Quetzal & ich³ - Frank Runge - E-Book

Quetzal & ich³ E-Book

Frank Runge

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Beschreibung

Eigentlich wollte Finn lediglich sein Leben auf die Reihe bekommen. Doch die göttliche Vorsehung hatte andere Pläne mit ihm. Was für die Gelehrten untergegangener Hochkulturen grundlegendes Wissen war und für die Wissenschaft, bis zum erforschen der Quantenphysik, gänzlich nicht existierte, wurde für Finn zu einer lebensverändernden Gewissheit: Unsere Existenz in diesem Universum hält mehr Überraschungen für uns parat, als wir jemals auch nur ansatzweise erahnen können. Denn würden wir über unsere fünf Sinne hinaus wahrnehmen können, wäre es uns nicht mehr möglich, unser Leben, so wie wir es kennen, weiterzuführen.

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EPUB
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Seitenzahl: 341

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Alles ist wie immer

und doch ist nichts mehr

so wie es einmal war

~ Frank Magma

Frank Runge

Quetzal und Ich3

© 2023 Frank Runge

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig.

Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland.

Inhalt

Cover

Titelblatt

Urheberrechte

VORWORT

Kapitel I - Finn

Kapitel II - Kotonka

Kapitel III – Querusco

Kapitel IV – Finn

Kapitel V – Kotonka

Kapitel VI – Querusco

Kapitel VII – Finn

Kapitel VIII – Chachu

Kapitel IX – Querusco

Kapitel X - Finn

Kapitel XI – Chachu

Kapitel XII – Querusco

Kapitel XIII – Finn

Kapitel XIV – Chachu

Kapitel XV – Querusco

Kapitel XVI – Finn

Kapitel XVII – Chachu

Der Tag davor - Querusco

Der Tag davor - Finn

Der Tag davor - Chachu

Wenn unmögliches geschieht

Quetzal & ich³

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Wenn unmögliches geschieht

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VORWORT

In diesem Moment, in denen Sie diese Zeilen lesen, hat Sie etwas dazu gebracht dieses Buch aufzuschlagen oder es am Bildschirm zu lesen. Vielleicht weil Sie neugierig waren, Sie sich unterhalten möchten oder es war ein Geschenk. Ich bin der festen Überzeugung, dass nichts ohne Grund geschieht. Kann es auch sein, dass manch vordergründige und rationale Entscheidungen, vielleicht einen tieferen Beweggrund haben? Vielleicht ist es unser Unterbewusstsein, wie die freudsche Psychologie es auslegt, vielleicht ist es aber auch etwas anderes. Etwas das wir verlernt haben zu beachten.

Die Idee von parallelen Welten ist nicht neu. Tatsächlich ist sie schon seit vielen tausend Jahren im Bewusstsein der Menschheit verankert. Nein, sie werden diese Aussage in keiner anthropologischen Abhandlung finden. Meine Quellen basieren auf mündlichen Überlieferungen. So wie einst unser gesamtes Wissen. Heute ist die Quantenphysik dabei, die Existenz dieser Welten zu bestätigen. Trotzdem möchte ich niemanden dazu „bekehren“ diese Erkenntnisse als unumstößliche Tatsache zu akzeptieren. Vielmehr möchte ich Sie dazu einladen, es als eine reale Möglichkeit anzuerkennen, so lange Sie dieses Buch lesen.

Doch diese Idee beschreibt nicht den Kern dieses Buches. Es geht um etwas sehr Persönliches. Etwas das jeden Menschen in irgendeiner Weise betrifft. Vielleicht erahnen Sie schon, was ich andeuten möchte. Vielleich bekommen Sie am Ende des Buches eine Idee von dem was ich andeute.

Vielleicht ist danach alles wie immer und doch ist nichts mehr so wie es einmal war

Frank Runge

Kapitel I - Finn

Was war passiert? Es war mitten am Tage und Finn lag in embryonaler Haltung zusammengerollt auf seinem Bett. Er war nicht krank, jedenfalls nicht im medizinischen Sinne. Trotzdem war er nicht in der Lage aufzustehen und seinen alltäglichen Pflichten nachzukommen. Tränen rollten ihm über das Gesicht. Immer wieder zog sich in ihm etwas zusammen und zerrte an ihm. Seine Organe wurden so stark durchgerüttelt, dass er sich im Bett winden musste. Einem stummen Aufschrei gleich, öffnete er seinen Mund. Tränen strömten ohne Unterlass über sein gequältes Gesicht. Sein ganzer Körper krümmte sich in Richtung Zimmerdecke. So viel hatte er die letzten 40 Jahre seines Lebens nicht geweint. Nach einer Weile ließ dieses Ziehen nach. Augenblicklich überkam ihn die Erschöpfung und er fand einen Moment der Ruhe. Wie lange liege ich hier eigentlich schon? ging es Finn durch den Kopf. Er sah auf die Uhr und stellte fest, dass er jetzt schon über eine Stunde in diesem Zustand hier lag.

Der heutige Tag war der aktuelle Höhepunkt eines seit Monaten andauernden Prozesses der Wandlung. Abgesehen von dem Gefühl der Verlustkontrolle wuchs in ihm eine neue Kraft. Eine Macht, eine Energie, die dem Weltraum zu entstammen scheint, und ihn irgendwo hinzog. Wie eine Hand, die in seinen Brustkorb greift und hinfort zieht. Sein Verstand revoltierte dagegen an und sein Körper war in einem permanenten Alarmzustand. Dazu nagte die Ungewissheit in ihm. Finn war ratlos und verunsichert. Fragen über Fragen und keine Antworten. In seinem Kopf kreisten immer wieder die gleichen Fragen. Was geschieht mit mir, und was will diese Kraft von mir? Woher kommt sie? Erreiche ich langsam meine Belastungsgrenze und stehe ich am Rande zum Wahnsinn? Seit Tagen ist Finn nicht mehr fähig zur Arbeit zu gehen. Er sitzt Zuhause herum und weiß nicht wie ihm geschieht. Er meditierte, las viel und trainierte energetische Übungen. Diese hatte er einst von einem Schamanen gelernt. Finn hatte bereits einige Erfahrungen mit verschiedenen schamanischen Lehrern gesammelt und vieles von dem Gelernten umgesetzt. So auch jene schamanischen Bewegungen, die ihm zur Vitalisierung und Steigerung der persönlichen Kraft verhalfen.

