Racheplanet - Mike Sand - E-Book

Racheplanet E-Book

Mike Sand

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Beschreibung

In einem unbarmherzigen Bürgerkrieg, in welchem sich unterschiedliche Gesellschaftsordnungen gegenüber stehen, kämpfen die verfeindeten Generäle nicht bloß um den Sieg auf dem Schlachtfeld, sondern auch um die Liebe einer Frau. Während der Kämpfe zwischen der Föderation und dem Bund ereignen sich sonderbare Phänomene, welche eine ehemalige Tänzerin zu einer mächtigen Prophetin werden lassen. Die Anführerin der neuen Religion führt einen Kreuzzug im Namen des neuen Gottes quer über den gesamten Kontinent. Ihren Kreuzzug missbraucht die Prophetin jedoch, um an allen Rache zu nehmen, die ihr einst ein Leid zugefügt hatten.

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Seitenzahl: 395

Veröffentlichungsjahr: 2021

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INHALT

Dramatis Personae

Harrland

Tres Urbes

Harrland

Tres Urbes

Großreich der Vereinigten Stadttore

Tres Urbes

Grenzgebiet

Großreich der Vereinigten Stadttore

Tres Urbes

Harrland

Großreich der Vereinigten Stadttore

Grenzgebiet

Reich der Skår

Nördliches Skåranien

Großreich der Vereinigten Stadttore

Nördlich des Polarkreises

Orbit

DRAMATIS PERSONAE

BUND DES NORDENS (ROTJACKEN)

General Enno von Zorkheim (Oberkommandeur der bündischen Streitkräfte)

Freifrau Karlutte von Zorkheim (geb. von Zabelstein-Rayenbach, Ehefrau General von Zorkheims)

Freifrau Tensine von Zabelstein-Rayenbach (Karluttes Mutter)

Oberst Ungolf Gieselhorst Tzarpitz (Lebemann und rechte Hand General von Zorkheims)

General Marzen zu Bracquetejîl-Baer (Kommandeur der bündischen Süd-Armee)

Admiral Kirnort Thallenbach (Kommandeur der bündischen Flotte)

Konsul Graf von Flanderbach (Regierungschef des Bundes und Gegner der Separation)

Praekonsul Freiherr von Mallen-Stockingheim (Befürworter des Frieden und der Separation)

Gräfin Bernalutte di Jaquor von Ritzlmark (General Marzens Gattin pro forma)

Major von Raukeit (Anführer der Hunde-Kompanie)

Major Waenkirn de Lorrisfort (Kommandeur der Militärpolizei in Kronstadt)

Leutnant Kirnort Drayer (Späher der Nordarmee)

Frärich Gompfenberg (Kaufmannsgehilfe aus Skåranien und Sepjes Vater)

Unteroffizier Riggaertsen (Feldjäger)

Darntje Zipfkirn (Haushälterin der Zabelstein-Rayenbachs in der Winterallee 14)

Gannort (Kellermeister der Zabelstein-Rayenbachs in der Winterallee 14)

General Uhlbrecht von Teckelstein (Ersatzgeneral)

General Gereck zu Schlagfelden (erfolgloser Belagerer vor Monogartys)

Sepirn van Olmsburg (Mitunterzeichner der Friedensvertrages von Kronstadt)

Freiherr Kirnort von Zabelstein-Rayenbach (Karluttes verstorbener Vater)

Dernold und Frärich (zwei Jungs aus Lohenweiler)

FÖDERATION DES OSTENS(SEPARATISTEN)

Freiherr Generalfeldmarschall Scharn beim Greifenstein (Oberkommandeur der gesamten föderalen Streitkräfte)

Freifrau Spinilla beim Greifenstein (Scharns verstorbene Mutter)

Oberst Rischeck (Kommandeur der Tornhorster Freiwilligen)

Panunivessor Rectore Nebelsang (Leibarzt beim Greifensteins)

Oberst Enno bei der Weiden (Stabsoffizier beim Greifensteins)

Graumann von Zipf (Bürgermeister von Monogartys)

Leutnant Felgertsen (Adjutant beim Greifensteins)

Leutnant Kirnmar Flöttersen (gutaussehender Haderlump)

Fra Dournikos (Auftragsmörder)

Edzarn Dournikos (Fras Ziehvater)

Gannort Semtlard (Überläufer und Denunziant)

Therben Nill (Soldat der Mauerwacht von Monogartys)

Seport Baumflink (Soldat und Frauenversteher)

Gereck Nachtfuchs (Dieb aus Monogartys)

Landgraf Roufert Lae-Bassinfort (Meretrix’ verstorbener Ehemann)

Pelinos Cratuul (längst verstorbener, adliger Großvater der Prophetin Sepje)

Saatje (Haushälterin der Lae-Bassinforts)

Gumm (Stallknecht der Lae-Bassinforts)

Mertje (Magd der Lae-Bassinforts)

JÜNGER DES GOLDENEN GOTTES NERUKN’ADOLL

Sepje Cratuul (Prophetin)

Edelfrau Meretrix Lae-Bassinfort (Sepjes Mutter)

Jatrane Liptiken (Sepjes designierte Nachfolgerin)

Rectore Garmgar Rastigmann (Heiler und Experte für Drogen)

Gaeblard (Grauer Genosse, später Anhänger des goldenen Gottes, Sepjes Leibwächter)

Nobbor (zweiter Leibwächter Sepjes)

Frankmann von Glockheim (Aufklärer der Prophetin)

Twentje (Krankenschwester und Witwe)

Jünger Walgerin (Spendeneintreiber für den goldenen Gott)

Rederick aus Perrigatum (gutaussehender Jünger Neruk N’Adolls)

Tornert und Ulbert (Wachen)

Nantje und Clotrix (Prostituierte im Lager des Neruk N’Adoll)

DIE DRITTE FRAKTION (BUNTE ARMEE)

Freigeneral Faenkirn Graetzung (Anführer der Deserteure)

Oberst Frenkaert Denally (Freigeneral Graetzungs rechte Hand)

Panunivessor Rectore Sepirn Stockkirninger (zwangsweise emeritierter Panunivessor)

Laewirn Brandinger (Zeugwart)

Kirrn Berger (Soldat der bunten Armee)

Lewje (Mätresse und Milchmagd aus Snarkendorf, östliches Torland)

GRAUE GENOSSENSCHAFT

Oberster Genosse Nolmo (Oberhaupt der Grauen Genossenschaft)

Genosse Tempelordinator Faenkirn (Vorsteher des Matriachaldomes zu Kronstadt)

Oberste Genossin Kirntje (Sepjes Zuhälterin in Monogartys)

Genossin Polkje (Kirntjes Stellvertreterin)

SIRRTAS (NORDISCHE BARBAREN)

Karrto Liptiken (Elchmann und Jatranes Bruder)

Qar-Nuk Tschunkausken (Stärkster Krieger der Blutelche)

Rappo Terrlikönen (Karrtos Späher und hervorragender Bogenschütze)

WEITERE GELEHRTE UND KÜNSTLER

Rectore Gerond von Perm (Experte für Spanilepsi in Kronstadt)

Panunivessor Gereck van Bloomheim (Forschungsreisender und Universalgenie in Kronstadt)

Oberst-Leutnant Rectore Kirn von Stormborg (kommissarischer Oberkommandeur der bündischen Streitkräfte nach dem Frieden von Kronstadt und klassischer Philologe)

Mar-Zial (Dichter aus alten Zeiten)

Häugelsen (torländischer Maler)

DROGEN UND GIFTE

Amarillorin und Varsin (Gifte, die langsam aber tödlich wirken)

Thetaphin (Droge und Betäubungsmittel)

Mindrillo-Oratin-Serum (starkes Betäubungsmittel für eine Vollnarkose)

Crème Myladir (traditioneller hochprozentiger Likör auf dem Nordkontinent Meha)

Rubinsaft (teures, alkoholhaltiges Getränk)

Grüner Schachter (Magenbitter)

Stählinger Brand (40prozentiger Schnaps)

GÖTTER UND GEISTER

Die Große Mutter (Weibliche Schöpfergottheit, welche die Weltscheibe Baganteshvara auf ihren Brüsten im Gleichgewicht hält)

