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Nach fast einem halben Jahrhundert im trauten Heim flattert Paula eine Eigenbedarfskündigung ins Haus. Kampflos das Feld räumen? Oh nein! Wozu hat man pfiffige Freundinnen? Jutta, Bärbel und Elke machen sich ans Werk, mit Fantasie, Feuereifer und – mit krimineller Energie! Juttas Neffe Manuel ist auch mit von der Partie. Aber heiligt der Zweck die Mittel? Bisweilen geht es turbulent zu, doch immer amüsant.
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Veröffentlichungsjahr: 2021
Christa Laas
Rate mal, wer hier spricht
Roman
ImpressumDeutsche Erstausgabe 2021Copyright © 2021 by Christa Laas21755 Hechthausen, Fuchsgang 10Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung bedarf der ausschließlichen Zustimmung der Autorin. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Verwertung, Übersetzung und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemenveröffentlicht über tolino mediaUmschlag/Cover: Grafikdesigner Peter KalchevWebsite www.christa-laas.de
Inhalt
Einen alten Baum verpflanzt man nicht
Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut
Abwarten und Tee trinken
Nie sollst du mich befragen
No risk no fun
Jeder Mitwisser ist einer zu viel
Üb‘ immer Treu und Redlichkeit
Parole Paula, alles klar?
Räuber und Gendarm
Ab damit in den Sparstrumpf!
Ein richtiger Tunichtgut
Schneewittchen bei den sieben Zwergen
Vorhang zu und alle Fragen offen
Wie gewonnen so zerronnen
Ein Eierlikörchen, meine Damen?
»Das ist das Allerschlimmste!«, sagte Julian. »Wenn man schon Verbrechen begeht, so soll man wenigstens Genuss daran haben. Das ist ihr einziger Wert. Dann kann man sie zur Not sogar rechtfertigen.«
Aus: ›Rot und Schwarz‹ von Stendhal
Kapitel I
Letzte Station meiner Lesereise war Hamburg. Ich liebe diese Stadt, wusste an dem Abend aber noch nicht, dass ich ein paar Tage bleiben würde. Die Lesung war gut besucht, das Publikum so begeistert und lachfreudig, wie man es sich nur wünschen kann; danach Signierstunde. Die letzte in der Schlange war eine Frau, so zirka Mitte sechzig, offener, wacher Blick, silbergrauer Pagenkopf, gestreifte Hemdbluse, Jeans.
»Das war eine schöne Lesung, danke«, sagte sie, nahm das signierte Buch entgegen, holte dann tief Luft und fuhr fort: »Ich habe auch eine Geschichte zu erzählen. Eigentlich ist es eine Beichte! Wir haben Robin Hood gespielt, wissen Sie, wegen dieser himmelschreienden Ungerechtigkeit, der Yuppisierung unseres Viertels. Wir, das sind drei Seniorinnen und ein junger Mann, mein Neffe. Interessiert Sie das? Ich heiße Jutta.« Sie überreichte mir ihr Kärtchen.
Ich bin von Natur aus neugierig, zugegeben! Schon am nächsten Tag saß ich bei einer Tasse Tee in Juttas Jugendstilwohnung, in einem Stadtteil von Hamburg, den man mittlerweile wohl hip nennen muss.
»Ich will nicht lange um den heißen Brei herumreden«, eröffnete Jutta das Gespräch. »Wir haben uns strafbar gemacht. Möchten Sie hören, wie es dazu kam?«
»Aber ja!« Ich nickte und lehnte mich im Stuhl zurück. Das Zimmer war lichtdurchflutet, wie es in Wohnungsanzeigen so schön heißt, Stuck an der bestimmt drei Meter hohen Decke, Geranien auf der Fensterbank und an den Wänden Regale mit Büchern, viele Bücher.
»Ich lese gern.« Sie zwinkerte mir zu. »Bevor ich mit meiner Beichte beginne, möchte ich Ihnen etwas über mich erzählen; ich bin nämlich schuld an dieser Geschichte, ich ganz allein! Und Sie müssen ja wissen, mit wem Sie es zu tun haben«, setzte sie lächelnd hinzu. »Ich wohne seit mehr als vierzig Jahren hier und bin seit zwei Jahren Witwe. Karl-Heinz, mein Mann, ist so still aus dem Leben gegangen wie er gelebt hatte, Herzversagen! Für mich kam das wie ein Blitz aus heiterem Himmel, denn er war vorher nie ernsthaft krank gewesen. Ein Mann wie ein Baum – aufrecht und verlässlich! Aber ich seh‘ schon, ich muss noch weiter vorne anfangen.« Sie räusperte sich. »Ich war das, was man ein Problemkind nennt, wissen Sie, ich konnte es meiner Mutter nie recht machen! Ich war ihr zu lebhaft, zu ungestüm, hatte zu viel Fantasie, und ich hab‘ auch schon damals allerhand Unsinn angestellt. ›Jutta juckt das Fell‹ pflegte meine Mutter zu sagen. Meine jüngere Schwester Margot dagegen war das gute, das brave Kind.« Jutta zuckte mit den Schultern.
»Nach der mittleren Reife machte ich eine Lehre zur Verkäuferin, weil ich schon immer gern mit Menschen zu tun hatte«, fuhr sie fort. »Am liebsten wäre ich ja noch weiter zur Schule gegangen, aber meine Eltern meinten, ein Mädchen brauche nicht zu studieren, das sei reine Verschwendung! Mein erstes Betätigungsfeld, die Damenoberbekleidung, war allerdings nicht das Richtige für mich, ich blühte erst auf, als ich eine Anstellung in einem Antiquariat annahm, wo mir täglich Menschen begegneten, die sich, genau wie ich, für Literatur begeisterten. Da hab‘ ich mich ganz fürchterlich in einen jungen Mann verliebt, einen Griechen. Er hieß Kostas, hatte schwarze Locken, unbeschreiblich schöne Augen und einen Mega-Body.« Sie schmunzelte. »Nachdem uns meine Eltern beim heiße-Küsse-Tauschen im Hausflur erwischt hatten, konnten wir uns aber nur noch heimlich treffen.
Margot passierte so etwas nie! Sie machte immer alles richtig, hatte Krankenschwester gelernt und sich mit einem Arzt verlobt, der Rüdiger hieß. Nach der Hochzeit zogen die beiden aufs Land, wo der frischgebackene Doktor eine Hausarztpraxis übernahm. Meine Eltern platzten fast vor Stolz.
Jetzt musste auch ich zur Vernunft gebracht werden. Mir ging’s wie der Elisabeth in Storms ›Immensee‹, Sie wissen schon.« Jutta faltete die Hände vorm Bauch und zitierte: »›Meine Mutter hat’s gewollt, den andern ich nehmen sollt.‹ Der andere, das war Karl-Heinz! Er wohnte in unserer Nachbarschaft, war einige Jahre älter als ich und hatte wohl schon lange ein Auge auf mich geworfen.
›Da hast du was Solides‹, redete mir meine Mutter zu. Ja, solide war er und fleißig und zuverlässig auch – außerdem eine Seele von Mensch, keine Frage! Aber der Ärmste musste mich ein ganzes Jahr lang heftig umwerben, bis er mein Herz endlich eroberte. Okay, alles in allem hatten wir eine harmonische, eine friedliche Ehe, was allerdings auch der unerschöpflichen Geduld meines Mannes zuzuschreiben war.« Sie zwinkerte mir wieder zu. »Ich bin nämlich ein impulsiver Mensch, müssen Sie wissen; ja, böse Zungen behaupten sogar, ich sei unberechenbar! Nun, ich mache aus meinem Herzen nicht gern eine Mördergrube, deshalb gestehe ich Ihnen auch ganz offen: Mir fehlte manchmal die Prise Salz in der Suppe, vor allem zu Beginn unserer Ehe. Verstehen Sie, was ich meine?« Ich verstand.
