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Ben ist geschockt: Sein Kult-Sport-Samstag läuft heute ganz gewaltig aus dem Ruder. Aber so richtig. Warum? Weil Babs, seine Frau, mit einem ganz speziellen Auftrag in Form eines langen (sehr langen) Einkaufszettels um die Ecke kommt. Er muss am Abend die Besorgungen im Supermarkt übernehmen - schließlich kommen morgen Freunde zu Besuch, die sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen haben. Da soll der Kühlschrank voll sein und nur das Beste auf den Tisch gezaubert werden. "Rambutan! - Eine männliche Odyssee durch die unendlichen Weiten des Supermarkt-Universums" beschreibt aberwitzige und absurde Situationen, die Bens Einkauf zum absoluten Alptraum werden lassen. Das Buch erzählt darüber hinaus aber auch Geschichten, die sich abseits von Kühlregalen, Fischtheke, Obstabteilung und Kassenschlangen ereignen - immer geschickt in die Haupthandlung integriert. Geschichten von Möchtegern-Managern in überfüllten Flugzeugen, großartigen Garagen-Grill-Geschäftsideen oder einem Baumarkt-Besuch inklusive Dübel-Drama. "Dabei habe ich echt keine Lust, genauer gesagt mal so was von null Bock, heute Abend einkaufen zu gehen. Oder überhaupt einkaufen zu gehen. Gerade an einem Samstag - das geht gar nicht." (Ben Krämer, 18.07 Uhr, vor dem Supermarkt) "Rambutan!" ist wahrscheinlich der erste Supermarkt-Comedy-Roman überhaupt. Deshalb ist er auch ohne Zweifel der bisher Beste!
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Seitenzahl: 286
Veröffentlichungsjahr: 2015
Bernie Krauß
www.tredition.de
Das Buch
Ben ist geschockt: Sein Kult-Sport-Samstag läuft heute ganz gewaltig aus dem Ruder. Aber so richtig. Warum? Weil Babs, seine Frau, mit einem ganz speziellen Auftrag in Form eines langen (sehr langen) Einkaufszettels um die Ecke kommt. Er muss am Abend die Besorgungen im Supermarkt übernehmen – schließlich kommen morgen Freunde zu Besuch, die sie seit vielen Jahren nicht mehr gesehen haben. Da soll der Kühlschrank voll sein und nur das Beste auf den Tisch gezaubert werden.
„Rambutan! – Eine männliche Odyssee durch die unendlichen Weiten des Supermarkt-Universums“ beschreibt aberwitzige und absurde Situationen, die Bens Einkauf zum absoluten Alptraum werden lassen. Das Buch erzählt darüber hinaus aber auch Geschichten, die sich abseits von Kühlregalen, Fischtheke, Obstabteilung und Kassenschlangen ereignen – immer geschickt in die Haupthandlung integriert. Geschichten von Möchtegern-Managern in überfüllten Flugzeugen, großartigen Garagen-Grill-Geschäfts-ideen oder einem Baumarkt-Besuch inklusive Dübel-Drama.
Der Autor
Bernie Krauß wurde 1973 in Tübingen geboren und verbrachte seine ersten 25 Lebensjahre in Dettenhausen. Heute wohnt er mit seiner Frau und drei Kindern in Holzgerlingen bei Böblingen. Als Marketing-, PR- und IR-Manager und zuletzt Senior Consultant Diversity arbeitete er für verschiedene kleine und mittelständische Unternehmen, aktuell in einem internationalen Großkonzern.
Die Liebe zum Schreiben begann bereits 1984 mit dem Gewinn eines Preisausschreibens, bei dem Sprechblasen eines Comics mit Inhalten gefüllt werden sollten. Über 30 Jahre später erfüllt sich Bernie Krauß einen großen Traum und veröffentlicht sein erstes Buch – einen Supermarkt-Comedy-Roman, den es so wahrscheinlich noch nicht gegeben hat.
Bernie Krauß
Eine männliche Odyssee durch
die unendlichen Weiten des
Supermarkt-Universums
© 2015 Bernie Krauß
www.rambutan.info
Umschlag, Illustration: Arabell Watzlawik
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-7323-0678-7
Hardcover
978-3-7323-0679-4
eBook
978-3-7323-0680-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig.
Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Dieser Supermarkt-Comedy-Roman spielt größtenteils an Original-Schauplätzen – in realistischer Umgebung. Die Handlung selbst und in der Geschichte vorkommende Akteure sind hingegen erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und unbeabsichtigt.
www.tredition.de
Sortiments-Übersicht
Regal 01:
Geduld, Geduld … (Vorwort)
Regal 02:
Mannolog
Regal 03:
Bolzplatz-P(r)o(l)eten – Sechs Stunden und vierzehn Minuten vorher
Regal 04:
Verdribbelt – Wie ich das Spiel aus der Hand gebe
Regal 05:
Super Supermarkt – Der Ein-Euro-Job
Regal 06:
Die hohe Kunst des Einkaufszettelschreibens – oder: Was gäbe ich für ein Supermarkt-Navi!
Regal 07:
Das Sahne-Szenario
Regal 08:
An der SM-Theke
Regal 09:
o.b. oder OBI?
