Raju und Barbara - Wilhelm Thöring - E-Book

Raju und Barbara E-Book

Wilhelm Thöring

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Beschreibung

Der Roman "Raju und Barbara" schildert die Problematik einer interkulturellen, kinderlosen Ehe zwischen einer deutschen Frau und einem indischen Mann. Nach erfolgreichen und glücklichen Jahren in Deutschland entschließen sie sich am Ende ihres Berufslebens, ihren Lebensabend in Indien zu verbringen. Der Reiz des exotisch Fremden, die Annehmlichkeiten des Lebens, die sich Barbara und Raju Sharma als gut situiertes deutsches Paar in Indien schaffen können – sie bewohnen am Rande von Kolkata ein großzügiges Haus in einem weiten, von einer Mauer umfriedeten Garten, von indischem Personal bei allen täglichen Arbeiten unterstützt, leisten sich ein Auto mit Fahrer – werden schon bald von Konflikten durchzogen. Ausgelöst werden sie durch die kulturell bedingten unterschiedlichen Lebensweisen und Wertvorstellungen, vor allem aber durch die festgefügten indischen Familienstrukturen: Bereitwillig hat Barbara zugestimmt, den alten Eltern Rajus in ihrem Haus zwei Zimmer mit Bad und indischer Toilette einzuräumen. Das Zusammenleben unter einem Dach führt aber täglich zu kulturellen Missverständnissen, noch befördert durch die unterschiedlichen Sprachen. Babara und Raju sprechen miteinander Deutsch, wenn sie die Eltern einbeziehen wollen, müssen sie ins Englische wechseln, und wenn die Eltern sich bei Raju über das ihrer Ansicht nach unangemessene Verhalten der Schwiegertochter beklagen, reden sie Bengali, so dass Barbara sich ausgeschlossen fühlt. Als Rajus älterer Bruder an Krebs erkrankt und Raju ihn aus Pflichtgefühl in ihr Haus aufnimmt und pflegt, scheint beider Traum von einem "ruhigen Lebensabend" in unzumutbaren Belastungen zum Albtraum zu werden. Die Aufnahme des kleinen verkrüppelten Betteljungen Pravin, den Raju aus den Klauen seines brutalen Vaters rettet und den sie wie einen leiblichen Sohn umhegen und erziehen, erleben beide als eine belebende, ihre Beziehung stützende Aufgabe.

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Seitenzahl: 726

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Wilhelm Thöring

Raju und Barbara

Roman

Imprint: Raju und Barbara Wilhelm Thöring Copyright: © 2013 Wilhelm Thöring Covergestaltung: Aiga J. Janning Foto: Jürgen Janning Published by: epubli GmbH, Berlin www.epubli.de ISBN: 978-3-8442-4441-0

Prolog

Gibt es eine vergleichbare Stadt wie Kolkata, wie die Inder diesen alles erstickenden Moloch wieder nennen? Kolkata, das überkocht vor Dreck und Gestank und Getriebensein; Kolkata, wo es nicht möglich ist, weit in die Straßen hineinzusehen. Die endlosen Häuserzeilen links und rechts zerfließen, sie lösen sich in zähem, gräulichem Dunst auf; kein Himmel, keine Wolken, nichts als rauchiger, erstickender Nebel, der mit Lärm und Gestank an diesem Ort sichtbar wird, der mit Hitze, Staub und Dreck die Stadt zerfrisst, wie Krebsgeschwülste gesundes Gewebe zerfressen, wie sie Leben zerfressen. Kolkata gleicht einem gierigen, unersättlichen Bauch, einem höllischen Bauch, der schluckt und schluckt, was sich nur an seinen Rand wagt. Wer in dieser Stadt leben muss, wer hier unterwegs ist, der leidet. Der bohrt den Staub aus Ohren und Nase, der atmet flach die heiße, von Abgasen und Urin geschwängerte Luft.

Die Ampeln stauen den Verkehr, und wer es nicht mehr über die Straßenkreuzung schafft, der zeigt durch endloses Hupen, durch Gestikulieren und Augenrollen allen seine Ungeduld, vielleicht auch seine Wichtigkeit an. Und mittendrin die Fahrräder, Rikschas und Motorroller, die Skooter, die Ochsenkarren und Rinder. Fahle, gleichmütige Rinder, die sich auf dem Gehweg oder am Rande der Straße niedergelassen haben, dickfellig und dösend, und die den Verkehr, den Lärm hinnehmen wie die Menschen den erstickenden, den heißen und rauchigen Dunst über und in dieser Stadt. Dazu die Hunde, die sich in den Rinnstein fallen lassen oder an eine Hauswand, um zu schlafen.

Eine Armeslänge abseits vom aufgeregten, gereizten Verkehr schläft ein Mensch in einer Nische, ein anderer in verrenkter Haltung auf irgendeiner Treppenstufe. Der Rikschafahrer, der im Augenblick keine Kundschaft hat, macht sein Nickerchen auf der Deichsel seines Gefährts oder dagegen gelehnt auf dem Gehweg.

Überall, wo sich ein Flecken anbietet, und wenn er noch so klein ist, haben Verkäufer ihren Stand aufgebaut: Hier ein Schuster, der Schuhe und Sandalen an einen Zaun gehängt hat; drüben sitzt ein Mann hinter seinen Stoffballen, neben ihm betreibt einer seinen Teestand, ein anderer seine Frisierbude; wieder andere versuchen mit westlicher Kleidung ihr Geschäft zu machen. Bronzene Gefäße und Götterfiguren, akkurat aufgeschichtete Früchte sind zu haben, auch Fische, über die sich Fliegen hermachen, daneben billiger Schmuck und Götterfigürchen, allerlei Farben, Gewürze, Obst ... Im Schatten ausladender Bäume warten Handwerker mit ihren Gerätschaften darauf, verdingt zu werden; da warten Schuhputzer auf Kundschaft und Schreiber vor ihren Schreibmaschinen, dass jemand kommt, dem sie einen Brief tippen oder vorlesen dürfen. Auch Müßiggänger sind da: Männer, die die Zeit an Brettspielen totschlagen. Und dazwischen das Heer himmelschreiender Bettler, verkommen und schmierig, kläglich wie die Hunde am Straßenrand.

Hier und da wurde ein Fetzen Plastikplane an einer Mauer befestigt, dessen auf dem Boden liegendes Ende straff gezogen und mit Steinen beschwert worden ist. Darunter hausen ganze Familien. Ein paar Steine geben die Feuerstelle, auf der Reis oder Wasser kocht. Hier wird geliebt und gestritten, werden Kinder gezeugt, geboren und gestillt, hier werden sie gelaust und gewaschen und auf ihr Leben vorbereitet, das nicht anders verlaufen wird als das, das sie hier kennen gelernt haben. Am Ende wird hier auch gestorben ...

Mit einem ganzen Wald von Luftwurzeln drängt sich ein Banyanbaum an die hohe, weiße Mauer eines Villengrundstücks. Es ist kein gewöhnlicher, sondern ein heiliger Baum. Über Jahre haben fromme Menschen ihn mit roter Farbe und Butterfett bestrichen, haben Blumengirlanden und Götterbilder an Wurzeln und Zweige gehängt und mit unzähligen Räucherstäbchen eine in ihm verborgene Gottheit geehrt.

Manchmal sitzt in seinem Schatten ein Sadhu, ein heiliger Mann, in wilder, in Furcht einflößender Bemalung oder mit Selbstverstümmelten Gliedmaßen, vor sich die Bettelschale oder eine leere Konservendose. Viele gehen vorüber, ohne ihn zu bemerken. Andere lassen ein paar Rupien in die Schale fallen, grüßen oder berühren ihn ehrfürchtig, worauf der Sadhu ein Schächtelchen mit roter Farbe hervorholt, um den Geber mit einem Punkt auf der Stirn zu segnen.

In überwiegend weißen Hemden, die durch die dunkle Hautfarbe noch leuchtender wirken, in dunklen Hosen, barfuß, Billigsandalen an den Füßen – so gehen die meisten jungen Männer in dieser Stadt. Nicht so die Alten, die kleiden sich traditionell in den Dhoti, eine mehrere Meter lange Stoffbahn, die sie sich um die Hüfte schlingen. Die Enden ziehen sie zwischen den Beinen durch und stecken sie vorne und hinten in den Bund. Einige gehen mit nacktem Oberkörper, andere haben sich ein Tuch um die Schulter geschlagen.

Wie anders dagegen die Frauen: Sie kleiden sich in vielfarbige Saris, dessen Ende sie manchmal wie einen Schal über den Kopf gezogen haben. Der Scheitel der meisten ist rot gefärbt, das weist sie als Verheiratete aus; und dazu tragen sie das rote Segenszeichen auf der Stirn, das mit der Zeit seine geheiligte Bedeutung verloren hat und zu schlichtem, zu bedeutungslosem Schmuck abgewertet worden ist.

Der Abend kommt schnell in diesen Breiten. Auf alles Lastende und Angenehme senkt sich Dunkelheit, senkt sich eine vielleicht erquickende Nacht. Lampen leuchten auf und bunte Lichterketten, und die aufsteigende Kühle lockt die Menschen aus ihren Häusern. Das ist die Stunde des eigentlichen Lebens. Die Stadt bleibt bewegt und laut, aber die Geräusche sind anders als am Tage. Wäre es gewagt, von Labsal und Balsam, von Frieden, gar von Erlösung zu sprechen?