»Wir waren zu verschieden; ich lebenshungrig und voller Tatendrang, er bedächtig und genügsam«, erklärte Jutta. »Reden war nicht sein Ding, er machte sich lieber ständig an etwas zu schaffen. Als er sich einen alten Opel Kadett kaufte, träumte ich von romantischen Ausfahrten mit ihm – Pustekuchen! Karl-Heinz verbrachte die meiste Zeit nicht im, sondern unterm Auto. ›Schraubenheini‹ schalt ich ihn scherzhaft, war andererseits aber froh, wenn er mit wahrer Engelsgeduld unseren Staubsauger wieder in Gang brachte.
Wann immer er Zeit hatte, half Karl-Heinz im Fahrradladen seines Onkels aus. Als der Onkel überraschend starb, übernahm Karl-Heinz den Laden. Schrauben ohne Ende! Das Geschäft lief gut, und wir hielten Hochzeit.« Jutta schenkte uns Tee nach und bot mir selbstgebackene Schokomuffins an. »Mögen Sie überhaupt noch zuhören?«, fragte sie mich besorgt. »Ich weiß, ich komme gern vom Hölzchen aufs Stöckchen.«
»Doch, doch, erzählen Sie weiter!«, drängte ich.
»Unser Leben verlief in geordneten Bahnen. Im Großen und Ganzen jedenfalls«, fuhr Jutta, achselzuckend, fort. »Tagsüber gingen wir beide zur Arbeit, die Aufgaben im Haushalt teilten wir uns. Einkäufe wurden gemeinsam erledigt, Karl-Heinz hatte ein Händchen fürs Kochen, ich übernahm – mehr oder weniger zähneknirschend – das Putzen und er das Bügeln, das konnte er ohnehin besser als ich.
Am Wochenende ging Karl-Heinz gerne angeln. Er konnte stundenlang auf einem Klappstuhl am Ufer sitzen und darauf warten, dass ein Fisch anbiss. Ich hätte mich mit einem Buch daneben setzen können, aber ich mochte die Fische nicht am Haken zappeln sehen. Ich unternahm derweil lieber Streifzüge mit meinem Fotoapparat oder traf mich mit meinen Freundinnen.
Elke, eine frühere Arbeitskollegin von mir, wohnt schon seit fast einem halben Jahrhundert da drüben, bei der Apostelkirche.« Jutta deutete zum Fenster hinaus, wo man in der Ferne einen Kirchturm sehen konnte. »Sie ist ledig geblieben und hat mit ihrer Mutter zusammengelebt, die im letzten Jahr verstorben ist. Das Wohnhaus der beiden gehörte zu den ersten, die von Grund auf saniert und modernisiert wurden. Die Mieten stiegen, und einige Mieter, die sich das nicht mehr leisten konnten, zogen aus. Elke blieb, ihre Mutter war zu der Zeit schon über achtzig. Einen alten Baum verpflanzt man nicht. Aber davon später.
Meine andere Freundin, Bärbel, die ich schon seit der Schulzeit kenne, wohnt sozusagen bei mir ›um die Ecke‹. Als Karl-Heinz und ich Hochzeit feierten, lag sie gerade in den Wehen. Ihr Töchterchen gedieh prächtig, aber Bärbels Ehe lief schief. Sie ließ sich scheiden, weil ihr Mann … Aber nein, das führt jetzt zu weit!« Jutta winkte ab.
»Hin und wieder klopften meine Eltern bei mir auf den Busch, ob wir uns keine Kinder anschaffen wollten. Anschaffen, ich bitte Sie!« Sie schüttelte den Kopf. »Nun, der Wille war da, Karl-Heinz schraubte auch fleißig an mir herum, leider vergeblich. Eines Tages wurde ich aber doch schwanger! Es war die glücklichste Zeit unserer Ehe. Karl-Heinz packte die Angel weg und begann, fröhlich pfeifend, eine Wiege zu zimmern. Wir wälzten Bücher mit Mädchen- und Jungennamen und schauten uns Kinderzimmereinrichtungen an.
Plötzlich bekam ich Blutungen, eine Fehlgeburt! Der Arzt sagte, ich könne keine Kinder mehr bekommen. Die Wiege landete auf dem Dachboden, Karl-Heinz kramte die Angel wieder hervor.« Juttas Blick schweifte in die Ferne.
»Meine Schwester Margot war glücklicher dran als ich«, erzählte sie dann weiter. »Sie brachte den von Rüdiger so heißersehnten Stammhalter zur Welt, ziemlich spät, aber sie ›lieferte‹.
Der Junge wurde auf den Namen Manuel getauft. In den ersten Jahren nach seiner Geburt durfte ich manchmal den Babysitter für ihn spielen, was uns beiden viel Spaß gemacht hat. Rüdiger bekam ich nur selten zu sehen. Die Praxis fräße ihn förmlich auf, klagte Margot. Zum Trost engagierte sie sich in der Kirchengemeinde, sang im Chor, organisierte Basare und gründete mit anderen jungen Müttern zusammen einen Kindergarten. Ihr Image ist ihr schon immer sehr wichtig gewesen!
Als Manuel in das Alter kam, wo man ihm beibringen konnte, auf Bäume zu klettern, waren meine Besuche auf einmal nicht mehr erwünscht. Ich weiß bis heute nicht, warum! Zu Familienfesten wurden wir sowieso selten eingeladen, weil Rüdiger und Karl-Heinz sich nicht gut verstanden. Nun ja, mit uns war wohl auch kein Staat zu machen.« Bedauernd hob Jutta die Hände.
»Margot hielt aber brieflich mit mir Kontakt und schickte auch Fotos«, fuhr sie fort. »Manuel mit Schultüte, Manuel mit seinem Skateboard, ein fröhlich lachender Junge. Etwas später dann Manuel mit ernstem Gesicht vor einem Gebäude im Fritz-Schumacher-Stil, dem humanistischen Gymnasium einer Kleinstadt in der Nähe. Aus Kindern werden Leute! Rüdiger habe hohe Erwartungen an seinen Sohn, schrieb Margot. Medizin solle er mal studieren und Professor werden oder vielleicht auch Jurist. Für Rüdiger kam nichts anderes in Frage!
Die Nachrichten wurden spärlicher. Manuel kam in die Pubertät. Ein aufmüpfiger Bengel sei er geworden, beschwerte sich Margot. Eines Tages rief sie mich an. ›Du musst mir helfen, Jutta‹, stieß sie aufgeregt hervor. Manuel war von der Schule geflogen! Den Grund erfuhr ich nicht. ›Was für ein Skandal!‹, stöhnte Margot. ›Im Ort reden sie schon. Rüdiger schiebt mir natürlich die Schuld in die Schuhe. Ach bitte, Jutta, könnt ihr den Jungen nicht eine Weile nehmen? Wenigstens bis Gras über die Sache gewachsen ist.‹ Und nach einer kurzen Pause schob sie noch rasch hinterher: ›Soll euer Schaden nicht sein!‹
Karl-Heinz war zuerst dagegen, aber am Ende kriegte ich ihn doch herum! Manuel zog bei uns ein, und es lief gut. Nur zur Schule wollte er partout nicht mehr gehen, und zu meiner Überraschung bestanden seine Eltern auch nicht darauf. Was war da passiert? Hatte Rüdiger seine ehrgeizigen Pläne für Manuel etwa begraben? Ich blickte nicht durch, fragte aber auch nicht nach – bei wem auch? Meine Schwester war zugeknöpft wie eh und je, und ich hatte längst gemerkt, dass Manuel etwas zu verarbeiten hatte; ich ließ ihn in Ruhe! Aber den ganzen Tag zu Hause rumhängen, das ging nicht. Also nahm Karl-Heinz den Jungen mit in den Laden. Doch das war auch keine gute Idee. Manuel war manuell eine Niete! Da wuchs kein Nachfolger für den Fahrradladen heran.
