Ragnarök - K.T. Rina - E-Book

Ragnarök E-Book

K.T. Rina

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Beschreibung

"Was Freund war wird Feind", prophezeiten die Nornen dem Anführer der Asen. Seither bereitet Odin sich und seine Götter auf einen Krieg vor, doch noch wissen sie nicht, wer ihnen als Feind gegenübertreten wird. Die Einherjer—verstorbene Menschen—sind ein Teil der Armee der Götter. Ihre Schicksale werden bestimmt von den Manövern und Intrigen der Götter über ihnen. Eine neue Darstellung des Ragnarök, erzählt von den Perspektiven der Götter und Menschen, von Lokis Aufnahme in Asgard bis zum Ende der neun Welten.

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Seitenzahl: 536

Veröffentlichungsjahr: 2019

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K.T. Rina

Ragnarök

Der letzte Einherjer

Vorwort

Die Geschichte „Ragnarök – Der letzte Einherjer“ ist keine akkurate Repräsentierung der nordischen Mythologie. Vielmehr nutzt sie die Charaktere und Welten als Fundament, um die Geschichte des Ragnarök und der nordischen Mythen in einer zusammenhängenden Geschichte neu zu interpretieren und wie diese—wären sie real—Einfluss auf das Leben der Menschen haben würden.

Die erwähnten Menschen, ihre Leben und genannte Orte sind frei erfunden.

Die Menschen im Norden sprachen von 9 Welten, die durch die Esche Yggdrasil verbunden waren.

Oben auf der Krone des Weltenbaums lebte der Riese Surtur gemeinsam mit den abscheulichen Söhnen der Welt, die man Müspelheim nannte. Es war ein Ort der Glut, der Hitze, des Lichts. Geysire schossen vom Boden und von dort floss alles Wasser hinab in die unteren Welten.

Eine solche war Albenheim, die Heimat der Alben. Sie lebten dort friedlich und ohne Streit mit den anderen Welten. Isoliert waren sie dennoch nicht: Ihr König war Frey, Sohn Njörds, der ihm als Junge Albenheim als Zahngeschenk gegeben hatte.

Njörd und Frey waren Teil des ältesten der Göttergeschlechter, den Wanen. Njörd, ihr Anführer, herrschte über Wanenheim, welches auf der gegenüberliegenden Seite von Yggdrasils Stamm und Albenheim lag.

Im Süden Yggdrasils und tiefer noch lag Asgard, die Heimat des Göttergeschlechts der Asen. Einst beherrscht von Bor, wurde die Führung in die Hände von seinem Sohn Odin gelegt.

Die Welt unter Asgard, Midgard genannt, wurde von demselben Bor und seinen drei Söhnen Odin, Ve und Vili geschaffen. Sie hatten den Riesen Ymir erlegt und aus seinem unermesslichen Körper eine Welt für Nicht–Götter erschaffen: Aus dem Fleisch wurde Midgards Erde, aus Ymirs Blut die Seen und Meere, die nicht von einem Wasserfall geflutet wurden, kreiert; aus seinen Brauen formten sie die Berge und seinen Schädel zertrümmerten sie und warfen die Splitter in Ginnungagap, die Schwärze, die Dunkelheit, die Yggdrasil einhüllte, die Leere, die der umstehende Kosmos war. Jene Splitter waren bekannt als Sterne und ab und an füllten die Götter die Schwärze mit weiteren glänzenden Objekten, um neue Konstellationen zu formen.

Doch Midgard war zweigeteilt: Auf der warmen Südseite lebten die unschuldigen Tiere, auf der kalten Nordseite wurde die verräterische Jotenrasse verbannt. Deshalb wurde diese kalte Hälfte Jotunheim genannt. Die Joten, die von Ymir abstammten, wurden dorthin verjagt, weil sie es wagten sich gegen die Götter zu stellen. Sie wurden Joten („Verschlinger“) genannt, weil sie alles in ihrer Gier und Bosheit verschlangen.

Unter Midgard lagen zwei unterschiedliche, jedoch ähnlich dunkle Welten verborgen. Eine lag unter der Nordhälfte unter Jotunheim und beherbergte die Zwergenrasse. Nidavellir war die Heimat dieser, welche besonders geübt waren in der Kunst des Schmiedens. Die einzigen Lichter, welche sie sahen und verehrten, waren das Feuer der Schmiede und die Funken von geschlagenem Stahl.

Unter der Südhälfte Midgards lag eine weitere Höhlenwelt, eine von Göttern verborgene und so trug sie keinen Namen. Die Söhne Bors erschufen sie bei der Kreierung Midgards als geheimen Zufluchtsort vor ihren Eltern. Diese Höhlenwelt war von Pilzen an der turmhohen Decke erleuchtet, wo Wasser aus den Seen und Meeren hinuntertrickelte; sogar Gras wuchs auf dem kalten Boden, doch Tiere lebten dort nicht.

Noch tiefer, tief am Stamm des Weltenbaums, wo einige Wurzeln herauswirbelten und die meisten in unendlicher Tiefe verborgen waren, war die Welt Niflheim. Nichts lebte dort. Es war ein Ort der Kälte und des Eis. Der Boden war eine graue Decke, doch war es kein Schnee, sondern Asche die vom Himmel hinabstreute. Kein Horizont. Keine Grenzen.

Der Weltenbaum Yggdrasil, so wurde gesagt, wurde durch das Kollidieren der Glut Müspelheims und des Frosts Niflheims erschaffen. Wo zwei unterschiedliche Kräfte aufeinander prallen, dort wird Leben erschaffen…oder Leben zerstört.

Blut floss aus der Wunde. Der Schnee tränkte sich rot. Der Wolf röchelte nicht mehr, als der Mann mit dem Fuchspelz den Pfeil aus dem Hals des Tieres zog. Er war auf die Knochen runtergehungert, genau wie der Jäger. Die Kälte hatte den Wolf zum Lagerfeuer gezogen. Er war verzweifelt in diesem frühen Winter, in diesem Winter ohne Sonne—womöglich wollte er sterben. Sigurd zog den Wolfskörper zum Feuer und weidete ihn dort aus. Das Fleisch war kostbar, die Leber köstlich. Die Knochen brachen widerstandslos in seinen Händen wie die eines jungen Kükens. Er saugte jedes Tröpfchen Mark aus diesen heraus. Er wusste nicht, wann er wieder essen würde, wann er wieder den plagenden Hunger stillen konnte. Um den Tod sorgte sich Sigurd nicht. Er war schon einmal gestorben.

Vor dem Licht

Ein neuer Freund

Thor spaltete dem letzten fliehenden Joten den Schädel. Seit drei Jahren durfte er nun alleine durch die Welten reisen. Sein Vater Odin empfand, dass ein Junge abenteuerlustig sei und er wusste von Thor, dass ihm nichts zustoßen würde. Thors Stärke war bereits als kleines Kind gleichzusetzen mit der von seinem Vater.

Das Blut aus den Leichen des Ehepaares färbte den Schnee um sie rot. Jotunheim war ein kalter, trostloser Ort, indem der Winter nie aufzuhören schien; nur selten verirrten sich wärmende Strahlen, wenn Sol ihr brennendes Gespann vorbeizog. Deshalb blieb Thor an der Grenze zwischen Jotunheim und Midgard, damit die Asengeschwister, die Sonne und Mond über den Himmel zogen, ein Auge auf ihn werfen konnten.

Thor wischte seine Axt an den Leibfetzen eines der Toten sauber, als er einen Jungen aus einer Höhle kommen sah. Der Junge hatte schwarzes Haar und trug einen weißen Bärenpelz um seine Schultern. Seine Augen glühten rot. Thor schmiss seine Axt nach ihm, aber der Junge rollte frühzeitig zur Seite. Blitzschnell zog Thor eine weitere Axt von seiner Hüfte und warf es auf jenen. Abermals wich der Junge im Eisbärenpelz aus und rannte auf Thor zu. Odins Sohn nahm naheliegende Steine und warf sie nach ihm. Nach drei misslungenen Würfen war der Junge in Armreichweite, seine Augen brannten rot wie die Glut eines Holzblocks, kurz bevor es erlosch. „Hab dich!“ sagte der Junge, als er Thor am Arm antippte. Danach rannte er wieder von Thor weg, doch hielt ihn im Auge, sodass der Ase ihn nicht sogleich fing. Thor lachte, warf den Stein in der Hand zu Boden und rannte dem Jungen hinterher. Thors orange Haare wehten mit dem kalten Wind.