An sich selbst zu arbeiten, ungeschminkt alle zu betrachten und anzunehmen, ist immer eine Herausforderung, dessen war sich Finn bewusst. Er hatte akzeptiert, dass ein Prozess der Wandlung schmerzhaft sein kann. Heute war es jedoch besonders schlimm. So schlimm, dass ihn der Veränderungsprozess nicht nur mental, sondern auch körperlich belastete. Weil er den Schmerz kaum noch ertragen konnte, lag er am helllichten Tage im Bett. Bereits seit einer Stunde liege ich hier wie ein Häufchen Elend voller Weltschmerz. So geht das nicht weiter, ich muss das ändern, dachte er sich. Um seinen Gedanken Nachdruck zu geben, sprach er sie laut aus. „Vielleicht sollte ich damit anfangen, mich selbst nicht mehr zu bemitleiden. Den inneren Widerstand loslassen und einfach vertrauen.“ Seit Finn spüren konnte, wie die Kraft des Universums an ihm zerrte, hatte er versucht dem starken Sog Widerstand entgegen zu setzen. Nun war es an der Zeit, dem Selbstmitleid und dem Widerstand ein Ende zu bereiten. „Wenn nicht jetzt, in dieser ewigen Stunde, wann dann?“ Rief er aus der Tiefe seiner Seele. Sein Körper bäumte sich auf. Er wand sich hin und her. Seine Hände krallten sich in das Bettlacken. Bis ihn schließlich die Kräfte verließen und er mit pochendem Herzen auf seinem Bett liegen blieb. Erschöpft und schwer atmend rollte er sich auf die Seite. In seinem Kopf wurde es leer. Finn konzentrierte sich auf seinen Atem. Gleichmäßig und tief atmete er die Luft durch die Nase ein und mit dem Mund aus. Dabei entspannte er jeden Muskel seines Körpers. Unterschiedlichste Gefühle und Emotionen füllten seine innere Leere und er ließ ihnen freien Lauf. Tiefe Gefühle wie Wut, Liebe und Angst übermannten ihn. Untermalt mit Emotionen, die aus Scham, seelischen Verletzungen und Selbstzweifel entstanden. Er unterdrückte oder verdrängte sie nicht. Stattdessen tauchte er in das Wechselbad aus Gefühlen und Emotionen ein. Finn fühlte sich verloren in diesem unkontrollierten Ansturm der Gefühle. Ich bin wie ein kleiner Stein in den Weiten des Weltraumes. Was kann ein kleiner Stein in den Weiten des Universums schon bewirken, außer vor sich hin zu treiben? Nur um nach einigen Millionen Jahren in der Gravitation eines Planeten zu gelangen und um dann von seiner Anziehungskraft assimiliert zu werden? richtete Finn seine Frage in Richtung Unendlichkeit. Die passende Antwort blieb aus. Resigniert rollte er auf die andere Seite und starrte minutenlang auf einen Punkt an der Wand. Nach einer gewissen Zeit verflog der Ansturm von Emotionen und Gefühlen. Als die Leere zurückkehrte, kam Finn zur Ruhe. Nach einer Weile tauchte eine Erinnerung aus seiner Kindheit auf. Er war mit seinen Eltern und Geschwistern im Urlaub. Ausgerüstet mit Schwimmflossen und Taucherbrille, schnorchelte er im Mittelmeer. Er war fasziniert von dem Leben im Meer. Immer wenn er unter Wasser seinen eigenen Atem durch den Schnorchel und den Klang des Meeres hören konnte, war er vollkommen eins mit der Unterwasserwelt. Alles was außerhalb des Meeres geschah, war für ihn nicht mehr von Bedeutung. Während Finn an dieses Erlebnis dachte, versetzte er sich mental zurück an diesen einen Moment. Er hörte die dumpfen Geräusche des Meeres. Als sei es gestern gewesen, kehrte die Erinnerung zurück. Er lauschte den gleichmäßigen Atemgeräuschen, den Wellen und seinen Schwimmbewegungen im Wasser. Er spürte das Schaukeln der Wellen und hörte das klickende Geräusch, das sie verursachten, wenn sie an die Felsen spülten. Wenn er tief abtauchte und der Wasserdruck ihn einhüllte, war alles wie in einem Traum. Keine Gedanken, nur reine Wahrnehmung. Diese Erinnerung brachte Finn in eine gedankenfreie Leere der Bewusstheit. Sie existierte nicht nur in seinem Kopf, sondern war in seinem ganzen Körper zu spüren. In diesem Meer der Bewusstheit vernahm er ein leises Flüstern. So leise, dass er es kaum wahrnehmen konnte. Das Flüstern kam tief aus seinem Innern und sprach: „Was wäre, wenn dieser kleine Stein auf einen anderen kleinen Stein trifft und beide gemeinsam, Stück für Stück, die gleiche Richtung einnehmen? Sie schaffen sich ihr eigenes, kleines Gravitationsfeld und erleben dieses Abenteuer ihrer Reise gemeinsam.“ Finn stellte sich kurz diese Metapher vor und antwortete im Gedanken: Was ändert es daran, dass der kleine Stein, ein kleiner Stein ist? “Nichts.“, kam als prompte Antwort. „Sie haben jedoch durch das neue Gravitationsfeld ihre Reiseroute verändert.“ Finn konnte keinen Sinn in dieser Antwort entdecken und tat alles als einen Streich seiner Sinne ab. Er wollte das Thema abhaken, jedoch nicht, ohne vorher einer schnippischen Antwort ihren freien Lauf zu lassen: Wenn überhaupt jemals der Hauch einer Chance bestehen sollte, dass zwei kleine Steine im Universum einander begegnen, dann eher umaufeinander zu prallen. Durch den Aufprall würden sie wieder auseinanderdriften oder gar zerstört. „Auch in diesem Fall haben beide ihre Richtung gewechselt.“ Ist der Tod auch ein Richtungswechsel? „Nein, er ist das Ende.“ Im Moment fühle ich mich, als würde ich sterben. Was wäre, wenn ich jetzt hier im Bett liegen bliebe, um zu sterben? führte er den inneren Dialog oder Monolog fort. „Nichts!“, hörte er seine eigene Stimme laut sagen. Erschrocken riss Finn seine Augen auf und sah sich um. War ich eingeschlafen? Vermutlich… Er legte seinen Kopf wieder auf das Kissen und sinnierte weiter darüber nach, was es bedeuten würde, jetzt zu sterben. Nichts und wieder nichts würde sich ändern, schlussfolgerte er. Einige Menschen weinen um dich, andere wären froh und dem Rest der Menschheit wäre es im Grunde egal. Ein paar Tage oder Wochen wäre Trauer angesagt und dann gingen alle wieder ihrer alltäglichen Routine nach. Dieser Gedanke hatte für Finn etwas Erschreckendes und gleichzeitig auch etwas Beruhigendes. Ein Gefühl der Erlösung überkam ihn. Eine Befreiung von dem Wunsch, alles im Leben kontrollieren zu müssen. Sowie den Anforderungen und Zielen gerecht zu werden, die andere und er sich selbst auferlegt hatten. Egal was ich tue, es ist nur für mich bestimmt und etwas, das ich der Schöpferkraft im Universum schenke. Dem Universum, der Schöpferin von allem was ist; dieser immensen Kraft, die er seit Monaten immer stärker spürte und ihm nun zeigte, wie unwichtig er ist. Nicht wichtiger als eine einzelne Ameise in einem Ameisenhaufen von Millionen Ameisen. Mit starrem Blick sah er an die Zimmerdecke und nach einer Weile spürte Finn ein längst vergessenes Gefühl aus seiner Kindheit. Dieses Gefühl, wenn er als Kind wieder mal unbegreifliche Ungerechtigkeit spürte, wenn Gewalt gegenwärtig war und es keine Sicherheit gab. Wenn der einzige Trost und Beschützer, sein Teddy im Arm war. Sein Teddybär, der ihm immer zuhörte, der gemeinsam mit ihm zu Gott betete und ihm Trost spendete. Dieses Gefühl, wenn man vom vielen Weinen erschöpft ist, so sehr, dass die Müdigkeit einen übermannt und der Körper beginnt den gegenwärtigen Umstand zu akzeptieren.