Anumatti (Geisterelch, welcher das Ende der Welt einleiten und die Elchmänner zu Herrschern des Universums machen wird)

Neruk N’Adoll (auch als der goldene Gott der Liebe bekannt, welcher seine Jünger zur Weltherrschaft führen wird)

VIER DER ALTEN GÖTTER:

Thahalas-Vara (Gott des Meeres)

Manto-Kiteshvara (Gott des Krieges und der Weisheit)

Sunatet (Muttergottheit der Fruchtbarkeit)

Ri-Xitar (Göttin der List und der Schönheit)

HARRLAND

Die Flachsfelder von Lohenweiler am Rande des Waldes von Brac boten das ideale Schlachtfeld. Der Flachs stand in dieser Jahreszeit noch nicht so hoch, als dass er für die Soldaten und Pferde im Gefecht eine Behinderung war. Die Ernte würde dieses Jahr ausfallen, denn die Lafetten der 84 Kanonen und deren Zugpferde hatten keine Gnade mit den zarten, grünen Flachstrieben gezeigt und die gesamte Ackerfläche bei anhaltendem Regen bereits in kürzester Zeit in einen Sumpf aus dunkelbraunem Matsch und Blut verwandelt. Für die zumeist hörigen Bauern Lohenweilers war dies jedoch nicht die einzige Katastrophe, die über ihren kleinen Ort hereingebrochen war: Nachdem zuerst die einheimischen, harrländischen Soldaten unter General Feldmarschall Scharn beim Greifenstein die Vorratskammern geplündert, alles verwertbare Vieh und selbst die Jungen, denen noch nicht einmal der erste zarte Flaum im Gesicht stand, als Rekruten mitgenommen hatten, fiel schließlich auch noch die feindliche Soldateska in den Ort ein. Vergewaltigend, mordend und plündernd sorgten die torländischen Truppen an einem einzigen Vormittag dafür, dass der kleine Ort Lohenweiler mehr als die Hälfte seiner etwa 600 Einwohner verlor.

General Enno von Zorkheim gefiel dies nicht. Er hasste den Geruch brennender Orte und das flehentliche Geschrei der Frauen. Besonders die weinenden Kinder hatten sich in diesem Krieg scharf in seine Erinnerung eingebrannt. Er und seine Offiziere waren nach fast fünf Jahren Bürgerkrieg nicht mehr dazu in der Lage, ihre von Hass zerfressenen und verhärmten Männer vom Marodieren abzuhalten. Enno hatte in den letzten Wochen mehrfach den Eindruck gehabt, dass die Soldaten seiner Armee nach fünf Wintern Krieg nicht mehr lange weiterkämpfen konnten und kurz vor einer Meuterei standen. Wenn er eine Revolte vermeiden wollte, durfte er ihnen nicht mehr verweigern, wonach sie sich bereits seit Monaten sehnten: Rache an den Harrländern, Frauen und das Gold der Feinde.

Von Zorkheim wusste außerdem, dass er mit dieser Schlacht, die ihm und seinen Männern heute auf den Feldern von Lohenweiler bevorstand, den ganzen Krieg endlich beenden konnte und somit auch die Schreie der Frauen und den Geruch brennender Städte. Auch seine Soldaten wussten das. Enno schien es, als wollten die Männer heute die letzte Möglichkeit nutzen, ihre gesamte angestaute Wut auf die Harrländer rauszulassen und diese über den kleinen unschuldigen Ort Lohenweiler auszuschütten. Das Ende des Krieges war fast mit den Händen greifbar, und alle torländischen Soldaten wollten ihn heute offensichtlich mit einem möglichst gnadenlosen Stoß herbeiführen.

Angewidert spuckte von Zorkheim den Priem Kautabak aus, auf dem er viel zu lang gekaut hatte. Er war nervös und angespannt. Mit seinen 30 Jahren kam er für einen General verhältnismäßig jung daher. Seine großartigen Erfolge in den sandländischen Feldzügen des Bundes, seine Empfehlungen und nicht zuletzt die Tatsache, dass es in Kronburg schlichtweg keinen Besseren gab, hatten ihn in die Position gebracht, in der er sich heute befand.

Von Zorkheims Gegner, General Feldmarschall Scharn beim Greifenstein, war fast doppelt so alt wie er. Mit seiner Erfahrung und einem unglaublichen Gespür für das richtige Momentum hatte der Alte es, trotz Unterlegenheit in Material und Truppenstärke, immer wieder geschafft, ihn in Fallen zu locken und somit den Torländern empfindliche Verluste zuzufügen. Scharn beim Greifenstein galt bei seinen Männern als unbesiegbar. Mittels seiner unerreichten Autorität und Beliebtheit hatte es der General Feldmarschall geschafft, seine Soldaten im torländischen Gebiet zumeist von Vergewaltigungen und Morden abzuhalten. Doch nach der verlustreichen Schlacht bei Lurenburg, aus der niemand als Sieger hervorgegangen war, musste der Seperatistengeneral aus strategischen Gründen auf eigenes, harrländisches Gebiet ausweichen. Von Zorkheim war ihm selbstverständlich sofort nachgesetzt … und nun das hier. Enno von Zorkheim empfand das Verhalten seiner Männer dem General Feldmarschall gegenüber als Schande. Umso mehr wollte er an diesem Tag beweisen, dass er beim Greifenstein besiegen konnte. Die Chancen dazu standen heute sehr gut. Durch die Ruhr hatten die ausgehungerten Harrländer hunderte von Soldaten verloren, außerdem ging ihre Munition zur Neige. Schon in der letzten Schlacht hatten viele von ihnen nur noch mit dem Seitengewehr gekämpft und auf den zerfetzten grünen harrländischen Uniformen prangten schon längst keine silbernen oder goldenen Knöpfe mehr. Alles von Wert hatten sie vermutlich längst in Brandwein umgesetzt oder in den torländischen Bordellen ausgegeben. Viele von ihnen trugen noch nicht einmal mehr Stiefel.

Insgeheim bewunderte von Zorkheim die Haltung der Harrländer, was ihn jedoch in keinem Moment davon abhielt, sich nichts sehnlicher zu wünschen, als heute diesen Krieg endgültig zu beenden. Er hatte doppelt so viele Kanonen und fast dreifach überlegene Truppenstärke, dazu kam die materielle Überlegenheit in Mannschaftsausrüstung und Munition. Nun musste er einen kühlen Kopf bewahren und seinen Gegner genau beobachten. Nur keinen Fehler gegen Scharn machen, hieß seit Lingenberg und Winnenstadt seine Devise. Während dieser Schlachten hatte ihn der Alte gelehrt, was es bedeutete, wenn man seinen Feind nicht jeden Moment beobachtete und jeder seiner Bewegungen eine Bedeutung beimaß.

Beim Greifenstein hatte seine Artillerie in einer Reihe längst des Waldrandes aufgestellt. Dies hätte Enno wohl an seiner statt auch getan. Die harrländische Reiterei spielte schon längst keine Rolle mehr und fungierte nur noch als Nachrichteneinheit zwischen den einzelnen Truppenverbänden. Die verbliebene Infanterie hatte der Alte fächerförmig, vom Waldrand ausgehend, formiert. Die unsterblichen Bluttrinker, Scharns Elitetruppen, hatte der General Feldmarschall hinter den Kanonen kompakt aufgestellt. Eine Falle, die Enno schon in der Schlacht bei Rotenstein hatte kennenlernen müssen. Ein zweites Mal würde er nicht darauf reinfallen.

Die Torländer begannen mit einer Kanonade, die Beim Greifenstein unverzüglich erwiderte; doch schon bald war den Harrländern die schwere Munition ausgegangen, außerdem brachen auf gegnerischer Seite viele der veralteten Lafetten beim Abfeuern zusammen, sodass das harrländische Gegenfeuer so gut wie wirkungslos blieb. Der Nachschub an Munition auf torländischer Seite hatte hingegen solange gereicht, dass beim Greifenstein eine zweistündige Kanonade ohne mögliche Gegenmaßnahme über seine Männer ergehen lassen musste. Dies führte dazu, dass sich die unsterblichen Bluttrinker immer weiter in den Rand des Waldes von Brac zurückzogen. Dies war ein Fehler des Alten, erkannte Enno.

