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Was würdest du tun, wenn du die Augen öffnest und dich an einem völlig fremden Ort wiederfindest? Du stehst auf einer Lichtung inmitten eines unbekannten Waldes, an einem Ort längst vergangener Zeit. Erde klebt in deinem Haar und Sand knirscht zwischen deinen Zähnen. Du besitzt nicht mehr als deine Klamotten am Leibe und die vage Erinnerung an deinen Namen. Alexander, der unfreiwillige Held dieser Geschichte, folgt einem sehr sonderbaren Waldkind, denn ihm bleibt kaum etwas anderes übrig. So beginnt eine Reise voller Abenteuer und Gefahren und eine Suche zu sich selbst.
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Seitenzahl: 512
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Frank Bartels
Raniten in der Furt
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel I
Kapitel II
Kapitel III
Kapitel IV
Kapitel V
Kapitel VI
Epilog
Impressum neobooks
Frank Bartels
Kleist studierte die alten Schriften im trüben Schein einer einfachen Öllampe. Die Buchstaben waren schwer zu entziffern und der Text ergab nicht immer einen Sinn. Das Buch war von Hand geschrieben und kunstvoll illustriert, der Umschlag hingegen war schlicht und bescheiden in grobem Leinen gebunden und verwies weder auf die Verfasser noch auf die Lehre der Schriften, die darin geschrieben stand. Es war abgegriffen und unscheinbar von außen - höchst brisant aber war sein Inhalt. Lange hatte er um dieses Exemplar gekämpft und es waren einige konspirative Treffen und ein kleines Vermögen nötig gewesen, um es schlussendlich in den Händen halten zu können.
Zu jener Zeit gab es verschiedene Meinungen und Auffassungen über die Gesetze der Natur und die allumfassende Schöpfungsgeschichte. Der Klerus fürchtete die neuen Schriften, denn er vertrat die Ansicht, dass Wissen der Feind des Glaubens sei. Mit aller Macht hielt er an seiner Version fest, der zu widersprechen der Ketzerei gleichkam. Jedermann, der von der offiziellen Lehre abwich, wurde als Häretiker1 betrachtet und lief Gefahr, auf dem Scheiterhaufen zu enden - oder Schlimmeres. Doch gab es auch Gelehrte, die neue Erkenntnisse gewonnen hatten, welche im Widerspruch zu der alten Lehre standen, und in diesem Buch hatte Kleist Antworten auf Fragen gefunden, die kaum jemand zu stellen gewagt hätte.
Der alte Mann rückte die Brille zurecht und hielt seine Nase tief über die Buchstaben. Sein Kopf begann zu schmerzen und der kühle Abendwind ließ ihn erschauern. Er goss etwas kalten Tee in einen Becher, zog sich eine muffige Pferdedecke über die Schultern und blickte in die Nacht. Zu seinen Füßen lag Betbure, die Stadt, deren Väter ihn für seine Dienste bezahlten, und am abendlichen Firmament funkelten die unzählbar vielen Sterne. Als Ziehsohn eines Priesters hatte er bereits in frühester Jugend das Lesen und Schreiben erlernt. Wissenshungrig verschlang er die Zeilen sämtlicher Bücher und Schriftrollen, die er in die Finger bekam. Sein Vormund hätte es gerne gesehen, wenn er ihm auf seinem Weg gefolgt wäre und wie er selbst die christlichen Werte gepredigt hätte, doch Kleist hatte nach Antworten verlangt, die ihm die Kirche nicht geben konnte.
Es war bereits die dritte Nacht, die er auf dem zugigen, kargen Hügel verbrachte. Weit entfernt von den Stahlbergen bot dieser den höchsten Punkt und die beste Aussicht der Gegend. Von hier aus würde, selbst bei wolkenverhangenem Himmel, das Zeichen zu sehen sein, denn weder Baum noch Ast würden die Sicht trüben.
Nun sollte es nicht mehr lange dauern, wenn er die Vorhersagen korrekt gedeutet hatte, und ein Bolide, ein glühender Feuerball würde mit seinem Schweif aus Goldregen den Himmel erhellen. In warmen Sommernächten waren häufig Sternschnuppen zu sehen, oftmals zehn oder mehr an der Zahl, doch dieser sollte sich als Uranolith erweisen – groß, feuerrot leuchtend und unheilvoll. Die Schriften gaben die Erkenntnisse der namhaftesten Astronomen des Landes wieder. Manche beschrieben einen Kometen, andere warnten vor einem Meteor, der auf die Erde stürzen würde. Die Prophezeiungen sprachen von einem großen Unheil, das über die ganze Gegend heimsuchen sollte. Welches Unheil nun genau der Menschheit widerfahren würde, stand leider nicht geschrieben. Die Autoren bedienten sich vager Vermutungen und Andeutungen und beschrieben Tod, Pestilenz und Verderben. Andere warnten vor dem Erscheinen garstiger Wesen aus der Unterwelt, die sich über das Fleisch der Gläubigen hermachen würden und nicht eine der schaurigen Prophezeiungen ließ Hoffnung auf ein nettes Beisammensein bei Tee und Gebäck.
Doch Kleist, seines Zeichens Gelehrter, Astronom und Verfechter der wissenschaftlichen Lehre, wusste die Botschaft zu deuten: Nichts anderes als eine eisige Zeit würde das Land überziehen. Es würde keinen Tag mehr geben. Nicht ein zarter Sonnenstrahl würde den Weg zur Erde finden. Die Ernte würde ausbleiben und alles Leben sollte, gefangen in Dunkelheit und eisiger Kälte, irgendwann enden. Diese Vorstellung war etwas weniger schaurig als andere und entsprach dem, was er vor seinem geistigen Auge gerade noch hätte verkraften können – gesetzt den Fall, dass er diese Katastrophe irgendwie, aus unerklärlichen Gründen, überleben würde.
Die Zweige der flach wachsenden Büsche raschelten im Wind und gelegentliches Knacken trockener Äste ließ vermuten, dass er nicht der Einzige war, der den Schutz der Dunkelheit suchte. Eulen oder Käuze riefen durch die Nacht, und er erinnerte sich an die mahnenden Worte der alten Marisa, die stets behauptete, dies seien die Stimmen der rastlosen Seelen, die durch die Nacht riefen. Marisa war eine Kräuterfrau und obwohl sie streng gläubig lebte, fürchtete sie noch die alten Götter und Dämonen, die vor langer Zeit über das Land wachten.
»Er wird schon bald den Himmel erhellen und du wirst ihn erblicken«. Kleist sprach sich Mut zu und stocherte in der Glut des flachen Feuers. Doch kam er nicht umhin, die Gegend unaufhörlich nach einer Bedrohung abzusuchen, obwohl seine alten Augen in der trüben Finsternis nichts erkennen konnten. Eine ganze Heerschar von Unholden hätte sich unbemerkt bis auf wenige Schritte nähern und ihn packen können, noch ehe er sie zu Gesicht bekommen hätte.
»Es wird passieren … und dann werden sie dir Glauben schenken«, murmelte er. Seine Stimme hatte Höhe und Lage eines heiseren Knaben, dessen Bartwuchs noch im Reich der Hoffnungen lag. Die kränklich- gedrungene Statur des alten Mannes stand im krassen Gegensatz dazu und so manch einer konnte seine Verwunderung über diese Diskrepanz nicht verbergen.
Dann wurde seine Stimme fester. »Ausgelacht haben sie dich … diese Ignoranten, aber du wirst es ihnen beweisen. Wenn der Uranolith auf die Erde zurast und das Unheil bringt, werden sie den Tag verfluchen, an dem sie dich verspottet haben. «
»Wer wagte es, Euch zu verspotten?«
Voller Schreck fuhr Kleist zusammen. Im gleichen Moment sprang er auf die Füße und blickte sich suchend um. Direkt hinter ihm stand ein dicker, finster dreinblickender Kerl, dessen Antlitz nur schwach vom Schein des Feuers erhellt wurde. Doch Kleist erkannte ihn: Es war der Päter, seines Zeichens der Ankläger von Betbure. In seinem Gefolge baute sich der Hauptmann der Wache breitbeinig auf, und im Hintergrund standen mindestens drei bewaffnete Soldaten. Mit herablassendem Blick wiederholte der Päter seine Frage: »Wer erdreistete sich, Euch zu verspotten? Euch, den Weisen, der die Gesetze derer bricht, denen er sich verpflichtet hat?«
Der alte Mann wagte nicht zu antworten und versuchte ebenso ungeschickt wie vergeblich das geheime Buch zu verbergen. Mit der Fußspitze schob er unbemerkt eine unscheinbare Schriftrolle, verwahrt in einem dichten Köcher, aus dem Feuerschein unter einen flachen Busch. Wenn sie schon das Buch gefunden hatten, sollten sie nicht auch noch die Rolle in die Hände bekommen. Sie würden sie sicher verbrennen und damit wäre das kostbare Wissen unwiederbringlich verloren.
»Gebt es mir«, bellte der Ankläger mit ausgestreckter Hand und fordernder Stimme.