Finn erlebte einen Prozess der inneren Auflösung. Anders konnte er es nicht beschreiben. Erinnerungen an die schlimmsten Geschehnisse und Situationen seines Lebens erschienen. Er ließ es zu und er beschloss alles Geschehene zu akzeptieren und allen Menschen zu vergeben. Nach Jahren der Arbeit an sich selbst, verlor sein Schutzpanzer an Konsistenz. Vielleicht entstand daher dieses Gefühl der Auflösung? Er wollte nicht mehr kämpfen und hart sein. Den Coolen und Unnahbaren spielen. Unter Tränen schmolz der Schutzpanzer, den er sich in all den Jahren übergestülpt hatte, wie Eis in der Sonne dahin, bis er fast vollständig verschwand. Die Erschöpfung übermannte Finn. Seine Muskeln wurden locker und er schloss langsam die Augen. Statt der üblichen Dunkelheit hinter seinen Augenlidern, sah er viele bunte Lichtflecken. Dann tauchten die unterschiedlichsten Bilder auf und flossen anschließend ineinander. Er sah Tiere wie Wölfe, Schlangen, Vögel und anderes Getier. Dann folgten unbeschreibliche, fremdartige Erscheinungen. Sowie geometrische Formen, die ineinander verdreht, zu immer bizarreren Gebilden heranwuchsen. Er erkannte blumenähnliche Gebilde, die vor einem goldgelben Hintergrund erschienen. Anfangs versuchte er etwas in ihnen hineinzuinterpretieren. Doch nach kurzer Zeit gab er es auf. Dann hörte er einen Satz, der aus dem Nichts kam. „Wenn du deiner Bestimmung folgst, dann wirst du überleben.“ Finn verstand die Bedeutung des Satzes nicht. Er unterließ es jedoch, weiter darüber zu sinnieren. Daraufhin wiederholte die Stimme den Satz immer und immer wieder. Wie ein Mantra, das sich in seinem Geist einnistete. Das monotone Wiederholen dieses Satzes erzeugte eine Müdigkeit, die Finn in einen schummrigen Zustand gleiten ließ. Er war für einen Augenblick in dieser besonderen Welt des Übergangs zwischen dem Wachsein und dem Einschlafen. Die ständig wechselnden Bilder lösten sich langsam auf und vor ihm breitete sich eine goldgelbe Landschaft aus. Es entstand vor seinem geistigen Auge eine ockerfarbene Wüstenlandschaft. Er saß geschützt in einer Felsformation oder am Eingang einer Höhle und blickte in die Weite. Er kannte diesen Ort aus vorherigen Visionen und er war ihm vom ersten Moment an sehr vertraut. Er fühlte an diesem Ort Schutz und Weisheit. Aus der Ferne vernahm Finn ein leises, dumpfes Trommeln, untermalt von einer sanften und monotonen Stimme. Sie wiederholte immer wieder das Wort „Kotonka… Kotonka… Kotonka…“ Dann glitt Finn in einen tiefen Schlaf der Erholung.

