Radetzkymarsch & Die Kapuzinergruft - Joseph Roth - E-Book

Radetzkymarsch & Die Kapuzinergruft E-Book

Joseph Roth

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Beschreibung

Der Roman "Radetzkymarsch" von Joseph Roth erzählt die Geschichte einer österreichischen Offiziersfamilie während des späten 19. Jahrhunderts und des frühen 20. Jahrhunderts. Roth's literarischer Stil zeichnet sich durch eine präzise Beschreibung der sozialen und politischen Atmosphäre seiner Zeit aus. Mit einem feinfühligen Blick auf die Charaktere und deren Entwicklung im Kontext einer sich verändernden Welt beweist Roth sein Talent als Beobachter der menschlichen Natur. "Die Kapuzinergruft" dagegen ist eine düstere Erzählung über das Verfallen des Adels und des alten Europas. Roth zeigt hier seine Fähigkeit, die Vergänglichkeit von Macht und Tradition zu reflektieren, und wahrt gleichzeitig eine subtile Ironie gegenüber der pompösen Vergangenheit. Joseph Roth, selbst als Jude in einer krisengeplagten Zeit aufgewachsen, konnte durch seine eigenen Erfahrungen und Beobachtungen tief in die gesellschaftlichen Strukturen eindringen und sie literarisch reflektieren. Seine Werke bieten einen einzigartigen Einblick in die Vergangenheit und die menschliche Natur, die auch heute noch von großer Relevanz sind. Sowohl "Radetzkymarsch" als auch "Die Kapuzinergruft" sind Meisterwerke, die jedem Leser, der an Geschichte und Literatur interessiert ist, dringend empfohlen werden. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.

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Seitenzahl: 842

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Joseph Roth

Radetzkymarsch & Die Kapuzinergruft

Bereicherte Ausgabe. Familie Trotta
Einführung, Studien und Kommentare von Carolin Vogler

Books

- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
Bearbeitet und veröffentlicht von Musaicum Press, 2017
ISBN 978-80-272-1428-0

Inhaltsverzeichnis

Einführung
Autorenbiografie
Historischer Kontext
Synopsis (Auswahl)
Radetzkymarsch & Die Kapuzinergruft
Analyse
Reflexion
Unvergessliche Zitate

Einführung

Inhaltsverzeichnis

Diese Sammlung vereint zwei der bekanntesten Romane Joseph Roths: Radetzkymarsch und Die Kapuzinergruft. Sie präsentiert die Werke in gemeinsamer Lektüre, um ihre thematische und ästhetische Verwandtschaft sichtbar zu machen. Beide Texte führen in ein Mitteleuropa, das an der Schwelle zur Moderne steht, und verdichten die Erfahrung eines historischen Umbruchs in konzentrierte Erzählkunst. Die Zusammenstellung richtet sich an Leserinnen und Leser, die Roths Darstellung des Habsburgerreichs in ihrer inneren Einheit erfahren möchten, ebenso wie an Einsteiger, die einen kohärenten Zugang zu seinem Werk suchen, ohne den Anspruch einer vollständigen Werkausgabe zu erheben.

Im Umfang handelt es sich um zwei eigenständige Romane, die in sich geschlossen sind und doch aufeinander verweisen. Weitere Textsorten wie Essays, Briefe oder Gedichte sind in dieser Ausgabe bewusst nicht vertreten. Der Fokus liegt auf der erzählerischen Prosa, in der Roth seine Themen am konsequentesten ausformt: Familienroman, Gesellschaftspanorama, historische Zeitdiagnose. Dabei nutzt er Verfahren der Chronik, der Satire und der leisen Elegie. Die Gegenüberstellung erlaubt, Kontinuitäten der Motive, Figurenkonstellationen und Schauplätze zu verfolgen, ohne die Werke ihrer Autonomie zu berauben.

Radetzkymarsch entfaltet das Bild eines Reiches in seinen letzten Jahrzehnten, gesehen durch das Prisma einer Familie, deren Lebenswege eng mit staatlicher Ordnung, militärischer Disziplin und gesellschaftlichen Ritualen verwoben sind. Die Kapuzinergruft setzt in derselben Welt an, verschiebt jedoch Perspektive und Ton, um das Ende einer Epoche und die Verwerfungen der Nachkriegszeit aus unmittelbarer Nähe zu zeigen. Die Kombination beider Romane zeichnet die Bewegung von Stabilität zu Zerfall nach, ohne die Figuren auf historische Allegorien zu reduzieren. Der Blick bleibt stets bei Menschen, deren Gewohnheiten von größeren Kräften überholt werden.

Als Romane teilen beide Texte die Mittel realistischer Erzählung, doch sie erweitern das Genre um poetische Verdichtung und essayistische Einsprengsel. Ereignisse werden nicht protokollarisch aufgereiht, sondern erhalten Gewicht durch Wiederkehr von Motiven, feine Perspektivwechsel und erzählerische Ellipsen. So entstehen nicht nur Handlungsbögen, sondern Seelenlandschaften. Roths Prosa verbindet erzählerische Ökonomie mit formaler Musikalität; die Kapitel fügen sich zu einem Rhythmus, der Figuren- und Zeitgeschichte gleichermaßen strukturiert. Diese formale Disziplin trägt wesentlich zur Wirkung beider Romane bei.

Das Gemeinsame der Werke liegt im Thema historischer Loyalität. Amt, Rang, Uniform, Etikette: In Radetzkymarsch und Die Kapuzinergruft sind sie nicht bloß Kulissen, sondern Lebensformen mit eigener Logik und Würde. Roth zeigt, wie Verpflichtung und Zugehörigkeit Halt spenden, aber auch erstarren lassen. Seine Figuren suchen in Regeln Schutz und Orientierung, geraten jedoch in Konflikt, wenn Geschichte die Spielräume verengt. Dabei meidet die Erzählstimme moralische Verurteilung; sie beobachtet, wägt ab, und erlaubt es, die Ambivalenz von Tradition und persönlicher Freiheit als tragende Spannung zu erfahren.

Ein weiteres verbindendes Thema ist die Topografie Mitteleuropas. Provinzstädte, Garnisonen, Kaffeehäuser und Amtsräume bilden eine Geografie, in der Rangordnungen sichtbar werden. Die vielsprachige, multiethnische Welt des alten Reiches erscheint nicht als idyllischer Hintergrund, sondern als fragile Ordnung, die auf Gewohnheiten, Zeichen und Feingefühl beruht. Roth entfaltet dieses Gefüge mit nüchterner Präzision und melancholischer Wärme. Die Orte sind Träger von Erinnerung: Straßen, Plätze und Gebäude speichern vergangene Bedeutungen und setzen die Figuren in Beziehung zu einer kollektiven Geschichte, die zu schwinden beginnt.

Stilistisch zeichnet sich Roth durch eine elegante, klare, oft unterkühlte Prosa aus, die plötzliche Momente tiefer Empfindung zulässt. Ironie und Mitgefühl halten sich die Waage, der Ton bleibt kontrolliert, auch wenn das Erzählte von Verlust spricht. Wiederkehrende Leitmotive – etwa Musik, Zeremonien, Familienrituale – strukturieren den Text. Die Erzählung spart das Spektakuläre aus und richtet den Blick auf das Gewöhnliche, in dem Geschichte ihre nachhaltigsten Spuren hinterlässt. So entfaltet sich eine Kunst der Reduktion: wenige Striche genügen, um Atmosphären, Haltungen und Konflikte dauerhaft zu evozieren.

Die Figuren beider Romane sind weniger Helden denn Träger eines Generationenwissens. Väter und Söhne, Vorgesetzte und Untergebene, Freundschaften und ungleiche Bindungen legen Mechanismen sozialer Vererbung frei. Pflichtethos und private Wünsche stehen einander gegenüber, ohne sich einfach aufzuheben. Roth zeigt, wie Menschen sich in Rollen einrichten, die sie zugleich schützen und fesseln. Diese psychologische Genauigkeit erlaubt es, die historischen Verschiebungen nicht als abstrakte Prozesse, sondern als veränderte Gewissheiten in Köpfen und Körpern nachzuvollziehen. In dieser Hinsicht wirkt das Werk bis heute überraschend gegenwärtig.

Der Titel Radetzkymarsch verweist auf ein musikalisches Symbol kollektiver Zugehörigkeit. Der Marsch strukturiert Zeit, ordnet Schritte und macht Geschichte hörbar. Aus festlicher Geste wird Erinnerung, aus Erinnerung Anachronismus. Die Kapuzinergruft wiederum benennt einen realen Ort in Wien, an dem Herrschaft und Endlichkeit aufeinanderstoßen. Beide Titel sind mehr als Überschriften: Sie sind poetische Leitfäden, die Bedeutungsfelder eröffnen – vom Takt der Parade bis zur Stille des Gewölbes. In der Lektüre entfalten sie ihre Wirkung als Zeichen für Dauer, Vergänglichkeit und den schwierigen Übergang dazwischen.

Die politische Lesart bleibt in beiden Romanen stets in der Menschenkunde verankert. Nationalismus, Bürokratie, Militär, Klassenlagen und urbane Modernisierung erscheinen nicht als Thesen, sondern als Erfahrungsräume. Roths Erzählung zeigt, wie Ordnungen, denen man vertraute, brüchig werden und wie das Individuum auf Brüche reagiert: mit Anpassung, Trotz, Sehnsucht oder Resignation. Dadurch gewinnen die Romane eine Aktualität jenseits ihres historischen Rahmens: Sie fragen, was Gemeinschaft zusammenhält, welche Rolle Erinnerung spielt und wie man in Zeiten raschen Wandels ein Leben mit Haltung führen kann.

In der Literaturgeschichte gelten Radetzkymarsch und Die Kapuzinergruft als prägende Romane über das Ende der Habsburgermonarchie. Ihre anhaltende Bedeutung beruht auf der seltenen Verbindung von historischer Anschaulichkeit, stilistischer Ökonomie und moralischer Genauigkeit. Roths Blick ist weder nostalgisch verklärend noch kalt distanziert. Er bewahrt der Vergangenheit Gerechtigkeit und prüft zugleich ihre blinden Flecken. So eröffnen die Romane einen kritischen Erinnerungsraum, der die Gegenwart nicht belehrt, sondern sensibilisiert. Wer sie heute liest, entdeckt in ihnen weniger eine ferne Welt als eine Schule der Wahrnehmung für Übergänge.

