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Wenn Erinnerung zu Magie wird – eine poetische Romantasy über die Kraft der Sehnsucht. Manchmal wird die Realität zu laut. Dann flüchtet sie sich in ein vergessenes Märchen – jenes vom Raben Ravanstreu, das ihre Großmutter ihr einst ins Herz geflüstert hat. Was als ferne Erinnerung beginnt, wird zu einer brennenden Leidenschaft: dem Schreiben. Zwischen den grauen Mauern der Stadt und dem Gefühl, dass etwas fehlt, wächst in ihr eine Sehnsucht nach dem Unbegreiflichen. Als sie eines Abends ein geheimnisvolles Gasthaus betritt, öffnet sich ein Tor in eine Welt, die nicht sein dürfte. Eine Welt, in der Worte zu Wirklichkeit werden, Schmerz zu Schönheit und Liebe zu einem Rätsel, das sie zu lösen wagt. Doch je tiefer sie in das Märchen eintaucht, desto näher rückt die Wahrheit – über sich selbst, über die Liebe und über die Grenzen der Realität. Kann man sich selbst finden, wenn man sich in der Fantasie verliert?
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Seitenzahl: 362
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Von einer Melodie geweckt, die in ihrem Inneren hallte, ihren Körper zum Vibrieren brachte und den Raum erfüllte, öffnete die Prinzessin ihre Augen. Sie fand sich in einer hohen, marmornen Halle. Steinerne Säulen umrahmten einen Gang, der links und rechts von ihr in unendliche Weiten zu verlaufen schien.
Neben ihr lag ihr liebster Raben, eingebettet in weiche Kissen.
Sie kniete sich über ihn, um ihn zu wecken. Sie küsste und rüttelte ihn, aber was sie auch versuchte, er blieb regungslos.
Mit der Erkenntnis kamen die Tränen und mit den Tränen der Schmerz.
Sie wusste nicht, wie lange sie neben ihm kniete, bevor sie die Gestalt bemerkte, die ihr gegenüberstand, wohl erst, als diese mit sanfter Stimme zu reden begann.
»Mein Goldstück, dein Bräutigam ist tot, ebenso wie du. Ihr seid ermordet worden, von Menschen, die euer Glück und eure Liebe neideten. Von Habgier und Missgunst zerfressene Leiber beschworen die Mächte der Finsternis, weil sie es nicht ertrugen, dass es Menschen gibt, die reinen Herzens sind, und weil sie selbst in ihrer Angst gefangen sind. Sie planen, die Welt in einen Kriegsschauplatz zu verwandeln.
Ich habe dich erweckt, da du meine letzte Hoffnung bist.
Raben war ein Dorn in den Augen seiner Feinde, darum belegten sie ihn mit einem Fluch. Er ist dazu verdammt, immer wieder aufs Neue geboren zu werden, mit dem gleichen Körper und in die gleiche Familie.
Mit jeder Geburt wird er bösartiger und machtbesessener, bis er so ist wie die, die ihn verfluchten, um sich mit der Vollendung seiner Verwandlung zu ihrem Regenten zu erheben.
Du alleine kannst ihn und damit die Liebe retten. Denn so kurz eure Verbindung währte, so war sie intensiver und reiner als alles, was es davor gab.
Ich bin die Göttin der Liebe und im Moment machtlos. Die Kälte und Finsternis setzten unmittelbar nach eurem Ableben ein und raubten mir den Großteil meiner Energie.
Angst und Hass regieren auf Erden. Die Menschen haben vergessen zu lieben.
Ich muss mich hinlegen und ruhen, meine Kräfte sparen, bis die Liebe zurückkehrt.
Wenn du willens bist, für deinen Liebsten zu kämpfen, so sei dir meines Schutzes gewiss. Viele Leben wirst du leben, mit dem Ziel, zurückzuerobern, was dir so grausam geraubt worden ist. Solltest du in dieser Zeit jedoch vergessen, weshalb du lebst, so bist du, die Welt und damit ich für immer verloren.
Deine Aufgabe ist schwer, begleitet von Qualen und Leid. Widerstände und Mauern werden dich oft genug in die Knie zwingen, doch die unliebsamste Herausforderung werden deine eigenen Zweifel darstellen.
Mit jedem Leben, das du lebst, wird deine Erinnerung schwinden und die Finsternis wird dich verführen, den Kampf aufzugeben.
Ich schenke dir in jedem Leben Träume, die dich erinnern werden, und Menschen, die dich bei deiner Aufgabe begleiten. Aber höre: Wenn deine Chancen vorbei sind, wirst du diese Melodie, die dich wachrief, hören, und mit der Beendigung deines Lebens wird alles Leben vorbei sein. Überlege gründlich, ob deine Liebe stark genug ist, diese Bürde zu tragen.«
Die Prinzessin betrachtete lange Zeit ihren Liebsten, bevor sie sich aufrichtete und zustimmend nickte.
Raben von Ravanstreu
Die Realität?
Ein Meer aus Schmerzen und Erinnerungen
Ein Neubeginn folgt dem Ende
Jede Menge Arbeit
Viele und eine Begegnung
Die Chronik
Der Ausflug
Die Maske der Rose
Wechselspiel
Innere und äußere Unruhen
Die Melodie
Verbindung und Trennung
Das Erkennen
Was ist wahr?
Ein neues Ende
Raben von Ravanstreu
I
Der Donner grollte bedrohlich. Blitze zuckten und tanzten, im gegenseitigen Wettkampf, nacheinander oder manchmal gleichzeitig, bis tief zur Erde hinunter. Bäume ächzten vor Schmerzen, wenn ein Strahl sie traf, leuchteten hell in ihrer Pein und seufzten erleichtert den Wassermassen entgegen, die sie aus aufgetürmten Wolkenriesen löschten.
Die Gischt türmte sich über der See, riss ihr Maul auf und ließ sich vom Regen füttern, damit sie in ihrer unstillbaren Gier als Flutwelle das Land überrollen konnte. Mit sich riss sie Boote, Häuser, Tier und Mensch.
Eine alte Burg stemmte sich dem Unwetter entgegen. Sie hielt sich mit aller Kraft an ihrem Berg fest, während die Wassermassen unter ihr vor Wut tobten. Allein der Wind, der sich in einen Orkan verwandelt hatte, konnte das Mauerwerk zum Zittern bringen. Er blies und blies wie von Sinnen, berauscht von seiner eigenen Melodie, die er durch die Ritzen strömen ließ. Ein Dudelsackspieler hätte in dieser Nacht seinen Meister gefunden.
Aus dem Inneren der Burg ertönte ein Schrei. Er war so kraftvoll und verzweifelt zugleich, dass er den Wind in seine Schranken hätte weisen können. Doch der gewaltige Donner schluckte ihn mühelos hinunter.