Kapitel II - Kotonka

Kotonka… Kotonka! Wach endlich auf! Kümmere dich um die Pferde!“ Wie nach einem Salto-rückwärts fand Kotonka sich plötzlich auf seinem Schlafplatz im Tipi wieder. Um sicher zu gehen, dass er tatsächlich in seinem Tipi lag, streichelte er das weiche Fell, auf dem er schlief. Er atmete bewusst den Duft der Gewürze und den Rauch des Feuers ein. Kotonka öffnete die Augen und erblickte seine Trommel. Dann erkannte er sein Jagdgeschirr und die im Tipi verteilten Felle und Geweihe. Langsam kam seine Orientierung zurück. Nachdem er davon überzeugt war, in seinem Tipi bei seinem Stamm zu sein, entspannte er sich wieder. Was war das für ein sonderbarer Traum? dachte er sich. Kotonka versuchte einzelne Traumfetzen zu einem Gesamtbild zusammenzufügen. Er hatte Erinnerungen an ein fremdes Land, mit einer Landschaft, wie er sie nie zuvor gesehen hatte. Besonders ungewöhnlich war an diesem Traum, dass er zwar derjenige war, der den Traum träumte. Alles fand aus seiner Perspektive statt. Andererseits war er in dem Traum, auf eine sonderbare Weise eine andere Person. Für ihn war diese Erfahrung nur damit erklärbar, dass in diesem Moment, seine Traumseele in einem fremden Körper verweilte. „Was möchte mir der Große Geist mit diesem Traum sagen?“ Noch ehe er eine Antwort auf seine Frage erhielt, rief seine Frau wieder nach ihm. Ganz nebenbei, so als spräche sie mit sich selbst, erwähnte sie, dass, wenn er nicht bald aufsteht, sie das Wasser für die Pferde selbst holen würde. Jedoch könnte es passieren, dass sie dabei direkt vorm Zelteingang stolperte. Was zur Folge haben könnte, dass das kalte Wasser womöglich ihn träfe. Der spezielle Humor seiner Frau gab ihm das Gefühl der Vertrautheit endgültig zurück. Mit einem Lächeln stand er auf, um den neuen Tag und seine Frau zu begrüßen. Er öffnete das Tipi, atmete tief die frische Morgenluft ein und genoss die ersten warmen Sonnenstrahlen in seinem Gesicht. Sein Blick folgte der Weite des Landes entlang des Horizonts. Der dicht über dem Boden schwebende Morgennebel war im Begriff sich langsam aufzulösen. Kotonka ging zu seiner Frau und nahm sie in die Arme. Er genoss es, ihren warmen und weichen Körper zu spüren. Dankbar, den vertrauten Duft ihrer Haare und ihres Körpers riechen zu dürfen, hielt er sie eine Zeit lang in den Armen. Dann sank er vor ihr auf die Knie, um ihr gemeinsames Kind in ihrem Bauch zu begrüßen. Sie war im vierten Monat schwanger und für ihn gab es nichts, was ihn stolzer machen konnte. Beide waren sich sicher, dass sie einen Sohn bekommen würden. „Ist alles in Ordnung, mein Geliebter? Du siehst aus, als wärst du dem Tod persönlich begegnet.“ Wie achtsam seine Frau doch war. Sie nahm alles um sich herum wahr, jede Veränderung und jedes noch so kleine Detail. Auf der einen Seite bewunderte er diese Eigenschaft an ihr sehr, auf der anderen Seite war es manchmal auch anstrengend. Der Name seiner Frau war Kleiner-gelber-Vogel. Er nannte sie oft „Kleine“, was ihr aus irgendeinem Grund nicht besonders gefiel. Kotonka stand wieder auf und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. „Ich habe im Traum eine Botschaft vom Großen Geist bekommen und ich verstehe seine Bedeutung noch nicht ganz.“ Kleiner-gelber-Vogel sah Kotonka in die Augen, lächelte sanft und drückte seine Hände. „Schon wieder ein seltsamer Traum? Vielleicht kann dir der Schamane weiterhelfen, eine Antwort zu bekommen.“ „Du weißt, dass mir der Heiler nicht ganz geheuer ist.“ „Ja, ich weiß das du ihn fürchtest,“ antwortete sie in einen beiläufigen Tonfall. „Ha! Ich bin ein großer Krieger und fürchte mich bestimmt nicht vor dem seltsamen Vogel. Sein Getue ist einfach nur lächerlich.“ „Ja doch, Kotonka, ich weiß… Und du weißt, dass wenn du Antworten möchtest, ein Besuch bei ihm nicht schaden kann.“ Kotonka wusste, wann er klein beizugeben hatte. Er war ein angesehener Krieger. Unter seinen Leuten genoss er einen guten Ruf als starker Kämpfer, der sich allen Feinden in den Weg stellt. Er kämpfte mit Bären, Büffeln und mit jedem, der versucht seinen Leuten einen Schaden zuzufügen. Jedoch würde er sich um nichts in der Welt mit seiner Frau wegen Kleinigkeiten streiten. Als Krieger wusste er, wann ein Rückzug angesagt ist. So verdrehte er leicht die Augen, lächelte die Schönheit vor ihm an, gab ihr einen Kuss auf die Wange und ging die Pferde versorgen.