Der junge General gab seinem Adjutanten den Befehl, die Hundeführer an die Front zu bestellen. Seinen Stabsoffizieren gab er die Anweisung, nach dem letzten Kanonenschuss die zwei vordersten Infanterieregimenter mit aufgepflanzten Seitengewehren in Bewegung zu setzen. Die schwere Kavallerie, die aus Lanzenträgern und schlachtenerprobten Dragonern bestand, würde, unterteilt in zwei Einheiten, die Flanken der Infanterie sichern. Im Grunde konnte die Schlacht nicht mehr verloren gehen.

Die harrländischen Infanteristen kämpften mit erbitterter Wut gegen ihre Feinde. Die Offiziere hatten ihnen mitgeteilt, was die torländischen Truppen mit den Einwohnern von Lohenweiler angestellt hatten, und so manch Lohenweiler Bürger kämpfte in vorderster Front mit. Doch trotz eines hohen Blutzolls auf Seiten der Angreifer walzte die torländische Kampfmaschine über das Schlachtfeld hinweg. Zudem noch attackiert durch die schwere Reiterei, brachen harrländischer Zorn und Mut schließlich doch nach einem ersten wilden Aufbäumen in sich zusammen.

In wenigen Augenblicken würde die gewaltige Hauptmacht der Bundesarmee auf die wenigen verbliebenen unsterblichen Bluttrinker treffen, die sich hinter den nun unbrauchbaren Kanonen verschanzt hatten. Die übrigen Truppenteile, die in den Wald von Brac geflohen waren, würde von Zorkheim mittels seiner Kompanie aus Bluthunden und Jägern aufspüren.

Der junge General visierte die Standarte des Alten an. Zerfetzt hing das blau-weiße Tuch schlaff herunter. Scharn würde sicher als einer der Letzten im Wald Zuflucht suchen. Doch auch ihn würde Enno am Ende des Tages bekommen – tot oder lebendig, das war dem jungen General mittlerweile egal.

Der von grauem Dunst verhangene nordische Himmel hüllte die Landschaft durch sein gräuliches Licht in ein tristes, unheimliches Leichentuch, das scheinbar niemanden entkommen ließ; dazu kam dieser kalte, feine Nieselregen, der sich im Laufe des Tages durch den Stoff der Uniformen, bis auf die Haut hindurch gearbeitet hatte. Die alte Burgruine von Brac thronte auf einem Hügel des Waldes hoch über dem blutigen Geschehen. Ein gruseliges, doch zugleich würdiges Szenario für seinen bisher größten Sieg, dachte Enno. Er würde einige Stunden später dieses großartige Ereignis detailgetreu in seinem Tagebuch festhalten und anschließend mittels seiner ersten Aufzeichnungen dem Hohen Konzil des Bundes in Perrigatum eine genaue Beschreibung des Schlachtverlaufs zukommen lassen.

Als die Doppelreihe seiner Infanterie und die Kavallerie den Waldrand fast erreicht hatten, geschah etwas Unerwartetes: Durch sein Fernrohr beobachtete Enno wie die Bluttrinker, anstelle mit den Resten der harrländischen Infanterie in den Wald zu fliehen, an die Kanonen gingen. Im nächsten Moment war die diesig graue Luft von grausamen Donnerschlägen erfüllt.

Enno wurde mit einem Schlag bewusst, dass beim Greifenstein ihn ein weiteres Mal in eine Falle geführt hatte. Die acht verbliebenen harrländischen Geschütze feuerten aus nächster Nähe in die heranrückende Infanterie und richteten ein gewaltiges Blutbad an. Dieser Teufel hatte noch Munition übrig. Das Schweigen der harrländischen Geschütze während der Kanonade war bloß eine List gewesen. Doch von Zorkheim ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Dieses Mal sollte Scharns Verschlagenheit ihn nicht vor einer Niederlage retten.

»Weitermarschieren!«, brüllte er. »Weitermarschieren! Nur noch ein paar Meter und unsere Männer haben die Geschützstellungen erreicht!«

»Mein Herr«, schrie ihm Oberst Hartengang zu. »Wir sollten Befehl zum Rückzug geben. Die Bluttrinker werden das Sterben unserer Männer noch verschlimmern.«

»Weitermarschieren!«, beharrte Enno. »Wir werden sie einfach niederwalzen.«

»Die erste Schlachtreihe flieht bereits vor den Bluttrinkern und reißt Teile der zweiten Reihe mit sich«, erklärte Oberst Tzarpitz mit dem für ihn typischen ruhigen und zugleich spöttischen Tonfall, mit dem er Enno bereits mehr als einmal zur Weißglut gebracht hatte. Mit seinen weißen Handschuhen wirkte der Oberst auf Enno eher wie ein Gardeoffizier auf einem Opernball als wie ein Mann, welcher ein Regiment Soldaten in die Schlacht führen musste.

Von Zorkheim riss ihm wütend das Fernrohr aus der Hand, mit dem er immer noch das Schlachtgeschehen beobachtete.

»Mir ist Ihr süffisanter Tonfall nicht entgangen Tzarpitz! Und ich gebe Ihnen hiermit den Befehl, dass Sie mit dem dritten Regiment den Fliehenden entgegen marschieren und jeden Fahnenflüchtigen auf der Stelle erschießen. Anschließend rücken Sie bis zur Geschützstellung weiter vor. Es werden keine Gefangenen gemacht.«

»Auch mit den jungen Rekruten aus der achten und elften Kompanie?«

»Ja, verdammt noch mal! Mit Mann und Maus! Auch Rekruten können schließlich schießen.«

Tzarpitz deutete im Sattel eine sarkastisch anmutende Verbeugung an und ritt davon. Von Zorkheim wandte sich wieder Oberst Hartengang zu.

»Schickt auch noch die vierte Reihe in die Schlacht und anschließend die Reservetruppen und die Schwadron Husaren. Wir haben sie hier in der Falle. Wenn es sein muss, erdrücken wir sie einfach mit der Masse unserer Soldaten. Ich will hier und heute diesen unseligen Bürgerkrieg endlich beenden und koste es die Hälfte meiner Männer!«

Enno von Zorkheim zog seinen Säbel und wandte sich seinen restlichen Stabsoffizieren zu.

»Meine Herren, auch wir werden heute unseren Blutzoll zu entrichten haben. Auf meinen Befehl! Attacke.«

Damit warf General Enno von Zorkheim alles in die Schlacht, was ihm an Militär durch das Hohe Konzil des Bundes der nördlichen Reiche von Meha zur Verfügung gestellt worden war. Mit blankem Stahl ritt er seinen Offizieren im gestreckten Galopp voraus. Zu beiden Seiten fielen etliche Soldaten. Das Schlachtfeld war übersät mit Toten und Sterbenden in den roten, torländischen Bundesuniformen. Zu seiner linken Seite dröhnte ein Granateinschlag, die Detonationswelle riss ihn fast aus dem Sattel, doch es gelang ihm noch im letzten Moment den Sturz von Ross und Reiter aufzuhalten. Sein Ohr schmerzte und warmes Blut rann an seiner linken Schläfe hinab.

Die graue Luft um ihn herum schien plötzlich in braunen und dunkelroten Farben zu explodieren, als eine zweite Granate zu seiner rechten Seite ein halbes Dutzend Infanteristen in Stücke riss. Sein Pferd bäumte sich auf, dass Maul zu einem Wiehern aufgerissen. Seine ansonsten ruhige und an den Schlachtenlärm gewöhnte Stute begann nun hysterisch mit den Hinterläufen auszuschlagen. Ennos Sattel lockerte sich schließlich, so dass er zur Seite rutschte. Dies rettete ihm das Leben, denn eine weitere Detonation zu seiner Rechten, riss die Flanke seines Pferdes auf. Während er fiel, spürte er die Schrapnelle über seinen Kopf hinwegpfeifen. Eines davon traf seinen Arm und riss Stoff und Haut auf. Er fiel auf blutigen Schlamm und totes Fleisch. Als er sich wieder, noch immer durch den Sturz benommen, aufgerichtet hatte, sah er Oberst Hartengang wenige Schritte entfernt mit weit aufgerissenen Augen tot am Boden liegen. Sein gesamter Torso war durch die Wucht des Granateinschlages und der umherschwirrenden Schrapnelle aufgerissen. Enno nahm das Geschehen jetzt durch einen rot-grauen, unwirklichen Schleier wahr, so als sei er gar nicht Teil des Geschehens. Seine Ohren schmerzten fürchterlich. Die Geräusche der Schlacht drangen zu ihm wie durch eine Watteschicht – als kämen sie aus weiter Ferne.

