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In Relik, einer der übriggebliebenen Städte nach dem Krieg, häufen sich die Anschläge der Rebellen. In der stabilen Zone Veryal fordern die Gefechte gegen das Königreich immer mehr Opfer. Sichere Orte scheint es bald nicht mehr zu geben. Während in beiden Realitäten ideologische Konflikte unaufhaltsam eskalieren, werden Janine, Nevio und Silas aus ihrem bisherigen Leben gerissen und ohne Gnade gezwungen, sich ihren eigenen Kämpfen zu stellen. Waise, Insasse und Genie: Die Folgen der Entscheidungen, die sie treffen müssen, werden sie in ihren Albträumen verfolgen. Welche Teile seines Geistes kann man beschützen, ohne andere unwiederbringlich zu zerstören? Und bleibt man sich selbst, wenn man zwischen Unschuld und Freiheit entscheiden muss?
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Seitenzahl: 546
Veröffentlichungsjahr: 2020
Den Quellen meiner Kraft, für die sich alles lohnt.
Prolog: Vergangenheit 1
Prolog: Gegenwart 1
Kapitel 1: Spröde
Kapitel 2: Amnesie
Kapitel 3: Kritische Masse
Kapitel 4: Asoziales Umfeld
Kapitel 5: Neues und Altes
Kapitel 6: Beobachter
Kapitel 7: Kursnahme
Kapitel 8: Patient
Kapitel 9: Reflexe
Kapitel 10: Reiskorn
Kapitel 11: Aus der Ecke
Kapitel 12: Antworten
Kapitel 13: Biologie und Ideologie
Kapitel 14: Phantomschmerz
Kapitel 15: Zwei Fronten
Kapitel 16: Verschwimmen
Kapitel 17: Neue Funktion
Kapitel 18: Kooperation
Kapitel 19: Infiltration
Kapitel 20: Schein
Kapitel 21: Katalysator
Kapitel 22: Exzess
Kapitel 23: Wettrüsten
Kapitel 24: Machtposition
Kapitel 25: Interessensvertretung
Kapitel 26: Gelegenheit
Kapitel 27: Akte
Kapitel 28: Überzeugungstat
Kapitel 29: Sinnlos
Kapitel 30: Auswärtiger
Kapitel 31: Equilibrium
Kapitel 32: Versehrt
Kapitel 33: Bereitschaftsdienst
Kapitel 34: Exotherm
Kapitel 35: Sicherheit
Kapitel 36: Aufwärmen
Kapitel 37: Neuausrichtung
Kapitel 38: Empathie
Kapitel 39: Fortschritt
Kapitel 40: Meuchelmord
Kapitel 41: Aufbäumen
Kapitel 42: Angebot
Kapitel 43: Entsorgung
Kapitel 44: Verlust
Kapitel 45: Zivilist
Kapitel 46: Soldat
Kapitel 47: Verteidigung
Kapitel 48: Loyalität
Kapitel 49: Intern
Kapitel 50: Wiederholung
Kapitel 51: Verantwortung
Kapitel 52: Strassengefecht
Kapitel 53: Falle
Kapitel 54: Risiko
Kapitel 55: Bruder
Kapitel 56: Innerstes
Kapitel 57: Geheimnis
Kapitel 58: Symbiose
Epilog 1:
Epilog 2:
Epilog 3:
Epilog 4:
Epilog 5:
Bricht die Asche aus dem Boden
Kaputt und von der Welt verwoben
Umhüllt sie nun der Fäden Diener
Bleibt der Spieler doch der Sieger
Die Pein der Suche in den Ranken
Quellt aus eigenen Gedanken
Auf hoher See umringt von Gischt
Mit Taubheit stets die Sicht erlischt
Vom ersten Leiden fragend wund
Schutz versteckt im tiefen Schlund
Im Würfel ungerecht das Glück versteckt
Das Ziel der Suche stets bedeckt
Zwei getrennt von Grausamkeit
Doch einander zum Geleit
Die Antwort auf die letzten Fragen
Nur die Spiegel nicht versagen
Ein kleines Kind vom Frost berührt
Sein Schicksal wurde stets geführt
Im Kleinen nur das Grosse finden
Drängt in Dunkelheit das Winden
Gesicht benetzt von Leides Regen
Mitleid lässt die Wut erflehen
Im Sumpf der Zeit verloren
Ein leerer Schlummer ward geboren
Seit hunderten von Jahren hatte er keine Angst gefühlt.
Jedes Lebewesen fällt irgendwann der Illusion von Ewigkeit anheim, bis der Tod die Wirklichkeit wie einen Nagel in den Geist treibt. Das Wissen um die Natur seiner Handlung, deren Unumkehrbarkeit und Endgültigkeit, trug die Furcht in die Tiefen seiner Psyche.
Jedes Mal wenn ein anderer Mensch vor ihm in seiner Schlafkapsel an seinem Blut erstickte, ein Blick aus schreckerfüllten Augen sich in seine eigenen bohrte, erinnerte er sich mehr daran, wie sich die Hölle der Entscheidungen anfühlte – wie sich das Leben anfühlte. Nach diesem Tag würde er für immer als ein Verräter an der Ordnung der Dinge gebrandmarkt sein, als Schwurbrecher und vielleicht auch als Wahnsinniger. Aber von diesen Namen, die er sich in schwachen Momenten vielleicht sogar selbst verleihen würde, schmerzte ihn keiner so sehr wie die Gewissheit darum, dass seine Opfer in diesen Momenten, in denen er die Maschinen öffnete und sie tötete, für immer aufhörten zu existieren. Er hatte kaum Zeit, zu verarbeiten, sich zu schützen, denn bald würde jemand aufwachen. Jemand von ihnen würde spüren, dass sich etwas geändert hatte, dass fremde Gedanken in ihrem Heim waren, Emotionen waren, wo nichts als Leere sein sollte. Nach einem weiteren Schnitt mit seiner zuvor aus dem Nichts erschaffenen Waffe war es soweit und die erste Kapsel öffnete sich ohne sein Zutun. Der Mann, der sich daraus erhob und die Frau, die ihm sogleich aus ihrer eigenen Kapsel folgte, sahen ihn mit Entsetzen an. Der Mann schloss die Augen und schluchzte, während er am Mörder seiner Gefährten vorbeirannte und sich vor eine der Leichen kniete.
Die Frau richtete das Wort an den Feind in den eigenen Reihen. „Du siehst ... schlimm aus ... was ist mit dir passiert?“ Sie hob langsam ihre Arme und er erkannte, dass sie sich zu einem Kampf bereitmachte. Er wusste um sein Erscheinungsbild. Die Verwesung seines Geistes zeigte sich auf seinem Fleisch wie eine Krankheit. Er hätte seine Entstellung verhindern können, aber er hatte keinen Grund mehr dazu gesehen. Er sah sie forschend, um ihre Macht wissend, an.
„Passiert ...? Mit mir ...? Ich trage bloss die Zeichen der Welt auf mir. Der Welt, deren innerste Krankheit sich in jedem Lebewesen ausbreitet, sobald es erschaffen wird.“
Nichts in der Stimme der Frau, deutete auf Mitleid hin, als sie ihm antwortete: „Was du willst ... ist wider die Natur. Du-“
Aber er hatte es gespürt. Das kleine Surren, irgendwo in seinem Kopf, genau dann, wenn das immer noch schluchzende Mitglied des Ordens hinter ihm seinerseits angriff. Ein wenig Luft komprimierte sich und wurde so scharf wie ein Schwert – der Mörder duckte sich und fühlte die fast unsichtbare Klinge über seine Haare hinwegschneiden. Vor ihm hatte sich die Frau hingekniet und beide Hände auf dem Boden platziert. Er sprang zur Seite und entging nur knapp dem flüssig gewordenen Gestein zu seinen Füssen, das sich fast um seine Beine geschlungen hätte. Er schaute kurz auf die Narben am Hals der Frau und sagte: „Deine Verbrennungen erinnern an unseren letzten Kampf ... Du solltest den Ratschlag ernster nehmen, der dir auf die Haut geschrieben wurde.“
Eine weitere Kapsel fing an, sich zu öffnen. Es war an der Zeit. Er streckte seine Finger aus und riss zehn Steine aus dem grossen Bogen an der Decke über ihnen. Die Steine lösten sich mit der Kraft seiner Gedanken leicht und ohne sie stürzte die Konstruktion ein. Es dauert nur eine Sekunde, in der alle damit beschäftigt waren, sich in Sicherheit zu bringen, bis sich mit einer donnernden Erschütterung ein mehr als mannshoher Haufen Gestein in der Mitte des Raumes gebildet hatte. Sein Plan war aufgegangen. Ohne das Dach des Gebäudes wütete über ihm das tobende Chaos mit seinen Blitzen und Wirbeln. Niemand wusste, was in ihm lauerte, aber vielleicht würde es nun zu Tage treten, so wie die bis jetzt versteckte Natur der Menschen, die auf den Inseln inmitten dieses Sturms lebten. Ihre Weltsicht würde sich von Grund auf verändern. Ein notwendiges Übel auf dem Weg zur Vollendung seiner Ambitionen, der Korrektur des Falschen.
Er hielt die Steine mit seinem Willen an ihrem Platz und trat aus dem Gebäude heraus. Hinter ihm begann sich Lava durch den Wall zu fressen, aber es kümmerte ihn nicht. Mit einem Ruck liess er die Steine auf seine Gegner hinter dem Haufen herabregnen und nutzte den Augenblick, um zu tun, was er schon so lange geplant hatte.