In den Händen ein Neugeborenes haltend, beugte sich der Regent über einen leblosen Körper und weinte gar bittere Tränen. Seine über alles geliebte Frau hatte ihre letzten Kräfte mobilisiert, um dem gemeinsamen Sohn das Leben zu schenken. Der Preis, den sie dafür bezahlt hatte, war der höchste, den ein Mensch zu geben hat.
Sie hatten beide gewusst, dass sie die Anstrengungen der Geburt nicht überstehen würde. Die letzten Wochen vor der Entbindung hatte sie in ihrem Bett verbracht, tapfer darum bemüht, zu strahlen, wenn ihr Mann sie besuchte. Sie wollte ihn in Hoffnung wiegen. Er aber sah, wie das Leben mehr und mehr aus ihr wich.
Die Hebamme, die neben ihm stand, drehte den Kopf zur Seite, so dass niemand das Zucken ihrer Mundwinkel und die Träne in ihrem Auge sehen konnte. Sie hatte Wochen zuvor, beide gewarnt und ihnen angeboten, das Kind abgehen zu lassen, um die Königin zu schützen und ihr Leben zu bewahren.
Die Königin wollte das nicht hören. Zu viele Kinder hatte sie bereits vor der Geburt verloren. Wenn dieses Kind nicht das Licht der Welt erblicken würde, gäbe es keine weitere Chance mehr. Das wusste und spürte sie. Ohne einen Nachkommen zu gebären, wäre ihr Leben sinnlos geworden, für sie der grausamere Tod. Was konnte sie also Wertvolleres geben, als ihr Leben für das Leben des Thronfolgers?
Wenige Tage vor der Geburt hatte sie ihren Gatten zu sich rufen lassen und ihn gebeten, dass, was immer auch passieren möge, er diesem Kind die gleiche Liebe und Fürsorge zukommen lassen sollte, wie er sie ihr hatte zukommen lassen. Er sollte dafür Sorge tragen, dass ihr Sohn die beste Ausbildung genoss und ihm ein würdiger Nachfolger wurde. Das war ihre letzte Bitte. Ein Wunsch, der den König in einen emotionalen Strudel zog, dem er kaum entrinnen konnte. Seine Königin war das Wichtigste in seinem Leben, und nie hätte er ihr auch nur eine Bitte abschlagen können, selbst wenn es sein Herz zerriss. Und so lagen sie kurz darauf eng umschlungen zusammen und weinten, bis die Kissen von dem salzigen Wasser völlig durchtränkt waren.
Er hielt das schreiende Kind fest in seinen Armen, während er sie ein letztes Mal küsste. Dem Sturm sei Dank, hörte niemand, wie er, sich selbst überzeugend, doch vor Gram gänzlich überrollt, sein Versprechen wiederholte, bis sein Hals nicht mehr als ein Krächzen zustande brachte. Sein Sohn war das einzige, was ihm von seiner Liebe geblieben war, und er sollte ihn immer daran erinnern, wie sehr er seine Gattin geliebt hatte.
Eine Woche nach dem Sturm zog die Verstorbene in ihre letzte Ruhestätte. Der König ließ sie, entgegen aller Traditionen und Vorbehalte, im Hof unter seinem Schlafgemach beerdigen. Neben ihrem Grab pflanzte er einen Apfelbaum, um die Erinnerung an sie für alle Zeiten am Leben zu halten.
Die Namensgebung für seinen Sohn folgte kurz darauf. Er sollte Raben der I., geboren aus Schmerz, aus dem Geschlecht der Ravanstreu, genannt werden. Seinen Vornamen verdankte er seinen Haaren, die glänzten wie das pechschwarze Gefieder eines Raben. Ravanstreu war der Name der Burg, auf der sie lebten. Sie wurde so benannt, da sich dort während der Errichtung ein Rabenpaar angesiedelt hatte, welches von da an jährlich wiederkehrte, um seine Brut aufzuziehen.
Raben gedieh prächtig und sein Vater schenkte ihm sein ganzes, verbliebenes Herz.
Mit den Jahren ähnelte der Junge zunehmend seiner verstorbenen Mutter. Dies bedeutete für den König unsagbare Pein, da ihm der Schmerz über den Verlust seiner Gattin, durch seinen Sohn täglich vor Augen geführt wurde. Bald war er außerstande, seine Regierungsgeschäfte fortzuführen und blieb tagelang dem Thronsaal fern.
Seine Ratsherren konnten den Zustand nicht dulden, sie fürchteten, dass er seine wenigen Untergebenen bald nicht mehr würde führen können. Sie schlugen ihm daher vor, sein heranwachsendes Kind bei einem Vetter in die Ausbildung zu schicken.
Schweren Herzens stimmte der König schließlich zu, den einzigen Sohn fortzugeben.
So verließ der Knabe Raben, begleitet vom Duft der Rosen und den Melodien der Vögel, an einem Sommertag die väterliche Burg, um ihr über viele Jahre fernzubleiben. Damals ahnte er nicht, dass der Abschied von seinem Vater ein Abschied für immer sein würde.
Der Sommer ging in den Herbst über. Raben wurde Knappe. Jeden Tag übte er sich im Tragen von schweren Waffen und Rüstungen. Jeden Tag unterstützte er den Stallmeister bei den Pferden. Jeden Abend hing er mit seinen Ohren an den Lippen seines Onkels, während dieser von Heldentaten der Vorfahren berichtete. Es verging kein Tag, an dem er nicht übte, kämpfte und gehorchte, für fünf Jahre. Dann war der Moment gekommen, an dem sein Onkel zugeben musste, dass er ihm nichts mehr beibringen konnte. Darum bot er ihm an, bei einem bekannten Fürsten in die Lehre zu gehen. Dieser war sehr belesen und vertraut mit allem theologischen Wissen. Dort hätte er die besten Voraussetzungen, seinen Wissensstand zu erweitern.
Dem Vater wurde die entsprechende Kunde überbracht und er ließ im Gegenzug über einen Boten sein Einverständnis senden.
Bei dem Fürsten lernte Raben die hohe Kunst der Mathematik und alles über die Natur der Welt. Er saugte die Informationen regelrecht in sich auf und der Fürst stieß bald an die Grenzen dessen, was er dem jungen Prinzen beizubringen vermochte. Als ihm bewusst wurde, dass er ihm nicht mehr vermitteln konnte, schickte er Raben zu einem Verwandten, der in seinem Leben viel gereist war und andere Kulturen kennengelernt hatte. Dies war die letzte Station von Raben. Innerhalb weniger Jahre hatte er genügend Wissen und Können angesammelt, um in seine väterliche Burg Ravanstreu zurückzukehren und seinen Vater in den Amtsgeschäften zu unterstützen. Er war inzwischen zu einem stattlichen, jungen Mann herangereift.
Damit der König Zeit genug hatte, sich auf die Rückkehr seines Sohnes vorzubereiten, sandte er einen Boten, der seinem Vater Kunde bringen sollte.