Es ist, als hätte eine der vielen Gottheiten, die sich in jeden Winkel eingenistet haben, die Menschen berührt und sie von Lähmung und Anstrengungen befreit, denn darauf haben sie gewartet, für diese wenigen Tagesstunden leben sie.

Und morgen wird es wieder so sein wie heute, wie gestern, wie alle Tage, die vergangen sind und kommen werden; sie werden über den glühenden, staubigen Boden dieser Stadt gehen, den Staub einatmen, sich von Dunst und Hitze lähmen lassen ...

Diese Stadt brodelt und kocht immerzu, sie kreischt und schreit, sie muss es ertragen, dass täglich hundertfach neues Leben in sie hineingestoßen wird. Und hundertfach reißt der Tod Tag für Tag Leben aus ihr heraus und zwingt es in seinen unersättlichen schwarzen Schlund.

Kapitel I

1

Vor dem Anwesen von Raju und Barbara Sharma steht der Lastwagen, der ihren Hausrat bringt. Auf diesen Augenblick haben sie lange warten müssen, denn das Schiff, das ihre Möbel und Gerätschaften von Hamburg nach Indien brachte, ist länger unterwegs gewesen, als ihnen gesagt worden ist. So haben sie die Zeit in ihrem kahlen indischen Haus unsagbar bescheiden, mit dem notwendigsten zubringen müssen, das Raju bei Verwandten und Bekannten zusammengebettelt und geliehen hatte.

Das hat jetzt ein Ende, die Leihgaben können wieder an ihre Besitzer zurückgegeben werden, denn jetzt wird alles verfügbar sein, woran sie gewöhnt waren und was ihr Leben erleichtert und angenehm macht.

Im Nu war das halbe Viertel zusammengekommen, als der Lastwagen vor dem eisernen Tor hielt; Frauen, Männer und Kinder drängten palavernd und gaffend und wurden aufdringlich, so dass die Möbelträger sie wegjagen mussten. Das half kaum, nach wenigen Augenblicken war der Umzugswagen wieder umlagert, und einige wagten sich bis in den Hof vor, wo Raju laut schimpfend auf sie losging und wieder auf die Straße scheuchte. Sogar ein Mädchen mit seiner Ziegenherde tauchte auf, ein zerlumptes und verdrecktes und wild aussehendes Kind, das seine Herde vergaß, zwei Finger in den Mund steckte und gaffte, während die Ziegen in den Hof eindrangen und sich über das wenige Grünzeug, das hier gepflanzt worden war, hermachten.

Im Haus läuft Barbara von einem Zimmer ins andere und dirigiert die Möbelträger an die Stellen, wo sie dieses oder jenes platziert haben möchte. Sie ist so aufgeregt, dass sie zwischendurch immer wieder auf die Toilette muss, die sich in der oberen Etage befindet. Von hier kann sie Rajus Stimme von der Straße hören, der versucht, die Neugierigen fortzuschicken, der den Trägern Anweisungen gibt oder mit ihnen scherzt. Raju klingt erleichtert und ebenso fröhlich wie sie.

An ihnen und ihrem Haus hatten bisher nur wenige Menschen Interesse gezeigt. Nun aber kamen aus der Nachbarschaft die Leute zusammengelaufen, Frauen und Kinder, aber auch Männer, um zu sehen, was diesem indischen Herrn und seiner weißen Frau in ihr feudales, herrschaftliches Haus getragen wird. Viel gibt es nicht zu sehen, denn alles ist verpackt in Decken und Kisten. Aber wenn sie etwas erkennen können, dann kichern sie und palavern und versuchen, hinter den Möbelträgern unbemerkt aufs Grundstück und ins Haus zu schlüpfen. Barbara muss aufpassen und sie vertreiben, weil sie fürchtet, dass sie manche Dinge nicht nur ansehen. Wenn der Lastwagen entleert und alles im Haus ist, muss Raju das breite eiserne Tor verschließen, so dass sie in Ruhe Kartons und Kisten auspacken können.

Zu Barbara sagt er, es müsse ein Hund her; bei manchem Dörfler wäre die Neugier so groß, dass er über die Mauer klettern könnte, dass er nicht nur das Grundstück erkunden und durch den Garten strolchen, sondern sich sogar bis ins Haus wagen würde; nur ein Hund könne ihnen solche ungebetenen Gäste vom Halse halten.

Barbara bezweifelt das und seufzt, sie hätte noch nie in ihrem Leben ein Tier um sich gehabt.

Zu allererst geht sie daran, die Betten herzurichten und zu beziehen. Auf ihre vertrauten Betten freuen sich beide. Das Schlafen auf dem harten indischen Bett, dem Charpoy, empfand nicht nur sie, sondern auch Raju als Qual und sie sehnten den Tag herbei, an dem sie sich in ihre alten, bequemen europäischen Betten legen könnten. Unten singt Raju ein indisches Lied. In Deutschland hat er so etwas nie gesungen, da sang er vielleicht etwas, das er im Radio gehört hatte – hier singt er das, was wohl viele Menschen dieses Landes singen, wenn ihnen danach zumute ist und ihnen das Herz überläuft. Barbara schaut in den Garten: Ja, hier kann nichts anderes als Indisches gesungen werden. Solche Melodien, solche Art zu singen, die kommen aus all dem Fremden, das sie in ihrem Garten sieht: Aus dem Nimbaum, aus Mangobaum und Akazie, aus all den seltsamen Gewächsen und Blumen, dazu das Stimmengewirr der Vögel, und die anschwellenden, gellenden Rufe eines ihr unbekannten Vogels. Diesen Vogel nahm sie sofort wahr wie die Hitze, wie den Staub, den Lärm auf den Straßen. Raju hat ihr auch den Namen dieses Vogels sagen müssen, doch den hat sie gleich wieder vergessen. Sie ist zu eifrig gewesen, zu begierig, sie hat zu viel gefragt und sich alles merken wollen, womit sie es in ihrer neuen Heimat zu tun haben wird. Dann plötzlich bricht Raju mit dem Singen ab und sie hört ihn in seiner Muttersprache sprechen. Er ruft sie nach unten; in der Halle steht eine indische Frau, von der Barbara ehrfurchtsvoll nach Art des Landes gegrüßt wird.

Das wäre Ninu, sagt ihr Mann; er hätte sie für die Hausarbeit angeworben. Ninu wohne nicht weit von hier, sie käme regelmäßig alle Tage, um zu putzen und alle Arbeiten zu erledigen, die sie verrichten könne, außerdem käme sie auch außerhalb der vereinbarten Zeit, wenn es nötig wäre. Jetzt ist sie da, um beim Auspacken und Einräumen zu helfen. Denn, er legt seinen Arm um Barbaras Schulter, wer ein solches Haus bewohnt, der brauche Personal! Bevor Raju an seine Arbeit geht, gibt er Ninu in seiner Sprache Anweisungen, worauf sie sich wiederum ehrerbietig verneigt. Lächelnd steht sie da und sieht die Hausfrau erwartungsvoll an. Und als Barbara auf eine Kiste mit Geschirr zeigt, die sie auspacken möge, lächelt Ninu nur noch breiter – denn sie versteht kein Wort. Wieder muss Raju kommen und der Frau erklären, was sie zu tun hat. Barbara dämmert’s, dass es mit dem Personal schwierig werden wird. Es versteht weder Deutsch noch Englisch, und sie kann kein Bengali. Wenn das Haus eingerichtet ist, das nimmt sie sich vor, dann wird sie sich nach einem Bengalilehrer umsehen.

Es ist dunkel geworden, Ninu hat ihren Lohn eingesteckt und ist gegangen. Morgen, in aller Frühe, das sagte sie, werde sie wiederkommen.

Barbara liegt endlich unter einem Moskitonetz in ihrem vertrauten, bequemen Bett. Ohne sich zu rühren, schläft Raju neben ihr, bewegungslos wie ein Baumstamm. Sein Atem geht gleichmäßig und tief. Von einem guten Leben in Indien – davon haben sie in den letzten Jahren wieder und wieder geträumt: Indien, Rajus Heimat, das sollte auch ihre Heimat werden. Hier, am Hugli, wo Raju aufgewachsen ist, da wollten sie sich niederlassen. Von dieser Stadt hat Raju in seinen ersten Jahren in Deutschland fortwährend erzählt. Und mit seinem Erzählen hat er bei Barbara den Wunsch geweckt, in diesem Land, in der Nähe des Hugli, an Rajus Seite die verbleibenden Jahre und schließlich ihr Leben zu beschließen.

Alle zwei Jahre sind sie nach Kolkata geflogen, um Verwandtenbesuche und Ausflüge in die nähere und weitere Umgebung zu machen und Eindrücke von ihrer künftigen Heimat zu sammeln. Dabei haben sie fast jedes Mal eine prachtvolle Bootsfahrt über den Hugli genossen, Fahrten im Kreise älterer europäischer Frauen, die mit einem Inder verheiratet waren, und die die letzten Jahre im Land ihrer Männer zuzubringen gedachten und hier begraben werden wollen.

Jetzt ist Barbara hier. Jetzt hat sie alles, was sie zum Leben braucht, in ihrem prächtigen Haus untergebracht. Obwohl sie am Abend zum Umfallen müde war – jetzt will sich kein Schlaf einstellen. Eine geraume Zeit liegt sie wach im Bett, dann steht sie auf und schleicht aus dem Zimmer.