Er atmete ein und riss mit seinem Willen die Grenzen ein, die seit Äonen trennten, was zusammengehörte. Die Wucht der Tat liess seinen Geist vibrieren und hinterliess ihn erschöpfter als je zuvor. Da sein Ziel vollbracht war, blieb nun nur noch das Letzte zu tun. Der Mann schloss die Augen und als er seine eigenen Grenzen auflöste, war die Angst wieder da.
Sie wuchs in alle Richtungen, bis sie in jedes Versteck seines Geistes eingedrungen war und ihre schrecklichen Blüten öffnete. Sie blieb bei dem Verräter wie ein alter Freund, sie ging auch nicht, als er ein kleines Portal an seiner Brust öffnete und sich das nur noch schwach schlagende, dunkel verfärbte Herz aus der Brust riss. Sie geleitete ihn in den Schlaf, der sich über ihn legte, während er zusammenbrach und sein Innerstes ein letztes Mal pulsierte.
„Es ist nur eine Frage der Zeit.“
Der Lord schaute in das Gesicht seines Beraters und verstand langsam, dass er Recht hatte. In den letzten Jahren war es immer wieder zu kleinen Scharmützeln bei den Portalen gekommen, kleine Sabotageakte an den Artefakten im Strom.
„Wir wissen, dass erst ein anderes Volk einen Pakt mit Kreaturen geschlossen hat. Noch sind wir im Vorteil; aber das wird nicht mehr lange so sein. Wir können es uns nicht mehr leisten, zimperlich zu sein. Die Eskalation wird kommen und wenn es soweit ist, ist derjenige im Vorteil, der sie hervorgerufen hat.“ Der Lord stand auf und ging zum Fenster.
Die Aussicht interessierte ihn nicht; der anklagende Blick seines Beraters passte ihm nicht. Mit einer kleinen Pause riss er die Kontrolle des Gesprächs wieder an sich.
„Was schlägst du vor?“
„Wir müssen anfangen, die Verteidigungsstrategien zu konkretisieren und ...“
Ein kleines Zögern. Der Lord drehte sich um und schaute ihm direkt in die Augen. Er konnte niemanden gebrauchen, der nicht von seinen eigenen Ansichten überzeugt war.
„Und?“
Der Mann fing sich und sagte: „Und einen Präventivangriff wagen.“
Der Lord versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie viel Sorge ihm dieser Plan bereitete. Er konnte nicht beurteilen, ob es ihm gelang: Die Miene seines Beraters war ausdruckslos. „Wir würden uns damit für immer die Möglichkeit nehmen, in Friedensverhandlungen souverän aufzutreten ...“
„Die wird es nie geben, mein Lord. Wir wissen beide um ihre Ideologie. Hast du vergessen wie viele Spione nun für sie arbeiten? Denk an unser Volk-“
„Ich denke an nichts anderes!“
„Nein, natürlich nicht.“ Der Lord senkte seinen Blick. „Der König macht mir Sorgen ... es sieht nicht danach aus, als wäre er für Verhandlungen bereit ... Aber können wir wirklich ...?“
Der Berater verzog keine Miene. „Lass mich nun bitte alleine, ich muss nachdenken. Aber nicht, bevor ich dir nicht zu deinen Erfolgen in der Diplomatie gratuliert habe. Wir haben den Pakt dir zu verdanken und dafür gilt dir mein höchster Respekt.“ Die Körperhaltung seines Gegenübers lockerte sich merklich.
„Dafür danke ich dir, alter Freund. Es war nicht einfach, aber der erste Schritt ist ein wichtiger. Geheim bleiben wird es nicht lange, aber solange haben wir einen Vorteil. Wir haben schon die nächste stabile Zone entdeckt.“
Der Lord nickte anerkennend. „Wie läuft es mit deinem Training? Du hattest einiges nachzuholen ...“
Der Berater schien sich ein Grinsen nicht verkneifen zu können und hob seine Arme ein wenig an. Hellgrüne Flammen loderten um seine Unterarme und wuchsen, bis sie ihn beinahe einhüllten. Der Lord stolperte instinktiv zurück und fühlte die plötzliche Hitze auf seinem Gesicht brennen.
„Die Hitze ist sehr viel grösser als bei allen Vorherigen! Ich musste“
„Das merke ich!“
Ein wenig erschrocken liess sein Berater die Flammen augenblicklich verschwinden und der Raum kühlte sich ab. „Entschuldigung.“
„Nein ich ... bin froh um deine Fortschritte. Verrätst du mir deine Strategie? Ich war schon immer verwundert, dass du deine Forschung auf etwas derart ineffizientes wie Feuer konzentrierst.“
„Nun, es geht darum, die Beschaffenheit unseres Körpers auszunutzen. Zufälligerweise scheint ein gewisser Stoff ein enormes Hitzepotenzial in sich zu tragen und kann aus unserem eigenen Körper hergestellt werden ...“
„Ich sehe, das wird länger dauern. Erzähl mir doch bitte am Abend mehr davon.“ Der Lord lächelte, um klarzumachen, dass ihn die Vorgehensweise wirklich interessierte.
„Natürlich, es gibt Wichtigeres.“ Die Freundlichkeit in ihrer Mimik verriet ihnen, dass sie sich verstanden.
Als der Lord alleine war, blickte er mit ernster Miene aus dem
Fenster. Die Welt ist im Umbruch. Aber war sie jemals stabil? Haben wir
uns zu sicher gefühlt? Wir haben aufgehört zu streben. Danach zu streben, unsere Vorstellungen zu verwirklichen. Aber war die Ruhe es wert ...? Langsam setzte die Dämmerung ein und warf ein orangenes Licht über das Dorf. Ein Anflug von Sentimentalität überkam ihn und seine Gedanken machten sich selbstständig, breiteten die Flügel aus und führten ihn über die vielen Entscheidungen in seiner Vergangenheit.
Die altbekannte Wut stieg in ihm auf, der Zorn darüber, wie erbärmlich die Welt im Vergleich zu dem war, was sie sein könnte. Aber nun gesellte sich die Angst dazu, es könnte noch schlimmer kommen.
Janine
Janines Wohnung
Platsch!
Janines Fuss tauchte beim Aufstehen in eine Flüssigkeit, bevor sie stolperte, herumwirbelte und dann auf den Rücken fiel, während das Getränk auslief und eine Pfütze bildete. Ihr Bein wurde nass und alles drehte sich. Sie rieb sich kurz über die Augen und wollte sich durch die Haare fahren – sie erschrak. Wo gestern noch schulterlange Haare gewesen waren, fuhren ihre Finger nun über kurze Stoppeln, die bis zur Mitte ihres Schädels reichten. Was zum Teufel?
Sie setzte sich auf und bemerkte den kalten Plattenboden auf ihrer Haut. Sie hatte nackt geschlafen und nun war ihr eiskalt. Instinktiv schaute sie zu ihrer Kommode am anderen Ende des Zimmers – sie war unangetastet. Erleichtert hielt sie sich an ihrem Bett fest und stand auf. Sie hob kurz die Decke und ihr Portable Display purzelte heraus - die Zeitanzeige verriet ihr, dass sie seit zehn Minuten in der Schule sein sollte. Alle Gefühle, die bis jetzt unter einem Schleier von Restalkohol und Müdigkeit verborgen gewesen waren, schlugen mit der Unaufhaltsamkeit einer Lawine ein. Panik und Angst vor dem bevorstehenden Tag hielten sie für einige Sekunden im Griff, bis sie sich zusammenriss und ins Badezimmer ging. Ein Schlachtfeld von roten, abrasierten Haarsträhnen im Waschbecken, verstreuten Kleidern und einem Handtuch am Boden erwarteten sie. Trotz ihrer Kopfschmerzen räumte sie auf – sie liess sich Zeit, bis alles wieder an seinem richtigen Platz und sauber war. Sie wäre gerne einfach gegangen – aber ihre Wohnung musste aufgeräumt sein.
Sie schaute sich noch einmal um – würde es Mutter so gefallen? - und schaute dann in den Spiegel, wo ihr ein Trauerspiel entgegenblickte. Sie fühlte sich schrecklich und sah nicht besser aus: tiefe Augenringe, leichenblasser Teint und aufgesprungene Lippen. Nach einigen Schlucken Wasser vom Wasserhahn mischte sie sich mehr von dem illegalen Gift, um den Schultag zu überstehen und schlüpfte in die Klamotten vom Tag vorher. Mit nach Zufallsverfahren gepackter Schultasche stand sie dann vor ihrer offenen Wohnungstür und schaute wie immer noch einmal zurück. Die Kommode, auf der eine alte Kinderzeichnung von ihr war, stand wie immer gegenüber von ihr und sie rief: „Tschüss Mama, tschüss Papa!“, bevor sie in den Flur trat und die Wohnungstür mit einem Knall hinter sich zuwarf.
Auf dem Weg in die Schule hörte sie laut Musik über ihre Kopfhörer und lehnte sich mit dem Kopf an das Fenster der Strassenbahn. Kurz blitzte der Gedanke auf, dass doch sicher Hausaufgaben zu erledigen gewesen wären – der verflog jedoch so schnell wieder, wie er gekommen war. Auch wenn sie sich die Mühe gemacht hätte, gekonnt hätte sie sowieso wieder nichts. Sie nahm einen Schluck aus der mitgebrachten Flasche und erschauderte. Sie hatte es mal wieder übertrieben. Schlussendlich hatte sie sich entschieden, dass sie lieber die zweite Woche in Folge behauptete, ihre Gelenke würden schmerzen, um den Sportunterricht zu schwänzen, als sich der Folter der Nüchternheit auszusetzen.
