Rapunzels Kuss - Lilly-Grace Turner - E-Book

Rapunzels Kuss E-Book

Lilly-Grace Turner

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Beschreibung

Seit ihrer ersten Begegnung sind Jahre vergangen. Als sich ihre Wege erneut kreuzen, ist aus Maximilian ein stattlicher junger Mann geworden, der Dianas Herz im Sturm erobert. Doch sie hütet ein dunkles Geheimnis, das es ihr unmöglich macht, sich auf ihn einzulassen ... Rapunzels Kuss, inspiriert von den Gebrüdern Grimm, vereint märchenhafte Elemente mit Fantasy und prickelnder Erotik, eine Story, die überrascht und mitreisst.

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Seitenzahl: 224

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Vorwort

Für diese Geschichte ließ ich mich von Grimms Märchen „Rapunzel“ inspirieren. Sie ist allerdings weder eine Neuinterpretation noch ist sie für Kinder geeignet.

Liebe Erwachsene, wenn ihr Fantasy mit einer Portion Erotik und einem Schuss Liebesgeschichte mögt, dann werdet ihr mit „Rapunzels Kuss“ bestens unterhalten.

In diesem Sinne: Viel Spaß beim Lesen.

Eure Lilly-Grace Turner

Prolog

Zitternd verflochten sich ihre Hände über dem runden Bauch. Das Kind, das sie in sich trug, bewegte sich unter den gefalteten Händen, als suche es den ersten Kontakt zur Mutter. Ein Lächeln huschte über Rosmaries müdes Gesicht. Schon seit drei Nächten wanderte sie unruhig durch das Anwesen und fand keinen Schlaf. Es waren nicht die Bewegungen des Kindes, die sie zur Rastlosigkeit trieben, sondern das Versprechen, das sie einst abgegeben hatte, um zu bekommen, was sie sich am meisten wünschte: ihren Mann.

Rosmarie hielt vor dem Fenster inne und wagte einen Blick hinaus in den Garten der Nachbarin. Es war ein prächtiger Garten voller Blumen, Gemüse, Früchte und Kräuter.

„Kannst du nicht schlafen?“

Sie zuckte erschrocken zusammen.

„Was gibt es Interessantes zu sehen?“, fragte ihr Mann und trat neben sie.

Rosmarie antwortete nicht. Ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie wollte und konnte ihm nicht von Hanna Gothel erzählen, von der Frau, die ihr geholfen hatte, ihn zu bekommen. Hanna, die ihr von dem magischen Feldsalat, den sie Rapunzel nannte, gegeben hatte. Rosmarie konnte von hier aus das Gewächs nicht sehen, aber sie wusste, wo es sich befand. Schließlich war sie schon mehr als einmal in diesem Garten gewesen.

„Es ist eine Schande, wie sie ihn verwildern lässt“, meinte Georg kopfschüttelnd.

Rosmarie schwieg und starrte weiter hinaus. Der Garten war wie Hanna Gothel selbst: geheimnisvoll, schön und wild. Sie erinnerte sich an ihre erste Begegnung mit Hanna. Es war auf dem Markt gewesen. Damals hieß sie noch Rosmarie Scholler, war aber bereits unsterblich in Georg Richter verliebt – einen Mann aus reichem Haus, gut aussehend, charmant und für sie unerreichbar. Denn er war bereits mit der wunderschönen Sophie verlobt. Mit ihr war er an ihr vorbeiflaniert, ohne Rosmarie auch nur eines Blickes zu würdigen. Dabei war sie durchaus einen Blick wert. Sie hatte langes, goldenes Haar und blaue Augen, einen hübschen Schmollmund und eine grazile Figur.

Hanna Gothel war Rosmaries schmachtender Blick allerdings nicht entgangen.

„Ein stattlicher Bursche, dieser Georg“, hatte sie gesagt, was Rosmarie mit einem Nicken bestätigte. Mit einem tiefen Seufzer hatte sie geantwortet: „Und vergeben.“

Da hatte Hanna gelächelt. „Das hat nichts zu bedeuten. Eine kleine Laune seinerseits.“

Rosmarie hatte die große Frau mit dem schwarzen Haar und den durchdringenden grauen Augen angesehen. „Sie sind verlobt!“

Hanna Gothel hatte gelacht: „Und wenn schon.“

„Rosmarie?“ Ihr Mann berührte sanft ihren Unterarm und riss sie damit aus ihren Gedanken. „Was ist los?“

„Ich habe mich gerade daran erinnert, wie wir uns zum ersten Mal begegnet sind.“ Sie lächelte, aber es fühlte sich unecht und verkrampft an. Georg schien es jedoch nicht zu bemerken, denn er erwiderte ihr Lächeln unbeschwert.