Während Raben in der Fremde wuchs und gedieh, erlebte sein Vater einen Verfall. Der Weggang seines Sohnes hatte ihn in eine tiefe innere Einsamkeit gestürzt und nicht die gewünschte Genesung beschert. Schmerzlich hatte er erkennen müssen, dass er nun seinen Sohn nach seiner Frau verloren hatte.
Ein Schatten bemächtigte sich seiner, packte ihn mit seinen unsichtbaren Händen, hielt ihn fest umklammert und sog seinen Lebenswillen. Die Belange seines Volkes fanden keinen Weg mehr zu seinen Ohren. Sie blieben unbeantwortet im leeren Thronsaal hängen.
Innerhalb weniger Jahre reagierte schließlich sein Körper auf das seelische Leid und führte ihn dem Siechtum zu. Bald war er nicht mehr in der Lage, sein Bett zu verlassen, und kurz bevor ihn die frohe Kunde ereilen sollte, dass sich sein Sohn auf dem Rückweg befand, verstarb er.
Rabens Pferd wuchsen sinnbildlich Flügel, je näher sie der väterlichen Burg kamen, so sehr trieb er es. Der Wunsch, seinen Vater in die Arme zu schließen, ihm alles zu erzählen und an seiner Seite zu sitzen, ließ ihn jegliche Vernunft vergessen. In seinen Gedanken malte er sich aus, wie sein Vater ein Bankett zu seiner Heimkehr ausgerichtet hatte. Den Geruch von Gebratenem konnte er förmlich in der Luft riechen.
Nachdem er den Burghof erreicht hatte, staunte er nicht schlecht darüber, dass niemand gekommen war, ihn zu begrüßen oder sein Pferd in den Stall zu führen. Keine Menschenseele war weit und breit zu sehen. Stattdessen wehten schwarze Fahnen von den Zinnen.
Sich an seine Lehrjahre erinnernd, brachte er sein Pferd eigenhändig in den Stall und rieb es eilig trocken, bevor er in Richtung Thronsaal stürmte.
Die Schwärze des Saales verschluckte ihn mit einem Happs. Das wenige Licht, das durch die verschlossenen Vorhänge in seine Augen drang, reichte kaum.
Schwerlich gewöhnten sich seine Augen an die Dunkelheit. Aus Schemen bildeten sich Umrisse und daraus Mobiliar. Wo waren die Geräusche und die Menschen, wo das Leben?
Raben rief, einem Crescendo gleich, den Namen seines Vaters und lauschte anschließend, ob er eine Antwort vernehmen konnte. Er hörte jedoch nur sein Echo, das von den Mauern widerhallte.
Getrieben von innerer Unruhe kehrte er dem Saal den Rücken. Eilends schritt er zurück in die Helligkeit des Hofes. Dabei erblickte er Rauch aus der Kapelle aufsteigen. Dort mussten sie sein! Vermutlich fand ihm und seiner gesunden Rückkehr zu Ehren eine Zeremonie statt, beruhigte er seine Gedanken.
Katzengleich änderte er im Lauf seine Richtung, die rechte Hand zur Tür gestreckt. Das Gemurmel aus dem Inneren der Kapelle drang stetig wachsend an seine Ohren, so dass er schon Worte dahinter erkennen konnte. Nur wenige Meter trennten ihn bis zum Erreichen der Tür. Sie kam ihm zuvor. Unter quietschendem Protest der Scharniere öffneten sich die Flügel und gaben den Blick auf eine große Schar frei, die sich langsam ins Freie bewegte. Allen voran der Pfarrer, gefolgt von seinen Ministranten. Dahinter quälten sich Wachleute mit einer Kiste, die sie gemeinsam auf ihren Schultern trugen. Wer ihnen folgte ,spielte für den Prinzen keine Rolle mehr.
Er hatte das Bild verstanden. Er wollte es trotzdem nicht wahrhaben. In der Kiste befand sich niemand anderes als sein Vater. Er war zu spät gekommen, hatte ihn zu lange alleine gelassen. Nicht einmal mehr verabschieden konnte er sich, ihn nie mehr an sein Herz drücken.
Ein Klopfen in seiner Brust behinderte seinen Verstand, Nebel seine Sicht. Schließlich riss ihm jemand die Füße weg und er fiel ungebremst auf seine Knie.
Einem Alptraum gleich, verfolgte er, wie der Sarg seines Vaters, neben dem Grab seiner Mutter, in die Erde herabgesenkt wurde. Ein tiefer Seufzer und ein kräftiger Schluck aus der Wodkaflasche, dann fuhr meine Großmutter fort.
Hoch standen die Ähren und in goldenem Glanz lächelten sie der Sonne entgegen.
Der See lag friedlich und die kleine Gemeinde, die sich im Schutze der Burg angesiedelt hatte, begann mit den Erntevorbereitungen.
Eine Woche war vergangen, seit der alte König begraben worden war, und alles lief seinen gewohnten Gang.
An diesem herrlichen Spätsommertag wurden die Krönungszeremonien für Raben von Ravanstreu abgehalten.
So verlangte es das Protokoll. So verlangten es die Ratsherren und so verlangte es das Volk. Von Trauer war nichts zu lesen. Ein Thronanwärter trauert nicht, sondern zeigt Erhabenheit.
Die kleine Kapelle, die kurz zuvor in Schwermut getaucht, kaum die Tore offenhalten konnte, leuchtete an diesem Tag in hoher Würde. Kein Platz blieb leer. Alle, die Rang und Namen hatten, waren gekommen, ihren neuen Herrscher zu bejubeln. Den Herrscher, der, einer Raupe gleich, in einen Kokon der Leere gehüllt, die Zeremonie über sich ergehen ließ.
Er hatte in den vergangenen Jahren viel gelernt, war auf Krieg, auf Diplomatie und Sitte vorbereitet worden, aber niemand hatte ihm gesagt, wie er einen Verlust stemmen konnte.
Seine Gedanken kreisten um seinen Vater, seine neue Rolle und das Volk. Sie sprangen hin und her. Beschimpften ihn, dass er nicht bei seinem Vater geblieben war, drohten ihm, sich auf seine zukünftigen Aufgaben zu konzentrieren, und bemitleideten ihn für seinen schweren Regierungsantritt. Die Worte des Priesters »Erhebe dich!« stoppten das Karussell und er entschied, es gänzlich stillzulegen.
Er war König, und einerlei, wie es ihm ging und was die Zukunft bringen sollte, setzte er sich in diesem Moment zum Ziel, ein menschlicher Regent zu werden und all seine Kraft zum Wohle seiner Untergebenen einzusetzen.
In den kommenden Jahren arbeitete er daran, sein Ziel in die Tat umzusetzen. Er führte Ratsversammlungen, mischte sich unter das Volk und gewährte allen, die sich mit einer Bitte an ihn wandten, Gehör, sowie Hilfe.