Sie stieg aus und hielt wie jeden Morgen kurz am Kiosk, um sich die stärksten aller Lutschtabletten zu kaufen. Sie konnte sich auch angetrunken gut zusammenreissen, aber riechen würde man den Alkohol auf jeden Fall, auch wenn sie sich die Zähne geputzt hatte. Grimmig schlenderte sie auf den blitzblanken Pausenhof und zerbiss das erste Bonbon. Ein penetranter Minze-Geschmack erfüllte ihren Mund und kräuselte sie in der Nase. Sie erreichte den Eingang und musste wie immer ihren Gang für eine Sekunde unterbrechen, bis die Türsensoren gnädigerweise ihre Anwesenheit registrierten.
Wieso repariert nicht mal endlich jemand diese Scheissdinger? Sie nahm sich fest vor, in irgendeinem unbeobachteten Moment Klebeband darüber zu kleben, um eine Reparatur zu erzwingen. Sie marschierte durch die Tür, nur um direkt wieder kehrtzumachen. Ich hab’ noch gar keine geraucht heute. Sie versteckte sich neben dem Schulgebäude und zündete sich eine Zigarette an. Sie liess den Rauch gedankenverloren aus ihrem Mund herausschweben und verfiel in eine sentimentale Stimmung. Noch einen Schluck aus der Flasche. So stark ist es doch gar nicht ... Sie überlegte sich, was sie hier eigentlich tat.
„Wir geben keinen auf!“, lautete das Credo ihrer Schule für Jugendliche, die zu renitent für sonst irgendwo, aber zu brav für die Psychiatrie waren. Nein, dachte sie grimmig, ihr gebt wirklich nie auf. Arschlöcher. Sie setze sich auf den Boden und lehnte sich an die kalte Mauer. Ihr Hinterkopf wurde angenehm gekühlt, als sie die immer noch aufgehende Sonne beobachtete. Irgendwo über ihr musste ein Fenster geöffnet sein; sie hörte ein entferntes Gemurmel von einer einzigen Person. Janine glaubte ihren Mathematiklehrer herauszuhören, war sich aber nicht ganz sicher. Wer rechnet schon mit Buchstaben? schoss es ihr durch den Kopf. Ihr fiel niemand ein. Sie fing an, sich ernsthaft zu überlegen, wo zur Hölle man dieses Zeug eigentlich gebrauchen konnte.
Gedanken über ihre Zukunft drängten sich in ihren Kopf und sie begann darüber nachzudenken, was sie eigentlich mal machen wollte – Überlegungen, die sie ansonsten mit ziemlicher Gründlichkeit vermied. Sie hatte nur noch zwei Jahre in dieser Schule; dann würde sie entweder eine Forscherlaufbahn bei der Regierung oder einen Wartungsberuf anstreben müssen. Sie hatte auf beides überhaupt keinen Bock.
Dass wir es immer noch nicht hinbekommen haben, nicht mehr arbeiten müssen, dachte sie grimmig. Natürlich, viele Berufe wurden mittlerweile von ziemlich guten Maschinen erledigt – die musste aber jemand herstellen. Ausserdem war die Infrastruktur der Stadt mittlerweile derart vernetzt, dass sie von dutzenden Administratoren in Echtzeit überwacht werden musste, wofür es jahrelange Ausbildungen gab. Aber den halben Tag vor der Konsole 'rumsitzen? Nein danke. Janine seufzte und versank in dem kindlichen Wunsch, ihr Leben würde sich von selbst regeln. Plötzlich wurde ihr bewusst, wie lange ihre Zigarette schon ausgedrückt vor ihr lag. Sie stand auf und musste sich an die Mauer stützen, um nicht gleich wieder hinzufallen. Sie fühlte sich erbärmlich und schämte sich, wenn sie sich vorstellte, ihre Eltern sähen sie. Zum zweiten Mal trat sie durch die Tür und ging zu einem der grossen Bildschirme an der Wand, um in Erfahrung zu bringen, wo zur Hölle sie hinmusste. Sie hatte schon wieder vergessen, welcher Tag heute war. Als der Text vor ihren Augen zu verschwimmen begann, kniff sie eines zu und las angestrengt ihren Stundenplan. Mathematik. Super.
Sie stiess die Türe demonstrativ ohne zu klopfen auf und unterbrach damit ihren Lehrer mitten im Satz. Sie genoss dieses Gefühl, es gab ihr wenigstens ein Quäntchen Macht. Während die Schüler nur gelangweilt nach rechts sahen und dann die Gelegenheit nutzten, kurz auf ihr PD zu schauen, sprach sie der Lehrer in gewohnt-gezwungener, pädagogischer Manier an: „Guten Morgen Janine. Welch’ Ehre, dass sich die Prinzessin nicht zu schade für meinen Unterricht ist und deswegen extra ihren Friseurbesuch unterbrochen hat.“
Die Klasse lachte kurz auf. Sie grinste gehässig und setzte sich an ihren Platz, um die daliegenden Blätter zu studieren - anscheinend war immer noch Algebra dran. Ihre Laune sank noch weiter und sie wollte wenigstens einmal den Versuch wagen, mitzukommen. Während ihr Lehrer mit seinen Erklärungen weiterfuhr, starrte sie auf die Aufgaben und versuchte sich irgendeinen Reim darauf zu machen. „Binomische Formeln“ war der Titel. Bi ... was hiess das noch mal? Ihr Lehrer hatte es mal erwähnt ... Es war doch so einfach zu merken gewesen. Sie schaute wieder auf ihr Blatt. Überall Buchstaben und Bruchstriche. Sie schaute nach vorne auf die Wandtafel, um gerade noch mitzubekommen, wie der Lehrer mit einem Schwamm ihre letzte Hoffnung auf Verständnis wegwischte.
Als er sich umdrehte und ihren genervten Blick sah, lächelte er spöttisch. Natürlich wusste er genau, dass sie keine Ahnung hatte, was sie tun sollte. Aber die Hilfsbereitschaft von Lehrern ging immer nur soweit, wie es gerade noch bequem für sie war.
Während die anderen Schüler hie und da etwas auf ihre Blätter schrieben, lehnte sich Janine zurück und versuchte, nicht gleich wieder aufzustehen und aus dem Klassenzimmer zu rennen. Sie probierte, sich zusammenzureissen und beschloss, ihrem Lehrer die Genugtuung zu geben und nach Hilfe zu fragen.
„Herr Rehmann ... ich verstehe die Aufgaben nicht.“, sagte sie zögerlich und bemerkte erschrocken, wie sehr sie lallte.
„Vielleicht hätten sie nicht wieder die Nacht durchmachen sollen, ihre Augenringe sehen aus, als wären sie aufgemalt, Janine. Helfen sie sich selbst, vielleicht lernen sie es ja so endlich.“, antwortete dieser ohne einen Funken Mitleid.
Na dann eben nicht, Arschloch. Sie stützte wütend ihren Kopf auf ihre Hände und schloss die Augen. Sie wünschte sich irgendwo ganz weit weg, nur nicht hierhin, wo man irgendeine Leistung von ihr erwartete. Plötzlich wurde ihr schwindlig und sie öffnete die Augen schnell wieder.
Punkt fixieren ... Punkt fixieren ...
Sie entschloss sich für den Wasserspender und starrte wie besessen darauf. Langsam fühlte sie sich nicht mehr wie auf einer Achterbahn und atmete tief durch.
Also. «Bi» heisst glaube ich zwei ...
Eine halbe Stunde später hatte sie die Aufgaben vom Tischnachbar abgeschrieben. Irgendwie fühlte sie sich befreit; sie hatte etwas vorzuweisen. Begriffen hatte sie zwar überhaupt nichts, aber das konnte sie ja später nachholen. Der Alkohol fing mittlerweile richtig an zu wirken und sie verspürte einen Anflug von Glück. Sie lächelte unwillkürlich und lehnte sich in ihrem Stuhl zurück. Ihr Lehrer sammelte die Blätter ein und betrachtete stumm die gelösten Aufgaben; sie war zwar nicht fertiggeworden, aber gut zwei Drittel müssten wenigstens korrigierbar sein. Genüsslich betrachtete sie den irritierten Blick der Kugel, die gerade die Blätter einsammelte. Der Spitzname des Lehrers (für den sich Janine mit nicht geringem Stolz verantwortlich zeichnete) rührte erstens von seiner Körperform und zweitens seiner Angewohnheit, erreichte Punkte als kleine Kreise neben der gelösten Aufgabe darzustellen her.
Das Ertönen der Tonfolge, die das Ende der Stunde signalisierte, entliess die Klasse in die Pause. Janine stand als erste auf und ging zielstrebig zur Tür; sie ignorierte bewusst, dass noch Hausaufgaben aufzuschreiben wären. Irgendwo in ihrem Hinterkopf sagte ihr eine kleine Stimme, dass sie das bereuen würde, aber die konnte warten. Sie brauchte eine Zigarette und ging auf den Pausenhof. Während die nächste Stunde angekündigt wurde, zog sie den Rauch ein und atmete aus. Das Erste war geschafft. Sie hatte sich am Automaten eine Dose Cola gekauft und schüttete sie in ihre Plastikflasche.
