Rattennest - Hannes Bahrmann - E-Book

Rattennest E-Book

Hannes Bahrmann

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Beschreibung

Adolf Eichmann, der die Vernichtung der europäischen Juden organisierte, setzte sich nach dem Zweiten Weltkrieg ebenso nach Argentinien ab wie Josef Mengele, der KZ-Arzt von Auschwitz. Hunderte NS-Verbrecher taten es ihnen gleich. Auf den sogenannten Rattenlinien gelangten sie in ein Land, das sie mit offenen Armen empfing. Doch warum ausgerechnet Argentinien? Lateinamerika-Kenner Hannes Bahrmann geht dieser Frage nach und stellt überzeugend dar: Die Antwort liegt in der Geschichte des Landes selbst begründet.

»Fesselnd und wichtig! Dieses Buch hilft zu verstehen, warum viele NS-Verbrecher nach Argentinien flüchteten.«
Olivier Guez, Autor des Bestsellers »Das Verschwinden des Josef Mengele«

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Hannes BahrmannRattennest

Hannes Bahrmann

RATTENNEST

Argentinien und die Nazis

Ch.LinksVERLAG

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikationin der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografischeAngaben sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Ch. Links Verlag ist eine Markeder Aufbau Verlage GmbH & Co. KG

© Aufbau Verlage GmbH & Co. KG, Berlin 2021

basiert auf der 1. Druckauflage 2021

www.christoph-links-verlag.de

Prinzenstraße 85, 10969 Berlin, Tel.: (030) 44 02 32-0

Umschlaggestaltung: Kuzin & Kolling, Büro für Gestaltung, Hamburg,Kamil Kuzin, unter Verwendung von Fotos von unsplash.com/Geronimo Giqueaux und Hans Heinrich Lammers/Bundesarchiv,Bild 146-2008-0276

Satz: Nadja Caspar, Ch. Links Verlag

ISBN 978-3-96289-128-2

eISBN 978-3-86284-506-4

INHALT

PROLOG

ARGENTINIEN

Binnenkolonisation auf Kosten der indigenen Völker – Afroargentinier »verschwinden« – Mit Gewalt wird der ungeheure Landbesitz an die Oligarchie umverteilt – Das Bevölkerungsideal: »Weder Gauchos noch Schwarze noch Arme« – Masseneinwanderung aus Europa

DEUTSCHE ORGANISIEREN ARGENTINIENS ARMEE

Deutschland exportiert die preußische Felddienstordnung, Wehrpflicht und sogar die Pickelhaube – Argentinische Offiziere werden in die preußische Armee eingegliedert – Deutsche Generäle lehren in Buenos Aires an der Kriegsakademie

»AUF NACH ARGENTINIEN!«

Die Nachkriegsnot befeuert die deutsche Einwanderung – Argentinien wird wichtigster Handelspartner der Weimarer Republik in Lateinamerika – Erste Kontakte zu den Nazis und Adolf Hitler

DAS »NIEDERTRÄCHTIGE JAHRZEHNT«

Die »germanophilen« Militärs putschen sich 1930 an die Macht – Die Weltwirtschaftskrise verändert das argentinische Wirtschaftsmodell – Rechte Eliten unterstützen die Putschisten

PARTEIGENOSSEN AM RÍO DE LA PLATA

Nazis forschen die Deutschstämmigen aus – Deutsche Schulen kommen unter die Kontrolle der NSDAP – Lehrer werden »Bildungsunteroffiziere« – Diplomat in SS-Uniform

JUDEN IN ARGENTINIEN

Argentinien war in der engen Wahl zum Judenstaat der Zionisten – 1919 kommt es in Buenos Aires zum einzigen Pogrom in ganz Lateinamerika – Nach dem Militärputsch von 1930 sind jüdische Einwanderer unerwünscht – Das Argentinische Tageblatt leistet Widerstand

DER »PATRONENKÖNIG« ZWISCHEN DEN FRONTEN

Ein Waffenhändler rüstet die Austrofaschisten aus – Trotz bester Beziehungen wird er zum »Halbjuden« – Der Mörder von Liebknecht und Luxemburg wird sein Statthalter – Im Exil »zurück im Geschäft«

DER EINFLUSS DER NAZIS WIRD ZU STARK

Kolonnen deutscher Jugendlicher ziehen zu Marschmusik durch Buenos Aires – Viele Tausend brüllen im Luna Park »Ein Reich, ein Volk, ein Führer« – Die große öffentliche Präsenz läuft den Interessen der Nazis zuwider – Der »Patagonienplan«

DIE FRÜHE PLANUNG DES NÄCHSTEN KRIEGES

Argentinien wird frühzeitig in die Vorbereitung einbezogen – Der deutsche »Etappendienst« wird reaktiviert – Sowjetrussland und die Weimarer Republik verbünden sich – Breite illegale Aufrüstung der Reichswehr – Hitler erbt »die modernste Armee der Welt« – Krieg nur durch Einbruch in fremde Staaten zu finanzieren

PANZERKREUZER ADMIRAL GRAF SPEE AM RÍO DE LA PLATA

Der Seekrieg beginnt im Südatlantik – Schlacht am Río de la Plata – Deutscher Panzerkreuzer wird vor Montevideo versenkt – Die 1000 Mann Besatzung werden heimlich nach Argentinien gebracht – Von dort kehren alle Offiziere nach Deutschland zurück

ARGENTINIEN WIRD ZUR SPIONAGEZENTRALE DER NAZIS

Agenten funken Angriffskoordinaten für deutsche U-Boote – Brasilien zerschlägt Spionagenetz der Nazis – Argentinien wird zum Zentrum aller Aktivitäten Nazideutschlands in Südamerika

DAS MILITÄR ÜBERNIMMT WIEDER DIE MACHT

Oberst Perón wünscht sich die Vormacht in Südamerika – Ziel ist ein deutschfreundlicher Staatenbund unter Argentiniens Führung – Geheime Depeschen aus Berlin »für Juan« – Der neue Vizepräsident plant seine Zukunft

PERÓNS KAMPF UM DIE MASSEN

Die politische Ökonomie des Faschismus und ihre Anwendung durch Perón – Ein strategischer Pakt mit den Gewerkschaften – Folgenschweres Treffen mit einer Radiomoderatorin – Die »Hemdlosen« bringen den Oberst in den Präsidentenpalast

DIE NAZIS PLANEN DIE NACHKRIEGSZEIT

Argentinien im Zentrum der Verlagerung von Vermögen der Nazis – Geraubte Kunstschätze tauchen im Museum von Buenos Aires auf – KZ-Häftlinge produzieren falsche Fluchtgelder – Ein Argentinienkenner organisiert die Vermögenstransfers

WO IST ADOLF HITLER?

