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Nach einem Abend mit ihren neuen Kollegen aus dem Gaming Studio, will Valerie nur noch nach Hause. Allerdings hat ihre Bremsleitung andere Pläne. Sie bleibt an einer Bushaltestelle liegen – in einer fremden Stadt, in die sie erst kürzlich für ihren Job gezogen ist. Als ein gutaussehender Fremder neben ihr hält und seine Hilfe anbietet, weiß sie nicht, wie ihr geschieht. Zur anfänglichen Erleichterung mischt sich schnell Skepsis über den ungewohnten Retter. Mitten im Industriegebiet auf dem Hof einer verschlossenen Werkstatthalle rechnet sie bereits mit ihrem Ende – doch der Schein soll trügen. Für Valerie beginnt mit ihrer Autopanne ein Rennen um ihr Herz, ihren Verstand und auch um ihre Sicherheit. Kann sie Jackson wirklich vertrauen?
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Seitenzahl: 519
Veröffentlichungsjahr: 2025
1.Auflage,2025
© Alea Libris Verlag, Wengenäckerstr. 11,
72827 Wannweil
Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Michaela Harich
Korrektorat: Lisa Heinrich
© Cover- und Umschlaggestaltung: Juliana Fabula | Grafikdesign – www.julianafabula.de/grafikdesign
Unter Verwendung folgender Stockdaten: shutterstock.com: Lukas Gojda | freepik.com
Schriftarten: Racerworld, Garamond, Cageworld
ISBN: 9783988270573
Druck: Bookpress.eu Roman Kowalski, Lubelska, 37c, 10-408 Olsztyn, Polen
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Alle Figuren dieses Romans sind von der Autorin frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeiten mit realen Personen wären reiner Zufall. Auch alle beschriebenen Ereignisse entspringen gänzlich dem Reich ihrer Fantasie.
Neben schnellen Autos und einigen Gaming-Anspielungen, enthält Need for her Heart auch Themen, die für Lesende potentiell unangenehm oder sogar triggernd sein können. Zur besseren Einschätzung sind die Informationen aufgeteilt in explizit dargestellte Themen und jene, die nur am Rande erwähnt werden. Wir wünschen allen Lesenden ein angenehmes Leseerlebnis.
Darstellung
Sexuelle Belästigung (explizit Kapitel 25), organisiertes Verbrechen, illegale Kämpfe, Verlust von Angehörigen, Körperbildstörungen, Aggressionen, Körperverletzung
Erwähnung
Depressionen, Mord, Schusswaffen, toxische Familienverhältnisse, Hacking, Einbruch, illegale Autorennen, Mobbing
DieLichterderStraßenlaternen und Autoscheinwerfer tanzten in Pfützen des letzten Frühlingregens. Meine Schuhe waren durchnässt, als ich über den Bürgersteig hastete. In Spielen würde man sich nun auf eine emotionale Cutscene einstellen, in der entweder jemand starb oder endlich geküsst wurde. Solche Szenen zu zeichnen gehörte zu meinen Lieblingsaufgaben. Vor allem, wenn sie die Tragweite hatten, um bei Spielenden einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Bisher war ich dank all der Kennenlernmeetings noch nicht dazu gekommen, in meinen eigentlichen Job einzusteigen, zu dem ich gerade fast zu spät kam. Es gab viele Details mit Gamedesignenden zu besprechen, deren Visionen ich in Bilder bannen sollte, wozu mir bei dem Terminkalender noch die Zeit fehlte. Hoffentlich würde sich das in einigen Wochen einpendeln. Schließlich war ich Concept Artist, nicht Protokollführerin für Meetings, die nur mit sehr viel Kaffee auszuhalten waren.
Im Büro jagte ein Termin den nächsten und statt einer Mittagspause ging unsere Projektleitung, Mel, mit mir diverse Skizzen für eine Präsentation durch, die mich aufgrund ihrer Priorität den kompletten Nachmittag kosteten. Erst nach Feierabend kam ich dazu, den Bagel nachzuholen, während ich auf einer Bank saß. Die Menschenmenge, die rücksichtslos durch die Gegend eilte, wäre mir zuhause vermutlich nie begegnet. Anonymität sorgte nicht nur dafür, dass ich ohne Seitenblicke beobachten konnte. Gerade rempelte ein junger Kerl mit Backpacker-Rucksack eine Rollstuhlfahrerin ein paar Meter vor mir an. Ich wollte schon aufspringen und ihn darauf hinweisen, als sie ihm laut schimpfend in die Hacken fuhr. Mein Lachen ging zum Glück im Rest des Bagels unter. Eigentlich wollte ich nicht schadenfroh sein, aber ein wenig hatte er sich das wohl verdient.
Auf der anderen Straßenseite war eine Gruppe Jugendlicher, die den kompletten Gehweg für sich einnahmen. Selbst der Gegenverkehr schien sie nicht zu interessieren. Ich schüttelte den Kopf. Einer der Jüngeren warf einen Blick über die Straße und direkt war dieses unangenehme Prickeln in meinem Nacken wieder da. Als er sich dann auch noch lachend zu seinen Freunden umdrehte und auf mich zeigte, wünschte ich mir, dass ›vanishen‹ eine menschliche Fähigkeit außerhalb von Videospielen wäre.
Mir war schon lange bewusst, dass ich mit meinem Gewicht nicht normschön war. An den meisten Tagen kümmerte mich nicht, was Fremde dazu sagten. Oder wenigstens versuchte ich, mir einzureden, dass es mich nicht interessierte, weil diese Menschen nicht zählten. Aber in einer neuen Stadt, in der ich niemanden kannte, war es deutlich schwieriger, all dem die kalte Schulter zu zeigen. Natürlich könnte ich Kelly oder Noah anrufen, aber beide wohnten zwei Stunden entfernt in meiner alten Heimat. Sie könnten nicht auf die Schnelle vorbeikommen, mich an den Schultern packen und so lange schütteln, bis ich mich erinnerte, dass Menschen mich bedingungslos liebten. Das war zumindest Kellys Lieblingsstrategie gegen solche Gedanken. Shit, ich vermisste meine Freunde jetzt schon, obwohl ich erst vor einem halben Monat hier hergezogen war. Ich zog das Handy aus der Hosentasche, doch statt unseres Gruppenchats öffnete ich ein neues AR-Spiel. Immerhin waren wir später zum Zocken verabredet, da könnte ich mir den Frust immer noch von der Seele reden. Um mich von der Situation abzulenken, wandte ich den Blick wieder dem Display zu. Im Zuge des Hypes um Pokémon Go, war dieses Game entstanden, das mich wenigstens zwischendurch dazu bewegte, die Wohnung zu verlassen. Insgeheim war es ein Versuch, neue Menschen kennen zu lernen, ohne komplett aus meiner Komfortzone zu kommen.
Im Display wurden drei unbekannte Teile angezeigt, die sich in direkter Nähe befanden. Jetzt fehlten nur noch dreizehn weitere für das nächste Upgrade meines Ingame Autos. Ich hatte wirklich Gefallen an dem pastellgrünen Sportwagen gefunden, der einem Audi zum Verwechseln ähnlich sah. Ihm fehlte das Reifenupgrade, damit er endlich voll ausgestattet war. Danach kam es nur noch auf meine Fähigkeiten an, um mich an den Boxenstopps gegen die anderen Spielenden durchzusetzen. Bisher gelang mir das sogar vorzeigbar, abgesehen von JayP993, der ständig meine Bestzeiten zerstörte. Der Stopp, an dem ich mich immer mit diesem speziellen User duellierte, war nur zwei Straßen weiter. Ich beschloss, dort auf dem Heimweg vorbeizuschauen, um zu sehen, ob es nicht doch eine Chance gab.
Natürlich hatte ich die nicht. Das Rennen war eng, letztlich gewann mein Gegner aber um eine Frontlänge. Mit dem zusätzlichen Grip durch das Reifenupgrade könnte es reichen, doch auch da war ich mir nicht sicher. Die anderen Duelle gegen die KI-Steuerung der User gewann ich problemlos, weshalb ich kurz darauf gut gelaunt die Tür zu meiner 1-Zimmer-Wohnung aufschloss. Schuhe und Jacke waren zusammen mit der Tasche schnell an der Garderobe verstaut, bevor ich zum Spiegel sah. Wie immer klebte dort ein Post-it, das ich heute Morgen geschrieben hatte. ›Waschmaschine ausräumen & Essen im Kühlschrank‹ stand dieses Mal darauf, was ich beides sicher schon wieder vergessen hätte. Ich erledigte den Haushalt und ließ mich mit der aufgewärmten Schale Gemüsereis auf meinen Schreibtischstuhl fallen. Ich schaltete den Computer an, der das Wohn- und gleichzeitig Schlafzimmer in wechselnden Regenbogenfarben erleuchtete. Neben dem Schlafsofa war der Schreibtisch mein größtes Möbelstück. Durch die Höhenverstellbarkeit konnte man sowohl daran arbeiten oder zocken, ohne Rückenschmerzen zu bekommen, als auch gemütlich sitzen, um etwas zu essen und dabei die nächste Serie zu schauen. Ich stellte ihn wieder in Sitzposition, um mein Essen zu genießen. Beim Blick auf die aktuellen Nachrichten wurde mir übel. Als ich nach meiner Trinkflasche greifen wollte, bemerkte ich ihr fehlen, fluchte kurz und stand noch einmal auf, um sie aus der kleinen Küchenzeile zu holen. Bevor ich sie abstellte, versicherte ich mich, dass sie geschlossen war. Bei meiner Tollpatschigkeit hätte ich sonst schon mindestens dreimal den PC gebadet und dafür war er definitiv zu teuer gewesen.