Kotonka liebte die Nähe der Pferde. Er respektierte ihre Art der Existenz auf dieser schönen Welt und sie akzeptierten ihn. Seiner Überzeugung nach, hatte jedes Leben auf diesem wunderschönen Planeten seine Berechtigung und dementsprechend respektierte er alle Lebewesen. Zu den Pferden hatte er jedoch eine besondere Verbindung. Kotonka war für sie ein gleichwertiges Herdenmitglied. Er sprach selten in der menschlichen Sprache zu ihnen. Sie verständigten untereinander mit Zeichen und Gebären. Diese besondere Verbindung blieb dem Schamanen Einäugiger-Marder nicht verborgen. Er wurde von seinen Leuten meistens Einauge genannt und er akzeptierte das. Er beobachtete Kotonka dabei, wie er die Pferde versorgte. Kotonka spürte seine Blicke und sah Einauge direkt an. Darauf ging der Schamane auf ihn zu. „Wie geht es dir, Kotonka?“ „Der Große Geist meint es gut mit mir, Einauge. Wie ist es um dich gestellt?“ „Sieh mich an. Ich bin ein Mann mit einem Auge, ohne Weib und Kinder. Die meisten unserer Brüder und Schwestern kommen nur zu mir, wenn es ihnen an etwas fehlt oder sie Fragen an den Großen Geist haben. Was soll ich sagen? Mir geht es prima!“ Dabei grinste Einauge das Grinsen einer versteinerten Maske. Kotonka fühlte jedes Mal eine gewisse Unruhe und Unsicherheit in der Nähe von Einauge. Er war ein gestandener Mann, den jeder als erfahrener Jäger und tapfererer Krieger respektierte. Doch sobald der Schamane in seine Nähe kam, war er leicht aus der Fassung zu bringen. Er spürte wie die Wut langsam und zielstrebig in seine Magengegend kroch. „Ich freue mich für dich, Einauge. Was führt den großen Heiler und Schamanen ausgerechnet zu mir?“ Einauge ignorierte den Unterton in seiner Stimme. „Nichts Bestimmtes, Kotonka. Ich hatte eine unruhige Nacht und habe mir die Beine etwas vertreten. Ich hatte merkwürdige Träume, weißt du?“ Einauge machte eine Pause um auf eine Reaktion von ihm zu warten. Nachdem er keine augenscheinliche Reaktion erhielt, fuhr er fort. „Menschen wie wir haben manchmal Träume, die eine wichtige Botschaft für uns beinhalten. Auch wenn wir sie nicht gleich verstehen. Das Herumlaufen hilft mir einen klaren Kopf zu bekommen und so vielleicht einige Antworten zu erhalten.“ Kotonka wurde angesichts seiner Andeutung über das Träumen noch nervöser. War es ein Zufall? Er fand keine Erklärung dafür und beließ es dabei. „Ich wünsche dir viel Erfolg dabei, Einauge.“ Ich danke dir. Heute Nacht kamst du auch in meinen Traum vor. In den Träumen bist du mir gegenüber recht vertraut und redselig.“ „Du hast merkwürdige Träume.“ Der Schamane nickte zustimmend. „In der Tat, in der Tat. Wenn du in letzter Zeit auch merkwürdige Träume hattest oder welche bekommen solltest und du mehr darüber erfahren möchtest, dann bist du jederzeit auf ein Gespräch willkommen,“ antwortete Einauge mit dem festgemeißelten Grinsen eines Totenschädels und drehte sich zum Gehen um. Kotonka kochte innerlich. „Wieso bringt der Einäugige mich nur so in Rage?“ flüsterte er zu seinem Pferd, das er gerade striegelte. Als Antwort erhielt er ein Schnauben mit starkem Kopfnicken. Eine Reaktion, die Kotonka während des Striegelns noch nie zuvor von seinem Begleiter erlebt hatte. Am liebsten würde er den Mann zu einem Kampf herausfordern. Der war jedoch nicht nur ungeübt im Kampf, sondern auch der Schamane seiner Leute. Niemand legt sich mit einem harmlosen Mann an, und erst recht nicht mit dem Schamanen. Selbst der Chef der Sippe fragte ihn manchmal um Rat und er hielt viel von seiner Meinung. Kotonka hatte für heute geplant dem Rat seiner Frau zu folgen, und Einauge einen Besuch abzustatten. Die Tatsache, dass es jetzt so aussah, als würde er auf den Rat des verrückten Schamanen hören, machte die Situation fast unerträglich. Er überlegte den Besuch abzusagen. Dann erblickte er Kleiner-Gelber-Vogel, wie sie mit einem kleinen Kind aus der Sippe sprach. Sie war von Glückseligkeit erfüllt und ihr Lächeln überstrahlte jede Finsternis seiner negativen Gedanken. Sofort beruhigte Kotonka sich wieder und seine Wut verpuffte, wie ein Tropfen Wasser auf einem heißen Stein. Ihm wurde bewusst, dass seine Wut gut im Kampf ist. Im Umgang mit den eigenen Leuten, war sie eher ein Hindernis als förderlich. Plötzlich erblickte er etwas, das ihn sehr irritierte. Während er seine Frau betrachtete, sah er sie mit einem Jungen im Alter eines Jugendlichen und einem anderen Mann. Sie gingen sehr vertraut und familiär miteinander um. Kotonka zwinkerte einige Male und die Szenerie verflüchtigte sich. Wieder so ein Ereignis das er nicht verstand. Er sah Dinge, die nicht sein konnten. Manche von den Bildern, Szenen oder Geschehnisse, die er sah, geschahen zu einem späteren Zeitpunkt tatsächlich. Diese Zufälle konnte er nicht verstehen und manchmal machten sie ihm Sorgen. Er wollte nicht so ein Verrückter wie Einauge werden. Er wollte als guter Mann und Vater, glücklich und in Frieden mit seiner Familie leben. Wenn am Ende seines Lebens die Zeit des Abschieds gekommen war, wollte er als tapferer Jäger und Kämpfer von gutem Ruf in Erinnerung bleiben. „Was meinte er überhaupt mit Menschen wie wir?“, flüsterte er abermals zum Pferd. Ein leises Wiehern kam aus dessen Nüstern, dass sich in Kotonkas Ohren wie ein höhnisches Lachen anhörte. Ihm wurde langsam bewusst, dass er Antworten brauchte. Auch wenn ihm die Quelle seiner Antworten nicht gefiel.

