, das täte niemandem weh. In dieser Frage waren Alex und sie sich einig, dort könnte Strom ohne Umweltzerstörung und Belastung von Mensch und Tier erzeugt werden. Die schönen Landschaften sollten nicht entstellt und verunstaltet werden.
Sie regte sich bei dieser Thematik immer wieder auf. Ihre Bauchschmerzen wurden dadurch nicht unbedingt besser, obwohl sie sich ganz entspannt hingesetzt hatte. Dazu ließ ihre Übelkeit wie schon so oft nicht nach. Apropos Bauchprobleme – in diesem Moment kam die Erinnerung an das heimatliche Krankenhaus in Köln zurück. Was hatte ihr der liebe Stationsarzt gesagt, was sie tun sollte, wenn die Probleme mal wieder überhand nahmen und sie vor lauter Schmerzen nur noch depressive Gedanken hatte? Ja, richtig, sie sollte an die vielen guten Gespräche mit ihm denken, die ihr Besserung geschenkt hatten, und an diesen Satz … wie ging der noch mal? Ach ja: Du sollst dich der Sonne zuwenden und nicht dem Schatten.
›Das muss ich nun auch tun – bloß nicht immer wieder Trübsal blasen‹, dachte sie.
In diesem Moment klingelte das Telefon.
»Voila, mein Schatz, die anstrengende und nervige Anfahrt ist zu Ende. Wie du siehst, stehen wir direkt vor dem Haupteingang deiner Caspar-Heinrich-Klinik. Na, du erinnerst dich ganz bestimmt an diese Klinik.« Wölfi streichelte sanft Margrets Wange und küsste sie zärtlich.
»Abersicherdoch, Wölfi, mein Blick in die Vergangenheit ist immer noch perfekt. Vor zwei Jahren nach meiner ersten Hüftoperation hatte ich an die Nachbehandlung hier in diesem Hause nur gute und warme Erinnerungen. Ich war glücklich bei der persönlichen, intensiven Betreuung. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es diesmal genauso gut laufen wird wie damals. Du, ich freue mich richtig.«
Wölfi drückte seiner Frau einen Kuss auf die Stirn, und sie spürte diese vertraute, geborgene Wärme, die sie so unbedingt brauchte. Sie beide waren fest verbunden, ihre Liebe gab ihnen die schönste Geborgenheit und Sicherheit auf dieser gefahrvollen Welt. Es waren Empfindungen wie ein ewiger Lebensfrühling.
Lächelnd streichelte Margret ihren Mann. »Weißt du, so schlimm war die Fahrt gar nicht, ich und meine Hüften leben noch. Und das Gerüttel war zu ertragen. Aber du fährst ja auch gut Auto, fast so gut wie ich. Ich zeige es dir, wenn ich wieder hinter das Steuer darf.« Ihr provozierendes Lächeln sagte genug, Wölfi musste, wie so oft, darüber lächeln.
»Komm, Schatz, ich helfe dir aus dieser Karre raus. Wir sollten dich jetzt zügig anmelden. Es sieht so aus, dass in dieser Mittagszeit viele neue Patienten kommen. Ansonsten müssten wir wohl oder übel länger an der Anmeldung warten. Und das lange Stehen wäre bestimmt nicht so gut für dich.« Er öffnete die Beifahrertür, gab seiner Frau die beiden Stöcke und ließ sie vorsichtig aussteigen. Das Gepäck konnte warten.
Die großzügige automatische Haupteingangstür öffnete sich, warme Luft strömte den beiden entgegen. Die lange Sonneneinstrahlung hatte dafür gesorgt; da half auch nicht der Sonnenschutz an der großen Fensterfront.
Margret wandte sich den Damen an der Information zu. »Na so was, siehst du auch, was ich sehe, Wölfi? Wie schön! Das sind doch die beiden Damen, die uns auch beim letzten Mal empfangen haben.«
»Ja, wenn ich mich recht erinnere, haben uns diese Damen sehr freundlich behandelt.«
Er nahm Margret einen Stock ab, damit sie die für die Anmeldung erforderlichen Unterlagen aus ihrer Tasche nehmen konnte, die mit einem ziemlichen Gewicht über ihrer Schulter hing.
