Raketendämmerung - Thomas W. Neumann - E-Book

Raketendämmerung E-Book

Thomas W. Neumann

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Beschreibung

Deutschland, Frühjahr 1945, eine Zeitenwende bahnt sich an. Die Westalliierten und die Rote Armee werden das Land erobern. Durchhalten bis zum Untergang oder zusehen, wie man sich möglichst unbeschadet in die neue Zeit retten kann. Auch die Konstrukteure der Wunderwaffe V2 stehen in Peenemünde vor dieser Entscheidung. Der engste Kreis um Wernher v. Braun beschließt, mit seinem exklusiven Wissen über die bisher einzigartige Raketentechnik zu den Westalliierten überzulaufen. Aber auch die SS, die die Kontrolle über das Raketenprojekt übernommen hat, verfolgt mit den Peenemünder Ingenieuren ihre ganz eigenen Pläne, die sich weder mit denen der Raketenmänner noch mit den tödlichen Phantasien Hitlers decken. Gibt es für die Peenemünder unter diesen Umständen überhaupt eine realistische Chance zu den Briten oder Amerikanern überzulaufen, können die Spezialkommandos der Westalliierten noch eingreifen, die ebenfalls hinter den Wunderwaffen der Deutschen her sind, oder ist es nicht grundsätzlich falsch, eine faszinierende Technik weiter in den Dienst der Mächtigen zu stellen?

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Seitenzahl: 572

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Prolog

Teil 1

Kapitel 1: 15. Januar 1945, Peenemünde

Kapitel 2: 5. Januar 1945, London

Kapitel 3: 20. Januar 1945, Peenemünde

Kapitel 4: 16. Januar 1945, London

Kapitel 5: 21./22. Januar 1945, Berlin

Kapitel 6: 24. Januar 1945, Peenemünde

Kapitel 7: 23. - 26. Januar 1945, Berlin

Kapitel 8: 29./30. Januar 1945, Nordhausen

Kapitel 9: 13. Februar 1945, London

Kapitel 10: 7. - 15. Februar 1945, Peenemünde

Teil 2

Kapitel 11: 17./18. Februar 1945, Peenemünde, Bleicherode

Kapitel 12: 26. Februar 1945, London

Kapitel 13: 2. März 1945, Nordhausen

Kapitel 14: 9. - 12. März 1945, südlich des Harzes, London

Kapitel 15: 6. - 10. März 1945, Paris

Kapitel 16: 11./12. März 1945, südlich des Harzes

Kapitel 17: 15. - 20. März 1945, Bleicherode, Goslar

Kapitel 18: 17. März 1945, London

Kapitel 19: 23. März 1945, Berlin

Kapitel 20: 25. März - 5. April 1945, Bleicherode, Dörnten

Kapitel 21: 10. April 1945, Paris

Teil 3

Kapitel 22: 5. - 8. April 1945, Bleicherode, Oberammergau

Kapitel 23: 11. - 17. April 1945, Paris, Nordhausen

Kapitel 24: 11. - 16. April 1945, Oberammergau

Kapitel 25: 19. April 1945, Hohenlychen

Kapitel 26: 22. April 1945, Nordhausen

Kapitel 27: 20./21. April 1945, Oberammergau, Oberjoch

Kapitel 28: 23. April 1945, Washington D.C.

Kapitel 29: 21. - 24. April 1945, Berchtesgadener Land

Kapitel 30: 24. - 30. April 1945, Nordhausen, Südbayern

Kapitel 31: 30. April 1945, Südbayern

Kapitel 32: 30. April - 2. Mai 1945, Südbayern

Kapitel 33: 9. - 15. Mai 1945, Nordhausen, Antwerpen

Kapitel 34: 15./16. Mai 1945, Garmisch-Patenkirchen

Kapitel 35: 19. - 25. Mai 1945, Goslar, Dörnten

Epilog

Danksagung

Zum Autor

"It’s all just a little bit of history repeating"

Propellerheads feat. Shirley Bassey

Dieser Roman basiert auf wahren Begebenheiten zwischen Januar und Mai 1945.

Prolog

Er war auf alles gefasst. Ein Zittern erfüllte den Raum und schwoll mehr und mehr an, bis selbst der Boden vibrierte. Ein übermächtiges Dröhnen durchfuhr das Gelände bis in den letzten Winkel. So bedingungslos, dass niemand mehr wagte, sich ihm in den Weg zu stellen. Diese unbändige Macht fauchte eine eindringliche Warnung in die Welt, noch bevor man sie endgültig freigelassen hatte.

Blechern schnarrte eine verzerrte Stimme aus dem Lautsprecher im Kontrollturm des Testgeländes und zählte die letzte Minute vor dem Start in Sekundenabständen bis auf null. Mit allerhöchster Anspannung beobachtete er die Messgeräte. Die übermittelten Daten wurden störungsfrei angezeigt. Daumen hoch – alles lief reibungslos!

Sie stand in der Mitte der Arena. Mit ihren 14 Metern ragte sie an diesem tristen Januartag des Jahres 1945 majestätisch in den nieselgrauen Himmel. Betankt mit einem hochexplosiven Methyl-Sauerstoffgemisch, ein Koloss von Menschen geschaffen. Ungerührt peitschten die feuchtkalten Böen des Ostseesturms an ihre metallene Außenhülle.

Hier war Fritz Hartmann Teil eines großen Teams geworden, das seit Jahren damit beschäftigt war, in unzähligen Stunden des Entwerfens, Konstruierens, Bauens und Erprobens etwas zu erschaffen, das nun in nahezu technischer Vollkommenheit vor ihnen stand. Nur noch mit einer dünnen Nabelschnur mit ihnen verbunden, würde sie sich in wenigen Sekunden endgültig von ihnen verabschieden. Die Spannung im Beobachtungsraum war durch nichts mehr zu überbieten.

Ein allerletzter Blick auf die Kontroll- und Messgeräte. „Null“ - Zündung der Brennkammer. Der hellgelbe Feuerstrahl zischte ohne Vorwarnung aus ihren Düsen. Das entzündete Gasgemisch schoss explosionsartig aus dem Triebwerk. Das reichte aus, um vom heimischen Boden in gerader Linie langsam nach oben abzuheben. Immer schneller unterwarf sich das stahlummantelte Ungeheuer der 25 Tonnen Schubkraft und entkam den zurückgelassenen Nebelschwaden wie das weiße Pferd der apokalyptischen Reiter unaufhaltsam auf seinem Feuerstrahl, um in einem weiten Bogen in den grauen Januarhimmel gen Norden zu ziehen.

Teil 1

Kapitel 1

15. Januar 1945, Peenemünde

„Hat alles geklappt?“, wollte Walter wissen. Der Kollege hatte mit seinem Tablett neben Fritz Platz genommen.

„Du meinst den Start des A4 heute Morgen?“ Fritz legte sein Besteck zur Seite, sein Kassler mit Kartoffelbrei und Sauerkraut hatte ausgezeichnet geschmeckt. Walter nickte.

„Natürlich, ein einwandfreier Schuss; Bilderbuchstart und hundertprozentig genaue Flugbahn. Unser Baby zeigt keinerlei Anzeichen von Schwäche.“

„Gratuliere“, Walter klang erfreut. In der Bordsteuerungsabteilung saß er ein paar Büros weiter. „Schade, dass ich heute nicht auf dem Teststand mit dabei sein konnte. Und was ist nun mit den Luftzerlegern, weshalb die SS so dringend auf einen Teststart bestanden hat?“

Die Essenausgabe in der zentralen Kantine der Raketenversuchsanstalt war gerade im vollen Gange. Entsprechend laut war das Geklappere der Teller und Bestecke, das von dem Gemurmle hunderter von Ingenieuren, Bürokräften und Handwerkern unterlegt war. Fritz zuckte mit den Achseln und rückte etwas näher an Walter heran: „Entweder blinder Alarm, oder der Versuch einen Schuldigen für das eigene Versagen hier bei uns zu finden. Kammler ist kurz vor dem Start mit seinem Adjutanten an der Arena erschienen und war, kaum war das Aggregat 4 außer Sichtweite, wieder grußlos verschwunden.“ Angeblich waren an der Front auffallend viele Raketen nach ihrem Start vorzeitig in der Luft explodiert. Der heutige Start sollte der dringenden Fehlersuche dienen. Es gab aber keine Fehler, wie sich heute Morgen eindrücklich herausgestellt hatte. „Tessmann und ich wollten vorher eigentlich eine Wette abschließen, ob es einen Luftzerleger gibt oder nicht.“

„Und, wie viel hast du gewonnen, Fritz? Du hast doch garantiert auf einen problemlosen Schuss gewettet.“ Walter klang neugierig.

Fritz grinste. Um die Antwort ein bisschen hinauszuzögern, setzte er seine runde Nickelbrille ab und fing an, sie mit seinem Hemdsärmel akribisch zu putzen.

„Nichts. Tessmann wollte auf einen fehlerfreien Flug wetten und ich auf keinen Fall dagegen. Und als Kammler auftauchte hatte ich vorgeschlagen, dass Tessmann zu ihm rüber geht, um mit ihm zu wetten. Aber Tessmann wollte nicht.“

„Und warum bist du nicht rüber zu Kammler?“

„Bist du verrückt? Ich habe doch keine Lust wegen Wehrkraft zersetzendem Verhalten an den SS-Galgen zu kommen. Kammler kennt man nur als verlässlich humorlos, was glaubst du, wie der auf das Wettangebot eines in seinen Augen unbedeutenden Ingenieurs wie mich reagiert, ob es die V2 in der Luft zerlegt oder nicht?“ Als V2 hatte Propagandaminister Goebbels ihr Aggregat 4 der Öffentlichkeit vorgestellt.

Walter grinste amüsiert. Ohne eine weitere Antwort abzuwarten, stand Fritz auf und wünschte einen guten Tag. Auf seinem Schreibtisch in der Steuerungsabteilung wartete wie immer noch viel Arbeit. Die Messdaten vom Vormittag wollten gesichert, geordnet und ausgewertet werden. Was die Luftzerleger betraf, stand sein Urteil fest. Die waren einzig und alleine auf unsachgemäße Handhabung der Abschusstrupps an der Westfront zurückzuführen und somit Kammlers Problem.