Einem Lauffeuer gleich, verbreitete sich im ganzen Land die Kunde von dem gerechten König. Mär und Wahrheit vermengten sich. Es wurde erzählt, dass in seinem Reich die Ernten üppig ausfielen und die Sonne immer schien.
Es rankten sogar Legenden um ihn, die verkündeten, dass er dem besonderen Schutz der Götter unterliegen würde. Den Legenden Glauben schenkend, wuchs die Anzahl der Menschen, die sich im Schatten seiner Burg ansiedelten, stetig, und der Handel florierte.
Raben war zudem ein gern gesehener Gast an anderen Höfen. Man huldigte ihm auf zahlreichen Festen und jeder wollte teilhaben an seinem Wohlstand.
Anfangs genoss er den Rummel um seine Person. Er zeigte sich gerne auf Feierlichkeiten und folgte stets den Einladungen anderer Herrscher. Es schmeichelte seinem Ego, so beliebt zu sein.
Im Laufe der Zeit wuchs in ihm die Erkenntnis, dass den Adligen wenig an einer persönlichen Beziehung zu ihm lag, sondern ihr Interesse exklusiv seinen Ländereien, seinen Armeen und seinem Reichtum galt. Sie buhlten ungeniert um seine Gunst und ein jeder eiferte danach, ihn als Unterstützer für seine Interessen zu gewinnen.
Als Dank für seinen Beistand im Kampf boten sie ihm ihre Töchter an.
Raben liebte das Leben, gleichzeitig fühlte er seinen eigenen Verlust auch nach Jahren tief in seiner Magengegend. Drum verweigerte er seine Unterstützung, unerheblich, wie sehr sein Gegenüber bat. Er begründete seine Entscheidung mit den Worten: Nur weil er wüsste, wie man eine Waffe führte, hieße das nicht, dass er dieses Wissen gebrauchen wolle. Er wäre aber gerne bereit, als Schlichter der Streitigkeiten zu einem friedvollen Miteinander beizutragen.
Das wiederum entsprach nicht dem Ansinnen der Fürsten und Ritter. Also versuchten sie über allerlei Bestechungen, ihn von seiner Meinung abzubringen und damit auf ihre Seite zu ziehen.
Raben war diesem Ränkespiel bald überdrüssig. Er entschied, den Einladungen nicht mehr Folge zu leisten.
Ein unüberlegter Schachzug!
Der Schnee lag hoch und die kalte Luft hatte den letzten Winkel der Burg erreicht. Eiskristalle in den unterschiedlichsten Formen saßen auf den Fensterscheiben. Jeder Atemzug hinterließ einen Rauchschwaden in den Räumen. Das Feuer im Thronsaal trotzte der Kälte und knisterte behaglich vor sich hin. Wenn ein neuer Scheit nachgelegt wurde, flammte es gierig auf, um sich kurz darauf in ein freudiges Zucken zu verwandeln.
Die letzte Ratsversammlung des Jahres war einberufen worden und man debattierte hitzig über das Erreichte und was es im kommenden Jahr anzugreifen galt.
Man hatte vor Tagesanbruch begonnen und es war schon wieder tiefe Nacht, als abschließend alle Punkte besprochen und verabschiedet worden waren. Alle, bis auf einen Punkt.
Der Hofmarschall ergriff das Wort, darum bittend, die Geduld der Herren für ein weiteres Thema aufzubringen. Im Anschluss blickte er Raben in die Augen, räusperte sich und begann.
Er erklärte, dass der König in dem Alter sei, da er sich eine Gemahlin suchen müsste, um den Fortbestand seines Geschlechts zu sichern. Es sei darum ratsam, die Brautsuche nicht länger aufzuschieben.
Um seinen Ausführungen Nachdruck zu verleihen, erwähnte er, dass es ebenso der Wille des Volkes wäre, wenn sich der König eine Regentin an die Seite setzen würde, und es andernfalls zu unerquicklichen Gerüchten kommen könnte.
Da war er, der Moment, vor dem sich der junge König gefürchtet hatte. Er dachte an das Schicksal seiner Mutter, die er nie hatte kennenlernen dürfen, da sie bei seiner Geburt verstorben war. Er erinnerte sich, dass sein Vater diesen Verlust nie verkraftet hatte. Er wollte das nicht zu seinem Schicksal machen, obgleich der Marschall recht hatte.
Um wenigstens ein bisschen Zeit zu gewinnen, willigte er unter der Voraussetzung ein, dass die Feierlichkeiten bis zum Sommer des kommenden Jahres warten sollten.
In dieser Zeit wollte er die Vorbereitungen treffen und ein dreitägiges Fest planen, bei dem er sich seine Zukünftige auswählen würde.
Die Anwesenden stimmten seinen Bedingungen zu und zum Jahreswechsel begannen die Vorbereitungen für das Fest.
Alle verfügbaren Boten wurden beauftragt, Einladungen an die nah und weit gelegenen Höfe auszusenden.
In ihrem Gepäck trugen sie ein Bild des jungen und apart aussehenden Herrschers sowie einen Beutel voller Geld, der die Adligen für die Unannehmlichkeiten der Reise zu seiner Burg entschädigen sollte.
Händler aus dem ganzen Umland wurden gerufen, benötigte Waren zu besorgen.
Schausteller und Gaukler wurden auf die Burg geladen.
Die Tage wurden länger, die Nächte kürzer und die Feier stand kurz bevor. Die gewachsene Gemeinde unterhalb der Burg und die Bauern aus der gesamten Region unterstützten voller Vorfreude die Vorbereitungen für das Fest des Jahres.
Sie strichen ihre Häuser und besserten die Dächer aus. Banner mit dem Wappen des Königreichs wurden gewoben und unter die Fenster gehängt, und die Straßen wurden von jeglichem Unrat und Fäkalien befreit.
Nächtelang nähten die Frauen an Gewändern, die sie speziell zu diesem Anlass tragen wollten, während die Männer ihre Werkstätten säuberten und das Werkzeug erneuerten.
Auf Ravanstreu herrschte ebenfalls ein reges Treiben. Die Stallungen wurden erweitert und die Burg erhielt einen Anbau, der die zahlreichen Gäste, entsprechend ihrer Stellung, angemessen beherbergen sollte.
Im Hof übten die angereisten Gaukler Kunststücke, während sich die Bediensteten heimlich von der Arbeit schlichen, um den Darbietungen beizuwohnen. Die Wodkaflasche war zur Hälfte geleert und die Wangen meiner Oma strahlten in einem sanften Rot, gleichwohl ihre Stimme klar und ihre Worte deutlich blieben.
Die Sonne brannte über dem Tal, der Himmel leuchtete in reinem Azur und die Wiesen dufteten nach reifem Obst und Sommerblumen.
Für die Tiere war es ein Tag des Müßiggangs: Kaninchen fläzten in ihrem Bau, Rehe ruhten im nahen Wald und die Kühe grasten friedlich auf der Weide.