Karl-Heinz konnte seine Enttäuschung nicht verbergen, und Manuel fühlte sich wieder mal als Versager. Kein Wunder, dass der Junge anderswo Anerkennung suchte! Abends zog er mit ein paar Gleichaltrigen um die Häuser, und sie stellten wohl allerhand Unsinn an, jedenfalls stand eines Tages die Polizei bei uns vor der Tür. Die Jungs hatten eine Tankstelle überfallen, mit einer Spielzeugpistole!« Jutta raufte sich die Haare.
»Jetzt hatte Karl-Heinz die Nase voll. ›Wir schicken den Jungen postwendend zurück, basta!‹ Daran war nicht zu rütteln. Margot schmollte eine Zeitlang, dann teilte sie mir brieflich mit, Manuel mache jetzt eine Banklehre im Nachbarort. Für eine Weile trat Funkstille ein.
Wiedergesehen habe ich Manuel erst auf der Beerdigung von Karl-Heinz. Ein blasser junger Mann im schwarzen Anzug, der Jüngste unter den Trauergästen. Es waren nicht viele da; Elke und Bärbel natürlich, Karl-Heinz‘ bester Freund Thomas, seine Kusine Monika, Erich vom Anglerverein und Herbert und Heike, die den Fahrradladen übernommen hatten. Margot und Manuel waren ohne Rüdiger erschienen, ihm sei in letzter Sekunde ein Notfall dazwischengekommen, sagten sie! Der Trauerredner, ein noch junger Mann, legte sich mächtig ins Zeug. ›Denn er war unser!‹, schmetterte er in den spärlich besetzten Saal. ›Mag das stolze Wort den lauten Schmerz gewaltig übertönen.‹ Das war von Goethe und sicher gut gemeint. Aber hatte er es nicht eine Nummer kleiner?
Der Leichenschmaus – oder sagen wir mal lieber das Trauermahl – fand in einer Gaststätte statt, die Bärbel mir empfohlen hatte. Manuel saß neben mir. ›Wo ist denn deine Mutter?‹, fragte ich ihn.
›Wie üblich! Nicht lange schnacken, Kopf in Nacken.‹ Er deutete zur Theke hinüber, wo Margot im Stehen einen Schnaps kippte und das leere Glas dem Wirt gleich wieder zum Nachfüllen hinhielt. ›Und hinterher gibt’s Pfefferminzbonbons‹, knurrte er.
Ich zuckte zusammen. Margot doch nicht! ›Oh doch‹, sagte Manuel, als habe er meine Gedanken gelesen. Dann wurde das Essen serviert.
Als sich die Gäste nach und nach verabschiedet hatten, rückte Margot mit ihrem Stuhl näher zu mir. Sie roch nach Pfefferminz, keine Frage. ›Die Mieten in Hamburg sollen in letzter Zeit ja ziemlich gestiegen sein. Hast du vor, umzuziehen?‹, fragte sie mich ganz unverblümt.
›Nein, wieso?‹ Das stand nicht zur Debatte.
›Die Wohnung ist doch viel zu groß für dich allein.‹ Margot lächelte scheinheilig. Da wusste ich, wie der Hase läuft! Sie kam dann auch prompt zur Sache. ›Kann Manuel nicht zu dir ziehen? Hier hat er doch viel mehr Möglichkeiten als bei uns.‹ Sie legte eine Hand auf meinen Arm und spielte ihren letzten Trumpf aus: ›Wir übernehmen auch die Hälfte der Miete!‹
Mir lag auf der Zunge zu fragen: ›Was hat er nun wieder angestellt? Hat er Geld unterschlagen oder ein Mädchen geschwängert?‹ Oh ja, ich kann ein Biest sein, wenn ich will! Aber das hatte Manuel nicht verdient; also fragte ich nur: ›Will er das denn?‹ Dabei schaute ich zu Manuel hinüber, der mit seinem Smartphone beschäftigt war. Er nickte, ohne aufzusehen, und streckte den Daumen in die Luft. Und damit beginnt die eigentliche Geschichte.«
Kapitel II
Hier übernehme ich nun die Regie, Jutta wollte es so! Es ist und bleibt aber ihre Geschichte, ich erzähle sie nur mit meinen Worten, habe nichts hinzugefügt oder verändert. Obendrein habe ich mir die Geschehnisse auch von Manuel, Bärbel und Elke schildern lassen; so habe ich manches aus erster Hand erfahren. Um es aber gleich vorwegzunehmen – in Wirklichkeit heißen die Drei nicht so; die Namen, die hier vorkommen, habe ich allesamt geändert! »Besser isses«, meinte Jutta dazu. »Und es schadet auch nicht: ›Name ist Schall und Rauch.‹« Das war typisch Jutta!
Zurück zur Geschichte. Manuel zog bei Jutta ein, und die beiden waren von Anfang an ein gutes Team. Jutta glaubte fest daran, dass Manuel seinen Weg machen würde. Sie akzeptierte ohne Wenn und Aber, dass er mit dem Bankgeschäft nichts mehr zu tun haben wollte, stellte ihm keine Fragen und drängte ihn zu nichts. Sie sah ja, dass er sich bemühte! Manuel ging zur Berufsberatung und ins Jobcenter und blätterte jeden Tag den Anzeigenteil der Zeitung durch. Wenn er den Kopf hängen ließ, tröstete sie ihn: »Rom wurde auch nicht an einem Tag erbaut, mein Junge. Gut Ding will Weile haben.«
Manchmal nützte das alles nichts. »Schau mich doch an!«, schrie er dann. »Ein Schulabbrecher mit zwei linken Händen. Wer nimmt den schon?«
Aber das ließ Jutta nicht gelten. »›Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren‹«, sagte sie. »Kopf hoch! Wir werden schon herausfinden, welche Talente in dir schlummern. Leg‘ die Karten auf den Tisch, ›hic Rhodus, hic salta!‹«
Manuel stutzte. »Kannst du Latein?«
»Nein, aber Lesen bildet«, gab Jutta vergnügt zurück.
Auch Manuel las gern. Wenn bei ihm zu Hause dicke Luft geherrscht hatte, hatte er sich stets mit einem Buch in seinem Zimmer verkrochen. Meistens handelte es sich dabei um einen Abenteuerroman, einen Reisebericht oder einen Krimi. Bei Jutta war die Auswahl größer.
Häufig sah sie ihn nun im Wohnzimmer in dem von ihm favorisierten Sessel am Fenster sitzen, mit einem Buch vor der Nase. »Was liest du da?«, fragte sie dann. Einmal war es ›Der Fänger im Roggen‹, ein andermal ›Tschick‹, in beiden Geschichten erkannte sich Manuel offenbar wieder.