Die vorliegende Zusammenstellung lädt zu einer Lektüre ein, die Unterschiede und Kontinuitäten betont. Es empfiehlt sich, mit Radetzkymarsch zu beginnen und anschließend Die Kapuzinergruft zu lesen; beide Romane stehen jedoch auch für sich. Ziel dieser Ausgabe ist es, die leisen Dialoge zwischen Motiven, Schauplätzen und Tonlagen hörbar zu machen. Ohne kommentierende Überbauten stellt sie die Prosa ins Zentrum – als Kunst der genauen Beobachtung, die das Vergangene begreifbar und das Gegenwärtige fraglich macht. So entsteht eine Werkschau, die die innere Logik eines großen erzählerischen Projekts sichtbar werden lässt.

Autorenbiografie

Inhaltsverzeichnis

Joseph Roth (1894–1939) gilt als einer der prägnantesten Chronisten des Untergangs der Habsburgermonarchie und der zerrissenen Zwischenkriegszeit. Als Romancier und Journalist verband er genaue Beobachtung mit elegischer Klarheit und schuf Bilder einer zerfallenden Ordnung, die bis heute nachwirken. Sein Werk kreist um Loyalität, Entwurzelung und die Suche nach Halt in einer beschleunigten Moderne. Geprägt von imperialer Vielsprachigkeit und politischen Umbrüchen, schrieb Roth in Österreich, Deutschland und im Exil. Seine Prosakunst steht für eine seltene Balance aus Nüchternheit und Melancholie, die historische Erfahrung in exemplarische Erzählungen über Verantwortung und Verlust verwandelt.

Vor dem Ersten Weltkrieg studierte Roth an Universitäten in Lemberg und Wien, wo ihn die literarische Moderne und die publizistische Kultur der Metropolen prägten. Der Krieg, an dem er als Soldat der k.u.k. Armee teilnahm, vertiefte sein Bewusstsein für die Fragilität staatlicher Ordnung und die Verwundbarkeit individueller Biografien. Aus der Erfahrung des Multinationalen schuf er eine Poetik, die Grenzräume, Sprachmischungen und soziale Übergänge ernst nimmt. Frühe journalistische Arbeiten schärften seinen Blick für Details des Alltags und die Zwischentöne politischer Rede. So verband sich bei ihm analytische Nüchternheit mit einer empathischen, von Verlustwissen getragenen Sensibilität.

In den 1920er Jahren profilierte sich Roth als Reporter und Feuilletonist, dessen Reisen und Stadtbilder die Umbrüche Europas dokumentierten. Er schrieb für maßgebliche Tageszeitungen und setzte Maßstäbe in einer Prosa, die Beobachtung, Reflexion und erzählerische Verdichtung vereinte. Seine Texte verbanden soziale Genauigkeit mit einer poetischen Sensibilität für Rituale, Gesten und Randfiguren der Großstadt. Parallel entwickelte er längere Erzählformen, in denen sich journalistische Präzision und literarische Komposition durchdrangen. Die öffentliche Resonanz gründete auf seiner Fähigkeit, historische Prozesse im Konkreten sichtbar zu machen und zugleich das Ethos einer untergehenden, doch erinnerungswürdigen Welt erfahrbar werden zu lassen.

Mit Radetzkymarsch schuf Roth einen der zentralen Romane über die späte Habsburgermonarchie. In der Geschichte einer Familie wird die Spannung zwischen Pflichtgefühl, sozialem Aufstieg und innerer Entleerung sichtbar, während die Zeit dem Imperium davonläuft. Der Text verbindet strenge Komposition, weit gespannte Perspektive und detailreiche Milieuschilderung zu einem elegischen Panorama. Ohne Pathos zu glorifizieren, zeigt Roth, wie Loyalität zur Ordnung zugleich Halt und Verhängnis bedeuten kann. Das Buch fand breite Beachtung und gilt bis heute als Maßstab für historische Erzählkunst, die persönliche Schicksale, politische Struktur und kulturelle Erinnerung kunstvoll ineinander verschränkt.

Die Kapuzinergruft vertieft dieses Panorama, indem sie den Blick auf die Jahre nach dem Zusammenbruch richtet. Der Roman folgt einer Figur aus dem Trotta-Kreis und zeichnet die Desorientierung der Zwischenkriegszeit in Wien nach: die Auflösung vertrauter Bindungen, wirtschaftliche Unsicherheit und politische Radikalisierung. Statt großer Schlachten stehen Trägheit, vornehmer Schein und erschöpfte Rituale im Zentrum, die den Verlust eines gemeinsamen Rahmens fühlbar machen. Die titelgebende Gruft – Ort monarchischer Erinnerung – wird zur Chiffre für einen unruhigen Abschied. Roths Sprache unterläuft Nostalgie mit genauer Beobachtung und hält die Spannung zwischen Trauerarbeit und illusionsloser Gegenwartsanalyse.

Roths öffentliche Stellungnahmen gegen Nationalismus und ethnische Homogenisierung sind eng mit seiner literarischen Arbeit verbunden. Er verteidigte die Idee eines übernationalen Gemeinwesens, das Minderheiten schützt und Loyalität nicht rassisch, sondern rechtlich definiert. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten verließ er Deutschland und schrieb im Exil weiter, vor allem in Paris. Dort schärfte sich sein Ton zu einer eindringlichen Warnung vor Gewalt, Propaganda und moralischer Verrohung. Zugleich hielt er an einer höfischen, auf Rituale gegründeten Ethik fest, die er nicht nostalgisch verklärt, sondern als Gegenentwurf zur Barbarei begreifbar macht. Diese Haltung prägte auch seine Arbeit an den späten Romanprojekten.

In den letzten Jahren lebte Roth unter prekären Bedingungen im Exil und starb 1939 in Paris. Sein Vermächtnis reicht über zeitgenössische Konstellationen hinaus: Er machte sichtbar, wie politische Ordnung sich in Alltagsgesten, Institutionen und Sprache einschreibt – und wie ihr Zerfall Menschen orientierungslos zurücklassen kann. Radetzkymarsch und Die Kapuzinergruft gehören zu den dauerhaft präsenten Romanen der deutschsprachigen Literatur und dienen vielfach als Linse zur Deutung imperialer Vergangenheit. Leserinnen und Leser schätzen an ihnen die Verbindung von stilistischer Strenge, menschlicher Wärme und historischer Intelligenz, die ohne Illusionen auskommt und dennoch Trost im Erzählen findet.

Historischer Kontext

Inhaltsverzeichnis

Joseph Roth (1894–1939), aus dem galizischen Brody stammender österreichisch-jüdischer Schriftsteller und Journalist, schrieb seine großen Romane in der Zwischenkriegszeit und im Exil. Die Sammlung „Radetzkymarsch & Die Kapuzinergruft“ umfasst zwei Werke, die die letzten Jahrzehnte der Habsburgermonarchie, den Ersten Weltkrieg und die politischen Brüche der 1918 gegründeten Republik Österreich in literarische Form übersetzen. „Radetzkymarsch“ erschien 1932, „Die Kapuzinergruft“ 1938 im Exil. Beide Bücher sind in konkreten historischen Epochen verankert, entstanden jedoch aus der rückblickenden Perspektive der Krisenjahre nach 1918 und sprechen Erfahrungen von Zerfall, Umbruch und Identitätssuche an.

Die Habsburgermonarchie war bis 1918 ein vielsprachiges, multiethnisches Imperium mit Zentren wie Wien, Budapest, Prag und Lemberg/Lwów. Ihre Verwaltung gliederte sich seit 1867 in Cisleithanien (österreichischer Teil) und Transleithanien (ungarischer Teil). Provinzen wie Galizien, Böhmen, Dalmatien oder die Bukowina brachten unterschiedliche Rechts- und Kulturtraditionen ein. Dieses Gefüge ermöglichte Mobilität und kulturellen Austausch, erzeugte jedoch auch Spannungen durch konkurrierende Nationalbewegungen. Der Hof in Wien, das Beamtentum und das stehende Heer fungierten als integrative Institutionen. Diese großräumige Ordnung bildet den historischen Hintergrund, vor dem Roths Romane Loyalität, Zugehörigkeit und Fragilität staatlicher Bindungen verhandeln.

Die Revolutionen von 1848 erschütterten das Reich, brachten aber zugleich die Konturen eines erneuerten Zentralstaates hervor. Nach den Konflikten setzte sich unter Kaiser Franz Joseph I. eine Phase monarchischer Stabilisierung durch. Der Ausgleich mit Ungarn 1867 etablierte die Doppelmonarchie, die politische und wirtschaftliche Modernisierung vorantrieb, jedoch Nationalitätenfragen ungelöst ließ. Diese langfristigen Weichenstellungen prägen die spätere Krise des Systems. Die Erinnerung an 1848 blieb ambivalent: Symbol militärischer Siegessicherheit war der „Radetzky-Marsch“ von Johann Strauss (Vater) aus dem Revolutionsjahr, der fortan zum klanglichen Emblem einer als geordnet imaginierten kaiserlichen Welt wurde.

Militär und Verwaltung bildeten tragende Säulen der Monarchie. Das Offizierskorps, rekrutiert aus verschiedenen Regionen und Sprachen, verkörperte einen übernationalen Loyalitätskodex gegenüber Kaiser und Reich. Wehrpflicht und Garnisonsstädte schufen Erfahrungsräume, in denen Imperium konkret wurde. Zeremonien, Paraden und Regimentsmusik transportierten Werte wie Disziplin und Dienst. Der „Radetzky-Marsch“ fungierte als akustisches Zeichen dieser Kultur. Gleichzeitig zeigte sich ein Spannungsverhältnis zwischen formaler Einheit und regionalen Loyalitäten. Diese institutionelle Welt, ihr Ethos und ihre Risse geben den literarischen Bezugspunkt für Darstellungen von Standesehre, Pflichtgefühl und den Belastungen eines alternden Staatswesens.

Die Jahrzehnte vor 1914 waren von beschleunigter Modernisierung geprägt: Eisenbahnen verbanden Peripherie und Zentren, die Presse expandierte, neue Kommunikationstechnologien veränderten Öffentlichkeit. Wien wuchs durch die Gründerzeit stark, die Ringstraße symbolisierte bürgerliche Repräsentation. Urbanisierung und Industrialisierung lockten Arbeitskräfte in die Städte, wo Wohnungsnot, soziale Frage und neue Lebensstile entstanden. Kaffeehäuser und Redaktionen wurden Knotenpunkte intellektueller Debatten. Als Feuilletonist bewegte sich Roth in dieser Medienlandschaft, die Themen wie Entfremdung, Mobilität und die Zerbrechlichkeit bürgerlicher Sicherheiten sichtbar machte und in die Atmosphäre von kulturellem Glanz und unterschwelliger Krisenerfahrung mündete.