»Hallo, guten Tag, ich bin …« Weiter kam sie nicht, denn lächelnd unterbrach sie Frau Haller.
»Sicher doch, ich kenne Sie noch von Ihrem letzten Aufenthalt bei uns. Sie sind doch Frau Groß. Wie geht es Ihnen denn? Sind Sie wieder operiert worden? Moment, war das jetzt bei Ihnen Hüfte oder Knie?«
Margret war überrascht – bei den vielen Patienten, die kamen und gingen, kannte diese nette Frau sie noch.
»Ja, Frau Haller, vor zwei Wochen wurde an meiner anderen Hüfte rumgeschnibbelt, nicht am Knie. Aber auch das hatte sich wieder wirklich gelohnt. Mir geht es heute, auch wenn die OP noch nicht lange her ist, einfach klasse. Ich bin meinem Operateur sehr dankbar, er hat spitzenmäßig gearbeitet. Und ich freue mich nun auf die Zeit bei Ihnen.« Mit diesen Worten überreichte sie Frau Haller die mitgebrachten Unterlagen.
Wölfi begrüßte die Damen ebenso freundlich und nahm seine Frau in den Arm. »Ist Ihre Klinik immer noch so gut besucht wie vor zwei Jahren?« Er war schon erstaunt über die vielen Menschen, die kamen und gingen. Quirlig wie ein Ameisenhaufen – nur nicht so schnell. Aber es war ja eine Reha-Klinik und kein Sport-Zentrum.
»Ja, unsere Klinik hat das Glück – wir sind voll belegt und haben wirklich gut zu tun, Gott sei Dank. In anderen Kliniken sieht es gar nicht rosig aus, sie kämpfen mit den Auswirkungen der Gesundheitsreformen. Damit haben wir, toi, toi, toi, bisher kein Problem. Aber wer weiß, ob den Politikern nicht noch mehr Reformen einfallen. Ärger, Enttäuschungen und Scherereien mit den politischen Beschlüssen haben wir doch alle – Kliniken, Ärzte, Mitarbeiter, aber leider auch die Patienten. Überall muss drastisch gespart werden. Das neue System kann man gar nicht gut finden.«
Die Leute in unmittelbarer Nähe, die Frau Hallers Worte hören konnten, nickten zustimmend. Margrets Formalitäten waren schnell erledigt und das lockere, aber vielsagende Gespräch neigte sich dem Ende zu. »Ich wünsche Ihnen einen guten und erfolgreichen Aufenthalt hier bei uns. Und vor allem, erholen Sie sich gut.« Mit diesen Worten wandte sich Frau Haller dem nächsten ankommenden Patienten zu.
Zur selben Zeit half ihre Kollegin einer anderen neuen Patientin, die sich offensichtlich fremd in dieser neuen Umgebung vorkam. Weitere Menschen, die sich auch anmelden wollten, warteten geduldig.
»Ich heiße Petra Klein, und hier ist mein Papierkram. Bitte schön.« Die neue Patientin legte ihre Unterlagen auf den Anmeldetresen.
Margret und Wölfi prusteten laut los. Herzhaft lachend gingen sie in Richtung Aufzug, vor dem sie noch warten mussten. Petra Klein konnte sich keinen Reim darauf machen. Was konnte denn wohl so lustig an ihrem Namen sein? Sie verstand das nicht, und das konnte sie auf den Tod nicht leiden. Vor dem Aufzug trafen sie sich wieder.
Margret erklärte, aus welchem Grund sie so lachen mussten.