Barbara ist ins Wohnzimmer hinunter gegangen, wo sie ein Fenster gegen die Moskitos und andere Quälgeister mit Gaze gesichert haben. Das Fenster war gekippt, sie öffnet es weit, um den Geruch dieser Stadt, um die Nachtkühle zu spüren. Der Garten ist stockdunkel; die gekalkte Mauer, die ihr Anwesen umschließt, wirkt wie Nebelstreifen zwischen dem Gesträuch und den Baumstämmen. Leise, um Raju oben im Schlafzimmer nicht aufzuwecken, zieht sie einen Flechtsessel ans Fenster, denn sie will hier sitzen bis der Schlaf sich einstellt. Doch diesmal, das weiß sie, wird sie lange warten müssen.

Nach und nach stürmen Bilder auf sie ein, die weit zurückliegen. Auf dem Rückflug ihrer ersten Indienreise hat sie Raju kennen gelernt, er war an Bord des Jumbos ihr Sitznachbar für die vielen Stunden bis Amsterdam. Sie kamen ins Gespräch, und als Barbara ihm von ihren touristischen Stationen, auch von einem dreitägigen Aufenthalt in Kolkata erzählte, zeigte er sich nicht nur hocherfreut – bei ihm war Interesse an dieser couragierten, an der schlanken, blonden Frau geweckt. Bevor sie von Bord gingen, haben sie Visitenkarten ausgetauscht und Raju hat versprochen, dass er sich bei ihr melden werde. Es sind Monate vergangen, und Barbara hatte den freundlichen, den gut aussehenden Inder vergessen – da kam in der Frühe eines Spätsommertags sein Anruf. Er wäre in ihrer Nähe und würde sie gerne treffen, sagte er.

Und sie trafen sich.

Raju erwartete sie in der vereinbarten Gaststätte; er saß im Gartenlokal unter einer ausladenden Linde vor einem Glas Selters. Bis in den späten Abend waren sie beisammen, der indische Ingenieur Raju Sharma und die Universitätsbibliothekarin Barbara Oberländer. Natürlich erzählten sie von Indien, sie erzählten aus ihrem Leben und in welchem Beruf sie arbeiteten, welche Interessen sie haben ... Von da an ergab es sich, dass Raju öfter in ihrer Nähe zu tun hatte. Aus den kurzen Treffen wurden überschwängliche und glückliche Wochenenden, und nach gut einem halben Jahr haben sie in Deutschland geheiratet.

Später hat Raju ihr von seinem Ärger mit dem Vater erzählt. Der alte Arzt Doktor Sharma hatte wohl schon seit langem eine indische Braut für seinen jüngeren Sohn im Auge, und er wartete voller Sehnsucht darauf, ihn verheiraten zu können, wenn er nach Kolkata käme. Die Nachricht, dass Raju sich ohne sein Wissen, ohne seine Billigung mit einer Europäerin verheiratet habe, brachte den Alten in Wut und ließ ihn wild und unerträglich werden, wie Rajus Mutter später erzählte. Er trug lange daran; bei der ersten Begegnung Rajus und Barbaras mit den Eltern zeigte Doktor Sharma dem Sohn und der Schwiegertochter die kalte Schulter. Wenn er mit den jungen Leuten sprach, dann richtete er das Wort nur an den Sohn. Er sprach Bengali, obwohl er wie Barbara auch des Englischen mächtig war. Und an seinem Ton war zu hören, dass er sich beherrschte, nicht wieder laut und grob zu werden. Doktor Sharma wurde älter, das Alter setzte ihm zu, und nach und nach zeigte er nicht nur Gelassenheit, er zeigte Milde, und schließlich sogar Freundlichkeit gegen den Sohn und gegen die ausländische Schwiegertochter.

Anders verhielt sich Rajus älterer Bruder Rahul. Unverhohlen zeigte er Ablehnung, gar Hass, nicht nur gegen die Schwägerin, auch gegen seinen Bruder. Viele Tage saß er stundenlang mit seiner schönen, müßigen Frau bei den Eltern in der engen Wohnung, wo sie sich von der Mutter bedienen ließen, Tee tranken und aßen und über Rajus Ehe mit der Ausländerin sprachen. Rahul ist Arzt geworden wie sein Vater, er hat im Zentrum Kolkatas eine gut besuchte Praxis mit zwei Helferinnen; und seit längerer Zeit steht ihm mit Veena eine umsichtige und couragierte, eine tüchtige und bewährte medizinisch-technische Assistentin zur Seite. Diese Frau ist verlässlich und hat in vielem Erfahrung sammeln können, so dass Rahul ihr nicht nur für Stunden, sondern auch für einen Tag die Praxis überlässt. Wenn er nicht bei den Eltern sitzt, dann trifft er sich mit Freunden, um mit ihnen zu trinken; und gelegentlich, wenn er ausreichend Geld hat, besucht er einen Salon, in dem schöne, gebildete Damen musizieren, die die Kundschaft mit Gesang, mit Getränken und anderen Lustbarkeiten unterhalten. Es kommt vor, dass er sich in solchen Etablissements eine ganze Nacht hindurch ergötzen kann und erst im Morgengrauen nach Hause kommt. Danach ist er den Tag über nicht anzusprechen, er sieht nicht einmal nach, wie es in der Praxis steht, da wirkt Veena, die fähige Assistentin, die ihn in unbedeutenden Dingen vertritt und die Patienten auf den nächsten Tag vertröstet. Savita, seiner schönen, seiner müßigen Frau kam zu Ohren, wo ihr Mann manche Nacht verbrachte und großzügig sein Geld ausgab, doch sie schwieg dazu und ließ ihn gewähren.

Wenn Barbara nach Besuchen bei den Schwiegereltern mit Raju von dem sprach, was sie dort erfahren und er ihr erzählt hatte und wie sie sich selbst, in ferner Zukunft, ihr Leben vorstellte, lachte Raju nur:

„In Deutschland leben wir gut! Hier ist das Leben nicht eng und eingeschnürt wie in den indischen Familien. Glaube mir, ich bin nur von der Hautfarbe her ein Inder. Hier drinnen, in meiner Brust, da bin ich ein überzeugter Deutscher. – Und sollten wir trotzdem einmal nach Indien ziehen, dann, Bärbel, dann muss es sehr weit weg von Kolkata sein. In indischen Familien lebt es sich anders als in Europa. Eine indische Frau hat alle indischen Männer der Sippe über sich, dazu die Schwiegermutter und die älteren Schwägerinnen!“

Das schrecke sie nicht, hat Barbara ihm geantwortet. Sie sei überzeugt, dass man von ihr, einer Frau aus dem Westen, keinen Gehorsam, keine Unterwerfung erwarte. Außerdem wisse sie sich zu wehren und sie rechne mit seinem Beistand, hatte sie hinzugefügt. Wenn Raju sich eindeutig und unmissverständlich an ihre Seite stelle, dann habe sie weder seinen Vater, noch seinen Bruder oder seine Mutter zu fürchten. Im Übrigen kämen seine Eltern ihr überaus freundlich entgegen, wenn sie in Kolkata sind, hatte sie gemeint.

Ja, das mag so sein, wie sie sage. Aber er verlasse Deutschland nur ungern, hatte Raju ihr darauf geantwortet. An alles hätte er sich in den vielen Jahren, die er hier lebe und arbeite, gewöhnt, sogar an das unfreundliche Wetter und an die vielen mürrischen Gesichter in den vollgestopften Straßen. Er lebe gerne hier und würde bis an sein Ende in diesem Land bleiben; einen besseren Ort könne er sich nicht vorstellen, schon gar nicht in Indien. Doch wenn es einmal so weit ist, dann könne die ganze Sache neu überlegt werden. Egal, wie die Entscheidung ausfallen werde – „Bärbel, ich denke, es wird ein Schritt in die richtige Richtung sein!“

Vor zwei Jahren ist diese Entscheidung gefallen, als für Barbara nur noch eine Zeit von gut eineinhalb Jahren bis zum Ruhestand blieb. Sie haben errechnet, dass sie von dem Altersgeld, das sie beziehen wird, beinahe fürstlich in Indien leben können. Raju erhoffte sich noch kleine Nebenverdienste in einem Ingenieurbüro, von denen es nicht wenige in Kolkata geben soll, wie er sagte. Und so sind sie in diese Stadt gereist und haben sich nach einem geeigneten Grundstück umgesehen. Rajus Vater, der alte Doktor Sharma, der um Hilfe gebeten worden war, hat Verwandte und Freunde eingeweiht und einige Objekte ausfindig machen können; und es hat nicht lange gedauert, bis sie auf dieses Grundstück gestoßen sind und sich dafür entschieden haben. Barbara ist daraufhin allein nach Deutschland zurückgeflogen, während Raju in Kolkata geblieben ist und mit dem Bau dieses Hauses begonnen hat.

Ihr Haus, das sie sich seit heute einrichten und in dem sie auf den Schlaf wartet – es ist geradezu ein Palast zu nennen, weit draußen am Rande Kolkatas, in einer abgelegenen, wenig besiedelten Gegend, umgeben von alten Bäumen, in die sich manchmal neben absonderlichen Vögeln sogar Rhesusaffen verirren. Dieses Haus ist nicht vergleichbar mit dem schlichten Reihenhaus in der alten Heimat, der sie den Rücken gekehrt haben, weil sie an eine gute und glücklichere Zukunft für sich und für Raju in diesem Land glaubt.

