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Versteckt sich da etwa jemand hinter dem Baum? Werde ich verfolgt? Was verrät der Handabdruck eines Fremden auf der Haustür? Warum hört mich niemand, obwohl ich rufe? Schlägt die wütende Frau gleich zu? Wer schreit da so unsagbar laut? Reißen mich die Fluten mit sich? Ob wir in den hohen Wellen versinken? Was will der Mann mit der Machete mitten im Urwald? Es sind nicht ganz alltägliche Ereignisse, die so oder ähnlich jedem von uns passieren könnten. Die UNschönen Geschichten zum Fürchten und Nachdenken erzählen von dubiosen Gestalten und erregten Menschen, von starren Augen und Schreckmomenten, vom Leid der Schwächeren und depressiven Gedanken, von Panik in allen Gliedern und dunklen Nächten, von Attentaten, Tyrannei und Schwermut...
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Seitenzahl: 64
Veröffentlichungsjahr: 2022
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ALLES ist miteinander
verbunden und hat einen Sinn.
Obwohl dieser SINN meist VERBORGEN bleibt...
Paulo Coelho
Panzerknacker in Berlin
Grenzgänger
Zwischen zwei Ufern
Superzellen-Safari
Die Nacht
Tyrannen
Im Morgengrauen
Drei Tage
Da war doch was?
Der Psychopath
Die Spitze des Eisbergs…
Wie David gegen Goliath…
Der Seelen-Schreck
Die Panik-Diagnose
Grenzen des Lebendigen
Ein Sommernachts-Spuk
Spooky!
Der Macheten-Mann
Hetzjagd im Paradies
Im Sog
Für Wien und die Welt
A little bit dangerous…
Eine ungemütliche Nacht
Was kümmert´s mich?
Und Mutter Erde ächzt…
Leere
Ein Name, ein Gesicht…
Das Kreischen der Flex zerschneidet die angespannte Stille in den halb leer geräumten Zimmern. Eine Staubwolke wirbelt durch die Sonnenstrahlen, die von draußen durch das kleine Fenster im Souterrain dringen. Sie legt sich auf das Gewehr auf dem Schreibtisch, dessen Herkunft in all dem Wirrwarr ungeklärt bleibt.
„Verschwinden Sie!" Barsch schickt uns einer der herben Männer in die entfernt gelegenen Räume. Was werden sie finden? Ob der Alte sein Schießpulver hier gelagert hat? Fliegt uns gleich alles um die Ohren? Das Gewehr liegt immer noch am Platz, der glatzköpfige Waffenhändler begutachtet es ehrfürchtig. Was der Alte damit wohl vor hatte?
Vorsichtig und zugleich neugierig ziehen Menschen an den weit geöffneten Scheiben vorbei und spähen aus, was in diesem Hohenschönhausener Wohnblock, in dem der Alte seine letzten Jahre inmitten seiner Egozentrik verbracht hat, vor sich geht.
Mühsam humpele ich, mit schweißnassen Händen an meine postoperativen Stützen geklammert, zurück zu den anderen ins Wohnzimmer. Gebannt sitzen wir in den abgewetzten grauen Samtsesseln.
Vor uns auf dem massiven, herunter gekurbelten, Eichentisch liegen weitere Waffen. Mein Sohn hält fasziniert und verunsichert kichernd eine Schreckschusspistole in der Hand. Das Hobby des Alten wird den Jungen doch hoffentlich nicht anstecken? Seine Drohung vor über 40 Jahren, die gesamte Familie auszulöschen, wiegt in diesem Augenblick wieder schwer.
Der Richter lächelt mich milde an und sein Verständnis wirkt wie eine warme Dusche in der kalten Zugluft. Immer noch keine Explosion, nur die Flex ist zu hören, deren Funken kleine Rußflecken an der weißen Wand hinterlassen.
Ein Hoffnungsschimmer? Eine tiefe Stimme ertönt: „Kommen Sie!" Der Waffenhändler reicht mir die Stützen und wir nähern uns dem mannshohen Tresor, dessen Türe verbogen und verbrannt offen steht. Erleichtert schauen wir uns an, kein Schießpulver. Ich greife hinein und hole bedächtig ein Teil nach dem anderen heraus. Weitere Waffen, Schmuck und - was ist denn das?
Während der Richter alles protokolliert, damit die Erben nichts beanstanden können, hebe ich zögernd eine verrostete historische Waschmitteldose mit dem Emblem eines pausbäckigen Mädels heraus.
Alle Blicke richten sich auf mich. „Wir hauen dann ab!" Die Panzerknacker ziehen sich zurück und ich öffne vorsichtig den Deckel, der ein wenig klemmt.
Als die Sonne den Inhalt freudig beleuchtet, funkelt es golden ins staubige Zimmer. Alle Augen weiten sich. Das hat uns der Alte also hinterlassen, wir können es kaum fassen. Mit verwirrten Gefühlen verlassen wir die Wohnung des Tyrannen, verabschieden uns vom ungläubigen Richter, dem um einige Kilo schwereren Waffenhändler und den Panzerknackern, die uns bewiesen haben, dass sie Tresore auch ohne Code besiegen.
