Queeres entdecken - Aimée Goepfert - E-Book

Queeres entdecken E-Book

Aimée Goepfert

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Beschreibung

"Queeres entdecken" bietet ein Panorama aktueller, ausgewählt guter queerer Literatur. Über 120 Autor*innen bewarben sich mit ihren Texten für die Teilnahme am Litfest homochrom, dem bisher größten Festival für deutschsprachige Literatur mit LSBTIAQ-Bezug, welches im August 2021 erstmals in Köln stattfand. Die 33 besten, abwechslungsreichsten Romanauszüge, Kurzgeschichten wie auch Monologe, jeweils mit einer Leselänge von zirka 20 bis 25 Minuten, wurden ausgewählt, um von den Schreibenden persönlich vor Publikum und Kamera vorgetragen zu werden. 27 dieser Texte, einschließlich aller drei Publikumspreisgewinner, sind in dieser Anthologie versammelt, um von dir entdeckt zu werden – und um dir hoffentlich Lust auf mehr queere Literatur zu machen.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Litfest homochrom wurde im Rahmen von »Neustart Kultur« der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien durch den Deutschen Literaturfonds e.V. gefördert.

homochrom.de/litfest

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im

Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2022 homochrom e. V.

Abdrucke mit freundlicher Genehmigung der Autor*innen oder der jeweiligen Verlage.

Alle Rechte vorbehalten. / All rights reserved.

Gestaltung, Korrektorat & Herausgeber:

Martin Wolkner

Druck & Distribution:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN des Taschenbuchs: 978-3-347-55063-6

ISBN der gebundenen Ausgabe: 978-3-347-55064-3

ISBN des E-Books: 978-3-347-55068-1

Queeres entdecken

Kurzgeschichten, Romanauszüge, Monologe und andere Texte vom Litfest homochrom

Vorwort

Mehr Aufmerksamkeit für queere Literatur und die Menschen, die sie schreiben, das war die simple Idee hinter dem Litfest homochrom, welches im August 2021 zum ersten Mal in Köln stattgefunden hat.

In den 2010ern hatte unser Verein in sechs NRW-Großstädten eine monatliche Kinoreihe für Filme mit hauptsächlich lesbischen und schwulen, aber auch bi-, trans-, intersexuellen sowie queeren Themen ausgerichtet. Daraus entwickelte sich bald das Filmfest homochrom in Köln und Dortmund, welches beachtlich viele Deutschlandpremieren aufführte und einige Jahre lang sogar das zweitgrößte von über zwei Dutzend Queerfilmfestivals in Deutschland war. Nachdem ich bei QueerScope, dem Verband unabhängiger deutscher Queerfestivals, den Debütfilmpreis initiiert hatte, wurde ich 2017 sogar in die Teddy-Jury der Berlinale eingeladen.

Auch wenn unser Verein 2019 das Aufführen von Filmen einstellte, so blieb das Interesse an allerlei Formen von queeren Geschichten bestehen. Uns war zum Beispiel aufgefallen, dass es vergleichsweise wenige Dokufilme über die deutsche LSBTIAQ-Geschichte gab, insbesondere aus NRW und Köln, einer Stadt, die nicht ganz unbedeutend für die Schwulen- und Lesbenbewegung der Nachkriegszeit war. Um also die Geschichte(n) der allmählich älter werdenden Aktivist*innen für die Nachwelt festzuhalten, planten wir nach wenigen Monaten eine neue Veranstaltungsreihe, die »Couchgespräche«, bei der wir seit 2019 öffentlich mit Zeitzeug*innen sprechen und dies aufzeichnen. Zwischenzeitlich ist diese Interviewreihe zu einer umfangreichen Living Library (living-library.eu) herangewachsen.

Weil ich selbst seit 26 Jahren schriftstellerisch tätig bin, dies aber wegen der Filmarbeit zu kurz kam, widme ich mich seit dem vorläufigen Filmfest-Ende wieder verstärkt dem Schreiben. Ich kenne und teile die Schwierigkeiten vieler Autor*innen, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen und versuchen, sich im allzu häufig kapitalistisch geprägten Kulturbetrieb zurechzufinden und durchzusetzen – was mit queeren Themen in einer heteronormativen Welt nicht unbedingt leichter wird. Einen Roman mit hunderten von Seiten zu schreiben, erfordert wie ein Sammelband mit Kurzgeschichten viel Ausdauer und Muße und geschieht häufig aus eigenem Antrieb sowie auf eigene Kosten. Ist diese erste Herkulestat vollbracht, muss noch eine zweite unternommen werden, nämlich auf sich und sein Werk aufmerksam zu machen und zu versuchen, die bestmögliche Agentur zu finden, die einen vertritt, oder einen Verlag direkt zu erreichen – was fast genauso schwierig wie eine Audienz bei der Queen ist. Zum Glück hat das Internet einiges erleichtert: Sowohl das Auffinden von Kontakten und Informationen zu Wettbewerbsausschreibungen (wie zum Beispiel auch die des Litfests homochrom) als auch die (Selbst-)Vermarktung.

Heutzutage kann man mit etwas Glück und einigem Einsatz auch als Selbstverleger erfolgreich werden. Es gibt gute Gründe, Selfpublisher zu werden: zum Beispiel künstlerisch-inhaltliche Freiheiten oder die Schnelligkeit – denn oft vergehen Jahre, bis man einen Verlag gefunden und dieser das Buch veröffentlicht hat, nur um nach kurzer Zeit von den nächsten Neuheiten verdrängt zu werden. Das Marketing und gegebenenfalls sogar der Vertrieb müssen hierbei jedoch selbst arrangiert und finanziert werden. Zudem erntet man auf diesem Weg am wenigsten professionelle Anerkennung.

Selbstverständlich haben große Verlagshäuser und Publikumsverlage viel breiter aufgestellte Vertriebs- und Werbemöglichkeiten, die mehr kommerziellen Erfolg versprechen. Von ihnen verlegte Werke finden in der Presse, im Buchhandel und für gewöhnlich bei Veranstaltungen die stärkste Berücksichtigung. Andererseits verlegen sie nur gelegentlich LSBTIAQ-Titel und noch seltener – will heißen: so gut wie nie – stellen sie diese in den Fokus ihres Mainstream-Marketings, selbst wenn es gute, für die Allgemeinheit lesenswerte Lektüre ist.

Eine Art goldene Mitte stellen die Indie-Verlage dar, die vielleicht nicht ganz so viel allgemeine Beachtung finden, dafür jedoch mit mehr Zielgenauigkeit bei der Leserschaft punkten. Gerade auf den Bereich der queeren Literatur haben sich in den letzten 25 Jahren gleich mehrere kleinere Verlage spezialisiert und bringen jedes Jahr zahlreiche neue Titel heraus. Durch ihr Programm zu stöbern, sollte sich lohnen.

Die Erfolgschancen bei Verlag und Publikum erhöhen sich, wenn es einem gelingt, einen der begehrten Kunst- oder Förderpreise einzuheimsen. Die Teilnahme an Wettbewerben gleicht allerdings in gewisser Weise dem Lottospielen, denn die Konkurrenz ist riesig; so riesig, dass man theoretisch richtig gut sein und dennoch ein Leben lang leer ausgehen kann, weil man in der Masse der Einreichungen ständig durch die Raster und Vorlieben der Juryinstanzen fällt. Ob dies mit einem LSBTIAQ-Thema häufiger der Fall ist, kann ich nicht sagen, denn es gibt zumindest gelegentlich queere Literatur, die ausgezeichnet wird – wenn auch bislang noch nicht mit einem Nobelpreis, so doch mit dem Bachmann-Preis 2021.

