Rache zartbitter - Lena Demeul - E-Book

Rache zartbitter E-Book

Lena Demeul

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Beschreibung

Britta Sommer genießt als Assistentin von Peter Jansen (intern PeJa) sowohl beruflich als auch gesellschaftlich ein hohes Ansehen. Fehlt nur noch der passende Mann. Doch privat ist Britta unsicher und verletzlich. Ihre Souveränität scheitert an ihrer Selbsteinschätzung. Wer ist sie denn schon? Britta Sommer: nicht sonderlich sexy, erste Anzeichen von Cellulite, wenig männererfahren? Doch als PeJa ihr den nach Erfolg strebenden, gutaussehenden Johannes Roth vorstellt, überwindet sie ihre Selbstzweifel und mobilisiert alle Kräfte, um die perfekte Frau an der Seite dieses perfekten Mannes zu sein. Sie wählt dabei einen unwürdigen Weg und scheitert. Erniedrigt, betrogen und ausgepowert sucht sie einen Ausweg aus ihrer Opferrolle. Dabei kommt die Rache ihr zur Hilfe. Sie verleiht ihrer geschundenen Seele einen solch emotionalen Schub, dass sie sie fortan sowohl beruflich als auch privat als probates Mittel zum Zweck einsetzt. Nie wieder soll jemand sie demütigen. Die Probe aufs Exempel lässt nicht lange auf sich warten. Sie lernt Marius kennen und gerät ins Fadenkreuz seiner rigorosen Mutter und Societylady Mechthild von Rayen, die ganz eigene Pläne für ihren Sohn hat. Diesmal fühlt Britta sich gewappnet. Sie wird ihre Grenzen definieren und Respekt einfordern. Wären da nicht ihre Emotionen und der Glaube, dass es diesmal ganz anders wird. Auch in ihrer Umgebung trifft Britta auf unterschiedlichste Extreme: sexuelle Gewalt, Ausbeutung, Betrug und Lügen. Doch Frauenfreundschaften und Brittas perfide Rachepläne eignen sich sehr gut, (fast) alle Probleme zu lösen. Auch ihre eigenen?

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Lena Demeul

 

Rache

zartbitter

Roman

 

 

 

 

 

 

 

Inhalt

Titel

1. Die perfekte Frau

2. Nebelkerzen und Erkenntnisse

3. PeJas Kontakte – Menningers Methoden

4. Carla überrascht

5. Unerwartete Begegnungen

6. Chris geht zu weit

7. Felix Bähr

8. Wieder ein Frauenschwarm

9. Meda – Brittas Vorbild aus Jugendtagen

10. Besuche, die es in sich haben

11. Marius’ Familiengeschichte

12. Chris und andere Widrigkeiten

13. Hat „Mann“ das Recht? – Nein, hat er nicht!

14. Wohltaten und häusliche Gewalt

15. Trügerische Ruhe

16. Hoffen, bangen, dann Gewissheit

17. Gefühlstaumel – Mutter-Tochter-Tag

18. Einsichten – Aussichten

19. Marius’ Überfälle

20. Erwartungen

21. Unerwartete (An-)Forderungen

22. Natascha und Mechthild – Ein ungleiches Paar

23. Kehrtwende

24. Besuche und ein Wiedersehen

25. Eine weitreichende Entscheidung

26. Angst und Ohnmacht

27. Willkommene Hilfe

28. Abstand und Vertrauen

29. Medas Ratschläge / Sensibel – Unsensibel

30. Jetzt muss etwas geschehen

31. Strafvereitelung – Mechthilds Pläne

32. Natascha in Erklärungsnot

33. Mutter würde das überfordern

34. Unter widrigen Bedingungen

35. Der Wahrheit auf der Spur

36. Ermittlungsarbeit

37. Nataschas Ermahnungen – Brittas Entschluss

38. Licht am Ende des Tunnels

39. Finale – Wie ein Grappa nach einem üppigen Essen

Über die Autorin

Impressum

1. Die perfekte Frau

 

In der Nacht haben schwere Gewitter und tosende Stürme unseren kleinen Ort in Atem gehalten. Immer wieder waren Rettungsfahrzeuge auf den Straßen und schließlich fiel der Strom aus. Jetzt, am frühen Morgen ist alles unwirklich still, so, als habe sich das nächtliche Monster schlafen gelegt. Unwillkürlich hebe ich meine Fersen beim Gehen an und schließe die Fahrertür leiser als sonst. Die menschenleeren Straßen sind stockdunkel und die Scheinwerfer meines alten VW Käfer die einzige Lichtquelle auf dem Weg in ein verwaistes Bürohaus am Rande der Stadt. Die Uhr schlägt fünf, als ich die gespenstisch notbeleuchtete Eingangshalle betrete. Kurz schrecke ich auf, als ich einen Schatten im Flur des Erdgeschosses bemerke, der zu den Räumen des Finanzwesens führt. Mein Puls pocht bedrohlich und augenblicklich versteifen sich meine Gesichtsmuskeln. ‚Aber wer soll zu dieser Uhrzeit denn hier sein?‘, frage ich mich, während die Eingangstür langsam ins Schloss fällt und alle Schatten verschlingt. Erleichtert schaue ich auf das Zehntausend-Euro-Bild an der Stirnseite der Empfangshalle. Drei bunte Punkte auf royalblauem Geschmiere. PeJa hat es sich von seiner Frau Anabelle als Kunstwerk aufschwatzen lassen. Ich hätte es für die Hälfte gemacht, doch mich fragt ja niemand. Die breit geschwungene Marmortreppe mit einem Handlauf aus den Sechzigern ist Teil meines morgendlichen Fitnessplans. Sie führt mich direkt in die Chefetage von Papierwerke Jansen. Mein direkter Vorgesetzter ist Peter Jansen, intern PeJa genannt.

Ich betätige den Hauptlichtschalter, erhelle so die gesamte obere Etage und stelle im Vorbeigehen die Kaffeemaschine an. Es ist gerade so, als sei ich es, die damit die Welt zum Leben erweckt. Ich nutze diese frühmorgendliche Stille für letzte Vorbereitungen zu den heutigen Gesprächen mit unserem Überlebensretter Arnold Schmittmeyer Kartonagen aus München, der sich mit seiner Führungsmannschaft in wenigen Stunden hier einfinden wird.

Vor etwa zwei Wochen erreichte uns die Hiobsbotschaft. Maloire Cartons, unser Großkunde aus Frankreich, musste seine Pforten schließen, hat Insolvenz angemeldet, kann seinen Verbindlichkeiten nicht mehr nachkommen. Uns droht das Aus. Geld futsch und volle Lagerhallen. Doch PeJa, der einem Netzwerk von einflussreichen und mächtigen Männern angehört und Kontakte bis in die Regierungsspitze hat, zögerte nicht und handelte. Durch gezielt gesammelte Informationen von Menschen mit Verbindungen, Macht und Einfluss kennt er Stellschrauben, die er bei Bedarf hemmungslos einsetzt. Tatkräftige Unterstützung erhält er von seinem Fahrer Menninger, der ebenso gut beim Geheimdienst hätte arbeiten können. Bei seinem Vorgehen zeigt Menninger wenig Skrupel und nutzt dabei gelegentlich auch die Hilfe diskret arbeitender Damen. Nachdem ich erfahren hatte, wer so selbstverständlich diese Dienste in Anspruch nimmt, aber vor allem, wie manche einflussreiche Menschen zu Wohlstand und Macht kamen, sind Positionen, Titel und Geld keine Kriterien mehr, die automatisch Hochachtung bei mir erzeugen. Jetzt war für PeJa jedenfalls die Zeit gekommen, seine Kontakte zu nutzen und Gefälligkeiten einzufordern, diesmal bei seinem Günstling Johannes Roth. Er ist dank PeJas Verbindungen in einer sehr aussichtsreichen Position beim Arbeitgeberverband.

Übrigens: Johannes Roth, gutaussehend, Everybodys Liebling, Frauenschwarm und Charmeur, war bis vor einem Jahr mein Lebenspartner oder, wie PeJa scherzhaft zu sagen pflegte, Lebensabschnittsgefährte. Ich hatte ihn auf einer von Anabelles legendären Sommerpartys kennengelernt. Hier treffen sich neben der Lokalprominenz Größen aus Kultur, Sport und Wirtschaft. Ich bin die einzige ohne Geld, Titel und Rang, doch als PeJas Assistentin akzeptiert.

Es war einer dieser Bilderbuchsommertage, die man am liebsten portionsweise konservieren würde, um sie bei Bedarf hervorzuholen. PeJas Nichten und Neffen führten mit diversen, nicht aufeinander abgestimmten Instrumenten ein Musikstück auf. PeJa war zu Tränen gerührt, auch wenn nicht klar war, ob alle das gleiche Stück spielten. In genau diesem Augenblick sah ich zur Terrassentür und erblickte diesen unglaublich gutaussehenden Mann, der ganz offensichtlich um seine Wirkung wusste und dessen Ausstrahlung jede Modelagentur zu Höchstgagen verleiten würde. Als unsere Augen sich trafen, musste ich lächeln. Als er zu mir herübersah, hob er nur ein wenig seinen Kopf, und meine Augen verselbstständigten sich zu einem unterdrückten ‚WOW!‘ Auch wenn es noch eine ganze Weile gedauert hatte, bis es mir bewusst geworden war, so war doch genau dies der Moment gewesen, an dem es für mein Herz kein Zurück mehr gegeben hatte. Doch weshalb sollte so ein außergewöhnlicher Mann sich für mich interessieren? Allein der unwillkürliche Gedanke erschien mir völlig absurd. Ich befahl meinem Kopf, diese Torheiten zu verwerfen, und ging ihm aus dem Weg. Doch nach einer kurzen Weile stellte PeJa ihn mir vor.