Für die Menschen des Reiches war es der aufregendste Tag des Jahres.
Gedränge, Geschrei und Getöse herrschten an der Straße zur Burg. Kinder tanzten und lachten. Ihre Eltern standen wie Ölsardinen entlang des Weges. Alle, von nah und fern, deren Beine noch des Laufens mächtig waren, hatten sich eingefunden, um ein Teil dieses besonderen Festes sein zu können und mitzuerleben, wie die geladenen Gäste ehrenvoll der Burg zuritten.
Sie jubelten den Ankömmlingen huldvoll zu, riefen Segenswünsche und warfen Blüten vor ihnen auf den Weg.
Im Burghof salutierten die Wachen. Ihre Rüstungen glänzten wie ein Bergsee im Herbst kurz vor der Dämmerung.
Die Gäste wurden von einer Gruppe von Dienern und Stallburschen willkommen geheißen und in ihre Gemächer geleitet. Alle Aufmerksamkeit galt dem Wohle der Adligen und ihrem Gefolge.
Als die Sonne schon verschwunden war und der Uhu bereits seine Runden drehte, kehrte langsam Ruhe in das Treiben ein. Die letzten Gäste trafen kurz vor Mitternacht ein, müde von der Reise, aber in froher Erwartung auf die Tage, die vor ihnen lagen.
Raben selbst, verbrachte den Tag der Ankunft zurückgezogen in seinen Gemächern. Er hatte sich vorgenommen, seine Gäste erst zum Beginn der Feierlichkeiten am Folgetag zu begrüßen. Zu viel war ihm der Tumult und zu groß die Sorge über die kommenden drei Tage.
Hätte er die Wahl gehabt, hätte er alles rückgängig gemacht.
Viele der Anwesenden hatten ihm längst eine Vermählung mit ihren Töchtern angeboten. Früher hatte er die Anträge abweisen können, da er nicht in das Spiel aus Macht und Intrigen eingebunden werden wollte.
Wie schnell hatte sich die Situation gewandelt? Das, was nie sein Ansinnen gewesen war, wurde ihm nun aufgezwungen. Er musste eine der anwesenden Damen auswählen und damit einen Pakt mit einem der Adeligen besiegeln. Diese Bürde quälte ihn sehr.
Eine weiße Schafherde aus Wolken zog gemächlich über den blauen Himmel und eine sanfte Brise schenkte den Gästen Erfrischung, während die Sommersonne ihr gelborangenes Kleid präsentierte. Der Regent stand auf dem Balkon und begrüßte die im Hof versammelte Schar aufs Herzlichste.
Dankesworte über ihr zahlreiches Erscheinen strichen über seine Lippen und er wünschte ihnen allen ein paar erlebnisreiche und das Herz erfreuende Tage.
Dann hieß er das Fest für eröffnet.
Sofort begannen die Gaukler, die Gäste mit ihren Kunststücken zu erfreuen. Flammenkünstler spieen Feuerfontänen in die Luft, Messerschlucker brachten die Menge zum Staunen, indem sie ganze Schwerter in ihrem Rachen verschwinden ließen. Harlekine trieben allerlei Schabernack und sorgten für wunderbare Lacher, und eine Truppe aus Schaustellern hatte, dieses Fest zu Ehren, ein neues Theaterstück einstudiert, welches sie unter Jubeln vorführten.
Auf der Wiese bei der Burg, zeigten Ritter ihre Künste und trugen ein Turnier aus.
Überall war etwas für die Geladenen geboten, und wer Hunger oder Durst verspürte, konnte sich an langen Tafeln mit deftiger Kost und Wein den Gaumen verwöhnen.
Raben hatte sich unter die Menge gemischt und war bald umringt von all den Maiden, die darauf hofften, seine Gunst zu erobern.
Höflich und galant sprach er mal mit der einen, mal mit der anderen. An allen fand er einen Makel.
Die eine hatte einen zu großen Mund, die andere zu kleine Ohren. Bei der einen wackelte der Kopf, bei der anderen setzte die Fäulnis ein. Mal waren sie ihm zu groß oder zu klein, zu dick oder zu dünn.
Und wenn eine letztlich optisch seinen Vorstellungen entsprach, wünschte er sich spätestens beim ersten Gespräch, er wäre geflohen. Entweder lispelte sie ihm gar schrecklich entgegen oder sie stank gewaltig aus dem Mund.
Alles in allem war es ein frustrierendes Unterfangen, was er sich vorgenommen hatte. In seinem Kopf entstand das Bild, wie er an der Seite eines dieser Ungeheuer, unglücklich den Tod herbeiwünscht. Denn so sehr es ihn sträubte, entscheiden musste er sich spätestens in drei Tagen.
Es blieb für ihn herauszufinden, welche der Damen das kleinste Übel darstellte.
Er hatte das Gefühl, dass sein Hals sich zuschnürte. Panisch rang er um Luft, sein Kopf drehte sich.
Um diesem Gefühl zu entkommen, stahl er sich unter einem Vorwand in die Kapelle und blieb dort zeitweilig alleine und verborgen sitzen. Dort fand er für einen Moment den Frieden und die Ruhe, die er bitter benötigte, um seine Gedanken zu sortieren.
Beim Verlassen der Kapelle hatte er sich entschieden, seine Gespräche mit den Vätern der Jungfern fortzusetzen.
Die Töchter konnten bis zum Abend warten.
Ein Tag, der einer Wundertüte glich, ging vorüber und der Abend begann mit einem großen Bankett. Unmengen an Fleisch und Gemüse wurden verschlungen und mit viel Wein nachgespült. Es wurde gelacht und gegrölt, getanzt und der Heiterkeit gefrönt.
Raben saß stillschweigend am Kopfende. In seinen Gedanken versunken, betrachtete er die Gäste. Welche Tanzpartnerin sollte er zuerst wählen? Und mit wie vielen musste er das Tanzbein schwingen, bevor der Abend vorüber war?
Ein Diener riss ihn jäh aus seinen Grübeleien. Bevor er fähig war, den Grund seiner Störung zu nennen, blies er Raben seinen keuchenden Atem ins Gesicht, da er den Weg vom Tor zum Saal gerannt war. Es dauerte mehrere Sekunden, bis er wieder fähig war zu reden. Er übermittelte dem Herrscher die Kunde, dass ein weiterer Gast eingetroffen wäre, der darauf wartete, von ihm empfangen zu werden.
Wäre es nicht so laut gewesen, hätte man den Stein hören können, der Raben vom Herzen fiel. Wer auch immer das sein sollte, er würde ihn für einen kurzen Moment von seinen quälenden Gedanken befreien, und darum befahl er, den Gast unverzüglich hereinzubitten.
Die Türe zum Saal öffnete sich und mit der Anmut einer Katze trat ein Wesen herein, das augenblicklich die Blicke aller Anwesenden auf sich richten ließ.