Als Jutta eines Tages auf der Ablage im stillen Örtchen ihr Lieblingsbuch ›Effi Briest‹ liegen sah, fragte sie Manuel verblüfft: »Sag mal, liest du das etwa?«
Er nickte. »Ja, warum nicht?«
»Und?«
»Oh ja, ist schon ‘ne tolle Geschichte!«, sagte er. »Alles ist so lebendig, finde ich, man sieht die Leute förmlich vor sich. Aber unter uns: Effis Eltern haben doch einen Knall, das blutjunge, lebenslustige Mädel mit diesem ollen Ehrgeizling zu verkuppeln, der sie auch noch erziehen will. Kein Wunder, dass sie sich verführen lässt. Und dann dieses Duell, so viele Jahre danach, bloß wegen der Ehre, ich bitte dich! Effi hat den armen Kerl, der sich da totschießen lässt, doch gar nicht geliebt. Ich seh‘ ja noch ein, dass ihr Mustergatte sie nach allem, was vorgefallen ist, in die Wüste schicken muss. Zum Schluss erkennt er ja doch noch, was er geopfert hat, oder zumindest plagen ihn Zweifel. Aber weißt du, was ich überhaupt nicht schnalle? Das alles passiert doch bloß, weil Effi diese verdammten Liebesbriefe so lange aufbewahrt hat, stimmt’s? Versteh‘ einer die Mädels!« Er fasste sich an den Kopf.
»Dumm gelaufen, ja«, stimmte Jutta zu. »Aber ist es nicht interessant, zu sehen, was letzten Endes dahintersteckt? ›Die Hölle, das sind die anderen‹.«
»Genau! Bei uns zu Hause wird auch ständig danach geschielt, was die anderen Leute von uns denken.« Manuel nickte grimmig. »Ich möchte jemand sein, dem das egal ist, Jutta, verstehst du? Ich weiß doch selbst, was richtig oder falsch ist. Hier drinnen.« Er schlug sich mit der Faust gegen die Brust.
»Das wundert mich nicht«, entgegnete Jutta lächelnd. »Du wusstest ja schon als Baby, was du wolltest.«
»War das so?« Manuel zog überrascht die Augenbrauen hoch. »Dann muss sich das aber wieder verflüchtigt haben, heute weiß ich anscheinend nur noch, was ich nicht will.« Er deutete auf den Stapel verschmähter Jobangebote auf dem Schreibtisch.
»Für so was braucht man eben Geduld«, antwortete Jutta ruhig. »Ist dir eigentlich klar, dass man die meiste Zeit seines Lebens im Beruf verbringt? Das sollte schon passen, sonst sehnt man ständig den Feierabend herbei. Apropos, gucken wir nachher einen Film?«
Manuel liebte Actionfilme und Krimis mit witzigen Dialogen, Jutta bevorzugte Literaturverfilmungen und Historiendramen. Meistens trafen sie sich irgendwo in der Mitte, an diesem Abend bei einem Klassiker: ›Manche mögen’s heiß‹. Obwohl sie ihn beide kannten, amüsierten sie sich prächtig; nur bei dem Geturtel auf der Yacht verdrehte Manuel genervt die Augen.
Als sie sich später ›Gute Nacht‹ wünschten, blieb Manuel noch einen Moment in der Tür stehen und sagte: »Morgen früh will ich noch mal zum Jobcenter, Jutta! Und wenn nun wieder nichts dabei ist?« Er schnitt eine Grimasse.
»Na, dann gute Nacht, Charlie!«, rief Jutta fröhlich, streckte den Daumen in die Luft und zielte mit Zeige- und Mittelfinger auf Manuel. »Peng!«
Ab und zu kamen Bärbel und Elke zu Besuch, dann tranken sie Tee und plauderten. Manuel mochte die beiden. Bärbel war humorvoll, gescheit und nicht auf den Mund gefallen. Sie hatte stets ihr Strickzeug dabei, arbeitete mal an einem weißen, dann wieder an einem himmelblauen Babyjäckchen. Bärbels Enkelin hatte Zwillinge bekommen!
Eine Zeitlang hatte Manuel geglaubt, Bärbel käme gerade frisch vom Friseur, wenn er ihre blonde Lockenpracht betrachtete, bis er eines Tages spitzkriegte, dass sie eine Perücke trug. Wenn das Trio Probleme wälzte, pflegte Bärbel sich nämlich nachdenklich mit der Stricknadel am Kopf zu kratzen, wobei ihr Geheimnis im wahrsten Sinne des Wortes gelüftet wurde.
Elke, etwas jünger als Bärbel und Jutta, war eine stille, scheue Person, die ihr Gesicht gerne hinter ihren kinnlangen, mit feinen Silberfäden durchzogenen Haaren versteckte. Wenn die Damen jedoch auf ihr Lieblingsthema, die Wohnungssituation im Viertel, zu sprechen kamen, konnte Elke gewaltig in Harnisch geraten. »Unser neuer Vermieter ist ein Halsabschneider«, wetterte sie dann.
Die Mietwohnungen in dem Haus, in dem sie mit ihrer Mutter lebte, waren vor einigen Jahren in Eigentumswohnungen umgewandelt worden. Die Mieter, die es sich leisten konnten, hatten ihre Wohnungen gekauft, die anderen – und das waren weitaus die meisten – blieben in ihrem Mietverhältnis. Wurde ihre Wohnung verkauft, wechselte nur der Eigentümer. Im Haus ging die Angst vor Mieterhöhung um, weil einige der neuen Vermieter Modernisierungsmaßnahmen angekündigt hatten. Nach dem Wohnungskauf konnte der neue Eigentümer das Mietverhältnis drei Jahre lang nicht kündigen, das war gesetzlich so geregelt. Doch nachdem diese Sperrfrist abgelaufen war, fürchteten viele Mieter, es könne ihnen über kurz oder lang eine Eigenbedarfskündigung ins Haus flattern.
»Unser neuer Vermieter ist ein Geschäftsmann«, berichtete Elke den Freundinnen. »Er heißt Knopp, so wie der bei Wilhelm Busch, und dem sieht er auch ähnlich. Der Mann hat drei Wohnungen gekauft: unsere, die unter uns und die von Paula im Erdgeschoss. Knopp selbst bewohnt eine Villa in Blankenese. Ich glaub‘ nicht, dass er bei uns einziehen will, er hat wohl nur die Rendite im Sinn. Eine Mieterhöhung haben wir schon hinter uns, aber Knopp weiß genau, was ein Vermieter darf und was nicht, der leistet sich keine Luxussanierungen. Wir fürchten aber, dass er uns loswerden will.
Mutti regt das alles furchtbar auf. Sie hängt doch so an unserer Gegend, kennt hier ja auch so viele Leute und liebt nichts mehr, als am Fenster zu sitzen und auf ›ihre‹ Apostelkirche zu schauen. Wisst ihr, was sie immer zu mir sagt? ›Wenn ich dies Haus verlasse, Elke, dann mit den Füßen zuerst!‹« Jutta und Bärbel nickten bedrückt. »Ich halte dann immer dagegen und sage: ›Nichts wird so heiß gegessen, wie es gekocht wird, Mutti‹«, fuhr Elke fort. »›Wir überstehen auch noch die nächste Mieterhöhung, wir haben ja beide unsere Rente. Ich versprech‘ dir, dass wir bleiben, komme, was wolle. Wir schaffen das!‹«
»Das nenn‘ ich tapfer«, murmelte Bärbel, ohne von ihrem Strickzeug aufzusehen.