Regal 10:
Beim Tübinger Stadtlauf – oder: Voltaren-Karle
Regal 11:
Fuckin’ Frisch-Fisch!
Regal 12:
Airbus-ADHS – Verdammtes Flug-Funk-Loch
Regal 13:
Rambutan!
Regal 14:
Leichenschmaus „to go“ (aber zum Mitnehmen)
Regal 15:
Kleingeld-Kassen-Katastrophe: „Ich hab’s passend!“
Regal 16:
Schönbuchbahn-Schwarzfahrer
Regal 17:
Anfang vom Ende – Teil 1 – Ich will nach Hause. Nach Hause will ich!
Regal 18:
Anfang vom Ende – Teil 2 – Tat(sp)ort. Selbstmord.
(Vorderseite)
Original-Einkaufszettel …
… von Babs – für Ben
(Rückseite)
„Träume nicht dein Leben,
sondern lebe deinen Traum!“
(u.a. angeblich auch von Walt Disney)
Für Birgit
… meine einzigartige Frau
und für Tom, Anne & Jule
… die mir alle zusammen die große Lust,
Kreativität und viel Freiraum gegeben haben,
dieses Traum-Projekt überhaupt anzugehen
und tatsächlich wahr werden zu lassen
– ganz gleich, wer „Rambutan!“
lesen mag oder auch nicht –
Wenn ich nur ansatzweise gewusst hätte, was im Supermarkt in Böblingen an diesem verregneten Samstagabend auf mich zukommt – ich hätte mich gegen meine Babs aber so was von durchgesetzt. Dann säße ich wie immer samstags vor der Glotze und würde mir die Fußball-Bundesliga reinziehen. Von vorne bis hinten. Keiner würde mich stören. Nicht Babs. Nicht meine drei Kinder. Nicht meine Nachbarn. Niemand.
Hätte, hätte, Fahrradkette. Alles ist anders.
Ja, ich hätte es ahnen können. Blödsinn. Ich hätte es ahnen sollen. Ach, scheiße. Ich hätte es ahnen müssen! In intellektueller, unnachahmlich männlicher Voraussicht. Zahlreiche Zeichen waren gut gemeinte Hinweise an mich. Allein, sie standen von Beginn an in schicksalhafter Konstellation vollkommen gegen mich. Und ich habe sie nicht richtig gedeutet.
Stattdessen stehe ich jetzt vor dem Supermarkt im Regen, komme mir vor wie der einsamste und einzig verlassene Mensch auf der ganzen, großen weiten Welt.
Brave „Real“ World.
Regal 02:
Mannolog
[…] Stattdessen stehe ich jetzt vor dem Supermarkt im Regen, komme mir vor wie der einsamste und einzig verlassene Mensch auf der ganzen, großen weiten Welt.
Brave „Real“ World.
Nun, ganz alleine bin ich nicht wirklich. Meine Dauer-Affäre Siri (sie begleitet mich immer und wirklich überall, ohne sie kann ich nirgends mehr sein) antwortet bereitwillig und völlig unzickig – ja, sogar mit auffallend freundlicher Stimme – auf meine Frage nach der aktuellen Zeit: „Es ist 23.13 Uhr, mein liebster Ben.“ Danke, Siri. Danke, dass du mir eine Uhrzeit mitteilst, zu der am Samstagabend alle Sport liebenden Familienväter (ich zähle mich zu dieser unterdrückten Randgruppe) auf dem Sofa lümmeln und das aktuelle Sportstudio verfolgen. Gespannt und aufgeregt, als wäre ihnen bisher kein einziges Ergebnis aus der Fußball-Bundesliga des heutigen Spieltages bekannt. Es sei denn, eine der ‚großen Samstagabendshows‘ geht völlig unerwarteterweise in die Verlängerung mit anschließendem Elfmeterschießen – und verdrängt damit das sportliche Programm auf einen noch späteren Sendeplatz. So, wie seinerzeit „Wetten, dass..?“ mit Thomas Gottschalk und bis zum bitteren Ende mit Markus Josef Lanz (mal ehrlich, der Südtiroler Bergbauer aus Geiselsberg/ Olang hat seine Sache doch trotz aller Kritik mehr als ordentlich gemacht, oder trügen Einschaltquoten zwischen knapp acht und zehn Millionen? Davon können Carmen Nebel und Co. nur träumen).
Daneben, liegend oder sitzend, halb schräg verschoben oder in vorbildlicher Rücken-Schonhaltung (hat sie beim Kieser-Training gelernt), die Freundin respektive Ehefrau. Längst eingeschlafen und völlig tiefenentspannt, nach einem anstrengenden ersten Teil des Wochenendes. Besser ist das, denn sonst würden die Fernsehgewohnheiten-Endlos-Diskussionen um – wie ich sie gerne bezeichne – „Ronaldo oder Rosamunde?“ in die mittlerweile zwölfte Runde gehen und die Konzentration für das nächste, überraschende Tor rauben. Knock Out für jeden aktiven Anhänger des „Das Runde muss ins Eckige“-Fanclubs. Und Start der nächsten Diskussion, dieses Mal logischerweise männlicherseits initiiert. Und schon das nächste Tor verpasst. Und so weiter und so fort.