Der Teller stand Stunden später noch neben mir auf der Tischplatte, während ich Noah von meinem Tag erzählte. Die parallel gespielten Runden Egoshooter waren nur dafür da, die Finger zu bewegen und forderten daher wenig Konzentration. Vor allem, nachdem Kelly sich heute schon früh verabschiedet hatte und unser Squad für gewertete Spiele daher ohnehin unvollständig war. Sie erwähnte eine wichtige Prüfung, worauf ich mir keinen Reim machen konnte, immerhin war sie nur im Kundendienst. Aber ich würde sie morgen danach fragen. Nachdem ich meinen Satz über den Feierabend zum dritten Mal ansetzte, beschlossen auch Noah und ich, dass es Zeit war, den Tag zu beenden. Morgen stand schließlich wieder ein mehrstündiges Meeting an.
DieMusikwargenau in der richtigen Lautstärke, um alles um mich herum zu vergessen, was nicht mit diesem verdammten Unterboden zu tun hatte. Die neuen Teile einzubauen war eine Kleinigkeit, aber die Verschraubungen … Ich lag schon etwa anderthalb Stunden unter dem Porsche. Nichts wollte so halten, wie es sollte und neben den Nerven verlor ich langsam auch die Muttern, von denen mir zwei schon irgendwo Richtung Heck gerollt waren. Ich hätte auf meine Intuition hören und den Wagen doch auf die Bühne stellen sollen, statt mir auf dem Boden den Nacken zu verdrehen. Just als ich eine weitere Schraube festgezogen hatte, klopfte es am Seitenflügel. Fast hätte ich mir den Kopf am glorifizierten Blech angestoßen, das ich am liebsten komplett rausreißen würde, wären da nicht die freundlichen Prüfer für die Straßenzulassung.
Langsam schob ich mich auf dem Rollbrett unter dem Auto hervor und blickte direkt auf eine Dose Energydrink. Sie versteckte sogar einen Moment lang die Person, die sie mitbrachte, wobei die frisch manikürten Fingernägel nur zu zwei Frauen gehören konnten. Kaum aufgesetzt, erkannte ich Sarah und nahm ihr dankend das Getränk ab. Sie lehnte gemütlich am Scheinwerfer des aufgebockten GT3 RS und wartete grinsend, bis ich mich aufgerappelt hatte und sie damit um einen Kopf überragte. »Was machst du denn hier? Ich hatte heute nicht mit euch gerechnet«, gebärdete ich nach einem ersten Schluck gezuckerten Koffeins. Ihre Finger waren so hibbelig, dass ich Probleme hatte, ihre Antwort zu verstehen. »Max ist draußen! Komm mit, er ist fertig.« Zusammen mit meiner Kinnlade sackte auch mein Magen ein Stück tiefer. Ich nickte, stellte die Musik aus und folgte ihr nach draußen. Sarah hatte ihr Handy hervorgezogen und ignorierte mich weitestgehend. Da war jemand verdammt aufgeregt!
Auf dem Hof stand er; sowohl der Wagen als auch Max, der über beide Ohren grinste. Mein bester Kumpel war wie immer ansteckend. Selbst wenn der Anblick des Mustangs mir einen Stich versetzte, konnte ich mir das stolze Lächeln nicht verkneifen. Max, ungefähr der talentierteste Karosseriebauer, den ich kannte, hatte das Unmögliche geschafft und diesen Wagen nach dem Unfall wieder aufgebaut. »Na, mach schon an! Ich will sehen, wie laut er ist«, brüllte ich über den halben Platz, der, von uns abgesehen, leer war. Immerhin war die Sonne fast untergegangen und die Arbeiter der angrenzenden Werkzeugfirma hatten schon lange Feierabend. Niemanden würde es stören, wenn der V8 endlich mal wieder röhren durfte. Sarah sah ihrem Freund durch die Handykamera zu, weshalb ich mir eine wörtliche Übersetzung in Gebärdensprache sparte. Unsere eigenen kleinen Zeichen, die sich in der Boxengasse entwickelt hatten, reichten vollkommen aus. Als Max einstieg, bemerkte ich den Frontspoiler, der mit Sicherheit vorher nicht aus Carbon gewesen war, dem Mustang aber ausgezeichnet stand. Der Sound des Motors vertrieb endgültig alle dunklen Gedanken aus meinem Kopf und löste sie stattdessen mit einem angenehmen Kribbeln in der Magengegend ab. Selbst wenn das Auto noch lange nicht fertig war, es funktionierte wieder. Vor zwei Monaten hätte niemand daran geglaubt.
Er drehte ein paar Kreise auf dem Hof und holte sich den Applaus der zweiköpfigen Zuschauermeute ab. Max stellte den Wagen wieder vor der Wand ab, die zu unserer gemeinsamen Halle gehörte und kam auf uns zu, als hätte sich Ostern mit Weihnachten und seinem Geburtstag überschnitten. Ich hatte vermutet, dass ich ihn frühestens auf seiner Hochzeit so glücklich sehen würde. Sarah lief ihm die letzten Schritte entgegen und sprang in seine Arme. Ich hatte meine verschränkt und nahm einen weiteren Schluck vom Energydrink, damit ich ihnen nicht beim Knutschen zusehen musste, bevor Max zu mir kam und die Pranke auf meine Schulter legte. Wie er es schaffte, so große Hände zu haben, obwohl er locker zehn Zentimeter kleiner war als ich, konnte vermutlich niemand erklären. »Bist du ok?« Er hätte nicht flüstern müssen, um diese Schwere im Magen wieder heraufzubeschwören. Ich nickte, unfähig in Worte zu fassen, was ich seit zwei Monaten fühlte, wenn ich ihn an dem Wagen arbeiten sah.
»Wollt ihr noch zum Fußball bleiben? Oder habt ihr...« Bevor ich überhaupt die Gegenfrage zu Ende bringen konnte, hatte mich Sarah schon am Arm erwischt. Ihr Schlag war eher neckend gemeint und tat nur aufgrund des Tattoos weh, welches erst seit zwei Wochen auf meinem Oberarm prangte. »Ist gut, ist gut. Versteh schon«, gebärdete ich schmunzelnd. »Ich räum hier noch auf. Seht zu, dass ihr feiert. Und wehe, ich kriege Bilder!«
Max lachte so laut, dass das stimmlose Danke auf seinen Lippen fast nicht zu sehen war. Nach einer weiteren scheuchenden Handbewegung gingen die beiden Händchen haltend zurück zu Sarahs Auto und ließen mich mit den Gedanken und dem Porsche allein. Das war vollkommen in Ordnung, denn es war von vornherein der Plan, niemanden um mich zu haben.
Etwa eine halbe Stunde unter dem Auto und diverse Flüche später, war endlich die letzte Mutter an ihrem Platz und ich konnte mich ebenfalls auf den Heimweg machen. Bevor ich im Auto saß, wusch ich mir zumindest noch die Hände im viel zu kleinen Bad, das an die Halle angrenzte, und prüfte die aktuelle Verkehrslage. Dafür zog ich mein Handy aus der Gesäßtasche und ging neben den Verkehrswarnungen diverse Nachrichten auf Social Media Accounts durch, doch keine davon sorgte für spezielles Interesse. Da die Straßen frei schienen, warf ich einen kurzen Blick in das Game, das mich seit Wochen auf den Wegen zwischen Fitnessstudio, Halle und Wohnung begleitete. Ein paar neue Teile waren abzuholen und beim flüchtigen Scrollen durch die Boxenstopps schien ich weiterhin ungeschlagen zu sein. Im Schnelldurchlauf sah ich mir die Rennen an, die die KI für mich gefahren war. Bei einem stockte ich, da es definitiv zu eng für meinen Geschmack wurde. Den Stopp sollte ich vielleicht in den nächsten Tagen aufsuchen, um eine bessere Zeit zu hinterlegen. Aber dafür war es heute zu spät, weshalb ich wie versprochen die Halle abschloss und den Heimweg antrat. Ein letzter Blick auf den grundlackierten Mustang reichte, um mich für den Rest der Fahrt in miese Laune zu versetzen, selbst wenn der Wagen nichts dafür konnte.