Damit sollte alles gut sein, nicht wahr? Immerhin sind queere Künstler*innen und Themen längst Mainstream. Der Einfluss von Andy Warhol und Oscar Wilde ist unbestritten; Hape Kerkeling hat durch sein Zwangsouting nichts von seiner Beliebtheit eingebüßt; Melissa Etheridge outete sich vor ihrem ersten Grammy und großen Durchbruch und jeder will Lieder von Sia singen; queere (Neben-)Charaktere tauchen in scheinbar jeder zweiten Serie auf und Filme wie »Carol«, »The Danish Girl« oder »Moonlight« sind beliebt, letzterer mit Oscars bedacht; und wer weiß wie viele haben »Die Mitte der Welt« im Deutschunterricht gelesen. Die mediale Sichtbarkeit hat derart zugenommen, dass sich manche inzwischen genervt fühlen.

Dass in verschiedenen Ländern der Welt nach wie vor lebenslange Haft oder gar die Todesstrafe auf homosexuelle Handlungen gilt (wie übrigens [laut Wikipedia, ich bin ja kein Historiker] auch damals von 1532 bis 1794 im Heiligen Römischen Reich deutscher Nation), ist traurig, aber zum Glück für Menschen in liberalen Ländern nicht (mehr) Lebensrealität. Was uns eher betrifft, ist, dass es nach Jahrhunderten der homosexueller Kriminalisierung in Deutschland, welche erst 1994 endgültig abgeschafft wurde, selbst hierzulande weiterhin LSBTIAQ-feindliche Gewalt gibt. Maneo, das schwule Anti-Gewalt-Projekt in Berlin, verzeichnet stetig steigende Zahlen (außer zu Beginn der 2020er). Entweder nimmt die Gewalt zu oder es trauen sich immer mehr Menschen, sich bei Gewalterfahrung Beistand zu suchen.

Auch lässt sich nicht von der Hand weisen, dass nach wie vor einige queere Künstler* wie auch Sportler*innen und Geschäftsleute von der gläsernen Decke berichten, an die sie stoßen. Selbst heutzutage trauen sich einige bekannte Fernsehpersönlichkeiten nicht, öffentlich mit ihren gleichgeschlechtlichen Partnern in Erscheinung zu treten, und bislang hat sich hierzulande noch kein aktiver Profi-Fußballer geoutet – trotz einer großen Solidaritätsaktion im letzten Jahr. Bezeichnenderweise wurde erst einen Monat vor Erscheinen dieser Anthologie das Amt eines Queer-Beauftragten der Bundesregierung geschaffen. Es gibt anscheinend doch noch einiges zu tun.

Hier kommt wieder das Litfest homochrom ins Spiel, denn egal wie viele queere Kurzgeschichten und Romane entstehen, Lesemöglichkeiten gibt es für nicht-heterosexuelle Inhalte recht wenige. Durch diese werden jedoch literarische Begegnungen, Entdeckungen sowie Gespräche ermöglicht. In den englischsprachigen Ländern zelebrieren darum neben den allgemeinen ebenfalls queere Literaturfestivals die schreibenden Künste und sorgen so für zusätzliche belletristische Zugänglichkeit: mehrere in Nordamerika und dort teils schon seit zwanzig Jahren, einige in Großbritannien, vier in Indien, wo Homosexualität erst 2018 entkriminalisiert wurde, und seit 2021 in Sydney. Im deutschsprachigen Raum gab es meines Wissens bisher lediglich das Festival QUEER gelesen, das von 2014 bis 2019 mit jeweils etwas über einem Dutzend Lesungen in Wiesbaden bzw. Mainz stattfand.

Immerhin erfreuen sich hierzulande mehrere queere Poetry-Slams wachsender Beliebtheit. Sie zeichnen sich durch lebhaft vorgetragene Texte aus, die gerne humorvoll oder aber zum Nachdenken anregend sind, im besten Fall prägnant, aber immer relativ kurz, meist in einem Rahmen bis zirka sieben Minuten Leselänge. Zwar muss ich ausgerechnet in der Literaturstadt Köln einen Queer-Slam verpasst oder übersehen haben, aber vermutlich sind Autor*innen von LSBTIAQ-Texten ganz selbstverständlich in den allgemeinen Slams der westlichen Homohauptstadt vertreten, oder etwa nicht?

Für Wortkunstwerke, die länger als zwei oder drei Seiten sind, gibt es in Köln dank der lit.Cologne, einem der größten Literaturfestivals in Deutschland, sowie der Kölner Literaturnacht eigentlich herausragende Lesegelegenheiten, doch Queer-Themen wurden dort bisher kaum berücksichtigt. Die q[lit]*clgn wiederum, die 2018 und 2019 stattfand, war feministisch ausgerichtet. Deshalb waren es in Köln bislang eher vereinzelte Queer-Lesungen, die von Buchläden, von Institutionen wie damals dem SCHuLZ oder heute dem anyway, im Rahmen des Cologne Pride oder von Autor*innen selbst organisiert wurden.

Mein Eindruck war, dass (mittel-)lange LSBTIAQ-Texte sowie ihre Autor*innen noch nicht die Wahrnehmung und Wertschätzung erfahren, die sie verdienen. Natürlich ist längst nicht alles erstklassig, doch es gibt sie wirklich, die gute queere Literatur – tatsächlich sogar mehr davon, als manche glauben. Daher kam mir aufgrund unserer Festivalerfahrung die Idee, diese Lücke zu füllen. Dank der Förderung im Rahmen von »Neustart Kultur« der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien durch den Deutschen Literaturfonds e.V. war homochrom in der Lage, etwas aus der Taufe zu heben, das in Köln und NRW erstmalig und in diesem Umfang im deutschsprachigen Raum noch nicht dagewesen ist: das Litfest homochrom.

Zugegeben, der Name könnte knackiger sein und es bleibt abzuwarten, ob es einmalig war oder hoffentlich wiederholt werden kann. Aktuell versuchen wir, Förderung und Unterstützung für eine Fortsetzung im Sommer 2022 zu bekommen. Womöglich könnte das Litfest dann mit einem griffigeren Namen daherkommen. Aber he, wir haben im Krisenjahr spontan über 120 Einreichungen im Wettbewerb um die 30 Leseplätze erhalten, die letztlich auf stolze 33 aufgestockt wurden dank der Kooperation mit den Literatunten (diese Gruppe organisiert seit vielen Jahren in Berlin Lese- und Diskussionsabende und hält seit Frühjahr 2020 regelmäßige Onlinelesungen ab). Die sich jeweils an die Litfest-Lesungen anschließenden, moderierten Publikumsgespräche haben zusätzlich angeregte tiefergehende Punkte behandelt. Dass sämtliche Lesungen plus Gespräche von uns aufgezeichnet wurden und nun in Form von Videos und Podcasts kostenlos online abrufbar sind (z.B. direkt über homochrom.de/litfest), ist ebenfalls außergewöhnlich. Den teilnehmenden Autor*innen boten sich Möglichkeiten zum Austausch und Netzwerken, und drei Beiträge durften wir mit Publikumspreisen auszeichnen. Das Litfest homochrom hat also einige neue Chancen für queere Literatur geschaffen, doch bedauerlicherweise mussten auch wir zahlreiche Absagen verschicken. Andererseits konnte und kann das Publikum dank der großen Auswahl ein buntes, vielseitiges Programm erleben.

Von den Schriftsteller*innen persönlich vorgelesen zu bekommen, ist definitiv etwas Besonderes und die seltene Gelegenheit, sie ein Stück weit zu erleben und kennen zu lernen. Nichtsdestotrotz hat auch das Selbstlesen seine Vorzüge, weshalb wir uns sehr freuen, euch 27 der 33 Texte in diesem Sammelband vorlegen zu können., darunter auch die drei Publikumspreisgewinner. Einige der Kurzgeschichten und Monologe sind sogar erstmals hier veröffentlicht.