„Es hat geschneit, und du bist ausgerutscht und vor meine Kutsche gefallen. Lasse konnte gerade noch rechtzeitig die Pferde anhalten.“

Hanna hat mich gestoßen, ich bin nicht ausgerutscht. Du konntest es nicht sehen, weil du mit Sophie geredet hast, aber Hanna hat es mit dem Kutscher Lasse vorher besprochen. Ich war keinen Augenblick in Gefahr, aber das wusste ich nicht, als sie mich stieß. Der Schreck sollte echt sein.

„Als ich dich gesehen habe, war ich wie verzaubert. Dein goldenes Haar ist dir in weichen Wellen über die Schultern geflossen, und deine wunderschönen, veilchenfarbenen Augen waren vor Schreck geweitet. Ich habe mich sofort in dich verliebt. Obwohl …“ Er geriet ins Stocken. Die Auflösung der Verlobung war ein Skandal gewesen, seine und Sophies Eltern waren außer sich. Bis heute war Rosmarie von ihren Schwiegereltern nur geduldet, aber nicht richtig in die Familie aufgenommen worden.

Georg schüttelte sich, als wolle er die unangenehmen Erinnerungen der Streitigkeiten aus seinem Gedächtnis tilgen. „Rosmarie, wir waren von Anfang an füreinander bestimmt. Das habe ich intensiv gespürt, als ich dir aufhalf. Die Liebe in meinem Herzen war entbrannt, und ich konnte nur noch an dich denken. Es muss Gott selbst gewesen sein, der seine Finger im Spiel hatte.“ Er streichelte zärtlich über ihren Bauch. Spürte die Bewegung des Kindes und strahlte über das ganze Gesicht. „Und bald sind wir eine richtige Familie.“

Ein kalter Schauer jagte Rosmarie den Rücken hinunter. Wenn Georg erfahren würde, dass er nur deshalb in sie vernarrt war, weil sie jeden Tag ein Blatt von den Rapunzeln aß und ihr erstes Kind der Hexe versprechen musste, würde er sie hassen.

Drei Tage später setzten die Wehen ein, gerade, als Rosmarie bei Hanna Gothel war, um ein weiteres Blatt von den verzauberten Rapunzeln zu essen. Sie ließ es sich auf der Zunge zergehen. Genoss den feinen Nussgeschmack, der sich erst in Beere wandelte und schließlich, wenn das Blatt vollständig aufgelöst war, im Mund eine wundervolle Note von Vanille hinterließ. Rosmarie konnte sich nicht erinnern, jemals etwas so Köstliches gegessen zu haben.

Genüsslich hatte sie ihre Augen geschlossen, als ein Schmerzensblitz durch ihren Unterleib jagte. Sie zuckte zusammen, verzog das Gesicht und legte besorgt die Hände auf ihren Bauch.

„Dein Kind will auf die Welt kommen“, sagte Hanna Gothel lächelnd.

Rosmarie wollte aufstehen, um nach Hause zu gehen, aber die Frau hielt sie zurück. „Du bleibst hier!“

„Mein Mann …“

„Er wird nur einen Leichnam sehen“, fiel ihr Hanna harsch ins Wort.

„Oh bitte nicht! Warum kann ich dir nicht einfach Goldstücke geben?“ Eine erneute Wehe ließ Rosmarie sich nach vorne zusammenkrümmen.

„Gold habe ich genug“, sagte Hanna. Sie half der werdenden Mutter, die sich nur widerwillig führen ließ, ins Schlafzimmer.

„Aber man kann nie genug davon haben“, meinte Rosmarie unter Tränen.

„Leg dich hin“, befahl Hanna.

Rosmarie gehorchte. Die Schmerzen waren zu stark, um sich gegen die Hexe zur Wehr zu setzen.

„Bitte! Lass mir das Kind! Es wird Georg das Herz brechen“, flehte sie.