„Das, meine liebe Frau Sommer, ist Johannes Roth. Merken Sie sich diesen Namen, denn ihm steht eine glänzende Karriere bevor.“ Ich wäre am liebsten im Boden versunken und spürte, wie meine Wangen glühten, als säße ich in einem Saunaaufguss. Johannes hingegen schaute mich mit hochgezogenen Augenbrauen an und schwoll seine Brust.

„Und das, mein lieber Johannes, ist meine rechte Hand, Frau Sommer. Sie sollten sich gut mit ihr stellen.“

Ich muss gestehen, dass mich dieses Kompliment aus seinem Munde überraschte und es mir gleichzeitig schmeichelte. Ja, es war mehr. Ich fühlte mich aufgewertet, ein Treppchen höher gerückt zu diesem unerreichbaren Mann. Ich hatte etwas vorzuweisen. Nichts, das mich äußerlich aufwertete. Aber etwas Bedeutenderes: Klugheit, Zuverlässigkeit, Sachverstand.

„Kommen Sie“, sagte er und legte ungeduldig seine Hand auf Johannes’ Schulter. „Ich stelle Sie ein paar interessanten Leuten vor.“ Und schon stand ich da und fühlte mich, als hätte mich jemand ohne Fallschirm aus einem Flugzeug gestoßen. Es brauchte eine ganze Weile, bis ich wieder normal atmete und mein Herz nicht mehr raste. In meiner Panik versuchte ich, mich abzulenken. Doch so sehr ich mich auch bemühte, immer wieder ertappte ich mich dabei, Blickkontakt zu dem Mann zu suchen, der Schnappatmung bei mir erzeugt hatte. Wenig später nahm PeJa mich zur Seite und flüsterte mir konspirativ ins Ohr: „Er ist jemand, der alles daransetzt, Erwartungen zu übertreffen. Solche Leute erreichen immer, was sie wollen. Er ist noch nicht vergeben!“ Dabei drückte er auffordernd meinen Oberarm. Was das heißen sollte, war klar. „Schmeißen Sie sich ihm an den Hals!“ Doch das erschien mir völlig abwegig. Schließlich hakte Anabelle sich unter. „Er sieht gut aus, oder? Und er will hoch hinaus. Sein gutes Elternhaus reicht ihm nicht. Er will es selbst schaffen, als erfolgreich wahrgenommen zu werden. Wäre doch eine gute Partie, oder?“

Glaubten die wirklich, dass so ein Mann auch nur einen Gedanken an mich verschwenden würde? Vermutlich ja. Für mich war das alles nur noch peinlich. Ich versuchte, mich alldem zu entziehen, und suchte Gespräche mit anderen Gästen. Gerade unterhielt ich mich mit Frau Bremer, der Gattin unseres Bürgermeisters, als sich Anabelle zu uns gesellte.

„Darf ich sie Ihnen entführen?“, fragte sie mit einem gekünstelten Lächeln. Ohne auf Einwände zu warten, nahm sie mich zur Seite. Es blieb mir gerade noch Zeit, mich mit einer Handbewegung von Frau Bremer zu verabschieden. Anabelle drückte mir ein Glas Sekt in die Hand und steuerte direkt auf Johannes Roth zu. „Mein Mann hat Ihnen Frau Sommer ja bereits als seine rechte Hand vorgestellt. Doch auch für mich ist sie unverzichtbar. Sie gehört quasi zur Familie.“

Ich dachte, mich verhört zu haben, doch Anabelle klang durchaus überzeugend. So überzeugend, dass Johannes nun nicht mehr von meiner Seite wich. Einerseits war mir die Unmöglichkeit dieser Situation völlig bewusst, andererseits hüpfte mein Herz. Johannes zeigte sich von seiner besten Seite. Er war charmant, aufmerksam und bot sich schließlich an, mich nach Hause zu fahren. Mir war klar, dass Anabelles Bemerkung bei ihm Hoffnungen geweckt hatte, die ausschließlich auf sein berufliches und gesellschaftliches Weiterkommen ausgerichtet waren. Dennoch wäre ich vor Aufregung fast auf der Treppe gestolpert und wartete nicht ab, dass er mir die Beifahrertür öffnete. Im selben Augenblick kam ich mir vor wie ein Trottel. Ich wollte in einem Mauseloch verschwinden und nur noch weg von diesen Peinlichkeiten. Deshalb fiel auch meine Verabschiedung kurz und knapp aus. „Danke, dass Sie mich nach Hause gebracht haben. Das war sehr freundlich.“ Doch auch für diese beiden Sätze hätte ich mich ohrfeigen können. Ich fühlte mich in seiner Nähe wie ein hässliches Entlein, das sich anmaßte, einem Schwan zu gefallen. Wer war ich denn schon? Britta Sommer, nicht sonderlich sexy, erste Anzeichen von Cellulite und wenig Erfahrung mit Männern. Meine Selbstzweifel drohten, mich zu zerreißen, und so war ich froh, dass er sich endlich verabschiedete. Als er sich zum Gehen wandte, hob er belanglos seinen Arm und sagte: „Ich melde mich.“

An den folgenden Tagen versuchte ich, ihn aus meinem Kopf zu vertreiben. Doch so sehr ich mich auch bemühte, diese drei kleinen Wörter hatten sich eingebrannt. Ich appellierte an meinen Verstand, der mich eindringlich davon zu überzeugen versuchte, dass sie nichts bedeuteten und Männer wie er ständig solche Floskeln auf den Lippen tragen. Mein Kopf schien diese Botschaft nicht zu interessieren, denn er nutzte jede Lücke, um an ihn zu denken. Ich rezitierte ständig seine Sätze und bildete mir ein, ihm damit nahe zu sein. Nach einer Woche erwischte ich mich dabei, minutenlang überhaupt nicht an ihn zu denken, und feierte innerlich diese Befreiung wie einen Sieg. Gerade war ich tief in Arbeit versunken, quasi in einer vollständigen Johannes-Auszeit, als das Telefon mich aus meinen Gedanken riss. „Britta Sommer.“

„Hallo, liebe Frau Sommer. Erinnern Sie sich an mich? Johannes Roth.“

‚Ob ich mich erinnere?‘, wollte ich gerade in den Hörer brüllen. Doch ich schaffte es tatsächlich in letzter Sekunde, mich nicht lächerlich zu machen. Diesmal nicht. Ich brauchte zwei, drei Sekunden, bevor ich antworten konnte: „Oh, ja, natürlich, Herr Roth.“

Und gleich sprach er weiter: „Ich freue mich ja so, Ihre Stimme zu hören. Möchte Sie nicht lange stören. Darf ich Sie etwas fragen?“

„Aber ja. Nur zu“, sagte ich und fand gleich, dass das zu lässig, ja zu vertraut geklungen hatte.

„Ich möchte Sie wiedersehen und hatte an einen klassischen Theaterbesuch gedacht. Das Russische Staatsballett ist zu Gast in Köln. Schwanensee wird aufgeführt. Ich könnte mir vorstellen, dass Sie es mögen.“

Für einen kurzen Augenblick stockte mir der Atem. Ich war unfähig, zu antworten.

„Machen Sie mir die Freude?“

‚Ins Theater?‘, schrie meine innere Stimme. Und dann zu einem klassischen Ballett. ‚Was um Himmels willen soll ich da anziehen? Was wird diesem Anlass mit einem solchen Mann gerecht?‘ Mein Blut schien zu kochen, mein Kopf dachte wirr, mein Puls pochte wie der eines Hochleistungssportlers. Doch völlig erstaunt hörte ich mich sagen: „Wann ist die Aufführung?“

„Oh, entschuldigen Sie. Am kommenden Samstag um zwanzig Uhr. Ich würde Sie um siebzehn Uhr abholen, damit wir vorher noch etwas essen gehen. Sie haben doch sicher Zeit, oder?“

Obwohl mich seine Einladung überwältigte, gefiel mir diese Fragestellung nicht. Offensichtlich war er davon überzeugt, dass es keine Abwechslung in meinem Leben gab, ich keine anderweitigen Einladungen oder Verpflichtungen hatte, ja auf seinen Anruf gewartet hatte. Was mich dabei wirklich ärgerte, war, dass er tatsächlich recht und meine Situation völlig richtig eingeschätzt hatte. Doch statt ihn souverän abblitzen zu lassen, antwortete ich Schaf: „Ja, Sie haben Glück.“ Und statt mich über meine rasche Zusage zu ärgern, wandelten sich meine Vorbehalte, meine Bedenken, ja meine Verstimmung in Euphorie. Die nächsten Feierabende verbrachte ich zunächst in großen Kaufhäusern, dann in immer kleineren, exquisiteren Modegeschäften und Boutiquen, bis ich schließlich am Freitagabend ein passendes Kleid gefunden hatte, das wie angegossen saß. Als ich auf den Preis sah, stockte mir der Atem. 698 Euro! Das war natürlich völlig unmöglich.