Mit Raju ist sie übereingekommen, nach etwa einem Vierteljahr, wenn alles an seinem Platz steht und das Haus nach ihren Vorstellungen eingerichtet ist, seine alten Eltern, die in einer engen, herabgekommen Wohnung weit unten im südlichen Bezirk hausen, zu sich zu holen. Für die Alten haben sie in der ersten Etage zwei Zimmer vorgesehen, dazu ein eigenes Bad und eine von den indischen Toiletten, an die sie gewöhnt sind. Hier unten, am Rande Kolkatas hat der alte Doktor Sharma einmal viel Land und ein Haus im englischen Stil besessen, bis Raju nach Deutschland gegangen ist. Von dem Moment an betrachtete Rajus älterer Bruder sich als alleiniger Erbe. Rahul beschaffte den Eltern in der Stadt eine enge und dunkle Wohnung, damit er sie besser erreichen könne – wie er sagte – eine Wohnung, die von der alten Mutter nicht mehr sauber gehalten werden konnte und bald vor Schmutz und Ungeziefer strotzte. Rahul verkaufte Land und Haus, verkaufte auch seine Praxis an einen Kollegen und fuhr für Monate nach Nordindien in die Berge, wo er und seine schöne, müßige Frau ein luxuriöses Leben führten. Erst als seine Barschaft zusammenschmolz, als seine Frau nicht mehr wusste, wie ein Hausstand zu führen ist, ließ Rahul sich wieder bei den Eltern blicken, ließ sich von ihnen durchfüttern und beklagte, dass ihm die gut gehende Praxis abgeluchst worden wäre und er fürchte, in einigen Jahren mittellos zu sein.

Und eines Tages waren Rahul und Savita wieder verschwunden, und niemand wusste, wohin. War Savita mit ihm gegangen? Hatte er sich von ihr getrennt und sie zu ihren Eltern zurückgeschickt? Sind sie in einen Ashram gezogen? Ja, lebten sie überhaupt noch? Solche Gedanken beunruhigten die alte Frau Sharma sogar in den Träumen. Nur Doktor Sharma wollte an so etwas nicht glauben. Rahul wäre ein gescheiter Mann, sagte er. Der hätte nie etwas Unüberlegtes getan. Der wird ins Ausland gegangen sein, wie er es bei seinem jüngeren Bruder gesehen hat. Als Arzt, das wüsste er, könne man auch in Amerika oder Europa Karriere machen. Geld besäße Rahul genug – Ja, die alte Mutter seufzte, das wollte sie auch glauben.

Unter dem Fenster schnüffelt ein Tier, und als Barbara das hört, fängt sie mit einem Schlage an zu frieren, als wäre sie mit eisigem Wasser übergossen worden. Nein, müde ist sie noch immer nicht, aber sie braucht Wärme, braucht Rajus immer glühenden Körper neben sich. Leise schließt sie das Fenster, und sofort hört das Tier mit seinem Schnüffeln auf. Barfuß steigt sie die Treppe nach oben, immer eine Stufe auslassend.

So, wie Raju sich am Abend ins Bett gelegt hat, so liegt er noch. Er bewegt sich nicht einmal, als sie sich, zitternd und durchgefroren, an ihn schmiegt. Lange wird sie nicht mehr schlafen können, weil in aller Frühe Ninu kommt. Sie kann die Räume, in denen die Möbel schon an ihrem Ort stehen, reinigen. Später soll sie Gläser und Geschirr, Besteck und die Töpfe spülen, denkt Barbara, so dass ich alles an seinen Platz räumen kann. Damit hat Ninu erst einmal genug zu tun.

Langsam durchzieht Rajus Wärme auch ihren Körper. Ein wohliges Gefühl überfällt sie, und es dauert nicht lange, da ist Barbara müde geworden. Im Halbschlaf glaubt sie Geräusche auf der Fensterbank draußen zu hören. Doch jetzt, da sie sich an Rajus Körper schmiegen kann und ihren Hausstand um sich hat, hat sie keine Angst. Ihr ist, als würde alles,

was sie nach Indien mitgebracht hat, Sie wie eine Schutzmauer umgeben. Aber das wirklich Beruhigende, das ist Raju, denkt sie.

2

„Raju, du musst der Ninu erklären, was sie tun soll!“

Barbara steckt sich die Haare fest, die sie nervös machen, weil sie ihr immerzu ins Gesicht fallen. Sich mit beiden Armen auf die Tischplatte stützend, lacht Ninu sie an und bewegt die Lippen, als könnte sie nicht sagen, was sie loswerden möchte.

„Was soll sie denn tun“, fragt Raju vom oberen Treppenabsatz, wo er in ihrem eigenen Bad Spiegel und Konsolen anbringt. Die Bohrmaschine noch in der Hand, voll weißen Staubs, kommt er herunter, setzt sich auf die vorletzte Stufe und schüttelt den Kopf über Barbaras festgeklemmte Haare.

„Du siehst fremd aus“, sagt er. „Die Frisur steht dir nicht!“

„Sie soll zuerst die Gläser spülen, danach das Geschirr, zuletzt Besteck, Töpfe, die Pfannen ...“

Raju erklärt Ninu, was die Memsabib, die Hausfrau, von ihr erwartet. Aufmerksam, ihre dunklen Augen weit aufgerissen, hört Ninu zu, dann wendet sie ein, es wäre alles sauber, denn alles hätte in Papier gepackt in den Kisten gelegen, nichts von dem, was sie abwaschen soll, wäre benutzt worden. Und um Raju zu überzeugen, hält sie ihm eine Tasse hin. Aber weil das von ihr verlangt wird, füllt sie die Schüssel mit kaltem Wasser und macht sich an die Arbeit; und wieder muss Raju ihr erklären, dass weiße Frauen zum Abwasch heißes Wasser nehmen, dazu ein Reinigungsmittel, keinen Sand. Ninu tut, was man von ihr erwartet, aber es ist ihr anzusehen, dass sie sich darüber sehr wundert und nichts begreifen kann.

„Bärbel, es wird sich nicht umgehen lassen, dass du auch noch Bengali lernst ...“

„Ja, das habe ich mir vorgenommen, aber alle diese sonderbaren Schriftzeichen – das lerne ich nie!“ ruft sie entsetzt und schlägt auf die Zeitung, die Raju mitgebracht hat. „Für so etwas bin ich schon zu alt!“

„Nicht die Schriftzeichen, Bärbel, es reicht, wenn du etwas Bengali verstehen und sprechen kannst! Und davon nur das, was im Alltag gebraucht wird.“

Ja, das will sie versuchen, sagt sie, denn es wäre zu lästig, ihn immer als Dolmetscher an der Seite haben zu müssen.

Der Tag geht zu Ende; sie sitzen auf der Terrasse, wo sie vorerst die Korbmöbel hingestellt haben, die für das elterliche Wohnzimmer vorgesehen sind. Raju will die getane Arbeit in diesem Haus mit einem Whisky feiern, Barbara hält ein Glas Limonensaft zwischen den Händen. Beide schweigen, sie hängen ihren Gedanken nach. Im Nu ist es dunkel geworden; wie ein Boot taucht der Mond zwischen den Bäumen auf. Jenseits ihrer Gartenmauer wird es lebhaft auf der Straße. Manchmal knattert ein Moped vorüber. Hinter dem Eisentor bleiben Menschen stehen, sie rufen, sie versuchen es zu öffnen, und weil sich nichts rührt, gehen sie weiter.

„Ja, hat der Mensch noch Töne“, fährt Raju in die Höhe und rennt mit der Taschenlampe und dem Besen durch den Garten auf die nördliche Mauerseite zu. Er beleuchtet zwei Jugendliche, die von der oberen Kante einen dicken langen Bambusstab in den Garten herabgelassen haben, an dem sie herunterzugleiten versuchen. Raju schimpft und droht ihnen mit dem Besen, und die Jungen nehmen lachend Reißaus und lassen den Bambusstab, wo er ist.

Am anderen Tag ist Raju auf Barbaras Drängen mit einer Taxe ins Zentrum gefahren, um sich in einer Tierhandlung nach einem Wachhund umzusehen. Papageien, die hätte er bekommen können, und alle möglichen Vögel, große und kleine, Zierfische, niedliche Kätzchen und Schoßhündchen, doch einen Wachhund, der ihm ungebetene Gäste fernhalten könnte, den fand er nicht. Ihm wurde die Adresse eines Niederländers genannt, der würde große, wachsame und scharfe Hunde züchten. Raju ließ sich zu ihm fahren, und hier fand er, wonach er suchte: Deutsche Schäferhunde, Dobermänner, zwei gefleckte Doggen und eine Riesenschnauzerhündin, die ihre kaninchengroßen herumtapsenden Jungen in der Wurfkiste bewachte. Schnauzer, ja, das wären verlässliche und wachsame und verteidigungsbereite Hunde, wurde Raju versichert, doch als Wach- und Schutzhund wäre der Riesenschnauzer mit keinem anderen zu vergleichen. Er könne sich unter den Jungen jetzt schon einen aussuchen, der würde mit einem farbigen Band gekennzeichnet, und in acht Wochen, wenn sie entwöhnt sind und der Mutter lästig werden, dann gehöre der Hund ihm.