Thor und Loki spielten immer zusammen, wenn Thor wieder in Jotunheim war. Wegen seiner Stärke hatte Thor von seinem Vater die Aufgabe erhalten, Midgard, das Reich der Tiere, von den Wanderern des Eis zu schützen—Thors Vater sagte, dass jeder sein Reich erhalten hatte, damit es zu keinen Streitigkeiten komme; leider jedoch gäbe es immer welche, die sich nicht an die Regeln hielten. „Du, Loki: Willst du mich mal in Thorheim besuchen kommen? Da ist es nicht so kalt und ich kann dir meine Sammlungen zeigen. Ich habe sehr schöne Schwerter zum Namenstag geschenkt gekriegt. Dann können wir mal richtig gegeneinander kämpfen.“

„Hihihoh“, lachte Loki, doch dann sank sein Kopf. „Aber ich bin ein Jote…“

„Das macht nichts. Mein Vater hat einen guten Freund namens Mimir mal nach Asgard eingeladen, der auch ein Jote ist. Ich bin sicher, Vater wird nichts dagegen haben, wenn du kommst.“ Die roten Augen des Jungen strahlten und er fragte seinen Freund, wie er denn nach Thorheim komme. „Also erst gehst du in Richtung Midgard; du läufst dahin, wo Sol Midgard verlässt“, Thor zeigte mit seiner Hand nach Westen. „Dann hältst du Ausschau nach einem Baum im Felde, dessen Früchte keine Vögel anlocken. Dieser Baum hat ein Loch und blickst du dort hindurch, kannst du Bifröst sehen. Es ist die bunte Brücke im Himmel, die von Midgard nach Asgard führt. Bist du erstmal dort, wird Heimdall dir zeigen, wie du zu mir nach Hause kommst.“

„Gut. Ich komme dann in fünf Tagen, ja?“

Thor nickte und sie warfen sich wieder mit Schneebällen ab.

Loki fand Bifröst dank Thors Beschreibung problemlos. Pfeifend hüpfte er über die Regenbogenbrücke und blickte durch das bunte Glas: Unter ihm war Midgard und weit im Osten sah er sein Zuhause, wo er damals Thor getroffen hatte. Es schien ihm alles so winzig von dort oben. Das Tor zum Reich der Asen war eine Festung. Es war der Palast von Heimdall und er entschied, wer sein Haus betreten und hindurch nach Asgard schreiten durfte. Der kleine Junge im weißen Bärenpelz blickte hoch auf die gigantischen Eingangstore. Er hob seine Faust, um daran anzuklopfen, doch die Tore knarrten vorher auf. Heimdall erwartete ihn bereits, er erspähte ihn schon über Bifröst kommen. Der Wächter hielt einen Speer in seiner rechten Hand und sein rechtes Auge drehte ständig umher, ständig wachend. Dann fixierten beide braunen Augen auf Loki und er fühlte sich unwohl. „Thor hatte mir schon gesagt, dass ein Wanenjunge kommen würde. Thorheim liegt ganz im Westen. Geh durch die Eingangshalle durch und du gelangst nach draußen. Lauf geradeaus und du gelangst nach Idafeld. Dort steht Odins Palast Gladsheim, du biegst aber zuvor links ab und gehst den Pfad entlang bis du einen Palast siehst, der noch im Bau steht. Thor wollte dort auf dich warten.“

Loki bedankte sich und ging durch die Eingangshalle. Am anderen Ende öffneten zwei riesige Asen die Tore und ein wärmendes Licht empfing ihn. Asgard eröffnete sich vor ihm. Saftig grün war das Gras, wolkenlos der Himmel. Selbst das Atmen schien ihn mehr mit Luft zu füllen. Am Horizont blitzte etwas Goldenes: Es müsste Gladsheim sein. Loki folgte dem Funkeln. Je näher er dem Gold kam, desto mehr sah er von Asgard. Imposante Häuser und prunkvolle Gärten tummelten sich über den ganzen Horizont. Eins war schöner als das andere, glänzender als die Regenbogenbrücke Bifröst, die er hierher überquerte. Er lief am ersten Palast vorbei, der ihn den Weg mit seinem blitzenden Dach zeigte, rüber zu einem riesigen Platz. Der Boden dort war bemalt und zeigte die Geschichte Odins und seiner Brüder Ve und Vili, wie sie Midgard aus dem Körper des Urvater der Joten, Ymir, geschaffen haben; Ve und Vili rissen ihm die Augen raus, während Odin ihn festhielt. Loki kannte die Geschichte, denn auch unter den Joten zollte man den Asen Respekt, wenn nicht unbedingt Wohlgefallen, aber er hatte sich Ymir immer größer vorgestellt.

Nach einem langen Marsch sah er den Palast im Bau und hielt Ausschau nach seinem Freund. In der Ferne sah er eine orange Fahne vom Haupt eines Jungen wehen und winkte ihm zu. Dieser begrüßte ihn mit einem Wurf eines Steins, dem er wie gewohnt auswich. Thor rannte zu ihm und wirbelte hinter sich eine riesige Staubwolke, sodass sich die Arbeiter am Palastbau vehement beschwerten. Thor berührte Loki an der Schulter, sagte „Du bist“ und rannte blitzschnell davon.

Nach einigen Stunden des Spielens kam Odin mit Heimdall an seiner Seite. Sie sahen wie Thor und der Junge mit Schwertern und Schilden gegeneinander kämpften. „HALT!“ hallte der tiefe Bass Odins durch Asgard. Thor ließ gehorsam sofort mit dem Kämpfen ab, Loki sah aber darin seine Chance und schlug Thors Schwert aus seiner Hand. Als er für den letzten Schlag ausholen wollte, griff Odin ihn am rechten Arm und drückte so fest, dass er die Waffe fallenließ. Blut floss aus der Stelle, wo die Fingernägel eindrückten. Loki blickte hoch auf den blondbärtigen Mann mit den blauen Augen. Lokis Knie zitterten. Es war das erste Mal, dass er Angst um sein Leben verspürte. „Ein Jote…Was hast du dir dabei gedacht, Thor?“

„Er ist mein Freund, Vater!“

Odin ließ Loki los und sprach gutmütig: „Wir können keine weiteren Joten hier aufnehmen.“

„Und dennoch stehst du hier! Und er auch!“ erwiderte Loki und zeigte auf Heimdall.

Heimdall hob seinen Speer, doch Odin lachte und wies dem Wächter, sich zurückzuhalten. Odin ballte seine rechte Faust, bis seine Nägel in seine eigene Handfläche schnitten und Blut herausfloss. Er packte mit der blutigen Hand die Wunde an Lokis Arm. Der Junge blickte in die blauen Augen Odins und bemerkte, wie sich dessen rechtes Auge von blau nach rot färbte. „Loki“, sagte Thor und zeigte auf Lokis rechte Auge, „Dein Auge ist blau.“

Odin ließ ihn los. Loki kniete sich vor das liegende Schwert und betrachtete sein Spiegelbild in der polierten Klinge. Er hatte nun ein blaues und ein rotes Auge. „Du hast nun Asenblut in dir“, erklärte Odin. „Du hast mein Blut in dir. Du darfst jetzt hier bleiben und keiner wird dir mein Gastrecht nehmen. Komm, Heimdall. Lass die Jungs weiterspielen.“ Odin kehrte ihnen den Rücken und ging zurück nach Gladsheim. Heimdall blickte skeptisch auf den Jungen, der Odin mit weiterem Jotenblut verschmutzt hatte, bevor auch er zurück zu seinem Wachposten in Himinbjörg ging. Wieder hatte der Allvater diese Joten aufgenommen. Zuvor hatte Odin dasselbe Blutmischen mit Mimir ausgeführt. Odin war willkommen zu den Joten, da seine Mutter Bestla selbst eine Jotin war. Auch sein Sohn Thor hatte eine Jotin zur Mutter, genannt Jörd. Heimdall mistraute der hinterhältigen Art der Joten, da er sie besser verstand als alle anderen—der Ase war selbst erschaffen worden von neun Jotinnen, neun Hexen; geschaffen worden, um ihnen als Wächter zu dienen.

Am Abend sammelten sich alle Asen und feierten die Aufnahme Lokis in ihre Reihen. Der Junge gefiel vielen dank seiner witzigen und verspielten Art, dem ständigen spielen von Streichen und erzählen von Witzen. Bevor der Met, welcher aus der Ziege Heidruns Euter gemolken wurde, ausgeschenkt wurde, brachte die Asin mit dem erdgleichem Haar jedem eine Himbeere und legte sie auf die Teller. „Nur eine Beere?“ fragte Loki seinen Freund Thor verwundert.

„Haha, natürlich nicht. Das richtige Festmahl kommt gleich. Idun sammelt Früchte und Nüsse über ganz Asgard, die uns Lebensenergie spenden. Deshalb sieht mein Vater immer noch so jung aus, obwohl er schon hunderte Jahre alt ist.“ Loki schaute auf den bärtigen Mann, den sie Allvater nannten. Ein rotes und ein blaues Auge…so wie er es nun hatte.

Der Krieg der Götter

Einige Asen sahen Odins Blutmischen mit den Joten als Zeichen der Schwäche. Sie waren nicht alleine in dieser Ansicht. Das andere Göttergeschlecht, die Wanen, nahmen die Gelegenheit wahr und bereiteten sich auf einen Konflikt gegen die Asen vor. Sie schickten die wunderschöne Freya, um die Asen zu korrumpieren. Die Wanin nutzte Seidr, eine mysteriöse Magie, um Unmengen an Gold zu kreieren und die Asen goldgierig zu machen. Sie becircte den Allvater mit ihrer Schönheit und ihrem Charme und zog ihn in ihren Bann. Er vernachlässigte seine Beziehung zu Jörd, um mit der Wanin Tag und Nacht zu verbringen.

Freya unterschätzte jedoch wie schwer Gier den Verstand der Götter einnehmen würde. Die Asen verlangten mehr und mehr Gold und als Freya ihre Gier nicht befriedigen wollte—und konnte, da es nur ein Zauber war—, drohten sie mit ihrem Leben und verbrannten sie letztlich.

Vergeblich.

Sie stand aus der Asche des Pfahls auf, an den sie gebunden war. Dreimal stand sie im Feuer und dreimal lebte sie erneut, bevor sie flüchten, ihren Falkenmantel anziehen und nach Wanenheim fliehen konnte.