Aaah … endlich nicht mehr so anstrengend zu schlucken. Sie zog an ihrer Zigarette und blickte in die Mittagssonne. Viel zu hell. Gelbes Scheissding.
Sie schüttete den Rest ihres mitgebrachten Gemischs herunter und musste grinsen. Der Alkohol tat seine Wirkung und hatte sie über die Schwelle gebracht. Sie fühlte sich ruhig und entspannt, nicht herumgeschubst und gefangen. Sie liess sich wieder an ihrer Lieblingswand heruntersinken und schloss abermals die Augen. Die Sonne wärmte sie gerade genug, um nicht zu frieren; die Wand war zwar ein wenig wärmer als vorher, aber sie konnte immer noch geniessen, wie sie sie angenehm kühlte.
Während sie an ihrer Zigarette zog, fiel ein wenig Asche auf ihren Unterarm. Es kümmerte sie nicht. Fasziniert betrachtete sie das Aschestückchen. Ein wenig war schon abgebrochen, der Rest schien jedoch immer noch fest zu sein. Sie fragte sich, wie es möglich war, dass die ganze Ascheskulptur nur mit einer kleinen Berührung zum Einsturz gebracht werden konnte und dennoch dem Wind trotzte und eine feste Struktur vorzutäuschen schien. Aber darüber nachzudenken war ihr im Moment zu anstrengend. Ich muss das zuhause nachschauen ...
Sie schreckte auf. Sie war eingeschlafen. Kurz fingen ihre Gedanken an zu rasen, bis sie sich fragte, wieso sie so nervös war. Was spielte es für eine Rolle? Wenigstens war sie in Mathematik gewesen. Sie schaute auf die Uhr. Sie brauchte diesmal länger um irgendetwas zu entziffern und musste ständig zwischen den zugekniffenen Augen hin und herwechseln.
13 Uhr ... verflucht. Ist das eine Zwei oder eine Drei? Sie beschloss, dass es keinen Unterschied machte. Plötzlich fiel ihr etwas ein: Tatsächlich, das kleine Aschestücken war noch immer auf ihrem Unterarm. Sie tippte mit ihrem kleinen Finger so sanft wie möglich darauf und tatsächlich – es verwandelte sich im Nu zu grauem Staub, den sie wegpustete. Mit einem kurzen Stöhnen stand sie auf und bemerkte, wie sehr ihre Beinmuskeln schon nur davon schmerzten. Kein Wunder: Sie sah an sich herab und bemerkte, wie dünn sie geworden war. Die Körper der Mädchen in ihrer Klasse fingen langsam an, weiblicher auszusehen, während ihrer immer noch dem eines Jungen ähnelte. Ihr lockeres Oberteil kaschierte ihre Brüste und ihre Beine waren spindeldürr. Sie hob ihr T-Shirt und spannte ihre Bauchmuskeln an. Sie schienen zwar immer noch durch, allerdings wegen ihres mit Alkohol gefüllten Bauchs nicht so deutlich wie sonst. Ihr fiel auf, wie trocken ihr Mund mittlerweile war und sie beschloss, in die nächste Stunde zu gehen. Vor der Tür zu ihrem Klassenzimmer hielt sie kurz inne und bemerkte, dass sie sich an ihren Alkoholpegel gewöhnt hatte: das kurze Schläfchen schien ihre Koordination auf Vordermann gebracht zu haben. Sie ging hinein und ignorierte die Kugel, die gerade Wirtschaft unterrichtete, der dasselbe mit ihr tat. Sie trat an den Wasserspender und trank bestimmt einen Liter Wasser. Das ständige Sprudeln zauberte eine wunderbar hässliche Ader auf den Hals des Lehrers. Insgeheim hoffte Janine, eines Tages für seinen Herzinfarkt verantwortlich zu sein.
So wie der atmet, ist er der das letzte Mal gerannt, als ihn seine Frau aus der Wohnung geschmissen hat. Die Geschichte hatte sich überall herumgesprochen: Als seine Frau ihn zum dritten Mal mit einer Sexarbeiterin im Wohnzimmer erwischte, fing sie an, alles nach ihm zu werfen, was sie in die Finger bekam, was ihn dazu veranlasste Hals über Kopf „auszuziehen“.
Sie drehte sich um und grinste ihn an. Sein Kopf errötete und er fing an, geräuschvoll Luft durch seine Nase einzusaugen. So langsam wie möglich ging sie zurück an ihren Platz und setzte sich. Ihr Magen gab komische Geräusche von sich, aber das war nichts Neues. Der Lehrer sass vorne auf seinem Stuhl und referierte darüber, wieso genau die Zinsen einer der Hauptverursacher für die Krise vor dem Weissen Krieg gewesen war und wie ihre Abschaffung schrittweise von statten gegangen war. „Natürlich gefiel das einigen Wenigen überhaupt nicht ...“ bemerkte er und lächelte über den Witz, den niemand verstand. Dessen schien er sich auch bewusst zu sein; er schien nur das Gefühl zu geniessen, der einzige im Raum zu sein, der den Spruch kapierte. Janine lachte sich innerlich über diese Attitüde zu Tode. Wow, er hat also per Zufall ein Buch gelesen, dass ich nicht kenne. Ich gratuliere, du Arschgeige. Sie musste ob des letzten Ausdrucks irgendwie grinsen. Wie war man bloss auf diese Beleidigung gekommen? Der Lehrer hatte ihr Grinsen dank seiner Fixierung auf die weibliche Hälfte der Klasse natürlich bemerkt und rief süffisant aus: „Na sieh einer an, Janine weiss mehr als der Rest! Möchten sie nicht ihre Klassenkameraden erleuchten?“
„Das wäre nach ihrem Unterricht wohl zu viel des Guten“, sagte sie. Der Sarkasmus schwebte geradezu durch den Raum. Kurz herrschte Stille, nur unterbrochen durch die lauten Gluckergeräusche aus ihrem Bauch. Der verspottete Lehrer schnaubte kurz und referierte dann weiter über Zinsen. Wie kommt man eigentlich darauf, für Geld Geld zu verlangen? überlegte sich Janine. Sie schob es auf die Gier der Menschen. „ ... und deswegen gibt es heute nur noch eine Bank.“ schloss Herr Kugel zufrieden seinen „kleinen Monolog“, wie er seine Laberattacken immer nannte.
„Gibt es noch Fragen?“ hängte er dahinter, während er schon die Blätter für die Hausaufgaben zusammensuchte. „BWÖÖÖAAARGH“.
Janine hatte sich urplötzlich und mit enormem Druck über ihren Tisch erbrochen. Schwer atmend stand sie auf. Ihr war so übel wie schon lange nicht mehr. Die Hand auf den Mund gepresst rannte sie zum Wasserspender und erbrach sich abermals. Ihre Bauchmuskeln verkrampften und sie krümmte sich.
So muss sich eine Lebensmittelvergiftung anfühlen, dachte sie und fuhr damit fort, die passende Geräuschkulisse für ihre Laune zu produzieren, während sie versuchte, sich irgendwie am Becken festzuhalten. Als sich ihr Magen schliesslich endlich beruhigt hatte, hing sie über dem Wasserspender und keuchte. Ihr Hals brannte wie Feuer und als sie ihren Mund schloss, spürte sie, wie die Magensäure ihre Zähne angriff. Sie zitterte am ganzen Körper. Ihr war so kalt, dass sie Gänsehaut hatte und Tränen liefen ihr das Gesicht herunter, als es sie plötzlich schüttelte.
Sie schaute langsam zur Klasse und ihr wurde bewusst, wie lange sie schon angestarrt wurde. Sie nahm eine Rolle Haushaltspapier aus dem Schrank und fing an, ihre Sauerei aufzuputzen. Alles in vollkommener Stille. Während der Lehrer sich räusperte und sagte: „M-möchten sie vielleicht lieber nach Hause, Janine?“, verharrten ihre Kameraden immer noch in Schweigen. Während dieser tatsächlich ein wenig besorgt schien, konnte sich die Klasse wahrscheinlich genau denken, wieso ihr übel geworden war. Aber keiner sagte irgendetwas, was Janine immer ein wenig Trost verschaffte.
Die Lehrer hatten sie schon angetrunken kennengelernt, diejenigen die sie aus einer unteren Stufe kannten, hatten die Verwandlung vom in sich gekehrten, abwesenden Mädchen zur jeden Tag betrunkenen, pubertierenden Rebellin mitbekommen – aber niemand schien sich zu trauen, mit ihr darüber zu reden. Janine hätte sowieso auf niemanden gehört; sie wusste selbst, was ihr guttat und was nicht. Und die Schule nüchtern zu ertragen gehörte definitiv nicht dazu. Sie war fertig mit putzen und ging, ohne noch ein Wort zu sagen, aus dem Zimmer heraus.
Sie trottete die Gänge entlang, verliess das Schulgebäude und liess sich in einer Nische zwischen diesem und dem nächsten Gebäude nieder. Sie zog eine Zigarette aus ihrer Schachtel und zündete sie an. Als sie die Spitze zur Flamme hinhielt bemerkte sie, wie ihre Mundwinkel zitterten. Sie zog länger als nötig an der Zigarette und atmete tief ein. Sie spürte einen leichten Hustenreiz und erschrak; das schmerzende Hinaushusten des Rauchs blieb ihr jedoch zum Glück erspart. Bläulicher Nebel stieg vor ihrem Gesicht auf, als sie nicht aktiv ausatmete, sondern den Rauch eher gemächlich aus sich herausschweben liess, während ihr Körper instinktiv das Atmen übernommen hatte. Sie zog ein weiteres Mal – diesmal kürzer – und inhalierte.