So, wie jeder Tyrann eines Tages besiegt sein wird…
Ob sie uns diesmal in Ruhe lassen? Mich schaudert der Gedanke an die Kontrolle. Langsam nähern wir uns den bombastischen Grenzanlagen, gesäumt von grauen, trapezförmigen Betontürmen mit verspiegelten Glasscheiben. Dahinter verbergen sich die Bewaffneten und tüfteln hämisch grinsend an den Schikanen, die sie einsetzen werden.
Im Auto wird es still. Meine Mutter lenkt den alten hellblauen Käfer angespannt und konzentriert im Schritttempo in die kurvige Spur. Hier verändert sich unsere Stimmung in eine Art gedämpften Tiefgang, wie ich mir das beim Abtauchen eines U-Boots mit geheimer Mission vorstelle. Kein falsches Wort bitte oder, besser noch, einfach gar nichts sagen. Außer kurze Antworten auf Fragen, falls sie welche stellen. So werden wir jedes Mal eindringlich instruiert, bevor wir „nüber" fahren. Und das aus gutem Grund.
Die Soldaten stehen wie aufgereiht an den schmalen Spuren. Ihren eiskalten checkenden Blicken entgeht nichts. Schon allein deshalb, weil sie in der Überzahl sind und jeder seinem Auftrag folgt, die Kapitalisten aus dem Westen einer gründlichen Einlass-Untersuchung zu unterziehen.
Die Gewehre stets im Anschlag weisen sie uns mit zackigen Bewegungen den Weg durch das Spuren-Wirrwarr, welches stündlich verändert wird und eine undurchsichtige Logik verbirgt. Jederzeit bereit ans Äußerste zu gehen flößen sie in genau diesem Bewusstsein jedem Grenzgänger jene Angst ein, die sich tief in die Seele brennt und niemals mehr vergessen wird.
„Tür öffnen!" Die Kommandos erfolgen kurz und bissig, vorsichtshalber kurbelt meine Mutter vorher das Fenster herunter, um auf keinen Fall eines zu überhören. „Papiere!" Sie wischt sich nervös eine Haarsträhne von der Stirn und reicht dem Beamten einen sorgfältig ausgefüllten Blätterstapel. Die Formulare werden in Zeitlupentempo gelesen, auf der Suche nach Fehlern und Lücken presst er die Lippen zusammen. Es können keine gefunden werden, so oft wie Nachbarn und Verwandte sie vorher korrigiert haben.
Trotzdem müssen wir aussteigen. Die Dämmerung bricht herein und die gelben Flutlichter offenbaren jede grimmige Stirnfalte. Jacken müssen im Auto bleiben, bibbernd stehen wir drei Mädels in dünnen Kleidchen auf dem Bürgersteig und warten. Wir halten uns an den Händen, während meine Mutter in einen der Pavillons befohlen wird.
Dort werden die Papierstapel von rechts auf links gedreht, ein Fehler findet sich immer. Die Zeit wiegt schwer, bis sich endlich die Stempel in den Pässen befinden und wir ins Auto steigen dürfen. Diesmal haben sie uns nicht die Zahnpasta-Tuben ausgedrückt, die Dachbox ausgeräumt oder die Innenverkleidung abgeschraubt.
Wir sind glücklich und bereits im Niemandsland erschallt unser Kanon: „Froh zu sein bedarf es wenig und wer froh ist, ist ein König …" Ein PS-starkes Westauto überholt uns hupend -50, 30, 20-alle 2 km warten die Vopos. Rote Kelle- lachend fahren wir vorbei und freuen uns auf die Ferien bei der Uroma in Gotha.
Um 5 Uhr in der Frühe ist es noch dunkel. Schnell packe ich den Rucksack und breche auf. Im kleinen Fischereihafen von Sainte Anne herrscht reges Treiben in der Morgendämmerung. Ein Fischer strahlt mich an und hält stolz eine riesige Languste hoch. Ich frage, ob ich ihn bei der Arbeit fotografieren darf. Freudig hält er den Arm noch etwas höher- ein tolles Motiv.
Eine kleine Gruppe wartet schon am Boot. Für 12 Passagiere ist es definitiv nicht ausgelegt. Der Kapitän winkt uns und verteilt die Plätze. Dicht aneinander gedrängt legen wir ab. Schnell wird mir klar, worum es hier geht: Rum! Auf Marie-Galante soll es eine der besten Destillerien geben. Große Plastiktaschen werden verstaut, nichtwissend, dass sie später zu unserer Rettung beitragen werden.
Nach fast 2 Stunden ankern wir und verlassen das Boot. Mit dem Rucksack über dem Kopf wate ich durch das kristallklare Wasser, herrlich! Da fasse ich einen Entschluss: Ich werde meine eigenen Wege gehen. Mir gelüstet es nach Schwimmen und Spazieren- nicht nach Busfahren und Alkoholfahnen. Mit Genuss verfolge ich meinen Plan, gehe baden und spaziere ins Dorf.
Unter einem alten Boot schlafen zwei träge Hunde. Sie gehen noch ein Stück mit.
Bei Abfahrt treffe ich die Gruppe in bester Laune vor. Der Kapitän verstaut die prallen Taschen in einer Luke. Das Meer ist aufgewühlt und das Boot schaukelt. Plötzlich wird es still. Mitten auf dem Meer hat der Motor den Betrieb eingestellt. Es dauert einen Moment, bis ich verstehe: Das ist kein Scherz- der Tank ist leer.