»Es gehört mir«, protestierte Kleist und hielt das Buch hinter seinen Rücken. »Es ist doch nicht verboten, des Nachts die frische Luft zu genießen und die Natur …«
»Stellt meine Geduld nicht auf die Probe«, bellte der Päter. »Händigt mir das Buch aus - oder sollen meine Männer nachhelfen?«
Der Hauptmann trat entschlossen einen Schritt vor. Nach kurzem Zögern streckte Kleist widerwillig das Buch vor, das ihm sogleich von dem diensteifrigen Soldaten aus den Händen gerissen wurde. Dieser zog es jedoch nicht an sich, sondern hielt es an ausgestreckten Armen weit von seinem Körper, als ob er befürchtete, dass die Zauberei, die in diesen Schriften verborgen war, von ihm Besitz ergreifen könnte. Der Ankläger nahm es an sich und ließ die Seiten flüchtig durch seine Finger huschen.
»Ihr wisst, dass diese Schriften verboten sind!«, mahnte er.
»Ihr versteht nicht …«, entgegnete Kleist kleinlaut.
»Was soll ich nicht verstehen? Die Blasphemie2, die mit diesem Buche verbreitet wird, oder …«
»Nein, keine Blasphemie«, fuhr Kleist ihm hastig ins Wort. »Es sind wissenschaftliche Abhandlungen gelehrter Leute, die eindeutig beweisen, dass ein Uranolith niederkommen und das Ende der Welt besiegeln wird, denn die Erde ist wahrhaft nicht der Mittelpunkt des Seins. Dieses Buch ist einzigartig …«
»Pah, wisst Ihr, wie viele solcher Schriften ich schon in den Händen hielt, die den Untergang der Welt prophezeit haben?«
Kleist zuckte mit den Schultern und riet: »Vielleicht … vier?«
»Äh, nein, drei«, antwortete der Ankläger etwas verunsichert, da seine Frage rein rhetorisch gewesen war und nicht nach einer Antwort verlangte, »aber das tut hier nichts zur Sache.« Dann wandte er sich seinem Gefolge zu und befahl: »Nehmt diesen Mann in Gewahrsam. Er soll seine Lügen dem Tribunal vorbringen.«
Die Wälder zu jener Zeit waren ursprünglich, unermesslich groß und ebenso dunkel. Es soll Gehölze gegeben haben, die in vier, fünf Tagen, mit Pferd und Wagen zu passieren waren, was jedoch von Art und Beschaffenheit der Wege abhing. Bei anderen sollen die Reisenden gar Wochen und Monate unterwegs gewesen sein, sie zu durchqueren und nicht ein einziges Gasthaus lag auf ihrem Wege. Jene Reisenden gingen dieses Wagnis allerdings nur ein, da sie zu umgehen noch wesentlich länger gedauert hätte und sie auf der anderen Seite gewiss wichtige Geschäfte zu erledigen hatten.
Es existierten jedoch auch Wälder, die weder von Wegen noch von Pfaden durchzogen wurden. Kein Weg führte hinein und keiner hinaus. Des Nachts waren sie finster und unergründlich, und wann immer etwas Dunkles geschah, wurde es den unheilvollen Mächten des Waldes zugeschrieben. Sie seien verwunschen oder gar verhext, sagte man, und es sollten sich dort zwielichtige Wesen verborgen halten, die nichts Gutes im Schilde führten.
Die gefürchteten Räuberbanden jedoch lauerten stets an Wegen, denn dort stand die Chance am besten, jemanden überfallen, ausrauben und meucheln zu können. Der Reisende hatte also die Wahl: Zwielichtige Wesen oder skrupellose Räuber.
Bei Tage schien der Wald, von dem hier die Rede ist, sich kaum von anderen zu unterscheiden. Auch hier wuchsen, wucherten und blühten die Bäume, Sträucher, Farne und Blumen seit nunmehr tausend Jahren oder länger. Einige hatten bereits große Dürren und vernichtende Stürme überstanden. Andere wiederum zogen sich zurück, sobald der eisige Wind den Winter ankündigte, um mit den ersten Sonnenstrahlen neugierig ihre frischen Triebe der Sonne entgegenzustrecken. So eroberte sich jedes Pflänzchen, jedes Gewächs, jeder Baum seinen festen Platz in dem mystischen, alten Wald.
Doch weder die mächtigen Eichen noch die seltsam anmutenden Blumen gaben dem Wald seine zauberhafte Bedeutung. Nein, es waren die Geschichten und Erzählungen, die Lügen, aber auch die Wahrheiten, die den Schleier einer Zauberwelt über diesen Wald legte. Das grüne Meer erstreckte sich südlich des großen Moores bis zu den Ausläufern des unendlichen Ozeans und war niemals von Menschenfüßen durchschritten worden.
Es soll dort zwar Wege und Pfade gegeben haben, doch sagte man, dass diese stets ins Verderben führen würden. Man munkelte, dass noch nicht eine Seele unbeschadet den Weg durch den Schattenwald gefunden hätte, denn so wurde er genannt.
Doch wozu sollten die guten Leute diese Gefahren auf sich nehmen, war doch allseits bekannt, dass jenseits des Waldes fremdartige Rassen siedelten. Das Volk, das sich dort niedergelassen hatte, war eben anders und mit solchen wollte man nichts zu tun haben. Sie sahen anders aus, sie sprachen eine fremde, unverständliche Sprache und hatten so gar nichts mit ihnen gemein. Außerdem, so behauptete man, seien diese Fremden feindselig und würden verschiedenste Götter anbeten, obwohl kein Zweifel daran bestand, dass es nur einen Gott gab. Aus welchem Grunde sollte man diesen verfluchten Wald also durchqueren wollen?
Und die Leute taten recht in ihrem Misstrauen. Nicht alles in diesem Wald zeigte sich feindselig oder gar gefährlich, doch das eine oder andere Geschöpf hatte keine allzu hohe Meinung von den Zweibeinern, die laut polternd daher kamen und weder dem Wald noch ihren Bewohnern Respekt zollten, und so manches Geschöpf witterte eine fette Mahlzeit auf Pferd und Wagen.
Die Geschichte will es, dass im Zentrum dieses Waldes, verborgen vor neugierigen Blicken, eine ausgedehnte Lichtung lag, die von farbenfrohen Blumen nur so übersät war. Niemand wusste, wer sie geschlagen hat oder gar zu welchem Zwecke. Normalerweise wurden Waldlichtungen von Menschen angelegt. Sie fällten die Bäume und rodeten das Unterholz, um Siedlungen, Dörfer oder Gebetsstätten zu errichten und verlassene Waldlichtungen wurden nach wenigen Sommern von der Natur zurückerobert und bald schon wieder von Wald vereinnahmt. Auf dieser allerdings hatte kein Mensch sein Beil geschwungen. Hier wirkten andere Kräfte.
¤
Und im milden Licht jener Lichtung spürte ein Bursche seinen Herzschlag; jedoch erst schwach. Mit halblangen Hosen und zerschundenen Knien stand er da, lächelte sanft und hielt seine Augen geschlossen. Es hatte den Anschein, als wäre er glücklich und zufrieden mit sich und der Welt. Durch seinen langen, braunen Schopf strich ein leichter aber kühler Wind, sodass ihm ein Schauer über den Rücken lief. Er blähte seine Nasenlöcher und atmete tief ein - einmal, zweimal. In der Luft lag ein würziger Duft von Kräutern und Bärlauch. Seine Augen waren geschlossen, sein Herzschlag wurde zu einem schweren Pochen in seiner Brust, das den Hals herauf bis zu seiner Schläfe pulsierte. Ein Moment verging, dann öffnete er langsam die Lider und blinzelte über die Lichtung, die vom Sonnenuntergang in goldenes Licht getaucht zu seinen Füßen lag. Das Pochen wurde schwächer.
Unzählige Pollen tanzten durch die Luft und so schien es ihm, als hätte er einen Schleier vor den Augen. Er blinzelte, rieb sich die Augen und mit der Zeit wurden die Bilder deutlicher. Die wilden Blumen auf der Waldwiese waren größer als er sie kannte, und auch ihre Farben waren anders - intensiver. Um die großen, weit geöffneten Blüten schwirrten Bienen, Libellen und allerlei Getier, so groß und in allen Regenbogenfarben schillernd, wie er sie noch nie gesehen hatte.
Manche flogen so nah an seinem Ohr vorbei, dass er das Surren der Flügelschläge deutlich hören konnte. Andere steuerten geradewegs in Richtung seines Gesichtes, doch dann drehten sie kurz vor der Nasenspitze ab, als ob sie erkannt hätten, dass sie dort nicht landen durften und flogen weiter, auf den nächsten Kelch zu. Obwohl die Luft von Insekten erfüllt war, schienen diese niemals aneinander zu stoßen oder sich zu berühren und er fragte sich, wie ihnen das wohl gelang.
Der Junge stand mit hängenden Schultern da und ließ die Eindrücke auf sich wirken. Er strich über seinen Kopf und spürte feuchte Erde in seinen Haaren. Gesicht, Hals und Kleidung waren über und über mit Erde bedeckt, als sei er eben erst einem dunklen, feuchtem Grab entstiegen. Hände und Fingernägel waren unter der Dreckschicht kaum zu erkennen und noch wusste er nicht, was er davon zu halten hatte.