„Er wird es verkraften“, erwiderte Hanna Gothel mit eisiger Kälte in der Stimme. „Du kannst wieder schwanger werden.“

„Aber du bist so jung, du kannst doch auch selbst noch Kinder bekommen“, versuchte Rosmarie zu argumentieren.

Hanna schob ihr energisch ein Kissen in den Rücken, sodass sie im Bett sitzen konnte. „Nein, das kann ich nicht mehr.“ Die Hexe raffte Rosmaries Röcke vorn hoch, um sie gleich darauf ihrer Beinkleider zu entledigen.

Trotz der Schmerzen entging Rosmarie nicht, dass Hanna nicht mehr gesagt hatte.

„Du hast bereits Kinder?“

„Meine Tochter ist gestorben, und jetzt schweig! Wir haben eine Abmachung. Ich habe meine erfüllt, nun ist es an dir, die deine zu erfüllen.“

Rosmarie heulte laut auf, als sie in die kaltherzigen Augen der Hexe blickte, aber auch vor Schmerzen, weil eine weitere Wehe durch ihren Unterleib schoss.

Hanna Gothel bereitete warmes Wasser und Tücher vor. Als sie ein Messer zu den Tüchern legte, weiteten sich Rosmaries Augen.

„Willst du mein Kind dem Leibhaftigen opfern?“

Hanna Gothel kicherte. „Sei nicht albern. Ich habe nichts mit dem Beelzebub zu schaffen. Damit durchtrenne ich die Nabelschnur.“

„Aber warum willst du mein Kind so sehr?“, fragte Rosmarie. Schweiß stand ihr auf der Stirn.

Hanna trocknete ihn ihr ab. „Ich werde es aufziehen wie mein eigenes.“

Zum ersten Mal erkannte Rosmarie in Hannas Augen so etwas wie Gefühle und Freude. Und noch einmal sah sie diesen versonnen lieblichen Ausdruck in deren Gesicht, als sie das Neugeborene in den Armen hielt.

„Es ist ein Mädchen“, flüsterte Hanna und hatte sogar Tränen der Glückseligkeit in den Augen, während Rosmarie vor Kummer weinte.

„Bitte, lass sie mich nur kurz halten“, bat sie.

„Nein, besser nicht. Das macht alles nur noch schwerer für dich.“ Hanna wickelte das Neugeborene in saubere Tücher ein.

„Lasse!“, rief sie dann. „Bring den Säugling.“

Rosmaries Kehle schnürte sich zu, als der große, kräftige Mann durch die Tür trat und sie in ihm den Kutscher ihres Mannes erkannte.

„Du?“, fragte sie krächzend.

Er streckte ihr ein Bündel hin, ohne etwas zu sagen. Verunsichert nahm sie es entgegen. Rosmarie schrie einen spitzen Schrei aus, als sie den kleinen Leichnam erblickte.

„Das wirst du deinem Mann zeigen“, wies Hanna sie streng an.

Rosmarie nickte schluchzend.

„Du wirst ein weiteres Kind zur Welt bringen, das verspreche ich dir. Du bist eine gesunde Frau mit einem gebärfreudigen Becken.“

Rosmarie presste ihre Lippen zusammen. Ihre Trauer wandelte sich in Wut. „Woher willst du das wissen, du verfluchte Hexe!“

Frau Gothel lächelte nachsichtig. „Wie du selbst sagst. Ich bin eine Hexe.“ An Lasse gewandt sprach sie: „Hier, nimm die Kleine. Fahr mit ihr in unser neues Zuhause. Ich werde in ein paar Tagen folgen.“

Rosmaries Wut verpuffte. „Du … du gehst weg?“

„Es ist für alle besser so“, erwiderte Hanna.