Fritz hatte gerade den Kragen seines dunkelblauen Wintermantels hochgeschlagen. Vor der Eingangstür der Kantine erwarteten ihn heftige Windböen, ein neuer Angriff des Winters stand bevor.

„Herr Hartmann, haben Sie noch ein paar Minuten?“

Fritz drehte sich überrascht um. Der ungewöhnlich leise Tonfall war ihm sofort aufgefallen. Hinter ihm stand sein Vorgesetzter. Steinhoff verbrachte seine Mittagspausen in einem kleinen Nebenraum für leitende Ingenieure.

„Ich komme heute nicht mehr in mein Büro, aber ich habe noch etwas ganz Wichtiges für Sie.“ Mit einer ausgestreckten Armbewegung lotste er Fritz durch die große Glastür nach draußen.

„Heute Abend findet eine wichtige, vertrauliche Besprechung statt, zu der ich Sie hinzu bitten möchte. Sie sind einer meiner zuverlässigsten und vertrauenswürdigsten Mitarbeiter. Es geht um eine sehr wichtige Angelegenheit, über die im Moment nur ein kleiner Personenkreis eingeweiht ist.“

Fritz war so überrascht, dass er erst einmal gar nichts dazu sagte.

„Wir müssen uns in kleinem Kreise dringend unterhalten. Heute Abend im Häuschen von Professor von Braun. Sie kennen den Weg?“

Fritz verneinte. Er wusste zwar, dass der Leiter der Versuchsanstalt Peenemünde nach dem großen Luftangriff im August vorletzten Jahres in dem kleinen Bauerndorf Zempin einquartiert war. Wo genau, das wusste er allerdings nicht. Steinhoff beschrieb ihm den Weg von der dortigen Werksbahnhaltestelle aus.

„Sehen Sie zu, dass Ihnen niemand folgt. Ich verlasse mich auf Sie. Bis nachher in Zempin bei von Braun. Pünktlich sind Sie ja sowieso.“

Konsterniert blieb Fritz zurück. Was war von dieser geheimnisvollen Einladung zu halten, und was war das für ein kleiner Kreis, der sich heute Abend traf? Offensichtlich waren von Braun und Ernst Steinhoff mit dabei, zwei der hochkarätigsten Ingenieure der Raketenversuchsanstalt. Die Geheimniskrämereien hatten in den letzten anderthalb Jahren ständig zugenommen, seit die SS immer mehr Kontrolle über das Raketenprogramm an sich gerissen hatte. Nachdenklich machte sich Fritz auf den Weg in sein Büro über das Werksgelände.

Er war im letzten Jahr zu Steinhoffs Assistenten aufgestiegen. Diesen begehrten Posten in der Raketensteuerungsabteilung hatte er sich durch Fleiß und Verlässlichkeit erarbeitet. Egal wie lange die Abende wurden, ob Sonn- oder Feiertag, er war immer zur Stelle, wenn es darum ging, die Ideen seines Chefs in die Tat umzusetzen. Darüber hinaus war er für die Auswertung der Messdaten der Raketenstarts in seiner Abteilung verantwortlich. Fritz bewunderte seinen ein paar Jahre älteren Chef in Hinblick auf das, was der als Ingenieur in den letzten Jahren auf die Beine gestellt hatte sehr. Die Einladung für heute Abend wertete Fritz als sichtbaren Vertrauensbeweis von Seiten Steinhoffs. Was immer heute Abend passierte, er würde seinen Chef nicht enttäuschen.

„Heute sind Sie ja richtig früh dran, Herr Dr. Hartmann.“ Wie üblich, wenn es nicht all zu spät wurde, hatte seine Zimmerwirtin hinter ihrer Wohnzimmertür auf ihn gewartet. Nach dem englischen Luftangriff war auch Fritz in eine private Pension ausquartiert worden. Das kleine Ostseebad Zinnowitz, in dem er jetzt untergebracht war, lag einige Kilometer süd-östlich des eigentlichen Werksgeländes. Der kleine Plausch mit der alleinstehenden Witwe über die Nebensächlichkeiten des Alltags gehörte mit zu seinem Feierabend.

„Heute einmal etwas früher als gewöhnlich, Frau Peterson. Aber ich muss nachher noch einmal weg. Dienstlich, wie immer.“

„Immer fleißig, der Herr Doktor.“ Die Stimme der Hauswirtin klang gutmütig, fast ein wenig zärtlich. „Überarbeiten Sie sich nicht, mein Lieber. Das Leben kann schneller zu Ende gehen, als man denkt. Gerade in Zeiten wie diesen.“

Häufig blieb es bei solchen Ratschlägen. Manchmal aber, vorzugsweise wenn Fritz gerade in ihrer Küche am Frühstückstisch saß, gab die zierliche, grauhaarige Dame traurige Geschichten aus ihrem Leben zum Besten. Dann erzählte sie wie stolz ihr Mann damals Anfang August 1914 war, als er für den Kaiser in den Ersten Weltkrieg ziehen durfte. So sicher war er sich da noch gewesen, dass er zu Weihnachten siegreich zu ihr und den Kindern zurückkehren würde und dabei auch noch allen Feinden eine Lektion der deutschen Überlegenheit erteilt hatte. Kein Jahr später, im Februar 1915, war er tot. Im gleichen Jahr war Fritz geboren worden. „Ein trostloses Spiel“, pflegte sie ihren Geschichten anzuhängen. Fritz war froh, wenn er danach wieder in sein kleines gemütlich möbliertes Zimmer unterm Dach entlassen war. Irgendwie tat ihm die alte Dame auch leid, aber zu viele Gefühlsduseleien machten es auch nicht besser und vernebelten höchstens noch den klaren Verstand. Der aber war sein wertvollstes Kapital.

Mit prüfendem Blick schaute Fritz in den Spiegel. Alles in Ordnung: Der modische Mittelscheitel war akkurat durch sein dunkles Haar gezogen, die Brille mit den runden Gläsern frisch geputzt, und er hatte sich schnell noch rasiert. Zu seinem braunen Anzug mit schwarzer Krawatte hatte er sich ein frisches, von seiner Zimmerwirtin perfekt gebügeltes Hemd herausgesucht. Plötzlich musste er sein schmuckes Spiegelbild belustigt angrinsen. „Lotte, Lotte, was hast du aus mir altem Techniker gemacht?“, murmelte er leicht amüsiert und voller Sehnsucht. Sie war es, die darauf bestanden, ausnahmslos sein Äußeres den Anlässen entsprechend anzupassen hatte. So wie heute, etwas Wichtiges stand bevor. Auch wenn er nicht wusste, worum es bei der Einladung von Steinhoff wirklich ging. Lotte hätte auf ein tadelloses Äußeres bestanden.

Am Nachmittag war das Wetter mit dem kalten Ostwind endgültig umgeschlagen und es hatte zu schneien begonnen. Mit warmem Wintermantel und hochgeschlagenem Kragen war er bereit, in die dunkle Winternacht nach Zempin zu starten. Nur die neusten Mitteilungen des Nachrichtensprechers im Radio wollte er noch kurz abwarten.

Aber was hatte er schon noch an guten Nachrichten aus seinem Volksempfänger zu erwarten?

„Das Oberkommando der Wehrmacht gibt bekannt, dass die schweren Kämpfe an der Ostfront weiter anhalten. Es ist der russischen Armee gelungen, an mehreren Stellen die Weichsel zu überschreiten. Dabei ist es ihr vorübergehend gelungen bei Warschau einen Brückenkopf zu bilden.“

Fritz seufzte erschrocken. Das, was der Radiosprecher gerade verkündet hatte, war mehr als beunruhigend. Das war eine Katastrophe. Was die Meldung bedeutete, war ihm schlagartig klar geworden. Es war soweit, nach einer Phase trügerischer Ruhe hatten die Russen ihre große Offensive gestartet. Ihr endgültiger Marsch auf Deutschland hatte begonnen, auch wenn der Nachrichtensprecher davon redete, dass der Führer wirksame Gegenmaßnahmen angeordnet hatte und es angeblich „bereits erste Erfolge beim Zurückdrängen der feindlichen Verbände gegeben hatte“. Im Klartext kündigte die Nachricht eine schreckliche Bedrohung an. Fritz überkam ein flaues Gefühl – die Russen standen vor ihren Toren.

„Wirksame Gegenmaßnahmen, wer’s glaubt, wird selig“, murmelte er und drückte mit Nachdruck auf den Aus-Knopf. Wie oft hatte das deutsche Oberkommando der Wehrmacht in den letzten beiden Jahren großspurige Gegenoffensiven verkündet, die dann doch keine waren. Die Zeiten, in denen er noch mit gutem Gewissen an den Endsieg glaubt hatte, waren längst vorbei.

‚Auf zu Steinhoff und Co.’, dachte er trotzig und schlug die Tür seines Zimmers mit einem lauten Knall hinter sich zu.

Die Orte Zinnowitz und Zempin lagen an der Bahntrasse und hatten beide einen eigenen Bahnhof, an denen die Werksbahn hielt, um die Menschen bequem auf das Werksgelände zu befördern. Allen Widrigkeiten zum Trotz, die der Krieg mit sich brachte, fuhr die Bahn auch an diesem Abend wieder pünktlich im Bahnhof ein. Fritz bestieg das vordere Abteil. Um diese Zeit war der große Feierabendverkehr bereits vorüber. Nur noch wenige Menschen stiegen hier jetzt noch aus und ein. Fritz fand auf Anhieb eine leere Sitzgruppe und setzte sich ans Fenster. Als die Bahn anrollte, gingen zwei bewaffnete Wachmänner gelangweilt durch das Abteil. Im gleichmäßigen Takt der Schwellen klapperte der verdunkelte Zug vor sich hin. Fritz starrte einen Moment in die Dunkelheit durchs Fenster, als sich Erinnerungen an bessere Tage bei ihm meldeten. Er sah sich in die Zeit von vor fast drei Jahren versetzt, als er zum ersten Mal in seinem Leben in genau solch einem Zug zur Raketenversuchsanstalt Peenemünde gefahren war. Erstaunt hatte er auf dem Bahnsteig gestanden und seinen Augen kaum getraut, als in dieser Ostseeidylle S-Bahn-Waggons einfuhren, wie er sie zuvor nur aus Berlin kannte. Dieser mittlerweile völlig normale Anblick, war ihm auf seiner Jungfernfahrt hierher ziemlich absurd vorgekommen.

