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Moe gelingt auf knappem Raum, wozu andere tausende Seiten benötigen: von der Einsamkeit des Verlusts und der Zärtlichkeit der Liebe zu erzählen. Ein junger Mann versucht, die Trennung von der Frau, die ihn verlassen hat, zu verarbeiten. Rückhaltlos stellt er sich seinen Gefühlen von Einsamkeit und Begehren, Selbstmitleid und Liebe. Vor allem aber schreibt er: Aphorismen und Episoden aus seinem Alltag, über Literatur, über seine Träume und seine Trauer. Am Nullpunkt des Verlusts, an dem er sich befindet, erweist sich Literatur sowohl als Rettung wie auch als Hindernis. Wie auch die Liebe, verbindet sie Alltägliches und Erhabenes, Kunst und Körperlichkeit. Ironisch, melancholisch und zärtlich – "Rastlos" ist ein kleines Juwel und ein hochmoderner Liebesroman, der lange im Gedächtnis bleibt.
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Seitenzahl: 62
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Kenneth Moe
Roman
Aus dem Norwegischen von Alexander Sitzmann
Die Originalausgabe erschien 2015
im Pelikanen Forlag, Stavanger,
unter dem Titel »Rastløs«.
© 2022 Residenz Verlag GmbH
Salzburg – Wien
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
www.residenzverlag.com
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Keine unerlaubte Vervielfältigung!
Umschlaggestaltung: Boutiquebrutal.com
Typografische Gestaltung, Satz: Lanz, Wien
Lektorat: Jessica Beer
Gesamtherstellung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN ePub:
978 3 7017 4671 2
ISBN Printausgabe:
978 3 7017 1756 9
»Das verliebte Subjekt kann seinen Liebesromannicht selbst schreiben.«
ROLAND BARTHES
FRAGMENTE EINER SPRACHE DER LIEBE
Dank
Du fragst, ob ich über dich schreibe, und die kurze Antwort darauf lautet »ja«. Der Rest dieses unbeholfenen Briefs mag eine längere Antwort sein. Eitel, wie du bist, nehme ich an, dass du wohl die ganze Geschichte hören willst – wie ich mich verliebt habe, dass ich immer noch Sehnsucht habe – und dann willst du sicher, dass ich Poesie in all dem Elend finde und mir irgendeine Weisheit aus dem Arsch ziehe. Das sollte ich schon hinkriegen.
Einsame Menschen wissen auch etwas über das Leben! …
Dieser Satz ist mir jetzt schon eine ganze Weile im Kopf herumgegangen, aber ich vertraue ihm nicht, so wie ich im Grunde dem meisten, was ich denke und an das ich in flüchtigen Augenblicken zu glauben versuche, gegenüber skeptisch bin. Denn was weiß ich eigentlich? Nichts. Ich weiß nichts. Ich lebe mit Mühe und Not, weil ich eben nicht weiß, weil ich wissen muss, bevor ich lebe, während das Leben nun mal so eingerichtet ist, dass man immer erst nachher weiß. – Als Kind las ich übrigens ein Buch über Reinkarnation. Dort stand, dass man in jedem Leben etwas Neues lernen soll. Ich erinnere mich, dass ich dachte, in diesem werde ich Geduld lernen.
Wie viel kann man eigentlich durch die Schlitze in den Jalousien über das Leben lernen?
Ich sehe langsam ein, dass solche Tage ein ganzes Leben ausmachen können: ein ganzes Leben nur aus Sehnsucht und sonst nichts. Man muss etwas tun. Also schreibe ich Briefe. Ich kann beispielsweise von Silvester erzählen – dass man mir zuerst eine Menge Wein servierte und ich einen netten Abend hatte, doch als die Raketen den Himmel über dem Park erleuchteten und ich wusste, dass alles genauso war wie vorher und dass sich mein Leben vermutlich auch dieses Jahr nicht nennenswert verändern würde, wurde alles gleichsam finster in mir, und auf dem Heimweg in der Neujahrsnacht schlug ich mit der Faust immer wieder gegen eine Backsteinwand, bis mehrere meiner Knöchel bluteten. – Ich verstehe, dass ich kein Recht habe, wütend zu sein. Andererseits wäre es unehrlich, wenn ich meine Idiotie unterschlagen oder so tun würde, als wäre ich ein stärkerer Mensch, als ich eigentlich bin. Ich will eben nicht mehr lügen oder »meine Karten richtig spielen«.
Wenn man sich so sehr anstrengt, wie ich mich angestrengt habe, um einen anderen Menschen zu beeindrucken, und damit nicht mehr erreicht, als die albernen Neurosen dieses Menschen zu befriedigen, dann beginnt man sich zu fragen, was dieser Mensch wert ist, was man selbst wert ist, was der Rest wert ist. Meine Sehnsucht und deine Eitelkeit sind bestimmt von Anfang an untrennbar miteinander verflochten gewesen: Dass ich dich ansehen will, dass du angesehen werden willst. Ein verquerer Ausgangspunkt, gelinde gesagt.