Stalin: »Wahrscheinlich ist er in Spanien oder Argentinien« – Leichenteile reisen durch Ostdeutschland und werden 1970 auf Anweisung des KGB-Chefs vernichtet – Die Theorie des Doppelgängers – Am Ende nur Vermutungen

DIE DEUTSCHEN »WUNDERWAFFEN«

Perón will mit deutscher Technik zur Weltmacht aufsteigen – »Wunderwaffen« als Ausdruck hoffnungsloser Unterlegenheit gegen die Allianz der Anti-Hitler-Koalition – Der Aufstieg des Dr. Hans Kammler und der SS

PERÓNS WERBEN UM DEUTSCHE TECHNIKER

Über Skandinavien werden Hitlers Waffentechniker ausgeschleust – Flugzeugkonstrukteur Prof. Tank baut Perón einen Düsenjäger – Der »Pulqui II« hebt Argentiniens Nationalgefühl – Der Staatschef ist tief beeindruckt

DIE »RATTENLINIEN«

Ein Antisemit als Chef der Einwanderungsbehörde in Buenos Aires – »Rudi« Freude organisiert die Fluchtwege aus Europa – Vor Ort gibt ein ehemaliger SS-Offizier die Anweisungen – Der Strom flüchtiger Nazis über Italien nach Argentinien setzt ein

ZUCKERBROT UND PEITSCHE

Der Präsident sichert seine Macht ab – Als Fürsprecher des Kapitals setzt Perón erstaunliche Reformen um – Eine paritätische Einkommensverteilung zwischen Kapital und Arbeit wird erreicht – Der Justicialismo als Gesellschaftsform ohne Ausbeutung? – Ein Goebbels-Fan organisiert die peronistische Staatspropaganda – Ein Literat wird Inspektor für Hühner und Hasen

EVA PERÓN – DIE PRÄSIDENTIN DER BESITZLOSEN

»Perón hält sein Wort, Evita verleiht Würde« – »Evita« küsst Leprakranke und wird zur Heiligen – Hunderttausende bejubeln ihr Idol auf der Europatournee – Fragen nach ihren Schweizer Konten

RASSENPOLITIK AM RÍO DE LA PLATA

Einreise nur für sterilisierte jüdische Kinder – Schutz der »argentinischen Rasse« – Bevölkerungsmischung wird nicht dem Zufall überlassen – Eine biotypologische Identitätskarte für jeden Staatsbürger – Homosexuelle sind in Argentinien unerwünscht – Ein KZ-Arzt berät den peronistischen Gesundheitsminister

DAS »KAMERADENWERK« IN BUENOS AIRES

Hilfen für geflohene Nazis – Mussolinis Sohn vereint mit Kriegsverbrechern und »alten Kameraden« – Eine »unmögliche Liebe« in Buenos Aires

PERÓNS SENSATION – PERÓNS BLAMAGE

Ein verhinderter Nuklearwissenschaftler will für Perón die Sonnenkraft in Flaschen abfüllen – Mit Millionentemperaturen soll in Patagonien die Kernfusion gelingen – Ronald Richter wird Ehrenbürger Argentiniens – »Perón ist dem Gerede eines sich selbst täuschenden Fantasten aufgesessen«

TOD EINER HEILIGEN

Die strategische Vorbereitung der (eigentlich nicht möglichen) Wiederwahl – Das Frauenwahlrecht sichert den Sieg – Wer nicht spenden will, muss büßen – Die Krise setzt ein: Drei Tage in der Woche ohne Fleisch – Eva Perón stirbt mit 33 Jahren – Ein Fälscher treibt sein Unwesen in Berlin-Pankow

DER ABSTIEG

Die Staatskasse leer und der Zauber dahin – Peróns Freundinnen sind wieder viel zu jung – Wo ist das Stiftungsvermögen? – Es häufen sich mysteriöse Todesfälle – Bruch mit der katholischen Kirche – Attentate und Putschversuche

DER PUTSCH

Perón sucht den Ausgleich: »Die Revolution ist beendet« – Die Parole der Putschisten: »Gott ist gerecht!« – Techniker und Nazis verlassen Argentinien

ADOLF EICHMANN: DER »KRIEGSVERBRECHER NR. 1«

Der Koordinator der systematischen Vernichtung der europäischen Juden – Massenerschießungen, die Erprobung von Gaswagen und Besuche der Vernichtungslager – »Mich reut gar nichts!«

EPILOG

EDITORISCHE NACHBEMERKUNG

Angaben zur verwendeten Literatur

Abbildungsnachweis

Der Autor

»Wenn genügend Ausdauer und Interesse gegeben sind,vermag wagemutige Forschung die vergangene Geschichtezu entmystifizieren. Die Vergangenheit kommtuns dann zu Hilfe, lehrt uns, wie wir die Lügen,die uns heute erzählt werden, als solche erkennen können,weil sie in ihrem Charakter denen höchstwahrscheinlichsehr ähnlich sind, die uns gestern täuschten.«

Uki Goñi, »Odessa. Die wahre Geschichte. Fluchthilfefür NS-Kriegsverbrecher«

»Geschichte ist etwas, das vielleicht im Grundeerst geschrieben werden kann, wenn alles lange vorbei ist,dass niemand mehr lebt, der ein aktuelles Interesse daran hat,wie es gewesen sein sollte.«

Carl Friedrich von Weizsäcker (1912–2007),deutscher Kernphysiker

PROLOG

Die argentinische Schauspielerin Norma Aleandro lernte während eines Urlaubs im Mai 1965 ein deutsches Ehepaar kennen, das in der Provinz Córdoba, 650 Kilometer nördlich von Buenos Aires, lebte. Sie kamen ins Gespräch und stellten fest, dass sie das Interesse an Blumen und Büchern verband. Beim Abendessen rezitierte der Ehemann Gedichte von Schiller. Seine Frau spielte Schubert auf der Geige. Stolz zeigte das deutsche Paar der Besucherin seinen wertvollsten Besitz: eine rare Goethe-Gesamtausgabe aus dem Jahr 1850, gebunden in matt schimmerndes Leder. Neugierig fragte Norma Aleandro, woraus denn der Einband sei. Ihre Gastgeberin antwortete: »Er ist aus Judenhaut. Mein Mann war Offizier in einem Konzentrationslager in Polen.«

Ex-Präsident Juan Domingo Perón berichtete dem Schriftsteller Tomás Eloy Martínez über die Begegnung mit einem Genetiker, Dr. Helmut Gregor, der Anfang der 1950er Jahre in El Tigre, einem Vorort von Buenos Aires, eine Rinderzuchtanstalt betrieb. Er habe dem damaligen Staatschef voller Stolz Fotos eines Stalls voller Kälber gezeigt: »Alles Zwillinge!« Er könne so die argentinische Wirtschaft, deren Rinder weltberühmt waren, nachhaltig voranbringen.