Damals war er gerade mit seiner ersten Arbeit nach der Promotion an der TH Darmstadt fertig geworden. Er hatte über ein neuartiges Höhenmessgeräts geforscht, als der Leiter des Projekts, Professor Hüter, ihm seine weitere berufliche Laufbahn an einem streng geheimen Ort ankündigte. Schon eine Woche später hatte er mit seinen siebenundzwanzig Jahren im Zug nach Berlin gesessen, um im dortigen Waffenprüfamt zu erfahren, dass er sich unverzüglich in Richtung Stettin zu begeben hatte. Von seinem eigentlichen Ziel Peenemünde, an der westlichen Spitze der Halbinsel Usedom gelegen, hatte er dort zum ersten Mal gehört. Neben der Fahrkarte hatte er dann noch einen offiziellen Marschbefehl mit einem Extraschreiben erhalten, das ihn dazu legitimierte, das geheime Gelände betreten zu dürfen. Das klang alles nach Abenteuer pur.

„Eine steuerbare Rakete stellt einen technologischen Quantensprung dar, der vor uns noch keinem auf der ganzen Welt gelungen ist“, erklärte ihm sein neuer Chef Dr. Ernst Steinhoff stolz. „Wir sind auf sehr gutem Wege eine ballistische Rakete zu starten, die sich von der Schwerkraft der Erde befreit fortbewegt. Aber bis es tatsächlich so weit ist, liegt noch eine Menge Arbeit vor uns.“

Steinhoff hatte es sich nicht nehmen lassen ihn am nächsten Morgen persönlich durch die Räume seines zukünftigen Arbeitsplatzes zu führen, die Abteilung für Bord–, Steuer-, Messtechnik. Fritz fand Steinhoff auf Anhieb sympathisch. So etwas kam bei ihm eher selten vor. In der Versuchsanstalt ging es um die Entwicklung einer Rakete, die zunächst als Waffe eingesetzt werden sollte. Deutschland befand sich mitten im Krieg. Danach wollte man sich die Erkundung des Weltalls und des Mondes vornehmen. Natürlich wusste Fritz auf Anhieb, was es technisch bedeutete, so ein Geschoss wie eine Rakete gezielt zu steuern. Wenn das gelänge, wäre das in etwa mit dem Einsatz des Fernrohrs durch Galileo Galilei vor über dreihundert Jahren vergleichbar, der damit die Bewegung der Planeten im Weltall exakt beobachten konnte. Es schien ihm, als war er gerade unversehens in den Forschungsolymp deutscher Spitzentechnologie katapultiert worden.

Das kurze Rucken der zum Stehen gekommenen Bahn riss ihn am Bahnhof Zempin unsanft aus seinen Erinnerungen.

Steinhoffs Beschreibung vom Mittag passte. Das mit einem Reetdach gedeckte Bauernhaus lag nur wenige Minuten vom Zempiner Haltepunkt entfernt. Fritz hatte es auf Anhieb gefunden, trotz der im Ort herrschenden Dunkelheit und dem langsam aufsteigenden Nebel. Das unscheinbare Häuschen passte nicht so recht zu einem Anwesen, das von Professor von Braun bewohnt wurde.

‚Viel zu wenig Repräsentanz für den Chef’, fand Fritz. Vielleicht war das in diesem Fall auch nur wohl kalkulierte Tarnung. Aber dafür müsste er erst einmal wissen, was hier eigentlich wirklich vor sich ging. Reflexartig zog er mit der linken Hand noch einmal durch seinen Haarscheitel, räusperte sich kurz und klopfte zaghaft an der niedrigen, dunkelbraunen Holztür des Häuschens. Gespannt wartete er, aber es tat sich nichts. Ein zweiter Versuch, diesmal kräftiger. Wieder wartete er und tatsächlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, vernahm er endlich leise Schritte im Haus bis die Tür einen Spalt breit geöffnet wurde. Aufgeregt hielt er den Atem an, dann erkannte er ein ihm vertrautes Gesicht.

„Guten Abend“, begrüßte ihn eine leise, freundliche Stimme. „Treten Sie ein“, ergänzte Steinhoff und öffnete die Tür vollständig. Schnell schlüpfte Fritz in die spärlich beleuchtete Bauernkate, „Gehen Sie ruhig vor“, Steinhoff zeigte in Richtung eines engen, dunklen Flurs. Als Fritz die Zimmertür am Ende des Gangs langsam öffnete, schlug ihm starker Zigarettenqualm entgegen. Er bemerkte, wie sein Herz anfing schneller zu schlagen. Vorsichtig trat er in einen Raum mit niedrigen Decken. In einer Ecke loderte ein offenes Feuer im Kamin. Auf einem großen, runden Holztisch brannten Kerzen, einige Stühle waren bereits besetzt. Fritz erkannte Wernher von Braun und dessen Bruder Magnus sowie Dieter Huzel.

„Setzen Sie sich. Die Kollegen Tessmann und Gröttrup kommen sicher auch gleich.“ Wernher von Braun war zur Begrüßung extra vom Tisch aufgestanden. Sie plauderten zunächst unverfängliches Zeug. Fritz hielt sich zurück. Er gehörte nicht zu denen, die darin besonders begabt waren.

Zehn Minuten später war die Runde vollständig.

„Meine Herren, lassen Sie uns angesichts der Brisanz der Lage ohne große Umschweife beginnen“, Wernher von Braun drückte eine Zigarette in dem bereits gut gefüllten Aschenbecher aus. Wie immer im tadellos sitzenden Anzug und souverän im Auftreten. Fritz hatte immer schon vermutet, dass er ein Schwarm der meisten Frauen war, bestenfalls vom Führer übertrumpft, der bei seinem öffentlichen Auftreten regelmäßig von Horden hysterisch kreischender BdMlerinnen empfangen wurde, die ihm alle persönlich ein Kind schenken wollten. Mittlerweile waren solche öffentlichen Auftritte rar geworden. Zumindest sah man nicht mehr viel davon in den Wochenschauen des großen Kinos auf dem Werksgelände.

Fritz hatte in den Jahren selten mit von Braun persönlich zu tun gehabt. Er sah ihn meist nur in der Arena, der Raketenteststand des A4, wenn mal wieder ein Schuss anstand. Dort hatte ihn immer eine gewisse Aura umgeben, die für Fritz schwer zu beschreiben war. Braun versprühte einen Drang zum Unbedingten, der auch auf ihn Wirkung zeigte. Aber Fritz gehörte nicht zu den Leuten, die sich ohne wirklichen Anlass in den Vordergrund drängten, nur um vom Werksleiter persönlich wahrgenommen zu werden. Er hätte auf Anhieb einige Kollegen nennen können, die von Braun immer irgendetwas ganz besonders Wichtiges mitzuteilen hatten. Allesamt Leute, mit denen er keinen privaten Kontakt pflegte.

„Das Treffen kurzfristig auf heute Abend zu legen bot sich an“, sagte Wernher von Braun weiter, „weil Magnus überraschender Weise die Gelegenheit hatte, zu uns nach Peenemünde zu kommen. Den offiziellen Teil der technischen Besprechung haben wir bereits hinter uns gebracht, nun können wir uns an diesem Tisch gemeinsam über Vertraulicheres beraten.“

Auch Magnus von Braun kannte Fritz persönlich. Der jüngere Bruder Wernher von Brauns hatte zeitweise wie er in der Steuerungsabteilung gearbeitet und einen geeigneten Raketenkompass mitentwickelt. Mittlerweile war er nicht mehr in Peenemünde beschäftigt, sondern nach Nordhausen versetzt worden. Nach den ersten Bombardierungen hatte man beschlossen, die einsatzfähige V2-Rakete nicht auf dem Gelände in Peenemünde zu fertigen. Die Serienproduktion der Rakete war unter Kammlers Führung an den Rand des Harzes verlegt worden.

„Unsere Lage spitzt sich dramatisch zu“, fuhr Wernher von Braun weiter fort, jetzt mit geballter rechter Faust. „Sie haben es sicher alle bereits selbst aus dem Radio vernommen. Die Rote Armee hat im Osten eine weitere Offensive gestartet und rückt auf uns vor. Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis sie Peenemünde erreicht haben wird.“

Kurze Stille im Raum, dann ergänzte Brauns Bruder Magnus dramatisch: „Das Ende naht. Daran kann kaum noch gezweifelt werden. Nach der gescheiterten Ardennenoffensive der SS im Dezember, hat unsere Armee dem Feind nichts Wirkungsvolles mehr entgegenzusetzen. Ein militärischer Fehlschlag reiht sich unabwendbar an den anderen.“

Fritz schluckte kurz: Das war unbestreitbar richtig. Zumindest wenn man die Welt nicht mehr durch die rosarote Brille der nationalsozialistischen Propaganda sah. Er blickte kurz in die Gesichter der Anwesenden: Steinhoff, Gröttrup, Tessmann und Huzel – auch von ihnen schien keiner den Von-Braun-Brüdern widersprechen zu wollen. Einen Moment lang herrschte erneut bedrückende Stille in dem düsteren Bauernhauszimmer. Vermutlich wäre noch vor einigen Monaten unter den anwesenden Männern eine heftige Diskussion über diese trostlose Schilderung der auf sie zukommenden Aussichten entbrannt. Nun schien niemandem mehr Einwände dagegen zu haben. Aber was konnte das für ihre versammelte Runde bedeuten? Fritz bekam einen leichten Schreck. Saß er etwa inmitten einer verschwörerischen Ingenieursrunde?