Zuhause angekommen warf ich die Sporttasche genervt durch die offene Badezimmertür. Wie hatten die meisten dieser Fahrenden überhaupt einen Führerschein bekommen? Das war doch nicht auszuhalten, vor allem im Stadtverkehr. Janos hätte sie vermutlich aus den Autos ziehen wollen. Bei dem Gedanken an ihn schnürte sich mein Hals zu und ich musste die brennenden Tränen wegblinzeln. Fuck, ich brauchte dringend Ablenkung, bevor die Erinnerungen sich zurückmeldeten. Sollte ich nicht schon lange darüber hinweg sein? Es waren immerhin beinahe acht Wochen. Von mir selbst gestresst warf ich das dreckige T-Shirt zur Sporttasche. Dann wandte ich mich dem Wohnzimmer zu, wo mein Boxautomat bereits an der stabilsten Wand wartete. Die Nachbarn würden sich daran nicht stören, solange die Musik dazu auf den Kopfhörern blieb. Zumindest hatte sich noch niemand beschwert und heute sollte besser auch keiner damit anfangen.
Melkammiteinem Kaffee zu mir und deutete auf den regenbogenfarbenen Zettel, der normalerweise ans Speichern erinnerte. Wie lange hatte ich mich nicht mehr bewegt? Nachdem die Datei gespeichert war, streckte ich meinen Rücken kurz, bevor ich them den Kaffee abnahm.
»Danke. Hast du was Besonderes?«, wollte ich während des Aufstehens wissen. Nach mindestens zwei Stunden in der gleichen Position war der Fuß, auf dem ich gesessen hatte, eingeschlafen. Er wachte kribbelnd wieder auf, während ich den Schreibtisch in eine angenehme Höhe zum Stehen brachte. »Wir wollen später noch in die Bar. Hast du Lust, mitzukommen?«
Kurz huschte mein Blick zum Kalender. Es war Freitag, niemand würde zuhause auf mich warten. »Sicher. Ich werde aber nichts trinken - bin mit dem Auto da. Aber wenn ihr wollt, fahr ich euch heim.« Meine Zunge war vom Kaffee ohnehin schon verbrannt, da machte es keinen Unterschied mehr, dass ich mir wegen des Angebots auf selbige biss. »Wäre das ok für dich?«
Mel schien überrascht über den Vorschlag. Ich nickte erneut. Noah hatte heute Abend seine Pen-and-Paper-Runde und Kelly wollte dieses neue Farmingspiel ausprobieren. Wir könnten uns zwar unterhalten, doch mir gefiel der Gedanke, meine Kollegen ein bisschen besser kennenzulernen. Irgendwie musste man schließlich Bekanntschaften in einer neuen Stadt machen.
Der Feierabend kam schneller als üblich, oder wenigstens kam es mir so vor. Es war kurz nach fünf Uhr, als ich die letzte Skizze auf das studioeigene Git pushte und den PC herunterfuhr. Mel wartete mit gepacktem Rucksack an meiner gläsernen Bürotür. They hatte sich sogar umgezogen. Am Vormittag war definitiv noch eine schlichte Jeans statt der engen Lederhose an theiren Beinen. Kurz meldete sich die neidische Stimme in meinem Hinterkopf, dass Mel sowas ja auch problemlos tragen konnte, doch ich unterdrückte sie, bevor sie den Nachsatz zu Ende brachte. Ich räumte meine Unterlagen zusammen und nahm den Stift aus den Haaren. Normalerweise störte mich nicht, wenn sie mir ins Gesicht fielen, aber heute nervten die wirren Strähnen beim Zeichnen.
»Komm schon, die anderen warten unten. Willst du dich noch umziehen?«
Ich schüttelte den Kopf und schulterte meine Tasche. »Hab sowieso nix dabei.«
Nachdem Mel kurz an mir herunter gesehen hatte, nickte they. »Das ist nicht schlimm. Du siehst auch so klasse aus.«
Ich biss mir auf die Unterlippe, um dem Kompliment nicht zu widersprechen, selbst wenn es mir schon auf der Zunge lag.
Die Bar war nur ein paar Straßen weiter und hatte einen, für die Nähe zur Innenstadt, riesigen Parkplatz. Nachdem wir ausgestiegen waren, schloss ich ab und folgte meinen Kollegen. Es wirkte von außen wie ein Club und ich hoffte, dass die Musik nicht zu laut wäre, um sich zu unterhalten. Mein Plan sah kein Tanzen vor, dafür hatte ich definitiv die falschen Klamotten an. Die warme Luft, die mir aus der Tür entgegenschlug, reichte bereits, um zu bereuen, dass ich ein langes Oberteil trug, dessen Trompetenärmel am Handgelenk viel zu weit waren, um sie einfach hochzukrempeln. Nachdem wir die anderen Kollegen an der Garderobe gefunden hatten, führte Mel unsere Gruppe von insgesamt acht Leuten zu einem großen Tisch im hinteren Teil des Ladens. Es gab sogar ein Fenster, in dessen Nähe ich mich setzte, um wenigstens etwas Frischluft zu bekommen. Nach der Getränkebestellung begannen die ausgelassenen Gespräche. Ich war froh, mit einigen endlich mal über etwas abseits des Jobs zu sprechen. So sehr ich den liebte, es fühlte sich gut an, die anderen besser kennenzulernen. Gerrit verriet mir seine unterirdische KD, während wir uns über die, vor einer Woche angekündigte, neue Generation Egoshooter unterhielten. Wie gut, dass unser Studio nicht in dem Genre unterwegs war, sonst hätte er im Qualitätsmanagement sicher Probleme bekommen.
Ich hatte vollkommen die Zeit vergessen, als wir Stunden später wieder in die kühle Nachtluft traten. Neben Mel wollte noch eine weitere Kollegin aus dem Coding bei mir mitfahren. Beide wohnten in der gleichen Richtung wie ich, weshalb es nur einen kurzen Umweg bedeutete. Die anderen drei hatten beschlossen, sich ein Taxi zu teilen, unsere beiden Familienväter waren bereits früher verschwunden. Nachdem ich die Navigation zur ersten Adresse einstellte, ging die Unterhaltung um Frösche, die wir in der Bar begonnen hatten, weiter. Warum genau die beiden über die Giftigkeit unterschiedlicher Froscharten so gut informiert waren, wollte ich lieber nicht in Frage stellen. Selbst wenn ich mich mittlerweile an die Stadt gewöhnt hatte, war nachts fahren mit all den Lichtern und blinkenden Anzeigen eine Herausforderung. Deswegen war ich umso erleichterter, dass wir zu Mels Wohnung durch eher wenig beleuchtete Wohngebiete fuhren und auf dem Weg unsere Kollegin absetzen konnten.
Nachdem ich them sicher vor der Haustür abgesetzt hatte, wanderte mein Blick zum Handy. Wenn ich eine Straße früher abbog, als die Navigation vorschlug, würde ich an meinem üblichen Boxenstopp vorbeikommen. Als ich wieder anfuhr, fiel mir auf, wie weit ich die Bremse durchgetreten musste. So weich war sie für gewöhnlich nicht, aber ich dachte mir nichts dabei. Auf die Hauptstraße abgebogen steuerte ich auf die rote Ampel zu. Trotz Bremse wurde das Auto nicht langsamer. Stattdessen beschleunigte sich mein Herzschlag. Glücklicherweise war es spät abends und die Straße nicht groß befahren, aber jedes Mal, wenn ich versuchte, das Bremspedal durchzutreten, gehorchte es weniger. Meine Finger begannen zu zittern, als ich an einer Bushaltestelle mit Hilfe der Handbremse zum Stehen kam und den Warnblinker einschaltete.
Shit, shit, shit! Das hatte mir gerade noch gefehlt. Ich stellte den Motor ab und versuchte, mich mit tiefen Atemzügen wieder zu beruhigen. Es war nichts passiert. Niemand war zu Schaden gekommen, selbst wenn ich ein Problem mit dem Auto hatte. Wie gut, dass ich allein im Wagen war. So hatten sich meine Kollegen wenigstens nicht erschreckt. Ich schloss die Augen, atmete verzweifelt, um mich zu beruhigen. Nur funktionierte es nicht! Stattdessen fischte ich das Handy vom Beifahrersitz und versuchte herauszufinden, wie ich am besten nach Hause kam. Es waren noch fünfzehn Kilometer, die ich ganz sicher nicht mit der Handbremse hinter mich bringen konnte. Mitglied bei einem Pannendienst war ich nicht und mehrere hundert Euro dafür ausgeben war nicht unbedingt in meinem Budget. Ich kannte niemanden, der sich damit auskannte oder gar nah genug wohnte, um den Wagen wenigstens bis zur Wohnung zu bringen. Langsam stiegen mir frustrierte Tränen in die Augen, die ich wegblinzelte. Shit!
DasTrainingmiteinem meiner Stammkunden hatte sich heute ewig hingezogen. Würde Chris nicht überdurchschnittlich bezahlen, ich hätte Max’ Auftritt auf dem Treffen sicher nicht verpasst. Die Augen mussten riesig gewesen sein, selbst wenn der Mustang anders aussah als zuvor. Sie alle wussten, welcher Wagen es war und wie viel Aufwand in diese Restauration gesteckt wurde. Als ich später dazu kam, war die Begeisterung bereits abgeflacht und die meisten unterhielten sich über den neuesten Tratsch. »Jay, kommst du heute mit?«, fragte Quinn, während er ein paar Scheine vor meiner Nase herum wedelte. Ich verdrehte deutlich sichtbar die Augen. »Du weißt, dass ich nicht fahre. Und ihr solltet das auch nicht hier machen.« Ich deutete hinter mich auf den Ausläufer der Hauptstraße, der zwar wenig befahren, aber nicht nur von Tunern bevölkert war. Für die Ermahnung bekam ich einen leichten Klaps auf den Oberarm.