Du bist nun ganz offenbar im Begriff, diese abwechslungsreichen literarischen Texte tatsächlich selbst zu lesen. Wie schön! Ich hoffe, du entdeckst unter den hier vertretenen Beiträgen überraschend vieles, was dir gefällt und dich bewegt. Womöglich weckt es dein Interesse, mehr über diverse LSBTIAQ-Themen zu erfahren. Die Texte decken immerhin so einiges ab: vom jugendlichen Leben in Uganda über das Ausziehen sowie die erste Liebe bis hin zu diversen Identitäten, Annäherungen in Kriegszeiten, Folgen der Umweltverschmutzung und parapsychologische Fähigkeiten, aber auch Missbrauch – nur um einige zu nennen. Oder es macht dir Lust, den kompletten Roman zu lesen, wenn's sich beim Lesetext um einen Auszug handelt. Außerdem haben viele der Autor*innen weitere literarisch-künstlerische Arbeiten veröffentlicht, die du dir bei Gefallen zu Gemüte führen könntest. Am Ende des Buchs erfährst du mehr über alle Beteiligten.

Ich wünsche dir kurzweilige, spannende, bewegende Unterhaltung mit der hier versammelten queeren Literatur des Litfests homochrom.

Martin Wolkner

Dortmund im Februar 2022

Inhalt

Aimée Goepfert – Ungeschminkt über den Wolken

Armin Wühle – Getriebene

Dima von Seelenburg – Eis bricht langsam

Elisabeth Etz – Stadt Land Fluss

Frank Schablewski – Istanbul-Texte

Georgie Severin – Operation „Forever K“

Hanni Fux – Samuel – einfach richtig

Inge Lütt – Take Back the Night

Jan Ranft – Frittierte Sonnenstrahlen

Jasmin Schellong – Zwei Grad wärmer

Jobst Mahrenholz – Tullio

Joey Juschka – Primärwut

Johannes Lemm – Das grüne Gummibärchen

Katharina Lucas – CHARLIE oder die unerhörte Existenz …

Laszlo Hartmann – Meermädchenliebe

Lutz van Dijk – Kampala – Hamburg

Lydia Kray – Am Bahnsteig

Maike Clemens – Tagebücher aus dem Meer

Martin Wolkner – Morgenreport

Miss Tiffany Sterling – Alltag einer Drag Queen

Nora Eckert – Wie alle, nur anders

Philipp Reichert – Nachspiel

Sabine Reifenstahl – Unter dem Zauber des Nordlichts

Saskia Diepold – Hinter dem Nebel

Sophie Mrotzeck – Die Kälte im Juni

Thomas Pregel – Der Erste von uns

Thomas Schmale – care leaver

Aimée Goepfert

Ungeschminkt über den Wolken

Heute drehe ich meinen ersten Monologfilm und zwar ganz allein. Ein altes Handy mit einer Kamera und einem Stativ, mehr habe ich als Ausstattung nicht zur Verfügung. Das muss reichen für mein Experiment, das, was gerade das Wichtigste in meinem Leben ist, einzufangen und mich selbst als Spiegel zu betrachten und mit meinem Spiegelbild in Resonanz zu gehen.

Ich werde mich ausziehen, nicht zu Hause, das machen alle abends, bevor sie zu Bett gehen. oder gewöhnlich, wenn sie miteinander schlafen – also, ich meine damit, sich sexuell vereinigen.

Ich folge meinem Gefühl. Wo ich es tun werde, weiß ich noch nicht. Aber es wird passieren, das ist gewiss. Ohne, dass ich eine Stripperin bin, die dafür bezahlt wird.

Aber um noch mal zurückzukommen, wie alles begann, ohne bei meinen Ahnen oder meiner Geburt zu starten – das wäre eine andere und sicher auch spannende Story. Doch ein klein wenig möchte ich mit dir in meine Vergangenheit reisen, damit du vielleicht verstehen kannst, mich verstehen kannst. Wie die Inspiration für die Veränderung in meinem Leben kam und das tiefe Bedürfnis, das mit der Kamera nun auch festzuhalten.

Ich bin nackt. Ohne zu wissen, dass es einen Ort gibt, der mich so inspiriert und zu meiner Freiheit verhelfen wird. Ohne zu suchen, habe ich ihn entdeckt. Vielleicht sogar die schönste und wichtigste Entdeckung meines Lebens. Ein Mysterium. Energie pur!

Für viele ist es vielleicht ein Ort, um Drogen zu konsumieren, um schnellen Sex zu haben oder um ne lange Party zu feiern, die einfach nicht enden will. Das wäre es früher wahrscheinlich auch für mich gewesen.

Etwas muss also schon vorher in mir, in meinem Inneren eingesetzt haben, sich verändert haben, damit ich mich noch tiefer verändern kann. Eine bewusste andere Wahrnehmung. Meine wachen Sinne haben mir dazu verholfen. Damit ich mir über meinen Wunsch überhaupt bewusst werden kann und diesem dann zu folgen.

Das hat mein Leben verändert und war für mich der Start, in Freiheit zu sein.

Ein Club mitten in der Großstadt. Ich bin vor sieben Jahren das erste Mal dort gewesen und habe bisher viele Partys gefeiert. Getanzt, eben Partys gefeiert, ne ganze Menge, viele Männer und Frauen, einfach Menschen, kennengelernt, geflirtet, Sex gehabt. Alles ist erlaubt, ohne Tabu. Alle Geschlechter, nicht nur männlich, weiblich, alles. Jede sexuelle Richtung und Form, die du dir vielleicht erträumst, oder jede Mischform, die du dir vorstellst, von denen wir uns eine Meinung bilden können, ob es sie gibt oder nicht.

Aus der ganzen Welt stoßen dort Menschen aufeinander. Alle wollen dort rein, die hierher kommen. Viele fliegen extra fürs Wochenende hierher.

Für viele bleibt die Tür aber von außen zu, symbolisch. Sie spüren und strahlen nicht die Energie des Ortes aus. Es passt einfach nicht energetisch.

Die Tür ist die letzte Station in der Hoffnung, doch noch reinzukommen.

Das macht diesen Ort so einzigartig und wunderschön einfach. Für mich kreativ und inspirierend. Ich bin nüchtern, trinke schon seit zweieinhalb Jahren keinen Alkohol mehr und nehme auch sonst nichts.

Ich bin ausgeschlafen, steige aus dem Zug in der Großstadt aus. Es ist Sonntagnachmittag. Die Schlange ist mal wieder bis zur Straße über den Bürgersteig, kaum einsehbar, wo ihr Ende liegt. Mindestens zwei bis drei Stunden müsste ich regulär anstehen. Ich laufe wie immer direkt zur Absperrung.

„Bist du allein oder zu zweit?“ „Allein.“ Und ich komme nach kurzem rein, die Türsteher kennen mich. Mein Beutel und mein Body wird kurz gecheckt und die Handykamera abgeklebt, sofern ich mein Handy dabei hätte. Das liegt natürlich brav zu Hause. Und dann noch 20 Euro Eintritt an der nächsten Station zahlen und die Party kann starten.

Ein ausgiebiges Frühstück habe ich noch zu Hause genossen und meditiert. Bis mittags noch zu Hause produktiv für mein derzeitiges Projekt gewesen.

Ein Sonntag ohne Tanzen und Techno ist für mich undenkbar. Die Musik ist atemberaubend dort und ich tanze schon vorher vor meinem Spiegel zu Hause in größter Vorfreude. Ich liebe alles an diesem Tag in der Woche. Für andere ist es Weihnachten einmal im Jahr. Für mich ist es jede Woche, das ganze Jahr über: Mich zu freuen über einen weiteren Tag meines Lebens und schon am Abend davor aufgeregt zu sein, endlich einzuschlafen, weil ich mich so auf meinen Sonntag freue und das jede Woche.