Dann sah er seine Männer. Eine Welle aus rot Uniformierten, die mit schreckensstarren Gesichtern flohen. Soldaten aus allen Regimentern schienen in Panik geraten zu sein, selbst die aus der dritten und vierten Schlachtreihe. Reiterei und Infanterie waren in wilder Flucht durcheinandergeraten und behinderten sich gegenseitig. Jetzt wandelte sich Ennos wütende Entschlossenheit in eiskalten Hass. Er hob eine wenige Meter von ihm entfernt am Boden liegende Regimentsstandarte auf, zog seine Pistole und schoss in die Luft. Plötzlich spürte er keine Schmerzen mehr.

»Halt! Haltet ein! Ihr Pulver ist gleich gänzlich verschossen«, schrie er. Einige Männer aus der dritten Schlachtreihe erkannten ihn und kamen vor ihm zu stehen.

»Lasst uns diesen Tag nicht mehr aus der Hand geben! Zeigen wir diesen harrländischen Bastarden, dass wir Männer sind und keine Memmen!«

Die Granateinschläge ließen nun tatsächlich merklich nach und immer mehr Rotuniformierte beendeten ihre Flucht, um sich bei von Zorkheim zu sammeln, der wieder auf einen hinkenden Wallach aufgesessen war, dem er seinem Adjutanten abgenommen hatte. Eine niemals zuvor gekannte Energie stieg in ihm auf, die ihren Ursprung im schieren Hass auf den Feind hatte. Enno nahm nun alles in einer bis dahin nicht gekannten Klarheit wahr: Die einzelnen Gesichter der Soldaten, der Dreck auf Stiefeln und Uniformen und das Blut, das durch und aus seinem Körper pulste. Strahlend hell und scharf konturiert sah er den Waldrand und die halbzerfetzte blau-weiße Standarte seines Feindes.

»Nicht in dieser Richtung befindet sich der Feind! Nein dort ist er!«

Mit seinem Säbel deutete er in Richtung Waldrand.

»Lasst nicht zu, dass sich eure Kinder und Kindeskinder für euch schämen werden, weil ihr eure Kameraden ungerächt auf dem Schlachtfeld verbluten ließet. Rächt eure Freunde und lasst uns diesen Krieg hier und heute endlich beenden. Ich werde euch in die Schlacht voranreiten!«, schrie er hysterisch.

Sein blonder Bart war an einer Seite durch das aus dem Ohr laufende Blut dunkelrot gefärbt, dazu kam eine klaffende Fleischwunde am Oberarm, der er keine Beachtung schenkte. Sein martialisches Auftreten gab ihm die Glaubwürdigkeit vor seinen Soldaten, die er jetzt so dringend brauchte.

Vereinzelt begannen Männer seinen Namen zu rufen: »Enno! Enno!«

Von Zorkheim ignorierte es.

»Marschiert mit mir noch einmal gegen die Stellung der harrländischen Teufel … und wenn wir heute diese Schlacht gewinnen, verspreche ich hiermit, dass ihr euch drei Tage lang alles nehmen dürft, was ihr im gesamten verfluchten Harrland findet. Das gesamte Land der Separatisten soll euer sein, alles, was ihr findet … ihr Vieh, das Gold in den Tempeln und selbst ihre Frauen gehören dann euch. Lasst uns heute hier und jetzt diesen verdammten Krieg beenden und diese grünen Teufel ein für alle Mal in die Hölle schicken, die sie euren Familien daheim, uns und unseren toten Kameraden fünf lange Jahre lang bereitet haben. Nieder mit diesen Mördern! Nieder mit ihnen!«

»Enno! Enno!«, erklang es aus tausenden von Kehlen. Und die riesige Welle aus roten Uniformen änderte noch einmal an diesem Tage ihre Richtung, um sich scheinbar unaufhaltsam gegen den Waldrand zu wälzen, wo die verbliebenen unsterblichen Bluttrinker mit ihrem letzten Rest an Kräften und Munition auf sie warteten.

Gewehrsalven schossen über Enno hinweg. Etliche Männer fielen schreiend zu beiden Seiten. Er spürte das Blut in seinen Adern rauschen und wie es sich mit seiner animalischen Wut zu einer unvorstellbaren Lust am Töten vereinigte. Enno vergaß in diesem Moment fast alles. Er vergaß seine Geliebten daheim, seinen Rang und sogar seinen eigenen Namen. Enno war zu einem Tier geworden, zu einem hassenden nach Blut gierendem Biest, dass keine Furcht und Schmerzen mehr kannte, lediglich beseelt durch den Wunsch nach der Vernichtung des gehassten Feindes, der jetzt nur noch wenige Meter von ihm entfernt mit hämischer Mine auf ihn wartete. Alles verschmolz vor ihm zu einem einzigen blutverschmierten, schlammigen Pfad, an dessen Ende entweder der Tod oder der Triumph auf ihn wartete.

Erneut starb der Gaul unter ihm weg, auch einem dritten Pferd, das ihm ein Dragoner überlassen hatte, riss ein verirrtes Schrapnell den Bauch auf. Er kämpfte zu Fuß weiter und ging dabei im wahrsten Sinne des Wortes über Leichen. Kaum war noch ein Stück des Lohenweiler Ackers nicht bedeckt von den Toten, doch der Hass riss jede Angst, jede Scheu vor dem Tod und alle Schmerzen fort.

Die Rohre der wenigen verbliebenen harrländischen Geschütze glühten, als sie endlich die Stellung der Feinde erreichten. Mit hysterischem Geschrei fielen die Soldaten übereinander her, gnadenlos metzelten sie einander nieder. Gefangene wurden auf keiner Seite mehr gemacht. Die unsterblichen Bluttrinker kämpften mit allem, was sich zum Morden noch gebrauchen ließ: Mit Äxten, Hämmern, Seitengewehren oder Gewehrkolben.

Enno hackte mit seinem Säbel auf den Rücken eines fliehenden Grünrocks ein. Dabei fiel ihm plötzlich auf, dass – wie auch immer dies im Rausch des Mordens geschehen sein mochte – die Spitze seiner Waffe abgebrochen war. Als der feindliche Grenadier schließlich am Boden lag und um Gnade flehte, bohrte von Zorkheim ihm mit ehrlichem, blanken Hass den gezackten, scharfen Stumpf seines Stahls in den Hals.

»Nimm das für deine Granaten und meinen Hartengang, du grünes Schwein!«, brüllte er, wie er es nie zuvor getan hatte.

Jetzt waren es eindeutig mehr Grünuniformierte, die am Boden lagen und mit ihrem Blut den unseligen Acker von Lohenweiler tränkten. Noch wurde um die Standarte beim Greifensteins gekämpft, doch schon bald hielten Männer seines dritten Regiments den blau-weißen Stofffetzen in ihren Händen, um auf ihn zu spucken und ihn mit ihren Stiefeln in den blutgetränkten Schlamm zu treten.

Von Zorkheim hielt Ausschau nach Scharn beim Greifenstein und schrie in wilder Wut dessen Namen über die Köpfe der teilweise noch kämpfenden Männer, doch nirgendwo war der General Feldmarschall zu sehen.

»Sieg! Enno!«, schrien die Männer. »Enno! Enno!«

Dann sah er plötzlich Tzarpitz an ein Geschütz gelehnt. Auf seiner Wange prangte eine hässliche Wunde und im rechten Oberschenkel steckte etwas, das nach einem großen Holzsplitter aussah. Trotz der offensichtlichen Schmerzen konnte sich Tzarpitz auch dieses Mal das mokante Grinsen nicht verkneifen.