»Privatgelände. Niemand in der Nähe, versprochen.« Quinn konnte noch so viel versprechen, ich schüttelte lediglich den Kopf und lehnte gegen meinen Porsche. Max und Sarah standen Arm in Arm neben mir und warfen sich wie üblich verliebte Blicke zu.
»Schleich dich, Quinn. Er sagt doch eh jedes Mal nein.« Es war nicht nötig, dass mich Max in Schutz nahm. Dennoch grinste ich über seinen Beschützerinstinkt und reichte ihm einen neuen Energydrink. Quinn hatte sich bereits der nächsten Gruppe zugewandt.
»Der lernt es echt nicht, oder?«, gebärdete mein Kumpel weiter, damit seine Freundin verstand, was passierte, ohne Lippenlesen zu müssen.
»Du kennst ihn doch. So lange provozieren, bis jeder mal nachgibt.« Ich wollte das Thema damit abschließen, doch das Geklacker von Absätzen war darin deutlich effektiver.
»Über wen lästern wir?« Maren kam mit offensichtlich bester Laune zu uns herüber. Sie hatte sich passend zu ihrem Wagen herausgeputzt und schwang einen überlebensgroßen Fuchsschwanz an ihrer Hüfte lässig von links nach rechts.
»Quinn braucht wieder wen, der seine Wettquoten zu seinen Gunsten dreht.« Ich hob die Schultern, denn mittlerweile war es Gewohnheit, alle paar Wochen gefragt zu werden. Dramatisch verdrehte unsere Füchsin, wie Maren seit ein paar Jahren dank ihres Wagens hieß, die Augen und umarmte erst Sarah, dann Max und schließlich mich, wobei sie mir zusätzlich einen Kuss auf die Wange hauchte. Natürlich nur, um danach drohend den Zeigefinger auf meine Brust zu drücken, ehe sie mir erklärte: »Wag es bloß nicht, Jay. Der Wagen braucht erstmal wieder neue Gummies.« Ich konnte mir das Lachen über ihre Gebärde für Reifen nicht verkneifen, ebenso wie Phil und Alex, die Händchen haltend hinter ihr ankamen. Das ungleiche Paar hatte wirklich lange gebraucht, seine Beziehung auch in der Öffentlichkeit nicht zu verstecken. Phil hatte noch immer das typisch weiße Verkäuferhemd an, dass sich deutlich von seiner dunklen Haut absetzte, während sein Partner in einem T-Shirt mit Katzenköpfen auftauchte. Mit dem Paar war unser Team fast vollständig. Nur Tristan, der Spezialist für asiatische Autos, hatte sich für heute entschuldigt.
»Keine Sorge. Du kennst meine Antwort«, bestätigte ich Maren mit ein wenig Verzögerung, bevor wir uns wieder den angenehmeren Themen zuwandten.
***Nachdem ich den ersten Wagen zur Werkstatt schleppen durfte, war der Abend gelaufen. Der abgesoffene Focus stand bei seinem Mechaniker auf dem Hof und ich verabschiedete mich, genervt vom Tag, von meinen Teammitgliedern. Wir würden uns ohnehin morgen an der Halle wiedersehen, also war es nicht schwierig, die fünf allein zu lassen. Ich war schon auf halbem Weg zurück nach Hause, als mir an der Hauptstraße ein schwarzer Mini mit Warnblinker auffiel. Die Motorhaube war aufgestellt und eine Gestalt lief davor auf und ab. Auf einer Bushaltestelle stehenbleiben war selten ein gutes Zeichen, aber immerhin stand der Wagen nicht mitten auf der Straße oder gar in Flammen. Nachdem meine Ampel auf Grün gesprungen war, beschloss ich, wenigstens kurz nachzufragen, und zog hinter dem fremden Wagen auf die gepflasterte Fläche. Erst nach dem Aussteigen erkannte ich eine Frau, vielleicht in meinem Alter oder ein paar Jahre jünger, die sich ihre blassrosa Haare raufte.
»Hey«, sprach ich sie an, bevor ich komplett um ihren Wagen herum war. Offensichtlich hatte ich sie erschreckt, denn sie zuckte deutlich zusammen. Ich hob im ersten Moment nur entschuldigend die Hände.
»Ist alles ok bei dir?«, wollte ich mit einem Seitenblick auf den Motor wissen. Auf Anhieb erkannte ich keinen Fehler, aber das bedeutete nichts. Diese Maschinen waren so zusammengebaut, dass man ohne vernünftiges Licht und Werkzeug auch genauso gut in einen bodenlosen Tümpel schauen konnte.
»Ich … Meine Bremse...« Fuck, ihre Stimme zitterte und ich war nicht sicher, ob meinetwegen oder wegen des Wagens. Sie hatte vielleicht Sarahs Größe, war also mindestens einen Kopf kleiner als ich. Mit der schwarzen Lederjacke, meiner Statur und den Lichtverhältnissen konnte ich außerdem jeden verstehen, der mich als gefährlich einstufte. »Bremse? «, wiederholte ich in der Hoffnung, mehr aus ihr heraus zu bekommen. Ansonsten blieb ich auf Abstand und hielt die Hände gut sichtbar vor meinen Oberkörper, um zu zeigen, dass ich nicht bewaffnet war. Als sie aufsah, glänzten ihre braungrünen Augen tränenfeucht.
»Ich wollte ja bremsen, aber es ging nicht. Ich habe drauf getreten, aber sie wollte einfach nicht anhalten.«
In Ordnung, die Verzweiflung stammte also von ihrem Auto, wenn ich das richtig verstand. Jetzt musste ich nur noch herausfinden, was mit dem Wagen nicht stimmte. »Kann ich mal draufschauen?« Fokussiert auf das Problem hatte ich mich offenbar im Ton vergriffen, denn sie starrte mich geschockt an und war einen halben Schritt zurückgewichen. Mist! Zusätzliche Angst wollte ich ihr nicht machen, aber ich hatte eine ungefähre Idee, wo das Problem liegen könnte. Als sie nickte, ging ich zur Fahrerseite und öffnete die Tür. Den Sitz nach hinten schiebend, damit ich überhaupt in den Wagen kam, versuchte ich, möglichst wenig in ihre Privatsphäre einzugreifen, weshalb ich das Handy links liegen ließ, das in regelmäßigen Abständen wiederholte, sie solle an der nächsten Kreuzung nach links abbiegen. Zuerst trat ich auf die Kupplung, die normal funktionierte, dann auf das Gaspedal, welches ebenfalls reagierte wie erwartet. Als ich nach mehrfachem Treten der Bremse noch immer keinen Widerstand registrierte, war ich sicher, dass etwas mit ihrer Bremsleitung nicht stimmte. Um meine Vermutung zu überprüfen, stieg ich erneut aus dem Wagen und sah darunter nach, wo sich bereits eine kleine Pfütze gebildet hatte.
Als ich mich wieder auf die Beine gestemmt hatte und die Hände an der Hose abklopfte, sah Miss Babyrosa Haare mit großen Augen zu mir hinauf.
»Damit solltest du nicht mehr fahren. Sieht aus, als hätte die Bremsleitung was abbekommen.« Ich konnte zusehen, wie mit jedem meiner Worte ihre Schultern ein wenig tiefer nach unten sackten. Ich sah kurz zum Porsche, dann wieder auf ihren Mini. Heute hatte ich schon einen Focus geschleppt, wie schwer konnte da so ein Kleinwagen sein? Ich fuhr mir mit einer Hand durch die leichten Locken. »Hast du einen Abschleppdienst bestellt?«
Als sie den Kopf schüttelte, bemerkte ich, dass ihre Haare unter dem Rosa deutlich bunter waren.
»Soll ich ihn zumindest von hier wegbringen?«
Ihre Augen wurden groß bei meinem Angebot. »Ja, das wäre nett. Aber, ich habe keine Ahnung, wo man sowas fest machen würde.«
Ich schmunzelte, um nicht laut zu lachen, bevor ich auf die fast leere Straße neben uns sah. »Keine Sorge, das kriegen wir hin. Machst du mir den Kofferraum auf? Ich fahr kurz meinen Wagen um.« Der Porsche war immerhin nicht zum Schieben gedacht. Nachdem ich umgefahren und die Abschleppstange von der Beifahrerseite gepackt hatte, warf ich einen Blick in einen viel zu aufgeräumten Kofferraum. Wie erwartet war der Abschlepphaken im unteren Fach neben dem Reifenkit und sicher nie benutzt worden. Sie hatte zwar alles, was man brauchte, im Auto, aber offenbar keine Ahnung, wie man damit umging.