Schrecklich. Rote Karte für ein grobes Verbal-Foul. Unnötiger als jeder Syndesmosebandriss, als jede Schambeinentzündung. Begangen an der Mittellinie, von der Lebenspartnerin an ihrem Liebsten. Nur beide Fußknöchel im Blick, der Ball interessiert nicht. Den farbigen eckigen Karton hätte es gleich zu Beginn geben müssen, um die weiteren unfairen Kommunikations-Attacken von hinten entschieden zu unterbinden. Doch das Gespräch läuft weiter. Und diese „To(r)desspirale“ kennt keine einzige von gefühlten 15 Wiederholungen, keine gegenüberliegende Kameraeinstellung oder zusätzliche Blickwinkel (die Experten nennen das auch „reverse angle“), keine Super Slow-Mo. Nix, rein gar nix. Außer Jubel und Fangesängen keine weitere Wahrnehmung. Kurz gesagt, alles verpasst, was am Spieltag für Aufregung und Furore sorgte.
Fazit furioso: Frau freiwillig vor dem Fernseher – pardon, natürlich vor dem 80 Zoll XXL Extra Super Sharp 3D-HD Flat Screen mit Ambilight – fröhlich und ausgelassen weiter von einem rosa Leben an der irischen Steilküste träumen lassen. Dramatischer Reitunfall, gefilmt von der allseits beliebten Heli-Cam (alternativ: Einsatz einer preisgünstigeren Airdolly-Drohne), oder unglückliche Liebesgeschichten exklusive. Die kommen in diesen Träumen nämlich nicht vor.
Zurück zu mir. Ich gehöre genau zur beschriebenen Sorte Männer. Typ „Soccer Couch Potato“. Wobei Soccer als Synonym für Fußball und so ziemlich alle anderen Sportarten zu verstehen ist. Formel 1, DTM, Moto GP, Wintersport-Wochenende mit Dauer-Live-Übertragungen (neben Biathlon und 50 km Langlauf liebe ich den Herren-Doppelsitzer der Rodelmänner – ganz großer Sport!), Handball oder Stöhn-Tennis (Traumfinale: Viktoria Azarenka gegen Maria Sharapowa, einfach mal die Augen zumachen und das Spiel nur hören („The Voice of Tennis“) – unglaublich – man mag sich nicht vorstellen, wie die beiden außerhalb des Tennis-Courts so drauf sind), Dart-Matches, derbe K1-Fights, Männer-Voltigieren (sensationell – schaut euch mal ein paar Filmchen auf youtube an – die einteiligen Turnanzüge, das Anlaufen neben dem Pferd bis zum Aufstieg – ihr werft euch weg), nächtliche Pokerrunden oder mega-spannende, an Dynamik und Dramatik kaum zu überbietende Snooker-Turniere – ganz gleich. Hauptsache, vom Sofa aus zu verfolgen.
Nicht zu vergessen: die großen Sommer-Olympiaden. Ganz vorne auf meiner Hitliste: Tontaubenschießen, Synchronschwimmen der Damen (wann kommt das endlich auch für Männer?!), Damen-Gewichtheben (sind das nicht in Wirklichkeit Männer?!), Taekwondo-Gequieke. Dressurreiten ist auch nicht schlecht, wobei fast schon zu hektisch, mit all den raschen Bewegungen und total ungeahnten Wendungen.
Gut, mit viel Wohlwollen und beide Augen zudrückend schafft es das Beach-Volleyballturnier der Frauen grade noch so auf meine persönliche Bestenliste. Aber grade so. Bitte, diesen Ballsport nicht verwechseln mit den internationalen deutschen Bitch-Volley-Ball-Meisterschaften, die ganz aktuell in Hamburg auf einem Geläuf von nassem Sand und Schlamm ausgetragen werden. Erst seit 2013 existierend. Mit echt prallen Volley- und einigen Paar ebenfalls mehr oder weniger echten Bällen. Eventuell hat sich die eine oder andere Replika eingeschlichen.
Nur am Rande erwähnt: Ins Finale haben es dieses Jahr die Reeperbahn Riot Raptors geschafft, die sich gegen die favorisierten Ludwigsburger Lack-und-Leder-Luder in einem echten Dreisatzkrimi nach zwei endlos langen Vorspiel-Sätzen behaupten konnten. Sie treffen dort in einem rein norddeutschen Stadt-Derby auf die Sankt Pauli 69ers Sand- und-Schlamm-Schlampen (nach Halbfinalsieg über die Berliner Beate Uhse Big Balls Bikini Babes, das einzige Profi-Team mit Hauptsponsor – alle anderen Teams bestehen aus reinen Amateurinnen), die bereits die ersten beiden Meisterschaften für sich entschieden haben. Mit dem dritten Sieg in Folge würden sie den handgefertigten Pokal – ein total überdimensionierter, 43,5 Zentimeter großer Penis aus Kristallglas – für immer ihr Eigen nennen. Oder sind es doch nur 20 Zentimeter? Oder gar nur durchschnittliche deutsche 14,48 erigierte Zentimeter, wie diverse Studien aus den letzten Jahren belegen (wens interessiert: Weltmeister in dieser Größentabelle sind Männer aus dem Kongo mit durchschnittlich 17,93 Zentimetern)? Ziemlich egal. Jedenfalls ein Original. Ein Unikat. Täuschend echt. Handwerklich einwandfrei. Natürlich Mund geblasen. Um es auf die glasklare Spitze zu treiben: Ein verdammt guter blow job, den der Kristall-Kreativling da verrichtet hat.