Es war der 2. Juni 2019, als ich spürte:

Heute bin ich bereit. Das war ungefähr ein Jahr vor dem heutigen Tag. Es im Club zu tun, ist etwas anderes als auf der Straße. Ein anderer Kitzel auch abhängig von der Tageszeit, ob dich jemand sieht oder um die Ecke kommen könnte, ist schon aufregend genug für meinen Herzschlag. Eigentlich sehr unspektakulär an einem Ort, wo es erlaubt ist, nackt zu sein. Aber es tut keine Frau. Keine Frau habe ich bis dahin nackt im Club gesehen, den einen oder anderen Mann, ja, aber keine Frau.

Irgendwie war all die Jahre eine Grenze erreicht für mich, den Slip anzulassen. Ich weiß nicht genau, was es ist, als ob der Slip ein Schutz ist. Oberkörper frei, meine Brüste zu zeigen, weil ich es fühle und sie auch wirklich wunderschön sind, war schon immer besonders, nur wenige Frauen taten es, aber schon einige mehr, als nackt zu sein, und auf der Straße natürlich keine einzige.

Aber nun den Impuls zu spüren, bereit zu sein, ganz nackt diesen Ort zu erleben, einfach weil ich es fühle, macht für mich den Tag besonders, besonders natürlich auch nüchtern dabei zu sein, keine Hemmschwelle, die anderweitig übertreten werden müsste. Das bin also wirklich ich.

Auf der Tanzfläche war es am besagten Tag eher unspektakulär, ein paar Tanzwütige haben drin getanzt. Im Winter ist es sonst megavoll hier, aber im Sommer spielt sich viel im Garten ab.

Aber ich wollte es drin tun und so habe ich mich in der dunklen Halle, die einem Bunker mit hohen Decken ähnelt, erst mal warm getanzt. Der Sonntagsgottesdienst eben. Viele Klamotten hatte ich beim Reinkommen sowieso nicht an, meine kurze Hose und mein Top waren schnell am Eingang entkleidet und in meinem Beutel verstaut, den ich am liebsten beim Tanzen zwischen meinen Beinen abstelle, um alles bei mir zu haben. Und meine Wasserflasche, die ich auf der Toilette immer wieder auffülle, habe ich auch immer dabei. Etwas zu essen noch von zu Hause mitgebracht. Ich greife kurz danach in meinen Beutel und ich verspüre kurz wieder diese innere Blockade. Aber ich will es!

Ich tanze auf dem Podest. Dann habe ich dabei innerlich bis drei gezählt und das Nachdenken setzte aus. Kurz beim Tanzen, ohne dabei die Bewegung anzuhalten und ohne noch einmal darüber nachzudenken, einfach meiner Entscheidung zu folgen. Ich ziehe meinen schwarzen Slip über meine Turnschuhe aus und halte ihn noch ein wenig in der Hand, den Slip.

Ich tanze weiter. Ich bin überwältigt. Ich habe es getan.

Ich bin nackt. Ich bin frei.

Ich nehme meinen Beutel und spaziere noch etwas in den Garten, um dort mit der großen Menge an Tanzwütigen meine Befreiung zu feiern.

Nach ungefähr drei Stunden trete ich am Abend meine Heimreise an, um mich auszuschlafen für den frühen Morgen und die neue Woche danach.

Was für eine Explosion! Einmal die Hemmschwelle natürlich überschritten, wie Fahrradfahren als Kind fühlt es sich für mich gerade an.

Eine Befreiung von innen, die sich einfach nicht beschreiben lässt. Ich bin Mensch. Ich bin Frau, dachte ich bis dahin.

Doch die noch größere Überraschung steht mir noch bevor:

Nun ein Jahr später. Eine innere Transformation, die sich auch im Außen zeigt, hat weiter ihren Lauf genommen. Sie ist nicht zu stoppen. Ich bin nicht zu bremsen. Ich gehöre einfach dazu.

Ich bin Teil einer queeren Community. Ohne dass ich jemanden persönlich kenne, dem einen oder anderen sage ich „Hallo.“ Und lächle sie oder ihn an.

Ich liebe es, bei ihnen zu tanzen. Auf der linken Seite, bei den Männern. Dass dort auch der Eingang zum Darkroom ist, ist wahrscheinlich wirklich kein Zufall. Dass in diesem Bereich auch eine Frau tanzt, ohne sich dorthin verirrt zu haben oder jemanden unter hunderten, tausenden Menschen sucht, wenn es abends voll ist, ist eine Seltenheit. Also, dass dort eine Frau ist.

Ich fühle mich einfach wohl hier, gehöre hierher, zu ihnen.

Bin ich auch schwul? Die Frage stelle ich mir immer häufiger in meinem Leben.

Kann ich auch schwul sein und trotzdem biologisch als Frau mich glücklich und gesund fühlen?

Am 23. April 2019, also ungefähr sechs Wochen, bevor ich mich das erste Mal auf dem Podest ausgezogen habe, war die legendäre Osterparty. Noch mehr schöne Menschen aus der ganzen Welt, als sowieso schon hier sind.

Die Party geht bis Dienstagmittag. Ich komme wie häufig am frühen Morgen zum Closing ausgeschlafen noch mal in die Großstadt zurückgefahren, um diese besondere Energie zu spüren, eine Party, die nun schon ungefähr 55 Stunden läuft, will einfach nicht enden.

Ich bin nüchtern, „ausgeschlafen“.

Andere Menschen fahren zur Arbeit, die mit mir im Zug sitzen und ich fahre zurück auf die Megaparty. Ein besonderes Gefühl.

Die Tanzfläche ist noch voll, wobei der untere Bereich schon geschlossen ist. Die Menschen wollen einfach nicht nach Hause gehen.

Ausgeschlafen ist hier wahrscheinlich niemand, denke ich noch, als ich mit meinen wachen Augen am Eingang in einige Gesichter blicken darf, während ich mich ausziehe, kurz auf Toilette gehe – eine Schlange wie gestern Abend ist hier nicht mehr –, schnappe ich mir eine leere Wasserflasche aus einer der Kisten unter dem Waschbecken, die ich mir für mein frühsportliches Morgenprogramm erst mal auffülle. Nüsse und ein Porridge für Energiereserven sind natürlich auch in meinem Beutel als Frühstück dabei.

Nach meinem kurzen Toilettengang schreite ich wie immer über das Treppenhaus in meine heilige Tanzhalle. Ein mega Vibrieren zieht durch meinen Körper. Ich muss mich einfach bewegen. Die Musik ist atemberaubend: Einer meiner Lieblings-Resident-DJs spielt das Closing und die Energie ist einfach der Wahnsinn hier.

Ich schreite durch die Mitte der Tanzfläche nach vorne zum DJ-Pult.

Mein Lieblingsplatz auf dem Podest direkt neben dem DJ ist frei, mit Blick zur Tanzfläche. Ich spüre die Energie und die Lichtstimmung geht in uns über.

Ein eigenes Universum hier. Der Platz neben mir ist frei. Ich schließe die Augen und bewege mich, meinen Körper. Ohne nachzudenken, fühle ich einfach. Das Denken setzt aus, ich folge meinem Impuls und gehe vom Podest in die Menge. Ich spüre noch stärker die Energie von den anderen hier. Wir sind eine Einheit. Ich bin die ganze Zeit am Grinsen und schließe immer wieder meine Augen für einen Moment, um ganz bei mir zu sein.

Mein Blick kreist durch den Raum unseres Universums, ohne jemanden zu suchen.

Jemand berührt mich. Emotional. Unsere Blicke treffen sich immer wieder in den nächsten Stunden. Wir lächeln uns an, aus der Ferne.