Er drehte sich um die eigene Achse ohne einen Schritt zu tun und blinzelte in die tiefstehende Sonne. Um nicht geblendet zu werden, kniff er seine Augen leicht zusammen. Im Gegenlicht bemerkte er plötzlich eine entfernte Gestalt, die scheinbar regungslos zirka fünfzig Schritte von ihm entfernt war. Er stand still da und war sich nicht sicher, was er tun sollte. Doch nun bewegte sich die Gestalt direkt auf ihn zu und einen Moment später stand sie vor ihm: Ein kleines Wesen in einem schneeweißen Kleidchen mit kurzen Plüschärmeln, Rüschen, darüber eine sandfarbene Schürze, und an den Füßen trug es rote Schnürschuhe. Obwohl es kaum größer als eine Puppe war, erkannte er ein zierliches Mädchen mit kurzen, nackten Beinchen und feuerrotem, lockigem Haar. Sein Gesicht war mit Sommersprossen bedeckt und seine himmelblauen Augen funkelten im Abendlicht. Aber er hatte noch niemals einen so kleinen Menschen gesehen. Es kam näher, neigte den Kopf auf die Seite, starrte ihn kurz an und fragte dann mit fröhlicher Stimme: »Wie seid Ihr hierhergekommen?«
Für einen Moment fehlten ihm die Worte, denn er war verunsichert, aber dann antwortete er: »Ich habe keine Ahnung. Und wieso wir?« Sandkörner knirschten zwischen seinen Zähnen und er kam nicht umhin auszuspucken, obwohl er wusste, dass sich das nicht schickte.
Das Mädchen verfolgte die Flugbahn der Spucke. »Wer seid Ihr?«, entgegnete es, ohne seine Frage zu beantworten. »Seid Ihr auch …? Ach nein, das kann nicht sein.«
Er musterte es von oben bis unten und irgendwie war es ihm unheimlich, obwohl, oder gerade weil es so klein war.
»Schaut mich nicht so an, als ob Ihr einen Geist gesehen hättet. Ich bin kein Geist«, sagte das Mädchen bestimmt und fing an zu glucksen. Es kam etwas näher und musterte ihn eindringlich. Er hätte nur seinen Arm ausstrecken und es berühren müssen, dann hätte er Gewissheit, ob er träumte oder wach war. Aber er traute sich nicht.
»Ihr seid sehr schmutzig«, stellte es fest und der Ton seiner Stimme hatte dabei etwas Mütterliches. »Ich denke, Ihr seid der dreckigste Bursche, der mir je unter die Augen gekommen ist.«
»Bist du … echt?«, fragte er.
Das Mädchen runzelte die Stirn. »Was ist das denn für eine Frage? Natürlich bin ich echt! Was glaubt Ihr denn? Ich bin so echt wie der Himmel und die Bäume, wie die Blumen und die Bienen und wie Eure Träume«, antwortete es etwas erbost und zeigte mit seinem Händchen in die Luft und auf den Boden. Seine Stimme hatte einen glockenhellen Klang, aber die Aussprache erinnerte ein wenig an eine fremde Sprache; an Schwedisch oder so. Nicht dass der Junge schon jemals schwedische Worte gehört hätte, doch so ähnlich stellte er sie sich vor.
»Aber du bist so klein«, erwiderte er.
Das Mädchen kam noch näher, streckte seine Arme aus und griff mit beiden Händen nach seinem Handgelenk. Es zog ihn leicht zu sich hinunter, schaute ihm tief in die Augen und sagte mit leiser, fast flüsternder Stimme: »Ich bin schon groß. Vor langer, langer Zeit war ich sehr viel kleiner, aber jetzt bin ich groß und werde immer größer.«
Es schien sich nicht zu wundern, dass ein Zwölfjähriger fast doppelt so groß war.
»Du warst noch kleiner? Wie klein denn? So wie ein Hut oder so wie ein Hase?«, scherzte der Junge. »Wie klein meinst du denn?«
»Fragen, Fragen, nichts als Fragen. Habt Ihr denn nichts Besseres zu tun, als fremde Mädchen auszufragen? Ich habe keine Lust mehr auf Eure Fragen. Mir ist schon ganz schwindelig davon«, antwortete es, breitete seine Ärmchen weit aus, legte den Kopf in den Nacken und begann, sich lachend im Kreis zu drehen. Während es sich drehte und drehte wiederholte es immer wieder lachend: »Fragen … Fragen … Fragen … Fragen … Fragen … Fragen …«
Mit jedem Wort wurden die Drehungen schneller und schneller. Wie ein Kreisel tanzte es auf einem Bein, das andere in einem spitzen Winkel an die Wade gedrückt, bis es den Anschein hatte, als würde es seine Konturen verlieren, welche ohnehin schon sehr unscheinbar waren.
Plötzlich und unvermittelt blieb der Kreisel stehen - die Ärmchen suchten in der Luft nach Halt - um dann augenblicklich taumelnd umzukippen. Das Mädchen fiel lang auf den Rücken und lag mit weit ausgestreckten Armen und geschlossenen Augen im Gras. Ein Moment verging.
Der Junge beugte sich vorsichtig über das Wesen und murmelte: »Ob sie wohl tot ist? Würde mich nicht wundern …« Natürlich wusste er, dass ein Mensch von ein paar Drehungen um die eigene Achse nicht würde sterben müssen, nicht einmal, wenn diese außergewöhnlich schnell waren. Auch Hunde nicht, und Katzen auf keinen Fall – die konnten so etwas stundenlang machen. Aber dieses Püppchen könnte ja … eventuell … vielleicht …
Plötzlich riss es beide Augen auf, sprang auf die Füße und lachte: »Lustig; im Kreis drehen, bis einem schwindelig wird – schon mal gemacht?«
Der Junge erschrak. Das Mädchen erhob sich, streifte sorgsam das Kleidchen glatt, sein Gesicht wurde wieder ernster und dann sagte es: »Es war eine nette Plauderei, mein Herr, aber nun muss ich gehen. Ich habe noch viel zu tun, bevor die Sonne untergeht. Ihr solltet Euch ein Lager suchen. Es ist nicht sicher des Nachts im Wald. Ganz und gar nicht sicher.«
»Was meinst du damit und wo sind wir hier?«
»Ich denke, Ihr wisst wo Ihr seid. Ihr wolltet doch hier sein. Ist es nicht so? Es war Euer Wunsch, sonst könntet Ihr gar nicht hier sein – piep, piep«, antwortete es. Dann drehte es sich um und schlenderte langsam davon. Für einen Moment war er nicht in der Lage, sich zu bewegen und blieb wie angewurzelt stehen. Eine Weile schaute er dem sonderbaren Mädchen nach und konnte es bald zwischen den hohen Blumen und Gräsern nicht mehr genau erkennen. Es schien sich zu bücken und dann einzelne Blumen zu pflücken, bis es einen Arm voll bunter Waldblumen trug und verschwunden war.
¤
Die Worte kreisten dem Burschen durch den Kopf. Der Wald sei nicht sicher. Was meinte es damit? Nicht sicher wovor? Ob es hier wilde Tiere, Räuber oder sogar Monster geben mochte?
»Ganz sicher ist das ein Traum; bestimmt ein Albtraum«, murmelte er zu sich. »Ich muss nur aufwachen und dann werde ich in meinem kuscheligen Bett liegen und nichts ist geschehen. Nur ein Traum.« Er atmete tief durch, schob einen Ärmel hoch und kniff sich in den Arm. »Das tat nicht weh – jedenfalls nicht sehr«, stellte er fest. »Muss es wehtun wenn man träumt oder wenn man wach ist?«
Er war so verwirrt, wie es ein Zwölfjähriger nur sein konnte – vielleicht sogar etwas mehr. Trotzdem, oder gerade deswegen schien es das Beste zu sein, dem Rat der Kleinen zu folgen und ein Lager zu suchen, da sich die Nacht ankündigte. Er fragte sich, ob es sicherer sein würde, in einer Grube oder auf einem Baum zu übernachten, aber er wusste ja nicht einmal, wovor er sich in Sicherheit bringen sollte. Dann drehte er sich um die eigene Achse, um zu entscheiden in welche Richtung er gehen solle. Er stand in der Mitte dieser Blumenwiese, die augenscheinlich in einem dichten Wald lag.
Die Abenddämmerung hatte bereits eine Seite der Lichtung erreicht. Die andere Seite leuchte noch schwach von der untergehenden Sonne. Also ging er in die Richtung, deren roter Schein ihm zu sagen schien: ›Komm hier her, hier wirst du in Sicherheit sein.‹ Kurze Zeit später erreichte er den Rand der Lichtung und erblickte eine große, alte Eiche mit weit ausladenden Ästen. Dieser Baum schien genau der richtige zu sein, also kletterte er und kletterte, bis er fast die Baumkrone erreicht hatte. Er war geschickt und die Höhe machte ihm nichts aus. Von der Krone des Baumes aus hatte er eine gute Sicht über die Lichtung. Er machte es sich, so gut es ging, zwischen zwei dicken Ästen gemütlich und sah in das leuchtende Abendrot. Wenig später verschwanden die letzten Lichtstrahlen so plötzlich, als ob jemand einen Schalter gedrückt hätte, und dann war es stockfinster. Nicht so, wie dies zu Hause in der Nacht war, sondern so, dass es keinen Unterschied machte, ob er seine Augen geöffnet oder geschlossen hatte. Einzig die Sterne leuchteten am Himmel und zum Glück regnete es nicht.