»Da sieh einer an: Die Unsterblichen sind ja doch sterblich. Hab ich gerade eben selbst überprüft, indem ich einen abgestochen habe. Dummerweise hat er im Fallen noch etwas in mich reingebohrt. Könnte ein abgebrochener Besenstiel sein oder so was in der Art. Tut verflucht weh und mit dem Reiten wird´s wohl eine Weile nicht mehr klappen. Werde mich für die nächsten zwanzig Jahre krankmelden müssen, Herr General.«

Sein unverletztes Ohr vernahm plötzliche ruhige, menschliche Sprache, dazu aus dem Munde eines gebildeten, sarkastischen Stabsoffiziers. Ganz allmählich legte sich der Schleier aus grau-rotem Hass wieder und aus der Bestie wurde langsam wieder der Mensch Enno von Zorkheim.

»Ist beim Greifenstein unter den Gefallenen?«

Tzarpitz schüttelte mit schmerzverzerrtem Gesicht den Kopf.

»Er ist mir entwischt. Beinahe hätte ich ihm den Weg abgeschnitten, doch dann ist mir der Gaul verreckt. Er ist mit etwa drei Kompanien seiner Bluttrinker in den Wald geflohen. Viele seiner Kanoniere sind ihm gefolgt. Unsere Männer haben am Waldrand gehalten. Wo ist eigentlich Hartengang?«

Von Zorkheim ignorierte Tzarpitz’ Frage.

»Das war gut so. Es macht keinen Sinn mit tausenden von Männern planlos die Verfolgung beim Greifensteins fortzusetzen. Dafür haben wir Hunde und die Kompanie Jäger. Sie wird uns vorausgehen. Wie viele Männer hat beim Greifenstein Ihrer Meinung nach noch?«

Tzarpitz zuckte mit den Achseln.

»Weiß nicht genau. Mindestens 700, allerhöchstens aber tausend Mann. Viele Verletzte waren dabei. Etliche von ihnen waren auch nicht mehr bewaffnet. Schätze, dass ich jetzt aber dringend Hilfe brauche. Es tut verdammt noch mal erbärmlich weh. Ich brauche den Stabsarzt und eine Flasche Brandwein. Wo bleiben die verfluchten Sanitäter?«

Von Zorkheim fiel auf, dass Tzarpitz seine weißen Handschuhe nicht mehr trug.

»Es ist das erste Mal, dass ich Sie im Felde ohne ihre weißen Lederhandschuhe sehe. Was ist los Tzarpitz? Sie sind doch sonst immer so um Ihr Äußeres bemüht.«

»Ich habe sie ausgezogen, damit sie nicht befleckt werden. Blut lässt sich so schlecht entfernen, besonders das harrländische. Die Handschuhe waren im Übrigen ein Geschenk Ihrer Schwester, Herr General.«

Wieder das mokante, feine Lächeln.

»Das wüsste ich! Und seien Sie froh, dass ich gerade in gnädiger Stimmung bin. Ich werde sofort nach den Sanitätern schicken lassen. Bleiben Sie solange hier, während ich mich auf die Suche nach Greifenstein begebe. Nehmen Sie inzwischen das hier.«

Enno hielt ihm ein rotes Tuch hin, das Tzarpitz überrascht entgegennahm.

»Was ist das?«

»Ein seidenes Taschentuch. Ein Geschenk Ihrer Mutter an mich. Da können Sie solange reinweinen, bis Sie beim Stabsarzt sind.«

Von Zorkheim wandte sich wieder ab und nahm mit Genugtuung zur Kenntnis, dass Tzarpitz dieses eine Mal keine zynische Gegenbemerkung mehr einfiel.

Enno wollte absolut sichergehen, dass ihm der Alte nicht noch einmal entwischte. Er brauchte dringend ortskundige Führer, auf die er sich verlassen konnte. So sandte er seine Adjutanten und einige Rekruten mit dem Auftrag aus, herauszufinden, ob es in seiner Armee Männer gab, die schon einmal im Wald von Brac gewesen waren und sich mit den geographischen Gegebenheiten dieser Gegend auskannten. Schon nach weniger als einem Intervall brachte man einen blassen Leutnant, der einen prächtigen, roten Backenbart trug, zu ihm. Der Gesichtsausdruck des Mannes war nach Ennos Geschmack eine Spur zu stolz. Fast wirkte der Leutnant überheblich auf ihn. Sommersprossen zierten sein Gesicht, was ihn zudem ein wenig spitzbübisch erscheinen ließ.

»Wie ist Ihr Name, Herr Leutnant?«

»Kirnort Drayer, Herr General!«

»Sie kennen diesen Wald?«

Drayer nickte.

»Sehr gut sogar. Vor dem Krieg bin ich hier oft Jagen gegangen. Die alte Burg ist weniger als einen halben Tagesmarsch von hier entfernt. Ein gemütlicher Spaziergang, würde ich sagen. Es gibt sogar mehrere Waldwege, die dort hinführen.«

»Warum waren Sie vor dem Krieg hier im Harrland?«, wollte der General wissen.

»Meine Frau ist Harrländerin. Ihre Familie kommt aus Tornhorst. Das liegt auf der anderen Seite des Waldes. Wir sind hier oftmals im Sommer mit meinen Schwiegereltern und meinen Neffen und Nichten spazieren gegangen. Meistens haben wir dann vor der alten Burg eine Brotzeit eingelegt. Das waren friedliche, gute Tage.«

Von Zorkheim meinte eine gewisse Kälte aus der Stimme des Mannes herauszuhören.

»Woher kommen Sie?«

»Aus Kronburg, Herr General.«

»Was meinen Sie, wird der Alte machen?«

Leutnant Drayer zögerte einen Moment.

»Vermutlich wird er versuchen, den Wald zu durchqueren, um sich danach in Tornhorst zu verschanzen.«

»Verdammt!«, dachte Enno. Genau das wollte er vermeiden.

»Das müssen wir verhindern! Sie sagen, Sie kennen den Wald gut?«

Wieder dieses kurze, bloß angedeutete Nicken.

»Ja, Herr General.«

»Wie können wir ihn, Ihrer Meinung nach, am besten einholen oder verhindern, dass er nach Tornhorst kommt?«

»Darf ich Ihnen eine Frage stellen, bevor ich darauf antworte?«

»Was wollen Sie?«

Was sollte das bedeuten? War der Mann nicht loyal oder einfach nur unverschämt? Die stechenden Schmerzen in seinem Ohr wurden plötzlich wieder stärker.

»Die Rede, die sie heute auf dem Schlachtfeld gehalten haben … das war doch nicht Ihr voller Ernst, Herr General … nicht wahr?«

Enno begriff nun, weshalb sich Leutnant Drayer ihm gegenüber so zurückhaltend verhielt: Es ging Drayer um die Familie seiner Frau, welche ihm offenbar sehr am Herzen lag.

»Ich verstehe! Schreiben Sie mir die Namen aller Ihrer Familienangehörigen auf. Von mir aus auch die Namen der Personen, welche Ihrer Familie nahestehen. Ich werde mich persönlich darum kümmern, dass ihnen nichts geschieht.«

Drayer schaute angewidert zur Seite, ohne auf den Vorschlag des Generals einzugehen.

Enno ging einen Schritt auf ihn zu. Der General konnte nicht fassen, dass einer seiner Offiziere so stur sein konnte und begann ihn anzuschreien.

»Bei der Großen Mutter, Drayer! Wir können uns hier jetzt keine ethischen Debatten leisten. Für wen halten Sie sich eigentlich? Für so eine Art Heiligen? Darf ich Sie daran erinnern, dass Sie Soldat in meiner Armee sind?«

»Das müssen Sie nicht, Herr General«, erwiderte Drayer kühl.