Die Verkäuferin schien meinen Seelenzustand zu erahnen und fühlte sich aufgefordert, mich zu beruhigen: „Na ja, es ist ja auch von Joseph Ribkoff. Dieser Schnitt ist perfekt. Sie sehen absolut umwerfend darin aus. Als sei es speziell für Sie entworfen worden.“

Das waren genau die Sätze, die überzeugten und die alles Geld, das ich locker machen konnte, rechtfertigten. Für diesen Abend wollte ich absolut perfekt aussehen. Ich wollte mich diesmal selbstbewusst und sicher in seiner Nähe fühlen. Es musste dieses Kleid sein, für diesen Anlass, ein nobles Essen, ein klassisches Ballett und dann mit diesem Mann. Ich bemerkte damals nicht, dass dies der erste Schritt war, einen anderen Menschen aus mir zu machen. In den Nächten vor dem großen Ereignis hatte ich kaum geschlafen, sodass ich am Vorabend müde und abgekämpft aussah. Die Ringe unter meinen Augen mussten weg. Also nahm ich vor dem Zubettgehen eine Schlaftablette, verdunkelte mein Schlafzimmer und schlief tief und fest bis Samstagmittag. Diese Kurve hatte ich genommen. Die Augenringe waren verschwunden. Doch sicherheitshalber trug ich eine dicke Schicht Augencreme ‚Für die reife Haut‘ auf, die Tante Gerti mir zu meinem letzten Geburtstag zugeschoben hatte. „Die brauchst du jetzt“, hatte sie mir ins Ohr geflüstert und mir damit das Gefühl gegeben, augenblicklich um Jahre gealtert zu sein. Doch wie sollte ich die Zeit bis siebzehn Uhr überstehen? Ich griff nach meinem Handy, rief Noemi, Anabelles Kosmetikerin, an und flehte in den Hörer: „Haben Sie einen Termin für mich? Jetzt gleich?“

„Oh, da muss ich Sie enttäuschen, meine Liebe. Vor Mittwoch geht gar nichts.“

„Wirklich nicht?“, fragte ich ungläubig nach, in der Hoffnung, sie würde alle ihre Termine über den Haufen schmeißen. „Ich habe einen sehr wichtigen Termin heute am späten Nachmittag. Diesmal geht es um mich, nicht um Frau Jansen. Es ist wirklich äußerst wichtig.“ Die Andeutung von Frau Jansen schien zu wirken, denn ich hörte, wie Noemi nun stöhnend in ihrem Kalender blätterte.

„Also, wenn Sie etwas Zeit mitbringen, dann kommen Sie um vierzehn Uhr hierher. Eine Kundin wollte eventuell absagen. Aber steinigen Sie mich nicht, wenn es nicht funktioniert.“

„Okay. Notieren Sie mich als Ersatz. Ich werde pünktlich bei Ihnen sein“, antwortete ich entschlossen. Jetzt blieb mir nur noch wenig Zeit für Maniküre, Pediküre und tausend andere Dinge. Als ich endlich in Noemis Behandlungsstuhl saß, fiel alle Last von mir. Noemi strich mir mit ihren langen, pinkfarbenen Fingernägeln eine Strähne aus der Stirn und legte mir einen Haarreif an. „Sie sehen doch sehr gut aus. Ich weiß nicht, wie ich das noch toppen soll.“

„Ich brauche eine beruhigende Gesichtsbehandlung, Maske, Massage. Na, Sie wissen schon.“

Noemi, erfahren mit Seelennöten, ging gleich ans Werk. Bei sanfter Musik genoss ich die feuchtwarme Packung, das leichte Peeling und Noemis Zauberhände. Während sie nicht aufhören konnte, von ihren letzten Instagram-Posts zu schwärmen, nippte ich gedankenverloren ab und zu an meinem Cappuccino. Nach einer Stunde war das Werk vollbracht. Ich atmete tief und zufrieden durch, bezahlte mit einem Hunderter und steckte ungerührt die zwanzig Euro Rückgeld in meine Tasche. Seit dieser Einladung schien Geld für mich keine Rolle zu spielen. Jedenfalls belasteten mich solche Ausgaben nicht mehr. ‚Es ist ja für einen guten Zweck‘, redete ich mir ein. Jetzt blieben mir nur noch knappe zwei Stunden. Der Gedanke verursachte eine unterschwellige Panik, denn Haarewaschen und Stylen standen noch auf dem Programm. Was sonst mit wenigen Handgriffen erledigt war, wurde diesmal zur Zerreißprobe. Das Shampoo war alle. Hektisch kramte ich in meiner Pröbchendose und fand tatsächlich noch einen brauchbaren Ersatz. Zu allem Überfluss fiel nach wenigen Sekunden der Föhn aus. Also rannte ich in den Keller und suchte meinen kleinen Urlaubsfön aus Koffern und Reisetaschen. Alles dauerte eine Ewigkeit. Zeit zum Durchatmen blieb nicht, denn als ich mich gerade in Schale geworfen und mit den Nerven völlig am Ende war, klingelte es pünktlich um siebzehn Uhr. Ich drückte den Türöffner und war geneigt, Johannes entgegenzulaufen. Doch ich hielt mich zurück und öffnete tatsächlich erst nach einem weiteren Klingeln mit einem „Hallo, da sind Sie ja!“

Johannes schien nichts anderes als ein Topmodel erwartet zu haben, denn seine Reaktion auf meinen Stylingmarathon war: „Hallo Frau Sommer. Wie schön, Sie wiederzusehen. Gut sehen Sie aus.“

Gut? Was hieß schon gut? Was denn noch? Jedenfalls wusste ich nun, dass es in Zukunft keinen Millimeter Downgrade für mich geben würde. Johannes trug eine dunkle Jeans, ein weißes Oberhemd mit locker gebundener Krawatte und ein dunkelblaues Jackett. Lässig sah er aus und ich fragte mich, ob das dem Anlass angemessen war. Doch er holte mich gleich aus meinen Gedanken.

„Kann es losgehen?“ Dabei schaute er mich an, als sei es höchste Zeit, endlich aufzubrechen. Na ja, drei Stunden waren knapp bemessen für die Fahrt, einen noblen Restaurantbesuch, und schließlich sollten wir nicht in letzter Minute ins Theater stürmen. Doch er war schließlich ein Mann von Welt, einer mit einer sicheren Zeitplanung. Beruhigt griff ich nach meiner Tasche und folgte ihm über das Treppenhaus auf den Bürgersteig. Diesmal wartete ich, bis er mir die Beifahrertür öffnete. Angesichts solch formeller Gesten sah ich mich im Geiste bereits in einem schicken Restaurant, bei Kerzenlicht, mit Kellnern in schwarzen Anzügen und einem erlauchten Publikum. Mit einem tiefen, erleichterten Atemzug ließ ich mich auf dem Beifahrersitz nieder. Der nasse Asphalt glitzerte wie ein Teppich aus Millionen Diamanten. Johannes nahm den Weg Richtung Theater auf, als er plötzlich vor einem Imbiss anhielt.

„Wir sind da!“, sagte er. Fast hätte ich laut gelacht. Doch er verließ tatsächlich das Auto und öffnete mir die Beifahrertür. Ich konnte es nicht glauben, dachte immer noch an einen Scherz. „Ist das Ihr Ernst?“

„Ich dachte an ein wenig Kontrast zu dem steifen Schwanensee. Lassen Sie sich überraschen. Hier gibt es die beste Currywurst der Stadt.“

Wie in Trance folgte ich ihm in den mit Frittierfett geschwängerten Imbiss und nahm auf einem der mir angebotenen billigen Plastikstühle Platz. Da saß ich nun in einem Imbiss, mit einem sündhaft teuren Kleid von Joseph Ribkoff und gestylt wie für einen Besuch bei Königs. Augenblicklich riss meine Stimmung mich zu Boden.

„Für Sie doch sicher auch Currywurst mit Pommes, oder?“

Ihm war offensichtlich nicht bewusst, was in mir vorging. Alles in mir rebellierte und so fiel auch meine Antwort schroff und authentisch aus: „Nein, danke. Ich habe keinen Hunger.“

„Okay, dann aber sicher ein Bier oder eine Cola?“ Johannes schaute mich ratlos an. „Wir wollten doch vor der Aufführung noch etwas essen. Hatte ich das nicht gesagt?“

„Ja, das hatten Sie. Nein, danke, auch trinken mag ich nichts. Ich vertrete mir ein wenig die Beine.“

Draußen war es frisch und es nieselte. Ich stellte mich, in Sorge, nass zu werden, in dem Bushäuschen vor dem Imbiss unter. Es war noch hell und niemand schien auf dem Weg zu einem feudalen Abendessen oder gar einer Galavorstellung zu sein. Die Leute kamen von der Arbeit, waren einfach gekleidet, unterhielten sich, stritten oder lachten. Ich kam mir in meinem Outfit völlig deplatziert vor. Außerdem stank ich bis in die Haarspitzen nach den Wohlgerüchen einer Imbissbude. Es fühlte sich an, als sei ich wie ein Insekt bei Tempo dreihundert auf der Frontscheibe eines Rennwagens gelandet. Noch ehe ich mich versah, winkte ich nach einem Taxi, das mich geradewegs nach Hause fuhr. Wütend und enttäuscht riss ich mir mein Luxuskleid vom Leib, bürstete mein Haar und schlüpfte in den Bademantel, als es klingelte. Ich nahm vorsichtig und wortlos den Hörer meiner Gegensprechanlage ab.

„Hallo Frau Sommer. Ich bin’s, Johannes Roth. Darf ich kurz hereinkommen? Es hat da wohl ein dummes Missverständnis gegeben.“

Das schreckgespenstische Gefühl, das meine Wut und meine Enttäuschung nur noch steigerte, war für einen direkten Kontakt nicht geeignet. Ich, die kleine Britta, hatte ein letztes Fünkchen Selbstachtung nicht verloren. Ich stand im Flur, während Tränen über meine Wangen liefen. „Frau Sommer? Sind Sie zu Hause?“

Ich beschloss, mich totzustellen. Gerade setzte er an, noch etwas zu sagen, als ich vorsichtig auflegte. Ich wollte nichts mehr hören und reagierte nicht auf sein weiteres Klingeln. Er hatte meinen großen Strauß Glücksballons zerstochen. Seine Anrufe nahm ich nicht mehr entgegen und seine Blumengrüße warf ich in den Mülleimer. Ich war gedemütigt, gekränkt worden von einem Schönling, der glaubte, sich das erlauben zu können. Niemand sollte es in Zukunft wagen, mich noch einmal so zu behandeln. Ich hasste diesen Mann und wusste nun, dass er mich benutzen wollte. Es war ihm immer und ausschließlich um seine Karriere gegangen. „Stellen Sie sich gut mit ihr“, hatte PeJa gesagt, und: „Er ist jemand, der alles daransetzt, Erwartungen zu übertreffen. Solche Leute erreichen immer, was sie wollen.“ Ich fühlte mich benutzt, als billiges Mittel zum Zweck. Der Imbissbesuch unterstrich diese These. Er brachte mich nicht mit einem noblen Essen, sondern mit der Kategorie „Currywurst mit Pommes“ in Verbindung. Daran konnte auch mein teures Kleid nichts ändern.