»Man kann im Traum nicht solche Sachen machen«, redete er sich zu. »Ich habe schon oft geträumt, aber so war es noch nie … nie so echt. Außerdem kann ich mich nicht daran erinnern, jemals im Traum gefroren zu haben, und mir ist kalt.« Er blickte zu Boden. »Das ist sicher so ein verdammter Traum, in dem ich falle; hier vom Baum. Und wenn ich mit dem Rücken auf den Boden klatsche und eigentlich tot sein müsste, wache ich schweißgebadet auf und mir tun alle Knochen weh. Das kenne ich schon.«
Ob nun Traum oder nicht – auf den Boden zu schlagen wäre sicher sehr schmerzhaft. Um wenigstens etwas Halt zu bekommen, zog er seinen Gürtel aus den Schlaufen seiner Hose, legte ihn um einen Ast und steckte seinen Arm hindurch.
Obwohl er noch nie auf einem Baum geschlafen hatte, und begründete Angst hatte herunterzufallen und sich wenigstens das Rückgrat zu brechen, schien ihm ein Baum die bessere Wahl zu sein, als sich wie ein Reh in einem Erdloch zu verstecken und darauf zu hoffen, nicht entdeckt zu werden. Hätte er sich für ein Erdloch entschieden, und da war er sich sicher, wäre er in Mitten eines Verfolgungstraums, in dessen Verlauf er von irgendjemanden (wahrscheinlich Gruseligem) verfolgt und gehetzt würde. Er würde laufen und laufen und doch nicht von der Stelle kommen. Und sobald er von hinten gepackt würde, zöge es ihm durch Mark und Bein und er würde aufwachen - ebenfalls schweißgebadet und ebenfalls täten ihm alle Knochen weh. Beide Traumvarianten mochte er nicht.
»Wenn alles so dunkel ist, kann man die Sterne viel besser erkennen und es sind so viele. Ob die jemals gezählt wurden?«, sagte der Junge leise zu sich selbst; einerseits, weil es so war und andererseits, um sich ein wenig abzulenken. Je länger er in den Sternenhimmel starrte, desto tiefer drang er vor. Vorerst sah er lediglich die hellsten Sterne, die den Sternbildern ihre Namen gaben, aber er erkannte nicht ein einziges. Nur den Kleinen Wagen konnte er bestimmen, aber das war ja kein Sternbild. Oder war es der Große Wagen? Dann entdeckte er, zuerst verschwommen und im Hintergrund, unendlich viele winzige Lichtpunkte am Firmament und je länger er schaute, desto mehr wurden es. Es mussten Millionen sein, oder mehr. Er fragte sich wie weit er wohl mit bloßem Auge in das Weltall vordringen könnte, als er überrascht bemerkte, dass er seine Brille nicht trug. Ohne Brille konnte er sonst nicht einmal die Schilder der Bushaltestelle erkennen, es sei denn, er stand direkt davor. Lesen konnte er zwar ohne Brille, aber er konnte nicht sehr weit sehen und wusste nicht, ob er sich nun wundern oder freuen sollte.
Die Sternenguckerei machte ihn fast schwindelig, als plötzlich, weit entfernt, eine leuchtend gelbe Kugel mit langem Schweif aus goldenem Regen seinen Blick auf sich zog. Sie kam aus dem Nichts, aus den schwarzen Tiefen der Nacht und verschwand ebenso plötzlich, wie sie erschienen war. Er hatte zwar schon von Sternschnuppen gelesen, aber noch nie eine mit eigenen Augen gesehen und so groß und hell leuchtend hatte er sich sie nicht vorgestellt. Er wusste, dass Sternschnuppen eigentlich nur Steine oder Eisklumpen waren, die von anderen Planeten auf die Erde fielen und meistens in der Erdatmosphäre verglühten. Ebenso war er sich gewiss, dass diese nichts mit Glück oder Magie zu tun hatten. Doch man konnte nie wissen. Er saß mutterseelenallein auf einem Baum in einem unbekannten Wald und in dieser Situation wollte er einfach jede ihm gebotene Möglichkeit nutzen, um aus diesem Schlamassel herauszukommen. So murmelte er kaum hörbar seinen Wunsch in den Abendhimmel. Sehr leise, denn sonst würde der Wunsch nicht in Erfüllung gehen. Sicher ist sicher. Und wer sollte ihn schon hören?
In diesem Moment bebte die Erde. Die Bäume des Waldes tanzten und zitterten, als ob eine Heerschar wütender Riesen gleichzeitig an ihnen gerüttelt hätte. Vögel stoben aus den Wipfeln dem Nachthimmel entgegen und ein beängstigendes Konzert erfüllte die Luft. Dem Jungen kroch es eiskalt den Nacken herauf. Er klammerte sich panisch an einen stabilen Ast. Nur wenige Augenblicke dauerte der Spuk, dann war alles vorüber. Die Eiche, auf der er hockte, hatte zwar gewackelt, aber nicht nachgegeben.
Wie viel Zeit vergangen war, vermochte er nicht einzuschätzen, aber er schien eingeschlafen und dann von seltsamen Geräuschen aufgeschreckt zu sein. Es hörte sich an wie ein Klickern. So, als ob jemand sehr laut mit der Zunge geschnalzt hätte. Er spitze die Ohren und da hörte er es wieder. Es schien ihm, als würden die Geräusche aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig kommen und sich von allen Seiten auf ihn zu bewegen.
Klick klack, klick klack.
Er lag auf seinem Ast und wagte nicht zu atmen. Dann raschelte es unter ihm im Geäst. Dunkle Schatten huschten eilig über den Boden. Die Tiere des Waldes brachen durchs Unterholz; Wildschweine, Rehe, Dachse und andere Viecher. Doch nicht diese Tiere machten ihm Angst. Es war vielmehr das, wovor sie flüchteten.
Danach war es totenstill und nicht einmal die knorrigen Äste der Bäume wagten es, sich im Wind zu wiegen. Der verängstigte Bursche hielt die Luft an. Sein Herz raste und dann vernahm er ein leises, weit entferntes Jammern.
Das ausgelassene Zwitschern der Vögel weckte den Jungen und weil die Sonne bereits aufgegangen war, kletterte er vorsichtig von dem Baum. Er hatte nur wenig geschlafen und ihm taten alle Knochen weh. Als er den rechten Fuß auf den Boden setzte, rief hinter ihm eine Stimme: »Ach, hier steckt Ihr! Hat der alte Herr Eichenmann Euch einen schönen Schlaf beschert?«
Da stand wieder dieses eigenartige, kleine Mädchen in seinem schneeweißen Kleidchen und den roten Lackschühchen. Bei hellem Morgenlicht sah es nicht mehr ganz so unheimlich aus, nur eben sehr, sehr klein. Seine feuerroten Locken glänzten im Sonnenlicht und jetzt trug es einen Kranz aus geflochtenen Gänseblümchen auf dem Kopf.
»Ihr habt gut daran getan, auf einem Baum zu schlafen, obwohl ich mir das nicht gerade gemütlich vorstelle«, sagte es. »Ich denke, damit dürftet Ihr die erste Prüfung bestanden haben. Ich freue mich, Euch heil und gesund wieder zu sehen, Herr Schmutzfink.«
»Was meinst du mit Prüfung? Welche Prüfung? «, fauchte der Junge, denn er hatte sich ziemlich erschrocken. »Und außerdem heiß’ ich nicht Schmutzfink.«
»So? Und wie ist Euer werter Name?«, fragte das Mädchen dieses Mal sehr höflich.
»Ähm, Alex… Alexander.«
Zweifelnd fragte es: »Seid Ihr sicher? Für mich seht Ihr eher nach einem Wolfgang aus. Oder Kasper. Ja, Ihr könntet auch ein Kasper sein.«
Ganz sicher war er sich zwar nicht, aber eines war sonnenklar: »Nein, Kasper heiße ich bestimmt nicht und Wolfgang schon gar nicht.«
Es schaute ihn lange an und neigte den Kopf abermals zur Seite. »Sagt, Herr Alexalexander, warum seid Ihr so voller Dreck? Ihr haltet wohl nicht viel von Reinlichkeit.«
Der Junge blickte auf seine Hände und dann an sich herab. »Das würde ich auch gerne wissen. Aber mein Name ist nur Alexander.«
»Hm, wie Ihr meint. Obwohl ich den Namen Kasper besser finde. Ich heiße übrigens Lilu, falls Ihr es wissen möchtet«, antwortete die Kleine. »So, nun haben wir uns offiziell vorgestellt. Eigentlich hätten wir einander von Dritten vorgestellt werden müssen, weißt du? Es schickt sich für ein ehrbares Mädchen nicht, mit jedem dahergelaufenen Schmutzfink zu sprechen. Sag, hast du vielleicht Hunger?«
Alexander schüttelte verständnislos den Kopf. Er wurde nicht so recht schlau aus diesem Kind, aber irgendwie war es ihm auch vertraut. Er war in einem Alter, in dem Jungen nicht viel von Mädchen halten und hätte er nur eine Wahl gehabt, wäre er ihr sicher nicht gefolgt. Doch er hatte keine Wahl und außerdem tatsächlich Hunger. Das Mädchen hüpfte über die Wiese, Alexander folgte ihm zögernd.