Von dem Tag an, da die Jugendlichen versuchten, in seinen Garten zu steigen, sieht Raju an jedem Abend nach, ob hinter der Mauer Bambusstangen liegen oder gar eine Leiter.

Schon an einem der nächsten Tage sind sie zu einem Hund gekommen – einem Hund, wie sie keinen haben wollten: Raju verhandelte vor dem Tor mit einem Mangohändler. Der Mann zeigte sich nicht ehrerbietig und nannte einen unverschämten Preis, er hielt Raju wohl für einen Angestellten des vornehmen Hauses. Das änderte sich, als Barbara, die weiße blonde Frau erschien. Für die Memsabib wäre diese Frucht gerade richtig, sagte der Händler und bot eine große, reife Frucht zu einem annehmbaren Preis an.

Während Raju noch verhandelte, verteidigte auf der anderen Straßenseite einer der hier üblichen vielen Straßenköter, ein rötlichbraunes Tier, seinen ergatterten Bissen vor einem anderen. Mit eingekniffenem Schwanz und fletschenden Zähnen starrte er den Rivalen an und bemerkte nicht das Auto, das einem vorüber ziehenden Ochsenkarren ausweichen musste. Ein Aufjaulen, ein nicht enden wollendes Winseln – das Auto hatte ihn an der linken hinteren Flanke erwischt. Der Hund versuchte seine verletzte Stelle zu lecken, während der andere sich mit dem Bissen davonmachte.

Barbara lief hinüber. Zuerst sprach sie auf den Hund ein, der blickte zu ihr auf, duckte sich, als erwarte er Schläge, ließ sich von ihr streicheln und wurde ruhig und leckte einige Male über ihre Hand; und als sie ging, folgte er ihr, den Körper nachschleifend, hinter das Tor. Barbara holte eine Schale Milch, kauerte sich zu ihm und begann, während er die Milch schlabberte, auf ihn einzureden.

„Den werden wir nicht mehr los“, sagte Raju und gab Ninu, die aus dem Haus gekommen war, die Mangos, die sie zubereiten solle. „Wenn er wieder gesund ist, dann werde ich mit ihm weit von hier wegfahren und ihn freilassen.“

Barbara, die nie ein Tier um sich hatte, schwieg dazu. Sie untersuchte die Verletzung, und der Hund ließ es zu und leckte ihr wieder die Hände. Zu sehen war nichts, aber das Tier hinkte, es konnte mit der linken Hinterpfote nicht auftreten.

„So lange du magst, darfst du bei uns bleiben“, flüsterte sie dicht über dem Tier, dass sie es mit ihren Haaren berührte. „Wenn du erst einmal bei uns bleibst, dann brauchst du einen Namen, du kleiner Pechvogel. Zuerst werde ich dich von deinen Flöhen befreien, und dann wollen wir sehen, ob du erzogen werden musst ... Und wenn dein größerer Kumpan kommt, den wir schon gekauft haben, dann ... Na, wir werden sehen.“

Ninu hat einen Tisch in den Garten tragen müssen, der mit einem Plastiktuch abgedeckt wurde. Auf dem Tisch liegt der Hund ohne Namen und erwartet, was mit ihm gemacht wird: Barbara sieht zuerst nach der Verletzung, dann sucht sie sein Fell nach Zecken und Flöhen ab, und zuletzt wird er gründlich eingepudert. Und das mag er überhaupt nicht. Er niest und prustet und würde vom Tisch springen, wenn er alle vier Pfoten gebrauchen könnte.

Das Haus ist seit etlichen Tagen schon ganz nach Barbaras Vorstellungen eingerichtet. Bilder und Spiegel, Zierrat und Blumenvasen sind da, wo sie sie hinhaben wollte. Sein Inneres spiegelt die Atmosphäre eines deutschen Hauses. Dieses jedoch ist großzügiger, geräumiger und eindrucksvoller, so dass kein Inder es wagen würde, unbefangen hineinzugehen. Auch Ninu wagte sich das erste Mal nicht so ohne weiteres hinein – sie trat vorsichtig auf, sah sich um, blickte hierhin und dorthin, als könnte sie plötzlich von etwas Gefährlichem angesprungen werden. Ihre Scheu war aber bald verflogen, und jetzt bewegt sie sich in allen Räumen ebenso sicher wie die Memsabib, die Hausfrau.

Heute Morgen ist Raju sehr zeitig mit der Taxe in die Stadt gefahren. Er hat sehr geheimnisvoll getan und nahm, obwohl Ninu zusah, Barbaras Gesicht zwischen seine Hände und küsste sie. Das hat er in Deutschland zu vermeiden gewusst, hier in Indien, noch dazu in Gegenwart der Haushilfe, ist das gegen jede Sitte. Aber Raju hat es getan! Entsetzt wandte Ninu sich ab; als sie jedoch allein war, hat sie laut zu lachen angefangen. Gegen Mittag ist sie nach Hause gegangen, und als sie die Memsabib sah, da brach sie wieder in Gelächter aus.

Barbara ist durch den Garten gegangen, hat verwelkte Blüten entfernt und hier und da den Pflanzen etwas Wasser gegeben. Den Garten möchte sie auch noch verändern. Vielleicht ist Raju zu erweichen, einen Teich anzulegen. Und an ganz bestimmten Stellen möchte sie Blumen haben, auch solche, die in Deutschland in ihrem Garten wuchsen. Mit einem Buch, das über Gewächse und Gartenarbeit informiert, sitzt sie jetzt auf der Terrasse. Dicht an sie geschmiegt liegt der hinkende, rotbraune Hund ohne Namen. Seit jenem Tag, an dem er angefahren wurde, weicht er nicht von ihrer Seite. Ins Haus jedoch wagt er sich nicht. Er bleibt im Garten, auch des Nachts. Dann liegt er dicht vor der Terrassentür. Er ist gelehrig und wachsam, der sofort meldet, wenn jemand der Mauer oder dem Tor zu nahe kommt. Beide fragen sich aber, ob er sie auch verteidigen und angreifen würde.

Barbara wird mit Raju besprechen, ob das Klima hier für Blumen aus Deutschland geeignet ist, ob sie hier gedeihen? Es müssen Knollen oder Samen sein, denen eine lange Reise nichts anhaben kann. Und wenn er einverstanden ist, wird sie eine Liste anfertigen und ihren Bruder Reinhold in Deutschland bitten, ihr alles, was möglich ist, nach Indien zu schicken.

Am Tor hält ein Auto. Der Hund ohne Namen reckt sich, er spitzt die Ohren und unterdrückt ein Bellen: Es ist Rajus Stimme, Rajus Schritt, den er hört. Sich die Hände reibend kommt Raju auf die Terrasse zugestürmt. Wieder nimmt er ihr Gesicht in die Hände und drückt seine Lippen auf ihre Stirn.

„Morgen musst du mit mir in die Stadt fahren, Bärbel. Ich kann mich ohne dich nicht entscheiden.“

„Wozu musst du dich entscheiden?“

Er legt ihr einen Finger auf den Mund. „Nicht fragen, sich einfach überraschen lassen ...“

Raju fällt in einen Sessel, in dem er es aber nicht aushält. Unruhig und voller Spannung läuft er die Terrasse in ihrer ganzen Größe ab, dass der Hund vor ihm in den Garten flüchtet. Er nimmt das Gartenbuch, schlägt es aber nicht auf; er besieht abwesend die zum Kreis eines Jahres angeordneten Blumen auf dem Deckel, dann legt er es gleich wieder auf den Tisch.

„Wenn du so etwas liest, Bärbel, dann hast du auch etwas vor“, sagt er nach einer Weile. „Willst du hier in Indien den Landschaftsgärtner spielen?“

Was sie ihm darauf antwortet, hört er nicht. Raju muss sich bewegen, er muss laufen, als müsse er sich von irgendeinem Druck befreien.

Barbara ist in der Küche, sie kocht Tee; jetzt ist Raju in den Garten gegangen, und der Hund winselt vor der Tür, weil er sich vor dem unruhigen Mann ängstigt. Sie wird nicht weiter in ihn dringen – sie kennt ihn und hat es gelernt, zu warten. Morgen wird er ihr offenbaren, welches Geheimnis ihn so sehr in Unruhe versetzt hat.

Vor dem Dunkelwerden hat Raju am nächsten Tag eine Taxe kommen lassen, die beide ins Zentrum fahren musste, direkt vor das Haus eines Autohändlers. Dass das Geheimnis ein Auto sein wird, das hat sie vermutet. Denn ohne Wagen ist das Zentrum Kolkatas von ihrem Wohnort so weit entfernt, wie Indien von Deutschland, oder der Mond von der Erde, hat er einmal geäußert. Ohne Auto würde das Leben für sie sehr, sehr schwierig sein.