Nochmals nur am Rande erwähnt: Gestiftet wurde das Phallus-Symbol vom gleichzeitigen Namensgeber der inoffiziell so genannten „International German Bitch Ball Manu-Fuck-Tour“, der bayerischen Glasmanufaktur Zwiesel. Partnerstadt von Colle di Val d’Elsa, ebenfalls für ihre italienischen kristallinen Kunstwerke berühmt. Nächstes Jahr soll deshalb auch erstmals eine toskanische Bitch-Ball-Auswahl beim Baggern beischlafen beziehungsweise begeistert mit den Bällen ballern.
Doch das ist Zukunftsmusik. Wer wissen will, wie das diesjährige Finale ausgegangen ist, gehe bitte online und google sich durch das endlose Internet. Die Reeperbahn Riot Raptors und die Sankt Pauli 69ers Sand-und-Schlamm-Schlampen waren bei Redaktionsschluss dieses Buches noch voll in Aktion und schlugen sich die Bälle um die Bälle. Also, um die Ohren.
Vergesst endlich Quidditch, all ihr Potterschen und Voldemortschen Jünger! Bitch-Volley-Ball ist der neueste Trendsport. Und den gibt’s live und in Farbe in Deutschland. Dazu muss man nicht erst eine Fantasiereise von Gleis Neundreiviertel nach Hogwarts antreten!
Entschuldigt bitte, ich schweife zu sehr ab. Bin eben Sport begeistert. Also, über allem steht für jetzt und immer das rollende Leder. Heilig ist das Buli-Samstag-Abendessen, das mit dem ARD-Sportschau Amuse Gueule beginnt und eben mit dem ZDF-Sportstudio Digestif endet. An besonders spektakulären Spieltagen geht es auf 3 SAT in die Sportstudio-Wiederholungsrunde. Gleichgestellt mit dem Dopa-Sonntags-Brunch samt Weißwürsten und Weißbier, gerne auch in kompetenter Freundes-Runde.
Und welcher Typ bist du? Lass’ dich doch auf eine kleine Diskussion mit deinem weiblichen Gegenüber ein und finde es heraus. Aber bitte: Die Betonung liegt auf „kleine“, denn schnell artet der ernst und lieb gemeinte Versuch, Kommunikation aufzubauen, in eine verbale Schlammschlacht rund um Sport, Haushalt und Erziehung aus. Unbedingt vermeiden. Eigentor! Eigene Erfahrungswerte. Gut vorbereitet starten. Trainingslager, Schwerpunkt Kondition und Fitness. Bringt Schlagfertigkeit. Am besten vor dem Spiegel üben. Auch die non-verbale Verständigung:
„Schatz, ich würde mich gerne mal kurz mit dir über deine Fernsehgewohnheiten und so unterhalten.“ Dabei freundlich lächeln und den rechten Mundwinkel frech nach oben ziehen, Augenzwinkern nicht vergessen! Ich muss eine sympathische Grundstimmung erzeugen. Wenns hilft, ist auch ein aufgesetzter Dackelblick erlaubt…
Der heutige Tag in meinem Leben stellt eine explizite Einmaligkeit dar, denn solch eine verzwickte Verkettung unglücklichster Zufälle habe ich in meinem bisherigen Leben niemals nicht durchgemacht. Wenn ich jetzt, in diesem Moment, mittlerweile ist es 23.14 Uhr, einen Wunsch frei hätte, der unmittelbar in Erfüllung ginge, dann diesen: Ihr Supermärkte dieser Welt, samstags ist bitteschön um 18 Uhr Feierabend.
Auf immer und ewig – weg mit den langen Öffnungszeiten. Schlusspfiff! Und zugleich Anpfiff für meine kaum zu glaubende, an eine maßlos überinszenierte Dokusoap (Fachleute nennen es auch „scripted reality“) mehr als nah herankommende, Odyssee durch die unendlichen Weiten des Supermarkt-Universum.