Er ist wunderschön. Er trägt auch einen schwarzen Slip wie ich. Mit einem Boy ist er nicht da, denke ich mir. Es geht noch eine ganze Weile so. Also dass wir uns immer wieder anschauen. Dieses Lächeln zwischen uns, andauernd, ohne mehr zu erwarten. Ich genieße einfach den Moment.

Stunden später, ohne auf die Uhr zu schauen. Kein Zeitgefühl. Das Licht geht an, die Musik aus. Die letzte Zugabe ist endgültig vorbei. Endgültig ist die Party bis zum nächsten Sonntag vorbei.

Krass, schon wieder ein Closing mitgetanzt.

Wir stehen uns gegenüber. Meinen Beutel habe ich mittlerweile um meine rechte Schulter gelegt.

„Ich bin Franz.“

„Hi, Franz!“, sage ich und wir umarmen uns intuitiv. „Das ist wirklich ein schöner Name. Danke für den Tanz, Franz“, hänge ich noch mit einem Lächeln an.

„Ja, schöne Ostern noch! Ich bin mit einer Freundin da, die meine Sachen hat. Hast du auch noch was an der Garderobe?“

„Alles im Beutel. Frisch wiedergekommen.“

„Das ist wirklich bewundernswert, würde ich auch gern können.“

„Ja, und ich brauche auch nichts dafür. Also, ich bin nüchtern“, erzähle ich stolz.

„Du siehst auch wirklich frisch aus. Also, du siehst gut aus.“

„Du auch.“

„Wie machst du das?“

„Ich stehe morgens auf, mache mein Frühstück, trinke einen Kaffee, natürlich habe ich schon einen Stempel vom Vortag und dann setze ich mich in den Zug und freue ich mich aufs Tanzen.“

„Krass, ist ja wie Frühsport und gesund. Wie alt bist du?“

„34. Und du?“

„Ich bin heute 23 geworden.“

„Wow! Herzlichen Glückwunsch! Das ist wirklich besonders. Also, dass du hier bist.“

„Ja, ich fahre erst mal gleich bei meinem Freund vorbei. Er arbeitet und meine Mutter ist auch in der Stadt, mit ihr gehen wir abends zusammen essen.“

„Dann wird es nichts mit schlafen.“ Wir grinsen uns an und sind so ziemlich die Letzten in der Halle. Ich will noch eine letzte, kurze Runde laufen. Das mache ich gern zum Abschied, wenn das Licht an ist. Manchmal finde ich tolle Sachen hier, die vergessen wurden, oder manchmal finde ich auch Geld.

Aber dieses Mal ist es wohl schon zu spät. Wir werden von der Security runter zur Garderobe und zum Ausgang geschickt.

Ich verabschiede mich von Franz und wir freuen uns schon auf den nächsten Sonntag, uns vielleicht wiederzusehen. Ein für mich neues Gesicht, das mir in Zukunft wohl häufig sofort ins Auge springen wird.

Und tatsächlich treffen wir uns in der nächsten Woche auch wieder und auch in den darauf folgenden Wochen immer wieder und ich erfahre immer mehr über sein Leben außerhalb des Clubgebäudes und auch über seine Homosexualität und über seinen Freund, der mittlerweile sein Exfreund ist.

Ich mag Franz wirklich sehr. Ich habe das Gefühl, dass ich das auch bin. Schon als Teenager war ich oft in schwule Männer verliebt und habe sie irgendwie auch bewundert. Doch hatte das für mich immer so abgetan:

Er ist ein Mann und ich eine Frau. So ist es halt.

Doch bin ich das wirklich? Das wäre absurd für mich, das zu behaupten, würde mich selbst beschränken. Ich weiß überhaupt nichts mehr:

Wer ich bin, auf was ich stehe?

Nur noch der Moment kann entscheiden, der Rest zählt nicht. Ich hab keine Lust mehr auf diese gesellschaftlichen Beschränkungen, was mein Geschlecht oder meine Sexualität betrifft.

Das ist vorbei, mich auf etwas festzulegen. Ich öffne mich stärker immer mehr den anderen Menschen und vor allen Dingen mir selbst. Ohne zu wissen, wer ich bin oder auf wen oder was ich stehe.

Die ersten Sätze meines Monologfilmes könnten so lauten:

„Ich hab lange Zeit gebraucht, um das zu tun, hab mich klein gefühlt wie ein Mädchen.

Aber dann habe ich diesen Ort für mich entdeckt, der alles anders macht. Alle sind frei dort.

Und die Musik! Ich hab noch nie so schöne Musik gehört.

Keiner hat das Recht zu sagen, was du zu tun hast. Keiner hat das Recht, dir zu sagen, wer du bist.

Früher hab ich nicht gewusst, warum ich hier bin, warum ich lebe.

Wer bin ich? Ich bin Frau. Ich bin Mann. Ich bin alles.

Wenn ich fühle, dann fühle ich. Und wenn ich‘s tun will, dann tue ich‘s.

Ich bin Frau. Ich bin Mann. Ich bin alles.“

Der Monolog »Ungeschminkt über den Wolken« von Aimée Goepfert wird hier erstmals abgedruckt.

Armin Wühle

Getriebene

15

Lasst uns wieder mit den Proben starten, schrieb Youssef eines Abends in ihren Gruppenchat. Milo hatte gerade den Abwasch erledigt und mit dem feuchten kleinen Finger die Nachricht angeklickt – sie traf ihn vollkommen unerwartet. Er trocknete schnell seine Hände ab und zog sich mit dem Handy in sein Zimmer zurück. Nacheinander gingen die übrigen Gruppenmitglieder online.

Ihre letzte Probe lag mehrere Wochen zurück, überschattet von tausend anderen Fragen des täglichen Überlebens. Es würde sicher nicht leicht, unter diesen Bedingungen ein Stück auf die Beine zu stellen, doch Milos Zweifel sanken im Wirbel aufsteigender Vorfreude schnell zu Boden. Mehrere von ihnen tippten gleichzeitig, und Mohamed antwortete als erster auf die Nachricht: Unbedingt. Milo zog mit einem YAAAS! hinterher, und nachdem sich zwei weitere Daumen reckten, schrieb Youssef erneut.

Perfekt. Ich liebe euch, Leute. Dienstag 17 Uhr in der Schule?

Während ihrer ersten Probe seit der Belagerung sprachen sie kein einziges Mal über das Stück. Sie saßen auf dem Bühnenboden und erzählten sich, wie sie den Tag des Überfalls erlebt hatten und wie die Tage und Wochen danach. Sie berichteten, in welchen Vierteln der Strom noch funktionierte, wem die Flucht durch den Belagerungsring gelungen war und wer sich den Rebellen angeschlossen hatte und nun wie ein stolzer Gockel in seiner neuen Uniform die Straßen patrouillierte. Sie zählten die Toten auf, die sie in ihren Familien und unter ihren Freunden zu beklagen hatten, und es gab niemanden, der bei dieser Frage schweigen konnte. Sie berichteten einander wenig Hoffnungsvolles und gingen doch mit neuer Luft in den Lungen nach Hause.

Erst bei der folgenden Probe warfen sie wieder einen Blick in ihr Textbuch. Sie sprachen darüber, welche Änderungen sie am Stück vornehmen mussten, um weder die Vergeltung der Rebellen zu riskieren noch ihre Botschaft zu verlieren. Gleichzeitig drängten sich ihnen neue Szenen und neue Texte auf, die sie spontan erprobten und die Milo hastig mitskizzierte; einige der besten Textpassagen entstanden auf diese Weise, und sie überzogen regelmäßig ihre Treffen, bis sie vom Hausmeister hinausgeworfen wurden. Vor jeder Probe verhüllten sie die Fensterreihe unter der Decke, damit kein Tageslicht auf die Bühne fiel. Der größere Mohamed machte dem kleineren Yasha eine Räuberleiter, bis dieser den Gardinenstab zu fassen bekam, und gemeinsam zogen sie den Vorhang der Länge nach zu. Wenn sich die hellerleuchtete Bühne aus der Dunkelheit erhob, schien es ihnen, als wären sie nicht mehr in Thikro, sondern an einem gänzlich anderen Ort.