Am Nachmittag machte Kotonka sich schließlich auf den Weg zu Einauge. „Willkommen in meinem bescheidenen Heim, Kotonka, Bussard-der in-die-Sonne-fliegt, erster Sohn von Schneller-Hirsch und Blume-Im-Morgentau.“ „Danke Einauge, für deine Gastfreundschaft.“ Kotonka hatte sich zuletzt als Jugendlicher im Tipi von Einauge aufgehalten. Er saß dem Schamanen direkt gegenüber und sein Blick fiel auf vielerlei Gegenstände. Viele von Ihnen waren Objekte der Kraft. Ohne sich besonders mit ihnen beschäftigt zu haben, konnte er den meisten eine Bedeutung zuordnen. Neben Heilkräutern und Tinkturen gab es Objekte, die von kraftvollen Tieren stammten. Sie dienten weniger als Trophäen, sondern waren Werkzeuge, mit denen Einauge die Geister verscheuchen konnte. Oder er trat mit ihnen in eine geistige Verbindung. Je nachdem was erforderlich war. Zudem entdeckte Kotonka im Zelt einige Trommeln, Rasseln und wunderschöne Flöten. Das Spiel mit der Flöte beherrschte Einauge wie kein anderer der Sippe, das musste Kotonka zugeben. Ohne lange Vorrede, sprach Kotonka den Grund seines Besuches an. „Einauge, ich habe heute Nacht tatsächlich merkwürdig geträumt. Ich träume des Öfteren merkwürdige Dinge, nur heute Nacht war es anders. Es war, als ob ich mich selbst im Traum beobachtete. Es fällt mir schwer, das Geträumte in Worte zu fassen.“ Als Aufforderung weiter zu sprechen, nickte Einauge stumm. „Einerseits war ich nicht ich selbst und andererseits war ich es doch. Ich war in einer mir völlig fremden Umgebung und das Geschehen fand vermutlich auch nicht in der Gegenwart statt. Alles erschien mir fremdartig und doch vertraut.“ Einauge sah ihn direkt mit seinem einzigen Auge an und gleichzeitig durch ihn hindurch. So, als würde er tief in Kotonkas Inneres schauen. Nach einer Zeit des Schweigens fühlte er sich zunehmend unwohler. Dann antwortete der Schamane ihm endlich: „Kotonka-Bussard-in-der-Sonne, weißt du woher dein Name stammt?“ „Ja, von meinen Eltern natürlich. Als ich geboren wurde und mein Vater mich bei der Geburt meinen ersten Schrei in die Welt rufen hörte, erblickte er einen Bussard, der direkt in die Sonne zu fliegen schien.“ „Weißt du auch, was Kotonka bedeutet?“ „Ich habe meine Eltern mehrmals nach der Bedeutung befragt, sie sagten jedoch lediglich, dass der Große Geist mir den Namen geschenkt hatte.“ „Sie haben dir die Wahrheit gesagt. In dem Moment deiner Geburt flog nicht nur der Bussard in die Sonne, sondern der Große Geist schickte mir eine klare Vision, wie ich sie nur selten erlebt habe. Er bestimmte, dass dein Name Kotonka sei. Kotonka, der die Welten bereist.“ Mit ungläubigem Gesicht fragte er Einauge: „Den Namen Kotonka habe ich dir zu verdanken?“ „Nein, nicht mir. Dem Großen Geist. Ich bin lediglich derjenige, der die Nachricht an deine Eltern weitergegeben hat.“ „Was hat das zu bedeuten?“ „Ich kann dir nur mitteilen, was der Große Geist mir für dich auf den Weg gegeben hat. Wenn du mehr erfahren möchtest, dann ist es an dir, dem Weg zu folgen, den der Große Geist für dich vorgesehen hat.“ „Was meinst du damit?“ „Du bist ein ehrbarer und starker Krieger, ein hervorragender Jäger und du besitzt alle Voraussetzungen, um ein guter Anführer unserer Sippe zu werden. Deine Aufgabe ist jedoch eine andere.“ „Ich habe eine Aufgabe?“ „Ja, die Aufgabe, die der Große Geist für dich vorgesehen hat. Das könnte zum Beispiel sein, den Weg des Dienens und des Heilens zu begehen.“ Kotonka starrte Einauge ungläubig an. Ein Wechselbad der Gefühle durchflutete ihn. Angefangen von dem Drang zu lachen, über totalen Unglauben, bis hin zu Ärger und Wut. „Du meinst, ich soll bei dir in die Lehre gehen und so werden wie du?“ „Nein, nicht wie ich. Du sollst deine wahre Berufung erkennen und deiner Bestimmung folgen.“ Kotonka spürte, wie sich sein Brustkorb zusammenzog und er nach Luft ringen musste. Alles, was sich an Emotionen in ihm aufgestaut hatte, entlud sich plötzlich in schallendes Gelächter. „Du meinst ich sollte, anstatt unsere Leute und meine Familie im Kampf zu verteidigen, statt Nahrung für uns zu jagen, soll ich mit der Rassel um das Feuer laufen und mit unseren Ahnen sprechen?“, schallte es laut aus ihm heraus. „Was immer der richtige Weg für dich ist.“, antwortete Einauge ungerührt. Kotonka sah den Schamanen lange an und nachdem er sich beruhigt hatte, sagte er: „Einauge, du bist ein geachteter Mann und vielen von uns bedeutet deine Arbeit und dein Rat sehr viel. Für mich ist es jedoch nicht möglich, deiner Bitte Folge zu leisten.“ Einauge zeigte keine Reaktion auf Kotonkas Antwort. Ruhig antwortete er, „Lass dir versichern, dass es nicht darum geht was ich möchte. Alles, was ich dir sage, ist nicht von mir persönlich. Ich bin lediglich der Vermittler zwischen dir und dem Großen Geist. Jede Entscheidung, die du triffst, ist eine verbindliche Abmachung zwischen dir und dem Schöpfer.“ „Heißt das, dir ist egal, was ich mache?“, fragte Kotonka ungläubig. „Wie gesagt, ich bin nur der Bote, was du daraus machen wirst, ist, wie alles im Leben, deine persönliche Entscheidung.“ Auf der einen Seite war Kotonka erleichtert, auf der anderen Seite fühlte er einen Anflug von Zweifel aufkommen. „Was passiert, wenn ich nicht der Bestimmung folge?“ Einauge sah ihn abermals durchdringend mit seinem Auge an. „Du wirst dein Leben so leben wie bisher. Was die Zukunft dir bringen wird, vermag ich nicht zu sagen. Nur so viel: Es wird vermutlich anders verlaufen, als du es dir vorstellst.“ Kotonka spürte die plötzliche Traurigkeit von Einauge. Kotonka hatte keine Fragen mehr und es gab für ihn auch nichts mehr zu besprechen. Er bedankte sich bei dem Schamanen und verließ das Tipi. Kotonka durchlebte einen Cocktail aus Wut, Ratlosigkeit und Unsicherheit. Seine Reaktion verwunderte ihn. Denn im Grunde hatte er lediglich ein kurzes Gespräch mit jemanden geführt, der ihm eine Idee unterbreitete. Kotonka brauchte jetzt die Weite des Canyons um nachzudenken und das Gespräch zu verarbeiten. Ohne jemanden zu informieren sprang er auf sein Pferd und ritt eilig Richtung Canyon, wo sich sein Rückzugsort befand. Erschöpft erreichten sie den Fuß eines Berges. Auf dessen Rückseite befand sich ein Plateau mit einer kleinen Höhle. Von dort aus hatte er einen fast endlosen Blick über die Schlucht des Canyons. Nach einem anstrengenden Aufstieg richtete er sich dort für ein Nachtlager ein. Kurze Zeit später sah er der tiefroten Sonne zu, wie sie am Horizont verschwand. Sein Blick schweifte über den riesigen Abgrund. Der ockerfarbene Farbton der Landschaft wirkte durch das rötliche Sonnenlicht noch intensiver. Ein tiefes Gefühl der Verbundenheit durchströmte Kotonka. Eine Verbundenheit zu allen Wesen, zu der Erde und seinen Ahnen. Dann spürte er seine tiefe Liebe zu Kleiner-Gelber-Vogel. Er liebte sie so sehr, dass es manchmal schon fast wehtat. Als er sie zur Frau nehmen wollte, fragte sie ihn, woher er wüsste, dass sie die Richtige ist. Er sagte ihr, dass er sie eines morgens direkt nach dem Erwachen lange ansah. Kurz darauf ist sie allein durch seinen Blick erwacht. In diesem Moment wusste er, sie war die richtige Frau an seiner Seite. Dessen war er sich bis zum heutigen Tage sicher. Wenn sie ihn dann noch anlächelte und ihre Schönheit durch ihr Lächeln alles überstrahlte, wurde ihm warm um sein Herz und er war voller Liebe für sie. Es wollte ihm nicht in den Kopf, was der Schamane da von ihm verlangte. Was ihn noch stärker irritierte, war das Gefühl, dass an der Botschaft des Schamanen etwas dran sein könnte. Er fühlte sich angezogen von den Gegenständen in seinem Tipi. Wie oft hatte er instinktiv etwas in sich gespürt, förmlich gewusst, was er eigentlich nicht wissen konnte. Häufig konnte er Fragen beantworten, ohne erklären zu können, woher er die Antworten wusste. Vielleicht gab es einen Zusammenhang mit seiner Berufung? So überlegte er noch weitere Stunden, bis er müde und erschöpft am Lagerfeuer einschlief. Am nächsten Morgen machte er sich bei Sonnenaufgang auf den Weg zu seinen Leuten. Er ritt so schnell wie möglich zurück. Hinter ihm erstrahlte das erste Sonnenlicht und färbte die Landschaft in einem hellen Goldton. Im Gepäck hatte er die Gewissheit einer Entscheidung. Denn in seinen Träumen hatte Kotonka die Antwort erhalten. Der Große Geist hatte zu ihm gesprochen und für ihn gab es keinen Zweifel mehr. Er hatte sich entschieden und er wollte diese Entscheidung dem Schamanen auf schnellstem Wege mitteilen.