Die rechtliche Emanzipation der Juden in Cisleithanien 1867 eröffnete Bildungs- und Berufswege, besonders in Wien. Gleichzeitig verstärkte sich in Teilen der Gesellschaft moderner Antisemitismus, politisch profiliert etwa in der Ära des Wiener Bürgermeisters Karl Lueger (Amtszeit: 1897–1910). Diese Ambivalenz prägte Biografien, soziale Aufstiege und Erfahrungen der Ausgrenzung. Sie beeinflusste Debatten über Assimilation, Loyalität und Zugehörigkeit. Für viele galizische Juden wurde Wien zum Bildungs- und Karrierezentrum, zugleich zum Ort latenter Anfeindung. Solche Spannungen, ohne individuelle Geschichten vorwegzunehmen, strukturieren die Wahrnehmung der Monarchie als Schutzraum wie auch als Schauplatz gesellschaftlicher Bruchlinien.

Nationalbewegungen gewannen in Böhmen, Galizien, Kroatien-Slawonien, der Vojvodina und anderswo an Dynamik. Sprachrechte, Schulwesen und Verwaltungsgrenzen wurden zu politischen Streitfeldern. In Ungarn stand die Magyarisation, in Böhmen der tschechisch-deutsche Ausgleichskonflikt im Zentrum. Südslawische Einigungsbestrebungen berührten Grenzräume zur Adria und zum Balkan. Die politische Architektur der Doppelmonarchie versuchte, durch Kompromisse und föderative Arrangements Stabilität zu wahren, stieß jedoch wiederholt an Grenzen. Diese Gemengelage nährte das Gefühl einer angespannten, von Loyalitätsprüfungen gezeichneten Ordnung, auf das literarische Betrachtungen der spätkaiserlichen Zeit reagieren und das sie in Atmosphären des Vorläufigen und Brüchigen übersetzen.

Um 1900 verdichteten sich in Wien kulturelle Aufbrüche: Psychoanalyse, kritischer Journalismus, Musik- und Theateravantgarden, aber auch katholische Reformmilieus und sozialdemokratische Kulturarbeit. Die Spannweite reichte von Lebensreformideen bis zu scharfer Pressefehde. In der Literatur der Zwischenkriegszeit traten Nüchternheit und Beobachtungsschärfe der Neuen Sachlichkeit hervor, die mit Melancholie und elegischem Ton korrespondieren konnten. Als Reporter und Romancier verband Roth zeitdiagnostische Detailwahrnehmung mit einer historisch sensibilisierten Rückschau. Dieses intellektuelle Feld lieferte kein geschlossenes Programm, aber eine Haltung: Aufmerksamkeit für Strukturen, Rituale und die feinen Risse in scheinbar verlässlichen Institutionen.

Außenpolitisch geriet die Monarchie seit der Annexion Bosniens und der Herzegowina 1908 in Spannungen mit Serbien und Russland. Die Balkan-Kriege 1912/13 zeigten die Instabilität der Region. Am 28. Juni 1914 führte das Attentat von Sarajevo auf den Thronfolger zur Julikrise. Bündnissysteme, Rüstungspläne und Ultimaten verengten die diplomatischen Optionen. In der Folge mobilisierten die Großmächte. Diese Verkettung hob lokale Konflikte auf die Ebene eines gesamteuropäischen Krieges. Für die Monarchie bedeutete dies den Übergang von einer ohnehin angefochtenen Vielvölkerordnung in eine militärische Ausnahmesituation, die institutionelle Belastbarkeiten und Binnenloyalitäten radikal testete.

Der Erste Weltkrieg brachte Materialschlachten, Mangelwirtschaft und den Einsatz multinationaler Truppenverbände. An den Fronten in Galizien, am Isonzo und in den Karpaten zeigten sich die Grenzen militärischer und administrativer Leistungsfähigkeit. Auf dem Hinterland lasteten Versorgungsprobleme, Preissteigerungen und Trauer. 1916 starb Kaiser Franz Joseph I., 1918 zerfiel das Reich. Nationalräte proklamierten eigenständige Staaten; in Wien wurde die Republik ausgerufen. Diese Umwälzungen veränderten Rechtsordnungen, Grenzverläufe und Loyalitätsverhältnisse. Die Erfahrung des Zusammenbruchs, ohne einzelne Schicksale zu verraten, ist zentraler Resonanzraum für spätere literarische Rekonstruktionen der kaiserlich-königlichen Welt.

Die Friedensverträge von Saint-Germain (1919) und Trianon (1920) ordneten Mitteleuropa neu. Österreich verlor große Territorien und durfte sich völkerrechtlich nicht mit Deutschland vereinen. Die wirtschaftliche Lage war prekär; Versorgungskrisen und Inflation prägten den Alltag. Eine Völkerbundanleihe 1922, verbunden mit Sanierungsauflagen, stabilisierte Finanzen und Währung. Gleichzeitig verlangte die Umstellung von einer imperialen Binnenökonomie auf einen Kleinstaat mit neuen Grenzen institutionelle Kreativität. Diese Rahmenbedingungen bildeten den Hintergrund für Debatten über Identität, politische Lagerbildung und die Deutung des Vergangenen – Fragen, die in literarischen Bearbeitungen als Spannungsfeld zwischen Erinnerung und Gegenwart auftreten.

In der Ersten Republik standen ein sozialdemokratisch geprägtes „Rotes Wien“ mit Wohnbau- und Gesundheitsreformen konservativen und katholischen Kräften gegenüber. 1927 kulminierte nach einem umstrittenen Gerichtsurteil der Justizpalastbrand, gefolgt von Toten und einem tiefen Vertrauensbruch zwischen Lagern. Paramilitärische Formationen, politische Massenrituale und eine stark polarisierte Presse verstärkten den Konfliktcharakter. Diese innenpolitische Zuspitzung verschärfte den Blick zurück: Für manche erschien die Monarchie als verlorener Ordnungsrahmen, für andere als Ursache verfehlter Modernisierung. Literatur reagierte darauf mit Analysen von Ritualen, Symbolen und den Erschütterungen bürgerlicher Lebensentwürfe.

Ab 1933 leitete Bundeskanzler Engelbert Dollfuß den Übergang zu einem autoritären, korporatistischen „Ständestaat“ ein, löste das Parlament faktisch auf und verbot Parteien. Im Februar 1934 kam es zum Bürgerkrieg; im Juli 1934 putschten österreichische Nationalsozialisten, Dollfuß wurde getötet. Kanzler Kurt Schuschnigg hielt den Kurs bis 1938, als das Deutsche Reich Österreich annektierte. Diese Entwicklungen markierten das Ende der pluralistischen Öffentlichkeit und setzten viele Autorinnen und Autoren unter Druck oder ins Exil. In diesem Klima gewannen Rückblicke auf die Habsburgermonarchie neue politische Schärfe als Kontrastfolie zu totalitären Tendenzen.

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten in Deutschland 1933 wurden Bücher verbrannt, Autorinnen und Autoren verfemt oder emigrierten. Exilverlage in Amsterdam, Paris, Zürich und Prag wurden zu zentralen Publikationsorten deutschsprachiger Literatur. Joseph Roth lebte überwiegend im französischen Exil und veröffentlichte dort in den späten 1930er Jahren. „Radetzkymarsch“ war bereits 1932 in der Weimarer Republik erschienen und wurde später in Deutschland verboten. „Die Kapuzinergruft“ erschien 1938 im Exil. Diese Produktionsbedingungen prägten die Rezeption: Als verbannte Literatur zirkulierten die Texte in Netzwerken des Exils und gewannen den Status historischer Gegenrede.

Die Kapuzinergruft in Wien, seit dem 17. Jahrhundert Grablege der Habsburger, wurde in der Monarchie zum Ort ritualisierter Erinnerung. Beisetzungen – etwa von Kaiser Franz Joseph I. 1916 – folgten strengen Zeremonien, die die Sakralität und Hierarchie der Ordnung inszenierten. Nach 1918 wurde dieser Ort Teil einer ambivalenten Gedächtniskultur, in der Verlust, Nostalgie und Kritik aufeinandertrafen. Das Habsburgergesetz von 1919 regelte die Entfernung des Hauses Habsburg aus der Politik der Republik. In literarischen Kontexten fungiert die Gruft als Chiffre für Vergänglichkeit, staatliche Kontinuität und den Versuch, Geschichte über Symbole verfügbar zu halten.

Der „Radetzky-Marsch“ von Johann Strauss (Vater), 1848 komponiert, entwickelte sich durch militärische Aufführungspraxis und bürgerliche Konzerte zum Klangbild österreichischer Loyalität. Später wurde er in Konzerttraditionen verankert und blieb kulturell präsent. In historischen Deutungen steht er für die Ambivalenz von Patriotismus, Ritual und Unterhaltung. Die Verwendung eines solchen Motivs als Titel ruft den ganzen Apparat imperialer Repräsentation auf: Uniform, Parade, Takt und Schritt. Gleichzeitig verweist es auf die Kluft zwischen symbolischer Geschlossenheit und sozialer Realität – eine Kluft, die im 20. Jahrhundert unter Krieg, Revolution und autoritärer Politik dramatisch sichtbar wurde.