Es bückte sich mal hier und mal da, dann nahm es vorsichtig eine Blumenblüte zwischen ihre kleinen Finger und sagte: »Na meine Liebe, ausgeschlafen? Geh auf, geh auf – es ist Zeit, den neuen Tag zu begrüßen. Hi, hi, hi.«
Alexander stand dicht bei ihm und fragte: »Sprichst du etwa mit den Blumen?«
»Natürlich, ich muss sie doch wecken, sonst verschlafen sie noch den ganzen Tag und das wäre nicht gut für sie«, antwortete sie, ohne ihn anzuschauen. »Ich weiß, was gut für meine Lieben ist. Piep, piep.«
›Die ist doch nicht normal im Kopf‹, dachte er und fragte etwas spöttisch: »Und? Antworten sie dir denn auch?«
»Du Naseweis, natürlich nicht. Blumen haben doch keinen Mund.«
»Aber sie haben auch keine Ohren, oder? Also können sie dich auch nicht hören.«
Sie winkte ab. »Ach, was weißt du denn schon von Blumen? Meine Lieblinge können auch ohne Ohren hören und sie verstehen mich sehr gut. Sie sind manchmal nur etwas … verträumt.«
Sie gingen weiter über die Wiese und Alexander achtete vorsichtshalber darauf, nicht auf die Blumen zu treten, obwohl er ihr nicht ein einziges Wort glaubte. »Und wenn das deine Lieblinge sind, warum hast du dann gestern welche abgepflückt? Davon gehen sie doch ein, wenn man sie nicht ins Wasser stellt.«
Das Mädchen blieb stehen, wandte sich ihm zu und sagte mit zitternder Stimme: »Abgepflückt? Ich, abgepflückt? Ich würde meinen Lieblingen niemals etwas antun. Blumen gehören auf die Wiese und nicht in die Vase.« Es senkte den Blick und schwieg einen Moment, dann flüsterte es: »Ich sammle lediglich die auf, die ihr Leben gelebt haben und dem Ende nahe sind. Ich biete ihnen noch eine letzte Stätte, bevor sie verwelken.«
›Also doch die Vase‹, dachte er. ›Jedenfalls hat die Kleine nicht alle Tassen im Schrank – so viel ist mal sicher.‹ Sie gingen nebeneinander her, das Mädchen hüpfte nun nicht mehr und Alexander fiel ein, was es vorhin zu ihm gesagt hatte. »Nun zurück zu den Prüfungen. Von welchen Prüfungen hast du gesprochen? Was für Prüfungen und wer hat mich nicht geholt?«
»Ich weiß nicht viel darüber, aber Prüfungen gehören zu unserem Schicksal. Unser Leben wird von davon bestimmt. Doch gibt es Zeiten zum Reden und Zeiten zum Frühstücken und jetzt ist genau die richtige Zeit, ein wohlschmeckendes Frühstück zu genießen«, erwiderte es, wandte sich ab und ging.
Alexander stützte beide Hände in die Hüfte um seinen Worten den nötigen Ausdruck zu geben und rief hinter ihm her: »Und damit wir uns richtig verstehen: Ich will keine Prüfungen machen. Ich will nur wissen, wie ich hier wieder verschwinden kann.«
Wenig später stellte Lilu sich unter einen Baum, der nah an der Lichtung stand und zeigte mit übertrieben ausladender Handbewegung auf etwas, das der Frühstückstisch hätte sein können. »Wir sind da. Ich habe schon einen Bärenhunger. Es gibt knusperfrische Brötchen mit Konfitüre und Honig – mhhh, lecker. Alles Weitere werde ich dir zu gegebener Zeit erläutern, so ich denn kann.«
Unter einem Schatten spendenden Baum lag ein grob geschlagenes Brett über zwei großen, moosbewachsenen Steinen. Vier aus Gras und Stroh kunstvoll geflochtene Kissen dienten als Hocker. Auf dem Brett standen kleine Teller, Becher und ein Korb gefüllt mit winzigen Brötchen. In der Mitte des Brettes standen Töpfchen mit der Aufschrift ›Honig‹ und ›Konfitüre‹ und es gab flache Holzstöckchen, die sie statt eines Brotmessers nutzen konnten.
Bisher hatte Alexander sich wenig Gedanken darüber gemacht, wo so ein Mädchen wohnen könnte, ob es Eltern hatte und warum es nicht zur Schule musste. Er schaute sich um, doch er sah weder ein Haus noch eine Hütte; nicht einmal ein Zelt und fragte: »Und hier wohnst du? Wo ist dein Haus und wo schläfst du?«
Lilu lächelte und antwortete: »Ich benötige kein Haus. Ich schlafe, wo ich will und frühstücke, wo mir der Duft leckerer Brötchen in die Nase steigt. Nun setz dich und lass es dir schmecken, piep, piep.«
Das war nicht die Antwort, die Alexander erhofft hatte, aber der Duft frisch gebackener Brötchen ließ ihn seine Fragen vorerst vergessen. Er setzte sich auf zwei der kleinen Graskissen und bediente sich, denn er hatte ebenfalls einen Bärenhunger. Da diese Brötchen augenscheinlich für sehr kleine Münder gebacken worden waren, war sein Hunger noch nicht gestillt, obwohl er mindestens ein Dutzend innerhalb der ersten drei Minuten verputzte.
»Die schmecken sehr lecker. Wer hat die gebacken?«, fragte er mit vollem Mund.
Lilu blickte auf, sah ihren Gast mit vorwurfsvollem Blick an und mahnte: »Meine Güte, lieber Alexander. Man spricht nicht mit vollem Munde. Das ist gefährlich. Dir kann ein Bissen im Halse stecken bleiben und dann wirst du hier vor meinen Augen liegen und nach Luft japsen. Du wirst einen roten Kopf bekommen und jämmerlich ersticken und ich werde nichts für dich tun können. Ich werde um dich weinen müssen und vor Gram elendig zugrunde gehen.« Gekonnt theatralisch griff sie sich mit beiden Händen an die Kehle, hechelte und würgte, bis ihr Gesicht rot anlief.
»Ist ja schon gut, ich hab’s verstanden.«
Sie lächelte, die Röte verschwand und ihr Gesicht wurde wieder so blass wie zuvor. »Diese leckeren Brötchen hat ein lieber Freund gebacken. Er ist der Brötchenmeister und keiner, landauf, landab, hat jemals solch köstliche Brötchen zaubern können.«
»Der kann Brötchen zaubern?«, fragte Alexander etwas ungläubig.
»Natürlich nicht. Das sagt man nur so.«
»Euer neuer Freund ist fürwahr ein Schmutzfink übelster Sorte. Habt nicht übertrieben, meine Liebe. Und zudem spricht er mit vollem Munde. Feine Gesellschaft habt Ihr Euch da ausgewählt, feine Gesellschaft.«
Alexander zuckte zusammen, drehte rasch seinen Kopf und suchte die Gestalt zu dieser krähenden Stimme. Hinter sich erblickte er ein sehr kleines Männchen. Vor lauter Schreck verschluckte er sich und begann zu husten, um dieses gemeine Stückchen aus seinem Hals zu bekommen, das nun vor seiner Speiseröhre steckte.
»Siehst du, da hast du es!«, sagte Lilu triumphierend, stand blitzschnell auf und klopfte ihm mehrfach kräftig auf den Rücken.
Nun war der Junge sich sicher, dass er träumte, denn das Männchen war lediglich halb so groß wie Lilu und es sah zudem noch sehr befremdlich aus. Eine gewisse Ähnlichkeit mit einem riesigen Pilz mit einer hässlich schrumpeligen Visage war nicht zu leugnen.
Genau so hatte Alexander sich immer einen Gnom vorgestellt. Man muss wissen, dass Gnome deutlich kleiner als Zwerge, und meistens böse und hinterhältig sind. Der Wicht war annähernd weiß gekleidet, wie es sich für einen Bäcker gehörte, hatte einen, für seine Verhältnisse, großen Weidenkorb voll mit diesen winzigen, leckeren Brötchen auf seinem Hut oder seinem Kopf, denn Alexander konnte in seiner Überraschung nicht genau erkennen, wo der Hut aufhörte und der Kopf des Männchens anfing.
Lilu machte eine höfische Handbewegung und sagte mit festlicher Stimme: »Darf ich vorstellen? Das ist Brötchenmeister.«
Das Männchen verbeugte sich wortlos, so tief es eben ging, ohne dass der Korb von seinem Kopf rutschen würde.
»Brötchenmeister?«, stammelte der Junge. »Nur Brötchenmeister? Hat der nur diesen einen Namen?«
»Wie viele Namen sollte er denn sonst haben? Etwa sieben oder mehr?«, zischte der Wicht und er schien vergrämt darüber zu sein, dass über ihn gesprochen wurde, als sei er nicht anwesend.
»Es genügt ein Name«, sagte Lilu und setzte sich wieder auf das Graskissen.
Alexander war fassungslos. So ein seltsames Wesen hatte er noch nie zu Gesicht bekommen und da es sich nicht schickt, fremde Leute, und seien sie auch noch so sonderlich, auf ihr Aussehen anzusprechen, fragte er nur: »Macht er kein Brot oder vielleicht Kuchen?«
»Nein, ausschließlich Brötchen und zwar die leckersten«, antwortete Lilu und biss von ihrem Brötchen ab.