Monate gingen ins Land. Er hatte es offensichtlich aufgegeben, Kontakt zu mir zu suchen. Doch ich litt immer noch Höllenqualen. Ich hatte mich zur Idiotin degradieren lassen. „Krönchen richten und weitermachen“, war Mutters Rat. Ich verdrängte Johannes aus meinen Gedanken und sein Name kam mir nicht mehr über die Lippen. Das war auch PeJa aufgefallen.

„Johannes Roth erkundigt sich immer wieder nach Ihnen“, sagte er schließlich beiläufig. „Stimmt zwischen Ihnen etwas nicht?“

Augenblicklich produzierte mein Magen deutlich zu viel Säure. „Bei allem Respekt, aber das geht Sie nicht die Bohne an.“

„Schon gut, schon gut. Man wird doch mal fragen dürfen“, erwiderte er und verschwand wie ein geprügelter Hund in seinem Büro. Seit diesem Zwischenfall war das Thema zwischen uns tabu. Schließlich begann Anabelle mit den Vorbereitungen für ihr jährliches Weihnachtsfest, für das Jansens Haus immer eine traumhafte Kulisse bot. Ich war für die Einladungen zuständig und stellte erleichtert fest, dass Johannes Roth nicht auf der Gästeliste stand. Für den Abend hatte ich mein teures Joseph-Ribkoff-Kleid wieder hervorgeholt, das ich seit dem Horrorabend nicht mehr getragen hatte. Ich war gefestigt und sicher, über die ganze Geschichte mit Johannes hinweg zu sein. Meine Gedanken nahmen einen großen Umweg, sobald sich Erinnerungen an ihn meldeten. Und so kam es, dass sie sich abnutzten wie ein getragenes Paar Schuhe. Anabelle öffnete mir die Tür und überstrahlte den überirdischen Glanz ihres Hauses. Sie war wieder der Star des Abends. Ich hatte gute Gespräche mit tollen Menschen und fühlte mich so wohl wie schon lange nicht mehr.

„Kommen Sie“, sagte die Gattin des Bankdirektors Münzing, „begleiten Sie mich zum Büfett. Dann suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen. Meinen Mann sehe ich heute Abend ohnehin nicht mehr. Der vergisst mich bei solchen Gesellschaften.“ Die Zeiten, in denen er Pirouetten gedreht hatte, waren vorbei. Doch immer noch wollte er wirken und die Damenwelt mit seinen Tanzkünsten begeistern. Seine Frau lehnte sich bei solchen Gesellschaften innerlich zurück und wartete mit geschlossenen Augen darauf, dass er sich im sprichwörtlichen Sinne hinlegte. Speisen und Getränke kamen vom Seeufer, und so war das Essen ein Hochgenuss. Gerade übergab der Kellner mir einen Cappuccino, als ich, wie damals, zum Eingang sah. Und da stand er wieder, Johannes Roth, der nicht auf der Gästeliste stand. Ehe ich mich versah, spürte ich Anabelles Hand auf meinem Arm.

„Ich habe ihn nicht eingeladen. Das müssen Sie mir glauben.“

PeJa nahm sie lächelnd an die Hand und führte sie zu ihm. Also hatte er ihn eingeladen, ohne jemandem etwas davon zu sagen. Was für ein Hinterhalt. Und das von dem Mann, der so viel Vertrauen bei mir einforderte. Ich war enttäuscht und hätte am liebsten gleich das Fest verlassen. Doch ich wollte Johannes nicht das Feld überlassen. Hier war mein Terrain und davon würde ich keinen Millimeter abgeben. Ich drehte dem Geschehen den Rücken zu und versuchte, mich zu beruhigen. Kurze Zeit später kam hinter mir jemand zum Stehen.

„Hallo Frau Sommer. Bitte, laufen Sie nicht weg. Ich möchte mich endlich bei Ihnen entschuldigen dürfen. Es war gedankenlos von mir, Sie an einem Abend, an dem ich Sie auf Gala eingestimmt hatte, in meinen Lieblingsimbiss einzuladen. Sie waren zu Recht verärgert. Bitte, verzeihen Sie mir. Ich habe mir lange überlegt, was falsch gelaufen ist, hatte mir damals nichts dabei gedacht. Hätte ich aber sollen. Am liebsten würde ich alles ungeschehen machen.“

Ohne mich zu ihm umgedreht zu haben, ging ich Richtung Sektbar. Johannes folgte mir. Wenn mich heute jemand fragt, wie es sein konnte, dass ich ihm tatsächlich verzieh, muss ich passen. All die Wut, all die Enttäuschung waren plötzlich relativ weit weg. Er hatte sich entschuldigt. Es tat ihm leid. Er hatte ein Einsehen. Ab diesem Tag schickte er mir immer wieder Blumen ins Büro und ab diesem Tag warf ich sie nicht mehr in den Mülleimer. Als er zwei Wochen später bei mir anrief, nahm ich tatsächlich seine Einladung in ein Kaffeehaus an, eine Woche später eine ins Kino, dann ins Seeufer und im Herbst sogar ins Theater. Stets war er höflich, galant und machte keine Anstalten, sich mir zu nähern, obwohl seine Augen etwas anderes verrieten. Ich hielt ihn auf Abstand. Schließlich waren wir immer wieder gemeinsam eingeladen. Man nahm uns als Paar wahr, obwohl wir keines waren. Und tatsächlich stellte sich mit der Zeit wieder Vertrauen bei mir ein. Zur nächsten Vorweihnachtsfeier waren wir gemeinsam bei Anabelle und PeJa eingeladen. Als er mich zu Hause absetzte, drückte er mich gegen die Haustür und küsste mich leidenschaftlich. Sein stürmisches Verlangen nach so hartnäckiger Abstinenz irritierte und beglückte mich gleichermaßen.

‚Kannst du es verkraften, eine heiße Nacht mit diesem Mann zu verbringen und eventuell nur eine von vielen zu sein?‘, fragte das bisschen Verstand in meinem Gefühlschaos und antwortete sogleich: ‚Ist doch nur Sex.‘ Ganz in der Ferne meldete sich noch einmal mein Verstand: ‚Das schaffst du nicht und das brauchst du auch nicht.‘ Doch schließlich gewann wie so oft mein Gefühl. Ich erinnere mich noch heute, wie glücklich ich mich fühlte, als seine starken Arme mich umschlangen. Diese Nacht passte nicht zu seiner Ordnung, zu dem Mann, der sein Jackett niemals irgendwo über einen Stuhl, sondern immer auf einen Bügel hängte. In dieser Nacht hatte sein Verlangen über seine Prinzipien gesiegt. Diesmal fühlte ich mich gemeint. Und das sollte so bleiben. So, als hätte ich nichts aus meinen Fehlern gelernt, bestand fortan mein ganzes Bestreben darin, mich von meiner allerbesten Seite zu zeigen. Nichts sollte dieses Glück stören. Doch damit nicht genug. Ständig bemühte ich mich, ihn zu beeindrucken, ihn zu überraschen, ihn zu verwöhnen. Nach einem halben Jahr war es dann endlich so weit. Johannes malte mir in den buntesten Farben aus, wie schön, angenehm und logisch es doch sei, in sein tolles, stilsicher eingerichtetes und blitzblankes Haus einzuziehen und meine kleine, kuschelige Wohnung aufzugeben. Immer wieder hatte ich seine WhatsApp-Nachricht gelesen und schwebte jedes Mal erneut auf Wolke sieben. „Lass uns zusammenziehen. Mein Haus ist viel zu groß ohne Dich.“

Mutter versuchte alles, mir den Umzug auszureden. Doch schließlich hatte sie eingesehen, dass sie gegen Windmühlen kämpfte, und mich nach langem Zureden davon überzeugt, wenigstens meine Wohnung zu behalten.