»Entschuldigen Sie bitte, Frau Klein, da muss ich Ihnen sicher etwas erklären. Das mit unseren Namen ist witzig, Sie heißen Klein, wie wir bei der Anmeldung gehört haben, und wir Groß. Ein schöner Zufall? Da werden wir zur gleichen Zeit aufgenommen, aber seltsamerweise haben die beiden Damen am Empfang beim Nennen unserer Namen überhaupt nicht reagiert. Sie scheinen doch etwas gestresst zu sein bei den vielen Neuaufnahmen.«
Petra Klein und ihre Freundin Anne, die sie begleitete, lachten jetzt auch. »Ist das nur ein schöner Zufall oder ein Wink des Schicksals? Warten wir es ab. Na, bravo«, meinte Petra Klein, »da ist die Reha-Zeit für uns sicher gerettet, bei Groß und Klein kann ja nur was Gutes rauskommen.« Herzlich begrüßten sich die vier mit Handschlag, wobei Margret feststellte: »Na, offenbar gehören Sie auch nicht zur Gruppe ›Sauertopf‹. Hab ich recht?« Petra Klein und Anne grinsten verschmitzt.
Wölfi gefiel die Situation. »Frau Klein, es ist einfach nur schön, freundliche und nette Menschen zu treffen, die, wie ich meine, auf der gleichen Wellenlänge liegen. Meine Frau und Sie werden ganz bestimmt gut miteinander auskommen.«
Der Aufzug war endlich im Erdgeschoss angekommen, und die Türen öffneten sich. Heraus strömten fast ausschließlich Patienten, zu erkennen an ihren T-Shirts, Sporthosen und Sportschuhen. Eine junge Frau erregte Margrets Interesse. Sie schaute sich die Frau nur einige Sekunden an, aber das reichte ihr bereits, sich ein Urteil zu bilden – echt leidend und schüchtern.
Während sich der Aufzug in Bewegung setzte, dachte Margret über ihre Beobachtung nach. Menschen zu beobachten, war eine ihrer Lieblingsbeschäftigungen. Auch wenn sie die Mitpatientin nur kurz gesehen hatte, war sie sich sicher, dass diese Frau erhebliche Probleme hatte.
Der Aufzug wurde von Etage zu Etage leerer, die müden Patienten verschwanden in ihre Zimmer. Petra und Anne beobachteten interessiert all das für sie Neue. Petra war mit der Aufzugsituation sehr zufrieden. »Sieh an, da brauche ich ja keine Angst zu haben, alleine im Aufzug fahren zu müssen. Hier scheint ja echte Action angesagt zu sein. Schön, schön, schon wieder was Gutes für mich.«
Sie sprach Margret an. »Sie wollen auch nach ganz oben?«
Margret nickte. »Dann wohnen Sie auch im obersten Stockwerk?«
»Ich glaube schon«, antwortete Petra und schaute vorsichtshalber noch mal in ihre Unterlagen. »Ja, oberstes Stockwerk. Hoffentlich bekommen wir da keine Höhenangst«, fügte sie zwinkernd hinzu.
Die Aufzugtür öffnete sich, alle verließen die Kabine und schauten sich nach ihren Zimmernummern um.
Margret ging zum Schwesternzimmer, das genau gegenüber dem Aufzug lag, sah zwar keine Krankenschwester, hörte aber jemanden im Nebenraum. Die Schwester hatte eine Menge Material einzuräumen und war ins Schwitzen geraten, was besonders ihrer Frisur geschadet hatte. Also stand sie vor einem kleinen Spiegel und versuchte wieder Ordnung in ihre Haarpracht zu bringen.
Margret hatte Schwester Bärbel, die auch schon vor zwei Jahren auf dieser Station gearbeitet hatte und an die sie eine wirklich gute Erinnerung hatte, sogleich erkannt.
Schwester Bärbel konnte sich zwar gut an Gesichter erinnern, aber die Namen … Sie schaute schnell auf den Plan mit den Neuankömmlingen, der vor ihr auf dem Schreibtisch lag, und schon war wieder alles klar. »Hallo, Frau Groß! Schön, dass Sie wieder bei uns sind. Dann werden wir mal das Kind wie beim letzten Mal schon schaukeln, nicht wahr?«
Über diese flotte Begrüßung mussten alle lachen, besonders Petra gefiel Bärbels Art.