Du hoffst wohl, dass dies ein zärtlicher Brief wird, etwas Lustiges, von dem man allen erzählen kann: Der hoffnungslose arme Tropf, der sich in dich verliebt und hundert Seiten geschrieben hat. Dass es fast ein Liebesroman wird, mit dir im Mittelpunkt.
Vielleicht hast du Muse gespielt, wankelmütig und bezaubernd, und ich sollte dir genau so einen Brief schreiben. Vielleicht waren deine eigenen Gedichte ein Vorwand. Vielleicht hast du nie schreiben wollen, sondern wolltest selbst zu Poesie werden …
Beleidigt?
Ich verspreche, ich werde dir die literarische Behandlung angedeihen lassen, die du verdienst.
Was ist ein Mensch allein wert, außerhalb jener Zusammenhänge, in denen Werte entstehen und ihre Berechtigung haben?
Nichts.
Einsame Menschen wissen nichts und sind nichts wert.
Mein Zimmer ist genauso leer wie mein Leben. Es strengt mich an, Dinge um mich zu haben. Ich besitze fast keine Bücher mehr und kaum genügend Möbel: einen kleinen Tisch, eine Boxspringmatratze, einen Sessel, einen Hocker, um die Beine draufzulegen. Die Wände waren kahl, jetzt habe ich eine Sammlung von Zitaten aufgehängt, ein paar Rodin-Skizzen von nackten Ballerinen, die sich selbst berühren, eine Postkarte, die S. einmal aus Berlin geschickt hat – Motiv: Travis Bickle mit Revolver –, und ein Foto von einer alten afghanischen Frau, die eine Kalaschnikow zwischen den Beinen hält. Die Luft hier ist kalt, aber das macht einen vielleicht stärker. Wenn die Fenster nicht die meiste Zeit über geöffnet sind, riecht es allmählich ziemlich sauer von all den Handtüchern im Wäschekorb und streng von meinem Schweiß und stickig süß vom Sperma auf den Taschentüchern im Papierkorb. Ich verbringe viel zu viel Zeit hier und kann stundenlang schlechte Luft atmen, bevor ich sie wahrnehme.
Wir sprechen die ganze Zeit im Dunkeln miteinander. Ich gebe dir gute Erklärungen für alles. Ich überzeuge dich Tag für Tag. Du bist eigentlich nicht hier, also verlässt du mich auch nie. Nachts liegst du dicht an mich geschmiegt im Bett: Dein schmaler Körper an meinem, die kleinen Brüste. Ich denke, dass selbst dein Körper demütig ist. Er macht nicht so viel aus sich selbst. Du blätterst in den Büchern. Du sagst, dass ich merkwürdige Bücher lese. Du neckst mich. Ich lese jetzt Marc Aurel auf dem Bett. Ich lese La Rochefoucauld. Er schreibt: »Schwache Menschen können nicht aufrichtig sein.« Ich lese dir den Satz laut vor.
Auf dem Tisch stehen ein paar Gläser und ein Stapel aus vier, fünf schmutzigen Tellern. Darauf erstarrte Eigelbflecken und rote Kleckse vom Ketchup, das ich dazu gegessen habe. Ich war immer einer, der Ordnung in seinen Sachen hielt, der darauf achtete, seine Umgebung sauber und aufgeräumt zu halten, aber ich habe nicht mehr die Energie für so was. – Wenn ich in letzter Zeit darüber nachdenke, dass ich immer so oder so gewesen bin, erkenne ich meist, dass es schon viele Jahre her ist, dass ich tatsächlich so war oder Dinge auf diese oder jene Art tat. – Vielleicht war ich nie so. Vielleicht bin ich ja das hier. Vielleicht bin ich ja die schmutzigen Teller, die Fettflecken auf den Gläsern von Händen und Lippen?
Ich habe immer Mühe gehabt, Selbstverachtung von Selbsterkenntnis zu unterscheiden.
Ich mag nicht einmal meinen eigenen Namen. Wäre ich ein Mädchen geworden, hätte ich meiner Mutter zufolge Kari heißen sollen, was übrigens der Name meiner ersten Freundin war. Es war mein großer Bruder, der den Namen vorschlug, mit dem ich letztlich endete, es war der Name eines guten Freundes gewesen, von dem er sich wegen eines Umzugs trennen musste. Der Name liegt nahe an der Spitze der Kriminalitäts- und Konkursstatistiken. Es gibt neunzehn Norweger mit derselben Kombination von Vor- und Nachnamen. Der bekannteste sitzt im Gefängnis für einen Rekordumsatz im Drogenhandel.
Jedes Mal, wenn ich an deinen Namen denke, ist es, als würde der Wecker am Morgen nach einer schlaflosen Nacht klingeln.