Der Mann, der sich als Helmut Gregor vorstellte, war Zwillingsforscher im Verborgenen. Es war der Lagerarzt im Vernichtungslager Auschwitz, Dr. Josef Mengele. In seinem Buch »Das Verschwinden des Josef Mengele« schreibt Olivier Guez: »Mit einer leichten Bewegung seiner Reitgerte besiegelte der Allmächtige das Schicksal seiner Opfer, links der sofortige Tod, die Gaskammern, rechts der langsame Tod, die Zwangsarbeit oder sein Labor, das größte der Welt, welches er bei Ankunft der Züge täglich mit ›verwendungsfähigem Menschenmaterial‹ (Kleinwüchsige, Riesen, Krüppel, Zwillinge) fütterte. Injizieren, vermessen, Blut abnehmen; zerstückeln, töten, obduzieren: ihm zu Diensten ein Zoo aus Versuchskindern, um die Geheimnisse der Zwillingsforschung zu ergründen, Übermenschen zu produzieren und die Fruchtbarkeit der deutschen Frauen zu vermehren, eines Tages die den Slawen entrissenen Ostgebiete mit Bauernsoldaten zu bevölkern und die nordische Rasse zu kräftigen.«

Mengele trieb vor allem die Möglichkeit an, verstorbene Zwillinge parallel zu untersuchen. »Die gibt es nie wieder, diese Chance«, freute sich der Mediziner, der beabsichtigte, dadurch eine wissenschaftliche Karriere zu begründen. Er holte gezielt Zwillingspaare aus den in Auschwitz ankommenden Transporten, um an ihnen unvorstellbar grausame Experimente vorzunehmen. Starb ein Zwilling, wurde der andere durch eine Injektion mit Phenol oder Chloroform ins Herz getötet, um parallel obduziert werden zu können.

In Argentinien lebte auch SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann, Organisator der Vernichtung der Juden, zehn Jahre unbehelligt, bis ihn ein israelisches Kommando 1960 nach Tel Aviv entführte. (Der westdeutsche Geheimdienst wusste seit 1952, dass sich Eichmann unter dem falschen Namen Ricardo Klement in Argentinien aufhielt.) Ab 1941 war er als Leiter des Referats IV B 4 im Reichssicherheitshauptamt für die Deportation der Juden aus Deutschland und aus den von Deutschland besetzten Ländern in die Vernichtungslager zuständig. Adolf Eichmann war der Vollstrecker des Holocaust. Bei einer Flasche Pálinka-Schnaps fragte ihn der Adjutant des Chefs des Reichssicherheitshauptamtes, SS-Obersturmbannführer Wilhelm Höttl, 1944 in Budapest: »Adolf, sag mal, wie viele Juden wurden tatsächlich ermordet?« Eichmann kannte die Zahlen präzise und antwortete: vier Millionen in den Vernichtungslagern und zwei Millionen auf andere Weise.

In San Carlos de Bariloche in Patagonien betrieb »Otto Pape« nach dem Krieg ein Geschäft mit deutschen Delikatessen. Seine Würste waren begehrt. Der Mann, der auch als Vorsitzender den Trägerverein der deutschen Schule leitete, war SS-Hauptsturmführer Erich Priebke, Stellvertreter des Sicherheitsdienstes (SD) in Rom, ein international gesuchter Kriegsverbrecher. Erst 1995 wurde er an Italien ausgeliefert, wo er drei Jahre später wegen Beteiligung am Massaker in den Ardeatinischen Höhlen zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

Nazis in Argentinien haben mittlerweile Eingang ins Alltags-bewusstsein auch junger Menschen gefunden. So ruft in der berühmten US-Zeichentrickserie »Die Simpsons« Bart Simpson in Australien an, weil er wissen will, ob der Wasserstrudel im Abfluss sich auf der Südhalbkugel andersherum dreht. Sein Anruf landet versehentlich auf einem Autotelefon in Argentinien. Der Angerufene meldet sich: »Adolf Hitler …« 2020 lief bei Amazon Prime Video die breit beworbene Serie »Hunters« an. Eine Gruppe von Nazijägern findet sich Ende der 1970er Jahre in New York zusammen. Die erste Staffel mit Al Pacino in der Hauptrolle endet in Argentinien. Aus einem Haus im Alpenstil tritt ein alter Herr, ergraut, aber unverkennbar: Es ist der ehemalige Führer des Großdeutschen Reiches.

In der Flut der Spekulationen wurde das Thema überreizt. Weniger als Hitler ging nicht mehr. Dahinter verschwanden die wirklichen Dimensionen der Einwanderung von Nazifunktionären und Kriegsverbrechern. Vor allem ließen viele Darstellungen die Entwicklung in Argentinien außer Acht. Die Mehrzahl der Arbeiten zum Thema befasste sich mit einer Fiktion. Dafür sorgte der 1972 erschienene und 1974 verfilmte Thriller »Die Akte ODESSA« des jüngsten Bomberpiloten der Royal Air Force und späteren Reuters-Korrespondenten in Ost-Berlin, Frederick Forsyth.

ODESSA stand im Buch für »Organisation der ehemaligen SS-Angehörigen«. Ein deutscher Journalist recherchierte über ein Netzwerk ehemaliger Nazis, die sich neue Existenzen in Deutschland, Südamerika und Ägypten aufgebaut hatten. Forsyth beschrieb eindrucksvoll den schwierigen Umgang bundesdeutscher Behörden mit der Aufarbeitung der Vergangenheit. Die Arbeit des Journalisten wurde durch Ex-Nazis behindert, die wieder Führungspositionen in Wirtschaft, Politik und Verwaltung besetzten.

»Die Geheimorganisation der ehemaligen Waffen-SS zu einem bedrohlichen Staat im Staate aufzubauschen«, schrieb der Kritiker Hellmuth Karasek 1973 im ZEIT-Magazin, »das wirkt nicht wie ein bestätigender Rückgriff auf die Realität des Gewesenen, sondern wie pure Prahlerei der Fiktion. So wirkt es etwas krampfig übersteigert, dass der Journalist, der ganz allein auf weiter deutscher Flur einen totgesagten SS-Mörder sucht, überall auf Entsetzen statt auf Hilfestellung stößt, ja dass selbst die Polizei und sein allmächtiger Illustrierten-Boss ihm nur raten, ja die Finger von der Angelegenheit zu lassen.« Der Historiker Gerald Steinacher konstatierte: »Die Wirklichkeit war komplizierter, das Netz der Fluchtwege war weit verzweigt, es gab kein straff organisiertes System von Fluchtorganisationen.« Zu diesem Schluss gelangte auch der prominenteste Autor zum Thema, der argentinische Journalist und Rechercheur Uki Goñi, in seinem Standardwerk »ODESSA. Die wahre Geschichte. Fluchthilfe für NS-Kriegsverbrecher«.