„Sind wir uns eigentlich alle im Klaren, womit wir rechnen müssen, wenn auch in Peenemünde Tag X, ich meine damit die Eroberung von Peenemünde, hereinbricht?“, fragte Wernher von Braun mit leiser Stimme.

Aber anstelle einer Antwort erntete er zunächst nur ein Achselzucken aus der Runde. Fritz schaute zur niedrigen Decke und beobachtete die weißen Schwaden des Zigarettenqualms. Er fühlte sich weder als Rebell noch als Held. Eine solche Rolle traute er aber auch seinem Vorgesetzten Steinhoff nicht zu, der mit fast gelangweilt klingender Stimme loslegte: „Wir tun wie immer, was von uns verlangt wird. Wir warten erst einmal ab und machen so weiter wie bisher. Wir lösen noch einige technische Detailprobleme bei dem A4 und schaffen es vielleicht auch noch, die neue Luftabwehrrakete ‚Wasserfall’ fliegen zu lassen. Ein paar Startversuche kriegen wir bis zu diesem Tag X, wie er gerade genannt wurde, auf alle Fälle noch hin.“

„Das meinen Sie doch wohl nicht im Ernst, Dr. Steinhoff“, zischte Huzel mit stechendem Blick, um dann aber relativ ruhig fortzufahren: „Gleichgültig wie schnell die Russen einfallen, fest steht, dass keiner von uns mehr sicher ist, egal was passiert. Nicht auszuschließen, dass sie uns als faschistische Kriegsverbrecher behandeln. Dann Gnade uns Gott. Möglich wäre aber auch, dass sie uns als exklusive Wissensträger einer Technik festsetzen, die sie zukünftig selbst zum Einsatz bringen wollen.“

Huzel war der persönliche Assistent Wernher von Brauns und mit Mitte 50 deutlich älter als der Rest der Runde. Mit seinen grauen, kurzen Haaren saß er Fritz am Holztisch gegenüber. Unnahbar, wie er sich auch jetzt wieder gab, hatte Fritz nie viel mit ihm zu tun gehabt.

„Nehmen wir einmal den besseren der Fälle, was ich mir ja durchaus vorstellen kann“, Bernhard Tessmann ergriff nun das Wort, „die Russen haben die Absicht uns als Techniker weiter zu beschäftigen. Aber bedeutet das auch, dass wir dann weiter in Deutschland bleiben? Ist es nicht viel wahrscheinlicher, dass wir alle am Arsch der Welt enden? Wenn es ganz schräg läuft, vielleicht sogar irgendwo in der sibirischen Steppe, wie diese armen Schweine von deutschen Kriegsgefangenen. Also ich sage euch gleich: Ich möchte das nicht!“

Das klang sowohl energisch als auch eindeutig. Den besonnenen Kollegen Tessmann fand Fritz ganz sympathisch. Tessmann war, wie es so schön hieß, auch ein alter Hase. Er kannte Wernher von Braun bereits seit jungen Jahren aus deren gemeinsamer Zeit in Berlin. Fritz wusste, dass er von Anfang an in Peenemünde mit dabei gewesen war. Als Mann der ersten Stunde fungierte er als Konstruktionsleiter der Raketenteststände. Mit ihm hatte Fritz noch am Vormittag gescherzt.

Zu den Russen wollte ganz offensichtlich niemand. Zumindest konnte Fritz niemanden ausmachen, der eine andere Meinung durchblicken ließ. Nur Helmut Gröttrup, links neben ihm, verzog keine Miene und sagte auch nichts.

„Dann bleibt ja wohl nur eins für uns zu tun.“ Erneut ergriff Wernher von Braun das Wort: „Schauen wir, dass wir vor den Russen gemeinsam von hier wegkommen, bevor der erste Kanonendonner vor Stettin zu hören ist. Dann ist es nämlich mit Sicherheit zu spät! Die Zeit drängt. Immerhin sitzen wir hier fast wie auf einer Insel, eingeschlossen zwischen Oderhaff und Peene. Was bisher ein abseits gelegener Ort zum ungestörten Raketenbauen war, kann sich auf einmal als heimtückische Mausefalle entpuppen.“

„Aber wir können doch nicht einfach unsere Sachen packen und gemeinsam abziehen, das ist Ihnen doch sicher auch klar, Herr von Braun. Wir wissen doch alle, dass offiziell das Wort des Führers gilt und keiner seine Stellung vor dem Feind aufgeben darf. Ein Abzug aus Peenemünde wäre gleichbedeutend mit einem Eingeständnis einer bevorstehenden deutschen Niederlage und damit Vaterlandsverrat.“

„Wir sollen uns also auf die Widerstandskraft des Volkssturms Wollgast und Zinnowitz verlassen“, unterbrach Gröttrup den Einwand von Steinhoff.

Fast alle lachten.

Gröttrup kam ursprünglich aus dem Rheinland und war eigentlich ein ganz geselliger Typ. In den letzten Monaten aber war der Stellvertreter der Steinhoffschen Steuerungsabteilung immer ruhiger geworden, wie Fritz selbst miterleben konnte. Früher war er manchmal fast wie ein agent provocateur aufgetreten, aber das war ihm wohl seit der Geschichte nach der Geburtstagsfeier zum 32. von Wernher von Braun gänzlich vergangen. Weiß Gott, was er und die anderen im Knast der SS dort alles erlebt hatten.

Tessmann lachte nicht über Gröttrups Bemerkung. Stattdessen ließ er seine rechte Handfläche kraftlos auf den Tisch fallen: „Volkssturm hin oder her. Leute, bleibt doch einmal bitte auf dem Boden deutscher Tatsachen. Letztendlich haben wir doch keine andere Wahl, als bis zum bitteren Ende hier auszuharren. Überlegt doch nur, wie viele Menschen in Peenemünde arbeiten, die man alle mitnehmen müsste. Viele hunderte von wichtigen Männern, vielleicht noch mit Familien, die irgendwie in Richtung Westen gebracht werden wollen. Das ist in meinen Augen vollkommen unmöglich zu bewerkstelligen. Und dann auch noch ohne offiziellen Marschbefehl.“ Er wartete einen Moment und fügte dann sarkastisch an: „Hier werden wir wenigstens von Kammler und seinen SS-Schergen gut bewacht. Von Typen, die mit Leuten, die unerlaubt von hier abhauen wollen, kurzen Prozess machen. Soll heißen: Wir stecken fest, egal, was wir heute Abend noch so alles beschließen.“

„Vielleicht, vielleicht auch nicht“, konterte Magnus von Braun mit ernster Miene. „Bevor wir alle resigniert dieses Haus verlassen, erzähle ich euch auch noch ein wenig von der herrschenden Stimmung in Berlin. Ich bin in letzter Zeit häufiger dort gewesen.“

„Auf den Führer ist nicht mehr zu setzen“, lautete Magnus von Brauns eindeutiges Urteil. „Der hat sich allem Anschein nach kategorisch dazu entschlossen, einen letztlich aussichtslosen Endkampf aus seinem Berliner Führerbunker heraus zu führen. Für ihn gilt das Motto ‚Alles oder Nichts’. Aber da sind nicht einmal mehr alle einflussreichen Parteigenossen mit ihm einer Meinung. Die Vorausschauenden überlegen fieberhaft, wie es vielleicht doch noch gelingt, auf der zukünftig richtigen Seite zu landen. Im Fadenkreuz der Überlegungen stehen die Westalliierten. Ich habe sogar schon das Gerücht gehört, dass ein bevorstehendes Bündnis der Wehrmacht mit den Truppen der Amerikaner und Briten im Kampf gegen die Russen eine Lösung wäre. Das müsst ihr euch einmal vorstellen!“

„Und dann frage ich mich“, mischte sich Wernher von Braun ein, „warum denken wir in Peenemünde nicht auch in diese Richtung? Haben wir nicht genug in der Hand, um es zukünftig ohne Hitler oder Stalin zu schaffen? Ihr wisst doch“, er lachte laut auf, „bekanntlich beißen nur die Letzten die Hunde. Zu denen wir weiß Gott nicht gehören.“

Fritz hörte aufmerksam zu. Bei allen Fantastereien – von Braun hatte recht. Peenemünde war praktisch am Ende. Aber was bedeutete das für ihn? Die Arbeit in der Versuchsanstalt war sein Leben; aufgehoben in einem großen Team, das eine einmalige technische Meisterleistung vollbracht hatte. Musste er das alles aufgeben?

Abrupt wurden seine Gedanken durch den in der Ferne zu hörenden Fliegeralarm unterbrochen. Eindringlich heulten Sirenen auf. Aber keiner machte Anstalten, sich um die Sirenen zu kümmern. Gewöhnlich wurde die Ostseeküste nachts von den britischen und amerikanischen Bomberverbänden nur überflogen. Peenemünde befand sich in der Einflugschneise der alliierten Bomber auf ihrem Weg zu den mitteldeutschen Städten und der Reichshauptstadt. Das Versuchsgelände selbst war schon länger nicht mehr aus der Luft angegriffen worden.

„Hierbleiben oder nicht? Wir sollten vielleicht besser aufhören über Dinge zu spekulieren, die allesamt nur auf Gerüchten basieren.“ In Steinhoffs Stimme schwang Ärger mit. „Das hat doch alles keine richtige Basis. Fakt ist, ich arbeite jetzt seit sechs Jahren hier und habe permanent für unlösbar scheinende Probleme letztlich immer passende Lösungen gefunden. Selbst als klar war, dass die – entschuldigt bitte den Ausdruck - Scheiß-Tommies alles daran gesetzt hatten, unseren Laden hier in Schutt und Asche zu legen. Fakt ist aber auch, dass wir im Moment keine irgendwie geartete Problemlösung besitzen.“

„Doch, Ernst“, erwiderte Wernher von Braun, „wir können auch jetzt neue Lösungen finden. Genau darum geht es heute Abend.“

Von Braun kam langsam richtig in Fahrt. So, wie Fritz ihn die Jahre immer wieder erlebt hatte. Aussehen und Auftreten alleine hätten ihn nie so schnell in die Position des Versuchsanstaltsleiters gebracht. Er war auch dafür bekannt, dass er den Willen und die Kraft besaß, letztlich das durchzusetzen, was er sich in den Kopf gesetzt hatte. Ganz im Stile eines konservativ geprägten Aristokraten. Gegenüber Vorgesetzten bedeutete das, ab und zu Kompromisse zu machen, sich anzupassen oder wenn es sein musste, notfalls den Kontrahenten auch zu täuschen. Gegenüber Untergebenen besaß er die Fähigkeit, gezielten Druck auszuüben, und dabei zunächst freundlich und verbindlich aufzutreten, bevor es richtig knallte. Auf Fritz und viele andere wirkte das wie eine zusätzliche Motivationsquelle. Es hieß, dass von Braun, der Macher, seit seiner Jugend von einem einzigen Ziel magisch angetrieben war. Eine Vision die er noch nie aus den Augen verloren hatte: Er wollte der erste sein, der funktionsfähige Raketen baute, um dabei zu sein, wenn die ersten Menschen auf dem Mond landeten; um jeden Preis.