Die Zigarette zitterte vor ihrem Gesicht und als sie den Rauch ausatmete, konnte sie endlich anfangen zu weinen.
Nevio
Auxilium-Psychiatrie
Nevio schaute sich um. Das würde also sein Zuhause für die nächsten ... ja was eigentlich? … sein. Er hatte keine Ahnung, wie lange so eine Therapie eigentlich dauerte.
Langsam schleppte er seine Tasche zu seinem frisch bezogenen Bett und schmiss sie mit einem Schwung darauf. Sie war nicht richtig zu und einige seiner hineingestopften T-Shirts hingen heraus. Er riss sie auf und leerte sie einfach auf der Decke aus. Heraus purzelten Unmengen von dünnen Shirts, ein paar Hosen und ein Anhänger an einer Halskette. Nevio zog ihn an und studierte die kleine silberne Nachbildung einer Feder. Seine Eltern hatten sie ihm als Glücksbringer zum Abschied umgehängt. Beim Gedanken an sie wurde spürte er einen kleinen Stich. Es musste grausam sein, den eigenen Sohn in die Psychiatrie einweisen zu müssen, zumindest deutete er dies aus den traurigen Gesichtern seiner Eltern. Das letzte, an das er sich erinnern konnte war, dass er von der Schule nach Hause gegangen war ... Danach wurde es schwarz. Er war in seinem Bett wieder aufgewacht und sein Gesicht hatte sich angefühlt, als wäre jemand darauf herumgetrampelt, danach hatten ihm seine Eltern erklärt, warum er in eine Klinik müsse. An die Fahrt zur Anstalt, wie er die Psychiatrie in seinem Kopf zu nennen angefangen hatte, erinnerte er sich nicht mehr. Nur noch an eine Umarmung seiner Mutter, die ihm ins Ohr flüsterte, dass alles gut werden würde. Dann Empfang, Führung, Zimmer, Türe, Stille.
Nevio sah sich in seinem Zimmer um; das erste was ihm auffiel, war, dass restlos alles weiss war. Zur Stimmungsaufhellung? Er packte seine Kleidung und bugsierte sie, zerknüllt wie sie war, in den Schrank und schloss dessen Türen. Er überlegte, ob ihm in seinem Sweatshirt nicht zu warm werden würde, entschied sich dann aber dagegen, sich umzuziehen. Zu anstrengend. Sogar die Türknäufe sind weiss, fiel ihm auf. Er sass aufs Bett und wusste schlichtweg nicht, was zu tun war. Das Abendessen schien schon vorbei zu sein, die Sonne würde auf jeden Fall nicht mehr lange scheinen, wie er den langen Schatten entnahm, die die Einrichtung des Zimmers auf den Boden warf. Er entschloss sich dazu, aufzustehen und sich ein wenig umzusehen. Was hätte er auch sonst tun sollen? An ein Buch hatte er nicht gedacht und einen Laptop besass er nicht. Wahrscheinlich wären aber derartige Geräte sowieso nicht erlaubt gewesen; er hatte im Vorbeigehen einen Blick auf eine Art Computerraum erhaschen können. Sicher war die Zeit an technischen Geräten limitiert, um den Fokus auf die Therapie zu richten, sein PD hatte er auf jeden Fall schon abgeben müssen. Oder war es zuhause? Er wusste es nicht mehr.
Er öffnete die Tür und war überrascht, wie schwer sie war. Bei näherem Betrachten stellte er fest, dass sie aus massivem Eisen oder einem anderen Metall war. Nevio war plötzlich daran interessiert, was passiert sein musste, um diese Türen nötig zu machen, bevor ihm einfiel, dass wahrscheinlich Menschen wie er dafür verantwortlich waren. Ein wenig traurig darüber ging er in den ebenfalls weissen Flur, in dem nur geschlossene und halb geöffnete Türen verrieten, dass hier Menschen lebten. Nach einer Weile kam er zu einem grossen Gemeinschaftsraum und blieb kurz stehen. Es waren nicht viele Leute da; nur vereinzelt wurden die Sofas genutzt. Er erblickte einen kleinen Jungen mit hellgrünen Haaren und Stupsnase, der lethargisch seine komplizierte Skulptur aus Bauklötzen fixierte; ein Mädchen, vielleicht ein paar Jahre älter als er, mit langen, dunkelblauen Haaren, welches an einem der Computer sass und einen weiteren Jungen, er musste etwa im selben Alter wie Nevio selbst sein. Er trug kurz geschorenes, braunes Haar und sein leichtes Lächeln wirkte verschmitzt. Er hatte bereits leichten Bartwuchs; nicht so dicht um sich einen 3-Tage-Bart stehen zu lassen, wie er es tat, aber gerade so dass es nicht komplett lächerlich aussah. Keiner hatte sich nach Nevio umgedreht oder ihn angesehen. Er machte einen Schritt in den Raum hinein und fiel beinahe hin, als er über ein Bauklötzchen stolperte. Natürlich war ihm nun jegliche Aufmerksamkeit sicher.
Der kleinere Junge guckte ihn mit grossen Augen an; er schien verängstigt zu sein und zog seine Knie an sich. Sein grasfarbenes Haar fiel ihm dabei in die Augen, so dass der Blickkontakt verloren ging.
Der andere schien sich nicht gross zu kümmern; nur kurz schielte er zu Nevio und las dann weiter. Sein Blick war intensiv und taxierend gewesen – als hätte er darauf gewartet, dass jemand hineinkam.
Einzig das Mädchen oder sagt man schon Frau? fragte sich Nevio kurz, stand auf und lächelte herzlich. Es wirkte antrainiert; auch die Hand, die ihm entgegengestreckt wurde, war viel zu straff nach vorne gerichtet, als dass es eine natürliche Bewegung sein konnte. „Hi“, sagte sie und wirkte dabei bemüht, so freundlich wie möglich zu klingen. Nevio ergriff ihre Hand und begrüsste sie mit einem „Hallo“. Als das Wort seine Lippen verliess, merkte er erst, wie emotionslos er sprach. Er überlegte kurz, ob er es noch einmal freundlicher probieren sollte; traute sich aber nicht. Sofort regte sich Sorge in ihm, er wollte nicht, dass ihn wieder niemand mochte. Dann fiel ihm auf, wie lange sie sich schon die Hand gaben; hastig liess er sie los und vermied es, ihr in die Augen zu schauen. Sie war errötet und völlig aus dem Konzept geraten. Ein kleiner Anflug von Schuld schlich sich in Nevios Kopf. Er versuchte die Situation für sie angenehmer zu machen, indem er sie vom Thema ablenkte. „Wie heisst du?“ fragte er, diesmal freundlicher.
„S-Sabrina“, kam es zurück. Sie schien sich irgendwie nicht fangen zu können. Es war, als stünde ein anderer Mensch vor Nevio; sie liess ihre Schultern hängen, aus ihrem Gesicht war die Mimik verschwunden und sie vermied es, Nevio anzusehen. Ausserdem schien sie nicht zu wissen, wo sie ihre Hände lassen sollte; sie wechselte beinahe im Sekundentakt zwischen Verschränken, hängen lassen, in die Hosentaschen stecken oder auf ihrer Schulter ablegen. Und das nicht einmal synchron; sie schien schlichtweg keine Ahnung davon zu haben, wie man als normaler Mensch dastand.
„Lass es. Du musst dich nicht verstellen“, versuchte Nevio liebevoll zu sagen. Es kam irgendwie eher etwas anbiedernd rüber. Aber plötzlich ging eine Veränderung in ihr vor. Wo sie vorhin völlig verkrampft war, entspannte sie sich. Sie liess ihre Arme einfach hängen und guckte ihn dann für einen Moment ausdruckslos an. Sie war ein wenig kleiner als er und eher kurvig gebaut – ihre Haltung war schüchtern.
„Danke“, sagte sie, ohne dass ihr herzförmiges Gesicht eine Miene verzog. Nevio freute sich darüber, ihr vielleicht geholfen zu haben. „Wie heisst du?“ fragte sie und fixierte Nevios Brustkorb. „Nevio“, antwortete er und hoffte insgeheim nicht jeden Patienten bei der ersten Begegnung in den Wahnsinn zu treiben. „Freut mich“, kam es zurück. „Der Kleine vor dem Sofa heisst Lion und-“ „Ich heisse Falk“, ertönte eine bestimmte Stimme. Er kam geradewegs auf ihn zu, packte Nevios Hand und schien sie zerquetschen zu wollen.
„Wieso bist du hier?“ fragte er und Nevio bemerkte, dass Falk nur noch ein paar Zentimeter vor ihm stand und ihn angrinste. Er scheint es irgendwie eilig zu haben.
„Äh ... das sagen sie mir bestimmt noch.“, war die Antwort und er bemerkte, wie hilflos das klang. „Du?“
„Hab in meiner Schule das Scheisshaus in die Luft gejagt. Zum dritten Mal.“ sagte er stolz und grinste ein wenig breiter. Die Art, wie er dies verkündete, liess vermuten, dass er immer dieselbe Formulierung benutzte, weil es so cool klang. „Feuer ist zu langsam“, fügte er betont locker hinzu und schien Nevios Zustimmung zu erwarten.