»Setz dich in den Wagen, zieh die Handbremse an und nimm den Gang raus. Wenn die Autos verbunden sind, geb ich dir ein Zeichen. Dann löst du die Handbremse, lässt das Auto aber aus. Lass den Warnblinker an und lenk einfach in die Richtung, in die ich fahre, dann sind wir am schnellsten an der Halle.«
Sie sah mich noch immer schockiert an – oder als hätte sie nicht verstanden, was ich wollte. Dafür folgte sie den Anweisungen erstaunlich gut, stellte ihren Sitz wieder ein und wartete auf mein Zeichen. Die Fahrt würde hoffentlich ebenso einfach verlaufen. Wenn sie irgendwann aus Angst die Handbremse zog, könnte sie mir potenziell den Stoßstangenträger wegreißen und den wollte ich wirklich nicht ersetzen. Neben der Arbeitszeit war das Material allein ein hübsches Sümmchen. Also hoffte ich auf ihre Ruhe, als ich mich mit dem Mini im Schlepptau auf den Weg zu unserer Halle machte. Eine Werkstatt anzufahren wäre zu dieser Uhrzeit ohnehin unnötig, da die meisten ihre Höfe abgesperrt hatten.
Hatteichmichwirklich darauf eingelassen, mein Auto von einem Wildfremden abschleppen zu lassen? Shit, das klang nach einer Entscheidung, die ich normalerweise eher traf, wenn ich nicht mehr ganz nüchtern war. Dabei war ich mir sicher, dass ich nicht getrunken hatte. Gleichzeitig schien er recht nett. Aber waren das Typen nicht immer, die einem dann in einer dunklen Gasse an die Wäsche wollten? Meine Finger verkrampften sich um das Lenkrad, als er mir einen Daumen hoch zeigte. Sollte ich Kelly anrufen, damit im Zweifel jemand mitbekam, was los war oder mich suchen würde? Ich dachte darüber nach, aber das Handy war außerhalb meiner direkten Reichweite und ich wollte die Augen nicht vom Heck des Porsches lassen. Dank der Navigation wurde ich allerdings regelmäßig daran erinnert, dass meine Wohnung nicht in der Richtung lag, in die wir unterwegs waren. Die Straßenlaternen nahmen immer weiter ab und es fühlte sich an, als wäre der Mini ferngesteuert auf dem Weg in eine Geisterbahn.
Als nur noch die Scheinwerfer meines ungewöhnlichen Retters die Straße beleuchteten, trieb mir die Angst eisige Schauer über den Rücken. Ich konnte doch nicht wirklich glauben, dass das hier nicht in einer Vollkatastrophe enden würde! Meine Fingerknöchel traten weiß hervor und die kurzen Fingernägel bohrten sich ins Lenkrad, als wir auf einen Hinterhof abbogen. An der Einfahrt hatte ich das Schild einer Firma ausgemacht, doch es schien niemand in der Umgebung zu arbeiten. Der Porsche vor mir wurde langsamer und blieb schließlich stehen, erhellt von einem hellen Strahler, der per Bewegungsmelder funktionieren musste. Ich zog die Handbremse, nur um direkt danach die Türen zu verriegeln. Einen Moment schloss ich die Augen, um mehrfach durchzuatmen und meinen Mut zu sammeln. Als ich ein Klopfen an der Fensterscheibe hörte, zuckte ich dennoch erschrocken zusammen und konnte mir gerade noch einen Schrei verkneifen. Wenn ich aus dieser Situation heile wieder raus wollte, musste ich einen kühlen Kopf bewahren.
»Bist du ok?« Seine Stimme drang durch das Glas und ich schauderte erneut. Er klang freundlich, aber was bedeutete das schon, wenn es genauso gespielt sein konnte? Ich schluckte, entriegelte das Türschloss wieder und hielt gleichzeitig den Griff fest. »Mir ist nur kalt«, versuchte ich möglichst unverfänglich zu erklären, warum ich erst jetzt ausstieg, nachdem ich ihm die Tür fast in den Magen gerammt hatte. Meine Augen blieben an seinen Händen hängen. Er hatte ernsthaft seine Jacke ausgezogen? Wie ein Fisch auf dem Trockenen öffnete ich mehrmals den Mund, nur um ihn direkt wieder zu schließen. Es war doch viel zu kalt, um nur in einem Shirt herumzulaufen.
»Da drin kühlst du nur noch mehr aus.« Im Scheinwerferlicht der Halle, vor der wir standen, wirkte er noch größer als an der Bushaltestelle. Auch ohne Jacke sah er nicht wirklich vertrauenswürdig aus. Ich musste meinen Mut zusammennehmen, die Jacke zu ergreifen. Statt der Polizei hatte ich Kelly auf der Kurzwahl im Handy, das hinter meinem Rücken versteckt war. Doch er blieb auf einer Armlänge Abstand und gab mir somit keinen Grund, die Kavallerie zu verständigen.
»Wo sind wir hier?«, wollte ich wissen, nachdem ich mir die Jacke über die Schultern geworfen hatte. Sie passte mir erstaunlich gut für den Größenunterschied.
»Mein persönlicher Parkplatz.« Sein Lachen, welches der Aussage folgte, jagte mir ganz andere Schauer über den Rücken. »Oder meinst du die Adresse? Meisenweg 15.« Sein Blick schien an meinem rechten Arm, in dessen Hand ich das Handy versteckt hatte, hängen zu bleiben, während er die Abschleppstange auf die Schultern gelegt hatte. Ich brauchte diesen Beweis seiner Stärke sicher nicht. Auch ohne die zusätzliche Breite war seine Statur angsteinflößend.
»Wieso hast du mich nicht zu einer Werkstatt gebracht?« Ich neigte den Kopf ein wenig, immer darauf bedacht, einen gewissen Abstand zwischen uns zu wahren. Aber mit ihm zu sprechen, beruhigte meine Nerven.
»Die meisten haben ihre Höfe zum Wochenende abgeschlossen. Und von hier aus kannst du ihn morgen von jeder Werkstatt deiner Wahl abschleppen lassen.« Er kramte in seiner Gesäßtasche und hielt mir dann eine Karte entgegen. »Wenn du einen Tipp brauchst, würde ich dort anrufen. Sind hier quasi um die Ecke und recht schnell.«
Ich nahm das graue Kärtchen, auf dem der Name der Werkstatt, sowie eine Handynummer vermerkt waren.
Einige Momente überlegend, nickte ich ein wenig beruhigter. »Danke schön. Auch fürs Abschleppen. Ich habe keine Ahnung, wie ich die Kleine da weg bekommen hätte...« Wie ich mich selbst wieder nach Hause kriegen würde, wusste ich noch nicht. Meine Finger, die ich mittlerweile in der Jackentasche hatte, tippten nervös auf dem Telefon herum. Kelly schien ich tatsächlich nicht zu brauchen, aber Noah würde ich sicher erst in ein paar Stunden fragen können, ob er mich abholte.
»Kein Problem. Soll ich dir ein Taxi rufen?«
Ich starrte ihn überfordert an und brauchte einen Moment, bevor ich nickte. Warum war mir diese Idee nicht gekommen?
»Das wäre nett, ja.« Mein Herz machte einen kurzen Aussetzer, dann schlug es wieder bis zum Hals. Dass ich noch nicht als Opfer in irgendeiner Statistik gelandet war, erschien mir immer unlogischer, je mehr Zeit verstrich. Und doch verschwand die Nervosität langsam. Er griff zu seinem Telefon und wählte eine Nummer, was mir die Möglichkeit gab, auf mein eigenes zu schauen. Ein paar Nachrichten auf Social Media, aber nichts, was in der aktuellen Situation relevant wäre, weshalb ich auch Noahs Nummer wieder vom Display löschte.
»Sie brauchen ungefähr zehn Minuten. Ich würde an deiner Stelle die Tasche mitnehmen.«
Völlig aus meinen eigenen Gedanken gerissen sah ich auf und begegnete seinem Blick. Warum nochmal musste er so unglaublich nett wirken? Statt zu antworten, nickte ich und drehte mich zum Innenraum um. Mein Herz zog sich nervös zusammen, weil ich ihm den Rücken zuwandte. Bisher hatte er mir keinen Grund geliefert, ihm zu misstrauen, wenn man sein typisches Bad Boy Outfit außen vor ließ. Als ich mit der Tasche über der Schulter gerade den Wagen abgeschlossen hatte, spürte ich seinen fragenden Blick auf mir. Ich hob die Brauen und schob mein Handy unbewusst in seine Jackentasche.
»Traust du mir?« Die Frage kam plötzlich und ließ mich stocken.
»Wobei?«
»Mit deinem Auto. Wenn du den morgen hier abholen lassen willst, werden sie den Schlüssel brauchen. Du kannst morgen früh mit viel zu wenig Schlaf hier auftauchen oder du überlässt mir den Schlüssel im Tausch für die Jacke.« Sein Blick wanderte zu dem Kleidungsstück über meinen Schultern. Meine Wangen wurden heiß. Traute ich ihm zu, dass der Mini wirklich bei einem Mechaniker landete? Warum sollte er sich so ein Auto stehlen, wenn er selbst mit einem Porsche unterwegs war? Nach einem Moment Überlegung nickte ich und löste den Funkschlüssel vom restlichen Bund.