»Warum tut Ihr so, als hätte er keine Ohren. Er kann sehr gut hören und er steht ganz in Eurer Nähe«, beschwerte sich der Wicht und Alexander hatte das Gefühl, ihn abermals beleidigt zu haben, obwohl das gar nicht seine Absicht war. Er war nur nicht vertraut im Umgang mit fremdartigen Wesen.
»Ähm, hallo, ich bin Alexander«, stammelte er im Glauben, sich vorstellen zu müssen.
Das Männchen machte abermals die Andeutung einer Verbeugung und erwiderte: »Angenehm, er wird Brötchenmeister genannt, wie Ihr ja schon wisst. Er hat schon viel von Euch gehört und es gefällt ihm außerordentlich, dass Euch seine Backwaren sichtlich und hörbar schmecken.«
»Hörbar?«
»Du schmatzt, mein Lieber. Du schmatzt wie ein Schweinchen. Piep, piep«, bemerkte Lilu lachend.
Der Wicht nahm den Korb von seinem Kopf und setzte sich zu ihnen. Seine kurzen, krummen Beine reichten gerade bis zum Boden. Er blickte den Jungen abschätzend an und fuhr sich mit der flachen Hand nachdenklich über das volle, schlaffe Kinn. »Sieht nicht so aus, als würdet Ihr der Roten eine große Hilfe sein. Sehr, sehr schmutzig. Täte besser daran, sich künftig ihren Beistand gewissenhafter auszusuchen.« Er griff sich ein Brötchen, riss seinen Schlund auf und biss mit einem Happen die Hälfte ab. Beim Sprechen war es nicht zu sehen gewesen, denn dabei bewegte er kaum die runzligen Lippen, aber nun zeigte der Wicht, dass sein Mund annähernd von Ohr zu Ohr reichte. Seine wenigen Zähne waren ebenso spitz und kräftig wie die eines wilden Tieres, jedoch deutlich gelber. Alexander schauderte bei diesem Anblick etwas.
»Seid Ihr sicher, dass er derjenige ist, der Euch beistehen wird?«, fragte der Wicht, warf die andere Brötchenhälfte in die Höhe und schnappte danach im Fluge wie ein Hund, dem ein Leckerbissen zugeworfen wurde.
»Er ist der Einzige, der gekommen ist. «, erwiderte das Mädchen.
»Ich verstehe überhaupt nichts«, fuhr Alexander dazwischen. »Kann mir mal jemand erklären, wovon ihr redet.«
»Neugierig, der Bengel«, zischte der Brötchenmeister. »Hat weder Manieren noch Ahnung, was?«
Das Mädchen schüttelte den Kopf. »Es war noch keine Zeit. Er ist doch gerade erst angekommen.«
»Woher kommt er?«
»Das weiß ich nicht. Er war auf der Lichtung, wie die anderen.«
Der Junge folgte dem Dialog der Fremden, indem er seinen Kopf von links nach rechts drehte, als würde er einem langsam geschlagenen Ball eines Tennisspieles folgen. »Hallo, vielleicht redet ja mal jemand mit mir. Welche anderen und was geht hier vor?«
Sie beachteten ihn nicht.
»Ihr wisst, was zu tun ist«, sagte der Wicht. »Wäre ich nur hundert Jahre jünger, würde ich Euch an seiner statt begleiten.«
Das Mädchen nickte. »Ist schon recht. Wir werden Euch nicht enttäuschen. Ich weiß, was zu tun ist.« Sie blickte zu Alexander. »Er sieht doch ganz kräftig aus. Hätte schlimmer kommen können.«
Der Brötchenmeister schaute den Jungen an und schien zu schmunzeln. »Wie Ihr meint. Doch nun genug der Worte. Genießt die Backwaren solange sie noch warm sind. Er wird noch mehr machen, wenn es Euch beliebt. So viel zu tun, so viel zu tun«, näselte er und verschwand mit kurzen, schnellen Schritten ebenso plötzlich, wie er gekommen war.
Alexander schaute sich noch einmal um, um sich zu vergewissern, dass er wirklich fort war, beugte sich etwas vor und fragte leise: »Eigenartiger Kauz. Ich habe nicht ein Wort verstanden. Wovon habt ihr gesprochen?«
Lilu lächelte nur. Alexander beugte sich noch ein wenig tiefer und tuschelte: »Ist das ein Gnom? Oder ein Kobold?«
»Er ist ein Gnom. Kobolde leben nicht in den Wäldern«, antwortete sie, als ob die Existenz von Kobolden und Gnomen nichts Besonderes sei. »Aber er wird nicht gerne so genannt. Du musst wissen, dass Gnom weniger klein als vielmehr verschlagen und böse bedeutet.«
Doch wenn der Brötchenmeister ein Gnom war, gab es sicher auch noch andere Wesen, schlussfolgerte Alexander. Er war zu Recht aufgeregt. »Gibt es hier auch Riesen und Zwerge oder Hexen und Zauberer? Und was ist mit Feen und Drachen und Einhörnern?«
»Einiges gibt es, einiges nicht«, antwortete Lilu fast beiläufig. »Das ist vor allem Ansichtssache.«
»Wie?«
»Der Brötchenmeister mag für dich ein Wicht sein und in seinen Augen bist du nicht weniger als ein Riese. Und mit Zauberei werden häufig Dinge benannt, die die einfachen Leute nicht verstehen.«
»Hm.« Das musste Alexander sich erst einmal durch den Kopf gehen lassen. Sie genossen das reichhaltige Frühstück, zu dem auch warmer Kräutertee gereicht wurde und sprachen nicht viel.
Weitere zwei Male erschien der Brötchenmeister und lieferte leckeren Nachschub, bis Lilu und Alexander sich mit vollen Bäuchen ins Gras legten und ihm zu verstehen gaben, dass es zwar sehr lecker, aber fürs Erste genug sei. Der Brötchenmeister war zwar stets um Höflichkeit bemüht aber kein besonders guter Gesellschafter und so bedauerte niemand, dass er sich verabschiedete. Seine Gegenwart war nicht weniger als gewöhnungsbedürftig.
Sie lagen eine Weile im Gras, genossen die Ruhe und ihre Mägen machten sich daran, die Nahrung zu verarbeiten.
»Mir ist nicht ganz klar, was gerade mit mir passiert«, begann Alexander und starrte in den blauen Himmel. »Ich kann mich an gar nichts erinnern. Ich weiß nur, dass ich hier nicht hergehöre. Außerdem habe ich das dringende Bedürfnis mich zu waschen.«
»Und wo gehörst du hin?«
»Hörst du mir nicht zu? Das weiß ich ja gerade nicht. Ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich auf die Lichtung gekommen bin.«
»Was ist das Letzte, an das du dich erinnern kannst?«
Der Junge atmete tief aus, was zweifellos zu bedeuten hatte, dass er tatsächlich unwissend war.
»An deinen Namen kannst du dich erinnern«, resümierte das Mädchen. »Alexander - das ist doch dein Name, oder?«
»Ja, ich glaube schon.«
»Du glaubst?«
»Der ist mir einfach so eingefallen, also wird es wohl mein Name sein.«
»Also, wenn man es genau nimmt, könntest du tatsächlich Kasper heißen.«
Alexander lächelte. »Auf keinen Fall Kasper. Auch nicht Wolfgang. Wer heißt schon Wolfgang?! Nur alte Männer heißen Wolfgang.« Er dachte kurz daran, dass selbst alte Männer einmal kleine Jungs gewesen sein müssen, fand diesen Gedanken aber doch zu absurd und schüttelte den Kopf: »Nein, ich hätte mir auf jeden Fall einen anderen Namen überlegt. So viel ist mal sicher.«
Sie schwiegen eine Weile und starrten in die Wolken, bis Alexander fragte: »Und nun?«
»Nichts nun. Ich vermute, früher oder später wird dir alles wieder einfallen. Spätestens wenn der Dreck von dir abgefallen ist.«
»Und du bist sicher, dass das alles nicht nur ein Traum ist?«
»Dann müssten wir ja beide träumen. Aber wenn du darauf bestehst, kann ich dich ja kneifen.«
»Nee, lass mal. Das habe ich schon probiert. Hat nichts geholfen.«
»Vielleicht hat dich jemand in dem Wald … ausgesetzt.«
»Wer sollte mich denn im Wald aussetzen? Außerdem müsste ich mich daran doch erinnern können.«
»Meistens sind es die Eltern, die sowas machen. Vielleicht haben sie dir auf den Kopf geschlagen und dann hast du dein Gedächtnis verloren. Das soll es schon gegeben haben.«
»Meine Eltern?«
»Du hast doch Eltern, oder?«
»Was für eine Frage?! Jeder hat ja wohl Eltern.« Alexander tastete über seinen Kopf. »Keine Beule … nicht einmal eine Schramme. Nur Erde. Und wieso sollten sie mir auf den Kopf hauen?«
»Das weiß ich doch nicht – ich war ja nicht dabei. Doch so könnte es gewesen sein.«
»Wohl kaum.«
Das Rätselraten lieferte dem Jungen keine Antworten und so hoffte er inständig, dass er bald aufwachen würde. Allerdings war ihm dieses Mädchen immer noch suspekt und nun bot sie ihm zweifelhafte Erklärungen. Er vermutete aber, dass sie mehr wusste als sie zugab.