Unterwürfig, die Hände an der Hose abreibend, läuft ein Verkäufer herbei, der sich vor Barbara verneigt und Raju wie einen Bekannten begrüßt. Zielsicher geht Raju auf einen japanischen Geländewagen zu. Raju lehnt sich dagegen und sagt, fast ein wenig enttäuscht:

„Bärbel, du sagst gar nichts dazu!“

„Ich habe geahnt, was du im Schilde führst.“

„Ach ja, deine scharfen, sensiblen Sinne ... Wie findest du den Wagen? Im Preis ist er äußerst günstig, denn das ist ein Vorführwagen. Bärbel ...“

„Raju, ist er nicht ein bisschen groß? Wir sind nur zwei Personen ...“

„Noch sind wir zu zweit. Aber wenn die Eltern bei uns wohnen – wir werden sie doch auf die eine oder andere Tour mitnehmen. Und dann sind da noch die beiden Hunde.“

Als sie in der Taxe nach Hause fahren, ist Barbara sehr still. Mit dem Autokauf war sie sofort einverstanden; aber es reißt ein großes Loch in das, was ihnen von ihrem Ersparten geblieben ist; wiederum hat Raju recht: Ohne Wagen geht es hier nicht.

Raju, der vorne neben dem Fahrer sitzt, dreht sich besorgt nach ihr um. „Was bedrückt dich, Bärbel?“

„Der Verkehr. An solches Gewühl bist du nicht gewöhnt, Raju. Ich werde immer in Sorge sein, wenn du mit dem Wagen in die Stadt fährst. Diese Gelassenheit“, sie nickt zum Fahrer hin, „die hast du wohl nie besessen. Und wenn – dann hast du sie in Europa verloren.“

Raju lacht. „Auch das wird sich lösen lassen.“

3

Raju hat das Fahren mit dem Auto auf seine, auf Art eines reichen Inders gelöst – er hat einen Chauffeur angeworben: Kali, einen Mann von etwa dreißig Jahren, dessen Sippe aus Südindien stammen muss, denn er ist viel dunkler als die meisten Inder, denen Barbara bisher begegnet ist; Kali ist beinahe schwarz wie ein Afrikaner. Er wirkt ruhig und immer etwas langsam, wenn er sich bewegt; doch hinter dem Steuer zeigt er Courage, und er fährt ebenso schneidig wie die meisten Taxifahrer, die sich vor nichts zu fürchten scheinen. Auch er kann das Hupen an den roten Ampeln nicht lassen, denn hier hupen alle. Und im dichten, bedrohlichen Verkehr kurbelt er das Seitenfenster herunter und streckt seinen Arm nach draußen, um andere Autofahrer auf Abstand zu halten. Wenn Raju sich beunruhigt oder erschreckt zeigt, dann wird er mit einem leisen, doch strengen: „Sir!“ an die Kontenance gemahnt, die ein Mann seines Standes zu wahren hat. Dieses ‚Sir’ ist wohl das einzige englische Wort, das Kali kennt. Das wenige, das er zu sagen oder zu fragen hat, das sagt er auf Bengali. Bei einer Fahrt aufs Land erzählt er Raju, dass er vorher Chauffeur für die Frau eines steinreichen Juwelenhändlers gewesen wäre. Viele Jahre hätte die Lady ihren Wagen allein gefahren, ein großes und luxuriöses amerikanisches Modell wäre das gewesen. Eines Tages, die Lady fuhr gegen die tiefstehende Sonne, sei es zu einem Unfall gekommen: Etwas flotter als erlaubt, hätte sie vor einer Kreuzung einen Ochsenkarren überholt. Auf der Kreuzung stand ein Polizist, der den Verkehr regelte, den die Lady nicht gesehen haben will. Sie hätte warten müssen. Um nicht in den Querverkehr zu fahren und den Polizisten zu gefährden, wäre es zu einer Vollbremsung gekommen. Ihr Wagen hätte sich quer gestellt, und in die Fahrerseite habe sich die lange Deichsel des Ochsengespanns gebohrt und die Lady verletzt. Als sie sich wieder auf die Straße und in ein Auto wagte, habe der Juwelier ihn zum Fahren seiner Frau angeworben. Ja, und vor einiger Zeit wäre die Lady gestorben, vielleicht an den Folgen des Unfalls – Kali weiß es nicht.

Mit dieser Begebenheit hat Kali so viel erzählt, dass es für die nächsten Wochen reichen musste.

Wenn Barbara ihr Grundstück verlässt, und das kommt selten vor, dann ist Raju an ihrer Seite. Eine weiße Frau geht nicht ohne ihren Mann aus, sagte er gleich in den ersten Tagen, als sie in Indien angekommen war. Sie hält das für Angst oder Eifersucht und bleibt hinter der weißen Mauer, denn bis jetzt verspürte sie kein Verlangen, allein durch das öde Land zu spazieren. Zudem kommen ihr manche Männer unheimlich vor, so dass sie sich vor ihnen fürchten würde, wenn sie ihnen an einem entlegenen Ort begegnen würde. Aber jetzt, da sie den Wagen und Kali haben, fahren sie alle paar Tage in die Stadt hinein, um einzukaufen, zu bummeln, in einen Restaurant zu sitzen, dem Treiben auf der Straße zuzusehen und es sich gut gehen zu lassen. Hin und wieder sind sie auch zum niederländischen Hundezüchter gefahren, um ihren Hund zu begutachten, um zu sehen, wie er heranwächst und sich zwischen seinen quirligen Geschwistern behauptet. Und vorgestern war es so weit, dass sie ihren Hund abholen konnten. Während der Heimfahrt musste Kali doch hin und wieder an seine Aufgabe erinnert werden: Er hatte die Augen mehr hinten beim Hund, den Barbara auf dem Schoß hielt, als beim Verkehr. Verwundert zeigte er sich auch darüber, dass der Hund ins Haus, dass er frei herumlaufen und sich in einen Sessel oder auf die Couch legen durfte. Hunde würden mit einem Strick an einen Baum oder an den Türpfosten gebunden, sagte er zu Raju, dieser jedoch lebe im Haus wie ein Kind.

Raju lachte darüber, aber er fand auch, dass Barbara mit beiden Tieren beinahe wie mit kleinen Kindern umging; dem kleinen Schnauzer gab sie den Namen Brombeere.

„Ich finde, er sieht aus wie eine überreife Brombeere“, sagte sie. „So schwarz und hier und da mit steifen Borsten...“

Und damit hatte sie auch gleich einen Namen für den verletzten, zugelaufenen Hund: er wurde Himbeere gerufen. Brombeere will sie zu einem Schutzhund abrichten, erklärt sie Raju, damit sie, wenn sie einmal das Grundstück verlassen muss, um beim Fisch- oder Gemüsehändler einzukaufen, an verlassenen und stillen Stellen dahin sicher sein kann.

Ob sie denn hier draußen mit einem Hund gehen wolle?

Ja, denn auch dafür hätten sie ihn. Er soll das Grundstück bewachen und er soll sie beschützen.

In den ersten Tagen, da Brombeere im Hause war, musste er in den Garten, wenn Ninu kam, und die Türen wurden zugesperrt. Sie fürchtete sich vor ihm und kreischte, wenn er an ihr hochsprang; sie ist sogar auf einen Stuhl geflüchtet und wäre auf den Tisch gestiegen, wenn Barbara nicht dazugekommen wäre.

An ihren Bruder in Deutschland hat Barbara eine Liste geschickt, welche Blumen sie gerne in ihrem Garten hätte, und er schrieb zurück, dass er alles, was sich auf eine so weite und lange Reise schicken ließe, besorgen, würde.

Raju meinte, da Bärbel jetzt im Ruhestand lebe, sollte es auch in jeder Form ein Ruhestand sein: Keine schwere, körperliche Arbeit, keine Unruhe und Aufregung mehr, keine täglichen Verpflichtungen, und wenn sie auch noch so unbedeutend sind wie Kochen und das Reinhalten der Wäsche und der Wohnung – dafür gäbe es in Indien reichlich Leute, die dankbar für den hier üblichen Lohn wären.

„Und dieser Lohn, Bärbel, wird uns nicht zu Einschränkungen zwingen“, das sagte er mit seinem Lächeln, das seine Wirkung noch nie auf sie verfehlt hat. „Du hast deinem Bruder geschrieben, dass er dir Knollen und Samen schickt. Gut. Aber so etwas muss in die Erde, es muss täglich gepflegt werden, es muss gegossen, muss gedüngt und aufgebunden werden – und das, Bärbel, ist grobe und anstrengende Gartenarbeit. Die kann ein anderer machen!“

Daraufhin sind der Koch Pran und Ashim als Gärtner ins Haus gekommen. Mit Ashim ist vereinbart worden, vorerst nur zu kommen, wenn es nötig ist und er gerufen wird. Wie die Memsabib sich den Garten dachte, das begriff Ashim sehr schnell. Er entwickelte sogar den Ehrgeiz, voraus zudenken, wie sie sich dieses oder jenes vorstellt, wo ein Kübel mit einer Blume mit dieser oder jener Farbe stehen könnte – Ashim tat es von sich aus, weil Barbara daran ihre Freude hatte und ihn durch Raju loben ließ. Dagegen verkroch sich Pran in der Küche. Er zeigte an nichts anderem als an der Küche Interesse, nicht an den anderen Räumen, nicht an den Hunden, nicht einmal am Auto. Auch er gab sich Mühe, doch anfangs weigerte er sich, Speisen zu kochen die er nicht kannte; und es dauerte lange, bis er dazu bereit war und damit zurande kam. Er hatte eine Abneigung gegen Gerichte, die Barbara und auch Raju gelegentlich auf dem Tisch sehen wollten. Wenn deutsch gekocht werden sollte, dann standen die Hausfrau als Köchin und Raju als Dolmetscher in der Küche; schließlich konnte Pran sich überwinden und er versuchte, sich alles zu merken, was der Sahib, sein Herr, ihm sagte und erklärte.