Wer dieser Tage durch die Buchhandlungen von Buenos Aires streift, gewinnt den Eindruck, Adolf Hitler habe seinen Lebensabend in Patagonien verbracht. Auf die Google-Suchanfrage »Hitler lived in Argentina« folgen 1,5 Millionen Einträge. Ja, es gab und es gibt Zweifel am Selbstmord Hitlers und seiner frisch angetrauten Frau Eva Braun Ende April 1945. Dafür waren an erster Stelle der sowjetische Diktator Josef Stalin und seine führenden Generäle im Nachkriegsdeutschland verantwortlich, die steif und fest behaupteten, sie hätten keine sterblichen Überreste Hitlers gefunden. Er sei geflohen. »Nach Argentinien«, mutmaßte Stalin auf der Potsdamer Konferenz 1945 gegenüber dem US-amerikanischen Außenminister James Byrnes. Bis heute lassen sich die Motive für dieses Vorgehen der sowjetischen Führung nicht erklären.

Real ist indes die Flucht deutscher Wissenschaftler, Techniker, Kriegsverbrecher und Nazis der zweiten Reihe nach Argentinien. Sie nutzten Fluchtrouten im Norden über Skandinavien und im Süden über Italien mithilfe des Vatikans (die sogenannten Rattenlinien). In Argentinien empfing man sie mit offenen Armen, einige stiegen zu engen Beratern des Staatspräsidenten Perón auf, andere setzten auf der Grundlage ihrer Forschungen in Nazideutschland ihre Arbeit im Bereich der Militärtechnik fort. Selbst in der Kernphysik wurde mit deutschen Spezialisten gearbeitet.

Doch wieso ausgerechnet Argentinien?

ARGENTINIEN

Binnenkolonisation auf Kosten der indigenen Völker – Afroargentinier »verschwinden« – Mit Gewalt wird der ungeheure Landbesitz an die Oligarchie umverteilt -Das Bevölkerungsideal: »Weder Gauchos noch Schwarze noch Arme« – Masseneinwanderung aus Europa

Argentinien ist riesig: Mit 3,7 Millionen Quadratkilometern ist es das siebtgrößte Land der Welt und nach Brasilien das zweitgrößte Lateinamerikas. Von Nord nach Süd misst es 3800, von Ost nach West an der breitesten Stelle 1400 Kilometer. Verglichen mit Europa entstünde eine Strecke von Sylt bis ins saudi-arabische Mekka. Über 4000 Kilometer lang ist die Küstenlinie am Südatlantik. Argentinien erstreckt sich über mehrere Klimazonen, subtropisch im Norden, kühl im Süden, wo die nahegelegene Antarktis das Klima beeinflusst.

Der Name des Landes war einst die Hoffnung der spanischen Eroberer, hier das begehrte Argentum, das Silber, zu finden. Sie erfüllte sich nicht. Von der Stadt Córdoba im Norden bis hinunter nach Patagonien im Süden erstreckt sich die fruchtbare Pampa (in der Sprache der Ureinwohner »Land ohne Bäume«). Nach Westen erheben sich die Anden mit drei Dutzend Bergen, teils über 6000 Meter hoch. Der Aconcagua ist mit 6959 Metern der höchste Berg außerhalb Asiens.

Die Hauptstadt am Ende des Río de la Plata nannte der spanische Eroberer Don Pedro de Mendoza Buenos Aires – Gute Lüfte. Luftig geht es hier in der Tat zu. Wahlweise wehen eisige Böen aus der Antarktis von Süden durch die Stadt oder Stürme vom Atlantik, die durch die Flussmündung eindringen. (Die Spanier ehrten mit dem Namen die Schutzpatronin der Seefahrer: Unsere Liebe Frau des Günstigen Windes.)

Historische Postkarte zeigt Indigene der Tehuelche

Große Teile des Landes waren zunächst dünn bevölkert. Hier siedelten die Ureinwohner Argentiniens, Nachfahren alter Kulturen Amerikas. In den Anden und im Nordwesten lebten die Kollas, Atacamas und Omahuacas sowie die aus der Amazonasregion stammenden Guaraní. Huarpes oder Huárpidos siedelten im Westen und im Zentrum, während in Patagonien die Tehuelche und die Mapuche lebten, zu denen auch die Onas (Selk’Nam) in Feuerland gehörten.

Der 1816 von der spanischen Krone unabhängig gewordene argentinische Staat betrachtete die Ureinwohner von Beginn an als Störfaktor. Mehrmals versuchte die Regierung in Buenos Aires den Süden des Landes zu kolonisieren. Den entscheidenden Vorstoß unternahm General Julio A. Roca (1834–1914), der seine Ziele in der Zeitung La Prensa am 1. März 1878 so beschrieb: »Zerstören wir also guten Gewissens diese Rasse, vernichten wir ihre Ressourcen und politische Organisation, damit ihre Stammesordnung verschwinde und nötigenfalls ihre Familien aufgelöst werden. Diese bankrotte und verstreute Rasse wird sich schließlich der Sache der Zivilisation anschließen.«

In den Kämpfen zur Erringung der Unabhängigkeit von Spanien hatten die Aufständischen in Europa Offiziere angeworben, um ihre Truppen effektiver führen zu lassen. Dem Aufruf folgte der preußische Oberstleutnant Eduard Kailitz Freiherr von Holmberg, der in Spanien gegen Napoleon gekämpft hatte. Der Anführer der Aufständischen Manuel Belgrano ernannte Holmberg nach dessen Ankunft 1812 zum Generalkommandanten der Artillerie. Mit seinen präzisen Kanonenschüssen rettete er 1816 Belgranos Truppen in der entscheidenden Schlacht von Tucumân.

Wie Holmberg hatte auch der in Argentinien geborene Oberstleutnant José de San Martín in Spanien gegen Napoleon gekämpft. Er kehrte 1812 nach Buenos Aires zurück, stieg zum General auf und befreite Argentinien, Chile und Peru von der spanischen Herrschaft. Er verkündete die argentinische Unabhängigkeit 1816 in Tu-cumân. War Simón Bolivar der Befreier des Nordens von Südamerika, gebührt diese Ehre San Martín als Befreier des Südens.