»Ich will diesen wahnsinnigen Krieg endlich beenden«, schrie von Zorkheim weiter. »Wollen Sie das etwa nicht?«

»Es gibt nichts, was ich mir sehnlicher wünsche, Herr General, doch nicht auf diese … barbarische Weise.«

Enno fasste sich an sein Ohr, in dem der Schmerz mittlerweile zu explodieren drohte. Im Grunde konnte von Zorkheim den Leutnant verstehen. Er atmete erschöpft aus und redete nun leiser weiter auf Drayer ein:

»Jetzt hören Sie mir mal gut zu, Drayer! Wenn Sie nicht möchten, dass der Alte den Krieg nach Tornhorst trägt … zu der Stadt, in der die Familie Ihrer verehrten Gattin lebt, dann sagen Sie mir endlich, in Mütterchens Namen, ob Sie mir helfen können oder nicht!«

Enno sah dem sommersprossigen Gesicht Drayers an, dass er begriffen hatte, in welcher Gefahr sich seine Verwandtschaft befand, wenn man beim Greifenstein nicht heute gänzlich im Wald von Brac vernichten konnte. Doch am Tonfall und der zögerlichen Art des Leutnants merkte von Zorkheim, dass Drayer inzwischen sämtliche Sympathie für die Sache seines Generals und der des Bundes verloren hatte. Enno wusste, dass er dafür verantwortlich war. Doch hätte die Schlacht auch ohne seine Entgleisung eine derart positive Wendung genommen?

Endlich begann Drayer zögerlich zu sprechen:

»In nordöstlicher Richtung von hier befindet sich eine Steigung, die auf ein Felsplateau führt. Das Plateau endet an einer Klippe, die steil 50 bis 100 Schritt abfällt. Wenn beim Greifenstein sich nicht im Wald auskennt und Sie es schaffen ihn auf die Steigung zu drängen, sitzt er irgendwann auf dem Felsplateau in der Falle.«

«Wie weit ist die Steigung von hier entfernt?«

»Für unsere noch ausgeruhten und unverletzten Männer sind es etwa zwei Wegstunden. Beim Greifensteins Truppe bräuchte etwas mehr Zeit.«

Der General begriff, was Drayer andeuten wollte. Wenn die Infanterie den Alten großräumig in V-Formation durch den Wald jagen würde, könnte man ihn in die Zange nehmen und die Steigung hinauf jagen. Enno selbst würde mit der Kompanie Jäger und Teilen des zweiten Regiments im Winkel der V-Formation marschieren und jeden Versuch eines Durchbruchs verhindern.

»Danke, Leutnant. Sie werden uns unverzüglich zu dieser Steigung führen. Wenden Sie sich an Major von Raukeit. Er führt die Kompanie Jäger an. Weggetreten!«

Drayer ignorierte den Befehl und blieb trotzig vor seinem General stehen. Was musste Enno denn heute noch alles an schlechtem Betragen hinnehmen? War Oberst Tzarpitz mit seiner respektlosen Art nicht schon mehr als genug?

»Meine Familie? Gilt Ihr Wort noch?«

»Warum sollte es das nicht? Übergeben Sie Ihre Liste einem meiner Adjutanten und ich werde alle von Ihnen aufgeführten Personen unter meinen persönlichen Schutz stellen.«

Grußlos und ohne ein Wort des Dankes wandte sich Drayer wieder von ihm ab.

Am Waldrand hatten sich inzwischen die Jäger mit den Hunden formiert. Außerdem standen die Reste des zweiten und dritten Regiments bereit, um gemeinsam mit den Jägern in den Wald vorzustoßen. Zwei bis dreitausend kampferprobte Männer würden ausreichen, um diesen grünen Bastarden endgültig den Garaus zu machen. Enno gab Befehl in gesamter Länge der ehemaligen harrländischen Gefechtsstellung in den Wald einzudringen. Im Wald schwenkten das zweite und dritte Infanterieregiment zu einer großen V-Formation um. Die Soldaten hatten die Seitengewehre aufgepflanzt und marschierten in dichten Reihen voran, sodass ein unbemerktes Durchbrechen einzelner Grünröcke schier unmöglich war.

Der Wald von Brac war ein dichter Mischwald. Zu dieser Jahreszeit reichte die Sicht im Wald wegen des Blattwerkes bloß einige Schritt weit. Die Hunde hatten die Spur der Feinde bereits nach kurzer Zeit aufgenommen. Anhand der Spuren konnten die Jäger ablesen, dass viele der Harrländer verletzt oder vor Erschöpfung kaum noch laufen konnten. Es war offensichtlich, dass beim Greifensteins restliche Truppe keine ernsthafte Bedrohung mehr für die Armee des Bundes darstellte. Trotzdem musste sie vollständig aufgerieben werden und der berühmte Feldmarschall gefasst oder getötet werden. Im Falle einer Flucht würde ein so ruhmreicher und charismatischer Mann wie beim Greifenstein weiterhin eine Bedrohung für das Konzil des Bundes darstellen. In Tornhorst und allen übrigen Gebieten der Separatisten würde er weiterhin auf Unterstützung hoffen können. Aufständische würden sich freiwillig um ihn scharen und den Bürgerkrieg im Norden weiterführen.

Von Zorkheim kam zügig voran. Seine Männer hielten die Formation ausgezeichnet. Hin und wieder versuchten vereinzelte Grünröcke erfolglos, die dichte Formation der Torländer zu durchbrechen. Nach etwa einer Stunde Marsch versuchten bereits größere Truppenkontingente der Bluttrinker in Zugstärke Ennos Schlachtreihen zu durchbrechen. Der Alte hatte jetzt wohl begriffen, dass er von Zorkheim erneut in die Falle gelaufen war. Enno war ein zu guter Taktiker, als dass ihm auch nur ein feindlicher Soldat entkommen konnte. Die wenigen, einzelnen Grünröcke, welche die Reihen der torländischen Infanterie durchbrochen hatten, wurden anschließend von den Bluthunden in Stücke gerissen oder durch die nachsetzenden torländischen Jäger getötet.

Schließlich, kurz bevor der Alte auf dem Felsplateau angelangt war, kam es zu einem letzten verzweifelten Ausbruchversuch auf Ennos vermeidlich schwächerem linken Flügel. Von Zorkheim eilte unverzüglich mit der Hälfte seiner Jäger der Infanterie zur Hilfe. Nach einem kurzen aber heftigen Gefecht, bei dem viele Männer auf beiden Seiten ihr Leben lassen mussten, war der letzte Durchbruchversuch der Grünröcke gescheitert, und es stand endgültig fest, dass beim Greifenstein auf dem Felsplateau festsaß.

Enno jubilierte innerlich. Nun konnte er sich mit der Vernichtung seines Feindes genüsslich viel Zeit lassen. Der Krieg im Norden war nun so gut wie beendet. Es fehlte nur noch das Ende des legendären Feldmarschalls. Wie würde er wohl heute seinen Tod finden? Enno fragte sich, ob Scharn wohl selbst Hand an sich legen würde. Und wenn ja, eher mit einer Kugel durch den Kopf oder ganz altmodisch mit einem Sturz in den eigenen Degen? Die Möglichkeit des Selbstrichtens wäre von Zorkheim am liebsten gewesen. Eine Gefangennahme schloss der junge General aus. So etwas Unehrenhaftes passte nicht zum General Feldmarschall. Am unangenehmsten wäre es Enno gewesen, wenn der Alte mit seinen Bluttrinkern den Tod in einem letzten ehrenhaften und verlustreichen Gefecht gesucht hätte. Es hatte längst genug Blutvergießen gegeben.

Wenige hundert Schritt vor dem Felsplateau ließ von Zorkheim seine Männer halten und Major von Raukeit und Leutnant Drayer zu sich bringen, um die nächsten Schritte mit ihnen zu besprechen. Drayer bekam Anweisung, von Raukeit, welcher die Speerspitze des Angriffs bilden sollte, über die genauen Verhältnisse des Geländes zu informieren.

»Von hier aus, können wir in einer Linie vorrücken. An beiden Flanken unserer Formation beginnen bereits die Abhänge. Es kann keiner mehr entkommen. Vermutlich sind sie bereits an der Klippe in Stellung gegangen«, erklärte der junge Leutnant selbstsicher. »Das Felsplateau ist eine steinige Lichtung, auf der lediglich niedriges Strauchwerk und Moose wachsen. Es ist flaches, überschaubares Gelände, auf dem sie sich nicht verstecken können und vor unseren Schützen keine Deckung finden.«

»Danke Drayer!«

Von Zorkheim quittierte Drayers Bericht mit einem Nicken. »Sie haben der Familie Ihrer Gattin damit einen großartigen Dienst erwiesen.«

Dann wandte er sich von Raukeit zu.