Jetzt hatte er allerdings gerade Gegenwind, denn Steinhoff lehnte sich demonstrativ in seinem Stuhl zurück. Sein Gesicht wirkte angespannt. Seine stets wachen Augen fixierten von Braun, als wollten sie ihn zum Wortduell herausfordern. Diese Haltung hatte Fritz bei ihm schon öfter miterlebt. Meistens dann, wenn es um kontroverse technische Lösungswege ging. Der Rest der an Diskussion beteiligten Kollegen hielt sich dann besser zurück.

„Genug jetzt“, forderte Steinhoff resolut. „Vielleicht sollten Sie uns Ihre neusten Überlegungen doch ein wenig genauer erläutern, Herr von Braun. Ich war vielleicht in der letzten Zeit ein wenig zu sehr mit den aktuellen Steuerungsproblemen der ‚Wasserfall-Rakete’ beschäftigt, als mit möglichen oder besser gesagt aberwitzigen Evakuierungsplänen.“

Braun nickte besänftigend, antwortete aber prompt: „Schon gut, hört her: Ich möchte, dass wir mit den Westalliierten ins Geschäft kommen. Verdammt noch mal, Hitler hat zwar alles versaut, aber ich will auch in der Zukunft mit euch weiter Raketen bauen. Wir haben alle noch einige Dienstjahre vor uns. Kein anderer auf der Welt hat bisher eine Rakete unter Kriegsbedingungen zum Einsatz gebracht. Wir aber haben eindrücklich bewiesen, dass wir das auch unter solch schwierigen Bedingungen bewerkstelligen.“

„Dafür werden uns die Briten in Ewigkeit dankbar sein, dass die Vergeltungswaffe Nr. 2 massenhaft in London erfolgreich eingeschlagen ist. Ich bin bisher eher davon ausgegangen, dass uns auch die Engländer besser nicht erwischen sollten.“

„Mein lieber Herr Steinhoff“, von Braun lächelte, „das spielt doch für die weitere Zukunft überhaupt keine Rolle mehr. Denken Sie doch einfach einmal darüber nach, was zählt, wenn es um die weiteren strategischen Entscheidungen der Sieger dieses Krieges geht. Glauben Sie wirklich, dass sich Roosevelt und Churchill auf der einen Seite mit dem Kommunisten Stalin, auf der anderen noch lange so wunderbar verstehen werden, wie sie es derzeit vor der Weltöffentlichkeit noch demonstrieren? In Berlin pfeifen es die Spatzen bereits von den Dächern. Dort überlegen heute Nacht garantiert etliche, was zu tun ist, um auf die Seite der Westalliierten zu gelangen. Wegen der allgemein erwarteten besseren persönlichen Zukunftsaussichten.“

Erneute Stille im verrauchten Zimmer. Magnus von Braun erhob sich kurz entschlossen, um anzukündigen, dass er erst einmal eine kurze Unterbrechung brauchte. Er wollte für eine kleine Abkühlung sorgen. Nachdem er im Nebenzimmer verschwunden war, erschien er kurze Zeit später wieder mit Gläsern und einer gut gefüllten Flasche Whisky, die er auf den Tisch stellte.

„Herr Dr. Hartmann?“ Wernher von Braun ließ es sich nicht nehmen, die Gläser persönlich zu füllen. Fritz machte sich nicht viel aus diesem Getränk, ließ sich aber angesichts der zuvorkommenden Bedienung durch von Braun eine kleinere Portion einschenken und mit Soda verdünnen.

„Unglaublich, wie Sie es noch immer schaffen, diese exklusive Versorgung zu organisieren“, ließ Gröttrup lautstark wissen, als er an der Reihe war.

„Dienstgeheimnis“, lautete die verschmitzte Antwort. „Es wird schwieriger, aber eben nicht unmöglich.“

Dem anschließenden Prosit an alle folgte die Frage Dieter Huzels: „Gibt es denn schon konkrete Pläne, wie wir von hier zu den Westalliierten gelangen könnten?“

„Eine gute Frage. Ohne Zweifel kommen Probleme auf uns zu, die wir in allen Einzelheiten heute Abend noch gar nicht absehen können“, gab von Braun besänftigend zu. „Mir ist vollkommen klar, dass es uns nicht gelingen wird mit einem großen Treck unbemerkt gen Westen zu ziehen, um uns am Ende mit einer weißen Fahne in der Hand den Engländern oder Amerikanern zu ergeben. Ich habe als technischer Direktor nicht einmal die nötigen Befugnisse, um mit einem Evakuierungsbefehl das Testgelände räumen zu lassen. Aber trotzdem schlage ich vor, dass wir mit den Vorbereitungen loslegen. Jeder weiß, dass erst einmal ein Anfang gemacht werden muss. Wir wissen doch alle, Lösungen ergeben sich bekanntlich auf der Wegstrecke.“

Er erhob sich erneut und gestikulierte begeistert mit den Armen, um einen ersten Vorschlag zum weiteren Vorgehen zu machen: „Das Allerwichtigste ist natürlich, dass unsere Vorbereitungen auf keinen Fall bekannt werden. Unser größter Schatz ist und bleibt die Summe all unseren Wissens. Außerdem“, er hob sein Glas und nahm einen weiteren kräftigen Schluck, „haben wir einzigartiges Material zu mehreren, unterschiedlichen Raketenprojekten. Vorrangig natürlich die Daten des A4: technische Zeichnungen, mathematische Berechnungen, Aufzeichnungen von Flugdaten etc. etc. Jeder weiß, wovon ich rede.“ Erneut hielt er einen Moment lang inne und ließ bedächtig seinen Blick in die Runde schweifen. „Klar ist: Wir sichern und sortieren die wichtigsten Unterlagen unserer bisherigen Arbeit. Und zwar so, dass wir in der Lage sind, im entscheidenden Moment darauf zielsicher und schnell zurückzugreifen. Damit steht uns ein sehr wertvolles Faustpfand zur Verfügung, das wir im richtigen Moment einsetzen werden.“

Fritz zumindest wusste, was er meinte. Auch wenn er an diesem Abend nur sporadisch seine Meinung kund getan hatte, er vertraute dem Chef. Der Plan, mit möglichst vielen Peenemünder Kollegen zusammen zu bleiben und auch weiterhin an der Entwicklung von Raketen zu arbeiten, klang verführerisch. Die Arbeit hier in Peenemünde war das bisher großartigste, was er in seinem Leben erfahren hatte: Zusammenhalt, Anerkennung, Erfolg. War er früher eher der eigenwillige Tüftler gewesen, so arbeitete er hier mit wirklich Gleichgesinnten zusammen. Dass ihre Rakete im Krieg als gefährliche Waffe eingesetzt wurde, das hatten weder er noch alle anderen in Peenemünde zu verantworten. Das war von Leuten wie Kammler so entschieden worden. Wenn sein Peenemünde weiterleben könnte ... Fritz war bereit, dafür zu kämpfen. Aber er war auch Realist. Wie groß waren ihre Chancen wirklich, wenn sie auf einmal zwischen die Fronten von Russen, der SS und den Mächtigen in Berlin gerieten? Das hatte in diesem Krieg bereits vor ihnen ganzen Armeen Tod und Verderben beschert.

Kapitel 2

5. Januar 1945, London

Zehn Tage vor dem konspirativen Treffen in Zempin und über 1000 km weiter westlich saß Dr. Reginald Victor Jones in London missmutig am Schreibtisch. Sein neues Büro lag am Grosvenor Square. Schweren Herzens hatte er hierhin umziehen müssen, obwohl er Leiter der Spionageabwehr in der Wissenschaftsabteilung des MI6 war und damit ein wichtiges Mitglied des britischen Auslandsgeheimdienstes. Vor einigen Tagen war er aus seinem schönen, alten Büro im Hauptgebäude des Geheimdienstes am Broadway hierher verbannt worden. Teile des Hauptgebäudes seines Dienstes hatten unter dem aktuellen Kriegsgeschehen so stark gelitten, dass es dringend renoviert werden musste.

Seine aktuell miese Stimmung hatte aber mit diesem Umzug gar nicht so viel zu tun. Der wirkliche Auslöser war der hohe Besuch, der ihm gleich in seinem neuen Büro bevorstand. Bereits seit gestern Abend lag ihm die Ankündigung von Minister Duncan Sandys zu einem gemeinsamen Gespräch schwer im Magen. Als äußerst diskret deklariert, hatte dieses Treffen in Jones Büro stattzufinden.

Gleich würde er verbindlich zu lächeln haben. Zumindest bis dahin hatte er sich fest vorgenommen, die restliche Zeit alleine an seinem Schreibtisch vor sich hinzugrummeln.

„Keine weiteren Störungen bitte, Miss Rutherford“, hatte er energisch in die Telefonmuschel gebellt und wieder aufgelegt. Die Sekretärin war klar instruiert.