„Und was ist mit den Rapunzeln? Wird mein Mann mich auch noch lieben, wenn ich sie nicht jeden Tag zu mir nehme?“

„Georg braucht keinen Zauber mehr“, sagte Hanna. „Er liebt dich aufrichtig.“

1. Kapitel

Hanna Gothel war so glücklich wie schon lange nicht mehr. Ihr Herz platzte beinahe vor Zuneigung für das kleine blonde Geschöpf, das bei ihr aufwuchs. Mit Diana konnte sie wieder die Schönheiten der Welt entdecken. Dinge, die sie nicht mehr wahrgenommen hatte nach all den Jahren. Lasse schien es ähnlich zu gehen. Ihr treuer, manchmal etwas grummeliger Freund hatte gelacht, als Diana ihre ersten Gehversuche machte, und mit ihr geweint vor Freude, als sie tatsächlich laufen konnte. Sie waren sich in die Arme gefallen, und Hanna hatte zum ersten Mal bemerkt, wie gut er roch. Nach Leder und Tannennadeln, und dann war da noch etwas Animalisches. Schnell hatte sie sich aus seiner Umarmung gelöst. Die Liebe zu einem Mann war nichts für sie, das hatte sie ihm schon vor Jahren gesagt, und er hatte es immer akzeptiert. Genauso wie sie ihn und sein Geheimnis akzeptierte.

„Sieh uns an“, hatte sie verlegen gelacht. „Was sind wir für eine merkwürdige kleine Familie.“

Er hatte gegrinst, und seine dunklen Augen hatten gestrahlt. „Ist es nicht gerade das Unvollkommene, das so schön und vertraut ist?“

Jetzt, wo sie draußen vor dem Haus die Herbstsonne genossen und Diana zusahen, wie sie mit den Kätzchen spielte, dachte sie wieder an diese Worte. Ja, sie waren eine merkwürdige kleine Familie. Diana nannte sie Mutter, und Lasse war ihr Vater. Hanna hatte das Mädchen nie über die Wahrheit aufgeklärt, aber sie würde es tun müssen – in ein paar Jahren, jetzt noch nicht. Mit zwölf Jahren war Diana noch zu jung dafür, aber mit sechzehn musste sie es erfahren. Na ja, nicht die ganze Wahrheit, aber einen Teil davon, etwas zurechtgebogen, damit es seinen Zweck erfüllte.

Lasse erhob sich von der Holzbank, die vor dem Fachwerkhaus stand. Er war ein Riese und sehr kräftig. „War dein Vater ein Bär?“, neckte Diana ihn oft. Und er scherzte zurück: „Ja, und meine Mutter war eine Wölfin.“

„Ich gehe uns ein paar Pfifferlinge suchen“, sagte Lasse.

Diana hörte seine Worte und sprang sofort auf: „Darf ich mitkommen? Bitteee!“ Sie sah aber nicht Lasse an, sondern Hanna, denn sie war es immer, die das letzte Wort hatte.

„Nur, wenn du auf das hörst, was dein Vater dir sagt, Rapunzel.“ Sie sprach das Mädchen fast nie mit ihrem richtigen Namen an. Schon als Diana ein Säugling war, nannte Hanna sie Rapunzel – ohne genau zu wissen, warum. Vielleicht lag es daran, weil es die Magie der Rapunzeln gewesen war, die ihr zu dem Kind verholfen hatte.

„Mach ich“, versprach Diana. Wie, um ihre Worte zu unterstreichen, ergriff sie Lasses Hand. Ihre eigene kleine verschwand darin fast.

Hanna sah den beiden nach, als sie in den Wald verschwanden, der rund um ihr Haus lag wie ein schützender Wall. Das Haus war schon alt. Einst gehörte es einer alten Frau, die jahrelang mit ihrem Mann hier gelebt hatte. Als er starb, wollte sie nicht länger alleine so weit draußen wohnen und hatte es deshalb verkauft. Nach all den Jahren in der Stadt empfand Hanna die Ruhe des Waldes als wohltuend.

Diana hüpfte fröhlich vor Lasse her und summte eine Melodie, die sie selbst erfunden hatte. Sie streifte gerne durch den Wald. Sie mochte den Geruch von feuchter Erde, Tannennadeln und Holz, der in der Luft lag. Als ein Eichhörnchen vor ihren Füßen vorbeiflitzte, blieb sie entzückt stehen. Das kleine Tierchen trug eine Eichel im Mund und kletterte damit auf einen der Bäume. Es ließ es sich aber nicht nehmen, kurz innezuhalten und das Mädchen mit dem hüftlangen, goldenen Haar neugierig anzuschauen.

„Sogar die Tiere sind von deiner Schönheit verzaubert“, sagte Lasse sanft. Seine Stimme war angenehm tief und immer ruhig. Er erhob sie nur, wenn Diana nach mehrmaligem Ermahnen nicht gehorchen wollte und ihre Grenzen auszuloten versuchte.