»Major von Raukeit, ich ernenne Sie hiermit zum Oberst. Sie werden das Kommando von Hartengangs übernehmen und mit den Jägern und dem zweiten Regiment in einer Linie auf das Plateau vorrücken. Sobald Sie das Plateau erreichen, lassen Sie die Hunde von der Leine! Geben Sie Ihren Männern Schießbefehl, sobald der Feind in Sichtweite ist! Ich werde ihnen mit Leutnant Drayer und dem dritten Regiment nachfolgen.«

Von Raukeit deutete im Sattel eine Verbeugung an.

»Vielen Dank, Herr General. Was ist zu tun, wenn die Grünröcke die weiße Fahne schwenken?«

Von Zorkheim gab darauf keine Antwort, stattdessen strafte er den frischgebackenen Oberst mit einem Blick, der für sich sprach.

»Ich verstehe, Herr General.«

Dann ritt von Raukeit zu seinen Männern und gab den Befehl zum Vorrücken.

Erneut richtete sich von Zorkheim an Drayer.

»Sie erhalten jetzt die Gelegenheit, Ihre Loyalität dem Bund gegenüber unter Beweis zu stellen, Drayer. Sollten wir in dem bevorstehenden Gefecht siegreich bleiben, wovon ich ausgehe, werde ich sie aufgrund Ihrer wertvollen Informationen direkt zum Major befördern.«

»Seien Sie versichert, Herr General, dass mir nichts näher liegt, als heute mit Ihnen hier der Sache der Separatisten ein Ende zu bereiten. Mit aller Kraft und Tapferkeit, welche mir die große Mutter schenken möge, werde ich an Ihrer Seite kämpfen; dennoch bitte ich Sie ein weiteres Mal inständig, das, was Sie heute Vormittag den Soldaten auf dem Felde von Lohenweiler sagten, noch einmal zu überdenken.«

Von Zorkheim ging nicht auf Drayers Bemerkung ein, doch konnte man seinem verärgerten Gesichtsausdruck entnehmen, was er davon hielt.

»Vorwärts!«, bellte Enno stattdessen laut die Männer des dritten Regiments an und wegen seines immer noch schmerzenden Ohres bereute er es im nächsten Moment schon wieder.

»Vorwärts Männer! Nur noch wenige Augenblicke und dann werden wir ein letztes Mal kämpfen müssen, um diesen Krieg zu beenden. Lasst diese grünen Hunde torländischen Stahl schmecken.«

»Enno! Enno!«, skandierten die Soldaten euphorisch und so laut, dass es die Grünröcke mit Sicherheit auf dem Plateau hören konnten. Die torländischen Infanteristen marschierten siegesgewiss an der Seite ihres Generals in das letzte Gefecht eines unseligen Bruderkrieges, aus dem sie nun, durch diesen letzten Kampf im Wald von Brac, als Sieger hervorgehen würden.

Noch bevor der General mit gezogenem Degen das Plateau erreichte, hörte er die erstaunten Rufe der Soldaten des zweiten Regiments. Das erste, was Enno sah, waren die mit aufgeregt wedelnden Schwänzen schnuppernden Bluthunde, die irritiert auf dem flachen, steinigen Plateau umherliefen, so als ob sie nicht fassen konnten, dass das Wild, was sie so sicher gestellt wähnten, nicht da war.

Das Plateau war menschenleer, und jenseits der breiten Schlucht thronte – erhaben und gespenstisch – die alte Burgruine von Brac, so als wolle sie von Zorkheim und seine Armee verhöhnen.

Drayer war an der Seite des Generals geblieben und konnte nicht fassen, dass sich niemand der Grünröcke auf dem Felsplateau befand. Auch Verletzte oder gefallene Feinde waren nirgendwo anzutreffen.

»Vielleicht haben sie kollektiven Suizid begangen und sind gemeinsam die Klippe hinunter gesprungen, Herr General?«

Von Zorkheim schüttelte den Kopf. Die wieder zunehmenden Schmerzen des Ohres pulsten gleichmäßig zu den aufgeregten Schlägen seines Herzens.

»Dann würden die Bluthunde versuchen am Rande der Klippe ihre Spur aufzunehmen. Nein, Drayer, so merkwürdig es auch ist, der Erdboden scheint sie einfach verschluckt zu haben. Dieser verfluchte alte Teufel!«

TRES URBES

Sepje war die begehrteste Tänzerin in den Gebieten der Separatisten. Doch obwohl es keine Zweite gab, welche die Kunst der tänzerischen Entkleidung so beherrschte wie sie, war Sepje diese Tätigkeit von ganzem Herzen zuwider. Sie hatte sich nicht freiwillig dazu entschieden Tänzerin zu werden und sah bisher keine Möglichkeit, den Schwestern der Grauen Genossen, welche sie zu den Aufführungen zwangen, zu entkommen. Sepje wusste, dass ihre Genossinnen sie hart bestrafen würden, falls die Zuschauer mit einer Aufführung nicht zufrieden wären und so tanzte sie fast jeden Abend vor den Soldaten der Separatisten, dass ihnen die gierigen Augen und Münder weit offen standen.

Sepjes Künstlername war Trude vom Stein. In Wirklichkeit hatte sie gar keinen Familiennamen, doch das war den Grauen Genossinnen und dem Publikum egal. Für ihre Bewunderer war sie einfach nur die Hut-Trude, was daran lag, dass sich Sepje am Ende ihrer Aufführungen jedes Mal einen eleganten, schwarzen Damenhut aufsetzte, welcher als ihr Markenzeichen galt. Sie verstand es, den Soldaten, die während ihres Fronturlaubs in das Vergnügungsviertel kamen, den Sold aus der Tasche zu ziehen. Zu lasziver Blasmusik begann sie sich langsam zu entkleiden, wobei sie für jedes Kleidungsstück, das sie auszog, ein anderes anzog: Für das Oberteil zog sie sich lange schwarze Samthandschuhe an. Anstelle des langen Rocks folgten Perlenhalsband und durchscheinende Strümpfe. Die Musik wurde im Laufe der Darbietung immer schneller und Sepjes Bewegungen geschmeidiger und aufreizender. Wenn sie am Ende nur noch hochhackige Schuhe, Strapsen mit Strümpfen und die schwarzen Handschuhe trug, zog sie sich schließlich auch noch den letzten Stofffetzen von der nunmehr gänzlich nackten Scham, um daraufhin aufreizend sachte ihren berühmten Hut aufzusetzen. Die Kerle gerieten dann komplett aus dem Häuschen und hätten jedes Mal die Bühne gestürmt, wenn die Grauen Genossen mit ihren Schlagstöcken nicht zwischen ihr und dem Zuschauerbereich gestanden hätten. Die kräftigen Grauen Genossen fungierten als Schutztruppe für die Tänzerinnen und hatten das Recht jeden niederzuprügeln, der es versuchte, unerlaubt auf die Bühne zu gelangen.

In ein schwarzes Handtäschchen musste Sepje alle Münzen und Geldscheine einsammeln, welche ihr die zumeist betrunkenen Männer auf die Bühne warfen. Doch damit war ihre Demütigung noch nicht komplett. Kerle, die besonders hohe Geldscheine hochhielten, wurden von den Grauen Genossen zu ihr durchgelassen. Ab einem Wert von 50 Gartyn durfte man Trude auf ein Körperteil seiner Wahl küssen oder die Tänzerin sogar dort tätscheln. Sepje wusste genau, dass sie dabei von den Grauen Genossinnen, die hinter dem Bühnenvorhang standen, beobachtet wurde. Sie hatten ihr strengstens verboten, ein angewidertes Gesicht zu machen oder auf die zahlenden Kunden einen ablehnenden Eindruck zu machen. Deshalb zwang sie sich jedes Mal bis zum Ende ihrer Aufführungen ein unehrliches aber breites Strahlen ab, denn Sepje hatte die Strafen der Grauen Genossinnen bereits mehr als einmal kennengelernt und wollte jede weitere Bestrafung unbedingt vermeiden. Auf diese Weise hatte die Graue Genossenschaft mit ihr bereits ein beachtliches Vermögen gemacht. Von dem Geld, was sie mit ihren Darbietungen verdiente, durfte Sepje aber so gut wie nichts für sich behalten.