„Überstürze nichts“, meinte Vater, der mich mit tiefer Sorge dabei angesehen hatte. „Ein Gockel bleibt ein Gockel.“

Doch ich war mir ganz sicher, dass Johannes diesmal mich meinte. Überglücklich zog ich also in Johannes‘ Traumhaus ein. Ein Blick in seinen Kühlschrank hatte mir schon bei meinem ersten Besuch verraten, dass sein gutes Aussehen einem gesunden Lebenswandel geschuldet war. Bereits nach wenigen Tagen bemerkte ich, dass dieses „blitzblank“ kein Zufall war. Johannes reagierte hysterisch, sobald er Fingerabdrücke auf seinem Glastisch im Wohnzimmer oder Wasserflecken am Spiegel im Bad entdeckte. Staub hatte bei ihm keine Chance. Gleich nachdem ich eingezogen war, erfuhr ich von einer Nachbarin, dass es wegen seines Sauberkeitsfimmels kaum eine Putzhilfe länger als drei Wochen ausgehalten hatte. Und so war es nicht verwunderlich, dass sich ein erschreckender Gedanke in mir breit machte. Doch nach ein paar provokanten Bemerkungen, mit denen ich eine Ente aufs Wasser setzen wollte, kündigte er an: „Ich habe inseriert. Du kannst die neue Putzhilfe selbst aussuchen. Du bist die Dame des Hauses.“

Meine Befürchtungen waren damit vom Tisch. Allerdings hatte er verschwiegen, dass sich auf seine kurz aufeinanderfolgenden Anzeigen niemand mehr meldete. Ich hielt das Bad und die Küche in Ordnung und kümmerte mich um meine Kleidung. Den Rest übernahm zunächst er. Doch seine Laune litt von Tag zu Tag mehr, sodass ich, um Harmonie bemüht, immer mehr Aufgaben übernahm und sein Anteil stetig schrumpfte. Und so bekam dieses „blitzblank“ erste Verwerfungen. Nach einigen Wochen fand ich am Morgen einen Zettel auf dem Küchentisch: „Ich brauche dringend frische Hemden. Drei meiner Anzüge habe ich in den Hauswirtschaftsraum gehängt. Bitte ausbürsten und aufbügeln. P.S.: Würdest du bitte bei Gelegenheit mal das Wohnzimmer und das Schlafzimmer saugen? Auch bitte Staub wischen. Danke!“ Gemaltes Herz und Kussmund. Sofort war mir klar, dass ein ernstes Gespräch geführt werden musste. Am Abend war ich früher nach Hause gekommen, hatte mir einen Aperol Spritz gemixt und mich auf die teure, weiße Ledercouch gesetzt, fest entschlossen, ein paar Dinge klarzustellen. Je länger ich dasaß, umso mehr überfielen mich unsichere Fragen wie: ‚Bin ich zu empfindlich? Habe ich vielleicht etwas falsch verstanden?‘ Doch unwillkürlich meldete sich die entscheidende Frage: ‚Wollte er mich oder eine unbezahlte, gut funktionierende Haushälterin?‘ Nein, mit solchen Geschützen wollte ich nicht auffahren. Nicht für diese kleinen Entgleisungen. Ich beschloss, die Sache erst einmal zu beobachten, und hoffte, dass sich alles als völlig unbedeutend herausstellen würde. Schließlich redete ich mir ein, dass diese sehr alltäglichen Dinge eine Beziehung ausmachten, dass dieser Alltag uns zusammenschweißen würde. Auf eine seltsame Weise fühlte ich mich sogar aufgewertet und ging völlig in meiner Rolle als perfekte Hausfrau auf. Johannes’ Lobeshymnen und Komplimente beflügelten mein Gefühl und spornten mich zu immer intensiverer Plackerei an.

 

2. Nebelkerzen und Erkenntnisse

 

„Warum tust du dir das an?“, fragte er mich, als ich eines Abends erschöpft ins Bett fiel. „Wenn sich niemand auf die Inserate meldet, dann beauftrage doch ein Reinigungsunternehmen. Es ist natürlich klar, dass niemand dir das Wasser reichen kann. Doch, wenn dir das zu viel wird?“

Rhetorisch ein genialer Schachzug, auf den ich voll abgefahren war. Ich fühlte mich auf eine Ebene gehoben, auf der er nur mich sah, konkurrenzlos, einzigartig. Nun gab es kein Halten mehr. Alles in unserem Leben musste perfekt sein, und ich war bereit, alles in meiner Macht Stehende dafür zu geben, die perfekte Frau an der Seite dieses perfekten Mannes zu sein. Doch so sehr ich mich auch bemühte, unser Leben verlief zunehmend ohne Höhen und Tiefen. Zwei Jahre gingen so ins Land. Ich übernahm immer mehr Aufgaben in Haus und Garten, wusch und bügelte und vernachlässigte mich, meine eigenen Wünsche und Interessen. Sex und Zärtlichkeiten waren auf der Strecke geblieben. Ich bemerkte, dass seine Liebe weitergezogen war, wie eine Wanderhure.

„Was willst du denn?“, hatte er gesagt, nachdem ich mit ihm darüber reden wollte. „Das ist der Alltag. Der ereilt alle Paare. Ich liebe dich. Das weißt du, oder?“

Allein dieser Augenblick, in dem er mir tief in die Augen gesehen und mich halbherzig geküsst hatte, ließ all meine Bedenken dahinschmelzen. Zu Veranstaltungen ging er mittlerweile meist allein. Ich war einfach zu erschöpft und nach einer Weile fragte er nicht einmal mehr. An den Wochenenden lud Johannes gerne seine Freunde, Bekannten und seine Familie ein.

„Ich habe das früher nicht machen können“, sagte er. „Nie habe ich jemanden gekannt, der so gelungene Feste organisieren kann wie du. Durch dich fühlen sich alle wohl in meinem Haus, in unserer Gesellschaft. Das weiß ich sehr zu schätzen.“ Johannes fand immer die richtigen Worte zur richtigen Zeit, um meinen Ehrgeiz anzuheizen, mich aufzubauen und einzunorden. Und dennoch fehlte etwas Entscheidendes: das Gefühl, geliebt und begehrt zu werden, einfach als Frau wahrgenommen zu werden.

Nachdem ich wochenlang durchgeackert hatte, fühlte er sich wohl aufgefordert, mir noch einmal ein Highlight anzubieten, und stellte wieder einmal die eher rhetorische Frage: „Am Freitagabend findet das Jubiläum eines großen Unternehmens hier in Köln statt. Ich bin eingeladen und brauche eine Dame an meiner Seite. Kommst du mit oder soll ich jemand anderen bitten, mich zu begleiten?“ Diesen Zusatz hatte er bisher vermieden, weshalb seine Frage wie Alarmglocken auf mich wirkte.

„Aber sehr gerne“, hatte ich geantwortet und dabei in überraschte Augen gesehen. Er hatte offensichtlich nicht mit meiner Zusage gerechnet.

„Es wird ein nobles Fest werden“, fügte er hinzu, so als solle mich das abschrecken. Doch diesmal war ich fest entschlossen, ihn zu begleiten, was ihn offensichtlich verwirrte.

„Glaubst du, du schaffst es, ein wenig glamourös auszusehen?“, fügte er fast verzweifelt hinzu. Und tatsächlich, diese Frage war eine Beleidigung und hatte mich tief ins Mark getroffen. Zum ersten Mal wandte sich damals mein Gefühl an meinen Verstand.

‚Was machst du hier, Britta? Er nennt dich die Dame des Hauses und meint die Wirtschafterin, die Putzfrau, die Köchin, mit der man zum Lohn ab und zu halbherzig schläft.‘

Ich schaute in den Spiegel und musste zugeben, dass ein Rundumschlag nötig war. Also verzieh ich ihm und gab mir wieder selbst die Schuld.

Das wäre munter so weitergegangen. Doch dann geschah etwas, das den Rest meines gesamten Kartenhauses zusammenbrechen ließ. Karriere und Haushalt hatten zugegebenermaßen ihre Spuren hinterlassen. Das sollte sich fortan gründlich ändern. Ich engagierte jetzt, zu Johannes’ großer Überraschung, tatsächlich ein Reinigungsunternehmen und beschloss, wieder die Frau zu werden, die ich vor der Zeit mit Johannes gewesen war. Immer wieder beklagte er sich über die Ergebnisse der Reinigungsarbeiten, was an mir abprallte.

Am Jahresende sagte das Reinigungsunternehmen wegen eines hohen Krankenstandes von heute auf morgen ab. Also nahm ich mir vor, einen Tag vor Heiligabend noch einmal in die Bresche zu springen, und hatte Urlaub genommen. Am Vormittag brachte ich das Haus auf Vordermann und begann mit einigen Vorbereitungen für die bevorstehenden Mahlzeiten. Danach legte ich einen ausgiebigen Beautypart ein. Johannes kam früher nach Hause. Ich überraschte ihn im Flur, sodass er zusammenschrak.

„Was machst du denn schon hier? Gut siehst du aus“, sagte er.

Sein Kompliment legte sich wie ein wärmender Schal um meine vereinsamte Seele. Ich ging auf ihn zu und küsste ihn innig, doch er löste sich bald aus meinen Armen.

„Ich nehme ein Bad. Bin völlig fertig“, sagte er im Vorbeigehen, ohne weiter auf mich zu achten. Das sollte so nicht stehenbleiben. Nein, sein Kompliment war die Gelegenheit, daran anzuknüpfen. Ich ging in den Flur und holte meine Highheels aus dem Schuhschrank. Dabei sah ich, dass Johannes’ Aktentasche offen neben dem Schrank stand. Etwas Rotes lugte hervor. Ich konnte nicht anders, vergewisserte mich, dass er in der Wanne saß, und nahm das rote Päckchen aus der Tasche. Es brauchte mein ganzes Fingerspitzengefühl, das Klebeband zu lösen, ohne Spuren zu hinterlassen. Doch dann hatte ich es geschafft. Es waren heiße Dessous. Ich stellte mir vor, wie sie ihre Wirkung zeigen und uns eine heiße Nacht bescheren würden. Überglücklich räumte ich alles wieder in seine Tasche, stellte meine Highheels zurück in den Schrank und stieg letztendlich erfolglos zu ihm in die Wanne. An Heiligabend waren unsere Eltern zu Gast. Alle hatten ihre Geschenke unter den Baum gelegt und sich um den großen Esstisch versammelt. Das Päckchen war nicht dabei. ‚Natürlich nicht‘, dachte ich. ‚Er kann mir ja in dieser Runde keine Dessous schenken.‘ Der Abend verlief fröhlich und unbeschwert. Alle lobten wieder in den höchsten Tönen die gemütliche Wohnung und das überaus schmackhafte und mehrgängige Essen. Johannes hatte mir offiziell eine CD und einen Theaterbesuch geschenkt. Doch ich fieberte dem Ende des Abends entgegen und war dankbar, als alle das Haus verlassen hatten. Nun würde er mir die heißen Dessous schenken. Doch nichts geschah. Johannes ging müde, ja fast gelangweilt ins Bett und verabschiedete sich mit einer halbherzigen Umarmung und einem flüchtigen Kuss auf meine Wange. Doch ich gab nicht auf. ‚Er wird zu müde sein‘, redete ich mir ein. Am nächsten Morgen zog ich alle Register, umgarnte ihn wie eine Spinne, bis ich mir selbst leidtat. Das Geschenk, das wurde mir immer klarer, war offensichtlich nicht für mich gedacht. Stattdessen überraschte er mich mit einer unerwarteten Nachricht: „Tut mir wirklich leid. Aber ich habe gerade eine SMS erhalten und muss sofort ins Büro. Ich weiß nicht, wann ich nach Hause komme. Vielleicht besuchst du heute deine Eltern. Und vergiss nicht: Morgen sind meine Golffreunde hier zu Gast.“

Obwohl ich innerlich schon auf das Schlimmste gefasst gewesen war, trafen seine Worte mich wie eine schallende Ohrfeige. Ich war unfähig, etwas zu sagen, schaute ihn nur fassungslos an. Es brauchte meine ganze Konzentration, mein Zittern zu unterdrücken. In meinem Inneren schwärmten Krähen aus.