Am 9. Juli 1816 nahmen die Teilnehmer eines Kongresses in Tucumân die Unabhängigkeitserklärung der »Vereinigten Provinzen des Río de la Plata« an. Es folgten Jahrzehnte voller Wirren und Auseinandersetzungen mit inneren und äußeren Feinden. Jede Stadt hatte ihren lokalen Oligarchen, der unumschränkt herrschte, was zu Kämpfen zwischen den Provinzen und der Hauptstadt führte. Doch allmählich stieg Argentinien zur Regionalmacht auf.

Den Sieg über die spanische Kolonialmacht errangen Belgrano und San Martín mithilfe einer Gruppe Menschen, von der heute kaum noch die Rede ist: Afroargentinier. Dabei machten ehemalige Sklaven zwei Drittel der Truppen im Unabhängigkeitskampf aus. Für den Dienst erhielten sie ihre Freiheit. 1587 waren die ersten an den Río de la Plata gebracht worden. Sie kamen aus Westafrika, vor allem aus Angola, und wurden über Córdoba weiter nach Chile, Peru und Paraguay verkauft. Doch viele blieben. 1812 lag ihr Bevölkerungsanteil in der Hauptstadt Buenos Aires bei geschätzten 30 bis 40 Prozent.

Im außerordentlich verlustreichen Krieg von Argentinien, Brasilien und Uruguay gegen Paraguay (1865 – 1870) kämpften auf argentinischer Seite erneut vor allem schwarze Soldaten, die auch die größten Verluste erlitten. Hohe Kindersterblichkeit und Seuchen, die die schwarze Bevölkerung besonders trafen, dezimierten die Afroargentinier weiter. Ende des 19. Jahrhunderts wurde ihre Zahl nur noch mit zwei Prozent angegeben, bei der Volkszählung von 2010 waren es nur noch 0,3 Prozent. Die Afroargentinier waren quasi »verschwunden«. Präsident Carlos Menem, der Argentinien von 1989 bis 1999 regierte, antwortete 1997 auf die Frage, ob es im Land eine schwarze Bevölkerungsgruppe gebe: »Nein, das ist ein Problem Brasiliens.«

Das war ganz im Sinne vieler Argentinier wie auch des Vaters der Verfassung von 1853, Juan Batista Alberdi. Sein Ideal war eine »weiße Gesellschaft«, sein Motto Gobernar es poblar (Regieren heißt besiedeln). In der Verfassung hieß es im Artikel 25: »Die Bundesregierung hat die europäische Einwanderung zu fördern. Sie darf das Betreten argentinischen Gebiets durch Fremde, die das Land bebauen, die Gewerbe verbessern, Kunst und Wissenschaft einführen wollen, in keiner Weise hemmen, einschränken oder mit Abgaben belasten.«

Präsident Domingo Faustino Sarmiento (1811–1888), der das Land von 1868 bis 1874 regierte, schrieb das Gründungswerk Argentiniens »Civilización i barbarie. Vida de Juan Facundo Quiroga, i aspecto físico,, costumbres i hábitos de la República Arjentina« (Zivilisation und Barbarei. Das Leben des Juan Facundo Quiroga. Physische Aspekte, Bräuche und Gewohnheiten in der Republik Argentinien). Darin hielt er fest, wie er sich die künftige Nation vorstellte: ni Gauchos, ni negros, ni pobres (weder Gauchos noch Schwarze noch Arme).

Die Urbevölkerung zählte Sarmiento gar nicht erst auf. Ihre Siedlungsgebiete waren für ihn »gänzlich unbewohnt«. Dort »lauern die Wilden, die auf die mondhellen Nächte warten, um wie ein Rudel Hyänen über das Vieh auf den Weiden und über die wehrlosen Siedlungen herzufallen«. Auch die Gauchos, Viehzüchter, zumeist Nachfahren spanischer Einwanderer, und Indios, die ein unabhängiges Dasein führten und vom Verkauf von Leder und Trockenfleisch lebten, waren ihm nicht willkommen. Ihre Existenz habe ihn an Asien und die Gauchos selbst mit ihren langen Bärten an Berber erinnert. Ihre Messer seien »wie der Rüssel des Elefanten: sein Arm, seine Hand, sein Finger, sein Alles«.

Für Sarmiento konnte es keinen Fortschritt geben ohne dauerhafte Inbesitznahme des Bodens, »ohne die Stadt, die ihrerseits die gewerblichen Fähigkeiten des Menschen entwickelt und ihm erlaubt, seine Erwerbungen auszuweiten«. Deshalb sei das ungebundene Dasein der Gauchos nicht zu tolerieren. Vorbildlich nannte er hingegen die deutschen Siedlungen mit ihren hübschen Häusern, wo »die Bewohner immerzu in Bewegung und Tätigkeit« seien.

Bis zur Unabhängigkeit gehörte das Land in Argentinien der spanischen Krone. Danach verteilten es die siegreichen Generäle unter sich und ihren Unterstützern auf. Die Teile der alten spanischen Elite, die geblieben waren, verbanden sich mit den neuen Landbesitzern, und es entstanden machtvolle Familien. Sie bildeten die nationale Oligarchie, die das Land wirtschaftlich und politisch beherrschte.

Ein Beispiel für diese Oligarchen war die Familie Anchorena. Der Anwalt Tomás de Anchorena war einer der Väter der argentinischen Unabhängigkeitserklärung. Er heiratete in die Familie de Zúñiga ein, deren Mitglieder die größten Grundbesitzer der damaligen Zeit waren und es später auch blieben. 1928 verzeichnete ihr Kataster bereits eine Fläche von insgesamt 382 670 Hektar. Die Familie Casado Sastre besaß zur gleichen Zeit gigantische 6,6 Millionen Hektar Land. Damals verfügten nur 2,4 Prozent aller Eigentümer über 55 Prozent des Landes.

Die Nachfahren der estancieros – der Großgrundbesitzer -kontrollieren heute noch ein Drittel der riesigen Landmasse Argentiniens, vor allem in den Provinzen Córdoba, Sante Fé, Buenos Aires und Entre Ríos. Zu den mächtigsten estancieros gehörte Patricio Julián Lynch y Roo (1789–1881), der als reichster Mann seiner Zeit in Südamerika galt. Er war der Ururgroßvater des Revolutionärs Ernesto »Che« Guevara. (Dessen Ururgroßvater mütterlicherseits war der spanische Vizekönig.)