Roths journalistische Praxis – Reisen, Reportagen, Feuilletons – schulte den Blick für Ränder des Geschehens: Bahnhöfe, Wirtshäuser, Amtsstuben, Grenzstationen. Diese Orte sind Knotenpunkte staatlicher Sichtbarkeit. Die Zwischenkriegsjahre mit ihren Flüchtlingsbewegungen, entwerteten Pässen und neuen Grenzregimen machten Alltagserfahrungen von Staatlichkeit konkret. Die Literatur jener Zeit reagierte häufig mit genauen Sozialtopografien. In diesem Umfeld entstand eine Sprache, die weder bloße Nostalgie noch reine Anklage ist, sondern Strukturen der Moderne vermisst: Beschleunigung, Entwurzelung, Institutionenverschleiß und das Fortleben von Ritualen, die ihre gesellschaftliche Basis verloren haben oder transformiert wurden.」「In Mitteleuropa entwickelte sich nach 1918 eine breite Debatte über die Deutung der Habsburgermonarchie: als veraltetes Gebilde, als Labor supranationaler Ordnung oder als Schutzraum für Minderheiten. Historiker und Publizisten stritten über Ursachen des Zerfalls – Nationalismus, sozioökonomische Spannungen, Elitenversagen, Krieg. In dieser Kontroverse erhielten literarische Zeugnisse besonderes Gewicht, weil sie Stimmungen, Symbolwelten und Handlungslogiken sichtbar machen. Die beiden in der Sammlung vereinten Romane kommentieren diesen Diskurs indirekt, indem sie Strukturen und Rituale beleuchten, die noch in der Erinnerungspolitik der Zwischenkriegszeit, in Vereinen, Veteranen- und Hofbräuchen nachwirkten oder neu gedeutet wurden.」「Die internationale Rezeption verlief in Wellen: Zunächst als Gegenwartsdiagnose der Weimarer und österreichischen Krise gelesen, wurden die Bücher nach 1933 im deutschsprachigen Raum zensiert und im Exil gepflegt. Nach 1945 gelangten sie wieder in größere Auflagen und wurden in Schulen und Universitäten diskutiert. Die Forschung betonte ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts unterschiedliche Lesarten: elegische „Untergangsliteratur“, kritische Gesellschaftsanalyse, Mitteleuropa-Erinnerungsarbeit. Übersetzungen machten die Texte in Europa und darüber hinaus verfügbar. Die Sammlung wurde damit zu einem Referenzpunkt für Diskussionen über Imperiumserbe, nationale Mythen und die politischen Lektionen aus Vielsprachigkeit und Pluralität.」「Die wirtschafts- und gesellschaftsgeschichtliche Dimension der späten Monarchie und der Ersten Republik blieb zentral: Industrialisierung, Landflucht, Arbeiterbewegung, Genossenschaftswesen und die Wohnbaupolitik des „Roten Wien“ veränderten Lebensverhältnisse. Technische Medien – Fotografie, Film, Radio – erweiterten Öffentlichkeiten. Gleichzeitig bestanden ländliche Patronagen, klerikale Milieus und Adelsnetzwerke fort. Diese Überlagerung von Moderne und Tradition erzeugte Reibungen, die sich in Ämtern, Regimentsstuben, Clubs und Salons verdichteten. Literatur, die diese Räume ernst nimmt, liefert historische Tiefenschärfe: Sie zeigt, wie Institutionen Halt versprechen und doch durch Beschleunigung, Krieg und politische Polarisierung erodieren.」「Die Sammlung kommentiert ihre Zeit, indem sie über konkrete Ereignisse hinaus soziale Ordnungen, Rituale und deren Erosion sichtbar macht. Sie reagiert auf politische Entwicklungen der Jahre 1914 bis 1938 ebenso wie auf die Debatten der Zwischenkriegsrepubliken und des Exils. Spätere Deutungen betonen, wie die Texte einen doppelten Blick erlauben: Sie bewahren Erinnerung an eine untergegangene Vielvölkerwelt und lesen deren Bruchstellen als Warnung vor Nationalismus und autoritären Verführungen. Nach 1989 wurden sie auch als Anstoß verstanden, über europäische Integration, Minderheitenschutz und die Potentiale supranationaler Arrangements nachzudenken.

Synopsis (Auswahl)

Inhaltsverzeichnis

Radetzkymarsch

Der Roman zeichnet anhand dreier Generationen der Familie Trotta den Aufstieg in die kaiserlich-österreichische Ordnung und das langsame Ausfransen dieser Welt bis an den Vorabend des Ersten Weltkriegs. Im Zentrum stehen Loyalität zum Kaiser, Pflichtgefühl und die Reibung zwischen privatem Begehren und militärisch-bürokratischem Kodex. Der Ton ist elegisch und genau beobachtend; in breiten Panoramen spiegelt sich der schleichende Zerfall eines Imperiums im Schicksal Einzelner.

Die Kapuzinergruft

Aus der Perspektive eines jungen Trotta führt die Erzählung durch Kriegs- und Nachkriegsjahre in Wien, in denen Halt, Rang und Zugehörigkeit ihre alten Bedeutungen verlieren. Der Fokus liegt weniger auf großen Schlachten als auf innerer Desorientierung, Freundschaften und dem tastenden Versuch, in einer veränderten Gesellschaft Fuß zu fassen. Der Ton ist noch gedämpfter und melancholischer: Symbole wie die Kapuzinergruft verweisen auf die vergangene Ordnung und die Suche nach Sinn im Vakuum danach.

Gemeinsame Themen und Stil

Beide Texte kreisen um den Niedergang der Habsburger-Monarchie, um Loyalität, Ehre und die fragile Identität von Menschen im Netz staatlicher Institutionen. Sie verbinden gesellschaftliche Totalansicht mit psychologischer Nahaufnahme; eine ironisch-milde Distanz und klare, rhythmische Prosa tragen die elegische Grundstimmung. Motivisch wiederkehren Militär, Verwaltung, Rituale und Musik als Taktgeber einer Ordnung, deren Zerfall sich in Begegnungen, kleinen Gesten und leisen Verschiebungen anzeigt.

Radetzkymarsch & Die Kapuzinergruft

Hauptinhaltsverzeichnis
Radetzkymarsch
Die Kapuzinergruft

Radetzkymarsch

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Erster Teil
I
II
III
IV
V
VI
VII
VIII
Zweiter Teil
IX
X
XI
XII
XIII
XIV
XV
Dritter Teil
XVI
XVII
XVIII
XIX
XX
XXI
Epilog

Erster Teil

Inhaltsverzeichnis

I

Inhaltsverzeichnis

Die Trottas waren ein junges Geschlecht[1q]. Ihr Ahnherr hatte nach der Schlacht bei Solferino den Adel bekommen. Er war Slowene. Sipolje – der Name des Dorfes, aus dem er stammte – wurde sein Adelsprädikat. Zu einer besondern Tat hatte ihn das Schicksal ausersehn. Er aber sorgte dafür, daß ihn die späteren Zeiten aus dem Gedächtnis verloren. In der Schlacht bei Solferino befehligte er als Leutnant der Infanterie einen Zug. Seit einer halben Stunde war das Gefecht im Gange. Drei Schritte vor sich sah er die weißen Rücken seiner Soldaten. Die erste Reihe seines Zuges kniete, die zweite stand. Heiter waren alle und sicher des Sieges. Sie hatten ausgiebig gegessen und Branntwein getrunken, auf Kosten und zu Ehren des Kaisers, der seit gestern im Felde war. Hier und dort fiel einer aus der Reihe. Trotta sprang flugs in jede Lücke und schoß aus den verwaisten Gewehren der Toten und Verwundeten. Bald schloß er dichter die gelichtete Reihe, bald wieder dehnte er sie aus, nach vielen Richtungen spähend mit hundertfach geschärftem Auge, nach vielen Richtungen lauschend mit gespanntem Ohr. Mitten durch das Knattern der Gewehre klaubte sein flinkes Gehör die seltenen, hellen Kommandos seines Hauptmanns. Sein scharfes Auge durchbrach den blaugrauen Nebel vor den Linien des Feindes. Niemals schoß er, ohne zu zielen, und jeder seiner Schüsse traf. Die Leute spürten seine Hand und seinen Blick, hörten seinen Ruf und fühlten sich sicher.

Der Feind machte eine Pause. Durch die unabsehbar lange Reihe der Front lief das Kommando: »Feuer einstellen!« Hier und dort klapperte noch ein Ladestock, hier und dort knallte noch ein Schuß, verspätet und einsam. Der blaugraue Nebel zwischen den Fronten lichtete sich ein wenig. Man stand auf einmal in der mittäglichen Wärme der silbernen, verdeckten, gewitterlichen Sonne. Da erschien zwischen dem Leutnant und den Rücken der Soldaten der Kaiser mit zwei Offizieren des Generalstabs. Er wollte gerade einen Feldstecher, den ihm einer der Begleiter reichte, an die Augen führen. Trotta wußte, was das bedeutete: Selbst wenn man annahm, daß der Feind auf dem Rückzug begriffen war, so stand seine Nachhut gewiß gegen die Österreicher gewendet, und wer einen Feldstecher hob, gab ihr zu erkennen, daß er ein Ziel sei, würdig, getroffen zu werden. Und es war der junge Kaiser. Trotta fühlte sein Herz im Halse. Die Angst vor der unausdenkbaren, der grenzenlosen Katastrophe, die ihn selbst, das Regiment, die Armee, den Staat, die ganze Welt vernichten würde, jagte glühende Fröste durch seinen Körper. Seine Knie zitterten. Und der ewige Groll des subalternen Frontoffiziers gegen die hohen Herren des Generalstabs, die keine Ahnung von der bitteren Praxis hatten, diktierte dem Leutnant jene Handlung, die seinen Namen unauslöschlich in die Geschichte seines Regiments einprägte. Er griff mit beiden Händen nach den Schultern des Monarchen, um ihn niederzudrücken. Der Leutnant hatte wohl zu stark angefaßt. Der Kaiser fiel sofort um. Die Begleiter stürzten auf den Fallenden. In diesem Augenblick durchbohrte ein Schuß die linke Schulter des Leutnants, jener Schuß eben, der dem Herzen des Kaisers gegolten hatte. Während er sich erhob, sank der Leutnant nieder. Überall, die ganze Front entlang, erwachte das wirre und unregelmäßige Geknatter der erschrockenen und aus dem Schlummer gerissenen Gewehre. Der Kaiser, ungeduldig von seinen Begleitern gemahnt, die gefährliche Stelle zu verlassen, beugte sich dennoch über den liegenden Leutnant und fragte, eingedenk seiner kaiserlichen Pflicht, den Ohnmächtigen, der nichts mehr hörte, wie er denn heiße. Ein Regimentsarzt, ein Sanitätsunteroffizier und zwei Mann mit einer Tragbahre galoppierten herbei, die Rücken geduckt und die Köpfe gesenkt. Die Offiziere des Generalstabs rissen erst den Kaiser nieder und warfen sich dann selbst zu Boden. »Hier den Leutnant!« rief der Kaiser zum atemlosen Regimentsarzt empor.

Inzwischen hatte sich das Feuer wieder beruhigt. Und während der Kadettoffizierstellvertreter vor den Zug trat und mit heller Stimme verkündete: »Ich übernehme das Kommando!«, erhoben sich Franz Joseph und seine Begleiter, schnallten die Sanitäter vorsichtig den Leutnant auf die Bahre, und alle zogen sich zurück, in die Richtung des Regimentskommandos, wo ein schneeweißes Zelt den nächsten Verbandplatz überdachte.

Das linke Schlüsselbein Trottas war zerschmettert. Das Geschoß, unmittelbar unter dem linken Schulterblatt steckengeblieben, entfernte man in Anwesenheit des Allerhöchsten Kriegsherrn und unter dem unmenschlichen Gebrüll des Verwundeten, den der Schmerz aus der Ohnmacht geweckt hatte.

Trotta wurde nach vier Wochen gesund. Als er in seine südungarische Garnison zurückkehrte, besaß er den Rang eines Hauptmanns, die höchste aller Auszeichnungen: den Maria-Theresien-Orden und den Adel. Er hieß von nun ab: Hauptmann Joseph Trotta von Sipolje.