Darauf sammelten die Asen sich zu einem Rat und beschlossen das weitere Vorgehen gegen die Wanen. Die eine Hälfte der Asen bestanden auf die Versprechungen Freyas: Sie wollten Gold; so viel Gold, dass sie ihre Häuser damit einkleiden konnten; sie stimmte somit für eine Plünderung Wanenheims. Die andere Hälfte besann sich ihrer Vernunft: Die Wanen wären von ebenbürtiger Stärke und ein Kampf gegen sie würde niemals enden. Odin war sich ebenfalls unschlüssig und suchte den Rat bei seinem Freund Mimir. Er ging von einem Ast Yggdrasils zu dessen Stamm und rutschte hinunter zu Mimirs Brunnen. Das Wasser darin sollte einem mit Weisheit überströmen, weshalb Mimir, der täglich daraus trank, so Weise war. Als er dort ankam, sah er den Joten mit einem schwarzen Horn Wasser aus dem Brunneneimer schöpfen. Der Brunnen sah gewöhnlich aus, der Ring errichtet aus Steinbrocken. „Mimir“, sprach Odin, „ich benötige deinen Rat. Die Asen sind zwiegespalten: Einige sehnen sich nach einer Plünderung Wanenheims, die anderen wollen den Frieden beibehalten.“

„Und du suchst nun die richtige Entscheidung, Odin?“ sagte Mimir in seiner ruhigen Stimme, golden blitzten seine Zähne. Er stoß den Eimer am Brunnenrand hinunter. Eine Weile verging, aber nie hallte der Aufprall auf das Wasser aus dem Brunnen heraus. Mimir hielt Odin davon ab, in den Brunnen zu blicken. Der Jote strich mit einer Hand über seinen langen Bart, die andere legte er an das enorme Horn an seiner Hüfte auf. „Ich bin keine Norne, mein Freund. Ich vermag es nicht zu sagen, welche Entscheidung den Asen besser kommt. In der Tat: Die Entscheidung mag schon längst gefallen sein. Nur weil wir nicht hören wie das Wasser platscht, heißt nicht, dass der Eimer nicht bereits hinuntergeworfen wurde. Es bedeutet lediglich, dass der Brunnen tief ist, dass es dauert, bevor wir die Folgen meines hinunterschubsen des Eimers erkennen können.“

„Oder der Brunnen ist leer“, entgegnete Odin.

„Was würdest du für die Wahrheit opfern?“ grinste Mimir hinab auf den Gott—der Jote war ein Kopf größer als der Ase.

Odin zögerte und gewichtete seine Antwort überlegt: „Mein Auge.“

„Nur eines? Nun gut, deine Entscheidung…Welches wird es sein?“ Sein Grinsen verlies Mimirs Mund, als er Odin ein Messer in die Hand legte. Odin drückte die Klinge an sein blaues Auge, dann entschied er sich jedoch, dass rechte, rote Auge zu entfernen. Blutverschmiert legte er die sehende Kugel in Mimirs Hand. Dieser schmiss das Auge in den Brunnen.

Der Eimer platschte auf Wasser auf. „Nur zu, mein Freund. Zieh es hoch und ergötze dich an der Erleuchtung“, sprach Mimir sanft und trat beiseite. Odin schaute hinein und der Eimer schwamm an der Oberfläche, die er problemlos ohne auszustrecken berühren konnte. Er sah sein Auge nirgends noch Spuren von Blut. Er zog den Eimer voll klarem Wasser hoch. Ein Einäugiger starrte in der verschwommenen Oberfläche auf Odin. Er tränkte seine Hände hinein und das Wasser mischte sich mit dem Blut an seinen Händen und färbte sich zinnoberrot. Er schöpfte und trank einen Schluck. Er merkte nichts Außergewöhnliches. Er leerte den Eimer bis zum Boden, doch nichts geschah. Er warf den Eimer wieder hinab in den Brunnen und er platschte beinahe umgehend auf. Abermals zog er ihn hinauf und leerte ihn.

Nichts.

„Was soll das, Mimir? Ich habe mein Auge geopfert!“

„Du hast das Auge eines Joten geopfert, nicht deins. Du hattest dich falsch entschieden.“ Odin hob voll Zorn seinen Speer Gungnir und stieß die Spitze gegen Mimirs Brust, doch stoppte, bevor er ihn berührte. Er verstand nun. Er verstand nun Mimirs Worte: Die Entscheidung war schon längst gefallen. Er kehrte dem Joten den Rücken und ging zum Stamm des Weltenbaums. „Endlich hat das Wasser dich erleuchtet“, rief Mimir ihm hinterher, während er mit dem Eimer aus dem Brunnen schöpfte.

Odin kletterte zurück nach Asgard und wurde von seinem Sohn Thor und Loki begrüßt, die eifrig auf seine Ankunft gewartet hatten. „Was wirst du nun tun, Vater?“ fragte der kleine Thor—Jahrzehnte vergingen, bevor Asen sichtbar älter wurden; Loki befiel dasselbe Schicksal, seit Odin ihm sein Blut schenkte.

Odin lief wortlos an ihnen vorbei und zum Strand im Osten, von dem Wanenheim zu erblicken war. Er hob Gungnir und schmiss den Speer hinüber, der einen Wanen aufspießte und umgehend tötete. „ODIN IST GOTT ALLER GÖTTER“ schrie Odin. Der erste Krieg zwischen Wanen und Asen begann.

Der Krieg war erschöpfend für beide Seiten ohne einen klaren Sieger hervorzuheben. Die Verluste trafen Odin besonders: Er verlor seine Brüder Vili und Ve, und Jord, die Mutter Thors. Die Asen und Wanen besannen sich nach einer Waffenruhe, einem Frieden. Beide Seiten gaben der anderen Geiseln, um den Waffenstillstand zu gewähren. Die Wanen übergaben ihren König Njörd und seine zwei Kinder Frey und Freya, die an Odin vermählt wurde; man erhoffte sich einen währenden Frieden von ihrer Ehe. Die Asen gaben als Zeichen der Versöhnung Odins Speer, Gungnir, und zwei entbehrliche Geiseln: Hönir, einem hübschen Schwätzer, und Mimir, dem Odin seine Opferung des Auges nicht verziehen hatte.

Die Wanen achteten Mimir nicht, da er zum Stamm der Joten angehörte. Hönir hingegen erwies sich als hervorragender Berater. Sie ahnten jedoch nicht, dass er nur die Worte Mimirs nachsprach wie ein Schwätzer es nun mal tat.

Ein Jahr verging in Frieden. Die Wanen in Asgard lebten friedlich mit den Asen. Freya gebar Odin einen Sohn, den sie auf den Krieg anspielend Hermod nannten—Die Rage des Krieges. Er würde seinem Vater in Statur und Gesicht so ähneln, dass man ihn manchmal für den kleinen Odin hielt.

Derweil in Wanenheim missfiel der Rat Hönirs den Göttern dort stets mehr. Er antwortete ihnen auf ihre Nachfragen letztlich stets ehrlich mit: „Fragt jemand anderes.“ Sie wurden zornig, dass die Asen sie getäuscht und für das mächtige Haus des Njörds solch lausige Geiseln erhalten hätten. Sie behielten den Asen Hönir am Leben, um ihn eventuell gegen Frey auszutauschen, und köpften stattdessen Mimir. An Gungnir gebunden schmissen sie seinen Kopf nach Asgard, wie es Odin damals zum Start des ersten Krieges tat. Odin wusste von Freya, dass sie ihren Körper bei den Verbrennungen durch Seidr verwandelt hatte und bat sie nun, Mimirs Körper wiederherzustellen. Sie hatte es oft versucht, doch schaffte es nicht. Ihr gelang es nur dem kahlen Kopf, der mit Gungnir nach Asgard kam, Leben einzuhauchen. „Du Narr“, schimpfte Mimir Odin an, „Hönir, der Schwätzer, hat nun den zweiten Krieg ausgelöst.“

„Dann hab ich alles, was ich wollte“, grinste der Einäugige.

Der zweite Götterkrieg war eher vorbei als es beim ersten der Fall war. Mit dem Fehlen der Familie Njörds waren die Wanen schwächer als die Asen. Sie einigten sich bald auf einen endgültigen Frieden. Keine Geiseln wurden diesmal ausgetauscht. Stattdessen brachte Idun den Anführern und Mächtigsten der beiden Götterrassen ihre gesammelten Beeren. Die zerkauten Früchte wurden dann in einen Kelch gespuckt. Saga füllte den goldenen Behälter mit Wasser aus ihrem Bach in Sökkwabeck, dann rührte Freya die Lösung unter Einwirkung von Seidr. Das Kind einer Asenmutter und eines Wanenvaters wurde auserkoren, den Kelch auszutrinken und als Botschafter zwischen den beiden Göttergeschlechtern zu dienen. Die magische Kraft, die in den Zutaten innewohnte, brachte eine unerreichte Intelligenz im ausgewählten Jungen. Ehrlich und ergiebig konsultierte Kvasir sowohl Asen als auch Wanen mit seinem vermögenden Wissen und seiner geschickten Zunge. So endete der Krieg der Götter und dank Kvasir hielt ihr Frieden.