»Dann brauche ich aber noch etwas von dir«, mahnte er mich, bevor ich ihm den Schlüssel in die Hand drücken konnte. Stattdessen hielt ich kurz darauf sein Handy in den Fingern. »Deine Nummer, damit ich weiß, wem ich den Wagen morgen aushändigen kann. Und wann ich meine Jacke zurück kriege.« Beim letzten Satz grinste er und ich wagte es sogar, ihm meine richtige Handynummer zusammen mit dem Schlüssel zurückzugeben, bevor das Taxi vorfuhr.
»Danke nochmal für alles!«
NachderNachthätte ich definitiv ein paar Stunden mehr Schlaf gebrauchen können, aber da Yasim mich schon vor neun angerufen hatte, verlagerte sich mein persönliches Training von Boxen zu einem entspannten Lauf zur Halle. Es reichte, um den Kopf frei zu kriegen, in dem seit gestern diese babyrosa Haare und ihre großen Augen herumschwirrten. Gut, vielleicht hätte ich ihr vorher erklären sollen, wo wir hinfuhren. Sarah und Maren würden mir eine Standpauke darüber halten, dass man solche Informationen doch nicht einfach verschweigen durfte, sollten sie jemals davon erfahren. Erst recht, wenn man mitten in der Nacht allein unterwegs war und die Frau nicht vollkommen panisch machen wollte. Aber hey, das Ziel war, den Mini von der Straße zu kriegen und das hatten wir ohne größere Zwischenfälle erreicht. Alles andere würde sich heute schon klären lassen. Und wenn es nur war, dass sie mir die Jacke zurückbrachte und sich unsere Wege danach trennten.
Fast parallel zum Abschlepper kam ich an der Halle an und grüßte meinen Stammmechaniker. Nach ein wenig Smalltalk über die Geschäfte und Yasims vierjährige Nichte blickte ich auf das Handy. Sie hatte sich tatsächlich unter »Valerie Mini« eingespeichert. Es klingelte dreimal, bevor sie mit einem verschlafenen Laut ans Telefon ging. Vermutlich erwartete sie eine Freundin, oder wenigstens jemanden, bei dem sie sich nicht mit Namen melden musste.
»Guten Morgen.« Meine Stimme triefte nur so vor guter Laune, selbst wenn das meiste davon gespielt war. Wach war ich dank des Joggens, doch das ersetzte nicht den Kaffee, den ich mir holen würde, sobald das mit dem Auto geklärt war. Das Rascheln am anderen Ende bedeutete vermutlich, dass sie sich aufsetzte.
»Guten Morgen? Mit wem spreche ich?«
Jetzt war sie offenbar wach und ich musste mir das Grinsen verkneifen. »Deinem Miniparkplatz. Hast du die Werkstatt angerufen, die ich dir geraten habe?«
Wieder antwortete sie mit einem zustimmenden Laut statt Worten. Ich musste mir vorstellen, wie sie sich verschlafen im Bett aufgesetzt hatte, um überhaupt ans Handy zu gehen. Einen Kommentar in diese Richtung verkniff ich mir allerdings, denn das sollte kein Bild sein, das ich mir von ihr machte. »Dann wird dich freuen zu hören, dass er schon hier ist, um den Wagen abzuholen.« Ich nahm das Telefon kurz vom Ohr, um Yasim zu fragen, wie lange er vermutlich brauchen würde. »Und je nachdem, was kaputt gegangen ist, solltest du den Mini heute auch wieder abholen können«, erklärte ich Valerie, bevor wir auflegten.
Yasim und ich schafften den Mini zusammen auf den Schlepper und verabschiedeten uns. In einer Stunde stand mein Training mit William an, das ich sicher nicht wegen solcher Kleinigkeiten verschieben würde. Er trainierte für den Triathlon in einigen Wochen und wir wollten uns heute auf seine Armmuskeln konzentrieren, die er beim Schwimmen brauchen würde. Zumindest war das die offizielle Erklärung, weshalb er mit mir arbeitete, seitdem er seinen neuen Job vor einigen Wochen begonnen hatte. Wir hatten schnell mit dem typischen Training angefangen, das auch einen Großteil seiner Kollegen zu mir brachte. William war nur deswegen ein besonderer Fall, weil er jahrelang falsch trainiert hatte und ich seit Beginn unserer Zusammenarbeit immer wieder darauf herumreiten durfte, dass er sich die Knöchel brechen würde, sollte er so tatsächlich zuschlagen müssen. Normalerweise hielt ich mir Wochenenden frei, da spätestens in einem halben Jahr wieder die Rennsaison anstand. William hatte allerdings Glück, dass ich aktuell jede Ablenkung dankend annahm, selbst wenn er mir heute zum Start unterstellte, ich wäre doch zu umtriebig gewesen in der Nacht. Meine Klienten ging grundsätzlich nicht an, was ich in der Freizeit veranstaltete. Erst recht nicht die Kunden, die ihre Klappe vor ihrem Chef nicht würden halten können. Das bekam er zu spüren, als wir nach dem Aufwärmen gemeinsam im Boxring landeten. Mein Ruf bei den anderen Türstehern, die für Silvio arbeiteten, hätte ihm das gleiche verraten wie die Fäuste, die seine Deckung vielleicht einmal zu häufig auseinandernahmen.
***Wie üblich duschte ich nach dem Training im Fitnessstudio, statt einen Abstecher in die Wohnung zu machen. Es war einer dieser warmen Frühlingstage, die noch nicht sommerwarm waren, sich aber so anfühlten, weil man aus dem Winter kam. Deswegen reichte das Muskelshirt zum Einkaufen, bevor ich mich am frühen Nachmittag wieder auf den Weg in die Halle machte. Alex und Phil waren wie immer die Ersten und sahen auf, als ich den Porsche rückwärts einparkte.
»Ist bei dir der Sommer ausgebrochen?«, fragte Alex kopfschüttelnd, dessen T-Shirt die gleiche Frage aufwerfen konnte.
»Mehr arbeiten, dann wird dir auch warm«, konterte ich, angelte mir von der Beifahrerseite einen Träger Energydrinkdosen und warf den Turteltauben je eine Dose zu. Phil fing beide auf, bevor er eine seinem Freund reichte. Das er noch immer sein Hemd trug, bedeutete wohl, dass sie direkt von seiner Schicht im Autohaus hierher gefahren waren und vermutlich noch nicht lange da sein konnten.
»Du kannst ja bei den Sitzen helfen«, schlug unser Verkäufer mit nigerianischen Wurzeln vor, bevor er die Dose ansetzte. Ich spuckte meinen Schluck fast wieder aus bei der Andeutung und musste mir ein Husten verkneifen.
»Du hast sie endlich gekriegt?« Dann würde der Tag heute doch noch produktiv werden.
Die anderen trudelten im Laufe der nächsten Stunden ein, während Alex und Phil die alten Sitze ausbauten. Max und Maren ließen ihre Autos draußen stehen, Tristan hingegen stellte den Subaru direkt auf den einzigen Bühnenplatz der Halle. Offenbar hatte er mal wieder eine seiner Federn gekillt, wenn es nach den Flüchen ging, mit denen er uns begrüßte. Wir teilten uns auf die beiden Autos auf, damit die Arbeiten möglichst schnell erledigt waren. Maren und Sarah saßen währenddessen draußen in der Sonne und lernten für die nächste Prüfung in Strafrecht. Immerhin fehlte nicht mehr viel bis zu Marens Master. Es war wie üblich ein geschäftiges Treiben in der sonst ruhigen Gegend, denn die wenigsten Firmen arbeiteten samstags. Es irritierte mich nur, dass ich nix von Yasim hörte, was den Mini betraf. Andererseits hatte ich mit ihr ja auch nichts weiter zu tun. Es sollte mich nicht kümmern, ob es nur die Bremsleitung war oder noch ein anderes Problem für den Schaden gesorgt hatte. Neugierig war ich aber natürlich trotzdem.
WiekonnteeinTag, der ausschließlich aus Warten bestand, nur so stressig sein? Nachdem ich mitten in der Nacht zuhause angekommen war, hatte mich das Adrenalin bis früh am Morgen wach gehalten. Ich war mit einem Wildfremden auf einen verlassenen Hinterhof mitten im Industriegebiet gefahren und hatte es lebendig nach Hause geschafft. Das passierte in Games normalerweise nur Spielenden aber doch keinem Nebencharakter wie mir. Zur Beruhigung meiner Nerven hatte ich angefangen zu kritzeln. Der Porsche, dem ich eine gefühlte Ewigkeit hinterhergefahren war, gab ein passables Motiv ab und sorgte dafür, dass Hände und damit auch mein Kopf beschäftigt waren, bis die Sonne aufging. Mittlerweile hatte ich beschlossen, dem Typ, der mir nicht mal seinen Namen verraten hatte, so weit zu vertrauen, dass ich die Werkstatt auf seiner Karte anrief. Es meldete sich ein Yasim und nachdem ich ihm den Fall geschildert hatte, bestätigte er mir, dass er sich um alles kümmern würde. Ich musste ihm nicht einmal die Adresse der Halle verraten, weil ich zuvor den Porsche erwähnt hatte.