„Papa, du übertreibst“, lachte das Kind.

„Was hältst du davon, wenn du die Pfifferlinge sammelst und ich uns ein Wild erlege?“

Diana nickte. „Darf ich dir zusehen, wie du … wie du dich verwandelst?“, fragte sie.

Lasse seufzte.

„Bitte, es ist gruselig, aber auch so faszinierend. Wie in den Geschichten.“ Seit Diana lesen konnte, steckte ihre Nase meistens in einem Buch. Sie liebte romantische Geschichten mit Magie und Fabelwesen.

„Na schön. Du wartest hier auf mich, bis ich zurück bin, versprochen?“

„Versprochen!“

Lasse zog sich aus. Die Kleider legte er in einem Bündel unter den Baum.

Diana faltete die Hände vor der Brust wie zum Gebet. Eine Gänsehaut überzog ihre Arme, als Lasses Körper sich krümmte. Ein Grollen kam aus seiner Kehle. Seine Haut schien aufzureißen, doch statt Blut und Fleisch kam darunter Fell zum Vorschein. Das Mädchen hatte die Verwandlung bereits drei, vier Mal gesehen, aber für sie war es jedes Mal wieder erschreckend und wunderschön zugleich. Wenn aus Lasse ein Wolf wurde, dann konnte er nicht mehr sprechen. Nur noch bellen und knurren und noch böser schauen, als er es als Mensch konnte. Es war nicht ganz gelogen, wenn er sagte, seine Mutter sei eine Wölfin gewesen, denn in der Tat konnte auch sie sich verwandeln. Diana hatte ihn schon öfter gefragt, ob er sich auch in einen Bären wandeln konnte, aber er schüttelte dann immer nur lachend den Kopf und sagte: „So was gibt es doch nicht, Kleines.“

Das verstand das Mädchen nie so richtig und krauste jedes Mal irritiert die Stirn.

Lasse, der Wolf, drehte sich zu ihr um, sah sie mahnend an.

„Ich werde hier warten“, versicherte sie erneut. Damit schien er sich zufriedenzugeben und rannte aus der Lichtung hinein in das Dickicht.

Wie versprochen, sammelte Diana die Pilze und legte sie in ein Tuch, das sie sorgfältig zusammenband. Sie brauchte dafür nicht besonders lange, und weil ihr langweilig war, streifte sie etwas umher, immer darauf bedacht, sich nicht allzu weit von der Lichtung zu entfernen. Sie hielt ihre Ohren gespitzt, um schnell wieder zurückzugehen, wenn Lasse mit der Jagd fertig war.

Doch der war schnell vergessen, als sie eine Stimme vernahm. Eine weiche, kindliche Stimme. Neugierig bewegte sie sich darauf zu und entdeckte einen Jungen, der vor einem Eichhörnchen am Boden kauerte und dem Tierchen eine Walnuss entgegenstreckte. Er trug eine schwarze Hose und ein braunes Wams, darunter ein weißes Hemd. Sein dunkles Haar war verstrubbelt, und ein Blatt hing darin. Am Boden lagen ein Bogen und der dazugehörige Köcher mit Pfeilen.

Diana sah mit einem Lächeln zu, wie der Junge sich vorsichtig dem Eichhörnchen näherte, indem er recht umständlich in der Hocke einen Schritt nach vorne machte, dabei seinen Rücken noch etwas durchstreckte und flüsterte: „Nimm. Ich tue dir nichts.“ Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, verlor er das Gleichgewicht und fiel nach vorne. Das Eichhörnchen piepste erschrocken auf. Blitzschnell sauste es zu einem Baum und kletterte geschickt daran empor.

Diana brach in Gelächter aus. Die Szene hatte einfach so lustig ausgesehen, dass sie nicht anders konnte.

Der Junge rappelte sich auf. Er klopfte sich Erde, Tannennadeln und Blätter aus den Kleidern. Das eine Blatt im Haar bemerkte er noch immer nicht. Er lächelte verlegen.

Diana fand sein Lächeln unglaublich schön, und seine tintenblauen Augen strahlten eine Wärme aus, der sie sich nicht entziehen konnte. Sie hatte im Dorf schon ein paar Mal andere Jungen gesehen, aber die waren nicht so wie dieser, das erkannte sie sofort. Außerdem schien er aus gutem Hause zu sein. Das verrieten ihr seine Kleidung und der lange Gürtel, den er um die Taille trug.