Die Prophezeiung

Odin, der sich ständig nach mehr Wissen und sogleich Macht sehnte, seit er von Mimirs Brunnen getrunken hatte, ging zu den Nornen, weissagende Frauen, die—ähnlich wie Mimir—an einem Brunnen lebten, dieser jedoch bei den Wurzeln Yggdrasils stand. Odin hoffte, dass ihre Quelle ihn mit Weisheit erfüllen würde ohne ein Opfer von ihm. Je tiefer er den Stamm hinunterkletterte, desto mehr fühlte er seine Kraft nachlassen, seine Wärme schwinden. Die Welt, auf denen die Wurzeln Yggdrasils verankert waren, war genannt Niflheim. Es war ein kalter, trostloser Ort. Die Dimensionen waren schier endlos und niemand, der Niflheims Enden erkunden wollte, war jemals zurückgekehrt. An einem der riesigen herauswirbelten Wurzeln brannte ein Feuer. Odin hörte die Stimme von paar Frauen, eine sprach gellend. Er näherte sich dem Feuer, seine Hand auf der Wurzel aufliegend. Als seine Hand die Wurzel berührte, fühlte er wieder seine Kraft zurückkehren, und als er Yggdrasil losließ, verschwand sie sogleich. Er lief weiter und strich mit seiner Hand über die Wurzel. Er fühlte verschiedene Gravuren darin, eingeschnitzt, nicht natürlich. Die Stimmen der Frauen wurden leiser, je näher er dem Feuer kam, bis sie gänzlich verstummten. Ein kleines Mädchen kam Odin entgegen und blieb ihn begutachtend vor ihm stehen. Ihr blondes Haar war geflochten in zwei Zöpfen, die vor ihren Schultern herabfielen. Sie neigte ihren Kopf und sagte: „Hallo, Odin. Komm, du bist spät dran—wenn es nach Skuld geht.“ Sie nahm ihn bei der Hand und hopste zum Feuer. Eine schwangere Frau stand am Feuer, blickte auf das Holz in ihren Händen, bevor sie es den Flammen fütterte. Ihr braunes Haar fiel flach hinter ihre Schultern; ihr Gesicht glänzte schön im Licht des brennenden Holzes. Eine alte Frau stand daneben und webte an einem Teppich. Ihr Haar war weiß und kurz, dünn und zerbrechlich wie die Frau selbst.

„Urd ist zurück“, sagte die schwangere Frau zur Alten.

„WAS?“ schrie die halbtaube Greisin.

„URD IST ZURÜCK!“ kreischte die Schwangere zurück.

„Endlich!“ erwiderte die alte Norne Skuld. Sie drehte sich zu Verdandi und tastete sich blind zum Feuer. Die Schwangere half ihr auf einem Holzstuhl Platz zu nehmen. Skuld hob ihre Hände über dem wärmenden Feuer. „Urd, sei doch so lieb und schöpf etwas Wasser, ja?“

Das Mädchen ließ Odin los und hopste zum Brunnen, dessen Rand gerade noch von der Feuerstelle sichtbar war. „Setz dich, Ase!“ sagte Verdandi und zeigte auf einen Holzstummel am Feuer. „Du suchst nach Wissen. Oh, ich versteh die Sorgen, die das Sein bereiten“, sagte sie und strich über ihren gewölbten Bauch. „Doch beharre dich nicht auf die Worte, die du gleich vernimmst, sonst wirst du vom Morgen geblendet und fühlst nicht mehr die ungesehenen Wehen des Heute.“ Das Mädchen Urd kam zurück mit einem Krug voll Wasser. Sie schöpfte zuerst einen Schluck heraus, dann übergab sie es Verdandi. Die Schwangere trank ebenfalls, bevor sie den Krug der blinden Skuld in die Hand drückte. Diese schöpfte und verschlang wie eine verdurstende das Wasser von ihren faltigen und zittrigen Händen. „Nun du“, sagte Verdandi und reichte den Krug dem Asen. Odin tränkte seine Hände hinein und trank das Wasser darin. Er merkte nichts, so wie damals bei Mimirs Brunnen.

„Die Geburt des Lichts…“, sprach das Mädchen.

„…ist die Geburt des Schattens“, führte die Greisin fort.

„Die größte Finsternis wird kommen…“

„…wenn das größte Feuer brennt“, schloss Skuld wieder Urds Satz.

„Wie das Feuer Müspelheims und das Eis Niflheims zusammenkamen und Leben schufen, so erneut wird der Zusammenprall von Wärme und Kälte eine neue Ära gebären“, sagte die Schwangere.

„Was Freund war, wird Feind“, sagte Urd.

„Was neun ist, wird eins“, sprach Verdandi.

„Was sein wird, wird sein“, schloss Skuld ab.

Sie schwiegen. Nur das Knistern des brennenden Holzes hallte durch die Dunkelheit. Die alte Norne wurde von der Schwangeren wieder zu ihrem Webstuhl geführt, während das Mädchen spielend mit einem Zweig das brennende Holz stoß. Odin erhob sich und verließ die Nornen und die machtentziehende Kälte Niflheims.

Auf der Suche nach Macht

Odin war besorgt von der Prophezeiung der Nornen. Was neun ist, wird eins. Sie mussten damit die neun Welten gemeint haben, die sich auf eins reduzieren würden. Doch welche Welt würde übrig bleiben nach der größten Finsternis? Und woher wussten sie, dass es neun Welten gab? Odin dachte stets, er wäre der Letzte, der von der unbekannten, neunten Welt wusste.

Was Freund war, wird Feind. Wem könnte er nun trauen? Am meisten bestürzte ihn der letzte Satz der Nornen. Was sein wird, wird sein. War er wirklich machtlos gegen das, was kommen würde? Nein! Das könnte nicht sein. Er war der Gott der Götter. Er war mächtiger als alle zuvor. Es müsste einen Weg geben. Er müsste sich auf alles vorbereiten, was ihm die Zukunft stellen könnte.

So begab sich Odin durch die Welten auf der Suche nach Etwas, dass ihn mächtiger machen würde. Er fand auf seinen Reisen die Runen. Es waren dieselben Gravuren, die die Nornen in Yggdrasils Wurzeln eingeschnitzt hatten. Er spürte, dass Runen eine Macht inne hielten, aber er wusste nicht wie er diese nutzen konnte. Er erinnerte sich an Mimirs Worte, als er das erste Mal nach Weisheit fragte: „Was würdest du für die Wahrheit opfern?“

So brachte Odin das größte Opfer, das ihm einfiel: Er opferte sich selbst an sich selbst. Er nahm sein Speer Gungnir und spießte sich am Stamm Yggdrasils auf. Dort hing er in der Nähe von Mimirs Brunnen, wo Mimirs Kopf regungslos lag. Nach neun Tagen des Hungers, Durstes und der Qualen landete ein Falke auf seinem Speer, Gungnir löste sich vom Stamm des Weltenbaums und Odin fiel zu Boden. Der Falke landete neben ihm und verwandelte sich in Freya, die den Speer aus dem Leib ihres Ehemannes herauszog. Sie konnte kein Seidr auf ihn wirken und behandelte seine eitertriefende Wunde mit Arzneimitteln, die sie von der Wanin Malinar gelernt hatte. Odins Frau gab ihm etwas Wasser zu trinken und er begann etwas vor sich hin zu murmeln: „Ich verstehe nun…“ Freya half ihm hoch und setzte ihn an Mimirs Brunnen ab und reinigte seine Wunde mit dem Wasser der Weisheit. Er lehnte sich an die kalten Steine und redete, halb im Wahn: „Die Macht der Runen…Die Macht der Schrift…Unsterblichkeit…“

„Ich bin gleich zurück.“ Freya zog ihr Falkengewand an und flog zurück nach Asgard. Sie schleppte Thor zum Brunnen und der kräftige Sohn trug seinen Vater zurück nach Gladsheim, in seine Schlafkammer.

Der Allvater war tagelang im Bett und ruhte sich von seiner Wunde aus. Die Dienerinnen des Königspaares kümmerten sich um die Verpflegung des Asens. Als Freya nachschauen wollte und in die Schlafkammer ging, lag ihr Mann nicht mehr im Bett. „Hlin“, rief sie nach einer Dienerin, die umgehend zu ihr eilte. Sie war eine junge Asin, die stets ihr Haar gebündelt unter einem bunten Kopftuch trug. Trotz ihrem unterschiedlichen Götterblut diente sie der Wanin gerne. „Wo ist mein Mann? Wo ist Odin?“

„In Himinbjörg. Bei Heimdall. Odin schien es wieder gut zu gehen“, rechtfertigte Hlin ihren Nachlass in ihrer Aufsicht des Kranken.