Als hätte man ihm sein eigenes Leben gegen ein fremdes, neues, in einer Werkstatt angefertigtes vertauscht, wiederholte er sich jede Nacht vor dem Einschlafen und jeden Morgen nach dem Erwachen seinen neuen Rang und seinen neuen Stand, trat vor den Spiegel und bestätigte sich, daß sein Angesicht das alte war. Zwischen der linkischen Vertraulichkeit, mit der seine Kameraden den Abstand zu überwinden versuchten, den das unbegreifliche Schicksal plötzlich zwischen ihn und sie gelegt hatte, und seinen eigenen vergeblichen Bemühungen, aller Welt mit der gewohnten Unbefangenheit entgegenzutreten, schien der geadelte Hauptmann Trotta das Gleichgewicht zu verlieren, und ihm war, als wäre er von nun ab sein Leben lang verurteilt, in fremden Stiefeln auf einem glatten Boden zu wandeln, von unheimlichen Reden verfolgt und von scheuen Blicken erwartet. Sein Großvater noch war ein kleiner Bauer gewesen, sein Vater Rechnungsunteroffizier, später Gendarmeriewachtmeister im südlichen Grenzgebiet der Monarchie. Seitdem er im Kampf mit bosnischen Grenzschmugglern ein Auge verloren hatte, lebte er als Militärinvalide und Parkwächter des Schlosses Laxenburg, fütterte die Schwäne, beschnitt die Hecken, bewachte im Frühling den Goldregen, später den Holunder vor räuberischen, unberechtigten Händen und fegte in milden Nächten obdachlose Liebespaare von den wohltätig finstern Bänken. Natürlich und angemessen schien der Rang eines gewöhnlichen Leutnants der Infanterie dem Sohn eines Unteroffiziers. Dem adeligen und ausgezeichneten Hauptmann aber, der im fremden und fast unheimlichen Glanz der kaiserlichen Gnade umherging wie in einer goldenen Wolke, war der leibliche Vater plötzlich ferngerückt, und die gemessene Liebe, die der Nachkomme dem Alten entgegenbrachte, schien ein verändertes Verhalten und eine neue Form des Verkehrs zwischen Vater und Sohn zu verlangen. Seit fünf Jahren hatte der Hauptmann seinen Vater nicht gesehen; wohl aber jede zweite Woche, wenn er nach dem ewig unveränderlichen Turnus in den Stationsdienst kam, dem Alten einen kurzen Brief geschrieben, im Wachtzimmer, beim kärglichen und unruhigen Schein der Dienstkerze, nachdem er die Wachen visitiert, die Stunden ihrer Ablösung eingetragen und in die Rubrik »Besondere Vorfälle« ein energisches und klares »Keine« gezeichnet hatte, das gleichsam auch nur jede leise Möglichkeit besonderer Vorfälle leugnete. Wie Urlaubsscheine und Dienstzettel glichen die Briefe einander, geschrieben auf gelblichen und holzfaserigen Oktavbogen, die Anrede »Lieber Vater!« links, vier Finger Abstand vom oberen Rand und zwei vom seitlichen, beginnend mit der kurzen Mitteilung vom Wohlergehen des Schreibers, fortfahrend mit der Hoffnung auf das des Empfängers und abgeschlossen von der steten, in einen neuen Absatz gefaßten und rechts unten im diagonalen Abstand zur Anrede hingemalten Wendung: »In Ehrfurcht Ihr treuer und dankbarer Sohn Joseph Trotta, Leutnant.« Wie aber sollte man jetzt, zumal da man dank dem neuen Rang nicht mehr den alten Turnus mitmachte, die gesetzmäßige, für ein ganzes Soldatenleben berechnete Form der Briefe ändern und zwischen die normierten Sätze ungewöhnliche Mitteilungen von ungewöhnlich gewordenen Verhältnissen rücken, die man selbst noch kaum begriffen hatte? An jenem stillen Abend, an dem der Hauptmann Trotta sich zum erstenmal nach seiner Genesung an den von spielerischen Messern gelangweilter Männer reichlich zerschnitzten und durchkerbten Tisch setzte, um die Pflicht der Korrespondenz zu erfüllen, sah er ein, daß er über die Anrede »Lieber Vater!« niemals hinauskommen würde. Und er lehnte die unfruchtbare Feder ans Tintenfaß, und er zupfte ein Stück vom flackernden Docht der Kerze ab, als erhoffte er von ihrem besänftigten Licht einen glücklichen Einfall und eine passende Wendung, und schweifte sachte in Erinnerungen ab, an Kindheit, Dorf, Mutter und Kadettenschule. Er betrachtete die riesigen Schatten, von geringen Gegenständen an die kahlen, blaugetünchten Wände geworfen, und die leicht gekrümmte, schimmernde Linie des Säbels am Haken neben der Tür und, durch den Korb des Säbels gesteckt, das dunkle Halsband. Er lauschte dem unermüdlichen Regen draußen und seinem trommelnden Gesang am blechbeschlagenen Fensterbrett. Und er erhob sich endlich mit dem Entschluß, den Vater in der nächsten Woche zu besuchen, nach vorgeschriebener Dank-Audienz beim Kaiser, zu der man ihn in einigen Tagen abkommandieren sollte.

Eine Woche später fuhr er unmittelbar von der Audienz, die aus knappen zehn Minuten bestanden hatte, nicht mehr als aus zehn Minuten kaiserlicher Huld und jener zehn oder zwölf aus Akten gelesenen Fragen, auf die man in strammer Haltung ein »Jawohl, Majestät!« wie einen sanften, aber bestimmten Flintenschuß abfeuern mußte, im Fiaker zu seinem Vater nach Laxenburg. Er traf den Alten in der Küche seiner Dienstwohnung, in Hemdsärmeln, am blankgehobelten, nackten Tisch, auf dem ein dunkelblaues Taschentuch mit roten Säumen lag, vor einer geräumigen Tasse mit dampfendem und wohlriechendem Kaffee. Der knotenreiche, rotbraune Stock aus Weichselholz hing mit der Krücke an der Tischkante und schaukelte leise. Ein runzliger Lederbeutel mit faserigem Knaster lag dick geschwellt und halb offen neben der langen Pfeife aus weißem, gebräuntem, gelblichem Ton. Ihre Färbung paßte zu dem mächtigen, weißen Schnurrbart des Vaters. Hauptmann Joseph Trotta von Sipolje stand mitten in dieser ärmlichen und ärarischen Traulichkeit wie ein militärischer Gott, mit glitzernder Feldbinde, lackiertem Helm, der eine Art eigenen schwarzen Sonnenscheins verbreitete, in glatten, feurig gewichsten Zugstiefeln, mit schimmernden Sporen, mit zwei Reihen glänzender, beinahe flackernder Knöpfe am Rock und von der überirdischen Macht des Maria-Theresien-Ordens gesegnet. Also stand der Sohn vor dem Vater, der sich langsam erhob, als wollte er durch die Langsamkeit der Begrüßung den Glanz des Jungen wettmachen. Hauptmann Trotta küßte die Hand seines Vaters, beugte den Kopf tiefer und empfing einen Kuß auf die Stirn und einen auf die Wange. »Setz dich!« sagte der Alte. Der Hauptmann schnallte Teile seines Glanzes ab und setzte sich. »Ich gratulier' dir!« sagte der Vater mit gewöhnlicher Stimme, im harten Deutsch der Armee-Slawen. Er ließ die Konsonanten wie Gewitter hervorbrechen und beschwerte die Endsilben mit kleinen Gewichten. Vor fünf Jahren noch hatte er zu seinem Sohn slowenisch gesprochen, obwohl der Junge nur ein paar Worte verstand und nicht ein einziges selbst hervorbrachte. Heute aber mochte dem Alten der Gebrauch seiner Muttersprache von dem so weit durch die Gnade des Schicksals und des Kaisers entrückten Sohn als eine gewagte Zutraulichkeit erscheinen, während der Hauptmann auf die Lippen des Vaters achtete, um den ersten slowenischen Laut zu begrüßen, wie etwas vertraut Fernes und verloren Heimisches. »Gratuliere, gratuliere!« wiederholte der Wachtmeister donnernd. »Zu meiner Zeit ist es nie so schnell gegangen! Zu meiner Zeit hat uns noch der Radetzky gezwiebelt!« Es ist tatsächlich aus! dachte der Hauptmann Trotta. Getrennt von ihm war der Vater durch einen schweren Berg militärischer Grade. »Haben Sie noch Rakija, Herr Vater?« sagte er, um den letzten Rest der familiären Gemeinsamkeit zu bestätigen. Sie tranken, stießen an, tranken wieder, nach jedem Trunk ächzte der Vater, verlor sich in einem unendlichen Husten, wurde blaurot, spuckte, beruhigte sich langsam und begann, Allerweltsgeschichten aus der eigenen Militärzeit zu erzählen, mit der unbezweifelbaren Absicht, Verdienste und Karriere des Sohnes geringer erscheinen zu lassen. Schließlich erhob sich der Hauptmann, küßte die väterliche Hand, empfing den väterlichen Kuß auf Stirn und Wange, gürtete den Säbel um, setzte den Tschako auf und ging – mit dem sichern Bewußtsein, daß er den Vater zum letztenmal in diesem Leben gesehen hatte ...

Es war das letztemal gewesen. Der Sohn schrieb dem Alten die gewohnten Briefe, es gab keine andere sichtbare Beziehung mehr zwischen beiden – losgelöst war der Hauptmann Trotta von dem langen Zug seiner bäuerlichen slawischen Vorfahren. Ein neues Geschlecht brach mit ihm an. Die runden Jahre rollten nacheinander ab wie gleichmäßige, friedliche Räder. Standesgemäß heiratete Trotta die nicht mehr ganz junge, begüterte Nichte seines Obersten, Tochter eines Bezirkshauptmanns im westlichen Böhmen, zeugte einen Knaben, genoß das Gleichmaß seiner gesunden, militärischen Existenz in der kleinen Garnison, ritt jeden Morgen zum Exerzierplatz, spielte nachmittags Schach mit dem Notar im Kaffeehaus, wurde heimisch in seinem Rang, seinem Stand, seiner Würde und seinem Ruhm. Er besaß eine durchschnittliche militärische Begabung, von der er jedes Jahr bei den Manövern durchschnittliche Proben ablegte, war ein guter Gatte, mißtrauisch gegen Frauen, den Spielen fern, mürrisch, aber gerecht im Dienst, grimmiger Feind jeder Lüge, unmännlichen Gebarens, feiger Geborgenheit, geschwätzigen Lobs und ehrgeiziger Süchte. Er war so einfach und untadelig wie seine Konduitenliste, und nur der Zorn, der ihn manchmal ergriff, hätte einen Kenner der Menschen ahnen lassen, daß auch in der Seele des Hauptmanns Trotta die nächtlichen Abgründe dämmerten, in denen die Stürme schlafen und die unbekannten Stimmen namenloser Ahnen.