Frühzeitig waren Deutsche an der Landnahme beteiligt. 1827 kam Carl August Bunge von Reinessend und Rauschenbusch mit seinem Bruder Hugo nach Buenos Aires. Carl wurde preußischer Generalkonsul, Hugo widmete sich dem Geschäft. Beide heirateten vorteilhaft in die argentinische Oberschicht, Carl in eine Familie von Bankiers und hohen Regierungsbeamten, Hugo in eine Familie mit großem Landbesitz. Carl finanzierte die Geschäfte seines Bruders im Export nach Europa. Die nächste Generation ging in die Politik, in die Justiz und gründete die Weizenexportfirma Bunge & Born, die sich in eine riesige Holding verwandelte, deren Einfluss Argentinien nachhaltig prägte und heute weltweit agiert.

Der Deutsche Elias Hermann Braun siedelte sich 1875 in Punta Arenas an und kaufte alles Land, was er bekommen konnte. Darüber kam es zu Konflikten mit der Familie Menéndez, die durch die Schifffahrt an der patagonischen Küste zu Reichtum gekommen war. Zwischen beiden Parteien wurden die Auseinandersetzungen bald so stark, dass der mittlerweile zum Präsidenten aufgestiegene General Julio A. Roca friedensstiftend dazwischenging und eine Heirat zwischen den Konkurrenten vermittelte. Die Braun-Menéndez-Gruppe gründete die Compañía Importadora y Expor-tadora de Patagonia und stieg zur einflussreichsten Kraft im südlichen Argentinien auf.

Die Braun-Menéndez-Familien zäunten riesige Flächen als Weideland ein, das den Selk’Nam gehörte, und erklärten das gesamte Gebiet der Ureinwohner zu ihrem Eigentum. Sie schränkten die Bewegungsfreiheit der Indigenen ein und verboten ihnen die Jagd auf Guanacos, eine wildlebende Kamelart. Die Selk’Nam töteten daraufhin die »weißen Guanacos«, wie sie die Rinder der Kolonisatoren nannten.

1878 forcierte die Regierung die Binnenkolonisation. Zwei Jahre dauerte der Kampf der Armee gegen die indigene Bevölkerung, der in die Geschichte als »Wüstenkampagne« einging. Wobei Wüste einen Kampfbegriff darstellte, der unbewohnte Ödnis vorspiegeln sollte. Das Gegenteil war der Fall: Das von seinen Ureinwohnern gewaltsam entvölkerte Land erweiterte die Anbaufläche für Weizen und Mais um das 15-Fache und machte Argentinien zu einem führenden Getreideexporteur weltweit.

Die indigenen Bewohner verloren ihr Land, vielfach ihr Leben im Kampf, durch Seuchen oder Hungersnöte. Viele wurden als Zwangsarbeiter in andere Provinzen umgesiedelt. Auch für Argentinien gilt die Beobachtung des französischen Historikers Alexis de Tocqueville (1805–1859), der die Vereinigten Staaten 1831/32 besuchte und in seinem Werk »Über die Demokratie in Amerika« zur Urbevölkerung bemerkte: »Der Ruin dieser Bevölkerung begann am Tag, an dem die Europäer an ihren Küsten landeten, er ging unermüdlich voran und ist heute fast vollendet.«

Die Regierung in Buenos Aires unterteilte das eroberte Gebiet in fünf neue Provinzen. Durch die »Eroberung der Wüste« erweiterte General Roca zwischen 1878 und 1879 die staatliche Kontrolle um sagenhafte 54 Millionen Hektar. Er überführte das Land ins »nationale Erbe«. Konkret hieß das, die Grundbesitzer, die in der elitären Sociedad Rural vereint waren, teilten sich die lukrativsten Ländereien, der Rest wurde an Bodenspekulanten verkauft.

Die 100-Peso-Banknote von 1999 zeigt Präsident General Julio A. Roca (1834–1914) auf der Vorderseite und ein Schlachtengemälde seines »Wüstenfeldzuges« auf der Rückseite.

Deutschland stieg Ende des 19. Jahrhunderts nach Frankreich und vor Großbritannien zu einem wichtigen Handelspartner Argentiniens auf. 1887 gründete die Deutsche Bank einen Ableger in Buenos Aires, die Banco Alemán Transatlántico. Ihr erster Direktor Georg Maschwitz machte Karriere als Generaldirektor der argentinischen Eisenbahnen und Minister für öffentliche Bauten. Argentinien hatte sich zu einem weltweiten Exporteur von Fleisch, Weizen, Lederwaren und anderen Naturprodukten und Rohstoffen entwickelt. Deutschland verkaufte im Gegenzug Industriegüter.

Deutsche Wissenschaftler prägten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Wissenschaftsleben. Der Zoologe Hermann Burmeister (1807–1893) gründete das Museo Público von Buenos Aires und entwickelte es zu internationaler Geltung. An die von ihm gegründete naturwissenschaftliche Fakultät der Universität von Córdoba wurden zahlreiche deutsche Professoren berufen. Burmeister übernahm auch die wissenschaftliche Leitung der Academia de Ciencias Físico-Matemáticas, der späteren Academia de Ciencias (Akademie der Wissenschaften).

Hermann Burmeisters »Reise durch die La-Plata-Staaten« (1861) sorgte dafür, dass Argentinien ins Bewusstsein der Deutschen rückte. Der populäre Autor Karl May stützte sich auf diese Angaben und veröffentlichte 1894 den Roman »Am Río de la Plata«. Die Deutschen kamen bei ihm naturgemäß gut weg. So ließ er einen Einheimischen sagen: »Leute von Ihrer Herzensgüte mag es unter den Deutschen viele geben; hier aber sind sie äußerst selten.«

Ausweislich einer Landvermessungsakte kaufte in Patagonien eine Tochtergesellschaft der Dresdner Bank, die Banco Germánico de la América del Sud S.A., für das Fürstentum Schaumburg-Lippe die Estancia San Ramón bei Bariloche mit einer Größe von 29 000 Hektar am See Nahuel Huapi. Da das Fürstentum zu dieser Zeit noch eines von 22 regierenden Häusern in Deutschland war, verkaufte Argentinien Teile seines Hoheitsgebiets 1910 an einen ausländischen Staat. Um dies zu verschleiern, trat Fürst Georg zu Schaumburg-Lippe als natürliche Person bei diesem Geschäft auf.

Ein Jahr später starb der Fürst. Seine Besitzungen in Argentinien vermachte er seinem Sohn Adolf, der das Anwesen 1925 an eine Treuhandgesellschaft übertrug. Vermutlich fürchtete er den Ausgang der Volksbefragung zur Fürstenenteignung in Deutschland und wollte die Eigentumsverhältnisse verborgen halten. Das Plebiszit verfehlte allerdings die notwendige Stimmenmehrheit. Dennoch verkaufte der nicht mehr regierende Fürst zu Schaumburg-Lippe die Estancia 1928 an die deutsche Familie Lahusen, vermutlich weil er Geld brauchte, um seine Geschwister auszuzahlen.