»Ich bin so froh, dass wir wieder proben«, flüsterte Milo. »Ich habe das Gefühl, das hält mich am Leben.« Er saß neben Mahmu auf dem Boden des Requisitenraums und sah ihm dabei zu, wie er am Prospekt arbeitete. Mahmu war die Brille bis zur Nasenspitze gerutscht – er hatte sich weit über die Leinwand gebeugt und konzentrierte sich auf die Stelle, an der er gerade arbeitete.

»Das ist nicht nur ein Gefühl«, murmelte er. »Es hält uns alle am Leben.« Er setzte den letzten Pinselstrich und schob sich die Brille mit dem Handrücken zurück. Er kramte nach seinen Zigaretten und zog ein Einweckglas heran, das ihm als Aschenbecher diente. Sie blickten durch die offene Tür auf die Bühne, wo Anael gerade über den Boden kroch und den neuen Monolog probte, den sie geschrieben hatten. Er schrie und jammerte und wandte sich wie unter Höllenqualen, nur um mittendrin aufzustehen und mit den anderen Jungs seine Performance zu besprechen. Mahmu gab sich Feuer, und Milo nahm ihm die Zigarette aus der Hand, um einen Zug zu nehmen. Er verschluckte sich am Rauch und musste husten und lachen gleichzeitig; er reichte ihm die Zigarette zurück.

»Depp«, murmelte Mahmu und wandte sich wieder dem Prospekt zu.

In jener Nacht träumte Milo, auf einem Salzsee zu treiben. Das Wasser war schwer, fast schon stofflich und hielt ihn an der Oberfläche. Der Salzanteil im Wasser war so hoch, dass darin kein Leben existierte. Die Umgebung des Sees war karg und wüst, und am Ufer schlugen sich rosafarbene Salzkrusten. Dunkle Gewitterwolken standen am Himmel, und Milo spürte einen sanften Wind anheben. Er trieb ihn langsam in die Mitte des Sees hinaus, und nun bemerkte Milo zum ersten Mal, dass er sich in dem Wasser nicht bewegen konnte. Seine Glieder waren steif wie Holz, und so hatte er dem schwachen, aber beständigen Abtrieb nichts entgegenzusetzen. Panik brach in ihm aus. Er blickte hektisch um sich, auf der Suche nach Rettung, und plötzlich stand Mahmu neben ihm. Er stand bis zur Hüfte im Wasser, sein Oberkörper war frei. Er blickte zu Milo hinunter und schenkte ihm ein ruhiges Lächeln. Wovor hast du Angst?, fragte er. Er schob eine Hand zwischen seine Schulterblätter und stoppte den Abtrieb. Milo trieb gänzlich nackt auf dem Wasser, aber er schämte sich nicht vor Mahmu, und auch Mahmu schien sich nicht daran zu stören. Er drehte Milo um dessen Achse und führte ihn sanft in Ufernähe zurück. Mit klopfendem Herzen wachte Milo auf – er stützte sich auf seine Ellenbogen und wartete, bis sich seine Atmung wieder normalisierte. Sein Penis drängte hart gegen die Matratze.

Es war, als hätte er zu lange in die Sonne gesehen – das Negativ des Traumes tanzte ihm noch tagelang vor Augen, und er konnte Mahmu nicht mehr auf dieselbe Weise begegnen wie zuvor. Seine Gegenwart machte ihn nervös. Jede Berührung, die sonst unter Freunden üblich war, schien ihm aufgeladen – die Küsse auf die Wangen zur Begrüßung, der Griff um seine Hüfte, wenn sie mit dem Mofa nach Hause fuhren. Milo kam sich selbst lächerlich vor und konnte sein Gefühle doch nicht abstellen. Einmal hatte er Mahmu zu lange angesehen, während er am Bühnenprospekt arbeitete, und es war ihm aufgefallen. Anstatt seinen Blick ruhig zu erwidern, hatte Milo den Kopf schnell abgewandt – und damit womöglich alles schlimmer gemacht.

Es schien Milo, als habe der Traum etwas zutage gebracht, das in den Tiefen seines Unterbewusstseins geschwommen war – ein Fisch, der nun vor seinen Beinen zappelte und an Land nicht mehr atmen konnte. Er wusste nicht, was er damit anstellen sollte. Dieser Fisch war zu groß und zu schwer, um ihn ins Wasser zurückzuziehen, und ihm den Kopf einzuschlagen brachte er nicht übers Herz. Milo blieb nichts übrig, als abzuwarten und zu hoffen, dass dem Fisch die Kräfte von alleine ausgehen würden.

16

Youssef hatte zu einer Weihnachtsfeier geladen. Die dicken Vorhänge waren zugezogen, um möglichen Scharfschützen kein Ziel zu bieten, und im Inneren drängten sich die Gäste. Waren die Christen der Stadt in vergangenen Jahren mit viel Tanz und Musik durch die Straßen gezogen, gestaltete sich der Feiertag während der Belagerung zwangsweise ruhiger. Youssef wollte dennoch nicht auf eine gute Party verzichten und sammelte Stühle und Tische von seinen Nachbarn zusammen. Er räumte im Wohnzimmer eine Fläche zum Tanzen frei und formte einen Tannenbaum aus einer Lichterkette. In der Küche stand ein Buffet, das sich aus mitgebrachten Speisen der Gäste zusammensetzte und das trotz der Mangelwirtschaft sehr üppig ausfiel. Schnell füllte sich die Wohnung, und über den ganzen Abend gesellten sich weitere Gäste hinzu. Anael und Youssef fanden eine Gruppe, der sie noch nicht von ihrem Stück erzählt hatten. Beide ergänzten sich in ihren Ausführungen, und Anael, der sich den Respekt des älteren Youssef erarbeitet hatte, sonnte sich sichtlich in dessen Anerkennung. Nichts schien ihm bedeutender, als wenn Youssef ihn zu sich zog und von seinem Regisseur sprach. Die Jungs beobachten die beiden aus der Ferne. Sie amüsierten sich über die Szene, und Mohamed schoss ein Foto mit einer App, die ihnen aufsteigende Herzchen über die Köpfe legte. Milo saß neben Mahmu und hoffte, dass die beiden anderen Jungs ihren Kreis nicht so schnell verließen. Solange sie in Gesellschaft waren, konnte er den zappelnden Fisch besser aushalten.

Schon früh wurde die Musik aufgedreht. Es wurde getanzt und gelacht, und die Stimmung war sehr ausgelassen, bis sich die ersten Gäste zur Christmette verabschiedeten. Alle wussten, welche Gefahren mit dem Ereignis verbunden waren. Rücksichtnahme auf religiöse Anlässe war von keiner der Kriegsparteien zu erwarten – auch zum Mawlid-Fest vor einigen Wochen waren Schüsse gefallen, und Menschenansammlungen boten den Scharfschützen der Union immer eine passende Gelegenheit. Ein gutes Dutzend Gäste sammelte sich im Flur und zog ihre Schuhe an, auch Yasha und Anael waren darunter. Sie diskutierten mit gedämpften Stimmen, welcher Weg zur Kirche der sicherste sei, und verabschiedeten sich betont beiläufig von den Partygästen – bis später, bis morgen, wir sehen uns, dann waren sie zur Tür hinaus. Mahmu murmelte ein Gebet, das ihnen Schutz vor den drohenden Gefahren wünschte, und Milo tat es ihm gleich.