Nach einer ihrer Aufführungen, hatte ein Leutnant 70 Gartyn geboten, um mit Trude auf der Bühne tanzen zu dürfen. Die Grauen Genossen akzeptierten die Summe und ließen ihn zu ihr auf die Erhöhung. Der nach Alkohol riechende Offizier tanzte einen Kirrntaler-Schieber mit ihr, einen Paartanz, bei dem sich die Körper der Tanzenden eng aneinander schmiegten. Dabei führte der Leutnant Trude so, dass sie immer mit dem Rücken zu den Zuschauern tanzte, doch anstelle dabei seine rechte Hand auf ihren unteren Rücken zu legen, presste er sie stattdessen auf Trudes nackten Hintern. Die Soldaten johlten vor Freude auf und ließen Münzen und Geldscheine wie selten zuvor auf die Bühne regnen, als der Leutnant damit begann, sie immer zudringlicher zu berühren. Überraschend sanft schob er währenddessen mit seiner linken Hand Trudes Kinn zur Seite, sodass die eine Hälfte ihres Gesichtes dem Publikum zugewandt war.

»Lächle für sie! Sie haben die Hölle durchgemacht«, flüsterte er ihr zu.

»Und ich mache sie gerade durch«, dachte Sepje, während sie daraufhin über ihre Schulter blickend dem geifernden Publikum ein weiteres Mal das leere, unehrliche Strahlen darbot.

»So werden alle adligen Damen des Bundes mit uns tanzen, wenn wir den Krieg erst einmal gewonnen haben«, rief der Leutnant ins Publikum, während er dabei ihre Schulter mit Speichel benetzte und sie kurz davor stand, sich vor Ekel zu übergeben.

Dies war der Moment, als bei ihren Bewunderern das Gerücht entstand, Trude vom Stein wäre eine gefangene Hochgeborene aus dem Gebiet des Bundes, die mit den Auftritten vor den Soldaten der Separatisten Sühne für die Kriegsverbrechen ihrer Landsleute leisten wollte.

Ihr war es gerade Recht, denn so konnte sich Sepje ein wenig Erleichterung verschaffen, indem sie sich einredete, Trude vom Stein aus Perrigatum müsse dies alles über sich ergehen lassen – nicht sie selbst, Sepje. Nein, nicht die unschuldige Sepje stand dort vor einer gierigen, unbarmherzigen Masse aus stinkenden Kerlen; nicht das zarte Mädchen mit den dunklen Zöpfen, welches die Grauen Genossinnen vor einigen Jahren dem Waisenhaus abgekauft hatten, sondern Trude vom Stein, die morbide Gräfin aus Perrigatum, welche immer mehr Gefallen daran fand, für die Soldaten der Separatisten aufzutreten, stünde Abend für Abend hier auf der Bühne.

Als der tanzende Leutnant schließlich immer zudringlicher geworden war, zogen ihn die Grauen Genossen schließlich von ihr fort.

»Lasst mich!«, lallte er. »Hab noch ne Menge Sold und deshalb wird man mich eh gleich in deine Garderobe lassen, Püppchen.«

Doch Sepje sah, der Mutter sei Dank, den stinkenden Tänzer anschließend nicht wieder. Vermutlich war er mittlerweile auf irgendeinem Schlachtfeld verreckt, hoffte sie. Nach jenem legendären Auftritt hatte es dermaßen viele Münzen und Geldscheine auf die Bühne geregnet, dass Trude drei Handtäschchen und ein Schirmchen damit füllen musste. Erst nachdem sie auch die letzte Kupfermünze aufgelesen hatte, ließen die Grauen Genossinnen Trude von der Bühne. Sepje hatte einmal überschlagen, dass die Graue Genossenschaft mittlerweile, nach etwa fünf Jahren, mehr als zwei Millionen Gartyn mit ihr verdient haben müsste.

Nach den Auftritten wurden besonders reiche Verehrer oder einfach nur sehr freigebige Trunkenbolde zu ihr in die Garderobe gelassen. Wer es sich leisten konnte, den Grauen Genossinnen die enorme Summe von 150 Gartyn zu zahlen, durfte von Trude mehr erwarten als bloß einige Berührungen. Kaufmänner und hohe Offiziere brüsteten sich gern damit, einmal mit der bildhübschen Trude vom Stein geschlafen zu haben. In den Schankstuben und auf den Schlachtfeldern gaben die Männer mit ihr an, beschrieben die Schönheit von Trudes Körper und behaupteten, die hübsche Tänzerin hätte sich in sie verliebt. In Wirklichkeit musste alles recht schnell gehen, damit der Gewinn der Grauen Genossenschaft möglichst hoch ausfiel, und vor ihrer Garderobentür wachte jedes Mal ein kräftiger Grauer Genosse, der einschritt, wenn die Kundschaft gewalttätig wurde oder sich schlicht zu viel Zeit herausnahm. Zu Beginn ihrer Zeit als Tänzerin hatte Trude jeden Abend ein bis zwei Kunden in ihrer Garderobe empfangen müssen. Heute, nachdem ihre Brüste größer und ihre Rundungen noch verführerischer geworden waren, hatte sich die Zahl dieser Art von Kunden leider mehr als verdoppelt.

Nur ein einziges Mal war Sepje dafür dankbar gewesen, dass die Grauen Genossen jemanden für eine beträchtliche Summe zu ihr in die Garderobe gelassen hatten. Dies war kurz vor dem Kriegsausbruch gewesen, als Sepje gerade ihre ersten Auftritte hinter sich gebracht hatte. Marzen zu Bracquetejîl-Baer, ein hochgeborener Advocatus aus Perrigatum, war bereit gewesen, den Grauen Genossen 500 Gartyn zu zahlen, um nach der Aufführung zu ihr in die Garderobe gelassen zu werden. Für den Betrag, den Marzen entrichtet hatte, erhielt er an diesem Abend das Recht, als einziger Kunde für den Rest der Nacht bei ihr zu bleiben. Nie zuvor hatte sie einen so schönen Mann gesehen und niemand war jemals so zärtlich zu ihr gewesen wie Marzen. Noch während ihres ersten gemeinsamen Abends verliebte sie sich unsterblich in den gebildeten Rechtsgelehrten, welcher damals anstrebte Richter in Perrigatum zu werden. Sepjes Liebe wurde, der großen Mutter sei Dank, erwidert und Marzen schwor, Sepje aus den Händen der Grauen Genossinnen zu befreien, um sie danach in Perrigatum zu heiraten. Doch dann kam ihnen dieser unglückselige Bürgerkrieg in die Quere, der sie für eine lange Zeit voneinander trennen sollte; denn Marzen wurde General des Bundes und Befehlshaber der Truppen von Tres Urbes und Sepje blieb Tänzerin in der großen Hafenstadt Monogartys, welche sich unglücklicherweise als einzige Stadt der Tres Urbes den Separatisten anschloss.

Kurz nach dieser unfreiwilligen Trennung von Sepjes großer Liebe, begegnete ihr Neruk N’Adoll zum ersten Mal. Sie hatte sich wie üblich kurz vor Sonnenaufgang in ihrer Garderobe, welche auch als Schlafkammer diente, auf die verhasste Matratze gelegt, als ein heller Blitz das kleine Zimmer aufleuchten ließ. Das Licht blieb, und in dem Licht erschien der Umriss einer strahlenden männlichen Gestalt. Zuerst dachte sie an Marzen, doch als er schließlich zu sprechen begann, begriff Sepje, dass ein Gott zu ihr redete. Ein heftiger Krampf, begleitet von Zuckungen, erfasste sie und immer wieder blitzte dieses strahlend helle Licht vor ihren Augen auf.

»Hab keine Angst! Ich habe dich auserwählt! Höre meine Worte und befolge sie!«, sprach die gleißende Gestalt mit einer donnernden Stimme, die wie Kanonenschläge in ihr Hirn drang.

»Ich bin Neruk N’Adoll, der vergessene goldene Gott. Du wirst meine Prophetin sein und große Zeichen in meinem Namen vollbringen.«