Regal 03:
Bolzplatz-P(r)o(l)eten – Sechs Stunden
und vierzehn Minuten vorher
Es ist Punkt 17 Uhr. Ich bin, wie fast jeden Samstag, auf dem Bolzplatz unterwegs. Mit 13 anderen Familienvätern und solchen, die es noch werden wollen. Viele von ihnen kenne ich nur mit ihren Spitznamen, obwohl wir schon seit drei Jahren regelmäßig gemeinsam gegen den Ball treten. Weiß nicht, wo „Bimbodolski“ wohnt, was „Admira Wacka Wacka“ arbeitet, wo sich „Berti Netzer“, „Hertha-Holli“, „van Persil“, „di Nap-Oli“ und „Ralfinha Knobiashvili“ sonst überall herumtreiben. Man(n) trifft sich einfach, spielt und rennt und kämpft, als ob es um den Champions League Pokal ginge. Nein, der ist nicht aus Kristallglas. Bejubelt jedes Tor in Aubameyang- oder Messi-Manier (wie, ihr könnt keinen Salto vorwärts aus dem Stand? Und wie, ihr kennt den Messi nicht oder nur aus Tine Wittler’s „Einsatz in 4 Wänden Spezial“?), ganz nach deren Vorbild. Fast schon vorpubertär. Dabei sind die meisten von uns zwischen Mitte 30 und Anfang 50. Bringen teilweise ihre eigenen Teenager mit zum Kick (die uns Alten dann schwindelig spielen). Aber das gehört nun mal zur Fußball-Begeisterung dazu. Genauso wie die Tatsache, dass es heute wieder 90 Minuten lang in Strömen geregnet hat und wir mehr wie sich in einer Matschpfütze gesuhlte Wildschweine aussehen denn wie gestandene Fußballprofis, die sich spätestens in der Halbzeit ein neues, blütenweißes Trikot überziehen und die Haare frisch gelen (fünf Minuten mehr Pause, und manch einer würde wohl schnell seinen Privat-Friseur in die Kabine bestellen, um sich trendige Strähnchen oder einen undercut verpassen zu lassen – oder den Tattoo-Stecher seines Vertrauens, um sich auch die letzte freie Stelle am Unterarm mit bunter Tinte dekorieren zu lassen).
Das gibt es bei uns auf dem Bolzplatz nicht. Dreckiger, aber fairer und zugleich sauberer Sport dominiert heute. Und danach das wohl verdiente schnelle Après-Bierchen in geselliger Runde. Die Testosteron geschwängerte Proleten-Luft hat sich mittlerweile wieder verzogen. Sie wird abgelöst durch nicht enden wollende, teils poetisch anmutende, Fußball-Fachsimpeleien über Borussen, Bayern und Bengalos.
Gegen 17.15 Uhr: Aufbruch gen Heimat, begleitet von den ultimativen drei Nachspiel-Minuten der „Live aus dem Stadion“-Radiokonferenz. Und tatsächlich: Frau Töpperwien schreit sich wieder mal die verrauchte Seele aus dem Leib, weil auf Schalke in den letzten Sekunden das entscheidende Tor gefallen ist. Klar, in diesem Moment kenne ich alle Ergebnisse und rechne fix im Kopf die aktuelle Blitztabelle aus. Im Kopfrechnen bin ich bombenstark. Viel besser als in den letzten 90 Minuten auf dem Platz, Kopfballspiel inklusive. Abwehr, Mittelfeld oder Angriff (ich bin überall flexibel einsetzbar) – es lief heute auf allen Positionen mehr als ungünstig. Klaren Elfmeter verursacht (trotzdem gemotzt, gestikuliert und mir am Ohr rumgespielt wie einst Luca Toni bei den Bayern), zwei Hundertprozentige versemmelt wie damals Mario Gomez bei der EURO 2008 gegen Österreich, „Kuba“ seinerzeit aufs leere Tor zulaufend und vorbei schießender Weise, oder, wie passend, zum Start der 50. Jubiläums-Saison unserer deutschen Fußball-Bundesliga, ein „-ic“-Nationalspieler, gebrochen gesprochen: [-itsch], damals in Diensten meines Lieblingsvereins VfB Stuttgart, der große Kunststücke vom Elfmeterpunkt gleich doppelt ablieferte und nach dem ersten Fehlschuss links mit rechts verwechselte. Das nennt man wohl Torschusspanik. Der kann ja gar nix, der bosnisch-herzegowinische Depp, der!
Kurz gesagt: Ich war maßgeblich für die Niederlage unseres Teams verantwortlich. Zudem hat der gegnerische Torhüter, den alle nur „Discopässe Bomber Jo“ nennen, die unmöglichsten Dinger gehalten. Ich habe keine Ahnung, wie er wirklich heißt. Aber „Discopässe Bomber Jo“ hat was. Cooler Name. Vielleicht spielt er ja nächste Woche mit mir zusammen im Team. Auf jeden Fall, meine Kicker-Note: 5 (ich habe genau ein Paar Zweikämpfe gewonnen). Zusammen mit dem Bindfaden-Regen ein erstes mahnendes Zeichen, das ich im Nachhinein hätte deuten können. Heute läuft irgendwas anders als an anderen Samstagen … Egal: Spaß hat’s g’macht. Mir und allen anderen. Auch „Discopässe Bomber Jo“. Denn böse ist niemand über das Ergebnis, es zählt das Spiel an sich. Und die Vorfreude auf eine heiße Dusche, den wärmenden sportiven Retro-Trainingsanzug (braun mit orangenen Designer-Streifen), das abendliche Vesper samt Weizenbier vor der Giganten-Glotze. Denn Punkt 18 Uhr startet die Sportschau durch. Warm-up mit 3. und 2. Liga, auch die sind sehr wichtig! Dann wird es ernst.
Trugschluss!