Freya zog verärgert ihr Falkengewand an und flog hinaus zum Tor Asgards. Als sie sich Heimdalls Palast näherte, flog ihr ein Speer entgegen, dem sie gerade noch ausweichen konnte. Sie wendete ihren Blick auf den Speer und sah wie er von alleine in die Richtung zurückflog, aus dem er geworfen wurde. „PASS AUF!“ krähte Freya schimpfend. Ohne weiteren Störungen entgegenzukommen flog sie zum Palast am Ende der Regenbogenbrücke und landete auf einem der Türme, wo ihr Mann mit Heimdall, Loki und Thor stand und lachte. Sie verwandelte sich zurück in ihre Frauenform und schimpfte auf Odin ein: „WIRF DEINEN SPEER NICHT UMHER WIE EIN KLEINES KIND!“

Die Kinder waren von der bellenden Wanin eingeschüchtert, doch der Einäugige Ase lachte lediglich lauter. „Schau, Freya. Die Macht der Runen“, sagte Odin schließlich und zeigte auf die Gravuren in seinem Speer Gungnir. Die Wanin erholte sich von ihrem Wutausbruch und strich über die Runen; sie gaben eine ihr bekannte Energie von sich. „Lasst uns kurz alleine. Moment…nimm dieses Horn, Heimdall. Es gehörte eins Mimir, aber ohne Körper wird er selbst sowieso nicht mehr trinken. Ich habe es mit Runen versetzt“, sagte er und verwies auf die merkwürdigen Ritze im schwarzen Horn. „ Bläst du hinein, wird der Ton über alle Welten schallen. Doch benutz es nur, wenn Asgard in höchster Gefahr steht.“

Heimdall nahm dankend das unnatürlich große Horn an sich. „Hihihoh, wie weißt du denn, dass es wirklich über alle Welten hallt, wenn du es nicht einmal ausprobiert hast? Blas doch mal rein, Heimdall“, lachte Loki, während sie die Falltür hinabkletterten.

Als Odin mit seiner Frau alleine waren, sprach er: „Freya, meine gute Frau, unterrichte mich in Seidr.“

Sie schüttelte ihren Kopf: „Nein.“

„Ich hab dich nicht drum gebeten. Du tust es!“

Freya blickte verärgert, als könnte sie—sie könnte es wohl—Gift spucken. „Warum jetzt? Reicht dir die Kraft der Runen nicht?“

Odin löste seinen Mantel, legte ihn vor sich hin und schnitt etwas mit seinem Schwert hinein. Dann steckte er die Waffe wieder ein, drückte sich an seine Frau und warf den Mantel über sich und sie. Im nächsten Augenblick waren sie wieder in ihrer Schlafkammer in Gladsheim. „Un–…Unmöglich…“ stotterte Freya und fiel auf ihr Bett.

„Wir sind uns als Feinde begegnet, doch nun sind wir Mann und Frau. Ich bin Allvater, Gott aller Götter, und du folglich die Göttin aller. Zusammen sind wir mächtiger als alle zusammen. Ich werde dir die Runen lehren und du mir Seidr.“ Erregt von der Kraft Odins hob Freya sich vom Bett und umarmte ihn, küsste ihn, den mächtigsten aller Götter. An diesem Tag hörte sie mit der Untreue zu ihrem Mann auf. Sie stoppte ihre Fruchtbarkeit mit Seidr zu unterdrücken und sie würden schon bald ihren zweiten gemeinsamen Sohn zeugen.

Jagd auf die Götter

ᚹᛖᛁᚦᛁᚲᛟᚾᚨ

Die Worte der Nornen suchten Odin selbst in seinem Schlaf heim. Er war restlos. Er zweifelte, dass das Vertrauen in Freya und in ihre Macht ausreichten, für was kommen würde. Er sammelte alle Götter—Asen und Wanen—zum Rat und beauftragte sie, ihm bei der Suche nach Macht behilflich zu sein.

Ständig reiste Odin durch die Welten, nicht selten in Begleitung. Auf einer Reise nach Midgard begleiteten ihn Loki, den er mittlerweile wie einen Sohn sah, und der Ase Hönir, der hübsche Schwätzer, welcher den zweiten Krieg gegen die Wanen ausgelöst hatte. Thor war derweil an der Grenze zu Jotunheim und verteidigte die Tiere vor den Joten.

Für ihre abendliche Mahlzeit pirschten Odin und Loki sich an eine Herde Rinder heran, während Hönir Holz für ein Feuer sammelte. Der Allvater zeigte dem jungen Loki wie er den Wunschmantel benutzen konnte. Odin knöpfte den runenverschnittenen Mantel um die Schultern des Jungen und erklärte, dass er nur an den Ort denken musste, während er den Mantel über sich warf, und er würde sofort an den gedachten Ort verschwinden. „Gut! Wenn du nun verstanden hast wie es funktioniert, geh und reite einen der Kühe oder Bullen zu mir; ich erledige ihn“, sagte Odin.

„Hihihoh, verstanden“, nickte Loki, warf sich den Wunschmantel über und verschwand. Odin schaute zur Herde, doch der Junge war nirgends zu erblicken. Der Ase wartete einen Moment, denn Loki konnte ausversehen an eine andere Kuh gedacht haben. Da plötzlich erschien der Jote auf einem Bullen, er schien Etwas in der Hand zu halten. Der Ochse wütete sofort los, als er den Jungen auf seinem Rücken spürte. Die Herde floh auseinander, während Loki sich fest an die Hörner klammerte und fest in die Seiten des Tieres trat. Der Bulle drehte sich zu Odin und stürmte los. Der Ase zielte seinen Speer und Gungnir spießte den Bullen durch den Kopf zum Hintern. Das Tier fiel umgehend und rutschte über das Gras bis es regungslos dalag. Loki war beim Sturz vom Rücken des Bullen gefallen und rollte über das Gras. „Hihihoh“, lachte Loki, als Odin ihm hochhalf, „Gleich nochmal!“

„Was hast du da in der Hand?“ fragte der Allvater und zeigte auf das rosenverzierte Kleid.

„Ich hab es Sigyn beim Baden geklaut. Sie nervt Thor und mich ständig beim Spielen, da dachte ich, ich zahle es ihr heim, hihoh.“

Odin lachte mit dem Jungen und rieb ihn väterlich über die Haare. Dann gingen sie zu ihrer erlegten Mahlzeit. Sie hielten den Bullen an den Enden Gungnirs, die aus ihm ragten und trugen das Tier gemeinsam zum Lager. Hönir hatte dort die nassesten Äste, die er finden konnte, auf einen Haufen gestapelt. Glücklicherweise hatte Odin genug Seidr von Freya gelernt, um dennoch ein Feuer auslösen zu können. Er zog Gungnir aus dem Bullen und weidete ihn sorgfältig aus, dann hing er das Tier von zwei Ästen über die Flammen.

Das Feuer brannte heiß, doch selbst nach Stunden garte das Fleisch nicht. Die Götter wurden stutzig und vom Hunger geplagt, als da eine Stimme durch die Dunkelheit hallte: „Das Fleisch wird niemals braten.“ Sie schauten hoch auf einen der Äste, an dem der Bulle hing, und sahen einen Adler darauf sitzen. „Überlasst ihr mir die besten Stücke, so werde ich meinen Zauber aufheben.“

Odin versuchte den vermeintlichen Zauber auf dem Bullenfleisch mit Seidr aufzuheben, doch es gelang ihm nicht. Wütend, dass jemand ihn, den Gott der Götter, so spotten sollte, warf er Gungnir nach dem Adler und spieß ihn am Baum auf. Der Ase öffnete seine Hand und sein Speer flog zurück zu ihm, der Adler auf diesem durchbohrt. „Es ist kein Ochse, hihihoh, aber Geflügel sollte es auch tun“, scherzte Loki.

Als Odin den Adler von seinem Speer abzog, nahm der Vogel die Gestalt eines Joten an. „Hihihoh, da hat Thor wohl einen übersehen“, scherzte Loki und trat gegen seinen toten Artverwandten.

„Das Fleisch brät jetzt“, kommentierte Hönir erfreut, der darauf den Ochsen überm Feuer schaukelte. Den toten Joten trugen Odin und Loki an einen entfernten Baum, damit sie in der Nacht nicht von Aasfressern geweckt würden.

Ihre Reise durch Midgard blieb fruchtlos und so kehrten Odin und seine Gefährten wieder nach Asgard.

Sie hielten ein Fest für ihre sichere Heimkehr. Das Festmahl war hergerichtet, doch die Asin Idun war noch nicht erschienen. Ohne ihre lebenserhaltenden Beeren würden sie kein Fest beginnen.

Draußen hörten sie einen Schrei. Thor eilte hinaus, Odin nahm seinen Mantel und war im nächsten Augenblick bei Idun. Sie war ganz allein und sammelte die Beeren ein, die aus ihrem gerissenen Korb gefallen waren. „Idun, was ist passiert?“ fragte Odin. Sie sagte ihm, dass sie ein Hiss gehört hatte und dann war plötzlich ihr Korb aufgerissen.

„Hier“, sagte Thor, der aus Gladsheim gerannt kam. Er hob etwas Funkelndes aus dem Gras auf: Es war ein Pfeil.

„ZEIG DICH!“ schrie der Allvater und schlug den Speerhalt gegen den Boden. Hiss. Ein Pfeil bohrte sich durch sein Herz. Er drehte sich um und warf Gungnir in die Richtung, wo der Pfeil abgefeuert war. Er traf. Er brach den Pfeil in seiner Brust und zog die Stücke heraus, dann heilte er die Wunde mit Seidr. „Wartet hier“, sagte Odin zu Thor, bevor er sich seinen Mantel umwarf und zu Gungnirs Opfer teleportierte. Der Speer spießte einen Bärenpelz am Kopf auf, welcher nun an einem Ast Yggdrasils hing. Odin zog Gungnir heraus. Wer immer den Pelz trug, war geflohen ohne Spuren in der Erde zu hinterlassen. Hiss. Diesmal bohrte sich der Pfeil durch Odins Hals. Hiss. Hiss. Zwei weitere Pfeile rissen durch seine Kniekehlen und er brach auf Gungnir stützend ein.