„Bist du auf der Jagd?“, fragte Diana und deutete mit dem Zeigefinger auf den Bogen.

„Ähm, ja, eigentlich schon“, erwiderte der Junge. „Aber sie bereitet mir nicht so viel Vergnügen. Und du? Was machst du hier?“

„Ich sammle Pfifferlinge, während mein Vater auf der Jagd ist.“ Diana setzte sich auf den Waldboden. Der Knabe tat es ihr gleich. Nur eine Armeslänge trennte sie voneinander.

„Warum findest du keinen Gefallen an der Jagd?“, wollte Diana wissen.

Er zuckte mit den Schultern. „Ich möchte lieber was anderes machen.“

„Eichhörnchen füttern?“ Diana schenkte ihm ein süßes Lächeln. Er war wirklich anders als die groben Jungen im Dorf. Seine Stimme war ruhig, und irgendwie schien er älter zu sein, als er aussah.

„Du machst dich über mich lustig?“ Er kniff seine Augen zusammen und musterte sie eingehend.

„Nein, gar nicht“, sagte Diana schnell. „Im Gegenteil. Ich möchte wirklich wissen, was du lieber tun würdest.“

Der Junge lächelte gelöst. „Einfach ein bisschen durch den Wald streifen, vielleicht eine Hütte bauen. Vor ein paar Jahren haben mein Freund, mein Bruder und ich eine gebaut. Das war erheiternd.“

Diana hatte noch nie eine Hütte gebaut, aber es klang wirklich nach viel Vergnügen, besonders, als der Junge eingehend erklärte, was sie genau gemacht hatten. Als sie ihm sagte, sie hätte selbst noch nie eine Hütte erbaut, geschweige denn mit anderen Kindern gespielt, sah er sie mitleidig an.

„Das ist ja noch schlimmer als bei mir zu Hause“, sagte er. „Mein Bruder und ich durften früher viel spielen, auch mit anderen Kindern, aber jetzt haben wir ständig Unterricht.“ Er verzog sein Gesicht. „Wir müssen Sprachen lernen, Rechnen, Lesen und wie man mit dem Bogen schießt und ein Schwert hält.“

Diana drehte eine ihrer Haarsträhnen auf dem Finger auf. „Das klingt doch interessant.“

„Ach … es geht so.“

Sie sahen einander in die Augen, während sich Stille über sie hinabsenkte. Diana hatte das Gefühl, in ihrem Bauch würden unzählige Schmetterlinge fliegen. Verlegen begann sie, sich mit den Händen durch das Haar zu streichen, während der Junge sich räusperte, als wolle er etwas sagen, aber dann doch schwieg.

Es war schließlich Diana, welche die Stille brach. „Wohnst du hier in der Nähe?“

„Nein, wir sind bei meinem Onkel zu Besuch“, erwiderte der Junge. „Er ist schon ziemlich alt und cholerisch, aber mein Vater kann ihn trotzdem gut leiden.“ Er lachte.

Diana beugte sich vor und zupfte ihm das Blatt aus dem Haar. „Wie heißt du eigentlich?“, fragte sie ihn.

Er wollte ihr gerade antworten, als Lasses Ruf erklang: „Diana!“ Erschrocken sprang das Mädchen auf.

„Dein Vater?“, fragte der Junge.

Diana nickte. „Ich muss …“

„Da bist du!“ Lasse tauchte zwischen den Bäumen auf. Er sah Diana vorwurfsvoll an. „Du hast versprochen, auf der Lichtung zu bleiben.“

Sie senkte schuldbewusst den Kopf. „Tut mir leid.“

Dann sah Lasse den Jungen an. „Was machst du hier?“, fragte er ruppig.

Für einen kurzen Moment schien der Angesprochene eingeschüchtert zu sein, dann aber stand er auf, streckte seinen Rücken durch und sein Kinn vor. „Ich erkunde den Wald.“ Er sagte es mit einem dramatischen Ernst.

Lasse lachte. „Pass besser auf, dass du dich nicht verläufst oder von einem Wolf gefressen wirst.“

„Ich bin bewaffnet.“ Der Bursche deutete auf seinen Bogen, der immer noch am Boden lag.