Kapitel III – Querusco

Querusco saß auf der Veranda seines Palastes, um auf den Sonnenaufgang zu warten. Er meditierte in einem Dämmerzustand zwischen Wachsein und Schlaf. Wie in einem Traum reiste er durch die unterschiedlichsten Gefilde und nach einer Weile kam er auf einem hohen Plateau an. Unter ihm erkannte er eine unendlich weite Schlucht. Oberhalb dieser Schlucht konnte er in die weite Ferne blicken, während die Sonne tiefrot am Horizont aufging. Die Landschaft war so ganz anders als bei ihm Zuhause. Hier war es ungewohnt still. Der Wind war sehr trocken und überall waren die rauen Felsen in einem goldgelben bis ockerfarbenen Farbton getaucht. Die Ebene war flach und weitläufig. Anders als hier in seiner Heimat, wo überall üppige Vegetation das Land bedeckte, war dieses Land trocken, karg und von einer spärlich wachsenden Flora. Die Landschaft bestand hauptsächlich aus Sand und Felsen. Dieser Ort war ihm fremd und gleichzeitig sehr vertraut. Querusco spürte eine Sehnsucht zu diesem Land. Ein heller Lichtschimmer drang durch seine geschlossenen Augenlider. Die ersten Sonnenstrahlen kamen hervor und Querusco begrüßte die Sonne mit einem Lächeln.