„Ja, glaubst du, das macht mir Spaß?“, fauchte er mich an. „Für mich ist auch Weihnachten. Aber in meiner Position gibt es sowas wie Feiertage nicht. Da wird gearbeitet, wenn es nötig ist. Es gibt einen Notfall.“

Immer noch war ich still und starrte ihn an. Meine Vermutung festigte sich mehr und mehr zur Gewissheit. Andererseits hoffte ich immer noch auf eine einleuchtende Erklärung. Ich folgte ihm unwillkürlich auf Schritt und Tritt. Es fühlte sich an, als liefe ich auf einem Trampolin. Im Bad träufelte er ein paar Spritzer von dem unverschämt teuren Aftershave in seine Handflächen, das ich ihm zum Geburtstag geschenkt hatte. Schließlich sank ich auf den Wannenrand.

Ohne Notiz von mir zu nehmen, rief er beim Hinausgehen: „Hängst du bitte meine Sachen auf? Ich muss jetzt wirklich los.“

Da saß ich nun auf seiner Designer-Badewanne und krallte meine Fingernägel in das einhundertneunzig Euro teure Badetuch von Dior. Als die Tür zuschlug, fühlte es sich an wie Heißwachs, das mir jemand ohne Vorwarnung von der Haut riss. Ich schluchzte nicht. Tränen liefen über mein Gesicht. Ich hatte ihn zu meinem Universum gemacht. Was für ein törichter Fehler. Seine Demütigung brannte mir die Speiseröhre hoch, bis ich mich erbrach. Als ich so ohnmächtig vor mich hinstarrte, wurde mir klar, dass es einen Plan brauchte und ich da raus musste. Ohnmacht verwandelte sich in Wut. Ich packte meine sieben Sachen und den gesamten Inhalt des Kühlschranks sowie das vorbereitete Weihnachtsessen für seine Golffreunde in Windeseile in mein Auto. Erst als ich losfuhr, bemerkte ich die herrlich frische Winterlandschaft. Doch in meinem Grau fühlten sich die Sonnenstrahlen falsch an. Nachdem ich in meiner kleinen Wohnung angekommen war, alle Vorräte verstaut und alles wieder seinen Platz gefunden hatte, holte ich meine Notzigarette aus dem Hochschrank, für die ich eine Leiter vom Hof hochschleppen musste. Mein mit so viel Liebe zubereitetes Festessen war mir zuwider. Mir war jetzt nach Fastfood. Also setzte ich mich ins Auto und fuhr tatsächlich zum ersten Mal in meinem Leben zum McDonald’s-Drive-in.

So, das war also jetzt das Gefühl, am Boden angekommen zu sein. Immer noch spürte ich den heftigen Pulsschlag an meinem Hals, während meine Gedanken sich immer wieder um die Zeilen drehten, die ich Johannes im Geiste vor die Brust knallen wollte. In dieser anspruchslosen Umgebung hingen alle wenig begeistert kauend an ihren Smartphones. Ich fühlte mich aufgefordert, es ihnen gleichzutun, schaltete die Netzverbindung aus und formulierte unzählige WhatsApp-Nachrichten an Johannes, ohne auch nur eine einzige zu verschicken. ‚So geht das nicht‘, rief mein Verstand. Also fuhr ich rasch nach Hause, setzte mich an meinen Rechner und schrieb wie eine Wilde seitenlange Briefe, die ich immer wieder löschte. Die Briefe wurden von Mal zu Mal heftiger, emotionaler, wütender, bis ich mir endlich alle Schimpfwörter, Drohungen und Verwünschungen von der Seele geschrieben hatte. Doch ich brachte nichts Vorzeigbares zustande. Also beschloss ich, eine Pause einzulegen, mich auf Vordermann zu bringen, und war am frühen Nachmittag endlich ausgehfertig. Frisch frisiert, leicht geschminkt und toll gestylt fuhr ich in die Stadt und genehmigte mir ein großes Stück Sahnetorte in meinem Lieblingscafé. Das Sich-um-mich-Kümmern hatte sich gelohnt, denn nun war ich tatsächlich in der Lage, in aller Ruhe einen souveränen Abschiedsbrief an Johannes zu schreiben.

„Johannes,

nach Deinem Auftritt heute früh frage ich mich, wie Du wohl reagieren würdest, wenn ich Dich sexuell austrocknen ließe und meinem Geliebten zu Weihnachten sexy Wäsche schenkte. Würdest Du darüber hinwegsehen, wohlwissend, dass diese Beziehung immer tiefer in der Versenkung verschwindet? Würdest Du mir eine Szene machen und Dich dabei wie ausgespuckt vorkommen? Oder würdest Du mich zum Teufel jagen?

Ich weiß tatsächlich nicht, wie Du reagieren würdest. Ich habe mich jedenfalls für die letzte der drei Varianten entschieden.

Also, geh zum Teufel!

Britta“

So, jetzt war es raus. Ich war zufrieden mit meinem Brief, brachte ihn in seine Wohnung, stellte ihn auf den perfekten Esszimmertisch aus schwarzem Klavierlack und fühlte mich souverän und gut dabei. Als ich mich so umsah, fehlte noch etwas. Ein wenig Rache!  Mein Stolz redete mir ein, mich nicht lächerlich zu machen. Doch meine Wut war deutlich überzeugender. Im Bad fand ich noch zwei Packungen meiner Slipeinlagen. Nach kurzer Überlegung warf ich langsam so viele davon zum Aufquellen ins Waschbecken, bis es reichte, die Bad- und Gästetoilette vollzustopfen und eine Spülung nicht mehr möglich war. Diese Aktion trieb meine Glücksgefühle an, sodass meine Rachegelüste mich zu wahren Geistesblitzen antrieben. Ich fühlte mich nicht mehr als Opfer, sondern als die Überlegene, die diesem miesen Spiel auf ganz eigene Weise ihren Stempel aufdrückte. Ich wollte mehr von diesem Hochgefühl und verspürte den Wunsch, diesem blitzblanken Haus etwas von seiner Perfektion zu nehmen. Eine, die ich in den letzten Tagen wieder durch meinen Aktionismus auf die Spitze getrieben hatte. Es musste sich lohnen. Es musste etwas sein, das man nicht mit ein paar Handgriffen wieder in Ordnung bringen konnte. Ich ließ mir Zeit, mixte mir einen Campari-Orange mit einer Orangendeko, setzte mich auf die Luxuscouch und ließ meinen Blick durch die strahlende Wohnung schweifen. Was würde Wirkung zeigen? Der kleine Teufel in mir rief laut und vernehmlich „Staub!“ Ich verschwendete keine Zeit, holte den Staubsauger mitten ins offene Erdgeschoss, setzte mir eine Duschhaube auf, band ein Küchentuch über Mund und Nase und zog Johannes’ edlen dunkelblauen Kaschmirmantel an. Dann leerte ich den vollen Staubbeutel gleichmäßig auf dem gesamten Boden, ließ das Staubfach offen und stellte den Sauger auf die höchste Stufe, um alles wieder aufzusaugen. Die Aktion zeigte Wirkung. Der feine Staub wirbelte erwartungsgemäß über das gesamte Erdgeschoss, ja sogar bis in die letzte Ritze der großen Vitrinenwand. Alles sah nun aus wie die perfekte Deko für eine Halloweenparty. Höchst zufrieden räumte ich den Sauger wieder an seinen Platz, hängte den jetzt grauen Mantel auf den Bügel und stellte mein leeres Glas in die Spülmaschine. Den Hausschlüssel warf ich in den Briefkasten des nicht mehr ganz so blitzblanken Hauses und fuhr mit meinem alten VW-Käfer in die Freiheit.

Am Abend saß ich mit einem Glas Rotwein auf meiner einfachen, aber gemütlichen Couch, dachte über alles nach und übte Manöverkritik. Mein Leben hatte sich im Laufe der Zeit zu einer einzigen Katastrophe entwickelt. Mal gab es Lichtmomente, doch überwogen Verzweiflung und Demütigung. Ich wollte aufarbeiten, doch mir fehlte der nötige Abstand. Obwohl mein Verstand mir immer wieder hilfreiche Auswege zuflüsterte und mir einredete, dass ich klug gehandelt hatte, überwogen Wut, Enttäuschung und die Verletzung. Schließlich kam ich zu der Erkenntnis, mich ohne Not selbst in diese Lage gebracht zu haben. Ich selbst hatte mich zum Aschenputtel degradiert, hatte zu wenig auf mich geachtet und zu wenig verlangt.