Der Stress war langsam von mir abgefallen, als ich mich auf meine Schlafcouch räkelte, nur um kurz darauf von einer unbekannten Nummer angerufen zu werden. Ehrlicherweise konnte ich mich nicht mehr an die gesamte Unterhaltung erinnern, aber es war wieder der Typ, dessen Jacke an meiner Garderobe hing. Er schien sich wirklich darum zu sorgen, dass niemand falsches den Mini in die Finger bekam. Irgendwie war das schon niedlich.
Ich hatte verdammt tief geschlafen, bis gegen Mittag die Werkstatt anrief, dass der Wagen in einer Stunde fertig sei. Hastig sprang ich unter die Dusche, löffelte ein bisschen Müsli und tippte parallel die Adresse der Werkstatt ins Handy. Überrascht stellte ich fest, dass mein Auto zwei Straßen entfernt von ›seinem persönlichen‹ Parkplatz war, auf dem wir gestern angekommen waren. Ich sah zur Garderobe und beschloss, dass ich die Jacke besser früher als später zurückgab. Aber ich wollte mich auch irgendwie bei dem fremden Helden bedanken. Während ich meine Schilddrüsenmedikamente herunterwürgte, blickte ich auf die Zeichnung der letzten Nacht. Es war zwar nicht viel, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass so ein Kerl auf Blumen oder Schokolade stand. Deswegen beschloss ich, den Concept Sketch auszudrucken, sowie zwei Sticker auf den Plotter zu werfen. In der gefalteten Karte konnte ich ein paar nette Worte verstecken und die Aufkleber mit holografischer Folie würden sicher selbst auf so einem aufgemotzten Wagen gut aussehen. Zumindest bildete ich mir das ein.
Nachdem ich alles zusammengepackt hatte, zeigte mein Handy an, dass der gerufene Uber vor der Tür stand. Ich warf mir die Tasche über die Schulter, schnappte die Jacke und den Briefumschlag, bevor ich die Tür hinter mir schloss. Der Nachbar, dem die Wohnung gegenüber gehörte, kam mir mit einem schmalen Koffer auf der Treppe entgegen. Auch nach ein paar Wochen hatten wir uns noch immer nicht einander vorgestellt. Das wäre zuhause unmöglich gewesen. Nach einer flüchtigen Begrüßung war ich auf der Straße und hatte den bestellten Fahrer gefunden. Wir fuhren ungefähr zwanzig Minuten, ebenso lange wie ich gestern Nacht gebraucht hatte, bevor ich mich am Meisenweg absetzen ließ. Die Werkstatt schloss erst in einer Stunde, die ich sicher nicht für den Weg brauchen würde. So hatte ich allerdings eine gute Entschuldigung, schnell wieder zu verschwinden, wenn der Hof nicht leer war. Ich hoffte wirklich, niemandem zu begegnen. Kaum war ich ausgestiegen, wurde mir klar, dass leer nicht die korrekte Bezeichnung war. Wo gestern nur mein Auto und der Porsche Platz gefunden hatten, standen jetzt ein oranger BMW und ein grauer Mustang, sowie zwei Campingstühle, auf denen Personen saßen. Sofort sackten meine Schultern ein wenig nach unten und ich zog den Kopf ein. Menschen und dazu noch mehr als gestern Abend schon; ich wollte wirklich niemanden stören, aber die Jacke, die ich mir über den Arm geworfen hatte, sollte zurück zu ihrem Besitzer.
Warum mussten meine Schuhe so klackern, als ob ich High Heels anhatte? Gerade wenn ich versuchte, so unauffällig wie möglich zu sein, war das nicht hilfreich. Eine Frau hob den Blick und drehte sich zu mir um, bevor eine weitere Person in mein Blickfeld trat, die an der Seite des Mustangs hantierte. Er hob eine Braue, sah dann einmal an mir herunter und grinste.
»Jaaaaay« Seine Stimme wechselte mehrfach die Tonlage, als er neben sich in Richtung der Halle rief, wenn mich meine Erinnerung nicht täuschte. »Hier ist jemand für dich.« Allein das Grinsen auf seinen Lippen ließ meine Wangen heiß werden. Was glaubte er bitte, wer ich war? Was glaubte ich, wer ich war, einfach hier aufzutauchen?
Ich bleib wie angewurzelt stehen, als die Halle mit ihren offenen Toren in mein Sichtfeld kam. Es waren nicht nur zusätzliche Menschen hier, sondern auch deutlich mehr Autos.
»Was redest du, Max?« Die Stimme kam mir bekannt vor und sorgte dafür, dass mein Herzschlag sich nervös beschleunigte. Er trat neben einem blauen Wagen auf der Hebebühne aus der Halle und hätte ich nicht vorher schon angehalten, wäre ich vermutlich über meine eigenen Füße gestolpert. Dass jemand, der so freundlich war, gleichzeitig so heiß aussah, gehörte verboten. Jetzt verstand ich noch besser als gestern im Dunklen, warum seine Jacke mir gepasst hatte. Ich wollte nicht auf seine trainierten Arme oder den Oberkörper starren, der nur von einem Muskelshirt verdeckt wurde. Aber genauso wenig konnte ich ihm in die Augen sehen, weshalb ich den Blick auf den Hof vor mir richtete.
»Oh hey. Valerie, richtig?«
Kam er gerade wirklich auf mich zu? Ich wollte im Boden versinken, um mir diese Szene vor seinem Publikum zu ersparen. Meine Wangen glühten mit der Frühlingssonne um die Wette. Shit, shit, shit! Ich streckte die Hand mit der Jacke aus und versuchte, seinem direkten Blick auszuweichen. Er schien mich gedanklich mit Fragen durchbohren zu wollen, während mir die Zunge noch immer am Gaumen klebte.
»Hey … Jay?« Ich musste seinen Namen nachfragen. So hatte ihn der Kerl mit dem Mustang genannt, richtig? Wenn ich das falsch verstanden hatte, starb ich hoffentlich augenblicklich an der Scham. Er nahm mir die Jacke ab und warf sie so lässig über die Schulter, als wollte er für ein Fotoshooting posieren. Dabei verdeckte sie halb ein Tattoo auf seinem Arm, das ich nicht genauer erkennen konnte.
»Ach ja, das hatte ich gestern vollkommen vergessen. Nenn mich einfach Jay. Wie geht’s dem Mini?« Mittlerweile stand er so vor mir, dass ich die Gesichter der anderen Menschen nicht sehen konnte. Sie machten sich mit Sicherheit jetzt schon über mich lustig.
»Ich bin gerade auf dem Weg, ihn wieder abzuholen. Danke für den Tipp.« Nervös knetete ich meine Finger. Ich müsste nur in die Tasche greifen, ihm den Briefumschlag in die Hand drücken, mich bedanken und dann verschwinden. Er würde danach nie wieder mit mir reden. Wahrscheinlich würden wir uns in dieser Stadt sowieso nicht erneut über den Weg laufen.
»Klar doch. Hat Yasim gesagt, was es war?« Warum sah er mich nur so neugierig an, dass mir die Nackenhaare aufstanden?
»Noch nicht. Aber ich werde es wahrscheinlich eh nicht verstehen.« Mein Lachen klang unbeholfen, selbst für mich. Wenn Kelly nur hier wäre, um mir ein bisschen Selbstbewusstsein einzureden! Sie würde mir eine Hand auf die Schulter legen und sagen, ich sollte mich an meine Stärken erinnern. Aber welche Stärke? Von Autos hatte ich maximal oberflächlich eine Idee, im Gegensatz zu den Menschen hier.
»Wenn du einen Übersetzer brauchst, kann ich mitkommen.« Sein Angebot sorgte dafür, dass ich noch schneller im Boden versinken wollte. Wenn die ganze Situation nicht schon peinlich genug war, dann wurde sie es spätestens bei dem Gedanken, dass er mir Fachbegriffe übersetzte. Ich schüttelte nur schnell den Kopf.
»Das ist nett, aber ich glaube, deine Freunde brauchen dich hier.« Bitte lass diese Ausrede funktionieren! Ich sah auf die Ringe an seinem Daumen und Zeigefinger, während ich hoffte, dass er mir diese Ausflucht einfach nur abnahm. Tatsächlich wandte er kurz den Blick um und ich konnte an ihm vorbeisehen, wie sich noch mehr Menschen zu uns gedreht hatten und miteinander tuschelten. Verdammt, ich war schon wieder das Gespött einer ganzen Gruppe.