»Zurück bleiben die Muslime und die Gottlosen«, sagte Youssef und setzte sich an ihren Tisch. Viele hingen ab diesem Zeitpunkt an ihren Smartphones, um die Entwicklungen in der Stadt zu verfolgen, und jedes zweite Gesicht war in blaues Licht getaucht. Mahmu verschwand auf den Balkon, um zu rauchen, und Milo mischte sich unter die Gäste. Die Party hätte sich zu diesem Zeitpunkt auflösen können, und doch teilten die Verbliebenen ein banges Gefühl, das sie die Nähe anderer Menschen suchen ließ.

Es war kurz nach ein Uhr morgens und auf Facebook und Twitter waren noch immer keine Vorkommnisse gemeldet, als lautes Stimmengewirr im Treppenhaus hallte und es an Youssefs Haustür kleingelte. Mehrere Gäste, die zur Messe gegangen waren, strömten in die Wohnung, und aus ihren Gesichtern sprach die Gelöstheit eines friedlich verlaufenen Fests. Noch während sie die Schuhe auszogen, schilderten sie die Gesänge, die vielen Lichter und die geschmückten Bäume vor der Kirche. Die Angst fiel von allen ab, und die Musik wurde wieder aufgedreht, lauter als zuvor. Youssef schob hastig Möbel beiseite und klatschte in die Hände, bis sich ein großer Kreis gebildet hatte. Mahmu zog Milo mit auf die Tanzfläche und hielt seine Hand, während sie Dabke tanzten. Auch ihre Hüften berührten sich mehrmals unbeabsichtigt – Milo versuchte, ihm zuzulächeln, und wandte seine zuckenden Mundwinkel schnell ab, bevor er sich blamieren konnte. Getränke wanderten in einer Kette von der Küche ins Wohnzimmer, und nach einer Weile löste sich der Kreis auf und setzte sich neu zusammen. Mit einer fremden Hand und der steigenden Geschwindigkeit der Musik konnte sich Milo besser fallen lassen. Sie löschten das Licht, bis nur noch der Tannenbaum an der Wand strahlte, und übertönten den blechernen Sound der Lautsprecher mit ihren Stimmen. Allen stand der Schweiß auf den Stirnen, und sie mussten die Tür zum Balkon öffnen, um ein wenig Frischluft in den Raum zu lassen.

Erst nach vielen Runden Dabke löste sich Milo aus der feiernden Menge und ging auf die Toilette. Die Musik drang dumpf durch die geschlossene Tür, und er wippte mit den Füßen zum Takt. Er wusch sich die Hände und das Gesicht, und als er die Tür öffnete, stand ihm Mahmu gegenüber. Sie sahen sich direkt in die Augen, seltsam ernst. Milo trat beiseite, doch anstatt ihm den Weg gänzlich freizugeben, machte er nur einen halben Schritt zurück. Mahmu musste sich an ihm vorbeidrücken, wenn er an ihm vorbeiwollte, und das tat er. Einen kurzen Moment lang streiften sich ihre Körper, Bauch an Bauch, Gürtelschnalle an Gürtelschnalle, und es schien, als verharre er an dieser Stelle einen winzigen Augenblick, dann war Mahmu an ihm vorbei und schloss die Tür.

Milo fühlte sich von der kurzen Berührung wie elektrisch aufgeladen. Er sank gegen den Türstock und fragte sich, was hier gerade passiert war, bis sein umnebelter Verstand begriff, dass Mahmu jederzeit wieder aus dem Badezimmer kommen konnte. Schnell lief er ins Wohnzimmer und hinaus auf den Balkon, wo er sich im Dunkeln zwischen den Rauchern versteckte und zum Mond hinaufsah.

Er begegnete Mahmu wieder auf der Tanzfläche, und sie behandelten einander, als sei nichts gewesen. Gegen fünf Uhr morgens stiegen sie mit den letzten Gästen das Treppenhaus hinunter. Der Himmel war noch dunkel, und die kühle Luft kündigte einen neuen Tag an – keine Schüsse durchbrachen die morgendliche Stille, und es dröhnte einem fast in den Ohren, so friedlich lag die Stadt vor ihnen. Mahmu startete den Motor und sie fuhren durch die leeren Straßen, ohne ein Wort miteinander zu sprechen. Als er Milo vor dem Haus seiner Tante herausließ, wünschte er ihm eine gute Nacht, drückte ihm eilig Abschiedsküsse auf die Wangen und fuhr davon.

 

Dieser Auszug stammt aus Armin Wühles Roman »Getriebene«, der 2021 im S. Marix Verlag (Verlagshaus Römerweg) erschienen ist (ISBN: 978-3737411608). Der Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Verlags. verlagshaus-roemerweg.de

Dima von Seelenburg

Eis bricht langsam

25.06.1989

»Da kannst du aber froh sein, dass ich dir ein Exemplar zurückgelegt habe. Die heutige Ausgabe mit dem Poster von Michael Jackson war im Handumdrehen vergriffen«, sagte Lotte mit einem gespielt vorwurfsvollen Unterton in ihrer Stimme und reichte mir die BRAVO über den Tresen.

»Das ist echt lieb von Ihnen.« Ich griff in meine Hosentasche und nahm die Zeitschrift im Tausch gegen eine Handvoll abgezählter Geldstücke in Empfang. »Das Training heute Morgen hat länger gedauert, und ich musste richtig hetzen, um es danach rechtzeitig von der Eissporthalle in die Schule zu schaffen. Herr Heger versteht da keinen Spaß.«

»Ich wusste ja, dass du kommst.« Lotte schmunzelte.

Ich sah ihr an, dass sie sich freute, mich zu sehen. Sie hatte mich gern um sich und das beruhte auf Gegenseitigkeit. In ihrem Kiosk fühlte ich mich wohl, er war im letzten Jahr zu einer wichtigen Anlaufstelle für mich geworden. Lotte sah ziemlich genau so aus, wie ich als kleiner Junge eine liebevolle Omi gemalt hätte: klein, ziemlich dick, ihre grauen Haare zu einem Dutt hochgesteckt und, um das Bild perfekt zu machen, stets in eine Art Kittelschürze gekleidet. Nicht so eine hässlich gemusterte, wie sie meine richtige Oma trug. Lottes Kittel war weiß und auf der Brusttasche in roten Buchstaben mit Lottes Lotto-Bude bestickt.

»Kann ich hier gleich was nachlesen?«, fragte ich ungeduldig.

»Na klar, Aljoscha. Komm rüber und setz dich auf den Klappstuhl, so wie immer. Ich mache dir einen Kakao. Du hast doch Zeit?«

Ihr Blick blieb an meinem Gepäck hängen. Wie üblich, wenn ich zwischen zu Hause, der Eissporthalle und der Schule hin- und herpendelte, war ich schwer beladen, und hatte zusätzlich ein zusammengeschnürtes Paar Rollschuhe über der Schulter hängen.

»Deine Sachen kannst du so lange hier ablegen.« Sie deutete auf den Platz unter dem Verkaufstresen.

Ich warf Schuhe und Rucksack von mir und rutschte, bereits in der Zeitschrift blätternd, auf den angebotenen Stuhl. In der Vorwoche war im Aufklärungsteil des Dr.-Sommer-Teams ein Artikel über Homosexualität angekündigt worden. Ich war schon ganz aufgeregt, ihn zu lesen. Mich beschäftigte dieses Thema sehr und ich verschlang alles, was ich dazu in die Hände bekommen konnte. Zu meinem Bedauern war das nicht gerade viel.

»Kann ich Ihnen etwas vorlesen?«

Sorgfältig vergewisserte ich mich, dass außer uns niemand sonst im Laden war. In den Wochen zuvor hatte ich vorsichtig abgeklopft, ob man mit Lotte auch über intimere Themen reden konnte. Ich hatte ein gutes Gefühl bei ihr und musste mich endlich jemandem anvertrauen.