Aus dem Dickicht kam jemand mit gespanntem Bogen heraus. „Ihr ward es! Ihr habt meinen Vater getötet!“ brüllte die Frau. Blut floss aus Odins Mund. Er hob seine Hand, um den Pfeil aus seinem Hals zu ziehen, doch ein Pfeil nagelte die Hand an den Baumstamm. Ein zweiter folgte und bohrte durch seine Schulter. Die Frau ging zu ihm und drehte den Pfeil im Hals heraus. Ein Speer flog zwischen Odin und der Frau. „Ich nehme mir nur, was mir genommen wurde“, sagte sie, bevor sie spurlos flüchtete.

Heimdall zog die Pfeile aus Odin heraus und brachte den Bewusstlosen mit seinem Mantel zurück nach Gladsheim. Die schwangere Freya sorgte sich um die Wunden ihres sterbenden Mannes. Die Verletzungen waren tief und tödlich. Ihre Heilkunde würde nicht helfen. Sie müsste auf ihre Magie zurückgreifen, sie musste hoffen, dass Seidr wirkte. Und das tat es! Sie war verwundert, dass ihre Magie auf ihn wirkte, obwohl es vorher nutzlos gewesen war.

Nachdem Odin sich erholte, berichtete er den Asen, was passiert war. Thor fragte darauf: „Ihr Vater? Sie ist eine Jotin? Wie hat sie es überhaupt nach Asgard geschafft?“

„Auf die gleiche Weise, wie sie nach Midgard kam“, antwortete Odin. „Sie und ihr Vater waren Jäger. Er konnte auch Magie nutzen, doch es war nicht wie die von Freya.“

„Was machen wir nun? Heimdall, siehst du sie?“ fragte Freya besorgt. Sie strich über ihren gewölbten Leib, bevor sie sich wieder setzte. Der Wächter schüttelte den Kopf: Er erkannte keine Spuren der Jägerin.

„Dann locken wir sie heraus!“ sagte Odin. „Heimdall, sieh zu, dass du den Ursprung ihres Pfeils genau ortest. Ich werde der Köder sein.“ Er löste seinen Mantel von den Schultern und gab ihn Loki. „Du wirst dich zu ihr begeben und mit ihr sprechen. Ihr seid beide Joten, vielleicht wird sie dir zuhören.“

„Nein, Vater“, entgegnete ihm Thor. „Wir können einen solch gefährlichen Feind nicht am Leben lassen.“

„Du meinst wohl: Eine solch begabte Jägerin, die sogar Heimdalls Blick entkommen kann…Mein Sohn, sie würde eine prächtige Unterstützung für uns sein.“

„Eine Unterstützung für was?“ fragten einige Asen. „Wieder ein Krieg?“

„Etwas wird auf uns kommen, so prophezeiten die Nornen es mir.“ Odin ging ohne weitere Worte hinaus und stellte sich mitten aufs Feld. Er schlug seinen Speerschafft in den Boden und ein Pfeil flog bald darauf in seine Brust.

„Hallo, Jägerin“, sagte Loki lachend. Die Frau drehte sich und schoss einen Pfeil auf ihn. „Aber nicht doch“, sagte Loki, der nun hinter ihr stand. Kichernd zog er Pfeile aus ihrem Köcher und verschwand.

„Was ist das für ein Zauber?“ fragte die Jotin.

„Allvater möchte mit dir sprechen. Leg deinen Bogen ab und folge mir“, sprach Loki, der erneut vor ihr erschien.

Nachdem Loki allen Schüssen auswich und sie keine Pfeile mehr im Köcher trug, senkte die Jägerin ihren Bogen und sprach frustriert: „Er soll mir geben, was er mir genommen hat!“

„Das wird er, das wird er. Er hat es geschworen“, grinste Loki. Die Jotin nickte, legte ihren Bogen um die Schulter und folgte ihm, doch hielt eine Hand griffbereit an ihrem Messer.

Auf der Wiese um Odin hatten sich die anderen Asen gesammelt, Freya klammerte sich erschöpft vom Zaubern an Hlin. Heimdall verriet ihnen, dass Loki in Begleitung erschien. Verächtlich blickten sie auf die Jägerin, die ihren Allvater angegriffen hatte. Sie ging geradewegs auf Odin zu und zog ihr Messer. Heimdall und Thor hielten Speere gegen ihren Hals, doch Odin wies sie auf, die Waffen zu senken. „Er dort versprach, dass dein Kopf mir gehört“, die Jotin zeigte auf Loki. Odin blickte bitter auf ihn.

„Ich habe dir gesagt, dass er dir geben wird, was er dir nahm. Aber ich sagte nie, wie“, sagte Loki lachend.

„Du hast mich angelogen!“

„Wie ist dein Name, Jägerin?“ fragte Odin.

„Ich bin Skadi, Tochter Thiazis; der Jote, den ihr getötet habt!“

„Ein Missverständnis.“

„Ein Missverständnis? Du bist so hitzköpfig wie wir Joten“, spuckte Skadi. Loki lachte, während die Asen wutentflammt auf die Jotin starrten. „Verflucht seist du und deine Sippe. Niemals sollt ihr euer Ziel treffen, es sei denn es ist euer eigen Blut!“ fluchte die Jägerin.

„Hihihoh…Skadi, Skadi, Skadi, Ska~di~“, beschwichtigte Loki. „Wir geben dir deinen Vater wieder.“ Die Jotin blickte fragwürdig auf ihn. Odin schaute zu seiner Frau. Könnte Loki meinen—war es möglich— wiederzubeleben? „Hat dein Vater stets sein Auge über dich gehabt?“ fragte Loki grinsend. Skadi schaute fragend auf ihn, nickte dann schweigend. Loki, der immer noch Odins Mantel trug, warf sich diesen um und verschwand aus Asgard. Er kehrte einige Augenblicke später zurück. In seinen Händen hielt er zwei Augäpfel. „Hier Odin. Platzier sie in den Himmel, dann wird ihr Vater weiterhin über sie schauen.“ Odin nahm die leblosen Augen, riss sich seinen Mantel von Loki und verschwand nach Ginnungagap. Als er zurückkam, fragte Skadi: „Was…was hast du getan?“

Loki, der Täuscher, lachte und zeigte zum Nachthimmel, an dem nun zwei neue brillante Sterne funkelten. Er fuhr mit seiner Rückgabe ihres Vaters weiter: „Ein Vater sorgt sich auch um seine Tochter und gibt ihr Halt. Aber ein Ehemann kann dies auch. Also wähle einen der hier Versammelten als deinen Mann.“ Skadi blickte verärgert auf den Joten, wendete ihren Blick dann auf die Götter. Ihre Augen fixierten sich auf den hübschesten von ihnen, den Wanen Frey. „Du darfst dir zwar einen Mann aussuchen, Skadi, aber du darfst nur sehen, womit sie sich halten…hihihoh, also ihre Füße“, kicherte Loki und Odin lachte mit. „Allvater, du musst deine Füße auch hinhalten.“ Da verging ihm das Lachen.

Skadi, wütend aber der Gnade der Götter unterlegen, senkte ihr Haupt, sodass sie nur die nackten Füße der Götter sah. Sie lief zweimal auf und ab und entschied sich letztlich für das paar Füße, die am saubersten und gepflegtesten waren. Als sie ihren Blick hochwendete, erkannte sie nicht den Wanen Frey, sondern seinen Vater Njörd. „Njörd ist schon Vater, also wird er gut wissen wie er sich um dich kümmern muss, hihihi, hihihoh“, lachte Loki krampfhaft.

„Ihr habt mir noch nicht alles gegeben, was ihr mir mit meinem Vater nahmt: Er hat mich zum Lachen gebracht, ungleich euch. Haltet euer Versprechen oder mir gehört Odins Kopf!“

„Sie hat Recht“, sagte die junge Sigyn in einem Veilchenkleid. „Vater bringt mich ständig zum Lachen.“

„Waren meine Späße denn nicht witzig?“ grinste Loki.

„Nein! Ich hasse dich!“ spuckte Skadi.

„Warte nur, ich werde dich noch zum Lachen bringen“, erwiderte er trotzig. Er erzählte ihr über seine Streiche, erzählte ihr Witze, doch anders als die Götter blieb Skadi grimm. Als seine Geschichten ausgingen, überlegte Loki, was sie amüsieren würde. Er lieh Odins Mantel und kehrte mit Heidrun, der Ziege, die auf Gladsheim stand und dort an einem Ast Yggdrasils die Blätter fraß, zurück. Er riss sich einen Faden aus seiner Hose und zog daran. Ein Ende des Fadens wickelte er um die Hörner der Ziege, das andere Ende band Loki an seinen eigenen Hodensack. Er führte ein Tauziehen gegen Heidrun, das er kläglich verlor. Loki verspürte mit jedem Rücken ungeheure Schmerzen. Das komische Spektakel brachte alle zum Lachen, wobei es für Skadi sein Leiden war. Weinend vor Lachen trennte Njörd den Faden zwischen Loki und der Ziege. Er nahm seine lachende Ehefrau bei der Hand und führte sie zu seinem Palast Noatun an Asgards Meer Äwiblar.