Die Wolken huschten eilig über den Himmel und die Bienen summten um die Kelche der Blüten, immer auf der Suche nach dem köstlichen Nektar, als aus der Ferne ein leiser Gesang zu vernehmen war. Zuerst dachte Alexander vom Rauschen der Blätter im Wind getäuscht worden zu sein, doch der Gesang kam eindeutig näher.
Der Junge erhob sich und schaute in die Richtung, aus der er die Stimmen vermutete, neugierig, was er wohl diesmal für Gestalten zu Gesicht bekommen würde. Der Brötchenmeister war bereits absonderlich und auch dieses Mädchen schien ihm nicht ganz normal zu sein. Alexander spürte im tiefsten Inneren jedoch, dass er zu dieser Zeit oder an diesem Ort der Fremde war. Es war nur ein Gefühl, das ihn ergriffen hatte aber dieses Gefühl nahm ganz und gar Besitz von ihm. Der Gesang wurde deutlicher und mit ihm erschienen sieben kleine, pelzige Tierchen; nicht viel größer als Frettchen oder Wiesel. Sechs marschierten im Gänsemarsch auf ihren Hinterpfoten und eines schritt vorweg. Auch sie trugen - ähnlich wie der Brötchenmeister - Weidenkörbe, jedoch nicht auf ihren Köpfen, sondern an Riemen auf ihren Rücken. Nur das Erste hatte statt eines Korbes auf dem Rücken einen Stab in seinem Pfötchen.
Diese Wesen schienen weder von Alexander noch von Lilu Notiz zu nehmen und machten sich emsig an ihr Tagewerk.
»Lilu! Schau mal! Was sind denn das schon wieder für putzige Tierchen? Hast du die schon mal gesehen?«, flüsterte Alexander sie aus den Augen zu lassen.
»Ach, das sind doch nur Heberlinge. Sie sind sehr nützlich und ebenso fleißig aber leider nicht sehr unterhaltsam. Ihre Sprache ist schwer verständlich und ich bin mir nicht sicher, ob sie alle die gleiche Sprache sprechen, was eine Unterhaltung umso schwieriger gestaltet«, erklärte Lilu ohne ihren Blick zu erheben.
»Und was machen die da?«
»Sie sammeln nur Beeren. Erdbeeren, Himbeeren, Heidelbeeren und Johannisbeeren für unsere köstliche Konfitüre. Sie machen nichts anderes. Sie sammeln immerzu und haben niemals Zeit zum Spielen. Die Beeren tauschen sie dann mit dem Brötchenmeister gegen irgendetwas ein. Ich weiß nicht genau was aber sie sind ganz versessen darauf.«
»Die sehen mit ihren Körbchen irgendwie aus wie Osterhasen auf einer Grußkarte«, stellte Alexander fest. »Nur die Ohren sind kleiner.«
»Das sind weder Hasen noch Kaninchen«, gab sie zurück.
Noch ein Weilchen beobachtete Alexander diese putzigen, flinken Tierchen und war erstaunt über ihr Geschick. Es dauerte nicht lange und alle Weidenkörbchen waren bis oben gefüllt mit Beeren; hauptsächlich Himbeeren und Brombeeren. Dann schulterten sie wieder ihre Körbchen, stellten sich in eine Reihe und marschierten singend in die Richtung, aus der sie gekommen waren.
Alexander legte sich wieder ins Gras, genoss das warme Sonnenlicht auf seinem Gesicht und seine Augen wurden immer schwerer.
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Etwas kitzelte ihn und winzige Füße schienen seine Nase zu erkunden. Ohne die Augen zu öffnen versuchte er das lästige Insekt loszuwerden. Mit fahrigen und wenig gezielten Handbewegungen fuchtelte er in der Luft herum, doch es ließ sich nicht vertreiben. Er öffnete seine Augen und direkt vor ihm stand das Mädchen. Es hielt seine Arme auf dem Rücken verschränkt, ließ einen Weizenhalm durch ihre Finger gleiten und lächelte ihn an. »Guten Morgen, mein Lieber. Hast du gut geschlafen?«
Alexander reckte und streckte sich. »Und wie.«
»Es wurde höchste Zeit, dass du aufwachst. Ich habe mir schon Sorgen gemacht.«
»Wieso? Ist es denn schon so spät?«, fragte er schläfrig und schob eine viel zu kleine Decke beiseite.
»Nein, es ist früher Morgen, doch bereits der zweite. Piep, piep.« Lilus anfänglich schwer verständliche Aussprache schien sich entweder verbessert zu haben oder er konnte plötzlich schwedisch verstehen. Sie sprach nun mit heller, deutlicher und freundlicher Stimme und er freute sich, sie zu sehen.
»Wie?«
»Du hast einen ganzen Tag lang geschlafen. Ich wusste gar nicht, dass das geht.«
»Einen ganzen Tag?!«
»Jupps«, lächelte sie. »Aber nun musst du deine müden Knochen in Bewegung setzen. Wir haben noch einiges zu erledigen.«
Alexander setzte sich auf, blickte sich um und musste zu seinem Bedauern feststellen, dass er dem Traum selbst nach so langem Schlaf nicht entkommen war. »Also träume ich immer noch.«, murmelte er und schaute sie resigniert an. »Und was haben wir zu erledigen?«
Lilu trat einen Schritt näher, bückte sich zu ihm herab und erklärte: »Hör zu. Während du so selig geschlafen hast, haben sich Dinge ereignet, die nicht gut sind für unseren Wald. Ganz und gar nicht gut, und wenn ich mich nicht täusche - und ich täusche mich nie - wirst du mir helfen können. Ich benötige einen treuen Freund, mehr denn je. Bist du bereit für ein Abenteuer?«
Alexander verstand überhaupt nichts von dem, was sie ihm zu erklären versuchte. »Abenteuer? Was für ein Abenteuer? Jetzt mal der Reihe nach. Wovon redest du?«
Lilu neigte ihren Kopf auf die Seite, grinste und sagte: »Bei ein oder zwei Rosinenschnecken und dazu einem Kräutertee im Schatten der Linde wird die Sache sicher den geeigneten Rahmen finden. Komm mit.«
Sie drehte sich um, streckte ihm gleichzeitig ihre kleine Hand entgegen und lächelte vertraut. Ohne zu zögern ergriff er diese. Für einen Moment hatte er das Gefühl, dass entweder Lilu etwas gewachsen, oder er etwas geschrumpft war. Sie erreichten das Tischchen mit den vier Strohgraskissen und dieses Mal stand, statt des Weidenkörbchens mit Brötchen, ein Körbchen gefüllt mit Rosinenschnecken darauf.
Sie zeigte auf das gedeckte Tischchen und sagte: »Die hat der Rosinenschneckenmeister für uns gemacht, toll was?«
»Der schrumpelige Kerl? Ich dachte, der heißt nur und ausschließlich Brötchenmeister«, entgegnete Alexander etwas verwirrt. »Oder ist das ein anderer?«
»Nein, es ist derselbe. Aber das war, als er für uns Brötchen gebacken hatte. Nun hat er Rosinenschnecken für uns gebacken und besteht darauf Rosinenschneckenmeister genannt zu werden. Er ist, was er ist und heißt, wie er will. Piep, piep«, antwortete Lilu und setzte sich auf eins der Strohgraskissen.
»Und wo bekommt er das ganze Mehl her? Ich meine, wir sind doch hier im Wald, oder nicht? Dann muss es doch hier irgendwo ein Dorf ganz in der Nähe geben.«
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, hier gibt es weit und breit kein Dorf. Ich habe ihn nie gefragt doch ich glaube, das stibitzt er irgendwo.«
»Der klaut?«
»Jupps, davon kannst du mal ausgehen«, grinste sie. »Immerhin ist er ein Gnom.«
Alexander schaute auf die Rosinenschnecken vor sich und zog eine Grimasse. Sie dufteten köstlich, doch Rosinen konnte er nichts abgewinnen. Wegen ihrer schrumpeligen Form erinnerten ihn vertrocknete Weintrauben an riesige Popel und allein die Vorstellung fremde Popel im Mund zu haben, fand er ekelig. Bei den eigenen war das natürlich etwas anderes. »Jetzt erzähl mal, aber der Reihe nach. Was ist denn passiert?«
»Lecker, diese Rosinenschnecken; solltest du auch mal probieren. Mhhh, köstlich«, schwärmte Lilu und biss ein großes Stückchen ab.