»Ja, ich wette, andere hätten längst die Flinte ins Korn geworfen, wenn sie an eurer Stelle wären«, sagte Jutta. »Dagegen geht’s uns hier ja Gold! Wir hatten im letzten Jahr zwar auch eine Mieterhöhung – unsere Fenster sind ausgetauscht worden, wegen Energieeinsparung und Schallschutz – aber das kommt uns Mietern ja auch zugute, nicht?«, sagte sie, zu Bärbel gewandt.
Hier unterbrach Jutta ihre Rede, um mir zu erklären, dass Bärbel und sie in Genossenschaftswohnungen wohnen. Als Mieter einer solchen Wohnung genieße man lebenslanges Wohnrecht und müsse keine Angst vor einer Eigenbedarfskündigung haben, sagte sie, weil bei Genossenschaften das Wohl ihrer Mitglieder und nicht der Profit im Vordergrund stehe.
»Wenn man sieht, was sich in unserer Umgebung so tut, macht man sich aber schon Sorgen«, hatte sie dann zu den Freundinnen gesagt. »Bei uns nebenan gibt’s noch den türkischen Obst- und Gemüseladen und den Lotto- und Totoladen an der Ecke. Die möchten wir auch nicht missen, oder? Aber guckt euch mal unser Nachbarviertel an! Da sind die Mieten doch so extrem gestiegen, dass die einzige Buchhandlung weit und breit seit Jahren ums Überleben kämpft. Das ist wirklich eine Schande!«
»Das kannst du laut sagen!«, pflichtete ihr Bärbel bei. »Da sind alle kleinen Läden stillschweigend verschwunden! Und was gibt‘s stattdessen? Edle Modeboutiquen, einen Schlemmermarkt, einen sauteuren Haarstylisten und zwei Weinhandlungen in einer Straße. Na, bravo!« Sie klapperte zornig mit ihren Stricknadeln.
»Es trifft immer die Schwächsten zuerst«, klagte Elke. »Bei uns ist es Paula. Sie ist Witwe, schon über achtzig und hat nur eine kleine Rente. Knopp weiß, dass bei ihr nichts zu holen ist, deshalb will er sie wohl gerne loswerden. Paula möchte aber nicht ausziehen, ihr geht’s wie Mutti, sie hängt an der Nachbarschaft und liebt ›ihre‹ Gegend. Außerdem findet sie nirgendwo eine passende Wohnung, die sie bezahlen kann. Und wer will schon ins Altenheim? Für Paula wäre das eine echte Katastrophe! Aber das ist diesem Knopp vollkommen Wurst. Oh, ich könnte den Kerl umbringen!«
»Aber Elke!«, rief Bärbel tadelnd.
Elke ließ ihre Haare vors Gesicht fallen und murmelte trotzig: »Ist doch wahr, verdammt noch mal.«
»Ja, Leuten wie diesem Knopp müsste man das Handwerk legen«, rief Jutta.
»Handwerk? Üble Machenschaften sind das«, knurrte Bärbel. »Wenn es hart auf hart kommt, müssen wir Paula beistehen, das ist doch Ehrensache!«
Man hörte Schlüsselgeklapper im Flur, und einen Augenblick später steckte Manuel den Kopf zur Tür herein. »Moin! Nanu, gibt’s hier heute gar keinen Kuchen?«
»Wir sind auf Diät«, scherzte Bärbel.
Manuel lief in die Küche und kam gleich darauf mit einer Schokoladentarte zurück, die er mitten auf den Tisch stellte. »Hier kommt eure Diät, hab‘ ich selbstgebacken«, verkündete er stolz. Nur Jutta wusste, dass er am nächsten Tag Geburtstag hatte.
Bärbel legte ihr Strickzeug beiseite, nahm sich ein Stück Kuchen und biss herzhaft hinein. »Himmlisch«, stöhnte sie. »Der Junge sollte Bäcker werden.«
»Oh nein! Manuel ist eine Künstlernatur!«, widersprach Elke und schaute, versonnen lächelnd, zur Decke. »Wie wär’s mit Stuckateur? Das ist wieder groß im Kommen!«
Manuel, sonst gern Hahn im Korb, fand, dass es Zeit wurde, sich höflich zu empfehlen!
Manuel verspürte nicht die geringste Lust, seinen Geburtstag zu feiern. Nicht einmal seine Eltern mochte er sehen, wollte weder zu ihnen fahren noch sie nach Hamburg einladen, wie Jutta es vorgeschlagen hatte.
»Du weißt doch, wie das läuft, die setzen mich nur wieder unter Druck«, sagte er gequält. »Ich brauch‘ aber noch Zeit. Weißt du was, Jutta, wir beide kochen uns was Schönes…« Er stieß sie mit dem Ellbogen an. »… und hinterher gönnen wir uns ein Eierlikörchen.« Er kannte Juttas Schwäche für das süße Getränk.
»Und wie wär’s, wenn du zur Feier des Tages mal ausgehen würdest?«, schlug Jutta vor. »Du hängst doch viel zu oft mit uns alten Schachteln herum. Du gehörst unter junge Leute. Geh‘ mal wieder auf die Piste!«
»Das brauch‘ ich im Moment nicht«, entgegnete Manuel ruhig.
Seine Eltern hatten ihm ein Päckchen geschickt, in dem sich eine Digitalkamera befand. Auf der beiliegenden Karte stand in Margots zierlicher, ebenmäßiger Handschrift geschrieben: ›Herzlichen Glückwunsch, mein lieber Junge! Schade, dass wir uns nicht sehen. Wir würden ja gerne hören, wie es bei dir steht. Du könntest dich ruhig öfter mal melden, das meint Papa auch, schließlich bezahlen wir deine Miete! Die Kamera hab‘ ich besorgt. Hoffentlich kannst du schöne Fotos damit machen. Schick uns bald welche! Und grüß‘ Jutta von mir. Küsschen, deine Eltern.‹
»Sieht teuer aus, das Teil. Aber was soll ich damit?« Manuel drehte die Kamera in den Händen hin und her und legte sie dann beiseite. »Ich hab‘ doch mein Handy.«
»Du bist vielleicht gut! Damit kannst du doch viel bessere Fotos machen als mit dem Handy«, lachte Jutta ihn aus. »Ja, glaub‘ mir, fotografieren war mal mein Hobby! Wenn Karl-Heinz angeln war, bin ich auf Fotopirsch gegangen. Warte, ich zeig‘ dir was.« Sie ging zur Bücherwand, wo im untersten Regalfach die Fotoalben standen, zog eins heraus, setzte sich damit aufs Sofa und klopfte einladend auf den Sitz neben sich. »Komm‘ her!«
Auf den ersten Seiten des Albums waren hauptsächlich Fotos von Blumen und Vögeln zu sehen. »Das war bei ›Planten un Blomen‹; hier sieht man schon, dass ich nicht einfach so drauflos fotografiert habe«, sagte Jutta. »Man bekommt mit der Zeit einen Blick für die Motive, und dann muss das Licht auch noch stimmen, danach stellt man die Kamera ein. Mir hat das immer viel Spaß gemacht, und die Fotos sind doch schön geworden, oder?«
»Ja, richtig künstlerisch! Da kommen meine Schnappschüsse nicht mit«, bestätigte Manuel. Sie blätterten weiter. »Das hier ist ja toll«, sagte er und deutete auf ein Foto von Karl-Heinz, der, im Gegenlicht kniend, wie von einem Strahlenkranz umgeben, an einem Fahrrad schraubte. »Sieht fast aus wie ein Heiligenbild.« Sie mussten beide lachen.