„Eine Frau muss etwas kosten, damit der Mann ihren Wert erkennt. Wer nichts fordert, wird gefordert und ist schließlich überfordert. Merk dir das“, hatte meine viel zu früh verstorbene Patentante mir schon als Teenager mit auf den Weg gegeben. Ich hatte es vergessen und mein Leben zielsicher geradewegs in das Auge eines Tornados gesteuert. Das sollte nie wieder geschehen. Nie wieder wollte ich mein Licht unter den Scheffel stellen, nie wieder wegen meiner hausfraulichen Leistung geliebt werden wollen, nie wieder genügsam und pflegeleicht sein. Ich nahm mir vor, meine Ansprüche an eine Partnerschaft genau zu definieren und sie zielgerichtet und entschlossen einzufordern.

Am Abend rief Johannes an, doch ich ging nicht ans Telefon. Immer und immer wieder hinterließ er Nachrichten. Zu Beginn empörte, wütende, beleidigende, dann verstörende, ruhigere, bis besänftigende. „Verzeih mir!“, hatte er schließlich in seiner ihm eigenen Kurzfassung per WhatsApp geschrieben. Ein erbärmlich feiger Furz in dem Hurrikan, den er angerichtet hatte. In seinem letzten Versuch flehte er mich auf meiner Sprachbox an: „Lass uns Freunde bleiben.“ Ich war kurz davor gewesen, auf seinem Anrufbeantworter ‚Leck mich‘ zu hinterlassen. Doch so bin ich nicht erzogen. Oder sollte ich doch? Noch heute gibt es solche Momente, in denen ich es am liebsten nachholen würde. Aber nein, Typen wie er verdienen es nicht, dass man sich zu solchen Aussprüchen herablässt. Man muss sie einfach laufen lassen. Es war mir ein innerer Vorbeimarsch gewesen, seine Nachrichten zu löschen und ihn aus meinen Kontakten zu streichen.

3. PeJas Kontakte – Menningers Methoden

 

Na ja, jedenfalls nutzte PeJa jetzt den Kontakt zu seinem Zögling und meinem Verflossenen. Hinter den Kulissen wurden mächtig die Strippen gezogen. Auch Menninger war aktiviert, der für den Notfall bereits ein brisantes Papier über Schmittmeyer junior angelegt hatte. Unschön, verwerflich, diese Methoden. Und das ist noch sehr milde ausgedrückt. Doch in diesem Falle geht es nicht um Befindlichkeiten einer frustrierten Assistentin. Es geht vor allem um dreihundertfünfzig Arbeitsplätze, um Existenzen, um Menschen, die am Monatsende ihren Lohn erwarten und in Existenznot geraten, wenn er ausbleibt. Als ich darüber nachdenke, wird mir übel und gleichzeitig ertappe ich mich dabei, mich gut zu fühlen.

Menningers Pamphlet kam glücklicherweise nicht zum Einsatz. Es waren einzig PeJas gute Kontakte, die zu dem heutigen Treffen führten.

Ich sitze an meinem Schreibtisch und schaue mir die Unterlagen an, die PeJa gestern vorbereitet hat. Sie sind genial. Ich werde seine Berechnungen in überzeugende Diagramme und seine Strategie in eine sehr ordentliche Präsentation verpacken. Nach zwei Stunden ist das Werk vollbracht. Noch einmal schaue ich mir das Ergebnis in Ruhe an und bin zufrieden.

„Was machen Sie denn so früh am Morgen hier?“, unterbricht mich PeJas dunkle Stimme. Erschrocken zucke ich zusammen.

„Ich brauche dringend Ihre Hilfe“, sagt er mit diesem Unterton, der mir ankündigt, dass Arbeit auf mich wartet, die absolut diskret und privat ist. Dabei schaut er mich mit seinem Ich-leg-dich-flach-Blick an. Er kann halt nicht anders. Er kennt nur diesen einen Blick, wenn er bei Frauen etwas erreichen will. PeJa ist ein Parketthengst, und zwar einer von der schlimmen Sorte. Alle scheinen vor ihm dahinzuschmelzen. Ich bin außen vor und diejenige, die ihm seine Angebeteten vom Halse hält.

„Schicken Sie doch der Marion aus Frankfurt einen großen bunten Blumenstrauß“, nuschelt er fast beiläufig vor sich hin.

„Hat sie Geburtstag? Oder was soll auf der Karte stehen?“, frage ich hinterhältig. Ohne auch nur aufzublicken und ohne mit der Wimper zu zucken, fährt er fort: „Für die wundervolle Nacht.“

Ich verdrehe innerlich meine Augen, notiere seine Wünsche auf meinem Block und setze mich vor ihm an den Schreibtisch.

„Alle Unterlagen liegen bereit. Die Präsentation steht. Alle Vorbereitungen sind getroffen. Es kann losgehen.“

Während er die Präsentation auf seinem PC überfliegt, fahre ich fort: „Gehen wir noch kurz den Tagesablauf durch. Also: Wir erwarten die Delegation um zehn Uhr. Schmittmeyer senior ist höchstpersönlich dabei. Außerdem erwarten wir den Junior, den Finanzdirektor Herrn Clemens Reul und den Anwalt Dr. Schubert. Hier noch einmal die Namensliste und die Positionen.“

„So gefällt mir das“, sagt PeJa und reibt sich zufrieden die Hände.

„Für dreizehn Uhr habe ich einen Tisch im Landgut Bresse reserviert und danach findet die Betriebsbesichtigung mit Herrn Poht statt. Ich klinke mich in der Zwischenzeit aus.“

„Wieso das denn?“ PeJa schaut mich panisch an, als könne während meiner Abwesenheit alles aus dem Ruder laufen.

Das hat was. Und obwohl wir beide wissen, dass das völliger Unsinn ist, fühle ich mich aufgewertet.

„Ich habe um vierzehn Uhr ein Vorstellungsgespräch mit meiner möglichen Sekretärin.“

Jetzt verzieht PeJa sein Gesicht so, als habe er in eine Zitrone gebissen. „Wieso Sekretärin? Wenn das hier schiefgeht, werden alle entlassen.“

Doch seine Gefühlsausbrüche beeindrucken mich schon lange nicht mehr. Jetzt kommt mein Motivationspart. „Wieso schiefgehen? Sie machen das schon. Und außerdem ist es ja erst einmal nur ein Vorstellungsgespräch.“ Mit diesen Worten und einem belanglosen Lächeln verlasse ich sein Büro und schließe gleich die Tür hinter mir, sodass ich sein Genörgel im Hintergrund nicht mehr höre.

Da liegt sie, die Bewerbungsmappe. Ich schlage sie auf und stoße einen zufriedenen Seufzer aus, als das Telefon klingelt.

„Hey Britta, du denkst doch an heute Abend, oder?“

„Was ist denn heute Abend?“

„Oh, Gott! Du hast es vergessen! Gut, dass ich dich anrufe. Für heute Abend hatte ich doch ein paar Leute eingeladen. Ich habe fest damit gerechnet, dass du uns ein paar Salate zauberst.“

„Davon weiß ich nichts. Und das geht auch nicht. Ich bin vor neun Uhr heute Abend nicht zu Hause. Wie kommst du überhaupt auf die Idee, dass ich deine Gäste bekoche?“

„Weil du es kannst? Ich war schon so oft bei anderen eingeladen. Die hänseln mich schon. Ich muss das jetzt mal durchziehen. Es ist wirklich wichtig.“

Augenblicklich zieht sich mein Magen zusammen, denn da ist wieder jemand, der meine hausfraulichen Dienste einfordert. „Schluss jetzt. Geh aus der Leitung und lass mich meine Arbeit machen. Sonst bin ich vor zehn heute Abend nicht zu Hause.“

„Soll ich etwa absagen? Die wollen alle etwas essen. Wie stehe ich denn jetzt da?“

„Mach, was du meinst, Chris“, antworte ich mit angezogener Handbremse, lege auf und nehme mir vor, Chris in seine Schranken zu weisen.

Wie konnte es nur so weit kommen? Chris war nach einer Silvesterfete einfach geblieben. Hanne, die ich vom Yoga kannte, hatte ihn mitgebracht. Zu müde und zu betrunken, um nach Hause fahren zu können, hatte er sich einfach in mein Bett gelegt und war dort tief und fest eingeschlafen. Auch ich war müde und angetrunken gewesen und hatte mich dazugelegt. Am nächsten Morgen lagen wir eng umschlungen und zu meiner großen Beruhigung vollständig bekleidet in meinem Bett. Chris konnte sich an nichts, ich mich nur bruchstückhaft erinnern. Also beließen wir es dabei. Er wollte noch aufräumen und dann gehen. Doch er blieb und ich ließ ihn gewähren. Nach ein paar Tagen fand ich in meinem großzügigen Abstellraum eine mit FC-Bettwäsche bezogene Matratze und einen eilig aufgestellten Kleiderständer mit einer überschaubaren Anzahl an Kleidungsstücken. Im Wohnzimmer hatte er eine uralte Stereoanlage aufgestellt, die ich sofort in die Abstellkammer verfrachtete. Er beschwerte sich nicht. Ja, es gab nicht einmal einen dummen Kommentar. Er war mit allem zufrieden. Und wenn ich ehrlich bin, war ich froh, dass wieder jemand bei mir wohnte. Denn nach der Trennung von Johannes fühlte ich mich oft allein. Er schließt gerade sein Jurastudium ab, isst meinen Kühlschrank leer, benutzt meine Wohnung wie die seine und ist einfach nur da.

„Die Herren sind gerade vorgefahren“, meldet Margarethe vom Empfang. „Danke, Margarethe. Wir kommen ihnen entgegen.“

PeJas Tür steht offen. Er hat die Ankündigung gehört. Ich werfe meine Kostümjacke über, richte meinen Rock und schon ziehen wir Richtung Empfang. Energisch begrüßt PeJa zuerst Herrn Schmittmeyer senior, dann die anderen Herren und stellt mich schließlich vor.