„Viel Glück damit“, meinte Lasse leichthin, und an Diana gewandt sprach er: „Höchste Zeit, dass wir nach Hause gehen.“

Diana hätte den Jungen so gerne noch mal nach seinem Namen gefragt, aber ihr Vater ließ ihr keine Gelegenheit dazu. Er gab ihr einen sanften Schubs, damit sie sich in Bewegung setzte. Sie konnte nur noch einen letzten Blick über ihre Schulter werfen. Einen sehnsüchtigen Blick, den der fremde Knabe erwiderte. Nie würde sie ihn vergessen, diesen Jungen ohne Namen mit den schönsten blauen Augen und dem noch viel schöneren Lächeln.

2. Kapitel

„Es war bloß ein harmloser Junge“, sagte Lasse und weidete den Hirsch aus, den er im Wald erlegt hatte.

Hanna Gothel tigerte im Kreis um ihn und das tote Tier herum. „Und er war ganz alleine im Wald?“ Die Arme vor der Brust verschränkt, blieb sie stehen.

„Vermutlich gehörte er zu den Jägern, die ich einige Kilometer in der Ferne gesehen habe“, meinte Lasse schulterzuckend. „Du weißt, dass Jagdzeit ist.“

Hanna nickte langsam. Ihre Augen hatten einen glasigen und gleichzeitig besorgten Ausdruck angenommen.

„Wir haben den Acranum-Orden weit hinter uns gelassen. Die Spuren verwischt. Mach dir keinen Kopf deswegen.“

Hanna biss sich auf die Unterlippe. Lasse konnte sie lesen wie ein offenes Buch. „Vielleicht sollte ich Rapunzel trotzdem warnen“, überlegte sie laut.

„Sie ist noch zu jung dafür. Das hast du selbst gesagt.“ Lasse erhob sich und wusch sich die Hände in einem Eimer mit Wasser, ehe er zu Hanna herantrat und sie ihr liebevoll an die Oberarme legte. „Wenn du ihr von dem Orden erzählst, musst du ihr auch sagen, was sie ist.“

Hanna seufzte. Wegen seiner Worte, aber auch wegen seiner Berührung. In letzter Zeit nutzte er jede Gelegenheit dazu. Sie hatte schon immer gewusst, dass er in sie verliebt war. Warum sonst wäre ein Mann so lange an ihrer Seite geblieben? Ganz unattraktiv war Lasse nicht. Er war von einer rauen, faszinierenden Art. Beinahe so faszinierend wie sein Bruder, aber an ihn wollte Hanna nicht denken. Er bedeutete Ärger und vor allem auch Schmerz. Damit hatte sie abgeschlossen. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf Lasse und dessen gute Eigenschaften. Dennoch war sie nicht in ihn verliebt. Sie mochte ihn, und er war nützlich als Beschützer. Hier und da dachte sie daran, ihn zu verführen und sich die kräftige Energie, die von ihm ausging, einzuverleiben. Der Gedanke war viel verlockender, als sich in ihn zu verlieben. Hanna fragte sich, was sie tun würde, wenn er ihr eines Tages eröffnete, er würde sie verlassen. Es war keine abwegige Überlegung. Männer verliebten sich gerne und schnell in sie, aber mit Lasse verhielt es sich anders. Sie beide verband eine Geschichte. Sie hatten einander vor Jahren das Leben gerettet, und Lasse hatte nie versucht, sie zu küssen, abgesehen von dem einen Mal, aber das war auch eine besondere Situation gewesen. In all den Jahren hatte er ihr nie seine Gefühle gestanden. Vielleicht, weil er ihre Vergangenheit kannte. Vielleicht aber auch, weil er wusste, dass sie, selbst wenn sie seine Liebe erwidern würde, keine normale Beziehung führen könnten – jedenfalls nicht, was das Körperliche betraf.

„Warum bist du immer noch hier?“, platzte es aus Hanna heraus.