»Und das hier ist auf Sylt, das war unsere Hochzeitreise«, erklärte Jutta. Karl-Heinz stand breitbeinig am Strand, im zünftigen Seemannspullover, die blonden Haare windzerzaust, eine Pfeife im Mund. »Zeigt dieses Foto nicht sein ganzes Wesen? Kraftvoll und unverwüstlich war er, mein Karl-Heinz, ein Fels in der Brandung.« Jutta blätterte weiter. »Und das hier ist in Weimar, kurz nach der Wende. Die Reise hatte mir Karl-Heinz zum Geburtstag geschenkt. Für ihn war es wohl ein bisschen viel Kultur, aber das hat er mich nie spüren lassen.« Das Foto zeigte Jutta und Karl-Heinz, Arm in Arm, am Goethe-Schiller Denkmal vor dem Theater in Weimar. »Da haben wir einen Passanten gebeten, uns zu fotografieren«, sagte Jutta. »Ich erinnere mich noch genau daran, dass er ziemlich lange brauchte, um die richtige Blende einzustellen.«
Manuel hatte Feuer gefangen! Immer öfter zog er nun mit der Kamera los und studierte nebenbei auch Bücher über Fotografie, die er in Juttas Regalwand gefunden hatte. Seine ersten Motive suchte er sich im Hafen: Barkassen, Container- und Kreuzfahrtschiffe. Eine Zeitlang fotografierte er dann Tiere im Zoo, bis er entdeckte, dass ihn menschliche Gesichter am meisten faszinierten.
Als Jutta seine ersten Porträtfotos sah, pfiff sie anerkennend durch die Zähne. Eins zeigte einen alten Mann auf einer Parkbank, der sein zerfurchtes Gesicht dankbar der Sonne entgegenstreckte, ein anderes das glückselige Lächeln einer jungen Mutter, die sich über ihr Baby beugte, und – last but not least – hatte Manuel das Leuchten im Gesicht eines Kleinkinds eingefangen, das Enten an einem Teich fütterte. Porträts schienen Manuels Stärke zu sein! Von nun an machte er nichts anderes mehr. Die Leute, die er fotografieren wollte, gaben ihm in der Regel gern ihr Einverständnis dazu.
Jutta erkannte schon bald, dass Manuel die seltene Begabung besaß, mit dem Fotoapparat in die Seele eines Menschen zu schauen. Am liebsten hätte sie ihm geraten, eine Schule für Fotografie zu besuchen, so etwas gab es in der Stadt. Aber war er schon so weit? Und wollte er überhaupt einen Beruf daraus machen?
Jutta sagte lieber nichts; sie wollte das Kind ja nicht mit dem Bade ausschütten!
Kapitel III
Was danach geschah, stellte das Leben aller, die daran beteiligt waren, völlig auf den Kopf. So hat es mir Jutta jedenfalls geschildert.
»Wir sind ziemlich unbedarft in die Sache hineingeschlittert, was aber keine Entschuldigung sein soll«, eröffnete sie mir am nächsten Tag, als wir schon per Du miteinander waren. »Wir wollten Gerechtigkeit herstellen, das war unser Ziel! Dabei haben wir nicht nach rechts und links geschaut, haben eher nach dem Motto gehandelt: ›Der Zweck heiligt die Mittel‹. Na, du wirst ja sehen …«
Wer wäre da nicht neugierig geworden!
Als die drei Damen das nächste Mal bei Jutta zusammensaßen, hatte Elke schlechte Nachrichten. »Paula hat man letzte Woche eine Eigenbedarfskündigung zugestellt.«
»Wieso denn das?«, rief Bärbel. »Ich dachte, dieser Knopp hat ein Haus in Blankenese.«
»Hat er auch. Die Wohnung ist für sein Fräulein Tochter gedacht«, erklärte Elke. »Die war nach dem Abi ein Jahr im Ausland und möchte nun in Hamburg studieren. Zuhause ist aber angeblich kein Platz mehr für sie, weil Knopp in der Zwischenzeit seine pflegebedürftige Mutter bei sich aufgenommen hat.«
»Vielleicht möchte das Mädel ja auch nur eine sturmfreie Bude haben«, mutmaßte Bärbel. »Apropos, wo steckt eigentlich dein Untermieter, Jutta?«
»Fotografieren«, antwortete Jutta knapp.
»Von uns aus hat es die junge Dame ja auch nicht weit zur Uni, und der Herr Papa schlägt gleich zwei Fliegen mit einer Klappe; er wird Paula los und muss seiner Tochter keine Studentenbude finanzieren«, spekulierte Elke weiter. »Die Kündigung liegt jedenfalls auf dem Tisch, und Paula ist völlig verzweifelt. Ich hab‘ das gleich Lothar, unserem Apotheker, erzählt, den kennt ihr doch auch, nicht? Der Mann weiß ganz gut Bescheid, weil sein Sohn Jura studiert. Lothar meinte, so was würde er in letzter Zeit häufiger hören, und in den meisten Fällen gehe es leider nicht gut aus für die Mieter. Paula soll unbedingt Widerspruch gegen die Kündigung einlegen.«
»Braucht sie dafür nicht Hilfe?«, fragte Jutta besorgt.
»Die hat sie schon«, erwiderte Elke. »Lukas, der Sohn von Lothar, war am Sonntag bei ihr und hat das Schreiben aufgesetzt. Ich hab’s gelesen! Da steht drin, dass Paula ein Umzug nicht zuzumuten sei, wegen ihres hohen Alters, ihres geringen Einkommens, und weil sie schon so lange in der Wohnung wohnt. Der Junge hat das wunderschön formuliert: ›Tiefe Verwurzelung mit ihrem Umfeld‹ hat er geschrieben.« Elke schniefte gerührt. »Lukas hat aber auch gesagt, Paula solle sich nicht allzu große Hoffnungen machen. In der Regel honorieren die Gerichte nämlich, dass der Vermieter ein Recht an seinem Eigentum wahrnehmen will. Und dann hat er Paula noch gefragt, ob sie nicht irgendeine Krankheit hätte, die man als ›Härtegrund‹ anführen könne. Je schwerer die Erkrankung, desto besser! Der Junge hat vielleicht Humor. Aber da ist nichts zu machen, Paula ist quietschfidel für ihre mehr als achtzig Jahre.«
»Und wie geht‘s jetzt weiter?«, fragte Jutta, während sie Tee nachschenkte. »Abwarten und Tee trinken«, scherzte Bärbel.
»Wenn der Vermieter den Widerspruch nicht akzeptiert, geht die Sache vor Gericht‹«, erklärte Elke. »Knopp muss Paula dann regelrecht aus der Wohnung herausklagen, und das tut er auch, jede Wette!«
»Die arme Paula«, stöhnte Jutta.