„Nun ja ... Ja-“
„Aber jetzt kann ich nicht mal mehr was anzünden. Hab schon alles probiert. Geht nicht.“, sagte er resigniert und guckte kurz weg. Besser so ... dachte Nevio und sah vor seinem inneren Auge kurz Falk lachend mit Dynamitstangen durch die Anstalt rennen. Eindeutig besser.
Er ging zum Sofa und versuchte irgendeine Art von Kontakt mit dem kleinen Lion aufzunehmen. Dieser hatte aber mittlerweile seinen Kopf hinter seinen Beinen versteckt und sah wie ein kleines Päckchen mit grünem Deckel aus. Er bewegte sich keinen Zentimeter. Nevio stupste ihn an. Keine Reaktion. Er beschloss, ihn nicht weiter zu stören. Als er aufsah, bemerkte er, dass Sabrina ihn beobachtet hatte.
Sie guckte hastig weg. „Soll ich dich herumführen?“ fragte sie, ihren Blick wieder auf seinen Brustkorb gerichtet. „Gerne“, sagte Nevio und war ob der Aussicht, etwas zu tun zu haben, erleichtert. Falk, der mittlerweile wieder sein Buch las, rief ihnen ein „Viel Spass!“ zu. Seine dominante Art machte Nevio nervös. Ausserdem gehörte Falk zu diesen Menschen, bei denen sich Nevio nie sicher war, ob sie sich lustig über einen machten oder nicht. Er ging mit Sabrina durch die Gänge. Sie starrte stur geradeaus. Er musterte ihre Kleidung, die eine für diesen Ort seltsame Normalität ausstrahlte. Sie war ungeschminkt. „Ist etwas?“ fragte sie, ohne Nevio anzusehen.
„Ich habe mich nur gefragt, weshalb du hier bist.“ log Nevio. Im selben Moment fiel ihm auf, wie unglaubwürdig das klang.
„S-sag ich dir später.“, kam die unsichere Antwort. Ihm fiel auf, dass sich ihre Arme während des Gehens nicht bewegten. Aber wie nennt man sowas? Roboter-Syndrom?
„Hier ist die Cafeteria. Hier gibts Essen.“ erklärte sie. „Rauchst du?“
„Ich glaub, ich fang damit an“, sagte Nevio trocken.
„Oh! Dann können wir zusammen gehen!“ sagte sie und lächelte ihn an. Sie schien sich ehrlich zu freuen, auch wenn ihr Lächeln ein wenig zu breit war. Nevio erwiderte es. Ihn überkam ein mulmiges Gefühl. Er konnte es sich nicht erklären. War er nervös? Aber das war doch gerade etwas Gutes ... Er versuchte sich einzureden, dass er es dieses Mal schaffen würde. Mit dem Rauchen anzufangen, schien ihm eine gute Strategie zu sein, um zu jemandem dazu zu gehören. Sie waren am Balkon angelangt. „Willst du gleich jetzt damit anfangen?“
Nevio überlegte. Wieso eigentlich nicht?
Sie öffneten die Tür und gelangten nach draussen. Es war Frühling und trotzdem erschien ihm der Wind ein wenig zu kalt. Überrascht bemerkte er Wellengeräusche:
Sie standen am Wasser. Die Anstalt war anscheinend auf der Insel neben der Stadt gebaut worden. Sabrina reichte ihm eine Zigarette und sie sahen sich die schwach beleuchteten Gebäude an. Weisse Hochhäuser standen fast Mauer an Mauer und liessen nur Platz für die kleinen, dunklen Seitengassen der Stadt. Das Regierungsgebäude, der höchste Wolkenkratzer der Stadt, thronte wie ein Leuchtturm zwischen denjenigen, die Wohnungen beinhalteten. Man sagte, es rage über einen Kilometer in die Höhe und werde ständig ausgebaut. Während sich Nevio überlegte, wie zur Hölle das eigentlich gehen sollte, fiel ihm auf, dass ihm Sabrina ein Feuerzeug hinhielt.
„Ähm ... Was mach ich jetzt?“
„Du hältst die Zigarette ans Feuer und atmest dann einfach ein.“
Ich bin ein verfluchter Idiot. schoss es ihm durch den Kopf. Er tat wie geheissen und der Rauch wanderte direkt wieder aus seinem Mund.
„Nein, du musste danach noch weiter einatmen. Schau.“ Sie führte es ihm vor. Das Resultat war ein erstarrter Nevio, der krampfhaft versuchte, nicht an einem Hustenanfall zugrunde zu gehen. Sabrina lachte ein wenig. Nevio musste grinsen. Nach ein paar Zügen wurde ihm angenehm schwindlig. Er rauchte fertig und schwankte – Sabrina hielt ihn am Arm fest. Er zuckte zurück; die Bewegung hatte sich wie ein Stromschlag angefühlt.
„Entschuldigung, ich dachte du fällst.“
„Ist nicht deine Schuld ...“ sagte Nevio und starrte verwundert auf seinen Arm. Was ist mit mir los? Es läuft doch gut ...
Sie schauten den Autos zu, die sich wie kleine Lichter durch die Stadt bewegten.
„Es sieht irgendwie surreal aus.“ bemerkte Sabrina.
Nevio stimmte ihr zu. Nach einiger Zeit veränderte sich ihre Aussicht: Der Mond, der über der Wüste hinter der Stadt nun ganz aufgegangen war, verwandelte die Gebäude in eckige, schwarze Klötze; sie hoben sich nur als Silhouetten vom Nachthimmel ab.
Das Mondlicht wurde an den sanften, nun an den Spitzen silbrigen Wellen reflektiert und Nevio bewunderte das Panorama. Sabrina schien davon ziemlich unbeeindruckt und zündete schon die Zweite an. Nevio fragte sich, wie spät es wohl war, kümmerte sich aber nicht weiter darum. Er berührte den Federanhänger an seiner Brust und versank in Gedanken.
Was seine Eltern wohl gerade machten?
Ein Klopfen an der Scheibe riss ihn aus seinen Gedanken. Zuerst war er verwirrt, bis er ein wenig nach unten sah und Lion entdeckte, der mit grossen Augen an der Tür stand. Als er die Türe öffnete, tapste der Kleine nach draussen und guckte Nevio fragend an.
„Heb' ihn hoch. Er sieht nichts.“ kam die Erklärung. Nevio hob ihn auf und Lion schaute sich die Aussicht an. Er sagte kein Wort; er schien bloss die Eindrücke aufzusaugen. Schliesslich zappelte er mit den Beinen und Nevio liess ihn wieder herunter. Dann verschwand er wieder in die Anstalt.
„Was war das denn jetzt? Wieso redet er eigentlich nicht?“
„Wir wissen es nicht. Er hat noch nie geredet. Wir wissen nur, dass er auf Fremde ängstlich reagiert und sich weigert, irgendetwas anderes zu tun, als das, was er gerade will.
Sie haben ihm mal die Klötzchen weggenommen, nur um sie ihm nach 5 Stunden wiederzugeben. Er hatte sich in eine Ecke gesetzt und in die Leere gestarrt. Ob das absichtlich, aus Trotz oder aus blosser Verwirrung heraus, wissen wir nicht. Ich glaube, mittlerweile haben sie ihn aufgegeben und lassen ihn einfach spielen. Er scheint nichts anderes zu benötigen. Manchmal ist es schwierig ihn zu verstehen, aber meistens macht er sich bemerkbar, wenn man ihn missverstanden hat.“
Nevio vermutete, dass sie diese Erklärung schon oft abgeben hatte.
Er fragte weiter nach. „Wie alt ist er?“
„Keine Ahnung. Ich würde sagen sieben.“
„Er wirkt jünger.“
„Hast du seine Augenringe gesehen? Die hat man doch nicht schon vor sieben.“
Nevio blinzelte. „Und woher willst du wissen, wann Augenringe auftreten?“
Sabrina war verdutzt. „Stimmt. Ich war wohl irritiert, ich hab’ die nur bei meiner Mutter gesehen ... mir ist kalt.“, wechselte sie plötzlich das Thema.
„Mir auch.“, erwiderte Nevio und sah sich die Gänsehaut auf seinen Armen an. Sie machten kehrt und gingen wieder hinein. In der Cafeteria hing sich eine Uhr; es war bereits nach Mitternacht. Nevio rollte mit den Augen. Er würde todmüde sein morgen. Als Sabrina hinter eine Säule sprang, machte es ihr Nevio wie auf Kommando nach. Sie warteten, während der Schein einer Taschenlampe durch die Cafeteria wanderte. Trotz Nevios Aufregung darüber, fielen ihm schon jetzt beinahe die Augen zu. Irgendwie war er sogar zu faul um in sein Zimmer zu gehen. Sabrina sah auch nicht viel besser aus. Ihre Augen waren nur noch schlitzförmig offen und als sie den Gang entlanggingen, waren sie beide langsamer als vorhin. Nevio war schwindlig. Müssen die Zigaretten sein. Sie hatten wieder einen der langen Gänge mit den Zimmern erreicht. Nevio fiel ein, dass er vergessen hatte, in welchem Zimmer er schlief. „Ähm ... sind die Zimmer hier angeschrieben?“
„Nein. Hast du vergessen wo du wohnst?“
„... Ja.“
„Du kannst bei mir schlafen.“
Irgendwie war ihm überhaupt nicht wohl dabei, bei einer Frau zu schlafen, die er erst gerade kennengelernt hatte. Was ist schon dabei? Sie meint es doch nur gut. Ein mulmiges Gefühl blieb.