Einen Augenblick lang sah Lasse sie irritiert an. Dann schien er zu verstehen. „Du weißt, warum.“

„Und du weißt, dass ich dir nicht geben kann, was du dir wünschst, und du weißt auch, dass ich nicht auf die gleiche Art für dich empfinde.“

Lasse trat einen Schritt von ihr zurück. „Ja, weil du dein Herz mit einer dicken Schicht Eis ummantelt hast.“

Hanna lachte schallend auf. „Was für ein Unsinn!“

„Stimmt, es gibt ein kleines Loch in der Eisschicht, und daraus entweicht etwas Liebe für Diana.“ Lasse drehte ihr demonstrativ den Rücken zu und widmete sich wieder dem Hirsch. „Und was willst du nun wegen des Burschen und Diana machen?“

Hanna verzog ihren Mund zu einem grimmigen Lächeln. So war es schon immer zwischen ihnen gewesen. Einer von ihnen fand immer den Ausweg aus einem emotionalen Gespräch heraus.

„Nichts, aber in Zukunft lässt du sie nicht mehr alleine.“ Mit diesen Worten ließ sie ihn stehen.

Lasse schalt sich selbst einen Narren, als er ironischerweise das Herz des Hirsches entfernte. Einen Narren der Liebe, der bei einer Frau blieb, die ihm gerade ins Gesicht gesagt hatte, dass sie nicht auf die gleiche Weise für ihn empfand wie er für sie. Ein Narr war er, weil er immer noch nicht, selbst nach ihren Worten, daran glaubte. Er dachte an den Tag, an dem er sie kennengelernt hatte. Er war zur Hochzeit seines älteren Bruders eingeladen. In der Kindheit waren sie beide unzertrennlich gewesen, aber dann, als sie älter wurden, trennten sich ihre Wege. Sein Bruder fühlte sich von der Kirche angezogen. Irgendwann begann er, Lasse und auch der Mutter davon zu predigen, wie schändlich es wäre, sich der Tiergestalt hinzugeben. Lasse liebte seinen Bruder, aber er mochte nicht mit ansehen, was die Kirche aus ihm drohte zu machen, also ging er. Ja, er war feige gewesen, als er seine Mutter, die vor drei Jahren ihren Mann verloren hatte, mit dem Bruder alleine ließ. Er hatte nie von sich behauptet, mutig zu sein. Also ging er in die Welt hinaus und schrieb seiner Familie. Über ein Jahr lang hörte er nichts von ihnen, dann aber begann sein Bruder, auf seine Briefe zu antworten. Er erwähnte die Kirche mit keinem Wort mehr, und als schließlich die Einladung zur Hochzeit kam, war Lasse erleichtert. Sofort reiste er zurück nach Hause. Er wollte sich das Fest nicht entgehen lassen. Außerdem war er auf die Frau gespannt, die seinen Bruder die Kirche hatte vergessen lassen. Sie musste etwas Besonderes sein.

Hanna Gothel war wunderschön, charmant und witzig, und ehe er sichs versah, hatte er sich in die Frau seines Bruders verliebt. Er blieb nach dem Hochzeitsfest. Sagte, er hätte die Familie so sehr vermisst, und zog in sein altes Zimmer ein. Wie der Junge von damals, so träumte er sich auch jetzt die Welt anders. Er malte sich aus, wie Hanna sich in ihn verliebte und ihn heiratete. Er träumte davon, ihren kirschroten Schmollmund zu küssen. Und wann immer er die Gelegenheit hatte, sie zu sehen, war er sich sicher, in ihren Augen ein Funkeln zu erkennen, das wie ein Versprechen war, dass sie eines Tages die Seine wäre.

Er verzehrte sich nach Hanna, und als sein Bruder eröffnete, er müsse geschäftlich für ein paar Wochen weg, da schlug sein Herz schneller.

„Bitte kümmere dich um sie“, bat sein Bruder ihn.

Lasse erklärte sich gerne bereit. Er erkannte die Gunst der Stunde Hanna für sich zu gewinnen, doch als sein Bruder anfügte: „Sie trägt unser Kind unter dem Herzen“, brachen all seine Träume wie ein Kartenhaus in sich zusammen.

„Hanna ist schwanger?“

Sein Bruder strahlte glücklich über das ganze Gesicht. Lasse durchströmten unterschiedliche Empfindungen: Scham, weil er seinem Bruder die Frau stehlen wollte, Neid, weil nun das Glück des anderen vollkommen war, und … Trauer.

Die Gefühle, die Lasse nun, in der Gegenwart, fluteten, waren jenen von damals gar nicht so unähnlich. Eine Empfindung kam jedoch hinzu: Schuld.

Er hatte als Beschützer auf ganzer Linie versagt.