Jones konnte Minister Sandys nicht leiden. Er hatte ihn bereits öfter dienstlich kennen und sein selbstgefälliges Auftreten hassen gelernt. Während Jones' Karriere als Spionageabwehrmann auf mühevoller, wissenschaftlicher Arbeit basierte, hatte Duncan Sandys seinen Führungsanspruch ganz selbstverständlich geerbt. Jones familiäres Erbe basierte auf der harten britischer Regimentstradition und verlangte jeden Tag aufs Neue Disziplin und Präzision von ihm. Unerbittlich schrillte ihm immer noch das Motto seines Vaters aus Kindertagen nach dem Ersten Weltkrieg im Ohr: ‚Wir können den Deutschen nicht vergeben, denn sie haben niemals ihr Bedauern für den Krieg zum Ausdruck gebracht’. Sandys dagegen hatte sich als konservativer Adeligenspross praktischerweise einfach zum Schwiegersohn des Premierministers gemacht. Und während er sich in mühevoller Kleinarbeit ein detailliertes Bild über den technischen Stand der Deutschen Waffentechnik machte und deshalb von Zeit zu Zeit als Berater ins Kriegskabinett hinzugezogen wurde, hatte Churchill seinen Schwiegersohn einfach als Arbeitsminister in der Regierung untergebracht. So saß Sandys an der Seite des Premierministers am Tisch des Kriegskabinetts. Selbst jetzt wallte das Gefühl unverblümter Wut in ihm kurz auf, wenn er an das Wortgefecht mit Sandys dachte, das er dort geführt hatte und Sandys ihm noch immer nicht verziehen hatte. Jones erinnerte sich, als wäre es erst vor ein paar Tagen gewesen, als Sandys es gewagt hatte, seine Einschätzungen vor dem versammelten Kriegskabinett einfach so, mir nichts, dir nichts, in hochnäsigem Ton in Zweifel zu ziehen. Und das nur, so zumindest lautete Jones unumstößlicher Verdacht, um sich im Kriegskabinett auf seine Kosten zu profilieren. Es war um von ihm präsentierte geheimdienstliche Informationen gegangen, als der Grünschnabel Sandys zum Besten gab. „Sind Sie sich sicher, dass sie mit Ihren Ausführungen und Bewertungen nicht ein ganzes Stück über das Ziel hinausschießen?“, hatte der Schwiegersohn sich von oben herab eingemischt als er, der nüchtern abwägende Jones, eine billige Agentenposse der polnischen Exilregierung in London als durchsichtige Propaganda bewertete. Die von den Polen vorgelegten Konstruktionszeichnungen der V2 waren in jeder Hinsicht unbrauchbar; und das hatte er unverblümt so dargestellt.

Jones fragte sich, was Sandys wohl heute so Wichtiges und Vertrauliches von ihm wollte. Er war sich ziemlich sicher, dass es um die Raketen der Deutschen gehen würde, denn Sandys war zu allem Überfluss nicht nur Arbeitsminister, sondern mittlerweile auch Komitee-Vor-sitzender zur Verteidigung gegen deutsche Flugbomben und Raketen geworden. Was die deutschen V2 betraf, so brauchten sie nur einen Blick aus seinem Bürofenster zu werfen, um, trotz des gerade herrschenden ziemlich dichten, grauen Londoner Nebels, den riesigen Krater eines Raketeneinschlags problemlos aus der Nähe zu begutachten. Vor einigen Tagen war das Höllending dort eingeschlagen. Jones hatte sich zum Glück nicht im Büro aufgehalten. Während die Londoner Bevölkerung Tag und Nacht in Angst und Schrecken vor neuen deutschen Raketenangriffen lebte, konnten er und Sandys sich heute hinter vorgehaltener Hand darüber verständigen, dass die britische Regierung zumindest an einem Punkt doch noch Glück gehabt hatte. Wenn es den Deutschen gelungen wäre, ihre neuen Waffen noch vor der geglückten Landung der Alliierten in der Normandie einzusetzen, hätte allein schon die psychologische Wirkung der V2 auf die britische Bevölkerung ausgereicht, um die Invasion des Kontinents zu vereiteln. Die Angst, von mächtigen, neuen deutschen Wunderwaffen vernichtet zu werden, wäre dann garantiert zu groß geworden.

Aber selbst dieser Umstand war mittlerweile von untergeordneter Bedeutung. Fakt blieb, dass das Land immer noch dieser diabolischen Waffentechnik der Deutschen hilflos ausgeliefert war. Jones wusste, dass ihre Bilanz der gescheiterten Abwehrversuche der V2 kläglich ausfiel. Dafür war auch er mitverantwortlich. Wenn er ehrlich mit sich war, musste er zugeben, dass dies mächtig an ihm nagte.

Es klopfte an seiner Tür.

Wie erwartet begleitete Miss Rutherford einen höflich lächelnden Duncan Sandys in sein Büro. Jones konnte beobachten, wie sein Besuch ein wenig hinkte. Die Londoner Gerüchteküche wusste dazu, dass dies die Folgen seiner Kriegsverletzung in Norwegen waren.

Duncan Sandys ließ seinen Blick durch das schlicht ausgestattete Büro seines Gegenübers kreisen: Akten und Ablagemöglichkeiten für Material, Schreibtisch mit Telefon und an der ansonsten weißen Wand die Porträts von Georg VI. und Winston Churchill. Gerade wollte er ansetzen, das Gespräch zu beginnen, als sich die rotblonde und sommersprossige Sekretärin noch einmal in der Tür bemerkbar machte, um Tee anzubieten. ‚Eindeutig das attraktivste, das dieses Büro zu bieten hat’, dachte Sandys und wählte charmant einen Earl Grey.

„Gut, Dr. Jones, kommen wir zur Sache.“

Jones war ganz Ohr, was der Minister nun tatsächlich von ihm wollte.

„Wir sollten, nein, wir müssen handeln – schnell und sehr diskret. Sie sind mein bevorzugter Ansprechpartner in dieser Angelegenheit, denn niemand ist in der V2-Sache besser im Bilde als Sie. “

Jones hatte richtig getippt, trotzdem war er ein wenig überrascht. Jones formulierte sein Anliegen so verbindlich, als wäre das Kriegsbeil zwischen dem Minister und ihm nie ausgegraben worden.

„Mr. Jones. Haben Sie einen Raketeneinschlag schon einmal persönlich miterlebt?“, fuhr Sandys freundlich fort.

Jones verneinte.

„Ich schon. Vor kurzem war ich in unmittelbarer Nähe eines V2-Einschlags. Beeindruckend, sage ich Ihnen, und schockierend zugleich. Diese Unmittelbarkeit, praktisch aus dem Nichts. Keine Vorwarnung, keine Sirenen, keine Bomber am Himmel. Ein intensives Geräusch und gleichzeitig erfolgt der Einschlag“, Sandys stockte kurz, „und dabei fliegt einem schon alles um die Ohren. Dieses Geräusch der Rakete vor dem Einschlag klingt wie ein“, er zögerte erneut, „ein laut zischender Peitschenknall. Alles unheimlich gespenstisch und völlig asynchron, was eindeutig auf die Geschwindigkeit der Rakete zurückzuführen ist. Immerhin fliegt das Ding schneller als der Schall! Am ehesten könnte man das Ganze mit einem über einen hinwegfegenden Blitzschlag vergleichen. Sehr, sehr beunruhigend. Vor allem die damit verbundenen seelischen Auswirkungen. Dagegen haben wir die deutsche V1 als unbemannte Flugbombe am Anfang komplett überschätzt. Eine ganz konventionelle Waffe von völlig untergeordneter Bedeutung.“

„Zumal es der britischen Luftwaffe gelungen ist, einiges an erfolgreichen Abwehrmaßnahmen gegen die Fliegerbombe zu entwickeln. Im Vergleich dazu haben wir gegen diese V2 absolut nichts in der Hand“, musste Jones zugeben. „Das einzig Beruhigende ist, dass den Deutschen bald keine geeigneten Abschusspunkte mehr zur Verfügung stehen werden“, versuchte Jones sein Eingeständnis zaghaft zu relativieren.

„Sehen Sie und schon sind wir am eigentlichen Punkt meines diskreten Besuchs bei Ihnen angelangt.“

Jones verstand Sandys nicht wirklich.

„Wir kommen unter Druck, zusehends. Paradoxerweise aufgrund des für die Alliierten positiver verlaufenden Kriegsgeschehens. Wenn Sie mir eine optimistische Voraussage erlauben: Von größeren Überraschungen abgesehen haben wir in einem halben, dreiviertel Jahr das Nazireich endgültig überrollt. Dann sind für die Deutschen glatt 1000 Jahre auf einen Schlag vergangen“, begann Sandy zu erläutern.

„So schnell rast für manche die Zeit.“ Jones schmunzelte und strich sich über sein kantiges Kinn. „Aber klären Sie mich doch bitte über den von Ihnen angedeuteten Zusammenhang zwischen dem militärischen Erfolg der Alliierten und dem speziell auf uns steigenden Druck auf.“

„Natürlich, Dr. Jones, warum zieht das eine das andere nach sich? Allgemein gesprochen: Mit der bevorstehenden Eroberung Deutschlands durch die Alliierten wird ein neues Kapitel aufgeschlagen. Kurz gesagt, wenn wir bisher kein Mittel gegen die Raketen gefunden haben, dann wollen wir sie und ihre Geheimnisse jetzt wenigstens in unsere Hände bekommen.“

Jones verstand immer noch nicht ganz. Das Know-how um die V2 war Gold wert, das wusste auch er, trotzdem war ihm noch immer vollkommen unklar, worauf Sandys wirklich hinaus wollte.

„Sehen Sie Jones, so schön es ist, dass wir jetzt gemeinsam die Deutschen schlagen und ihr Land besetzen. Damit beginnt aber leider auch ein Konkurrenzkampf unter den Partnern der gemeinsamen Eroberung. Klar ist, dass die Russen im Osten in absehbarer Zeit auf das deutsche Kerngebiet vorrücken werden. Ich brauche Ihnen nicht zu erklären, wer dann als erster in Peenemünde angekommen sein wird.“ Sandys lächelte.

„Und die Russen sind nicht diejenigen, die exklusiv an die Raketentechnik und die dazu passenden Ingenieure kommen sollten.“ Jones verstand.