»Ja, das ist schlimm! Paula muss sich unbedingt einen Anwalt nehmen, sie kann doch nicht alleine vor Gericht gehen«, sagte Elke. »Lothar will mir die Adresse von einem Rechtsanwalt geben, der Erfahrung in solchen Sachen hat. Aber – wo soll Paula das Geld dafür hernehmen?«
»Ach, das ist alles so gemein«, rief Bärbel. »Paula hat doch überhaupt keine Wahl! Wenn sie sich nicht gegen die Kündigung wehrt, landet sie über kurz oder lang im Altenheim. Das kann sie sich gerade noch leisten!«
»Bloß das nicht!«, jammerte Elke. »Da geht sie doch ein wie eine Primel.«
Bärbel legte ihr Strickzeug in den Schoß und sagte: »Lasst uns mal überlegen, wie wir Paula helfen können. Die Mühlen der Justiz mahlen zwar langsam, wie wir wissen, aber wir dürfen die Sache trotzdem nicht auf die lange Bank schieben! Sollte Paulas Widerspruch abgelehnt werden, muss sie gleich den Anwalt einschalten, und dafür braucht sie Geld. Woher nehmen, wenn nicht stehlen?«
Alle redeten durcheinander, so dass man kein Wort mehr verstand. Jede von ihnen hatte einen Notgroschen im Sparstrumpf, der für den Krankheitsfall oder noch Schlimmeres gedacht war, aber den wollte niemand antasten! Ein Darlehen aufzunehmen, kam auch nicht in Frage, weil alte Leute bekanntlich Kredite nur gegen Sicherheiten bekommen, und die hatte keine von ihnen vorzuweisen. Jutta schlug vor, auf dem Flohmarkt Antiquitäten zu verkaufen, auf ihrem Dachboden stünde noch das eine und andere wertvolle Stück, aber Bärbel winkte gleich ab. »Ach, das bringt doch nur Peanuts.«
»Über welche Summe reden wir hier überhaupt?«, fragte Jutta. »Habt ihr eine Ahnung, was so ein Anwalt kostet?«
»Ja, das hab‘ ich Lothar auch schon gefragt, aber das lässt sich im Voraus schwer sagen«, erwiderte Elke. »Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle! Es handelt sich aber bestimmt um mehrere Tausend Euro.«
Alle schwiegen betroffen.
»Tja, ihr Lieben, dann bleibt uns wohl nichts anderes übrig, als eine Bank zu überfallen.« Das war typisch Bärbel!
Hatte sie das nur so dahingesagt oder steckte womöglich mehr dahinter? Okay, ich verrate noch nichts. Wir werden sehen …
Jutta war eine Frühaufsteherin. Schon um sieben Uhr morgens stand sie in der Küche, um Frühstück zu machen. Manuel ließ sich meistens erst später blicken, was Jutta ihm aber nicht übelnahm. Im Gegenteil, sie liebte diese einsame Stunde am Frühstückstisch. Wenn die Sonne schien, öffnete sie das Fenster, um die Vögel singen zu hören, während sie den Tisch deckte. Alles musste in Griffweite sein, die Teekanne auf dem Stövchen, ihre heißgeliebten Sesambrötchen, der Honig und die ›gute Butter‹, – so hatte ihre Mutter immer dazu gesagt. Zum Schluss stellte Jutta noch ein Blümchen auf den Tisch.
An dem Morgen, von dem hier die Rede ist, hatte Jutta ihr Frühstück bereits beendet, ihre Lesebrille aufgesetzt und die Zeitung vor sich ausgebreitet, als Manuel ins Zimmer schlurfte, in Boxershorts und T-Shirt, mit verstrubbelten Haaren, einen Becher Kaffee in der Hand.
»Moin«, brummte er, schnappte sich ein Croissant aus dem Brotkorb, fläzte sich in ›seinen‹ Sessel am Fenster und blinzelte in die Sonne. »Wenn das Wetter so bleibt, fahr‘ ich heute in die Hafencity und nehm‘ ein paar Anzugträger auf.« Zu dieser Uhrzeit war das eine recht lange Rede für ihn!
Jutta nickte, ohne von der Zeitung aufzusehen. Als sie den Artikel zu Ende gelesen hatte, schob sie die Brille ins Haar und sagte: »Du glaubst nicht, wie leicht man alten Leuten das Geld aus der Tasche ziehen kann, die sind ja so vertrauensselig! Scheint eine beliebte Gaunermasche zu sein, nennt sich Enkeltrick. Schon mal gehört?«
Manuel überlegte einen Augenblick, dann grinste er breit und sagte: »Du willst mich doch nicht etwa auf Abwege bringen, Jutta?«
»Ach was, mich wundert bloß, wie gutgläubig alte Leute sind. Hier steht’s, schwarz auf weiß.« Jutta tippte auf die Zeitung. »Eine Frau, nicht viel älter als ich, bekommt einen Anruf und weiß zuerst nicht, mit wem sie spricht, meint dann aber, es sei ihre Enkelin, die sich schon lange nicht mehr bei ihr gemeldet hat. Die Anruferin bestärkt sie in dem Glauben und kommt gleich zur Sache. Sie stecke ganz furchtbar in der Klemme, jammert sie, denn sie wolle sich gerade eine Wohnung kaufen, ein wahres Schnäppchen, aber die Anzahlung müsse noch heute in bar hinterlegt werden, sonst könne sie die Sache vergessen. Es handelt sich um eine ziemlich große Summe, zehntausend Euro! Kein Pappenstiel, was?« Jutta schaute zu Manuel hinüber, der beeindruckt die Backen aufblies.
»Die alte Dame hat wohl einiges auf der hohen Kante, möchte es aber nicht so einfach verschenken«, fuhr sie fort. »Von Schenken sei doch gar keine Rede, beteuert die vermeintliche Enkelin. Die Bank habe ihr schon ein Darlehen bewilligt, aber die Auszahlung verzögere sich noch. Dabei ticke die Uhr unaufhaltsam! Ob die liebe Oma nicht solange aushelfen könne? Selbstverständlich werde sie ihr die Summe auf der Stelle zurücküberweisen, sobald sie über das Darlehen verfügen könne. Und die ›liebe Oma‹ glaubt das alles, geht zur Bank und hebt das Geld ab. Was sagst du dazu?«
»Moment mal!« Plötzlich war Manuel ganz bei der Sache. »Fällt dem Bankangestellten denn nicht auf, dass die Summe reichlich hoch ist? Ich hab‘ geglaubt, die achten auf so was.«
»Also, davon steht hier nichts. Offenbar hat man ihr das Geld anstandslos ausgezahlt«, sagte Jutta. »Mit seinem Geld kann man wohl machen, was man will. Zu Hause hat die gute Frau dann auf den nächsten Anruf ihrer ›Enkelin‹ gewartet, um zu erfahren, wann sie gedenke, das Geld in Empfang zu nehmen. Und nun verschlägt es dir die Sprache! Die ›Enkelin‹ ruft an und gibt vor, unter enormem Zeitdruck zu stehen, so dass sie das Geld nicht selbst abholen könne, sie habe aber eine vertrauenswürdige Person damit beauftragt. Die Falle schnappt zu. Die ›liebe Oma‹ übergibt das Geld an eine wildfremde Person, die sich nur mit einer schriftlichen Vollmacht der angeblichen Enkelin ausweisen kann. Die Schrift ist natürlich unleserlich. Das Geld ist futsch, auf Nimmerwiedersehen!«
Manuel tunkte das letzte Stück Croissant in seinen Kaffee, schob es in den Mund und wischte sich die Finger an den Boxershorts ab. »Klingt wie ein todsicheres Rezept zur Geldbeschaffung«, sagte er kauend. »Warum interessiert dich das eigentlich so?«
»Na, weißt du! Hier laufen Trickbetrüger frei herum! Das lässt mich doch nicht kalt«, erwiderte Jutta vorwurfsvoll. »Findest du es nicht auch seltsam, dass jemand auf so etwas hereinfällt? Glaubst du, mir könnte das auch passieren?«
»Wenn du mich so fragst, würde ich sagen eher Nein«, antwortete Manuel gedehnt. »Soweit ich es überschaue, herrscht bei dir ja akuter Mangel an Enkeln.«
»Ach komm‘, du weißt schon, wie ich es meine. Wieso rückt jemand ohne Weiteres zehntausend Euro heraus?«
»Aus Liebe vielleicht?« Manuel lachte spitzbübisch. »Da ist jemand einsam und möchte geliebt werden, Jutta! Liebe scheint überall Mangelware zu sein. Denk nur mal an deine liebe Effi! Wenn ich mich recht entsinne, sagt die doch auch so was über ihr Prachtexemplar von Ehemann.« Er dachte kurz nach und zitierte dann aus dem Stegreif: »›Er war so edel, wie jemand sein kann, der ohne rechte Liebe ist.‹«
»Sag mal, hast du das Buch etwa auswendig gelernt? Auf dem Klo?« Jutta musterte ihn misstrauisch.