Lokis Hilfe

ᛚᛟᚲᛁ

Nach dem Vorfall mit der Jotin Skadi wollte Odin seine Verteidigung in Asgard ausbauen. Ein neues Mitglied der Asenfamilie war mit Hödur hinzugekommen, dem zweiten Sohn aus der Ehe Odins und Freyas. Hödur war jedoch blind geboren. Freya gab Skadi und ihrem Fluch die Schuld, Odin jedoch liebte Hödur trotz seines fehlenden Augenlichts.

Zur Verstärkung an Asgards Kräften wollte der Allvater seinen Söhnen Thor und Hermod die Kunst des Seidr beibringen, doch beide lehnten vehement ab. Seidr war eine boshafte Magie, die für Schwache von Nutzen wäre; sie aber waren stark und benötigten nicht diese „weibische“ Kraft. Loki hingegen zeigte Interesse an dieser Kraft und bat den Allvater, ihm Seidr beizubringen. Gegen Freyas Willen unterrichtete Odin den Jotenjungen in der Kunst des Seidr, der Magie.

Tatsächlich war Loki williger als die anderen Götter, Odin bei der Anhäufung von Macht und Schutz zu helfen. Loki wettete mit einen entfernten Cousin damit, Asgards Mauern innerhalb vom Wechsel dreier Jahreszeiten auszubauen. Dieser nahm den Auftrag nur an, wenn er Freya als Frau haben können würde, sollte er siegen. Odin vertraute in Lokis Wort, dass jener Jote die Mauern ausbauen und dennoch nichts kriegen würde.

Bevor die Mauern gänzlich und pünktlich errichtet wurden, nutzte Loki Seidr und verwandelte sich in eine Stute und bezirzte den Hengst des Joten, welcher ihn beim Errichten der Mauern geholfen hatte. Der Jote war alleine unfähig, die Mauern Asgards komplett auszubauen und verlor die Wette und damit seinen Kopf. Loki wurde als Stute schwanger und gebar ein Achtbeiniges Fohlen. Er schenkte es Odin für sein Vertrauen in ihm. Das achtbeinige Pferd, genannt Sleipnir, war geboren mit und durch Seidr, weshalb es deformiert war; außerdem behielt es magische Kräfte und galoppierte dadurch so schnell wie der Wind.

Loki war allseits bekannt für seine Streiche und Täuschungen. Sein Freund Thor war zum heiratsfähigen Alter angewachsen und sollte in einigen Wochen die wunderschöne Asin Sif zur Frau nehmen. Seit sie in Thors leben eintrat, waren er und Loki seltener durch die Welten gereist und hatten seltener miteinander zu tun. Loki schlich sich eine Nacht in die Kammer von Sif und rasierte ihr ihr wundervolles blondes Haar ab. Thor war bestürzt und wütend auf seinen Freund. Er würde ihn dafür nicht töten, aber alle seine Knochen brechen und wieder brechen für jedes verlorene Haar von Sifs Haupt. Loki bat um Thors Verständnis, dass er nur Sif neues Haar zu schenken dachte; Haar, welches weitaus schöner sein würde als sie es gehabt hatte. Nur weil sie Freunde seit der Kindheit waren, gab Thor ihm eine Woche Zeit, um das neue Haar zu besorgen. Loki sah sich in einer aussichtslosen Lage und begab sich nach Nidavellir zu den Zwergen. Dort ging er zum Schmied Ivaldi, der damals Odins Vater Bor den unzerbrechlichen Speer Gungnir geschmiedet hatte. Ivaldis drei Söhne nahmen den Auftrag im Namen Odins an und schmiedeten Loki eine Perücke für Sif, die noch goldener war als ihr echtes Haar zuvor. Außerdem schmiedeten sie als Hochzeitsgeschenk für Odins Sohn ein Schiff, Skidbladnir, das faltbar war wie Pergament bis es in einen Beutel passte.

Loki war besonnen, die Fähigkeit der anderen Zwerge zu sehen, wenn die jungen Söhne Ivaldis bereits solche außergewöhnlichen Dinge schmieden konnten. Er fand zwei Zwergenbrüder, Brokr und Sindri, und zeigte ihnen Skidbladnir und das goldene Haar. Loki verspottete sie und wettete mit ihnen um seinen Kopf, dass sie nichts schmieden könnten, was auch nur annähernd so praktisch oder kunstvoll war. Die Zwergenbrüder begannen umgehend mit den Schmiedearbeiten. Ständig wurden sie von einer Fliege gestochen und an der Arbeit gestört. Ihr erstes Werk war ein goldener Eber, den sie Gullinborsti nannten. „Ah wie toll. Wildschweine haben wir genug in Asgard, da brauchen wir nicht noch eins. Und es leuchtet golden? Ja, damit man es als Erstes erlegt“, spottete Loki.

Die Brüder waren verärgert und schmiedeten als Nächstes einen Ring, Draupnir, der jede neunte Nacht acht Kopien von sich selbst produzieren würde. „Ihr könnt einen Ring schmieden, dass kann jeder hier. Und dann behaupten, dass es nach neun Tagen magisch ist. Pfff.“

Brokr und Sindri versprachen, dass ihr nächstes Stück dem Meisterwerk, das Gungnirs Speer war, in Nichts nachstehen würde. Sie hämmerten das glühende Eisen. Als sie es zum Härten in eine Vene Yggdrasils niederlegen wollten, wo das Wasser wieder zur Krone raufgetragen wurde, stach eine Fliege in Brokrs Auge und er ließ das Eisen vor der Härtung fallen. Was geplant war als ein Kriegshammer aus reinem Eisen wurde nicht mehr als ein Handwerkerhammer mit übergroßem Kopf, da der Großteil des Stils abbrach. Zurück in seiner Jotunform lachte er die Zwerge aus. Während Sindri sich um die Wunde seines Bruders kümmerte, sackte Loki ihre Werke ein, band sie an Gullinborstis Sattel und ritt zurück nach Asgard. Er war erstaunt, dass die Zwerge nicht gelogen hatten und der goldene Eber tatsächlich über Wasser und Luft rennen konnte.

In kurzer Zeit war er wieder in Thorheim beim Namensgeber, wo auch Odin und Frey waren; Frey wollte sehen, wie Thor Lokis Knochen brach, während Odin dort war, um sicherzustellen, dass Thor ihn nicht umbringen würde. Loki setzte persönlich die Perücke auf Sifs Schädel. Ihr neues Haar glänzte noch goldener als das Dach Gladsheims. „Dann wolltest du wirklich nur das Beste für sie und mich?“ fragte Thor und drückte seinen alten Freund brüderlich.

„Aber natürlich“, log Loki und grinste verklemmt. „Hier, als Wiedergutmachung.“ Er überreichte seinem Freund das Hämmerchen. „Unzerbrechlich wie Gungnir.“

„Wie Gungnir?“ fragte Odin, der den Hammer inspizierte. „Nein. Dieser Hammer kehrt nicht zurück wie Gungnir. Hier, mein Sohn.“ Odin schnitt mit der Spitze Gungnirs Runen in das Eisen des Hammers.

Thor nahm den gravierten Hammer in die Hand und schmiss ihn durch ein Fenster. Er öffnete seine Hand. Wie ein Donner brach der Hammer die Luft und kehrte blitzschnell zurück durch das zerbrochene Fenster in Thors Hand. Er lachte und nannte seine neue Waffe Mjöllnir, weil es alles zertrümmern würde.

„Ich hab auch einen Ring für die Braut“, sagte Loki und holte den goldenen Ring Draupnir hervor.

Sif, die von ihrem neuen Haar abgelenkt war, merkte nicht, dass Thor ihr Draupnir über den Finger ziehen wollte, der Ring aber war zu klein für sie. „Passt nicht“, sprach Thor und legte den Ring in Odins Hand. „Nimm du ihn, Vater. Vielleicht können wir ihn einschmelzen.“ Der Allvater spürte, dass der Ring eine magische Energie von sich gab und nahm ihn dankend an.

„Was ist mit dem Schwein?“ fragte Frey.

„Natürlich deins“, grinste Loki.

„Ich habe mich vielleicht in dir getäuscht, Loki. Du bist doch ein guter Mann“, sagte Frey und klopfte dem Joten auf die Schulter. Dann streichelte der Wane den goldenen Eber und öffnete den Beutel, der um Gullinborsti hing. Er nahm das Pergament und faltete es auf. Da realisierte Loki seinen Fehler, aber schwieg, dass das Schiff nicht an Frey bestimmt war. Dieser faltete das Pergament weiter und weiter auf. „Ein Schiff?“

„Nicht in meinem Haus! Geh raus“, sagte Thor und öffnete mit seinem neuen Hammer ein Loch in die Mauern seines Palastes.

Nach einigen Tagen erschienen die Zwergenbrüder Brokr und Sindri vor Himinbjörg. Heimdall ließ sie Asgard betreten, da sie kamen, um Lokis Kopf zu holen. Der Wächter der Asen führte die Zwerge persönlich zu Odin. Er und die Götter, die die Geschenke von Loki erhalten hatten, bedankten sich alle bei den Zwergen und rühmten sie für ihre außergewöhnliche Schmiedekunst. Loki versteckte sich aus Angst um sein Leben in einem von Asgards Wäldern. Skadi wurde beauftragt ihn ausfindig zu machen und liebend nahm sie diesen Auftrag an.