Bis jetzt bin ich noch genau im Zeitplan, erreiche um #17.23 Uhr unser Haus am Waldrand. Meine Frau Babs hat mich bereits durch das große Wohnzimmerfenster kommen sehen. Ich habe im Gegenzug ihr ungläubiges Kopfschütteln gesehen. Und ich kann ganz genau spüren, was sie in dieser Sekunde denkt und in der nächsten aussprechen wird: „Komm’ gar nicht erst auf die Idee, mit diesen übelst versifften Klamotten auch nur zehn Zentimeter näher zu treten. Ihr müsst doch alle echt einen an der Klatsche haben, bei dem Sauwetter draußen zu kicken. Schau’ dich nur an, Ben!“ Auf diesen Satz würde ich bei einer Quote von 10:1 sofort 1.000 Euro bei bwin setzen, denke ich mir für einen kurzen Moment. Doch zunächst einmal quäle ich mich mit den ersten unüberfühlbaren Anzeichen eines fürchterlichen Muskelkaters in den eigentlich wunderbar durchtrainierten Beinen (was für Waden) und aufkommenden Rückenbeschwerden aus meinem Kleinwagen. So ein Privat-Masseur wäre wohl doch nicht ganz schlecht. Der Fahrersitz erinnert mich beim Schulterblick an das Spielfeld, welches wir unter uns Fußballfreunden „Red Dome“ nennen (fragt mich nicht, wie es zu dem Namen kam – es hat wohl was mit dem gleich neben dem Rasen gelegenen roten Tartan-Platz zu tun). Dreckig, aufgewühlt, nass, matschig und – wie meine beiden Mädels sagen würden – ziemlich pfützig. Ich hätte vielleicht doch eine große Plastikplane zwischen den Sitz und meine vor Schmutz triefende Trainingshose legen sollen. Egal, Mund abwischen, trocknen lassen, abklopfen, fertig. Stört keinen Menschen. Ist nur das zweite, unheilvolle Zeichen, das mir unwissentlich ankündigt, heute wird irgendwas anders sein als gewöhnlich.
Ich öffne die anthrazit-graue Haustür mit den drei kleinen, in der Mitte akkurat untereinander angeordneten Fensterchen, habe noch keinen Schritt in Richtung Flur gemacht, da höre ich schon Babsens vorher von weitem gesehenes Kopfschütteln – der nächste Regenschauer bricht über mich herein: „Komm’ gar nicht erst auf die Idee, mit diesen übelst versifften Klamotten auch nur zehn Zentimeter näher zu treten. Ihr müsst doch alle echt einen an der Klatsche haben, bei dem Sauwetter draußen zu kicken. Schau’ dich nur an, Ben!“
bwin-Bingo – hätte ich doch nur gezockt!
Willkommen in einer unmissverständlichen Parallelwelt. Hier treffen sich gerade 14 gestandene Männer, die in vollkommener Übereinstimmung – quasi simultan – von ihren Frauen empfangen werden. Ach, was sage ich. Empfangen? Das klingt viel zu kuschelig. Verbal niedergeprügelt ist der richtige Ausdruck. Zur Nacktschnecke gemacht. So, als seien wir alle eben vom B-Jugendspiel nach Hause gekommen, im zarten Alter von 16 Jahren.
Es dauert nur wenige Sekunden, und ich stehe bis auf die Unterhose entkleidet vor dem Haus. Eine Nacktschnecke kommt vorbei, schaut kurz zu mir auf und setzt ihre schleimige Spur Richtung Waldrand fort. Mir war so, als hätte sie kurz ihren Kopf geschüttelt. Ob das auch die amerikanische Nachbarin tut, die just in diesem Moment – unbeobachtet (denkt sie) – hinter dem Vorhang hervorlugt? „Darf ich jetzt rein?“, frage ich meine Holde. Die Antwort bleibt draußen. Auch egal, ich muss in meinem Zeitplan bleiben, besser gesagt, unnötig eingebüßte Zeit wieder reinholen. Die routinierte, entspannte Dusche wird so zur hektischen Einseif-Orgie mit Haar-Shampoo. Lieblings-Duschgel ist leer, kein anderes greifbar. Ich bin wirklich von oben bis unten eingesaut. Selbst in den Haaren klebt der Schnodder und lässt sich nur unter Protest entfernen. Das Haar-Shampoo erfüllt zwar seinen Zweck, riecht aber lange nicht so gut wie mein eigentlicher Dreck-und-Schweiß-Entfernungs-Drogerie-Artikel. So ist das eben mit den samstäglichen Ritualen. Man weicht nullkommanull oder nur äußerst ungern, wenn absolut keine andere Alternative mehr denkbar ist, davon ab.
Im Nachhinein werte ich das leere Lieblings-Duschgel als weiteres Zeichen dafür, dass sich mein ganzes Umfeld gegen mich verschworen hat. Sogar dieses sonst so herrlich nach Limette und Kokos duftende, miese, kleine, durchtriebene, hinterlistige Drecks-Gel! Doch zu diesem Zeitpunkt bin ich trotz Eildusche nach wie vor gut gelaunter Dinge, dass mein Samstags-Rhythmus wie gewohnt den treibenden Fußball-Beat aufrecht hält.
Kurzer Nachtrag: Der Abfluss war verstopft – mit langen dunklen Haaren meiner Frau und irgendwelchen Staubfusseln. Okay, von mir waren auch ein paar Schamhaare dabei. Ich habe das Auffangsieb professionell gereinigt. Soviel Zeit musste sein, um weiteren haarigen Diskussionen aus dem Weg zu gehen. Hat mich auch nur eine knappe Minute gekostet. Ist verschmerzbar.