„Absolut richtig, Dr. Jones. Und genau hier liegt unser Problem, das wir lösen müssen.“

„Fahren Sie bitte mit Ihren Ausführungen fort“, bat Jones. Innerlich hielt er kurz die Luft an. Das Problem war klar, aber um ihm das zu erklären, wäre Sandys niemals persönlich in seinem Büro erschienen.

„Während wir im Hinblick auf die Russen eigentlich nur schneller sein müssen“, Sandys lächelte erneut, „ist es mit den Amerikanern etwas komplizierter. Die sind unsere engsten Verbündeten, die wir nicht vor den Kopf stoßen dürfen, so abhängig wie wir von ihnen in diesem Krieg geworden sind. Außerdem arbeiten wir mit ihnen in mehreren Einheiten zusammen, um gemeinsam den Deutschen auf ihre technischen Schliche zu kommen. Aber wir wollen auch nicht alles mit den Amerikanern teilen, wenn Sie verstehen. Jedenfalls nicht die Geheimnisse der V2-Technik.“

Der Nebel lichtete sich, Jones verstand Sandys Problem ansatzweise. Er wusste von einer gemeinsamen Einheit auf die Sandys anspielte. CIOS, in der Briten und Amerikaner gemeinsamen tätig waren, um technische Errungenschaften der Deutschen zu erbeuten. Dumm nur, wenn bei dieser Gemeinsamkeit beide Seiten unabhängig von einander an den selben Speck wollten. Das leuchtete ein.

„Kurz und gut, Dr. Jones, wir müssen ab sofort einen Strategiewechsel vollziehen. Sie suchen nicht mehr nach Möglichkeiten, die V2-Raketen abzuwehren und unschädlich zu machen. Sie haben ab sofort die Aufgabe einen Weg zu finden, wie wir exklusiv an diese Technik und die Techniker der Deutschen gelangen.“ In dieser Anweisung Sandys lag ein beinah feierlicher Unterton.

Dass ein solcher Vorstoß gegen die Russen gehen sollte, stellte für Jones keine besondere Überraschung dar, dass die Amerikaner auf gleiche Art und Weise behandelt werden sollten, war für ihn aber dann doch überraschend.

„Erwarten Sie von den Amerikanern ein ähnliches Verhalten uns gegenüber?“, wollte er sicherheitshalber wissen. Sandys Antwort fiel prompt aus: „Selbstverständlich, Sie etwa nicht?“

„Wir sind hier beim MI6 nicht bei den christlichen Pfadfindern“, konterte Jones. Er wollte keinesfalls den Eindruck erzeugen, er sei naiv. Auch wollte er nicht, dass Sandys dachte, er habe vielleicht Zweifel an den Ausführungen. Jones sah es nicht als sonderlich ratsam an, die gerade herrschende freundschaftliche Atmosphäre voreilig zu verderben. „Dann kommt es darauf an, schneller zu sein als alle anderen“, setzte er schnell nach.

Sandys nickte: „Sie sind, wie gesagt, der intimste Kenner des V2-Komplexes, deshalb sitzen wir beide zusammen. Die ganze Sache wird von ganz oben begleitet. Wir sind gemeinsam zum Erfolg verdammt, wenn Sie verstehen, was ich meine.“

Jones verstand. Nur konnte er die gerade formulierten Erwartungen überhaupt erfüllen? Insgeheim zweifelte er noch.

„Ich fasse zum besseren Verständnis der Lage mein Wissen aus den Akten des Raketenkomitees ganz kurz zusammen.“ Sandys hatte bereits einen Zettel mit Stichworten aus seiner gestreiften Westentasche gezogen: „Wir wissen, dass die V2 immer noch an der Ostsee westlich von Stettin auf einem abgelegenen Gelände entwickelt wird. Viel mehr wissen wir aufgrund der großen Geheimhaltung des Projekts leider noch immer nicht. Wovon wir immer noch ausgehen ist, dass die bekannteste Figur unter den Technikern ein gewisser Professor Wernher von Braun ist. Im Umfeld von Albert Speer kein Unbekannter, heißt es. Zudem hat er noch zwei Brüder. Einer von denen, ein gewisser Magnus, ist ebenfalls Raketeningenieur, der andere ist Diplomat. Bei den Ingenieuren müssen wir ansetzen.“

„Es gibt auch noch einen zweiten Standort“, ergänzte Jones. „Irgendwo in Mitteldeutschland, soviel konnte die Luftaufklärung herausbekommen. Es muss so etwas wie einen unterirdischen Standort geben, aus dem die Raketen an die Front gebracht werden. In Serie werden sie jedenfalls nicht an der Ostsee produziert. Wir sind uns aber ziemlich sicher, dass sich der größte Teil von den Braun-Männern derzeit immer noch in Peenemünde aufhält. Die aktuellen Luftaufnahmen dokumentieren dort immer noch rege Tätigkeiten.“

„So weit, so gut. Aber was fällt Ihnen dazu ein, wie kommen wir an die Leute und ihr Material heran?“ Sandys war sehr ernst geworden.

„Die 1000-Pfund-Frage.“ Jones überlegte einen Moment. „Auf den Luftbildern wird auch deutlich, dass Peenemünde immer noch gut bewacht ist. Deshalb ist es dort fast unmöglich, an das Zielpersonal heranzukommen. Es gibt auf dem Gelände mittlerweile keine zentralen Wohneinrichtungen mehr, wir müssen davon ausgehen, dass die interessanten Personen weit über das riesige Gelände verteilt sind. Wenn wir dagegen versuchen würden, tagsüber dort anzugreifen, um sie für uns herauszubekommen, würden wir vermutlich scheitern. Wie soll man auf dieser weitläufigen Raketenversuchsanstalt die von Brauns finden? Die sind bei einem Angriff dann gerade weiß Gott wo. Man müsste Fallschirmjäger in großem Umfang absetzen. Wobei dann völlig fraglich wäre, wie viele bei den unvermeidlichen Bodenkämpfen mit den deutschen Bewachern übrigblieben. Und wenn sie bei ihrem Angriff tatsächlich auf technisches Personal stoßen, wie wäre dann auf die Schnelle festzustellen, ob es sich um einen interessanten Wissensträger handelt oder um den zum Kaffeekochen abgestellten Hilfsassistenten? Tja und last but not least: Wie kommen wir mit möglichst relevanten Unterlagen und Personen dort wieder heil raus?“

Jones legte eine Pause ein und rückte mit nachdenklichem Gesicht seinen Bürostuhl zurück.

Auch Sandys nickte nur bedächtig.

„Leider sehr realistisch, Ihre Einschätzung, Dr. Jones“, murmelte er nach einiger Zeit des Schweigens und fügte dann laut an: „Also muss die Aktion sofort eine ganz andere Stoßrichtung erhalten. Deshalb sind Sie und Ihre Kollegen im MI6 besonders gefragt. Sie und Ihr Trupp überlegen mit Nachdruck, wie wir auf anderen Wegen an diese Leute herankommen. Der von Braun hält sich doch nicht die ganze Zeit nur in Peenemünde auf. Der hat doch garantiert regelmäßigen persönlichen Kontakt mit Leuten in der Reichshauptstadt. Kriegt raus, mit wem er sich regelmäßig in Berlin trifft. Vielleicht hilft ein Angebot an ihn, das er nicht ablehnen kann. In deren Situation kann das doch nicht mehr all zu schwer sein.“

‚Aber auch das müsste erst einmal organisiert und bewerkstelligt werden‘, dachte Jones.

Das Vorhaben setzte intensive Geheimdienstaktivitäten voraus. Naheliegend, dass Sandys zu ihm gekommen war. Seine dringendste Aufgabe war damit klar umrissen.

Sandys war bereits längst gegangen, als Jones immer noch in die Luft starrte und überlegte, wie er die Jagd auf die Deutschen am besten beginnen sollte. Zugegeben, den Raketenspuk einzufangen, war mehr als nur ein reizvoller Gedanke, sondern eine ganz besondere Aufgabe. Sollte ihm das allerdings nicht gelingen, dann war seine Karriere auch ganz schnell an ein vorzeitiges Ende gelangt. „Wir erwarten einen erfolgreichen Vorstoß in Nazideutschland“, hatte der Minister zum Abschied noch eindringlich formuliert. Jones hatte die besondere Betonung des Wortes ‚erfolgreich’ deutlich wahrgenommen und auch die gleichzeitig unmissverständlich mitschwingende Drohung. Unabdingbar für das geplante Vorhaben war eine verlässliche Kontaktperson zu den Raketenmännern vor Ort. Die musste unbedingt gefunden werden. Sein allererster Schritt war klar.

Jones nahm den Hörer seines Telefons in die Hand. Er musste dringend einige Gespräche mit Kollegen im MI6 führen. Dann, so spekulierte er zumindest, konnte der Tanz hoffentlich beginnen.

Kapitel 3

20. Januar 1945, Peenemünde

Genervt saß Fritz in seinem bescheidenen Büro im Gebäude der Steuerungsabteilung. Vom Flur aus war sein Arbeitszimmer durch große Scheiben einsehbar, an den ansonsten weißen Wänden hingen Konstruktionszeichnungen in unterschiedlichen Größen. Das einzig Private war ein kleines Foto auf seinem Schreibtisch, das er von Zeit zu Zeit liebevoll betrachtete. Lotte hatte es ihm zu seinem letzten Geburtstag geschickt, auf dem sie in Rock und Bluse in dem Kirschbaum blühenden Garten ihres Elternhauses zu sehen war. Momentan fehlte ihm aber jegliche Muße, das Bild zu beachten, geschweige denn liebevoll zu betrachten. Dagegen knurrte er leise „Mist“ vor sich hin und fuhr sich dabei langsam durch seine Haare, während er zum x-ten Male die Auflistung der verschiedenen Lagerstätten der Abteilungsunterlagen in der Hand hielt. Gleichzeitig starrte er auf den großen Lageplan des Versuchsgeländes, der über seinen ganzen Schreibtisch ausgebreitet lag. Unterlagen zu sichern, um ihr Peenemünder Herrschaftswissen zu katalogisieren, war seit dem geheimen Treffen in Zempin zu seiner wichtigsten Aufgabe geworden. Wenn auch nicht gerade zu seiner beliebtesten. Aber niemand kannte die Unterlagen in der Steuerungsabteilung besser als er.