1916, zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeit von Spanien, war Argentinien zu einem der größten Nahrungsmittelexporteure und zum fünftreichsten Land der Welt aufgestiegen. Der Reichtum war staunenswert und sichtbar: Pro Kopf der Bevölkerung lagen die Goldreserven noch vor denen der Vereinigten Staaten von Amerika und Großbritannien, einzig Frankreich übertraf sie noch. Die Prachtstraße Avenida de Mayo in Buenos Aires war stattlicher als Picadilly in London, Unter den Linden in Berlin oder die Pennsylvania Road in Washington. Nirgendwo in der Welt waren Reichtum und Extravaganz eindrücklicher zu besichtigen als in Argentiniens Hauptstadt.

Die Eliten trafen sich in eleganten privaten Clubs oder im Sitz der übermächtigen Sociedad Rural Argentina, wo die reichsten Grundbesitzer unter sich blieben oder sich mit den Ministern und Präsidenten der Republik verabredeten. Die Politik wurde nicht im Kongress oder im Präsidentenpalast gemacht. Die wichtigen Entscheidungen traf man hier, in der Handelskammer oder gleich direkt an der Börse.

Der elitärste Ort war der Jockey Club. Besitz und Reichtum garantierten den Eintritt. Wie international es dort zuging, machen die Namen prominenter Mitglieder deutlich: Anderson, Bosch, Brown, Casey, Church, Davis, Diehl, Dowling, Duggan, Eastman, Gaban, Ham, Kemmis, Lawry, Löwe, Malcolm, Murphy, Nash, Rouaix, Schang, Shaw oder Taylor.

Es entstand eine zweigeteilte Gesellschaft. Das Leben der Hauptstädter, der porteños, unterschied sich fundamental von dem der Landbevölkerung. Die Küstenorte wurden von den Einwanderern dominiert, im Landesinneren lebte die Tradition der Alteingesessenen. In Buenos Aires vibrierte das Leben, in den Provinzstädten lief es nach scheinbar ewig geltenden Routinen ab. Die Hauptstädter tolerierten die Macht der Kirche, die Provinzler sahen in ihr die Richtschnur für alle Bereiche des Lebens.

Millionen Auswanderer kamen nach Argentinien, um dort ihr Glück zu versuchen. Sie wurden mit offenen Armen empfangen. Der Publizist Peter B. Schumann stellte fest: »Was in Argentinien zwischen etwa 1870 und 1914/15 stattgefunden hat, dafür gibt es nichts Vergleichbares auf der Welt. Die Einwanderungswellen aus Europa lassen sich nicht mit denen in die USA oder Kanada oder Australien vergleichen. Argentinien war ein riesiges, spärlich besiedeltes Land, das in relativ kurzer Zeit seine Bevölkerungszahl verdoppelt und seine Sprache, seine Gastronomie und seine Kultur, wirklich alles verändert hat. Kein anderes Land hat die Türen so weit geöffnet.«

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen 5,5 Millionen Einwanderer nach Argentinien. Zur Jahrhundertwende war der Ausländeranteil in Buenos Aires mit vier Fünfteln besonders hoch. Die größte Einwanderergruppe aus Italien brachte beispielsweise die Nudelproduktion nach Argentinien, Franzosen die Hutfabrikation, baskische und irische Einwanderer die Molkereien und die Schafzucht.

Und womit bereicherten die Deutschen Argentinien? Sie brachten, wie an vielen Orten der Welt, das deutsche Bier, gebraut nach dem Reinheitsgebot ihrer Heimat. 1888 gründete Otto Bamberg die Cervecería Argentina. Die Marke Quilmes wird bis heute gern getrunken. Auch brachten die Deutschen das wichtigste Instrument des Tangos mit, das Bandoneon, das der Chemnitzer Instrumentenbauer Heinrich Band erfand und das seither aus der argentinischen Musik nicht mehr wegzudenken ist.

Doch der berühmteste Tangosänger war ein Franzose: Charles Gardès, der sich Carlos Gardel nannte und seine französische Herkunft stets verleugnete. Er gab an, aus Uruguay nach Argentinien gekommen zu sein. Noch heute heißt es: »Ein Argentinier ist ein Italiener, der Spanisch spricht, aber glaubt, er sei ein Engländer.«

DEUTSCHE ORGANISIEREN ARGENTINIENS ARMEE

Deutschland exportiert die preußische Felddienstordnung, Wehrpflicht und sogar die Pickelhaube – Argentinische Offiziere werden in die preußische Armee eingegliedert – Deutsche Generäle lehren in Buenos Aires an der Kriegsakademie

Im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts begann die argentinische Regierung, die Streitkräfte zu modernisieren. Ziel war es, zur südamerikanischen Führungsmacht aufzusteigen. Mit Brasilien und Chile gab es starke Konkurrenten. An eine bewaffnete Auseinandersetzung zur Erlangung der Hegemonie war nicht zu denken, denn das argentinische Heer befand sich in einem beklagenswerten Zustand. Die Zahl der Soldaten in Friedenszeiten war gering, die der Offiziere viel zu hoch. Das Offizierspatent war als Versorgungsposten begehrt und wurde entweder verkauft oder als Gefälligkeit vergeben. Nur eine Minderheit verfügte über eine militärische Ausbildung.

Ausschlaggebend für eine Militärreform waren die beeindruckenden Fortschritte bei der Modernisierung der Streitkräfte im benachbarten Chile, die durch deutsche Militärberater auf westeuropäisches Niveau gebracht worden waren. Nach dem Sieg über Frankreich 1870/71 galt Preußens Armee als die modernste Europas. Das Ungleichgewicht besorgte die Regierenden in Buenos Aires, denn ungeklärte Grenzfragen in den Anden und in Patagonien konnten jederzeit zu militärischen Auseinandersetzungen führen. Dafür war Argentinien nicht gerüstet.

Daher wandte sich die Regierung unter Präsident Julio A. Roca während seiner zweiten Amtsperiode (1888–1904) mit der Bitte an das Deutsche Reich, argentinische Offiziere zur Ausbildung nach Deutschland entsenden zu dürfen. Das Kaiserreich schickte Oberst Alfred Arent, der die Führung der 1900 gegründeten Militärakademie Argentiniens übernahm. Unterrichtet wurden Kriegsgeschichte, Militärgeografie, Topografie, Taktik, Heeresorganisation, Festungsbau, Waffenkunde und Ballistik. Mehrere Generäle der kaiserlich-preußischen Armee lehrten in Buenos Aires. Auf deutsche Empfehlung ging auch 1901 die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht zurück.