»Da steht etwas über Homosexualität und Sie müssen mir dann sagen, was Sie davon halten, okay?«

»Von Homosexualität?« Lotte blickte sich erstaunt zu mir um.

»Nein, von der Antwort natürlich.« Ich blickte kurz aus der Zeitschrift auf.

»Ich bin da alles andere als eine Expertin.«

Natürlich war sie das nicht, wer war denn schon ein Experte auf diesem Gebiet? Oder was wollte sie mir damit sagen? Hatte ich mich in ihr getäuscht, würde sie mich gleich aus dem Laden werfen, mich womöglich beschimpfen? Nein, so gut kannte ich sie mittlerweile. Das würde sie ganz sicher nicht tun.

Ich sah, dass sie ungewöhnlich heftig schluckte, als hätte sie einen Kloß im Hals. Irgendwie schien ihr nicht ganz wohl zu sein bei diesem Thema. Ob ich zu offensiv heranging? Mir selbst war auch nicht ganz geheuer, wenn ich über Homosexualität nachdachte, aber ich beruhigte mich ständig damit, dass es ja nicht zwingend etwas mit mir zu tun haben müsse, wenn meine Gedanken wieder einmal darum kreisten. Komischerweise konnte ich mir nicht vorstellen, mit irgendjemand anderem darüber zu reden als mit ihr. Dabei kannten wir uns noch kein Jahr. Wir sahen uns nur donnerstags, dann kaufte ich meine BRAVO bei ihr und hatte es mir zur Angewohnheit gemacht, die Zeit zwischen Eiskunstlauftraining und Schulbeginn in dem kleinen Laden zu verbringen. Trotzdem wusste sie bereits sehr viel von mir. Nicht etwa, dass sie mich ausgefragt hätte, im Gegenteil. Irgendwie hatte ich zu ihr ein Vertrauen entwickelt, das mich ganz ungezwungen auch über mich selbst erzählen ließ.

»Dann schieß mal los.«

»Okay.«

Ich begann vorzulesen:

Heiko, 15 Jahre alt: Liebes Dr.-Sommer-Team, seit einiger Zeit träume ich nachts davon, daß ich etwas mit einem anderen Jungen anfange. Nicht richtig mit Sex oder so, aber meistens ist er nackt dabei und ich auch. Einmal haben wir uns angefaßt. Ich wache dann jedes Mal mit einer Erektion auf. Vor Kurzem hatte ich bei solch einem Traum sogar einen Samenerguß. Bin ich jetzt schwul? Das wäre schlimm, da meine Familie im Ort sehr bekannt ist.

Lotte murmelte etwas vor sich hin, während sie einen Becher mit dampfendem Kakao vor mir abstellte. Es roch verführerisch nach Schokolade, meine Aufmerksamkeit galt jedoch dem Artikel.

»Was sagten Sie gerade, Lotte?«

»Schon gut, lies weiter.«

Zu früh für eine Festlegung – Lieber Heiko, mit 15 Jahren befindest Du Dich mitten in der Pubertät. Das heißt, daß sich nicht nur Dein Körper verändert und Du Dich zum Mann entwickelst, sondern daß sich auch Deine Sexualität ausbildet. In dieser Phase ist es völlig normal, auch homosexuelle Phantasien, Gedanken und Träume zu haben. Wehre Dich nicht dagegen. Diese Phasen gehen meist vorüber und sind nötig, damit Du zu Deiner eigenen Sexualität findest.

Enttäuscht sah ich von der Zeitschrift auf. Diese Antwort erschien mir nicht ausführlich genug. Sie warf sofort weitere Fragen auf, die unbeantwortet blieben. Als ob ich nicht schon genug davon hätte. Und darauf hatte ich nun eine Woche lang gespannt gewartet?

»Wie findest du die Antwort denn?«, fragte Lotte schnell, bevor ich auch nur die Chance hatte, mich an sie zu wenden.

»Viel zu kurz! Wie lange dauert denn so eine Phase? Und wann geht sie vorbei? Ist es auch bloß eine Phase, wenn man nur Träume mit Jungs hat oder gilt das nur, wenn man zwischendurch auch von Mädchen träumt?«

»Ich denke, das kann man so eindeutig nicht sagen. Jeder Mensch entwickelt sich unterschiedlich.«

»Trotzdem. Auf die Frage hier, ob man Miniröcke in der Schule tragen sollte, haben die viel ausführlicher geantwortet. Hier gucken Sie mal, über eine ganze Spalte lang.« Demonstrativ hielt ich die Zeitschrift hoch. »Und auf so eine wichtige Frage, wie die von Heiko, nicht mal eine halbe.«

Lotte grinste und ging in die Offensive. »Hast du denn solche Träume?«

»Seit ich denken kann«, gab ich unumwunden zu. Jetzt war es raus.

»Oh!« Sie blickte erstaunt in mein Gesicht, das sich verdächtig warm anfühlte. Obwohl mir meine langen Locken tief ins Gesicht fielen, konnte sie mein Erröten sehen, das war mir klar. Trotzdem sah ich nicht weg und wartete gespannt auf ihre Reaktion.

»Und … findest du das schlimm?«

Eine Weile sagte ich gar nichts, dann klappte ich die BRAVO zu, legte sie zur Seite und nahm vorsichtig einen Schluck des nun nicht mehr so heißen Kakaos.

»Ich weiß nicht.« Doch, eigentlich wusste ich es schon. »Alle würden mich hänseln und ich glaube, mein Vater würde das nicht mögen. Niemand würde das mögen, nehme ich an.«

»Du hast ja gelesen, was da steht. Es ist noch zu früh, um sich darüber ernsthaft Gedanken oder gar Sorgen zu machen. Du bist noch nicht einmal fünfzehn. Es ist noch so viel Zeit, da können sich viele Dinge ändern. Bei dir und vielleicht auch bei deinem Vater.«

Wenig beruhigt trank ich den Rest meines Kakaos aus, nickte, stand langsam auf und packte die Zeitschrift zu meinen Schulsachen in den Rucksack.

»Aber eines kann ich dir schon heute sagen. Ich würde dich auch schwul mögen, sehr sogar«.

»Schwul?« Das saß.

»Klingt homosexuell besser für dich?«

Ich überlegte. Das Wort „schwul“ kannte ich nur als Schimpfwort, hatte es ja selbst schon als solches benutzt. „Homosexuell“ hingegen klang für mich wie eine Krankheit.

»Beides scheiße«, fasste ich meine Gedanken zusammen.

Gegenwart

Ich drehe die Tonbandkassette in meiner Hand. Auf Seite A steht normal instrumental. Es ist eindeutig meine eigene Handschrift. Unglaublich, wie kindlich sie noch wirkt. Die B-Seite ist unbespielt, soweit ich weiß, habe jedoch keine Möglichkeit, es nachzuprüfen. Kein einziges Gerät in meinem Haushalt ist in der Lage, mit diesem Tonträger etwas anzufangen.

Ich glaube mich zu erinnern, dass es mir zu der Zeit nicht leichtfiel, das Wort „normal“ zu benutzen. Einfach, weil ich mehr und mehr das Gefühl bekam, selbst nicht normal zu sein. Obwohl es Lotte und Karolin gab, fühlte ich mich sehr alleingelassen mit meinen Gedanken und Zweifeln. Es war eine Zeit, in der ich merkte, dass ich anders war, als ich sein wollte. Ich wollte nicht ich sein, zumindest nicht so. Ein schreckliches Gefühl. Niemand sollte so über sich denken.

Plötzlich erkenne ich meine Schwester Milla auf dem Rasen in der Dämmerung auftauchen und bin dankbar, dass sie mich auf andere Gedanken bringt.

»Erschrecke bitte nicht, aber ich muss noch mal an den Schlauch.« Sie trägt zwei Plastikeimer in den Händen.