Pran ist arm und hat sich deswegen nicht verheiraten können. Zudem lebt keiner mehr aus seiner Familie, durch den ihm eine Frau hätte vermittelt werden können. In seiner vorherigen Kochstelle, es soll bei einem Beamten der Bezirksregierung gewesen sein, hätte er sein Essen und eine Schlafmöglichkeit in einem schmalen Raum gehabt, in dem die Herrschaften alle möglichen Gerätschaften abstellten. Gelegentlich hätte er ein paar Rupien bekommen, um ausgehen zu können. Raju hat ihm einen festen Lohn versprochen, wenn er zu ihm käme und der Memsabib in der Küche helfen würde. Später würde er mit ihm die Mahlzeiten absprechen, dann würde ihm auch das Reich in der Küche überlassen. Erst hatte Pran Zweifel, schließlich willigte er ein. Und jetzt kauft er statt Raju ein: er läuft zu Shaha, dem Fischhändler, oder zum Gemüsehändler Dutta, die beide etwas weiter oben in der Straße ihren Stand haben. Hinterher rechnet er mit Raju ab. Es zeigt sich, dass Pran ehrlich ist.

Der Einzug von Rajus Eltern in Barbaras und Rajus neues schönes Haus hatte hinausgeschoben werden müssen. Und wie es schien, war es dem alten Vater nur recht gewesen. Ihm hat es überhaupt nicht gefallen, seine gewohnte Umgebung und die Menschen zu verlassen, die ihn hin und wieder um ärztlichen Rat fragten. Aber jetzt ist im prächtigen Haus hinter der weißen Mauer alles soweit geordnet, wie Raju und Barbara es sich vorgestellt und gewünscht haben, und nun können sie daran denken, die alten Eltern zu holen. Deren Zimmer in der oberen Etage sind eingerichtet. Barbara hat Ashim am Morgen angewiesen, ein paar schöne Blüten zu schneiden, die sie zur Begrüßung der Schwiegereltern in Schalen legen will. Und die beiden Hunde soll er, wenn die alten Herrschaften kommen, im Garten anbinden, denn der alte Sahib kann es nicht ertragen, beleckt oder angesprungen zu werden.

Vor dem großen Tor wartet Kali neben dem glänzenden Wagen. Gestern Nachmittag hat er ihn noch gewaschen, dann sofort in die Garage gefahren, damit er für heute, dem großen Tag, blitzsauber ist. Am Tor haben sich alle versammelt: Die Ninu, der Gärtner Ashim und Pran, der Koch. Als der Wagen im Staub verschwunden ist, meint Pran zur Ninu und dem Ashim, es würde Zeit, dass durch die beiden Alten dieses Haus zu einem echten indischen Haus werde.

Es ist dunkel geworden, als Rajus Wagen vor dem Eisentor hält. Himbeere, der wachsame Hund, hat ihn zuerst gehört und gleich zu bellen angefangen. Daraufhin hat Ashim das Tor weit geöffnet, dass die Herrschaft bis ans Haus fahren konnte. Barbara hilft der alten Mutter aussteigen. Der Vater lehnt ihre Hilfe ab. In allen Fenstern brennt Licht, und das sieht der alte Mann mit Unbehagen. Barbara eilt voraus auf die erste Stufe der Terrasse, um ihre Schwiegereltern in aller Form vor dem Haus willkommen zu heißen. Mit aneinander gelegten Händen und einem leisen: „Welcome, Abba, welcome, Maloos.“ (Sei willkommen, Vater/Mutter) beugt sie sich vor der Mutter, die als erste an der Terrasse ist, um deren Füße zu berühren, wie es die Sitte den Höherstehenden und älteren Menschen gegenüber verlangt.

Die Mutter ist darüber erschreckt; sie zieht Barbara in die Höhe, murmelt etwas zu Raju hin und nimmt das Gesicht der Schwiegertochter in ihre knöchernen Hände und sagt mehrmals eindringlich: „Jeeti raho, beti ...“

Immer noch Barbaras Gesicht haltend, flüstert sie: „Toba, beti ...“

„Was sagt sie“, wendet Barbara sich an Raju.

„Gott segne dich, Tochter“, antwortet er. „Und: dass du das nicht wieder machst. Du bist eine Europäerin, die kennt diesen Brauch nicht.“

Doktor Sharma weiß es zu verhindern, dass Barbara sich auch ihm ehrerbietig nähert; er beachtet weder seine Frau noch die Schwiegertochter, sondern betrachtet stumm und interessiert das Haus, in dem er fortan leben soll. Einmal geht sein Blick voller Abscheu dahin, wo die angebundenen Hunde bellen und winseln und an den Seilen zerren. Die Luft durch seine Zähne pressend, zischt er etwas gegen Ashim und die Hunde hin, so laut, dass alle es hören können, worauf die alte Frau den Schleier über das Gesicht zieht und sich abwendet.

Wenn sie alleine sind, will Barbara Raju fragen, was ihn so erzürnt hat, aber da hat sie es längst vergessen.

4

Seitdem Rajus Eltern in diesem Haus wohnen, ist Barbara still geworden, oft wirkt sie unsicher und bedrückt. Der Schwiegervater, der sich doch einmal ihr gegenüber verbindlich und freundlich gezeigt und auch mit ihr ein wenig geplaudert hatte, ist wieder in seine alte Verschlossenheit und Abneigung verfallen. Schweigend sitzt er in einem Sessel und beobachtet, was sich um ihn herum tut. Die Mutter hat ihre anfängliche Scheu abgelegt; wenn ihr etwas gefällt, oder wenn sie Barbara ermutigen will, dann lächelt sie ihr zu. Sie mag, dass die deutsche Schwiegertochter ihr allabendlich den Sari wäscht, den sie am Tage getragen hat. Vor allem freut es die alte Frau, dass die Schwiegertochter ihn eigenhändig bügelt und diese Arbeit nicht von einem Hausangestellten machen lässt. So gehöre es sich für eine indische Schwiegertochter, sagte sie dem Sohn, und es erstaune sie, dass seine deutsche Frau es ebenso halte. Mit dem indischen Personal spricht sie hin und wieder, auch mit den Hunden – mit der Schwiegertochter kann sie nicht sprechen, die versteht kein Bengali und sie selbst kann kein Englisch. Manchmal geht die alte Frau in die Küche, um nach dem Rechten zu sehen. Sie gibt dem Koch Anweisungen oder tadelt, wenn etwas nicht so gemacht wird, wie sie es kennt und für richtig hält. Lange hat Pran es hingenommen, bis ihm eines Tages der Geduldsfaden riss: Er ließ die halbfertige Arbeit stehen und setzte sich zum Gärtner Ashim in den Garten. Nein, mit der alten Memsahib wäre schwer auszukommen, brummte er, da arbeite es sich unter der jungen Frau doch besser, die ließe ihn gewähren und hätte nichts auszusetzen an seiner Arbeit und seinem Essen, sondern würde alles gut heißen, was er kocht und was er macht.

Barbara bat Raju, ihm gut zuzureden, wieder in die Küche zu gehen und seine Arbeit zu tun. Als die beiden Alten in ihren Zimmern waren, drängte sie Raju, der Mutter deutlich zu machen, dass in diesem Hause das getan wird, was sie anordnet, und dass sie sich zurückhalten möge.

„Sie ist eine alte Inderin, Bärbel. Sie glaubt, auch in diesem Haus das Sagen zu haben. So ist es in diesem Land, und so ist sie es gewohnt.“

„So? Savita, deines Bruders bequeme Frau, die lässt die Mutter in ihrem eigenen Haushalt gewähren – ja, sie bedient sie sogar und lässt es sich gefallen, von der Person herumgeschickt zu werden! Aber hier versucht sie die Dienstherrin zu spielen!“

Raju hat mit seiner Mutter gesprochen und die alte Frau hat begriffen, dass es in diesem Haus, dem eine Europäerin vorsteht, andere Regeln, andere Ordnungen gibt. Sie hat sich keine Verärgerung anmerken lassen, und in die Küche ist sie lange nicht mehr gegangen. Und wenn Ninu ein Zimmer, in dem die alte Frau saß, betrat, um ihre Arbeit zu tun, dann ist sie wortlos in ihre Wohnung hinaufgegangen.

Dafür äußerte der Vater seinen Unmut, und er tat es nicht nur auf Bengali, wie sonst – er sprach Englisch, dass auch Barbara ihn verstehen konnte.

Barbara hat ihnen den morgendlichen Tee ins Zimmer getragen, dem Mittagessen jedoch bleiben sie heute fern – beide sitzen hinter der Zeitung und schweigen, ohne etwas wahrzunehmen. Auf die Frage des Sohnes, ob sie keinen Hunger hätten, steht der Vater auf und öffnet weit die Tür zum Flur, und diesmal verzichtet er darauf, Bengali zu sprechen. Er belehrt den Sohn so laut, dass auch die Schwiegertochter es hören muss: Die Mahlzeiten würden in Indien am Abend eingenommen, wenn der Tag zu Ende geht und nicht am helllichten Tage, in der großen Hitze. Es wäre an der Zeit, dass das auch in diesem Hause verstanden würde, denn es stehe nicht in Europa, sondern auf indischem Boden. Er und die Mutter, sie wünschen am Abend zu essen, zur richtigen Zeit! Daran wären sie ihr Leben lang gewöhnt! – Und auch das wäre in Indien nicht üblich: Dass übrig gebliebene Speisen am Abend wieder aufgewärmt und aufgetischt würden. In ganz Indien gäbe es diese Unsitte nicht. Er wäre weit im Land herumgekommen – aber alte Speisen, die wären ihm nirgendwo vorgesetzt worden! Die gehören den Tieren. Er könne nicht verstehen, dass der Sohn diese Unsitten billige. Für ihn und seine deutsche Frau wäre es besser gewesen, sie wären in Europa geblieben ...