Als Adler überflog sie die Wälder und hielt Ausschau nach dem flüchtenden Verlierer. Sie landete auf einem Ast und beobachtete eine Herde Rothirsche, die an Knospen Yggdrasils nagten. Einer der geweihten Tiere verhielt sich untypisch: Es fraß Gras. Skadi verwandelte sich in einen Hasen und hopste näher an diesen Hirsch ran, um einen besseren Blick auf ihn zu werfen. Als sie dessen Auge gesehen hatte—ein rotes und ein blaues—verwandelte sie sich zurück in ihre Jotunform. Die Hirsche flüchteten umgehend, doch die Jägerin konnte den verwandelten Loki ins Bein schießen und fangen.

„Wartet doch, wartet“, flehte Loki, als sein Kopf auf den Holzstamm zur Enthauptung gelegt wurde.

„Die Zwerge haben genug gewartet“, sagte Heimdall.

„Und können einen Moment länger warten“, entgegnete Brokr, sein Bruder Sindri stimmte ihm zu. Tyr senkte das Beil und ließ Loki seine letzten Worte sprechen.

„Hihihoh“, lachte der Täuscher, „Ich habe euch meinen Kopf versprochen—ja, das ist wahr—aber ich habe nicht meinen Hals verwettet.“

„Ist das wahr?“ fragte Tyr, der die Exekution richten sollte. Die Zwerge blickten sich einander an und nickten. „Dann werde ich seinen Hals nicht schaden.“

Empört sprangen Skadi und Heimdall auf und dieser beklagte sich für die Zwergenbrüder: „Tyr, willst du dich denn auch von diesem Joten überlisten lassen?“

Tyr antwortete ihm vorerst nicht und löste stattdessen Lokis Fesseln. Dann sprach der Ase: „Er hat euch überlistet und damit es nicht so bald wieder vorkommt, werden wir seinen Mund zunähen.“

Die Zwerge gaben sich geschlagen und stimmten dem Kompromiss Tyrs zu. Heimdall schwor Brokr und Sindri jedoch: „Sollte der Tag kommen, an dem der Täuscher am Ende ist, werde ich ihm persönlich den Kopf nehmen.“

Das Mundwerk des Täuschers wurde geschlossen und die Welten waren kurzweilig von seinen Witzen verschont.

3 Monster aus einem Schoß

ᚠᛁᛗᛒᚢᚱᚲᛁᚾᛞᛁᚾ

Bald nach der Vermählung Thors und Sifs suchte sich Loki aus Einsamkeit auch eine Frau an seiner Seite. Viele Asen mochten ihn, aber die Eltern wollten dennoch ihre Töchter nicht einem Täuscher überlassen, besonders seit sie von seiner ehrlosen Wette mit den Zwergen erfuhren. So blieb Loki nichts übrig als in Jotunheim nach einer Frau zu suchen. Dort fand er die Jotin genannt Angrboda. So wie Thor Vater von der Asin Thrud wurde und seither in ihren Ehren Thorheim in Thrudheim umbenannt hatte, so sollte auch jener Täuscher ein Vater werden.

Loki stand seiner Frau bei der Geburt zur Seite. Angrboda war in sichtlichen Schmerzen. Sie meinte, es würde sich so anfühlen als würde ein Wurm in ihrem Bauch rumkriechen. Odin bat Freya, einige ihrer Gehilfinnen bei der Geburt bereit zu stellen. Die Wanin meldete sich freiwillig, der Jotin zu helfen. Freyas loyale Dienerin Hlin schaute nach, dass das Kind bei der Geburt sofort versorgt würde und sollte das Kind aus Angrboda aufnehmen. Hlin schrie auf. Ein Schlangenkopf kroch aus Angrbodas Scheide. Es war wie aus einem Alptraum, die Schlange schlängelte sich heraus, blutbefleckt waren ihre Schuppen. Verstört vom Aufschrei nahm Loki Hlins Platz ein und zog die Schlange beim Kopf heraus. „Bei den Göttern, was ist das für ein Monster?“ weinte seine Frau Angrboda in Agonie. Loki legte die blutbedeckte Schlange sanft auf seine Schulter, wo es sich um seinen Hals schlängelte und seine Wangen mit ihrer gespaltenen Zunge ableckte.

„Jörmungand“, sagte Loki lächelnd. „Es ist mein Kind, unser Kind, Angrboda. Wir sind Eltern.“

Angrboda schüttelte den Kopf. Sie weinte bis sie einschlief. Freya hatte den Geburtssaal umgehend verlassen und berichtete Odin in Gladsheim von der Geburt. „Zwei Joten. Und nun ein wahres Monster in Asgard. Ich sagte dir, dass es ein Fehler war, solche Wesen hier aufzunehmen.“

„Von wie vielen Joten hast du gehört, dass sie Schlangen gebären? Keine!“ proklamierte Odin. Er lief denkend auf und ab. „Es muss wohl an Loki liegen…als wir unser Blut mischten…als ich ihm mein Asenblut gab.“

„Er zeugte schon ein Pferd, nun ist es eine Schlange. Was wird noch Folgen, bevor du es ihm verbietest?“

„Ich kann keinem verbieten, Kinder zu kriegen.“

„Dann befiehl es ihm! Du bist Gott aller Götter!“

Der Allvater warf seinen Wunschmantel um und teleportierte zu Loki und seiner Frau, die in Thors Palast Bilskirnir hausten—die damals größte Einrichtung in ganz Asgard. Freya hatte nicht gelogen: Eine schwarze Schlange mit Flecken rot wie Blut kroch über Loki umher, während er neben der schlafenden Mutter lag. „Was ein schöner Tag heute ist, nicht wahr, Allvater?“ sprach Loki euphorisch. „Schau nur wie lebhaft Jörmungand ist.“ Sie beobachteten wie Lokis Kind sich an den Säulen des Bettes hochwickelte und dort oben Insekten verspeiste.

„Loki, findest du es nicht merkwürdig, dass ihr Joten eine Schlange gezeugt habt? Nie habe ich von dergleichen gehört“, sagte Odin besorgt.

„Nein, warum auch? In Jörmungand fließt mein Blut–“

„Und dadurch etwas von mir. Ich fürchte, dies ist der Grund, weshalb ihr kein Jotenkind habt…“

Loki stand auf und nahm die Schlange von der Säule. Sie schlängelte sich über seine Schulter sanft um seinen Hals. „Allvater. Ich liebe meine Tochter. Mir macht es nichts aus, dass sie die Form einer Schlange hat. Und es ist keinesfalls dir verschuldet. Möchtest du sie mal halten?“ Loki nahm Jörmungand von seinem Hals und legte sie Odin in die Arme. Sie rollte sich ein und schlief in seinen offenen Händen ein. „Sie mag dich, hihihoh“, lächelte Loki. Odin legte die aufgerollte Schlange vorsichtig aufs Bett, wo die Sonne einen wärmenden Kreis zeichnete und die blutroten Schuppen glänzen ließ.

Odin vermochte nicht, Loki sein Glück des Vaterseins zu rauben und Angrboda wurde wieder schwanger. Diesmal war Odin selbst bei der Geburt dabei, damit er und Freya zur Not mit Seidr beistehen könnten. Dies blieb jedoch aus, die Geburt verlief ohne Komplikationen. Angrboda hatte eine gesunde Jotin zur Welt gebracht. Es war ein Mädchen. Sie nannten sie Hel. Die Mutter weinte auch bei dieser Geburt, nun aber aus Freude als aus Furcht. Doch ihr Glück war nicht von langer Dauer: Als die Jotin ihre Tochter das erste Mal gestillt hatte, deformierte das Kind. Der Säugling schrie und brannte von innen. Als die Milch aus der Brust spritzte, schmolz Hels Haut dahin und entblößte ihre Knochen darunter. Am schrecklichsten war es im Gesicht. Ihr blanker Schädel war zur Hälfte sichtbar, ihr grasgrüne, linke Auge floss aus der Sockel, ihre Nase sank zum Kinn herab und ihr Mund war lippenlos, aber so verschmolzen, dass es wie ein ständiges Grinsen aussah. Niemand vermochte dieses grässliche Kind—halb schwarz von der geschmolzenen Haut und halb weiß von den entblößten Knochen—anzusehen, geschweige denn zu pflegen—nicht einmal ihre Mutter. Loki jedoch sah über das Äußere seiner Tochter hinweg, so wie er es bei Jörmungand tat; er schätzte, was sie werden würde, und liebte sie von tiefstem Herzen. Er allein sorgte sich um ihre Wunden und Kummer, nährte sie gar an seiner eigenen verzauberten Brust.

Die Asen versammelten sich—ohne Lokis Wissen—zum Rat, dem Odin besorgt zustimmte. Freya leitete die Diskussion und verlangte, dass Lokis Kinder aus Asgard verbannt würden und das Jotunpaar ebenfalls. Als Tyr und Heimdall zustimmten, schlossen sich weitere Freyas Vorschlag an. Der Wane Njörd stellte sich dagegen: „War Hel nicht eine gesunde Jotin, als sie das Licht der Welt erblickte? War es nicht so, Freya?“

„Ja“, fügte Thor hinzu. „Vater hat sie auch gesehen!“

„Das mag sein“, erwiderte Freya ihrem Stiefsohn, „aber sieh sie dir jetzt an, wenn du dich traust!“

Odin hob sich vom Sessel und schlug auf den Tisch: „Schweigt! Weil Hel gesund geboren wurde, erlaube ich Angrboda und Loki ein weiteres, gemeinsames Kind zu haben. Sollte es jedoch wieder missgestalten sein, so werde ich sie persönlich aus Asgard bringen.“