So früh am Morgen war die Stadt noch menschenleer. Das wollte Querusco für einen Spaziergang in den Straßen nutzen, bevor sie sich mit Menschen zu füllen begannen. Er schlenderte die gepflasterten Straßen entlang und lauschte den Geräuschen des Dschungels die vom Rande der Stadt ihren Weg durch die Gassen bahnten. In der Ferne konnte Querusco einen Bewohner ausmachen der zielstrebig auf ihn zu kam. Ohne das Gesicht zu erkennen, war er sicher, dass es sich um den Obersten Priester Xufinkoatl handelte. Es war noch zu früh für den obersten Priester des Volkes, um in den Straßen umherzulaufen, dachte Querusco. Besonders in voller Zeremonienbekleidung. Plötzlich hatte Querusco das Gefühl, Xufinkoatl könnte eine Botschaft für ihn haben. Vermutlich keine Gute… Der Oberste Priester blieb auf kurzer Distanz vor ihm stehen. Das zeremonielle Gewand beeindruckte Querusco wieder einmal auf ein Neues. Die riesigen, bunten Federn auf seinem Kopf schwankten eindrucksvoll mit der kleinsten Bewegung hin und her. Von den Schultern abwärts war er mit einem Leopardenfell bekleidet. An den sichtbaren Körperstellen ergänzten archaischen Bemalungen das Gesamtbild. Die Rasseln und Schellen untermauerten die Besonderheit seiner Aufmachung. Querusco trug lediglich sein schlichtes Priestergewand für den Alltag. Obwohl selbst ein ranghoher Priester, fühlte er sich neben Xufinkoatl mit seiner Zeremonienbekleidung etwas eingeschüchtert. Zudem war der Oberste Priester eine starke Persönlichkeit und geradezu erbarmungslos im Umgang mit den Gläubigen. Er sah Querusco in die Augen und sagte ohne weitere Begrüßung: „Alles wird sich ändern und nichts wird mehr so sein wie es war.“ Die Stimme von Xufinkoatl war tief und klang entrückt. Wie eine Botschaft aus den tiefsten Tiefen des Universums. Querusco war erstaunt über die Aussage des Obersten Priesters. „Was meinst du damit?“ fragte er ohne Umschweife. „Du warst ein guter Diener und Vermittler des Sonnengottes K’inich Ajaw. Doch schon bald ist deine Aufgabe beendet. Alles wird sich für dich ändern.“ „Du sprichst in Rätseln, Xufinkoatl. Ich habe nicht vor, etwas in meinem Leben zu ändern.“ In seiner Position als einflussreicher und mit viel Macht versehener Priester, hatte Querusco ein gutes Leben. Niemand konnte ihm Vorschriften machen, außer der Sonnengott und der Oberste Priester als sein Vorgesetzter. Ein Priester mit seinem Rang, war ein direkter Vermittler zu den Göttern. Somit war er das Bindeglied zum Sonnengott und würde das sicherlich nicht freiwillig aufgeben. Sein Volk war technisch, spirituell und kulturell auf einem sehr hohen Niveau. Die Zufriedenheit unter den Gläubigen war sehr hoch, das soziale System funktionierte gut und die Versorgung der Menschen war gesichert. Die Wahrscheinlichkeit einer grundlegenden Veränderung erschien ihm mehr als abwegig. Was hatte das zu bedeuten? Wieso sah der Oberste Priester etwas ausder Zukunft, dass ausgerechnet ihn betraf? Querusco war nicht nur irritiert, sondern fühlte sich auch überrumpelt. Dennoch behielt er seine Fragen und Emotionen unter Kontrolle und nickte nur freundlich. Das Kurioseste an der ganzen Situation war für Querusco der Umstand, vom höchsten Priester seines Volkes in voller Zeremonienkleidung auf offener Straße angesprochen zu werden. Dennoch, egal welche Vision der Oberste Priester empfangen hatte, er hatte nicht vor, sich von Xufinkoatl etwas über seine Zukunft erzählen zu lassen. Was für eine Anmaßung, auch wenn er der Oberste Priester war. Dieser schien seine Gedanken gelesen zu haben. “Die Frage ob und wie sich dein Leben ändern wird, untersteht weder deinem noch meinem Willen.“ Querusco wusste aus Erfahrung, dass er keine weiteren Informationen bekommen wird. Aus reiner Gewohnheit fragte er dennoch: „Großer Xufinkoatl, ich danke dir für deine Worte. Hast du mir weitere Details zu berichten?“ Xufinkoatl bewegte seinen übermächtig wirkenden Kopf leicht von links nach rechts. „Nur so viel: Rede mit Sonnengott K’inich Ajaw.“ Die Federn des Kopfschmucks wiegten sich harmonisch in der Bewegung des Kopfes hin und her. Der Goldschmuck glänzte in der aufgehenden Sonne. Querusco erlebte die Szene wie eine Traumsequenz und der Oberste Priester schien nicht von dieser Welt zu kommen. Er musste sich vergewissern, nicht zu Träumen. Lauter als nötig antwortete er, „die nächste Zeremonie ist erst zur Sonnenwende vorgesehen. Soll ich eine zusätzliche Zeremonie durchführen?“ „Die Umstände erfordern es.“ „Habt Dank, Xufinkoatl. Ihr habt mir diese wichtige Botschaft zukommen lassen und ich stehe in eurer Schuld.“ „Deine Schuld ist beglichen, du hast gute Arbeit geleistet und K’inich Ajaw stets zur Zufriedenheit gedient.“ Das machte Querusco nun vollends stutzig. Eine zusätzliche Zeremonie und keine Verpflichtungen mehr? Etwas stimmte hier ganz und gar nicht. Querusco begann zu überlegen: Eine Zeremonie mit K’inich Ajaw wird sich nicht umgehen lassen. Möge er mich auf einen weisen Pfad führen. Zuvor jedoch werde ich versuchen weitere Informationen von meinen Informanten zu bekommen. Querusco hatte gute Kontakte zu allen wichtigen Gruppierungen innerhalb der Stadt. Meistens gelang es ihm über unterschiedliche Kanäle und Wege an Informationen von höchster Stelle zu gelangen. Die beiden Priester verabschiedeten sich und Querusco begab sich zum Frühstück. Danach ließ er Anweisungen zur Vorbereitung der Zeremonie geben und machte sich auf den Weg in das Stadtzentrum. Die Stadt war das heilige Zentrum der Region und der Handelshauptumschlagplatz sämtlicher Güter der Menschen in einem Umkreis von vielen tausend Kilometern. Sie war, obwohl mitten in einem Regenwald erbaut, die größte Stadt ihrer Zeit. Tausende Menschen lebten hier und gingen Ihren Beschäftigungen