Die Schwester nahm ihre Unterlagen zur Hand und ging voraus, um den Frauen ihre Zimmer zu zeigen. Nach nur wenigen Schritten blieb sie stehen.
»Bitte schön, Frau Groß, hier ist Ihr Wohnbereich und gleich nebenan darf Frau Klein es sich die nächsten Wochen gemütlich machen.« Schwester Bärbel schaute sich vergnügt um. »Das ist ja ein Ding, dass Groß und Klein ihre Unterkunft direkt nebeneinander haben. Na dann, viel Vergnügen!«
Flott und fröhlich öffnete sie die beiden Wohnbereiche und reichte den beiden neuen Patientinnen die Türschlüssel. Da sich Margret bereits gut auskannte, brauchte sie ihr nichts mehr zu zeigen, erklärte Petra aber ihre Räumlichkeiten und wie die technischen Einrichtungen funktionierten. Außerdem erläuterte sie, was, wann, wo und wie zu erledigen war und worauf sie achten sollte. Petra und Anne waren schließlich alleine, die Flurtür geschlossen.
Wölfi war richtig unternehmungslustig und holte in kurzer Zeit ihre Koffer und Taschen ins Zimmer. Sogleich packte er Margrets Reiseutensilien aus und verstaute alles in den Schränken.
»Du machst das so nett und lieb, Wölfi«, bedankte sich Margret. Sie war doch ein wenig erschossen von der langen Anreise und blass um die Nase. Sie hatte sich abgekämpft auf einen Stuhl gesetzt und war froh, dass auf dem Schreibtisch eine Flasche Mineralwasser als Willkommenstrunk bereitstand, so konnte sie sich schon mal ein wenig erfrischen.
»Darf ich dir auch ein Wässerchen geben, Wölfi?« Sie wartete seine Antwort gar nicht erst ab, sondern schenkte ihm auch ein Glas ein und reichte es ihm.
»Oh, das schmeckt ja richtig gut«, meinte er, »das gute Driburger Mineralwasser, lecker und gesund.« Er hielt sein Glas hoch. »Wohl bekomms!«
In diesem Moment kam die fröhlich flötende Schwester Bärbel zu ihnen, die Tür war die ganze Zeit offen geblieben. »Hallo, da bin ich wieder, aber Ihnen brauche ich ja nicht mehr viel zu erzählen. Großartige Veränderungen haben sich in den letzten beiden Jahren nicht ergeben, zumindest nicht auf dieser Etage.«
Die Formalien waren schnell erledigt, aber Margret hatte noch einen besonderen Wunsch.
»Könnten Sie mir bitte noch ein Keilkissen besorgen, liebe Bärbel? Meine Hüften meckern noch beim normalen Sitzen auf dem Stuhl. Noch unangenehmer ist es für mich, auf einem weichen Sessel oder einer weichen Couch sitzen zu müssen.«
»Liebe Frau Groß«, Schwester Bärbel hob warnend den Zeigefinger, »das ist nicht nur unangenehm, sondern sogar echt gefährlich. Furchtbar wäre es, wenn Sie sich die frisch operierten Hüften dabei auskugeln würden.« Ihre mitleidsvolle Mimik sagte schon genug. »Das darf nicht passieren! Ich hole eben schnell das Keilkissen. Sie wissen aber auch noch, dass alle Sitzmöbel ausreichend hart sind? Nicht zu hart, sondern richtig angenehm. Also nix Problemo.« Sprachs, drehte sich um und war schon verschwunden.
Margret stützte sich vorsichtig mit beiden Händen auf den Stuhllehnen ab und achtete peinlichst darauf, ganz gerade aufzustehen. »So ist sie nun mal, die liebe Bärbel«, sagte sie und sah Wölfi lächelnd an. Sie nahm ihre Stöcke, ging einige Schritte mit »gebremstem Schaum«, wie sie scherzhaft zu sagen pflegte, und setzte sich auf die einladende, lange Fensterbank, die direkt auf einem breiten Heizkörper angebracht war.