Er las keine Bücher, der Hauptmann Trotta, und bemitleidete im stillen seinen heranwachsenden Sohn, der anfangen mußte, mit Griffel, Tafel und Schwamm, Papier, Lineal und Einmaleins zu hantieren, und auf den die unvermeidlichen Lesebücher bereits warteten. Noch war der Hauptmann überzeugt, daß auch sein Sohn Soldat werden müsse. Es fiel ihm nicht ein, daß (von nun bis zum Erlöschen des Geschlechts) ein Trotta einen andern Beruf würde ausüben können. Wenn er zwei, drei, vier Söhne gehabt hätte – aber seine Frau war schwächlich, brauchte Arzt und Kuren, und Schwangerschaft brachte sie in Gefahr–, alle wären sie Soldaten geworden. So dachte damals noch der Hauptmann Trotta. Man sprach von einem neuen Krieg, er war jeden Tag bereit. Ja, es schien ihm fast gewiß, daß er ausersehen war, in der Schlacht zu sterben. Seine solide Einfalt hielt den Tod im Feld für eine notwendige Folge kriegerischen Ruhms. Bis er eines Tages das erste Lesebuch seines Sohnes, der gerade fünf Jahre alt geworden war und den ein Hauslehrer schon, dank dem Ehrgeiz der Mutter, die Nöte der Schule viel zu früh schmecken ließ, mit lässiger Neugier in die Hand nahm. Er las das gereimte Morgengebet, es war seit Jahrzehnten das gleiche, er erinnerte sich noch daran. Er las die »Vier Jahreszeiten«, den »Fuchs und den Hasen«, den »König der Tiere«. Er schlug das Inhaltsverzeichnis auf und fand den Titel eines Lesestückes, das ihn selbst zu betreffen schien, denn es hieß: »Franz Joseph der Erste in der Schlacht bei Solferino«; las und mußte sich setzen. »In der Schlacht bei Solferino« – so begann der Abschnitt – »geriet unser Kaiser und König Franz Joseph der Erste in große Gefahr.« Trotta selbst kam darin vor. Aber in welcher Verwandlung! »Der Monarch« – hieß es – »hatte sich im Eifer des Gefechts so weit vorgewagt, daß er sich plötzlich von feindlichen Reitern umdrängt sah. In diesem Augenblick der höchsten Not sprengte ein blutjunger Leutnant auf schweißbedecktem Fuchs herbei, den Säbel schwingend. Hei! wie fielen da die Hiebe auf Kopf und Nacken der feindlichen Reiter!« Und ferner: »Eine feindliche Lanze durchbohrte die Brust des jungen Helden, aber die Mehrzahl der Feinde war bereits erschlagen. Den blanken Degen in der Hand, konnte sich der junge, unerschrockene Monarch leicht der immer schwächer werdenden Angriffe erwehren. Damals geriet die ganze feindliche Reiterei in Gefangenschaft. Der junge Leutnant aber – Joseph Ritter von Trotta war sein Name – bekam die höchste Auszeichnung, die unser Vaterland seinen Heldensöhnen zu vergeben hat: den Maria-Theresien-Orden.«

Hauptmann Trotta ging, das Lesebuch in der Hand, in den kleinen Obstgarten hinter das Haus, wo sich seine Frau an linderen Nachmittagen beschäftigte, und fragte sie, die Lippen blaß, mit ganz leiser Stimme, ob ihr das infame Lesestück bekannt gewesen sei. Sie nickte lächelnd. »Es ist eine Lüge!« schrie der Hauptmann und schleuderte das Buch auf die feuchte Erde. »Es ist für Kinder«, antwortete sanft seine Frau. Der Hauptmann kehrte ihr den Rücken. Der Zorn schüttelte ihn wie der Sturm einen schwachen Strauch. Er ging schnell ins Haus, sein Herz flatterte. Es war die Stunde des Schachspiels. Er nahm den Säbel vom Haken, schnallte den Gurt mit einem bösen und heftigen Ruck um den Leib und verließ mit wilden und langen Schritten das Haus. Wer ihn sah, konnte glauben, daß er ausziehe, ein Schock Feinde zu erlegen. Nachdem er im Kaffeehaus, ohne noch ein Wort gesprochen zu haben, vier tiefe Querfurchen auf der blassen, schmalen Stirn unter dem harten, kurzen Haar, zwei Partien verloren hatte, warf er mit einer grimmen Hand die klappernden Figuren um und sagte zu seinem Partner: »Ich muß mich mit Ihnen beraten!« – Pause. – »Man hat mit mir Mißbrauch getrieben«, begann er wieder, sah geradewegs in die blitzenden Brillengläser des Notars und merkte nach einer Weile, daß ihm die Worte fehlten. Er hätte das Lesebuch mitnehmen müssen. Mit diesem odiosen Gegenstand in Händen wäre ihm die Erklärung bedeutend leichter gefallen. »Was für ein Mißbrauch?« fragte der Jurist. »Ich habe nie bei der Kavallerie gedient«, glaubte Hauptmann Trotta am besten anfangen zu müssen, obwohl er selbst einsah, daß man ihn so nicht begreifen konnte. »Und da schreiben diese schamlosen Schreiber in den Kinderbüchern, daß ich auf einem Fuchs, einem schweißbedeckten Fuchs, schreiben sie, herangesprengt bin, um den Monarchen zu retten, schreiben sie.« – Der Notar verstand. Er selbst kannte das Lesestück aus den Büchern seiner Söhne. »Sie überschätzen das, Herr Hauptmann«, sagte er. »Bedenken Sie, es ist für Kinder!« Trotta sah ihn erschrocken an. In diesem Augenblick schien es ihm, daß sich die ganze Welt gegen ihn verbündet hatte: die Schreiber der Lesebücher, der Notar, seine Frau, sein Sohn, der Hauslehrer. »Alle historischen Taten«, sagte der Notar, »werden für den Schulgebrauch anders dargestellt. Es ist auch so richtig, meiner Meinung nach. Die Kinder brauchen Beispiele, die sie begreifen, die sich ihnen einprägen. Die richtige Wahrheit erfahren sie dann später!« »Zahlen!« rief der Hauptmann und erhob sich. Er ging in die Kaserne, überraschte den diensthabenden Offizier, Leutnant Amerling, mit einem Fräulein in der Schreibstube des Rechnungsunteroffiziers, visitierte selbst die Wachen, ließ den Feldwebel holen, bestellte den Unteroffizier vom Dienst zum Rapport, ließ die Kompanie antreten und befahl Gewehrübungen im Hof. Man gehorchte verworren und zitternd. In jedem Zug fehlten ein paar Mann, sie waren unauffindbar. Hauptmann Trotta befahl, die Namen zu verlesen. »Abwesende morgen zum Rapport!« sagte er zum Leutnant. Mit keuchendem Atem machte die Mannschaft Gewehrübungen. Es klapperten die Ladestöcke, es flogen die Riemen, die heißen Hände schlugen klatschend auf die kühlen, metallenen Läufe, die mächtigen Kolben stampften auf den dumpfen, weichen Boden. »Laden!« kommandierte der Hauptmann. Die Luft zitterte von dem hohlen Geknatter der blinden Patronen. »Eine halbe Stunde Salutierübungen!« kommandierte der Hauptmann. Nach zehn Minuten änderte er den Befehl. »Kniet nieder zum Gebet!« Beruhigt lauschte er dem dumpfen Aufprall der harten Knie auf Erde, Schotter und Sand. Noch war er Hauptmann, Herr seiner Kompanie. Diesen Schreibern wird er's schon zeigen.

Er ging heute nicht ins Kasino, er aß nicht einmal, er legte sich schlafen. Er schlief traumlos und schwer. Den nächsten Morgen beim Offiziersrapport brachte er knapp und klingend seine Beschwerde vor den Obersten. Sie wurde weitergeleitet. Und nun begann das Martyrium des Hauptmanns Joseph Trotta, Ritter von Sipolje, des Ritters der Wahrheit. Es dauerte Wochen, bis vom Kriegsministerium die Antwort kam, daß die Beschwerde an das Kultur- und Unterrichtsministerium weitergegeben sei. Und abermals vergingen Wochen, bis eines Tages die Antwort des Ministers einlief. Sie lautete:

»Euer Hochwohlgeboren, sehr geehrter Herr Hauptmann!

In Erwiderung auf Euer Hochwohlgeboren Beschwerde, betreffend Lesebuchstück Nummer fünfzehn der autorisierten Lesebücher für österreichische Volks- und Bürgerschulen nach dem Gesetz vom 21. Juli 1864, verfaßt und herausgegeben von den Professoren Weidner und Srdcny, erlaubt sich der Herr Unterrichtsminister respektabelst, Euer Hochwohlgeboren Aufmerksamkeit auf den Umstand zu lenken, daß die Lesebuchstücke von historischer Bedeutung, insbesondere diejenigen, die Seine Majestät, den Kaiser Franz Joseph höchstpersönlich, sowie auch andere Mitglieder des Allerhöchsten Herrscherhauses betreffen, laut Erlaß vom 21. März 1840, dem Fassungsvermögen der Schüler angepaßt und bestmöglichen pädagogischen Zwecken entsprechend gehalten sein sollen. Besagtes, in Euer Hochwohlgeboren Beschwerde erwähntes Lesestück Nummer fünfzehn hat Seiner Exzellenz dem Herrn Kultusminister persönlich vorgelegen und ist dasselbe von ihm zum Schulgebrauch autorisiert worden. In den Intentionen der hohen sowie auch nicht minder der niederen Schulbehörden ist es gelegen, den Schülern der Monarchie die heroischen Taten der Armeeangehörigen dem kindlichen Charakter, der Phantasie und den patriotischen Gefühlen der heranwachsenden Generationen entsprechend darzustellen, ohne die Wahrhaftigkeit der geschilderten Ereignisse zu verändern, aber auch, ohne sie in dem trockenen, jeder Aneiferung der Phantasie wie der patriotischen Gefühle entbehrenden Tone wiederzugeben. Zufolge dieser und ähnlicher Erwägungen ersucht der Unterzeichnete Euer Hochwohlgeboren respektvollst, von Euer Hochwohlgeboren Beschwerde Abstand nehmen zu wollen.«

Dieses Schriftstück war vom Kultus- und Unterrichtsminister gezeichnet. Der Oberst übergab es dem Hauptmann Trotta mit den väterlichen Worten: »Laß die Geschichte!«

Trotta nahm es entgegen und schwieg. Eine Woche später ersuchte er auf dem vorgeschriebenen Dienstwege um eine Audienz bei Seiner Majestät, und drei Wochen später stand er am Vormittag in der Burg, Aug' in Aug' gegenüber seinem Allerhöchsten Kriegsherrn.