»Na ja, nicht wirklich! Um ehrlich zu sein – neben deiner Fontane Ausgabe stand eine Lektürehilfe ›Effi Briest‹«, gestand Manuel kleinlaut. »›Effi to go‹, sozusagen. Ideal für jemanden wie mich!«
»Du Filou! Dann war das Buch im Badezimmer also nur Staffage?« Jutta warf eine Packung Tempotaschentücher nach ihm, traf aber daneben.
»So war das nun auch wieder nicht, ab und zu hab‘ ich ja reingeschaut«, beteuerte Manuel treuherzig. »Aber Jutta, ich wollte dir eine Freude machen.«
»So was nenn‘ ich Betrug!« Jutta tat verschnupft. »Aber großmütig, wie ich nun mal bin, verzeihe ich dir. Jetzt weiß ich aber immer noch nicht, was ich täte, wenn ich so einen Anruf bekäme.«
Manuel lächelte sie über seinen Kaffeebecher hinweg an und sagte: »Ich glaube, darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Jutta. Du passt überhaupt nicht ins Beuteschema dieser Leute. Dass du arm wie eine Kirchenmaus bist, pfeifen doch die Spatzen von den Dächern.«
»Touché!« Jutta faltete ergeben die Hände. »Aber gut zu wissen, dass es auch Vorteile hat, arm zu sein.«
Kapitel IV
Vermutlich hätte Jutta keinen Gedanken mehr an den Enkeltrick verschwendet, wenn sie nicht am nächsten Tag einen Termin bei ihrem Orthopäden gehabt hätte. Sie war wegen Kniebeschwerden bei ihm in Behandlung, hatte Physiotherapie bekommen, und nun war die Abschlussuntersuchung fällig.
Das Wartezimmer war so voll wie immer. Jutta hatte sich ein Buch mitgebracht, ›Die Geschichte der Bienen‹. Normalerweise ließ sie sich beim Lesen von den Gesprächen ringsum nicht stören, aber diesmal klappte das nicht, denn der Mann, der ihr schräg gegenübersaß, schwang große Reden. Er war schätzungsweise Anfang siebzig, kräftig gebaut, braun gebrannt und hatte eine Stimme, die man bis nach draußen hören konnte.
Offenbar war er gerade von einer Kreuzfahrt heimgekehrt. »Miami, Antigua, Manaus – traumhaft, sag‘ ich Ihnen«, schwärmte er. »Das muss man gesehen haben! Und dieser Komfort an Bord, einfach fantastisch! Was das Herz begehrt: Pool-Landschaften, Wellness-Anlagen, Langeweile kommt da nicht auf. Und die Küche – vom Feinsten!« Er schnalzte genießerisch mit der Zunge.
Im Wartezimmer herrschte andächtige Stille. Die Illustrierte auf dem Schoß, ja, sogar das Smartphone schien vergessen. Alle waren ganz Ohr.
»Bei den Landgängen haben wir gehörig die Puppen tanzen lassen«, prahlte der Mann weiter. »Ich hab’s gern lustig, wissen Sie, bin seit ein paar Jahren Witwer.« Er blinzelte dem Mann neben Jutta komplizenhaft zu, aber der hüstelte nur verlegen. »Meine Frau war für solche Reisen ja nicht zu haben, für die kam nur der Schwarzwald oder höchstens noch der Vierwaldstätter See in Frage. War sonst aber eine gute Frau.« Er lachte behäbig. »Eine Schwäbin! Hat das Geld zusammengehalten, Sie wissen schon: ›Schaffe, schaffe, Häusle baue‹. Aber man will ja auch mal was erleben, nicht wahr?« Er machte eine weitausholende Armbewegung, verzerrte dann plötzlich das Gesicht und knurrte: »Verdammter Rücken! Da bin ich nun Tausende von Kilometern gesund und munter übers Meer geschippert, und kaum bin ich wieder zu Hause, falle ich die Kellertreppe runter.« Er schüttelte den Kopf.
»›Das kann auch nur dir passieren, Uwe‹, hab‘ ich mir gesagt. Na, ist ja noch alles dran! Autofahren klappt, das ist die Hauptsache. Nur das Einkaufen macht mir Probleme, ich kann mich nicht bücken, wissen Sie, und auch nicht lange stehen.« Das Interesse der Zuhörer flaute sichtlich ab, man wandte sich wieder der Illustrierten und dem Smartphone zu. Schmerzen hatten sie schließlich alle!
Nur die Frau neben ihm fragte mitleidig: »Haben Sie niemanden, der Ihnen hilft?«
»Na ja, meine Putzfrau kommt morgens, aber die kann ich nicht zum Einkaufen schicken, die versteht ja kaum Deutsch«, brummte der Mann. »Das Mittagessen bringt man mir zum Glück ins Haus, aber alles, was man sonst so braucht …«
»Haben Sie denn keine Kinder?«, fragte die Frau weiter.
»Doch, eine Tochter, tüchtiges Mädchen.« Er grunzte zufrieden. »Sie und ihr Mann leben aber nicht hier, die haben einen Hotelbetrieb am Titisee übernommen, stemmen zu zweit den ganzen Laden und müssen Tag und Nacht schuften, um ihre Schulden abzuzahlen. Die haben keine Zeit für einen alten Mann! Ich hab‘ der Deern ja gleich gesagt, sie soll den Hungerleider laufen lassen. Selber schuld, warum musste sie ihn denn unbedingt heiraten! Mein Schwiegersohn hatte es von Anfang an auf mein Geld abgesehen, das können Sie mir glauben. Mein Betrieb wirft immer noch ganz schön was ab! Ich hab‘ Autos verkauft für Mercedes, wissen Sie, hab‘ den Laden aber inzwischen verpachtet.« Zufrieden faltete er die Hände über seinem stattlichen Bauch.
Alle hingen wieder an seinen Lippen. Wie machte der Mann das bloß? Fanden die andern ihn etwa sympathisch? Er strotzte vor Selbstgefälligkeit, was Jutta insgeheim ärgerte, sie gleichzeitig aber auch faszinierte. ›Karl-Heinz hätte so jemanden `Schweinepriester´ genannt‹, dachte sie und musste lächeln. Der Mann schien ihr eine Karikatur seiner selbst zu sein. Dass er ziemlich wohlhabend war, sah man auch seiner Kleidung an: gelber Kaschmirpullover, rostbraune Cordhose, teure Uhr am Handgelenk und ein protziger Siegelring am kleinen Finger.