Kupferfarbenes, gelocktes Haar bedeckte zierliche Schultern und leuchtete wie eine frisch gepellte Kastanie. Ein samtenes Kleid umschmeichelte einen grazilen Körper und ein scheues Lächeln über vollen Lippen legte eine besondere Ausstrahlung über ein blasses Gesicht.
Es war bedeutungslos für ihn, wer die Dame war, die verspätet eintrat, sie war ohne Zweifel die atemberaubendste Person, die Raben je gesehen hatte. Diese und keine andere sollte seine Königin sein, das wusste er in diesem Moment.
Die Worte der Entschuldigung für das späte Erscheinen klangen wie Musik in seinen Ohren und öffneten die Pforten zu seinem Herzen. Sofort erhob er sich und bot ihr einen Platz neben sich an. Erneut ertönte ihr melodiöser Singsang. Ein weiteres Mal vernahm er eine schüchterne Entschuldigung, gefolgt von der Bitte, sie in ihr Gemach bringen zu lassen, da die Anstrengungen der langen Anreise sie sehr erschöpft hätten. Die zarte Röte, die sich auf ihr Antlitz legte, bildete einen wunderbaren Kontrast zu ihrem hellen Teint.
Verzaubert von ihrem Anblick und ihrer Stimme, schickte er augenblicklich seinen Leibdiener an, sie auf ein Zimmer zu bringen und ihr jeden Wunsch zu erfüllen, den sie hatte.
Kaum, dass sie den Saal verlassen hatte, versank Raben in einem Strudel aus schwarzer Suppe. Alles verschwamm vor seinen Augen und sein Herz sehnte den kommenden Abend herbei.
Auf dem Gipfel der Feierlichkeit, verließ er, ungesehen von den anderen, den Raum, um alleine zu sein.
In dieser Nacht sollte er keinen Schlaf finden.
Schleppend und äußerst qualvoll für den armen König, rannen die Minuten des nächsten Tages.
Vergeblich hatte er versucht, seine Venus zu finden. Er konnte sie nicht in der Burg, im Garten oder im Hof entdecken. Sie war wie vom Erdboden verschluckt. Allein die Bestätigungen seines Hofstaats, dass sie am Morgen von Ihnen gesichtet worden war, brachten ihm eine kleine Erleichterung.
So verstrich ein wolkenverhangener Tag, und als der Abend nahte, schien es, als ob Raben um Jahre gealtert wäre.
Zur Belustigung der Gäste sollte der zweite Abend mit einem Maskenball beginnen.
Welch herrlicher Anblick muss es gewesen sein. Die Damen trugen prachtvoll verzierte Masken. Sie verdeckten lediglich die Augen, so dass ihnen reichlich Bewunderung für die bemalten Gesichter zuteil werden konnte. Dazu trugen sie Kleider aus Tüll, Samt, Seide und Satin. Abgerundet wurde ihre Erscheinung durch funkelnde Konvolute an Schmuck, um den Hals, an den Ohren und an den Händen.
Im Gegensatz dazu, zeigten sich die Männer mit fratzenhaften Masken, die an Löwen, Fuchs, Wolf und Bär erinnerten und dabei den kompletten Kopf bedeckten. Dazu trugen sie ein über die Schultern gelegtes echtes Fell oder ein mit Fasanenfedern geschmücktes Wams.
In bester Laune genossen sie das Ratespiel um ihre Person. Und ein jeder war bemüht, sein Gegenüber durch gezielte Fragen zu enttarnen.
Der liebeskranke König reihte sich in die Raterunde ein. Er hoffte, dadurch hinter einer der Masken seine Angebetete zu finden. Er hatte sich damit einer Herkulesaufgabe unterzogen. Denn jede der Frauen, die er zum Tanze aufforderte, wirkte anmutig in ihrer Maskerade. Und erst das Fragen, gepaart mit einer Unterhaltung, gab die wahre Identität der Tanzpartnerin preis. Nicht eine davon, war die Eine gewesen.
Mutlos, erschöpft von der Fragerei und enttäuscht über seinen Misserfolg, beschloss er, etwas frische Luft zu schnappen.
Der Wind hatte sich gedreht und blies kräftige Böen über das Land. Die wenigen Sterne am Firmament kündigten den herannahenden Regen an.
Still und verlassen lag der Hof. Fast schien es, als ob der Wind den Lärm ins Innere der Burg presste, um sich nicht in seiner monotonen Melodie gestört zu fühlen.
Der mit schwarzen Federn gewandete Raben schlenderte, alles andere als ein edler Rabe, in Richtung des elterlichen Grabsteins. Den Kopf gesenkt, bemerkte er aus dem Augenwinkel heraus einen Schatten hinter dem Apfelbaum verschwinden. Dies ließ ihn abrupt aus seinen Gedanken aufschrecken. Wer oder was war das? Beinahe schien es, als ob sich jemand verbergen wollte. Die Schultern aufrichtend und seine Flügel zur Seite erhebend, rief er die Gestalt an, sich zu zeigen.
Zögerlich trat eine Frau hinter dem Stamm des Baumes hervor. Ihr Gewand funkelte selbst in der nahenden Dunkelheit, wie die Sterne am Himmel
Höflich, aber scheu, grüßte sie den Raben.
Von ihrem Anblick geblendet, keimte in dem jungen Mann die Hoffnung auf, am Ende die Gesuchte gefunden zu haben. Er grüßte höflich zurück und trat näher an sie heran, um eine Unterhaltung zu beginnen.
Je länger sie sich unterhielten, desto vertrauter wurden sie sich. Je vertrauter sie sich wurden, desto fröhlicher wurden ihre Gespräche. Bald schallte ihr Lachen über den Hof und durchbrach die Melodie des Windes.
Stunde um Stunde verging. Sie aber vergaßen die Zeit, den Wind, die Burg und das Fest. Es gab nur den Moment und nur sie beide unter einem Apfelbaum am Grab von Rabens Eltern. Beinahe hätten sie sogar die Enthüllung der Masken um Mitternacht verpasst. Allein der Schlag der Glocken, riss sie aus ihrer Zweisamkeit.
Hand in Hand eilten sie zurück in den Saal, in dem die anderen bereits einen großen Kreis gebildet hatten.
Der Reihe nach nahm jeder seine Maske ab. Gelächter und Ausrufe des Erstaunens wechselten sich ab oder überschnitten sich, wenn man erfasste, wer sich unter der einzelnen Maske verborgen und mit wem man den Abend verbracht hatte.
Schließlich waren der König und seine Begleiterin an der Reihe. Wie glücklich waren beide, als sie sich gegenseitig erkannten. Sofort umarmten sie sich und genossen die Nähe des anderen.
Als die Melodie zum nächsten Tanz einsetzte, schien sie nur für sie zu spielen. Eng umschlungen bewegten sie sich rhythmisch zu dem Klang. Die Menschen verschwanden und der Raum löste sich auf. Zurück blieben sie beide, während sie in den Nachthimmel tanzten.