Vom Hunger und dem verlockenden Duft nach Zimt und Mandeln getrieben, nahm Alexander sich doch ein Stück. »Weißt du, wann Rosinenschnecken noch besser schmecken?« Er pulte die größten Rosinen mit spitzen Fingern heraus und schnipste sie achtlos fort. »Wenn man statt Rosinen Mandelstückchen nimmt.«
»Aber dann wären es doch keine Rosinenschnecken mehr.«
»Eben …«
Nachdem die allerletzte Rosinenschnecke verputzt war, war es an der Zeit, sich ernsthaften Dingen zuzuwenden und so wischte Lilu sich den Mund mit einem Zipfel ihres Kleides und fragte: »Hast du des Nachts zufällig die Sternschnuppe gesehen, die über den Himmel gehuscht ist?«
Der Junge schaute sie erwartungsvoll an, da er dachte, dass noch eine Erklärung folgen würde. Dann antwortete er: »Zufällig? Die war ja wohl nicht zu übersehen. Die Erde hat sogar gebebt. Das war ganz schön unheimlich.« Da Lilu daraufhin nichts erwiderte, fuhr er fort: »Irgendwann bin ich eingeschlafen; dann habe ich von einem Klicken geträumt und jemand hat gejammert und geschrien.«
Sie stocherte mit einem Stöckchen im Boden herum und weckte kleine, lichtscheue Käfer, die wie aufgezogene Blechfiguren losmarschierten. »Diese Sternschnuppe scheint ein Uranolith gewesen zu sein.«
»Ein was? Unsinn, das war eine Sternschnuppe oder ein Meteorit.« Seine Neugierde war geweckt und er rutschte mit seinem Strohgraskissen näher an sie heran. »Ist der etwa irgendwo eingeschlagen und hat Häuser zerstört oder einen gewaltigen Krater hinterlassen?«
Lilu zog ihre schmalen Schultern fast bis an die Ohren und antwortete: »Nein, nicht dass ich wüsste. Ich selbst habe ihn nicht gesehen aber man hat mir berichtet, er habe besonders hell gestrahlt und sein Schweif aus Goldregen sei sehr, sehr lang gewesen.« Sie holte tief Luft, steckte ihre Beinchen lang aus, legte ihre Hände in den Schoß und fuhr fort: »Uranolithen finden ihren Weg zur Erde nur sehr selten.«
»Aha …«
»Es sind Boten – zumeist Unglücksboten«, fuhr sie fort. »Sie haben magische Kräfte. Es soll schon einmal, vor langer, langer Zeit, ein Uranolith niedergegangen sein. Alte Schriften berichten davon. Sicher gibt es auch hier verschiedene Meinungen, doch haben sie alle eines gemeinsam.«
»Und was?«
»Alle beschreiben Tod und Verderben.« Sie atmete tief durch und blickte Alexander in die Augen. »Nicht erst seit letzter Nacht gehen in unserem Wald beunruhigende Dinge vor sich, doch nun wurden die Geschöpfe der Unterwelt geweckt.«
Alexander schluckte. »Ach du liebes Bisschen. Was für Geschöpfe? Nun mach es doch nicht so spannend. Was sind das für Geschöpfe? Eigenartiger als der Gnom können sie wohl kaum sein.«
Lilu antwortete nun genau das, was Alexander eigentlich gar nicht hören wollte: »Oh doch. Und viel boshafter und viel hungriger. Das behauptete der Brötchenmeister jedenfalls. In den alten, fast vergessenen Prophezeiungen wird vor dem Unheil gewarnt und es gäbe nur eine Macht, die sich der Bedrohung würde stellen können«, erklärte sie. »Er warnte vor dem, was unter unseren Füßen in den Tiefen der Erde haust.«
Der Junge starrte auf seine Füße und ließ endlose Sekunden des Schweigens verstreichen, bevor er es nicht mehr aushielt. »Und nun?«
Das Mädchen blickte nachdenklich in den Wald und zupfte sich dabei am Ohrläppchen. Dann nickte es und beschloss: »Uns wird nichts anderes übrig bleiben. Wir sollten uns jemanden anvertrauen, der Erfahrung mit solchen Dingen hat.«
»Also ich kenne mich damit überhaupt nicht aus. Ich weiß ja nicht einmal genau, wovon du redest. Kennst du so jemanden? Ein Orakel oder so?«
»Hm, ich wüsste da einen, den wir um Hilfe ersuchen könnten, aber ich bin nicht sicher, ob es ihn tatsächlich gibt und ob ich ihm begegnen möchte, wenn es ihn gibt«, antwortete sie. »Jenseits des Waldes, in nördlicher Richtung, ragt ein hoher Berg in den Himmel. Alte Geschichten sagen, dort soll ein sehr, sehr alter Tatzelwurm leben, der sehr mächtig sei. Lange hat man von ihm keine Zeichen mehr wahrgenommen, doch in letzter Zeit mehren sich die Gerüchte, er sei wieder erwacht und versetze die Gegend in Angst und Schrecken.«
»Ein Wurm? In Angst und Schrecken?«, grinste Alexander.
»Die einen sagen, es sei ein Lindwurm, die anderen behaupten, es sei ein alter Drache. Sei’s drum. Gesehen hat ihn noch keiner, jedenfalls keiner, den ich kenne. Man sagt, dieser Wurm sei sehr mächtig - und auch sehr gefährlich, wenn er Hunger habe.«
»Wie meinst du das, wenn er Hunger habe?«, wollte Alexander wissen. »Du willst doch nicht etwa einen Drachen aufsuchen? Das kann gefährlich werden, oder?«
»Wer weiß. Ich persönlich gebe nicht viel auf das Geschwätz der Leute.«
Wo war Alexander da nun wieder hineingeraten!? Ein Drache - das hatte ihm gerade noch gefehlt! Obwohl er es nie zugegeben hätte, hatte er schon vor Hunden Angst, sogar vor manchen Katzen, und nun sollte er einen echten Drachen aufsuchen, der womöglich Menschen fraß. Er schüttelte den Kopf und sagte aus voller Überzeugung: »Das gefällt mir gar nicht – ganz und gar nicht. Außerdem … es gibt gar keine echten Drachen. Es gab mal Dinosaurier, aber das ist schon sehr lange her. Drachen gibt es nur in Märchen und das sind nur Geschichten - nichts weiter. Nur Geschichten für kleine Kinder.«
Lilu schaute ihn fragend an: »Was sind Dinosaurier?«
Alexander überlegte einen Moment, ob sie die Frage tatsächlich ernst gemeint hatte, denn jeder kennt ja wohl Dinosaurier. »Die haben mal vor sehr langer Zeit gelebt«, antwortete er dann. »Vor Millionen Jahren, aber sie sind ausgestorben - und zwar alle, nicht einer hat überlebt. Sie waren groß und sahen aus wie Drachen, waren es aber nicht und fliegen konnten die auch nicht … jedenfalls die Wenigsten.«
»Also doch Drachen«, resümierte Lilu nachdenklich. »Ich kann dir nicht sagen, was es alles auf der Welt gibt und was nicht und wer wie lange schon tot ist. Aber ich bin mir sicher, dass es vieles gibt, was wir nicht für möglich halten, bis wir es selbst mit eigenen Augen gesehen haben. Mir gefällt das auch nicht, das kannst du mir glauben. Leider habe ich keine andere Lösung. Du etwa?«
Natürlich hatte Alexander auch keine andere Lösung parat und so blieb den beiden nichts übrig, als den Drachenwurm aufzusuchen, in der Hoffnung, dieser würde ihnen helfen, das Unheil abzuwenden und sie nicht zum Frühstück verspeisen.
»Du wirst ein Abenteuer erleben, nach dessen Ende du nicht mehr der Gleiche sein wirst«, sagte Lilu, als ob die Sache bereits beschossen sei.
»Du willst mich auf den Arm nehmen.«
»Will ich nicht.«
»Ich weiß ja nicht einmal genau, wer ich bin. Da hat mir so etwas wie ein Abenteuer gerade noch gefehlt.« Dann überlegte er. »Kann es sein, dass dieser mächtige und weise Drache mir sagen kann, wer ich bin oder wie ich hier hergekommen bin?«
»Wie kommst du den darauf?«
»Keine Ahnung. In einem Traum wäre dies der passende Zeitpunkt, zu erfahren, dass es da einen Zauberer oder so gibt, der mir aus der Patsche helfen könnte. Ein Drache wäre mir auch recht, wenn er irgendwie magisch, allwissend und ganz und gar nicht gefährlich wäre.«
Das Mädchen schaute ihn fast mitleidig an. »Wir sollten uns sofort auf den Weg machen. Ich packe eben rasch mein Bündel und du wartest hier. Der Tag ist noch lang und wir haben einen mühsamen Weg vor uns.« Dann verschwand es eilig zwischen den Bäumen.
Alexander jedoch schien es, als sei es in dem Wurzelgeflecht einer alten, mächtigen Eiche verschwunden; also hatte sie doch ein Haus oder zumindest so etwas wie eine Behausung. Neugierig schlich er in die Richtung, in die Lilu verschwunden war, schaute sich sehr genau um und versuchte vergeblich, eine Tür oder einen verborgenen Eingang zu finden.
»Ich habe dich gebeten, dort drüben auf mich zu warten, du Neugierspinsel.«
Er drehte sich erschrocken um. Es war noch keine Minute vergangen und schon stand Lilu direkt hinter ihm, die Hände in ihre Hüfte gestützt. Sie trug ein knielanges, beigefarbenes Cape mit einer Kapuze über einem groben Leinenkleid und hatte ihre Lackschühchen gegen grobe Wanderstiefel getauscht, die mindestens drei Nummern zu groß schienen. Aus einem hellen Stück Stoff hatte sie ein Bündel geschnürt und trug dieses quer über ihre Schulter. In diesem Bündel schien sich die Marschverpflegung zu befinden – zumindest roch es plötzlich nach den süßen Rosinenschnecken.