Ab 1907 übernahm Argentinien das preußische Exerzierreglement, die Felddienstordnung und das Artilleriereglement. Zum äußeren Zeichen des deutschen Einflusses führte die argentinische Armee die preußischen Uniformen ein und damit auch die berühmt-berüchtigte »Pickelhaube«. Hunderte argentinische Offiziere erhielten bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges eine Ausbildung in Deutschland. Die Mehrzahl von ihnen diente als aktive Offiziere in deutschen Regimentern.

Da die Ausbildung an der preußischen Kriegsakademie intensive Schulungen in technischen Disziplinen beinhaltete, stiegen deren Absolventen später in Argentinien auch in zentrale Bereiche der nationalen Wirtschaft auf. So übernahm General Enrique Mosconi, der sich neun Jahre in Deutschland aufgehalten hatte, die Führung des staatlichen Erdölkonzerns Yacimientos Petrolíferos Fiscales (YPF). Umgekehrt nutzten deutsche Rüstungsunternehmen die engen Beziehungen zur Erweiterung ihrer Geschäftskontakte. Die Firma Krupp aus Essen rüstete die argentinische Artillerie mit ihren Kanonen aus. Auch die Handfeuerwaffen entstammten deutscher Produktion, und die Munition wurde durch deutsche Unternehmen in Argentinien selbst hergestellt.

In den 1920er Jahren machten die »germanophilen« Offiziere Karriere und stiegen bis in die höchsten Ränge auf. Sie sorgten dafür, dass ihre deutschen Kameraden, die durch die strikten Bedingungen des Versailler Vertrages arbeitslos geworden waren, in Argentinien unterkamen. Ein Beispiel dafür war General Wilhelm Faupel. Dieser hatte gegen die Hereros in Deutsch-Südwestafrika gekämpft, wurde 1907 zum Ersten Generalstabsoffizier eines Armeekorps ernannt und ging 1911 zum ersten Mal als Militärberater nach Argentinien. Im Ersten Weltkrieg war er dann Offizier im Großen Generalstab in Berlin und wurde mit den höchsten militärischen Orden ausgezeichnet. Nach Kriegsende übernahm er die Führung eines Freikorps und schied als Generalmajor aus dem aktiven Dienst aus. Er kehrte 1921 nach Argentinien zurück und wurde Berater des Generalinspekteurs der Armee, General José Félix Uriburu. Nach dessen Rücktritt 1926 übernahm er die Führung der Streitkräfte in Peru.

Der spätere Staatspräsident Juan Domingo Perón als Kadett mit »Pickelhaube«, ca. 1911

Der deutsche General Wilhelm Faupel als Beauftragter Hitlers bei den spanischen Putschisten unter Führung General Francisco Francos, ca. 1936

Ein anderes Beispiel war Rudolf Hepe. 1911 hatte die Kaiserliche Kriegsmarine einen neuen Geheimdienst, den sogenannten Etappendienst, gegründet. Hierzu erließ der Admiralsstab die »Vorschrift für die Verpflichtung von Berichterstattern und Vertrauensmännern sowie das Zusammenarbeiten mit denselben«. Agenten sollten in ausländischen Häfen alle verfügbaren Informationen über Handels- und Kriegsschiffe sammeln. Wenn sich Länder im Kriegsfall gegenüber Deutschland für neutral erklärten, sollten von hier aus deutsche Kriegsschiffe versorgt werden. Man bezog diplomatisches Personal, zuverlässige Deutsche in den jeweiligen Ländern, vorwiegend aus der Seefahrt, den Hafenbehörden, der Ölindustrie und aus den Niederlassungen deutscher Unternehmen in diesen Dienst ein.

Dazu gehörte der Hamburger Seeoffizier Rudolf Hepe. Er kam 1907 nach Argentinien, erhielt die Einbürgerung, das Kapitänspatent und vertrat die Hamburg-Südamerikanische Dampfschifffahrtslinie. Im Regierungsauftrag arbeitete er den Plan für regelmäßige Transporte nach Patagonien aus. Er gewann seine Reederei zur Aufnahme des Betriebs. Die einzige Bedingung der Deutschen war, dass keine andere Nation die Genehmigung zur Schifffahrt in Patagonien bekommen sollte. Die neue Gesellschaft firmierte als Línea Nacional del Sud, ihre Schiffe fuhren unter argentinischer Flagge und waren auch im dortigen Register erfasst, doch die Kontrolle hatten Deutsche.

Kapitän Hepe befuhr selbst die Linie und erhielt so genaue Kenntnis der örtlichen Gegebenheiten, der versteckten Buchten, der Einfahrten in große Flussläufe und von potenziellen Anlegestationen. Als Inspektor war Hepe für alle Kapitäne weisungsberechtigt, die die Patagonienroute befuhren. Regelmäßig ließ er sich nach ihrer Rückkehr über Veränderungen Bericht erstatten. Die gab er dann nach Deutschland weiter.

Parallel zur militärischen Präsenz war Argentinien auch in geheimdienstlicher Hinsicht für das Deutsche Reich von besonderem Interesse. So erhielt der junge Marineoffizier Wilhelm Canaris, der zu dieser Zeit auf der SMS Bremen diente, 1908 den Auftrag, in Argentinien ein Netz von Vertrauensleuten aufzubauen. Sie bildeten 1911 die Basis für den Etappendienst in Argentinien. Drei Jahre nach Gründung begann der Erste Weltkrieg.

Die Zeitung La Nación schrieb am 2. August 1914: »Aus der Explosion Europas, aus der Erschütterung, die heute die sozialen Organismen bewegt, steigt ein Problem herauf, das sich bis jetzt noch nie gestellt hat und dessen Prämisse ist: Es gibt keine Zuschauer bei diesem Drama, mehr oder weniger direkt wirkt die gesamte Menschheit darin mit.« Neutralität war für das Land mit der höchsten Einwanderung deshalb ein Gebot zur Vermeidung von ethnischen Konflikten. Die Herkunft der Migranten war ungleich verteilt: Neun von zehn kamen aus den Ländern von Deutschlands Kriegsgegnern. So wurde gleich nach Beginn des Krieges in Europa in Buenos Aires die Frage erregt diskutiert, inwiefern die Stromversorgung der Hauptstadt durch deutsch-argentinische Elektrizitätsunternehmen weiter gesichert sei.

Den Wert des von ihm geschaffenen Agentennetzwerks erfuhr Canaris am eigenen Leib. Er war mittlerweile auf den Leichten Kreuzer SMS Dresden abkommandiert worden, der bei Kriegsbeginn in Port-au-Prince,