Nichts nahmen sie mehr um sich herum wahr.
Die letzte Melodie verstummte, als das goldene Licht der Morgensonne zu den Fenstern hereinströmte. Nach und nach waren alle zu Bett gegangen. Zurück blieben die beiden Liebenden in inniger Umarmung.
Der dritte Tag begann, und wo immer man Raben sah, seine Prinzessin war stets bei ihm. Eine Träne im Auge und den letzten Schluck Wodka auf der Zunge, so leitete meine Großmutter den dritten Abend ein.
Ein Trommelwirbel aus Regen prasselte unaufhörlich gegen die Mauern. Gelegentlich zuckte ein Blitz über den Himmel und setzte die Burg in fratzenhaftes Licht.
Raben eröffnete den Abend mit einem Segensspruch. In der rechten Hand hielt er seinen Krug und in der linken die Hand seiner Liebsten.
Mit froher Stimme sprach er zu der Menge und konnte dabei mit viel Mühe den grollenden Donner übertönen:
‚Seine Suche sei vorbei, seine Erwählte hätte ihr Einverständnis zur Hochzeit gegeben.‘
Es folgten Jubel und die besten Glückwünsche für das junge Paar. So glaubten die beiden zumindest.
Der Tanz setzte ein, Raben und die Prinzessin bewegten sich in der Mitte des Saales, während die anderen Adeligen einen Kreis um sie herum bildeten.
Der Kreis zog mit jedem Schritt zu, bis sich die Gäste und das Paar schlussendlich berührten. Leise raschelten die Kleider aneinander, sanft fühlten sich die Berührungen auf der Haut an, warm strömte er Atem in ihr Gesicht. Heiß brannte der Schmerz, den Raben zuerst verspürte.
Entsetzt und angstvoll blickte er in die Augen seiner Liebsten. Auch sie suchte seinen Blick, doch nur für einen kurzen Moment. Dann sackte sie in seine Arme und beide stürzten zu Boden.
Das schallende Gelächter dröhnte wie die tosende See in den Ohren der beiden Verletzten, bevor sie das Bewusstsein verloren.
Just in diesem Moment, riss der Sturm alle Früchte und Blätter vom Apfelbaum und ließ ihn nackt zurück. Von heftigen Weinkrämpfen begleitet, denen ich mich jedes Mal aufs Neue anschloss, beendete meine Oma das Märchen mit den Worten: »Oh hätten sie ihr Unglück nur kommen sehen, sie hätten uns so viel Leid erspart. Es bleibt uns lediglich die Hoffnung, dass irgendwann ein Paar, mit ihrer Liebe beseelt, die Welt errettet.«
Die Realität?
II
Nach dem Tod meiner Großmutter hatte ich mir fest vorgenommen, das Märchen von Raben Ravanstreu zu Papier zu bringen, damit es für alle Zeiten ein fester Bestandteil in unserer Familie sein würde. Ich verschob es stets auf einen anderen Zeitpunkt.
Viele Jahre sind vergangen, seit ich es zum letzten Mal aus dem Mund meiner Oma vernommen habe. Eine lange Spanne voller Einsamkeit, Desillusion und dem täglichen Kampf ums Überleben.
Viele Narben am Körper und vor allem am Herzen habe ich davongetragen, und allein die Erinnerung an die Güte meiner über alles geliebten Großmutter hält mich am Leben. Sie ist es, die mir bis heute Kraft schenkt, wenn die Grausamkeit der Welt über mich hereinbricht und mich in die Knie zwingt.
Aber selbst die hellste Erinnerung verblasst einmal, unerheblich, wie sehr man versucht ist, sie festzuhalten.
Vor über zwei Monaten verlor ich meinen Job. Die erfolglose Suche nach einer neuen Arbeitsstelle stürzte mich in tiefe Depressionen. Ich verkroch mich in meiner Wohnung, hielt die Läden geschlossen und ging so wenig wie möglich vor die Tür. Lediglich, wenn meine Schränke leer waren, wagte ich mich auf die Straße.
In meinem Bett fand ich Ruhe. Ich konnte die Augen schließen, wenn das Licht zu grell war; ich konnte weinen, wenn mich die Trauer überkam; aber vor allem konnte ich mich in eine Traumwelt zurückziehen, und diese Welt konnte mir niemand nehmen. Tiefer und tiefer sank ich in meine Tagträume hinein, fern und ferner wurde die Realität. War die Realität womöglich ebenso ein Traum? Einer, der nur dann auftrat, wenn die Blase drückte oder der Durst brannte?! Was war wahr?
In meiner Fantasiewelt war ich die Heldin. Ich hatte viele Abenteuer zu bestehen und war darin unschlagbar. Niemand konnte mir in dieser Welt das Wasser reichen. In meiner Vorstellung war die Erde grün und blau und die Sonne lachte immer. In meiner Einbildung gab es so etwas wie Liebe unter den Menschen. – Ja, in meinen Träumen war es so wie in dem Märchen von Raben Ravanstreu.
In diesem Moment der Erinnerung an die Geschichte und meine Oma packte mich ein unvorhergesehener Tatendrang und ich sah mich unvermittelt an meinem Computer sitzen und wie eine Getriebene, das Märchen eintippen.
Ich habe der verblassenden Erinnerung einen Strich durch die Rechnung gemacht.
Zugegebenermaßen macht es mich nicht glücklicher, die Geschichte schwarz auf weiß vor mir zu haben. Ganz im Gegenteil, ich fühle mich niedergeschlagener in Anbetracht der trostlosen Realität. Ich werde mich zurück unter mein Laken verkriechen, dort bekomme ich nicht mit, wie es unaufhörlich weiterregnet, und das Geschrei meiner Nachbarn ist gedämpft ...
Nachtrag:
Heute Nacht plagte mich ein Alptraum der besonderen Art. Ich befand mich in einem Raum aus Glas. Mir gegenüber stand ein fremdartig gekleideter Mann. Er starrte mich unentwegt an. Ich trat auf ihn zu, mit dem Drang, ihn zu umarmen, er seinerseits wehrte mich ab, und sogleich schob sich eine Glaswand zwischen uns. Ich schrie und flehte ihn an, die Wand zu zerschlagen. Er rührte sich nicht. Enttäuscht und wütend wendete ich mich ab. Ich konnte seine Abwehr nicht begreifen, da ich mich ihm sehr verbunden fühlte. Drum drehte ich mich ihm im Gehen erneut zu: Unscharf waren die Umrisse seiner Gestalt hinter der Glaswand, er war schwerlich zu erkennen, bis auf eine einzelne Träne, die deutlich sichtbar, seine Wange herunterlief. An meinen eigenen Tränen erwachte ich.