»Sehn Sie zu, lieber Trotta!« sagte der Kaiser. »Die Sache ist recht unangenehm. Aber schlecht kommen wir beide dabei nicht weg! Lassen S' die Geschicht'!«

»Majestät«, erwiderte der Hauptmann, »es ist eine Lüge!«

»Es wird viel gelogen«, bestätigte der Kaiser.

»Ich kann nicht, Majestät«, würgte der Hauptmann hervor.

Der Kaiser trat nahe an den Hauptmann. Der Monarch war kaum größer als Trotta. Sie sahen sich in die Augen.

»Meine Minister«, begann Franz Joseph, »müssen selber wissen, was sie tun. Ich muß mich auf sie verlassen. Verstehen Sie, lieber Hauptmann Trotta?« Und, nach einer Weile: »Wir wollen's besser machen. Sie sollen es sehen!«

Die Audienz war zu Ende.

Der Vater lebte noch. Aber Trotta fuhr nicht nach Laxenburg. Er kehrte in die Garnison zurück und bat um seine Entlassung aus der Armee.

Er wurde als Major entlassen. Er übersiedelte nach Böhmen, auf das kleine Gut seines Schwiegervaters. Die kaiserliche Gnade verließ ihn nicht. Ein paar Wochen später erhielt er die Mitteilung, daß der Kaiser geruht habe, dem Sohn seines Lebensretters für Studienzwecke aus der Privatschatulle fünftausend Gulden anzuweisen. Gleichzeitig erfolgte die Erhebung Trottas in den Freiherrnstand.

Joseph Trotta, Freiherr von Sipolje, nahm die kaiserlichen Gaben mißmutig entgegen, wie Beleidigungen. Der Feldzug gegen die Preußen wurde ohne ihn geführt und verloren. Er grollte. Schon wurden seine Schläfen silbrig, sein Auge matt, sein Schritt langsam, seine Hand schwer, sein Mund schweigsamer als zuvor. Obwohl er ein Mann in den besten Jahren war, sah er aus, als würde er schnell alt. Vertrieben war er aus dem Paradies der einfachen Gläubigkeit an Kaiser und Tugend, Wahrheit und Recht, und gefesselt in Dulden und Schweigen, mochte er wohl erkennen, daß die Schlauheit den Bestand der Welt sicherte, die Kraft der Gesetze und den Glanz der Majestäten. Dank dem gelegentlich geäußerten Wunsch des Kaisers verschwand das Lesebuchstück Nummer fünfzehn aus den Schulbüchern der Monarchie. Der Name Trotta verblieb lediglich in den anonymen Annalen des Regiments. Der Major lebte dahin als der unbekannte Träger früh verschollenen Ruhms, gleich einem flüchtigen Schatten, den ein heimlich geborgener Gegenstand in die helle Welt des Lebendigen schickt. Auf dem Gut seines Schwiegervaters hantierte er mit Gießkanne und Gartenschere, und ähnlich wie sein Vater im Schloßpark von Laxenburg beschnitt der Baron die Hecken und mähte den Rasen, bewachte er im Frühling den Goldregen und später den Holunder vor räuberischen und unbefugten Händen, ersetzte er mürbe gewordene Zaunlatten durch frische und blankgehobelte, richtete er Gerät und Geschirr, zäumte und sattelte eigenhändig die Braunen, erneuerte rostige Schlösser an Pforte und Tor, legte bedächtig sauber geschnitzte, hölzerne Stützen zwischen müde Angeln, die sich senkten, blieb tagelang im Wald, schoß Kleintier, nächtigte beim Förster, kümmerte sich um Hühner, Dung und Ernte, Obst und Spalierblumen, Knecht und Kutscher. Knauserig und mißtrauisch erledigte er Einkäufe, zog mit spitzen Fingern Münzen aus dem filzigen Ledersäckchen und barg es wieder an der Brust. Er wurde ein kleiner slowenischer Bauer. Manchmal kam noch sein alter Zorn über ihn und schüttelte ihn wie ein starker Sturm einen schwachen Strauch. Dann schlug er den Knecht und die Flanken der Pferde, schmetterte die Türen ins Schloß, das er selbst gerichtet hatte, bedrohte die Taglöhner mit Mord und Vernichtung, schob am Mittagstisch den Teller mit bösem Schwung von sich, fastete und knurrte. Neben ihm lebten, schwach und kränklich, die Frau in getrennten Zimmern, der Junge, der den Vater nur bei Tische sah und dessen Zeugnisse ihm zweimal jährlich vorgelegt wurden, ohne daß sie ihm Lob oder Tadel entlockt hätten, der Schwiegervater, der heiter seine Pension verzehrte, die Mädchen liebte, wochenlang in der Stadt blieb und seinen Schwiegersohn fürchtete. Er war ein kleiner, alter slowenischer Bauer, der Baron Trotta. Immer noch schrieb er zweimal im Monat, am späten Abend bei flackernder Kerze, dem Vater einen Brief auf gelblichen Oktavbogen, vier Mannesfinger Abstand von oben, zwei Mannesfinger Abstand vom seitlichen Rand die Anrede »Lieber Vater!« Sehr selten erhielt er eine Antwort.

Wohl dachte der Baron manchmal daran, seinen Vater zu besuchen. Längst hatte er Heimweh nach dem Wachtmeister der kärglichen, ärarischen Armut, dem faserigen Knaster und dem selbstgebrannten Rakija. Aber der Sohn scheute die Kosten, nicht anders als es sein Vater, sein Großvater, sein Urgroßvater getan hätten. Jetzt war er dem Invaliden im Laxenburger Schloß wieder näher als vor Jahren, da er im frischen Glanz seines neuen Adels in der blaugetünchten Küche der kleinen Dienstwohnung gesessen und Rakija getrunken hatte. Mit der Frau sprach er nie von seiner Abkunft. Er fühlte, daß die Tochter des älteren Staatsbeamtengeschlechts ein verlegener Hochmut von einem slowenischen Wachtmeister trennen würde. Also lud er den Vater nicht ein.

Einmal, es war ein heller Tag im März, der Baron stampfte über die harten Schollen zum Gutsverwalter, brachte ihm ein Knecht einen Brief von der Schloßverwaltung Laxenburg. Der Invalide war tot, schmerzlos entschlafen im Alter von einundachtzig Jahren. Der Baron Trotta sagte nur: »Geh zur Frau Baronin, mein Koffer soll gepackt werden, ich fahr' abends nach Wien!« Er ging weiter, ins Haus des Verwalters, erkundigte sich nach der Saat, sprach vom Wetter, gab Auftrag, drei neue Pflüge zu bestellen, den Tierarzt am Montag kommen zu lassen und die Hebamme heute noch zur schwangeren Magd, sagte beim Abschied: »Mein Vater ist gestorben. Ich werde drei Tage in Wien sein!«, salutierte mit einem nachlässigen Finger und ging. Sein Koffer war gepackt, man spannte die Pferde vor den Wagen, es war eine Stunde Fahrt bis zur Station. Er aß hastig die Suppe und das Fleisch. Dann sagte er zur Frau: »Ich kann nicht weiter! Mein Vater war ein guter Mann. Du hast ihn nie gesehen!« War es ein Nachruf? War's eine Klage? »Du kommst mit!« sagte er zu seinem erschrockenen Sohn. Die Frau erhob sich, um auch die Sachen des Knaben zu packen. Während sie einen Stock höher beschäftigt war, sagte Trotta zum Kleinen: »Jetzt wirst du deinen Großvater sehen.« Der Knabe zitterte und senkte die Augen.

Der Wachtmeister war aufgebahrt, als sie ankamen. Er lag mit mächtigem, gesträubtem Schnurrbart, von acht meterlangen Kerzen und zwei invaliden Kameraden bewacht, in dunkelblauer Uniform, mit drei blinkenden Medaillen an der Brust, auf dem Katafalk in seinem Wohnzimmer. Eine Ursulinerin betete in der Ecke neben dem einzigen, verhangenen Fenster. Die Invaliden standen stramm, als Trotta eintrat. Er trug die Majorsuniform mit dem Maria-Theresien-Orden, kniete nieder, sein Sohn fiel zu Füßen des Toten ebenfalls auf die Knie, vor dem jungen Angesicht die mächtigen Stiefelsohlen der Leiche. Der Baron Trotta fühlte zum erstenmal im Leben einen schmalen, scharfen Stich in der Gegend des Herzens. Seine kleinen Augen blieben trocken. Er murmelte ein, zwei, drei Vaterunser, aus frommer Verlegenheit, erhob sich, beugte sich über den Toten, küßte den mächtigen Schnurrbart, winkte den Invaliden und sagte zu seinem Sohn: »Komm!«

»Hast du ihn gesehen?« fragte er draußen.

»Ja«, sagte der Knabe.

»Er war nur ein Gendarmeriewachtmeister«, sagte der Vater, »ich habe dem Kaiser in der Schlacht von Solferino das Leben gerettet – und dann haben wir die Baronie bekommen.«

Der Junge sagte nichts.

Man begrub den Invaliden auf dem kleinen Friedhof in Laxenburg, Militärabteilung. Sechs dunkelblaue Kameraden trugen den Sarg von der Kapelle zum Grabe. Der Major Trotta, in Tschako und Paradeuniform, hielt die ganze Zeit eine Hand auf der Schulter seines Sohnes. Der Knabe schluchzte. Die traurige Musik der Militärkapelle, der wehmütige und eintönige Singsang der Geistlichen, der immer wieder hörbar wurde, wenn die Musik eine Pause machte, der sanft verschwebende Weihrauch bereiteten dem Jungen einen unbegreiflichen, würgenden Schmerz. Und die Gewehrschüsse, die ein Halbzug über dem Grab abfeuerte, erschütterten ihn mit ihrer lang nachhallenden Unerbittlichkeit. Man schoß soldatische Grüße der Seele des Toten nach, die geradewegs in den Himmel zog, für immer und ewig dieser Erde entschwunden.