Regal 04:
Verdribbelt – Wie ich das Spiel
aus der Hand gebe
Im gewohnten Samstagabend-Schlabber-Retro-Look komme ich die Treppe herunter und begebe mich bestens gelaunt ins Wohnzimmer. 17.53 Uhr, voll in der Zeit, yes! Der Esstisch ist vorbereitet, alles steht an seinem Platz. „Danke, mein Schatz!“ Kurzes Kopfnicken, mehr nicht.
Mehr nicht? Oh doch. Entgegen des sonstigen „Ich würdige dich keines BIickes“-Kopfnickens erspähe ich aus dem Augenwinkel ein leicht gehässig wirkendes Grinsen. „Is’ was?“, frage ich eher beiläufig, während ich mein Schönbuch Hefeweizen (dunkel) in das mit Weizen-Ähren verzierte Lieblingsglas einschenke sowie das hölzerne Vesperbrett (eingraviert steht am Rand entlang „Bens Fußball-Vesper“, haben mir die anderen Jungs geschenkt, das bekommt jeder nach dem ersten Mal – also nach der Samstags-Kick-Premiere – ist so was wie ein Ritual) mit Landjäger, Rauchpeitsche, sauren Gurken und drei Scheiben Weizenmischbrot belade. Dazu einen Tupfer Senf, einen Tupfer Ketchup und einen Tupfer scharfen Meerrettich.
„Ja, also, weißt du, ich sag’s ja nur sehr ungern“, entgegnet mir meine Frau. Sehr ungern … Wer’s glaubt. Wir kennen uns seit fast 20 Jahren. Die Tonlage ihrer Stimme und der mehr als ironische Gesichtsausdruck verraten mir das genaue Gegenteil. Ich also: „Was willst du mir denn sooo ungern sagen?“ Sie kann sich die nächste spitze Bemerkung nicht verkneifen: „Gut, dann ohne großes Drumherumreden: So sehr ich deinen heiligen Buli-Samstag-Abend auch ehre und seit all den Jahren ohne Gegenwehr akzeptiere. Heute ist der Tag gekommen, an dem du ein ganzer Kerl sein musst.“ Ein ganzer Kerl? Kenne ich nur aus der Werbung für ekelhaftes, völlig überteuertes Hundefressen. Was will sie nur von mir? „Du willst mir doch nicht etwa beichten, dass du in meiner kurzen Abwesenheit und ohne jegliche Rücksprache mit mir einen Hund für die Kinder gekauft hast?“ Sie schüttelt locker ihren Lockenkopf. „Aber nein, mein Schatz, wie könnte ich dir das antun. Allergie und so. Ich weiß schon, dass wir nie Haustiere haben werden. Nicht mal Fische. Nein, nein, es geht um dein höchstes wöchentliches Gut: Ben, du wirst heute nicht deinen fußballerischen Sport- und Fernsehgewohnheiten nachgehen können.“
Oh mein Gott! Was muss ich da hören? Ist es wirklich wahr, stehe ich in meinem eigenen Haus? Ist es Samstag? Bleibt der Fernseher ernsthaft aus? Kann mich bitte jemand zwicken?
Ich schaue tief in die Augen meiner Frau und versuche zu lesen, was sie mit diesem einen Satz versucht, an mich heranzutragen. Dann muss ich laut lachen: „Wow, Babs, jetzt hast du mich aber echt fast erwischt. Um ein lockiges Haar hätte ich dir abgenommen, dass …“. Weiter komme ich nicht, denn meine Frau blutgrätscht unsanft dazwischen. Was sie sonst nie tut. „Ich meine es ernst. Für dich steht heute den Rest des Abends kein Fußball auf dem Programm. Der Ablauf ist wie folgt (sie holt eine Checkliste aus der linken Gesäßtasche): Gemeinsames Abendessen, alle drei Kinder bettfertig machen und auch ins Bett bringen, vorzeigbare Klamotten anziehen und ab in den Supermarkt zum Samstagabend-Einkauf. Ohne Umwege. Du weißt doch: Morgen kommen die Ackers aus Niedersachsen zu Besuch. Und da möchten wir was Tolles auf den Tisch zaubern. Schließlich haben wir die Vier schon über zwei Jahre nicht mehr gesehen!“
Wir wollen was Tolles auf den Tisch zaubern. Wir! Ich kann mich nicht daran erinnern, dass ich jemals was Tolles auf den Tisch zaubern wollte. Meine Frau spricht von uns, meint aber sich. Dementsprechend hätte der korrekte Satz heißen müssen: „Ich möchte was Tolles auf den Tisch zaubern.“ Also meine Frau, nicht ich. Sie eben. Doch das ist Wortklauberei. Nicht Ziel führend dazu.