Selbst meine Träume schenken mir keinen Frieden und keine Freude mehr. Ich merke, wie ich kurz davor bin, durchzudrehen. Soll es in einem fort so weitergehen? Besteht denn keine Chance, dem ganzen Übel zu entkommen? Mein Körper ist angespannt und meine Nerven liegen blank. Ich tappe im Dunkeln, gleichgültig, wie sehr ich versuche, meine Gedanken zu ordnen, um einen Ausweg zu finden. Hilflosigkeit und Untätigkeit machen mich aggressiv. Ich könnte schreien, mein Inventar zertrümmern oder schlicht und ergreifend weglaufen. Doch wohin? Es gibt kein verheißenes Land. Kann dieser blöde Regen nicht endlich aufhören und die Sonne sich zeigen? Und wenn meine Nachbarn ein paar Minuten länger schreien, zeige ich sie an, oder besser, ich erschieße sie. – RUHE!
Ich muss hier raus, und zwar auf der Stelle ...
Was für ein Gefühl. Ich bin hinausgegangen, um der Leere, der Kälte und der Einsamkeit zu entfliehen. Ruhelos, wie ein hungriges Tier auf der Jagd, bin ich durch die Straßen der Stadt geschlichen. Ich fand graue Baugiganten und Straßen so breit wie Flüsse. Mir kamen Menschen mit einem leeren oder grimmigen Ausdruck entgegen. Ich sah Jugendliche, die Autos aufbrachen, und eine Polizei, die dafür bezahlt wurde, wegzusehen. Unfälle, Überfälle, Mord – alles war dabei. Wirklich nichts hatte meinen Hunger stillen können oder dieses flaue Gefühl nehmen, welches mich fast dazu zwang, mich aus meinem Körper zu lösen, um die Ruhe zu finden, nach der ich mich sehnte.
Während ich lief, verkrampften meine Glieder zunehmend. Unkontrollierte Zuckungen durchfuhren mich schauerartig und hielten mich in der Realität, dieser verdammten Realität, die ich so hasste. Ich musste vorwärts, immer vorwärts.
Je länger ich mich bewegte, desto mehr verschwand mein Bewusstsein. Zurück blieb ein Körper, der sich von seinen Instinkten leiten ließ.
Die Trance löste sich nach einer Zeit, weil mir die Füße schmerzten und sich meine Blase meldete. Als ich mich umsah, um mich zu orientieren, erschrak ich förmlich. Das, was ich um mich herum erblickte, war nicht mehr die Stadt meiner Albträume, nein, es war der Außenbezirk.
Wie um alles in der Welt war ich dorthin gekommen? Die Strecke zu Fuß zurückzulegen, hieße, über mehrere Stunden gelaufen zu sein.
Die Sehnsucht lässt dich Löcher in die Decke starren, weil du hoffst, dadurch zu finden, was du suchst. Du wirst es aber so nie finden, denn du weißt ja nicht einmal, was du suchst. Die Einsamkeit packt dich mit Kälte an den Gliedern und lässt dich in den wärmsten Räumen zittern. Beides sind zwei starke Weggefährten. Mit ihnen im Gepäck ist es durchaus möglich, eine solche Strecke ohne Verlangen nach Umkehr zu bewältigen.
Die Gegend unterschied sich optisch kaum von meiner Wohngegend. Auch sie bestach durch graue Wohnblöcke.
In einem Detail aber unterschied sie sich sehr eindrucksvoll vom Stadtzentrum. Sie bestach durch Grünflächen, Bäume und Blumen an jeder Ecke. Meine Augen versanken in den verschiedensten Grüntönen, die einen scharfen Kontrast zu den grauen Giganten bildeten.
Hier zahlten die Mieter mehr als das Dreifache an Miete für ein wenig mehr Farbe. Verrückte Welt. Für etwas, das in weiter Vorzeit als selbstverständlich und lebensnotwendig erachtet wurde, musste man heute zahlen, damit man wenigstens 10 m2als sein Eigen betrachten konnte. Die Natur hatte es uns zum Geschenk gemacht und wir verkauften es. Niemand hat das Recht, das Land, das er bewirtschaftet, sein Eigen zu nennen, denn er hat lediglich Nutzungsrecht auf Lebenszeit. Ich glaube, hätte die Natur den Charakter des Menschen zu Anbeginn erkannt, hätte sie ihm nie die Chance gegeben, so weit zu gehen. Der Mensch ist kein Wirtschaftler, er ist ein Zerstörer!
Mein Drang nach einer Toilette verstärkte sich zunehmend. Verzweifelt schaute ich mich nach einer Möglichkeit um, diesen Zustand zu ändern.
Einem glücklichen Zufall hatte ich es zu verdanken, dass direkt vor mir ein besonders hässliches Exemplar dieser Baugiganten stand, welches sich Gasthof schimpfte. Als ich meinen Weg zur Eingangstür aufnahm, spannte ich mich unbewusst an, denn ich wusste, dass Städter in den Vororten nicht sehr gerne gesehen waren. Ich bemerkte die Blicke der Anwohnerschaft, wie sie mich vor dem Durchqueren der Pforte, abschätzig anstarrten.
Eine Tür, eine zweite Tür, eine Treppe! Dahinter Gelächter und Musik. Zögerlich stieg ich die Stufen hinab. Was sollte mich am unteren Ende erwarten?
Ein Mann stand vor einem Vorhang, hinter dem die Geräusche erklangen, und betrachtete mich eindringlich. Ich befürchtete, er würde mir den Einlass verweigern. Nach kurzem Zögern zog er den Vorhang zur Seite und forderte mich mit einer einladenden Geste auf, einzutreten.
Ich schritt in eine andere Welt, so glaubte ich zumindest. Fast schon hysterisch suchte ich den Weg zu den WCs, nicht wirklich auf die Menge achtend.
Erleichtert und schüchtern betrat ich bald darauf den Saal.
Zweidutzend Augen sahen mich freundlich an und helle Stimmen riefen mich näher heran. Sofort wurde mir ein Stuhl gereicht, man sah, ich war vom Regen ganz durchweicht.
»Ein Grog von innen, das Handtuch von außen, schützen vor Kälte und Regen dort draußen«, sprach der Kellner und reichte mir beides.
»Wenn euch der Hunger quält, so seid nicht schüchtern, sondern sagt mir euer Begehr. Wir kochen es für euch ganz frei, allein zu eurem Verzehr.«
Wo war ich hier, wie klang sein Reden? War das die Traufe nach dem Regen? War ich in einem Irrenhaus zugegen? »Ihr seid bislang unschlüssig?« »Keine Sorge, wenn ihr euch entschieden habt, hebt einfach eure Hand und ich eile zu euch, ganz gewandt.«
Kaum war der Kellner weggetreten, konnte ich den ganzen Raum ersehen. An der Decke strahlten Leuchter von uralter Pracht, in ihrer Gesamtzahl waren es acht. Doch war es trotz alledem nicht grell, maximal hell und warm. Mit purpurfarbenem Samt überzogen, standen an jedem Tisch Sessel oder Bänke, nein, dies war keine normale Schenke.