„Weisst du, die Alternativen sind in der Cafeteria schlafen oder das Personal aufwecken. Du willst keines von beidem ... glaub mir. Und da du neu bist, wird die Nachtwache wahrscheinlich denken, sie hätten den Termin verwechselt, an dem du ankommst ...“
„Also gut. Danke für das Angebot.“
Sie gingen in ihr Zimmer. Es sah natürlich genau gleich aus wie seines, nur schien sie es zumindest ein wenig personalisiert zu haben. An der Wand hing ein Poster einer Band, die aussah als würde sie Musik für Beerdigungen machen; auf dem Tisch lagen ein paar Bücher und der Kleiderschrank war offen. Darin waren mehrheitlich schwarze und blaue T-Shirts und Hosen zu finden. Wie hält sie es bloss im Sommer aus ...? fragte sich Nevio und drehte sich nach Sabrina um. Sie war verschwunden und er bemerkte, dass sie ins Badezimmer gegangen war. Er stand nun etwas hilflos in der Gegend herum. Sabrina kam zurück und hatte ein T-Shirt und kurze Hosen an. Nach einem versehentlichen Blick wurde Nevio klar, dass sie ihren BH ausgezogen hatte. Er errötete, als er realisierte, dass er sie anstarrte.
„Ähm, kannst du mir vielleicht etwas zum Schlafen leihen? Ich bin ziemlich dünn, also ...“
„Ja klar, nimm dir was du willst.“, entgegnete sie und legte sich aufs Bett. „Wir werden uns die Decke irgendwie teilen müssen. Sag einfach, wenn du irgendetwas brauchst.“
„Alles klar.“ Er guckte sie an, bis sich kurz Erkenntnis in ihrem Blick zeigte.
„Oh, stimmt, ich muss mich umdrehen.“
Sie wandte sich der Wand zu und Nevio zog sich um. In Boxershorts und in einem schwarzen T-Shirt (welches, wie er ein wenig beschämt feststellen musste, zu gross für ihn war), legte er sich neben sie ins Bett. Irgendwie wünschte er sich, er wäre woanders. Sie hatten zwar beide Platz, aber der Abstand zwischen ihnen betrug wohl nur eine Handbreite.
„Also, schlaf gut.“
„Gute Nacht ...“ erwiderte er und sah an die Decke. Er lag auf dem Rücken und hatte die Arme neben seinen Körper gelegt. In einer etwas akrobatischen Aktion, um Sabrina nicht zu berühren, verschränkte er sie hinter seinem Kopf und benutzte sie als Kissen. „Ich hab’ übrigens einen Wecker gestellt.“
Nevio zuckte zusammen. „Ah ... ah ja?“
„Patienten dürfen nicht im selben Zimmer schlafen. Du wirst morgen früh in dein Zimmer zurückmüssen.“
„Ach so, natürlich. Danke.“
Dann wieder Stille. Wieso war ich nur so dumm und hab mir meine Zimmernummer nicht gemerkt? Plötzlich bemerkte er einen dezenten Duft. Er drehte den Kopf zu Sabrina; er kam von ihr. Wahrscheinlich ihre Hautcreme ... Sie hatte in gleichmässigen Zügen zu atmen begonnen – schlief sie schon? Nein, als er noch ein paar Sekunden wartete, war sich Nevio sicher: Sie war noch wach und sie zitterte leicht. Ihr ist es wahrscheinlich auch nicht gerade angenehm ... Er guckte wieder an die Decke und genoss den angenehmen Geruch. Ein paar Minuten später traute er sich endlich: „Was ist denn?“ Sabrina schniefte kurz und drehte sich auf den Rücken.
„Ich ... ich habe viel zu schnell reagiert. Ich kann nicht einfach schnell etwas entscheiden, ich brauche ... Bedenkzeit. Oder besser jemanden, der mir sagt, was zu tun ist. Neue Begegnungen … Ich weiss, du kannst nichts dafür, aber ...“
Nevio begriff. Es stresste sie unglaublich, sich um ihn zu kümmern.
„Tut mir leid ... ich versuch’s besser zu machen, morgen.“
„Ist nicht dein Fehler. Ich bin's gewohnt, keine Sorge. Aber schlafen wir jetzt.“
Es war klar, dass sie nicht mehr darüber reden wollte. Na toll. Hab’ ich‘s mir jetzt mit ihr verscherzt? Nein… genug jetzt. Nevio überlegte sich, wie er eigentlich morgen sein Zimmer finden sollte. Die Zimmertüre müsste noch offen sein ...
Nevio wurde von einem schrillen Ton aus dem Schlaf gerissen. Er drehte den Kopf und wusste im ersten Moment überhaupt nicht, wo er war. Er hatte Kopfschmerzen von der viel zu kurzen Nacht. Er erinnerte sich nicht, einen Wecker gestellt zu haben. Er erinnerte sich ebenfalls nicht, ins Bett gegangen zu sein. „Guten Morgen. Du musst aufstehen.“ kam eine Stimme von rechts und eine Hand berührte ihn an der Schulter. Nevio wich instinktiv zurück und fiel mit einem dumpfen Knall aus dem Bett. Er hatte sich den Kopf am Plattenboden gestossen. Womit hab’ ich das verdient ...
Mittlerweile wurde ihm bewusst, wo er war. Er kletterte zurück aufs Bett und erwiderte den Gruss von Sabrina, nur um zu sehen, dass sie ihre Augen bereits wieder geschlossen hatte. „… muss ... Klo.“ murmelte sie. Sie stieg über ihn und fiel dabei beinahe hin. Die Badezimmertür schloss sich und Nevio nutzte die Zeit, sich wieder umzuziehen. Die Sonne ging gerade auf und beleuchtete das Zimmer. In einem goldenen Farbton sah das Ganze gar nicht mehr so steril aus. Sabrina öffnete vor seinem Aufbruch kurz die Tür, um nach dem Personal Ausschau zu halten. Die Luft war rein und sie verabschiedeten sich flüsternd voneinander.
Wird ja ein lustiges Frühstück. Nevio ging den Gang entlang und suchte nach einer Tür, die einen Spalt offen war. Auf dem Weg sah er Lion auf dem Boden sitzen und durch ein Fenster den Sonnenaufgang anstarren. Schläft der eigentlich auch mal? Schliesslich fand er sein Zimmer, ging hinein, schloss die Tür und liess sich aufs Bett fallen. Die Kopfschmerzen waren schlimmer geworden. Die Mühe, sich auszuziehen, machte er sich nicht, er strampelte nur aus seinen Jeans und beschloss, noch ein wenig zu schlafen. Das nächste was er registrierte, war ein Klopfen an der Tür. Er ignorierte es.
„Nevio, bist du da? Gleich komme ich rein!“ Was ist denn jetzt schon wieder? Nevio war sich für einen Augenblick nicht mal sicher, ob er sich bewegen würde, stünde das Gebäude in Flammen.
„Ja ...“ grummelte er. Die Tür öffnete sich und ein Mann in einem weissen Kittel betrat den Raum. Er lächelte den völlig verschlafenen Nevio an.
„Guten Morgen!“
„Morgen ...“
Der Arzt setzte sich auf sein Bett und sie schüttelten sich die Hände. Er hatte eine kühle Haut, welche seinem Alter zu trotzen schien – trotz der grauen Haare entdeckte Nevio keine einzige Falte. Die Hand fühlte sich unnatürlich sauber an. Sicher Desinfektionsmittel.
Er stellte sich vor: „Mein Name ist Dr. Kalkow und ich bin der Stationsleiter. Normalerweise begrüsse ich die Patienten an ihrem Ankunftstag, aber da du erst gestern Abend eingetroffen bist, war das nicht mehr möglich. Wie geht es dir?“
„Ich ... müde.“ erwiderte Nevio und war irgendwie überfordert. „Das sieht man dir an. Ich werde dich gleich zur Cafeteria begleiten, keine Sorge, wir haben eine ganze Palette an Aufputschgetränken.“, sagte er. „Die Medikamente machen müde, weisst du? Es ist etwa sieben. Um halb acht gibt’s Frühstück und um acht fangen die Tagesprogramme an. Du wirst in ein paar Tagen die erste Therapiesitzung haben. Dir wird dort alles Weitere von Dr. Koska erklärt werden.“
Nevios Gehirn schien die Sätze immer erst zwei Sekunden später zu verstehen. „Ja ... Ja … ich weiss übrigens schon, wo die Cafeteria ist.“
„Ach wirklich? Hast du gestern schon andere Patienten kennengelernt?“ fragte er neugierig und rückte näher. Nevio bekam das seltsame Gefühl, schon zum zweiten Mal einem Schauspiel beizuwohnen. Irgendetwas am Gesichtsausdruck dieses Mannes machte ihn nervös, aber er konnte nicht sagen, was. „Ich ... hab’ ihre Namen vergessen. Aber sie haben mich ein wenig herumgeführt. Werde ich hier Medikamente bekommen?“ fragte Nevio. Irgendwie wäre es ihm unwohl gewesen, Rede und Antwort zu stehen. Er hatte eine Döschen-förmige Ausbuchtung in der Brusttasche von Dr. Kalkow bemerkt.
„Ja, das ist leider unumgänglich. Aber mach dir keine Sorgen, das sind nur normale Stimmungsaufheller, nichts Wildes.“
„Ich hab’ aber keine Depressionen.“ antwortete Nevio verdutzt. Der Blick von Dr. Kalkow veränderte sich in etwas, was Nevio nicht deuten konnte.