Als Raju gehen will, fordert der Vater ihn auf, zu bleiben. Er hätte ihm noch mehr zu sagen. Da sind die Hunde, von denen einer ständig vor der Tür herumliege, dass man über ihn stolpere oder hinwegsteigen müsse, während der andere durchs Haus jage, in jeden Winkel seine Nase stecke und wie ein Kind gehalten werde. Ja, das seien die beiden hier wohl: Keine Tiere, sondern Kinder!

Doktor Sharma machte eine bedeutungsvolle Pause und sah seinen Sohn durchdringend, herausfordernd an, ob der ihm darauf antworten, ihm etwas erklären würde. Doch Raju schwieg. Er wusste, dass der Vater darauf wartete und auf seinen Widerspruch hinaus wollte. Und weil er vom Sohn keine Antwort bekam, fuhr er erregt und gestikulierend fort:

„Und das Personal – das nimmt bei euch eine Stellung ein, die ihm nicht zukommt! Wo gibt es das, dass ein Mensch niederer Kaste im Raum schlafen darf, in dem sich die Herrschaft aufhält? Dein Gärtner schläft draußen, wo er hingehört, dem Koch erlaubst du, seine Schlafmatte in der Küche auszurollen! Wenn ich dir schon manches vor die Füße werfe, was mich bei euch in diesem Hause stört, dann höre auch das noch ...“

Raju hat sich umgedreht, hat leise die Tür zugezogen und ist gegangen.

Doktor Sharma brauchte seine Zeit, sich zu besinnen und zu beruhigen, um wieder in der Mittagszeit am Tisch zu erscheinen. Da saß er mit versteinertem Gesicht, sah weder den Sohn noch die Schwiegertochter an, ja, nicht einmal seiner Frau gönnte er einen Blick. Die alte Frau schien erleichtert zu sein, sie aß mit gutem Appetit und ließ sich sogar von Pran, der nicht nur in der Küche schläft, sondern ebenfalls mit der Herrschaft am Tisch sitzt, die Speisen zureichen.

Kali, der Chauffeur, soll heute Raju und Barbara in den Botanischen Garten fahren. Auch die alte Mutter möchte mitfahren; der Vater zögert, er tut, als hätte er wenig Interesse an diesem Unternehmen. Als dann die Mutter reisefertig nach unten gehen will, meint er, sie solle warten und ihn nicht ständig bedrängen. Noch auf der Treppe fragt er:

„Nehmt ihr die Tiere auch mit?“

Raju muss lachen. Er nickt, dabei die Augen verdrehend, Barbara zu. „Nein, Vater, die bleiben im Garten bei Ashim.“

„Gut, dann fahre ich auch mit“, knurrt der alte Mann.

Sie wohnen an der nördlichen Grenze der Stadt, noch hinter dem Flughafen Dum Dum. So muss Kali sich durch den stinkenden, den hupenden Verkehr wühlen. Die beiden Frauen sitzen im Fond des Wagens, zwischen ihnen, beide Hände zwischen die Schenkel geklemmt, sitzt Raju; der Vater hat seinen Platz vorne neben Kali. Gelassen, mit hängenden Lidern, als wäre er schläfrig, starrt er in die Straßen. Wenn ein anderer Wagen ihnen zu nahe kommt, dann wendet er ein wenig den Kopf ab.

Kolkata wird durch den Fluss Hugli geteilt, und die Puja Brücke verbindet den östlichen Teil Kolkatas mit Puja, dem westlichen, durch die Brücke, die nach diesem Teil der Stadt genannt wird; Kali fährt langsamer als nötig, denn die alten Herrschaften möchten die Brücke ansehen und auch einen Blick auf den kolossalen Bahnhof und auf den Fluss werfen können. Beim Anblick von Fluss und Brücke wird der Vater munter; er wendet sich nach hinten und erinnert an eine Fahrt, die der englische Vizekönig mit seiner Gemahlin auf seinem prachtvollen Salonschiff über den Fluss gemacht haben soll. Das wäre im Sommer neunzehnhundertneunundvierzig, kurz vor seinem Abschied von Indien gewesen, als das Land in die Unabhängigkeit entlassen und Pandit Nehru Ministerpräsident wurde, erinnert Doktor Sharma sich. Der Anblick des davonfahrenden Schiffes, erzählt er, hätte ihn mit Freude und Hoffnung erfüllt, denn mit der Unabhängigkeit würde sich alles im Land wieder so gestalten, wie es zu den Menschen und dem Land passe. Viele der Jungen hätten es ebenso empfunden; und einige hätten versucht, alles auszumerzen, was von den verhassten Engländern ins Land geschleppt worden wäre ...

Doktor Sharma ist gesprächig geworden, und was er zu erzählen hat, das erzählt er auf Englisch, so dass Barbara es auch versteht. Er ist wie verändert; ein neuer Mensch sitzt da vor ihnen im Wagen; sogar der Chauffeur Kali wundert sich darüber, er lässt den Wagen etwas zu flott fahren, so dass Raju ihn an ein gemächlicheres Tempo erinnern muss, damit die Eltern sich alles ansehen können.

Selbst jenseits des Flusses, auf der großen Trunk Straße, wo es ruhiger ist, lässt er den Wagen gemächlich rollen. Der Mutter gefällt es, durch die Stadt gefahren zu werden. Sie ist dicht an die Scheibe gerückt, um alles betrachten zu können, was draußen vorüber gleitet. Wie lange hat sie nichts anderes mehr gesehen als das kleine Fleckchen, in dem sie wohnten. Das Fenster in der engen, dunklen, schmutzigen Wohnung ließ so gut wie kein Tageslicht herein, denn eine gute Armeslänge weiter stand eine riesige schwarze Mauer. Oft hatte sie geseufzt und gemeint, das wäre eine Behausung für jemanden, der sein Augenlicht verloren hätte. Obwohl sie noch nie vom ummauerten Grundstück ihres Sohnes gegangen ist – ihr genügte, was sie im Garten betrachten konnte. Himmel und Wolken, Sonne, Mond und Sterne – alles war zu sehen und streichelte und erfreute Augen und Seele der Alten.

Wie zufällig gleitet ihre Hand an den Arm des Sohnes und bleibt da liegen – wie dankbar ist sie ihm für dieses Erlebnis. Aber jetzt, da der Vater es hören kann, wird sie es ihm nicht sagen. Später, später ...

Raju gibt dem Chauffeur Anweisung, wo er den Wagen parken soll. Von dieser Stelle aus ist der Botanische Garten gut zu erreichen. Hier ist es nicht ruhiger als auf den Hauptstraßen Kolkatas. Wie bei einem Volksfest schieben sich Menschenmassen über die Wege. Barbara findet, dass es hier ebenso laut ist wie jenseits des Flusses in der östlichen Stadt, in der sie öfter unterwegs ist. Die vielen Füße wirbeln Staub auf, der Nase und Augen reizt, der sich wie Puder auf sie legt, so dass die Haut zu jucken und zu brennen beginnt. Sie sind ein Stück gegangen, als Doktor Sharma seinen Arm hebt. Zu diesem herrlichen Ort hätte er etwas zu sagen: In Kolkata gäbe es viele Bauten von den Engländern, ihnen hätten sie auch diesen Garten zu verdanken. Ein englischer Colonel wäre es gewesen, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts zu diesem Garten angeregt oder ihn gar angelegt hätte, weiß er. Und hier wäre damals der Tee gezüchtet worden, der heute unter den Namen der Regionen Darjeeling und Assam in die ganze Welt verschickt würde. Das Kernstück dieses Gartens, Doktor Sharma nickt vielsagend und macht erst einmal eine Pause, bevor er mit weiterem Wissen herausrückt – Kernstück des Botanischen Gartens, das wäre ein zweihundert Jahre alter Banyanbaum von einem unvorstellbaren Umfang. Sie würden es bald sehen. Plötzlich haben es alle, die durch den Garten wandern, eilig, in eine bestimmte Richtung zu kommen. Raju, seine Frau und die Eltern werden mitgezogen und können wegen der Eltern nicht ausscheren, die sie in dem Gedränge leicht verlieren könnten. Sie werden dahin gedrängt, wo der Baum steht, von dem Doktor Sharma gesprochen hat. Im Schatten dieses Baumes soll ein wild aussehender Sadhu sitzen, den sie wegen der ihn umstehenden Menschenmassen nicht sehen können. Aber Leute, die bis zu ihm vorgedrungen sind, erzählen, der Mann wäre sicherlich berauscht. In der Rechten halte er eine qualmende Pfeife während er mit der Linken allerlei Kreise und Figuren in die Luft male, dass es aussehe, als stelle er sich ein kunstvolles Mandala vor.