Vater und Sohn fuhren zurück. Unterwegs, die ganze Zeit, schwieg der Baron. Nur als sie die Eisenbahn verließen und hinter dem Garten der Station den Wagen, der sie erwartete, bestiegen, sagte der Major: »Vergiß ihn nicht, den Großvater!«

Und der Baron ging wieder seinem gewohnten Tagewerk nach. Und die Jahre rollten dahin wie gleichmäßige, friedliche, stumme Räder. Der Wachtmeister war nicht die letzte Leiche, die der Baron zu bestatten hatte. Er begrub zuerst seinen Schwiegervater, ein paar Jahre später seine Frau, die schnell, bescheiden und ohne Abschied nach einer heftigen Lungenentzündung gestorben war. Er gab seinen Jungen in ein Pensionat nach Wien und verfügte, daß der Sohn niemals aktiver Soldat werden dürfte. Er blieb allein auf dem Gut, im weißen, geräumigen Haus, durch das noch der Atem der Verstorbenen ging, sprach nur mit dem Förster, dem Verwalter, dem Knecht und dem Kutscher. Immer seltener brach die Wut aus ihm. Das Gesinde aber spürte ständig seine bäurische Faust, und sein zorngeladenes Schweigen lag wie ein hartes Joch über den Nacken der Leute. Vor ihm wehte furchtsame Stille einher wie vor einem Gewitter. Zweimal im Monat empfing er gehorsame Briefe seines Kindes. Einmal im Monat antwortete er in zwei kurzen Sätzen, auf kleinen, sparsamen Zetteln, den Respektsrändern, die er von den erhaltenen Briefen abgetrennt hatte. Einmal im Jahr, am achtzehnten August, dem Geburtstag des Kaisers, fuhr er in Uniform in die nächste Garnisonstadt. Zweimal im Jahr kam der Sohn zu Besuch, in den Weihnachts- und in den Sommerferien. An jedem Weihnachtsabend erhielt der Junge drei harte silberne Gulden, die er durch Unterschrift quittieren mußte und niemals mitnehmen durfte. Die Gulden gelangten noch am selben Abend in eine Kassette, in die Lade des Alten. Neben den Gulden lagen die Schulzeugnisse. Sie kündeten von des Sohnes ordentlichem Fleiß und seiner mäßigen, stets hinreichenden Begabung. Niemals erhielt der Knabe ein Spielzeug, niemals ein Taschengeld, niemals ein Buch, abgesehen von den vorgeschriebenen Schulbüchern. Er schien nichts zu entbehren. Er besaß einen saubern, nüchternen und ehrlichen Verstand. Seine karge Phantasie gab ihm keinen anderen Wunsch ein als den, die Schuljahre, so schnell es ging, zu überstehen.

Er war achtzehn Jahre alt, als ihm der Vater am Weihnachtsabend sagte: »Dies Jahr kriegst du keine drei Gulden mehr! Du darfst dir gegen Quittung neun aus der Kassette nehmen. Gib acht mit den Mädeln! Die meisten sind krank!« Und, nach einer Pause: »Ich habe beschlossen, daß du Jurist wirst. Bis dahin hast du noch zwei Jahre. Mit dem Militär hat es Zeit. Man kann's aufschieben, bis du fertig bist.«

Der Junge nahm die neun Gulden ebenso gehorsam entgegen wie den Wunsch des Vaters. Er besuchte die Mädchen selten, wählte sorgfältig unter ihnen und besaß noch sechs Gulden, als er in den Sommerferien wieder heimkam. Er bat den Vater um die Erlaubnis, einen Freund einzuladen. »Gut«, sagte etwas erstaunt der Major. Der Freund kam mit wenig Gepäck, aber einem umfangreichen Malkasten, der dem Hausherrn nicht gefiel. »Er malt?« fragte der Alte. »Sehr schön!« sagte Franz, der Sohn. »Er soll keine Kleckse im Haus machen! Er soll die Landschaft malen!« Der Gast malte zwar draußen, aber keineswegs die Landschaft. Er porträtierte den Baron Trotta aus dem Gedächtnis. Jeden Tag am Tisch lernte er die Züge seines Hausherrn auswendig. »Was fixiert Er mich?« fragte der Baron. Beide Jungen wurden rot und sahen aufs Tischtuch. Das Porträt kam dennoch zustande und wurde dem Alten beim Abschied im Rahmen überreicht. Er studierte es bedächtig und lächelnd. Er drehte es um, als suchte er auf der Rückseite noch weitere Einzelheiten, die auf der vorderen Fläche ausgelassen sein mochten, hielt es gegen das Fenster, dann weit vor die Augen, betrachtete sich im Spiegel, verglich sich mit dem Porträt und sagte schließlich: »Wo soll es hängen?« Es war seit vielen Jahren seine erste Freude. »Du kannst deinem Freund Geld borgen, wenn er was braucht«, sagte er leise zu Franz. »Vertragt euch nur gut!« Das Porträt war und blieb das einzige, was man jemals vom alten Trotta angefertigt hatte. Es hing später im Wohnzimmer seines Sohnes und beschäftigte noch die Phantasie des Enkels ...

Inzwischen erhielt es den Major ein paar Wochen in seltener Laune. Er hängte es bald an diese, bald an jene Wand, betrachtete mit geschmeicheltem Wohlgefallen seine harte, vorspringende Nase, seinen bartlosen, blassen und schmalen Mund, die mageren Backenknochen, die wie Hügel vor den kleinen, schwarzen Augen lagen, und die kurze, vielgefurchte Stirn, überdacht von dem scharf gestutzten, borstigen und stachelig vorgeneigten Haar. Er lernte erst jetzt sein Angesicht kennen, er hielt manchmal stumme Zwiesprache mit seinem Angesicht. Es weckte in ihm nie gekannte Gedanken, Erinnerungen, unfaßbare, rasch verschwimmende Schatten von Wehmut. Er hatte erst des Bildes bedurft, um sein frühes Alter und seine große Einsamkeit zu erfahren, aus der bemalten Leinwand strömten sie ihm entgegen, die Einsamkeit und das Alter. War es immer so? fragte er sich. Immer war es so? Ohne Absicht ging er hie und da auf den Friedhof, zum Grab seiner Frau, betrachtete den grauen Sockel und das kreideweiße Kreuz, das Datum der Geburt und des Sterbetages, berechnete, daß sie zu früh gestorben war, und gestand, daß er sich ihrer nicht genau erinnern konnte. Ihre Hände zum Beispiel hatte er vergessen. »China-Eisenwein« kam ihm in den Sinn, eine Arznei, die sie lange Jahre hindurch genommen hatte. Ihr Gesicht? Er konnte es noch mit geschlossenen Augen heraufbeschwören, bald verschwand es und verschwamm in rötlichem, kreisrundem Dämmer. Er wurde milde in Haus und Hof, streichelte manchmal ein Pferd, lächelte den Kühen zu, trank häufiger als bisher einen Schnaps und schrieb eines Tages seinem Sohn einen kurzen Brief außerhalb der üblichen Termine. Man begann, ihn mit einem Lächeln zu grüßen, er nickte gefällig. Der Sommer kam, die Ferien brachten den Sohn und den Freund, mit beiden fuhr der Alte in die Stadt, trat in ein Wirtshaus, trank ein paar Schluck Sliwowitz und bestellte den Jungen reichliches Essen.

Der Sohn wurde Jurist, kam häufiger heim, sah sich auf dem Gut um, verspürte eines Tages Lust, es zu verwalten und von der juristischen Karriere zu lassen. Er gestand es dem Vater. Der Major sagte: »Es ist zu spät! Du wirst in deinem Leben kein Bauer und kein Wirt! Du wirst ein tüchtiger Beamter, nichts mehr!« Es war eine beschlossene Sache. Der Sohn wurde politischer Beamter, Bezirkskommissär in Schlesien. War der Name Trotta auch aus den autorisierten Schulbüchern verschwunden, so doch nicht aus den geheimen Akten der hohen politischen Behörden, und die fünftausend Gulden, von der Huld des Kaisers gespendet, sicherten dem Beamten Trotta eine ständige wohlwollende Beobachtung und Förderung unbekannter höherer Stellen. Er avancierte schnell. Zwei Jahre vor seiner Ernennung zum Bezirkshauptmann starb der Major.

Er hinterließ ein überraschendes Testament. Da er sicher sei des Umstandes – so schrieb er–, daß sein Sohn kein guter Landwirt wäre, und da er hoffe, daß die Trottas, dem Kaiser dankbar für seine währende Huld, im Staatsdienst zu Rang und Würden kommen und glücklicher als er, der Verfasser des Testaments, im Leben werden könnten, habe er sich entschlossen, im Andenken an seinen seligen Vater, das Gut, das ihm der Herr Schwiegervater vor Jahren verschrieben, mit allem, was es an beweglichem wie unbeweglichem Vermögen enthielt, dem Militärinvalidenfonds zu vermachen, wohingegen die Nutznießer des Testaments keine andere Verpflichtung hätten als die, den Erblasser in möglichster Bescheidenheit auf jenem Friedhof zu bestatten, auf dem sein Vater beigesetzt worden sei, ginge es leicht, dann in der Nähe des Verstorbenen. Er, der Erblasser, bäte, von jedem Pomp abzusehen. Das vorhandene Bargeld, fünfzehntausend Florin samt Zinsen, angelegt im Bankhaus Efrussi zu Wien, sowie restliches, im Haus befindliches Geld, Silber und Kupfer, ebenso Ring, Uhr und Kette der seligen Mutter gehören dem einzigen Sohn des Erblassers, Baron Franz von Trotta und Sipolje.

Eine Wiener Militärkapelle, eine Kompanie Infanterie, ein Vertreter der Ritter des Maria-Theresien-Ordens, Vertreter des südungarischen Regiments, dessen bescheidener Held der Major gewesen war, alle marschfähigen Militärinvaliden, zwei Beamte der Hof- und Kabinettskanzlei, ein Offizier des Militärkabinetts und ein Unteroffizier mit dem Maria-Theresien-Orden auf schwarz behangenem Kissen: sie bildeten das offizielle Leichenbegängnis. Franz, der Sohn, ging schwarz, schmal und allein. Die Kapelle spielte den Marsch, den sie beim Begräbnis des Großvaters gespielt hatte. Die Salven, die diesmal abgefeuert wurden, waren stärker und verhallten mit längerem Echo. Der Sohn weinte nicht. Niemand weinte um den Toten. Alles blieb trocken und feierlich. Niemand sprach am Grabe. In der Nähe des Gendarmeriewachtmeisters lag Major Freiherr von Trotta und Sipolje, der Ritter der Wahrheit. Man setzte ihm einen einfachen, militärischen Grabstein, auf dem in schmalen, schwarzen Buchstaben neben Namen, Rang und Regiment der stolze Beinamen eingegraben war: »Der Held von Solferino«.

Wenig mehr blieb also von dem Toten zurück als dieser Stein, ein verschollener Ruhm und das Porträt. Also geht ein Bauer im Frühling über den Acker – und später, im Sommer, ist die Spur seiner Schritte überweht vom Segen des Weizens, den er gesät hat. Der kaiserlich-königliche Oberkommissär Trotta von Sipolje erhielt noch in derselben Woche ein Beileidsschreiben Seiner Majestät, in dem von den immerdar »unvergessenen Diensten« des selig Verstorbenen zweimal die Rede war.

II

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