„Ich denke, das besprichst du am besten bei deinem Termin. Du musst jetzt noch keine Tablette nehmen, wenn du nicht willst.“ „Ja, ich verzichte dann, danke ...“
„Wie geht es deinen Handgelenken?“ „Meinen ... was? Oh.“. Erst jetzt bemerkte er die dicken, weissen Verbände um seine beiden Handgelenke. Gestern Abend schien sie sein Pulli verdeckt zu haben, jetzt leuchteten sie auf seinen Unterarmen. Auf der Innenseite seiner Arme waren sie leicht rötlich. Er musste sie selbst aufgeschnitten haben.
„Ich ... weiss nicht. Ich kann mich nicht erinnern.“ antwortete Nevio und ihm schossen die Tränen in die Augen. Sie fielen auf seinen Arm und er bemerkte verdutzt, dass er beinahe weinte. Er guckte Dr. Kalkow an und sah, dass er die Tränen musterte. „Ich lasse dich erst einmal in Ruhe. Ich lasse dir ein Frühstück aufs Zimmer bringen. Fühlst du dich schon bereit für einen ersten Termin?“
Nevio schluchzte kurz. „Ja, das geht schon.“ Nevio wollte antworten, aber irgendwie war ihm dabei unwohl, Dr. Kalkow danach zu fragen, was mit ihm passiert war. Am liebsten wollte er wieder alleine sein. Er fühlte sich bedrängt, obwohl er wusste, dass Dr. Kalkow nur seinem Job nachging, sehr gut sogar.
„Ja, danke. Ich gehe hin. Wo muss ich hin?“
„Ich hol dich ab. Also, bis nachher!“ Er verliess das Zimmer und Nevio wischte sich die Tränen aus den Augen. Er atmete einmal tief durch.
Was soll das? Wieso weiss ich nichts mehr davon, dass ich mich umbringen wollte?
Nevio wischte sich mit den Handflächen über die Augen und versuchte, nicht in Panik zu geraten.
Silas
Silas' Zimmer
Silas sass vor einem bis zum Rand vollgekritzelten Blatt Papier. Sein Stift war mitten in einer Formel stehengeblieben, danach bewegte sich minutenlang nicht. Eine Millisekunde nach einem kurzen Aufleuchten in seinen Augen zeichnete er ruckartig einen Strich über die halbe Seite. Silas zerknüllte das Blatt, warf es vom Tisch und riss in einer fliessenden Bewegung ein neues von seinem Block. Ohne zu zögern fing er an, auch dieses mit mathematischen Symbolen und Formeln vollzuschreiben. Er sass regungslos da, das einzige was sich bewegte, war seine Hand. Kopfschmerzen. Ich muss atmen. Er sog die Luft durch seine Nase ein und lehnte sich in seinem Stuhl zurück. Sein Herz raste. Es funktioniert nicht. Die Dekohärenz ... Das kann nicht sein.
Eine Erinnerung an ein vorher belauschtes Gespräch seiner Eltern schlich sich in seine Gedanken. Wie seine Mutter wieder einmal seinem Vater Rede und Antwort stehen musste. Silas rieb sich über die gerötete Wange. Sie ohrfeigt immer dieselbe Seite.
Sie kann doch auch nichts dafür.
Sie hat sich dafür entschieden!
Entscheidungen finden in unserem Hirn ein paar Augenblicke vor dem bewussten Erleben dieser statt. Ausserdem war es unmöglich, mich anders zu entscheiden, ansonsten wäre das Kausalitätsprinzip verletzt. Das Phänomen der Kausalität ist nur eine stochastische Besonderheit. Im Grunde genommen beruht alles auf dem Zufall ... Quantenphysik. Wie immer gingen Silas' Gedanken hin und her, spielten wie von selbst Diskurse durch. Ein lästiges Hintergrundrauschen, welches er einfach nicht auszuschalten vermochte. Ihm war nicht, als würden sich diese Gedanken von aussen in seinen Verstand drängen – aber in ihrer Unmittelbarkeit fühlten sie sich trotzdem fremd an. Sein Gehirn kam ihm vor wie ein Radio ohne Aus-Knopf – nur die Frequenz war änderbar.
Die Logik bleibt dieselbe. Es wäre zwar möglich gewesen, mich anders zu entscheiden, das ändert aber nichts daran, dass ich keinen Einfluss darauf hatte. Ein Würfel entscheidet auch nicht selbst, welche Seite oben liegt. Silas verspürte mittlerweile nur noch Verachtung für seine Mutter. Ihm war es unerklärlich, dass er von einer so einfältigen Frau abstammen sollte, deren einziges Mittel zur Konfliktlösung Gewalt zu sein schien. Er ertrug die Schläge nur, weil er sich nicht auf ihr Niveau herablassen wollte. Und weil er sich die primitiven Rachegedanken, die sich in seinem Hinterkopf versteckten, nicht wirklich zugestehen wollte. Er war besser als das. Aber er konnte nur besser sein, weil er einen Vergleich zur erbärmlichen Normalität hatte.
Manche sagen, wir seien ein Fehler der Evolution. Die Evolution macht aber keine Fehler, das würde voraussetzen, dass sie ein denkendes Wesen mit Interessen ist. Ein Begriff für einen unweigerlich stattfindenden Vorgang mit einem lebendigen Wesen zu vergleichen ist nicht nur dumm, sondern auch fahrlässig. Genau durch solche fehlenden Differenzierungen lernen die Menschen nie, zu denken.
Aber die Natur hat doch ein Eigeninteresse daran, fortzubestehen, wie sich durch ihren Fortpflanzungsdrang zeigt.
Dieser ist durch selbstreproduzierende Moleküle zustande gekommen und nicht durch ein gewolltes Ziel. Nur weil das so aussieht, heisst es nicht, dass es so kommen musste.
Silas' Bleistiftspitze brach ab. Der griechische Buchstabe (er musste sie mittlerweile mit Apostrophen ausstatten, da sie ihm ausgegangen waren) blieb unvollendet. Entnervt stellte er fest: Die Gentechnik ist mittlerweile so fortgeschritten, dass wir so viele Krankheiten ausgerottet haben, aber es gibt immer noch keine Stifte, die nie ausgehen.
Touchscreens?
Gehen mir auf die Nerven. Ich schreibe zu schnell für die.
Silas spitzte den Bleistift neu an. Er stand auf, streckte sich und fuhr sich durch die Haare. Dann wandte er sich einem der fenstergrossen Whiteboards in seinem Zimmer zu. Auch dort waren für den normalen Beobachter nur Hieroglyphen zu sehen; für Silas waren es jedoch Versuche. Versuche, der Natur auf die Schliche zu kommen, ihre Vorgehensweise in abstrakte Teilschritte zu zerlegen, den letzten Grund, die letzte Voraussetzung – da ist ein Fehler. Er wischte die ganze Tafel sauber und fing wie besessen an, mit seinem Filzstift alles noch einmal neu aufzuschreiben. Es quietschte, während Silas registrierte, dass seine Zimmertür aufging und schwere Schritte durch sein Zimmer gemacht würden. Er drehte sich nicht um. Er wusste genau was kommen würde. „Wie zur Hölle willst du das noch aufholen?“ Silas’ Vater, ein Hüne von einem Menschen, fuchtelte mit einem PD vor Silas' Nase herum. Auf dem Tablet waren seine Noten zu sehen; er hatte sich nicht grossartig um sie geschert. Er drehte sich wieder zu seinem Whiteboard. „Hör mir zu!“
„Das tue ich. Ich kann zwei Sachen gleichzeitig. Ab und zu auch mehr.“ Silas glaubte zu spüren, dass er wütend angestarrt wurde. Manchmal mochte er es, mit seiner Arroganz zu provozieren. „Was du nicht sagst. Wieso kannst du dann nicht für die Schule lernen, während du deinen Scheiss spielst?“
Silas verdrehte die Augen. „Multi-Tasking setzt ein gewisses Interesse für die verschiedenen Tätigkeiten voraus.“ Und Videospiele interessierten ihn nun mal. Nicht so wie Hausaufgaben. Ihn belustigte es, dass er trotz seiner Begabungen in dieser einen Sache seinen Klassenkameraden sehr ähnelte. Nicht dass er ihnen sonst in irgendwas ähnelte. Unterhaltungen langweilten ihn und so verbrachte er so viel Zeit wie es ging, alleine. Mit dem kamen seine Eltern noch klar – brachte er eben keine Freunde nach Hause. Aber er musste das Spielen natürlich in den Exzess treiben, so wie alles, was er anfing.
„Gib mir deinen Laptop.“
„Nein.“ Silas versuchte verzweifelt ihn festzuhalten – ohne Chance.
„Verabschiede dich schon mal für drei Wochen von ihm. So ein Zeugnis will ich nie wieder sehen!“
„Das ist Diebstahl.“
„Komm mir nicht wieder mit dem Mist! Du bist erst fünfzehn, alles was hier drin ist, gehört eigentlich mir!“ Die Zimmertüre knallte zu. Und mit diesem Knall legte sich ein Schalter in Silas um, der zur Entscheidung führte, sich so eine Behandlung nicht länger bieten zu lassen. Er sah sich ein letztes Mal in seinem Zimmer um.
Ironischerweise gab es nicht wirklich eine Einrichtung, die seinem Vater gehören konnte. Die weissen Wände, die musterlose Bettwäsche und die Bücher – meine Bücher.