»Die kommen auch ohne mich klar. Die Feder ist sowieso gleich fertig.« Es klang so lapidar, wie er es sagte. Aber das half mir jetzt wirklich nicht weiter. Ich kramte nach dem Briefumschlag. Wie konnte ich so naiv sein zu denken, es wäre eine gute Idee, mich mit so einem Schwachsinn zu bedanken? Aber jetzt war es ohnehin zu spät. Ich musste mir nur immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass ich ihn hiernach vermutlich nie wiedertreffen würde. Selbst wenn ich in einer anderen Situation sicher nichts dagegen hätte. Dennoch drückte ich den leicht perlmutt gefärbten Umschlag gegen seine Brust und schüttelte den Kopf auf sein Angebot hin. »Ich will dich wirklich nicht in eine unangenehme Situation bringen. Es ist trotzdem unglaublich freundlich von dir, dass du es anbietest.« Ich hoffte, das Lächeln wirkte nicht zu bitter, als ich mich umdrehte. Am liebsten wäre ich im Boden versunken. Meine Schultern spannten sich an, während ich so schnell wie möglich das kurze Stück der Auffahrt entlang ging und danach um die Ecke bog. So könnten sie mich wenigstens nicht mehr beobachten, auch wenn sie so schon genug Gründe hatten, über mich zu lachen.
Ichbliebnocheinen Moment stehen, mit der einen Hand die Jacke über der Schulter haltend, in der anderen einen Briefumschlag, der jetzt sicher dank des Schmierfetts an den Händen dreckig war. Hatte mich Valerie gerade ernsthaft stehen lassen? Als Max von hinten in mein Ohr lachte, wurde mir das erst richtig bewusst.
»Na, was war das denn?« Sein schelmisches Grinsen sagte, dass er jedes Wort mitgehört hatte und sich blendend darüber amüsierte. Aufmunternd klopfte er mir auf die Schulter. »Du findest schon noch wen. Aber niedlich war sie ja.« Das gab Max definitiv nur zu, weil seine Freundin ihm nicht zuhören konnte, und ich stieß ihm dafür leicht einen Ellbogen in die Rippengegend.
»Ich hab gestern nach dem Treffen ihren Mini abgeschleppt wegen Bremsproblemen. Sie wollte mir nur die Jacke zurückgeben.« Dabei hatte ich nie behauptet, sie direkt zurückzuwollen. Geschweige denn, dass ich erwähnt hätte, heute an der Halle zu sein. Es war eher glücklicher Zufall, dass sie das komplette Team hier erwischt hatte.
»Ja genau, und was ist das?«, fragte Max, der mir gerade den Umschlag aus den Fingern zog und damit vor meiner Nase herumwedelte. Ich musste lachen, versuchte, danach zu greifen, und folgte ihm dabei zurück zu den Autos.
»Keine Ahnung.« Aber ich war ebenso gespannt, es herauszufinden, als der Umschlag endlich wieder in meiner Gewalt war.
»Dann mach es auf«, forderte Max. Mittlerweile sahen uns die anderen mindestens genauso neugierig an. Nicht, dass sie auch nur einen Funken der Unterhaltung mit Valerie verpasst hatten. Wenn etwas trotz lauter Motorengeräusche immer gehört wurde, dann der neuste Klatsch. Und offensichtlich hatten sie beschlossen, dass ich das dieses Mal war. Mehr spielerisch als genervt warf ich Max die Jacke zu, damit er aufhörte, mich aufzuziehen, bevor ich den Umschlag öffnete. Er war nicht zugeklebt. Die Schmiere an meinen Fingern reichte dennoch vollkommen, um dieses Papier fünfzig Jahre älter aussehen zu lassen. Auch die Karte war blütenweiß, was es nicht unbedingt einfacher machte, sie herauszuziehen, ohne sie zu verschmutzen. Kaum hatte ich sie zur Hälfte vom Umschlag befreit, kamen Linien auf der Vorderseite zum Vorschein, die selbst ich als Zeichnung erkennen konnte. Je weiter ich zog, desto größer wurden meine Augen. Maren war mittlerweile von ihrem Campingstuhl aufgestanden und stahl mir den Umschlag, aus dem neben der Karte zwei ausgeschnittene Formen zu Boden segelten. Bevor ich sie aufheben konnte, hatte Maren die beiden Ausschnitte schon in der Hand und drehte sie in ihren Fingern. »Wow. Miss Bubblegum hat echt Talent.« Sie pfiff durch die Zähne und reichte mir das gleiche Bild wie jenes, das ich auch auf der Karte schon gefunden hatte.
»Du glaubst, das ist selbstgemacht?« Ich konnte mir nicht vorstellen, wie jemand in so kurzer Zeit so eine Zeichnung hinbekam. Selbst wenn sie nur in Schwarz-weiß war und die Linien teilweise weiter liefen, als sie sollten, war das etwas, wofür ich sicher in meinem Leben nicht mehr genug üben könnte.
»Sie hat sogar exakt deine Reifen getroffen. Die sind keine Serie. Selbst wenn es eine Collage ist, würde ich den imaginären Hut ziehen.« Maren behielt den Umschlag in den Händen und drehte ihn ein wenig. »Frag sie das nächste Mal, wo sie den herhat. Ich brauche sowas noch für meine Hochzeitseinladungen.«
»Das nächste Mal? Ich habe nicht vor, hier jeden Freitag irgendwen abzuschleppen.« Mir fiel einen Moment zu spät auf, wie das klang, denn es brachte das komplette Team zum Lachen. Das konnte ich nun wirklich niemandem übelnehmen. Meine Laune wurde nur von dem Gedanken getrübt, Valerie noch einmal zu kontaktieren. Sie hatte sehr deutlich gemacht, dass sie mit mir nichts zu tun haben wollte. Ich würde vermutlich eher Gras darüber wachsen lassen und hoffen, dass Maren diese Anfrage vergaß. Alex sprang mir zur Hilfe, nachdem er sich als erster wieder von seinem Lachanfall erholt hatte. »Wir sollten weitermachen. In einer Stunde geht Fußball los, oder wollt ihr da noch unter der Bühne am Subaru schrauben?«
Ich steckte die Sticker, die im Licht glänzten, in die Karte, zu deren Text ich noch nicht einmal gekommen war, und verstaute beides im Porsche, bevor irgendwer anders auf die Idee kam, neugierig zu werden. Dann machten wir uns wieder an den Einbau der neuen Feder.
Den Subaru bis zum Anpfiff fertig zu bekommen hatte drei weitere Hände gebraucht, als wir ursprünglich geplant hatten, aber schließlich war der Wagen wieder fahrbereit. Wir konnten uns gemütlich auf den Campingstühlen, dem Sofa und den dazugehörigen Sesseln verteilen, um die erste Halbzeit in Konferenz zu schauen. Alex und Maren unterhielten sich währenddessen lieber über die Hochzeitsplanung. Es war beruhigend zu sehen, dass Phil auf seinem Stück der Couch immer kleiner wurde, in der Hoffnung, dass sein Freund ihn bloß nicht fragte, wann er ihm denn endlich einen Antrag machen würde. Bei seiner Vergangenheit mit der Familie würde er noch Jahre brauchen, um diesen Schritt zu wagen. Und wenn es so weit war, würde es nicht in der Halle stattfinden. Das machte unser Autohändler schon mit mehr Stil. Hauptsächlich beruhigte mich, dass sie von mir als Gesprächsthema absahen. Unabhängig davon, ob es sie etwas anging, wollte ich nicht unbedingt das Ziel von Spekulationen sein. Hätte ich Valerie gern näher kennengelernt? Sicher, aber nicht um jeden Preis. Das Stalking überließ ich dann doch lieber anderen.
»Soll ich dich eigentlich nächste Woche abholen, Jay, oder wollen wir die ganze Straße zuparken?« Tristan holte mich aus den Gedanken und sorgte dafür, dass ich mehrfach blinzeln musste. Meine Finger spielten gedankenverloren an dem Rennring aus der letzten Saison herum, den ich am Daumen trug. »Abholen klingt gut, wenn du nicht wieder fährst, als würde dich eine Rotte Wildschweine jagen.« Er war für mich wie ein großer Bruder, den ich nie hatte, aber gemäß der Straßenverkehrsordnung fahren war nicht Tristans Stärke. Es gab Gründe, warum wir regelmäßig den Subaru auf der Bühne hatten, um irgendwas zu reparieren. Das wäre für eine Übernachtungsparty sicher unnötig, denn an dem Abend würde niemand mehr Auto fahren. Wie ich sie kannte, würde Marens Verlobte dafür schon sorgen.
»Ichhabemichbenommen wie eine Vierzehnjährige!«, gestand ich Kelly und Noah am Abend während einer der vielen Valorant-Runden. Neben meiner Tastatur stand ein Glas alkoholfreier Sekt, in dem ich die Hitze zu ertränken versuchte, die mir bei dem Gedanken an diese Unterhaltung die Wangen hinaufstieg. Ich hatte mich zwar schon häufiger Menschen, die ich interessant fand, gegenüber blamiert, aber das mit Jay war von besonderer Güte. Noah bestätigte mir zum dritten Mal, dass er sicher keine schlechten Absichten hatte. Er merkte an, dass dieser Mechaniker vielleicht sogar Interesse haben könnte, da er mir schon anbot, mich zu begleiten. Aber das war nach dem Auftritt wirklich unvorstellbar. Und selbst wenn, hatte ich ihn einfach abgewiesen.