„Ich bin Clemens Reul“, sagt als Letzter der mir bereits durch die Namensliste bekannte Enddreißiger und hält ein wenig zu lange meine Hand. Seine Augen durchdringen mich mit einer merkwürdigen Vertrautheit. „Kann es sein, dass wir uns kennen?“, fragt er schließlich, als wir gemeinsam die Treppe hochgehen.

„Woher sollen wir uns kennen? Ich denke nicht“, antworte ich kurz. Dennoch beobachte ich, wie sein Blick den gesamten Vormittag immer wieder zu mir herüberschweift. Ende dreißig, leichte Silberfäden durchziehen sein dunkles Haar. Er ist sehr gepflegt und sein Verhalten ist sicher und routiniert. Woher sollte ich so einen Mann kennen? Der wäre mir doch aufgefallen. ‚Sicher wieder nur so eine Anmache‘, flüstert mir mein Teufelchen zu. ‚Nein, das ist nicht sein Stil‘, sagt mein Verstand. Ich ertappe mich dabei, sein Interesse zu genießen, wohl wissend, dass es falsch ist.

 

4. Carla überrascht

 

Der Vormittag vergeht wie im Fluge. Die Präsentation war überzeugend. Alles läuft wie geschmiert, sodass ich mich absetzen kann, nachdem die Delegation ins Landgut Bresse aufgebrochen ist. Jetzt, wo die Spannung abfällt, meldet sich mein Magen. Bis auf Kaffee habe ich bisher nichts zu mir genommen. In einer guten Stunde steht die Bewerberin auf der Matte und auf Smalltalk in der Kantine steht mir jetzt nicht der Sinn. Also beschließe ich, kurz in die Stadt zu fahren und das erst kürzlich neu eröffnete La Fourchette zu besuchen, von dem man nur Gutes hört. Schnell werfe ich meinen hellen Trenchcoat über, greife im Laufschritt meine Tasche und steuere das La Fourchette an. 

Alle hier hatten offensichtlich die gleiche Idee, denn das Lokal ist brechend voll. Der Kellner rennt hin und her und scheint vollkommen überfordert. Doch Rücksichtnahmen kann ich mir gerade jetzt nicht leisten. Ich muss endlich etwas essen. „Hallo, Ober“, rufe ich genervt.

Doch der schaut nicht in meine Richtung. Noch ehe ich mich versehe, huscht eine energische Mitte-Dreißigerin an mir vorbei.

„Hallo Maurice“, ruft sie und winkt dem Kellner siegessicher zu. „Du hast doch sicher ein Plätzchen für deine Lieblingskundin, oder?“ Maurice zwinkert ihr mit einem wohlwollenden Lächeln zu und führt sie an einen kleinen Tisch am Fenster.

‚Na toll’, denke ich. ‚Und was ist nun mit mir?‘ Noch einmal melde ich mich, stelle mich jetzt auf die Fußspitzen und hebe fordernd meinen rechten Arm. Ich komme mir vor wie eine Furie, doch diesmal hat er mich wohl bemerkt. „Haben Sie auch noch ein Plätzchen für mich?“, frage ich flehentlich.

„Tant pis pour vous, Madame, aber Sie sehen: Alle Tische sind besetzt.“

„Ich brauche nur einen winzigen Platz, denn ich habe einen riesigen Hunger und megawenig Zeit.“ Dabei drücke ich ihm diskret zehn Euro in die Hand.

„Mal sehen, was sich machen lässt“, beeilt sich Maurice nun aufrichtig.

‚Na, geht doch!‘ Er steuert auf seine Lieblingskundin zu. Und, tatsächlich, nach einem kurzen Gespräch bietet er mir einen Platz an ihrem Tisch an.

„Es wird ganz schön eng, Madame. Aber geduldige Schafe gehen viele in einen Stall“, sagt er und bricht in ein kurzes, schrilles Kichern aus. Mich mit einem Schaf zu vergleichen, ist reichlich unverschämt. Ich bin heute auf solche Scherze nicht eingestellt. Während ich mich ärgere, bekommt mein Gegenüber einen Lachanfall. Wir haben eindeutig nicht den gleichen Humor. Doch brav stelle ich mich ihr vor: „Lieb, dass ich an Ihrem Tisch Platz nehmen darf. Ich heiße Britta.“

„Ich bin Carla“, antwortet mein Gegenüber, während Maurice ungeduldig darauf wartet, endlich seine Bestellung aufnehmen zu können. „Was darf ich den Damen bringen?“ Carla bestellt eine Tomatensuppe Spezial.

„Und Sie, Madame?“

„Noch ein Gedeck bringen wir ja hier wohl nicht unter. Was empfehlen Sie mir?“

Maurice überlegt und weiß dann gleich, was ich essen möchte. „Zwei délicieuse Sandwiches, eines mit jambon und eines mit fromage, und einen Kaffee?“

„Zwei mit fromage und dazu einen Cappuccino“, antworte ich und setze ein gequältes Lächeln auf.

‚Hoffentlich textet sie mich nicht zu‘, denke ich. Vorsichtshalber hole ich meinen Terminplaner hervor und checke völlig überflüssigerweise die Termine der gesamten Woche. Bereits nach wenigen Minuten serviert Maurice zunächst seiner Lieblingskundin die Tomatensuppe und reicht mir den Cappuccino. Für die kleine Etagere, auf die er die beiden Sandwiches angerichtet hat, bleibt kein Platz mehr. Die stelle ich auf die Fensterbank. „Jetzt müssen wir den Dessertteller noch unterbringen“, sage ich und erwarte etwas Kreativität für mein üppiges Trinkgeld. Maurice ist sichtlich überfordert. Ehe ich mich versehe, nimmt er die Menükarten weg, stolpert und fällt gegen den Tisch. Dabei schwappt Carlas Tomatensuppe über meinen weißen Rock. Ich springe hysterisch auf und verschütte dabei meinen Cappuccino. Der Anblick von verschmierten Tomaten, vermischt mit Suppengrün und braunem Kaffee auf weißem Hintergrund, lässt auf eine blutige Schlacht mit schweren Verletzungen schließen. „Was soll ich nun machen? Gleich habe ich einen Besprechungstermin“, flüstere ich resigniert. Selbst für Carlas Humor ist das zu viel. Sie schlägt entsetzt die Hand vor ihren wohlgeformten, roten Mund. Maurices Gesichtsfarbe wechselt von puterrot auf kreidebleich. Er weiß offensichtlich, dass Tomaten auf weißen Baumwollröcken nicht einfach abzuwischen sind.

„Excusez-moi, Madame. Isch bin untröstlisch.“

„Schon gut“, winke ich ab. „Sagen Sie mir lieber, was ich nun machen soll.“ Maurice überlegt angestrengt und kommt gleich auf eine Lösung. „Was halten Sie davon, auf meine Kosten gegenüber in der kleinen Boutique einen neuen Rock zu kaufen?“ Er meint es ernst. Jedenfalls ist sein Vorschlag überzeugend und beruhigt mich sofort. Trotz dieser Lösung und meiner wiedergefundenen Ruhe sehe ich, wie sehr Maurice den Vorfall bedauert.

„Isch bin wirklich désolé, Madame. Isch lade Sie für morgen oder an einem der kommenden Tage zu Mittag ein. Dann regeln wir die Formalitäten für die Versicherung. D’accord?“

„D’accord“, sage ich und mache mich hungrig und sofort auf den Weg in die Boutique.

Um Punkt vierzehn Uhr meldet Margarete das Eintreffen der Bewerberin. „Schicken Sie sie hoch“, sage ich und schaue noch einmal kurz auf ihre Unterlagen. „Ohne Foto“, hatte ich mit einem Ausrufezeichen auf den Deckel der Bewerbungsmappe notiert. Doch ihre Referenzen und Zeugnisse lesen sich wie der Zuschnitt meiner Vorstellungen. Als sie anklopft, lege ich die Unterlagen zur Seite und strecke meinen Rücken. Energisch betritt sie den Raum. Uns beiden stockt der Atem, bis ich mich fange.

„Sie sind also die Bewerberin? Ja, wenn das kein Zufall ist.“ Vor mir steht Carla, meine Tischnachbarin vom La Fourchette.

Sichtlich überrascht, reicht sie mir die Hand. „Ich bin Carla Henning und freue mich, Sie kennenzulernen“, sagt sie etwas zögerlich.

„Nehmen Sie doch bitte Platz“, antworte ich und komme gleich zur Sache, um nicht noch einmal auf die unangenehme Situation im Restaurant angesprochen zu werden. „Also, Ihre Bewerbung hat mir sehr gut gefallen. Sie sind offensichtlich kreativ, formulieren sehr präzise und haben ausgezeichnete Bewertungen. Ihr letztes Zeugnis ist von Elektro Henning ausgestellt. Ist das Familie von Ihnen?“

„Ja“, antwortet Carla und geht nicht weiter darauf ein.

„Wie dem auch sei, auch dieses Zeugnis ist hervorragend. Und wie ich im Restaurant gesehen habe, verfügen Sie über das nötige Durchsetzungsvermögen. Das werden Sie hier brauchen. Jetzt müssen wir nur noch miteinander auskommen und Ihnen muss die Arbeit hier gefallen. Ich würde Ihnen gerne ein paar Probearbeitstage anbieten. Wann ist das bei Ihnen möglich?“

Mit diesem Gesprächsverlauf hat Carla nicht gerechnet. Und genau das ist meine Absicht. Ich möchte wissen, wie sie auf unvorbereitete Situationen reagiert. Eine kurze Unsicherheit fährt über ihr Gesicht, doch gleich steht Entschlossenheit in ihren Zügen.

„Ich habe heute und an den nächsten Tagen nichts vor. Also verfügen Sie über mich. Wenn Sie möchten, hänge ich gleich meinen Mantel an den Haken und lege los.“