Umso wahrer die Aussage, dass die Ackers morgen kommen, da hat sie Recht. Und ja, darauf freue ich mich sogar, denn die Ackers sind eine uns wirklich lieb gewonnene Urlaubsbekanntschaft aus der Dominikanischen Republik, die wir zwar unregelmäßig, aber doch immer wieder pflegen. Ob per Telefon, Mail, facebook, skype oder auf anderen neumodischen, vertwitterten Wegen, die wir noch nicht kennen – geschweige denn zu nutzen in der Lage sind. Morgen kommen also die Ackers aus Niedersachsen. Was für ein Timing. Stuttgart hat letzte Woche auswärts gegen Hannover klar mit 4:2 gewonnen und wieder etwas Luft zum Atmen im Kampf gegen den Abstieg. Und: Der „-ic“ hat nach einem 0:2 zur Pause und dem Anschlusstreffer durch den Österreich-Importierten „-ik“ (nein, dieses Mal nicht gebrochen gesprochen, sondern kurz und scharf und prägnant und zackig, denn das „-ik“ gehört zu Martin Harnik) allein drei Buden gemacht. Ein lupenreiner Hattrick. Ist halt doch ein Guter, der Vedad. Ach was red’ ich: Er ist Stuttgarts Bester. Hab’ ich doch schon immer gesagt! Mein absoluter Lieblingsspieler.
Gutes Gesprächsthema für morgen.
Schlechtes Gesprächsthema für heute.
„Schatz, das darfst du mir nicht antun. Ich hatte heute einen ganz schlechten Tag bei unserem Kick. Wenn man so will, bin ich an der Niederlage meines Teams maßgeblich Schuld. Da kannst du doch von mir nicht verlangen, Sportschau und Sportstudio fatzen zu lassen und stattdessen einkaufen gehen zu müssen. Wie stellst du dir das denn vor? Und dann ausgerechnet heute, wenn so viele Tore wie schon lange nicht mehr gefallen sind. Allein Lewandowski und Aubameyang haben beide wieder lupenreine Hattricks erzielt. Laut Radiobericht ein Tor schöner als das andere. Das muss ich sehen, da darf ich keine einzige Kameraperspektive verpassen!“
Ich werde erst angegafft, dann verbal angegriffen.
„Oh doch, mein Lieber. Du kannst.“
„Nein, kann ich nicht. Nicht heute. Nicht hier und jetzt.“
„Du kannst. Trau’ dich. Tschakaaa! Du schaffst das. Wenn nicht jetzt, wann dann?“
„Wenn nicht hier, sag’ mir wo und wann!“
„Wenn nicht du, wer sonst?“
„Frag’ nicht mich, nimm’ dein Glück bitte selbst in die Hand!“
„Falscher Text.“
„Ich weiß, passt aber grade besser als das Pur-Original!“
„Höhner.“
„Was?“
„De Höhner!“
„Was?“
„Der Song ist von De Höhner, nicht von Pur.“
„Na und, ist mir egal, war ja eh der falsche Text. Das Lied gibt’s in der Version so doch gar nicht. Nicht von Pur, nicht von den Hühnern, nicht von Helene Fischer. Vielleicht haben es die Rolling Stones mal auf einer ihrer Welttourneen gecovered. Oder die Fanta Vier verhiphopt, damals bei MTV unplugged, live in der Tropfsteinhöhle.“
„Das ist mir total jucke!“
„Nein, jetzt weiß ich es: Der King höchstpersönlich ist auferstanden und hat die englische Version auf altmodischem Retro-Vinyl veröffentlicht. Its now or never!“
„Ist mir erst recht so was von wurschd. Wegen mir haben die Amigos dafür 3 Mal Platin erhalten! Aber lenk’ nicht vom eigentlichen Thema ab. Du gehst einkaufen und besorgst bitte alles genau so, wie ich es dir aufgeschrieben habe. Nicht mehr und nicht weniger, ja? Hier ist der Einkaufszettel. Und Ben, vergiss’ bitte auf keinen Fall die Rambutan!“
Babs übergibt mir den beidseitig komplett Hand beschriebenen, zweifach gefalteten DIN-A4-Einkaufszettel. Schriftgröße 8. Ich versuche, das eben stattgefundene musikalische Zwiegespräch zu verdrängen.
„18 Uhr, sorry, Sportschau beginnt. Hörst du schon die Bundesliga-Fan-Fanfare?“
„Ich höre gleich unsere Familien-Frust-Fanfare. Live von mir vorgetragen.“
„Hä? Familien was?“
„Die ziemlich heftige Death-Metal-Version!“
„Aha. Terz in Moll steht an, stimmts?“
„Ist mir so was von scheiß-egal. Promill-Dur, Schiss-Moll. Such’s dir raus! Aber du wirst jetzt deinen Hintern aus diesem Haus bewegen und einkaufen gehen. Basta!“
10 Sekunden Pause, erneut sich tief gegenseitig in die Augen schauen inklusive.
„Dann entscheide ich mich doch lieber für die Sportschau, Babsi-Schatzi. Da weiß ich, was ich habe. Aber danke für deine klaren, unmissverständlichen Worte. Gerne wann anders. Nicht heute. Ich singe dann auch die zweite Stimme. Oder viel besser: Ich spiele die Luftgitarre dazu.“
Gut, ich gebe es zu. Das Gespräch verlief zum Ende hin doch leicht anders. Warum? Hättet ihr bei der Aussage meiner Frau „Die ziemlich heftige Death-Metal-Version!“ ihren Gesichtsausdruck gesehen, ihr hättet euch auch geschlagen gegeben und das Handtuch in den Ring geworfen:
Die Augen. Weit aufgerissen. Leicht hervorquellend. Teuflisch. Zum letzten Mal beim Exorzisten so heftig erschrocken. Da war ich noch einstellig jung.