Steinhoff und von Braun hatten gleich nach dem Treffen eine Liste der Projekte erstellt, die auch in Zukunft besonders bedeutsam bleiben würden. Um nach dem Krieg bei Bedarf schnell mit der Arbeit zu beginnen, brauchten sie detaillierte Unterlagen. Ihre umfangreichen mathematischen Berechnungen über alles, was mit einem kontrollierten Flug einer Rakete zusammenhing, lag allen besonders am Herzen. Es galt ihr oberstes Gesetz: ohne Mathematik kein Raketenbau. Oder auch die unendlich vielen Konstruktionszeichnungen, ohne die sie dazu gezwungen wären, später fast wieder bei null anzufangen.

Fritz war immer ein besonders guter Mathematiker gewesen. Schon als Schüler hatte er großen Spaß daran gehabt, die Welt in mathematische Gleichungen zu zerlegen. Mathe, für viele seiner Mitschüler auf dem Goslarer Gymnasium eine intellektuelle Grenzerfahrung, war ihm immer leicht von der Hand gegangen – mehr noch, Mathematik hatte ihn Zeit seines Lebens fasziniert. Das hatte sich natürlich auch an der Universität nicht geändert. Aus seiner Zeit an der Darmstädter Hochschule war ihm ein Mathe-Professor besonders eindrücklich in Erinnerung geblieben. Professor Tietze, der keine Gelegenheit ausließ, um sein Weltbild der Mathematik zu propagieren. In jeder seiner Vorlesungen betonte er, dass sie in erster Linie als eine Disziplin der Philosophie zu verstehen sei; natürlich als die Königin dieser Disziplin. Fritz selbst fand Tietzes Gleichsetzung der Mathematik mit der Philosophie eher uninteressant, ihn interessierten die Möglichkeiten der praktischen Anwendungen. Er wollte ja nicht Philosoph, sondern Ingenieur werden. Außerdem fand er, dass Tietze sich mit seinem Philosophiegetue in Wirklichkeit selbst als ein leicht durchschaubarer Simpel entlarvte. Bei Tietze saßen natürlich auch Studenten in der Vorlesung, bei denen es notenmäßig gerade nicht besonders gut lief und deshalb ein persönlicher Sprechstundentermin beim Professor unausweichlich wurde. Aber für diese Notfälle kursierte unter den Kommilitonen ein wirksames Geheimrezept, das zur Anwendung gebracht werden musste. Der Exzentriker Tietze hatte in seinem Büro ein Chronometer gut sichtbar über seinem Schreibtisch an der Wand hängen. Eine Uhr, die eine auffällige Besonderheit aufwies; ihre Zeiger drehten sich gegen den Uhrzeigersinn. Der Trick, den die leidgeprüften Kandidaten der Mathematik anzuwenden hatten, bestand nun darin, den Professor auf dieses Phänomen möglichst fasziniert anzusprechen, um dabei festzustellen, dass diese Uhr doch tatsächlich im mathematisch positiven Sinne lief. Zur Schaffung einer positiven Gesprächsatmosphäre half dieser Trick immer. Tietze zeigte sich über die getroffene Feststellung jedes Mal von Neuem hocherfreut. Fritz dagegen empfand das als ein dämliches, einer Hochschule unwürdiges Spielchen. So etwas hatte er nicht nötig gehabt.

Im Moment ging es jedoch nicht um höhere Mathematik, sondern um ein ganz praktisches, sehr dringliches Problem. Die von Fritz gesuchten Unterlagen der Steuerungsabteilung waren nie zentral archiviert, sondern je nach aktueller Platzlage über die Jahre auf dem Testgelände verstreut gelagert worden. Zu allem Überfluss hatte sich auch niemand die Mühe gemacht, wenigstens ein verlässliches Ablageverzeichnis anzulegen. Er hatte schon früher mit der Idee gespielt, endlich einmal eine brauchbare Auflistung anzulegen, aber immer hatte ihn irgend etwas Wichtigeres an der Ausführung seines Plans gehindert.

Er hätte sich in den Arsch beißen können, wie es so schön hieß. Jetzt hatte er den Salat. Die Karte auf seinem Schreibtisch, auf der er die Lagerstätten eine nach der anderen in mühevoller Kleinarbeit eingetragen hatte, teilte das Versuchsgelände in drei große Bereiche ein: Werk Nord, Werk Süd und Werk West - ein riesiges kilometerlanges Areal, das vor zehn Jahren aus der Taufe gehoben worden war. Wenigstens das Westwerk hatte er bei seiner Suche vollständig ausklammern können. Es gehörte mit seinem Flughafen an der Inselspitze zur Luftwaffe. Dort hatten die Herren der Lüfte die Flugbombe V1 entwickelt. Damit hatten die Raketenbauer nie etwas zu tun gehabt. Im Vergleich zu ihrem A4 war die Flugbombe eine ziemlich simple Entwicklung. Was für ihn jetzt den Vorteil besaß, dass er sich bei seinen Recherchen auf das Werk Nord und Süd sowie die verschiedenen Raketenteststände, die sich wie an einer Perlenschnur parallel zum Ostseestrand aufreihten, konzentrieren konnte.

Die meisten Unterlagen hatte er glücklicherweise bereits gefunden. Nur bei den eingelagerten Aufzeichnungen zum Brennschluss vermisste er immer noch eine entscheidende Messreihe. Um auch die endlich zu finden, kam eigentlich nur noch eine Stelle in Frage. Der Raum lag abseits im Keller eines Gebäudes am Rand von Werk Nord. Kurz entschlossen holte er seinen Mantel. Er wollte, so lange es draußen noch einigermaßen hell war, der Sache vor Ort auf den Grund gehen.

Vor der Tür des Messhauses, in dem sein Büro untergebracht war, erfasste ihn eine beißend kalte Böe. Der eisige Ostwind hatte die klirrende Kälte mitgebracht, zusammen mit einer gehörigen Masse Neuschnee. Der erste böse Vorbote der näher heranrückenden Russen. Fritz vergrub sein Gesicht tief in seinem Mantelkragen und versuchte, auf dem vereisten Weg so schnell wie möglich an sein Ziel zu gelangen. Aber die glatten Wege behinderten ihn ziemlich. Auch wollte er auf keinen Fall von den über das Gelände patrouillierenden SS-Männern beobachtet werden. Immer wieder vergewisserte er sich, dass ihm niemand folgte.

Nach einer knappen halben Stunde erreichte er endlich sein Ziel. In der Nähe des Backsteingebäudes war niemand zu sehen. Erleichtert stieg er die rutschigen Stufen der Kellertreppe hinab, die von einer funzeligen Bogenlampe spärlich beleuchtet wurde. Als er die Tür des Archivraums mit dem passenden Schlüssel geöffnet hatte, schlug ihm augenblicklich ein muffiger Papiergeruch entgegen. Seine rechte Hand ertastete einen Lichtschalter, der den Archivraum mit mehreren Lampenpaaren unter der Decke ausreichend hell beleuchtete. Er hielt kurz inne und überlegte, an welcher Stelle er mit seiner Suche am besten begann. Sein Blick fiel auf einige Regale auf der linken Seite, die er, soweit er sich erinnerte, noch nie durchsucht hatte. Dort fing er an zu stöbern, aber schnell wurde ihm klar, dass die vermissten Unterlagen hier nicht zu finden waren. Die Akten stammten aus einer ganz anderen Fachabteilung. Noch einmal blickte er sich in dem Archivraum um. Eigentlich kamen jetzt nur noch zwei große, braune Aktenschränke auf der gegenüberliegenden Seite in Frage. Beherzt öffnete er die Tür des linken Stahlschranks; allerdings viel zu ruckartig. Noch ehe er sich richtig versah, fielen ihm bereits drei Aktenordner mit lautem Gepolter entgegen. Kein Wunder, der Schrank war bis ganz nach oben mit Akten vollgestopft. Reflexartig war es ihm gerade noch gelungen, seinen linken Arm vor seinem Gesicht hochzureißen; was allerdings zur Folge hatte, dass ihn eine der wie Geschosse herabstürzenden Akten schmerzhaft am Unterarm traf.

„Verdammter Schlendrian“, fluchte er wütend, „welche idiotischen Kollegen haben denn hier auf Teufel komm raus die vielen Akten in einen Schrank gestopft? Das ist hier ja gefährlicher als an jeder Startrampe.“

Grummelnd bückte er sich nach dem aufgesprungenen Ordner und sammelte die heraus gefallenen Blätter mühselig wieder zusammen. Einzig die Aufschrift auf den Aktenrücken versöhnten ihn einigermaßen: ‚Brennschlussberechnungen Gröttrup’ war zu lesen.

Helmut Gröttrup war als stellvertretender Abteilungsleiter noch Ende letzten Jahres mit ihrem magischen Zahlengeheimnis beschäftigt gewesen. Es lautete: 63! Die 63 wurde in Sekunden gemessen und bezifferte die exakte Maßzahl für den Brennschluss von Aggregat 4. Die hatten sie in endlosen Versuchen und etlichen Fehlversuchen errechnet: Die exakte Berechnung des Brennschlusses war eines dieser gut gehüteten Betriebsgeheimnisse, die einen Freifahrtschein für ihre weitere Zukunft bedeuten konnten.

Fritz gehörte zu der kleinen Gruppe, die über dieses Geheimnis Bescheid wusste. Zusammengefasst ging es darum, eine Rakete aus der Erdatmosphäre zu schießen und sie anschließend an einen bestimmten Punkt auf der Erde gezielt einschlagen zu lassen. Die Rakete, die aus ihrem Triebwerk zunächst mächtig viel Schub erhielt, musste in einem exakt berechneten Moment von ihrer Antriebsenergie abgeschnitten werden, indem sich das Raketentriebwerk nach 63 Sekunden abrupt abstellte. Die Rakete kam so auf einer ballistischen Flugroute wieder auf die Erde zurück. Die V2 war dazu bestimmt worden, im Großraum von London einzuschla