RATTENRENNEN - Amélie von Tharach - E-Book

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Amélie von Tharach

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Beschreibung

Wie konnte man mir das antun? Ich war blind, und was das Schlimmste ist, ich war wie in einem Mickey-Mouse-Land, in dem alles ein ewiger Spaß ist. Man hat mich betrogen. Nicht einfach spontan, sondern von langer Hand geplant. Ich kann es immer noch nicht begreifen. Ich bin nur noch ein Nervenbündel und ich frage mich, wie ausgerechnet mir so etwas passieren konnte, und warum ich meinen Verstand nicht früher eingeschaltet habe. Alles war so offensichtlich. Ich hätte nur eins und eins zusammenzählen müssen.

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Veröffentlichungsjahr: 2016

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Amélie von Tharach

RATTENRENNEN

Erstes Tagebuch 14. März bis 17. März 2011 Nicht alle Personen, Orte und Ereignisse sind frei erfunden.

Dieser Text stammt aus meinen Tagebüchern, die ich von Anfang 2011 bis heute geschrieben habe. Ich habe versucht, die Ereignisse so darzustellen, wie sie in meinen Erinnerungen sind. Ich weiß, dass ich mir mit der Veröffentlichung meines Tagebuchs viele Feinde machen werde. Manche könnten auch vermuten, dass ich hochgestellte, real existierende Personen beschrieben habe. Das ist falsch. Alle Personen, Orte und die Begebenheiten sind frei erfunden. Anmerken möchte ich, dass ich diesen Satz schreiben muss, um mich vor unberechtigten Forderungen und Gewalt gegen meine Person zu schützen. Und auch du Alex (oder wie du dich auch immer nennen magst) irrst dich. Dich versuche ich zu vergessen. Du kommst in meinem Tagebuch nicht vor. Danken möchte ich meinem besten Freund Raoul, der mir in einer tiefen Lebenskrise geholfen, und mit viel Überredungskunst den Mut gegeben hat, mein Tagebuch in eine lesbare Form zu bringen und zu veröffentlichen. BookRix GmbH & Co. KG81371 München

Barbie-Frust

 

Essen, Montag, 14. März 2011

12:45 Uhr

 

Noch zwei Stunden und fünfzehn, jetzt vierzehn Minuten. Bin ich das, die so laut und schnell atmet? Die Zeit vergeht quälend langsam. Qualen und Zeit kann man messen und erleben. Zeit ist immer gleich, aber die Warterei macht mich noch verrückt. Manchmal frage ich mich, wie lange ich das noch aushalten kann? Mir ist heiß und kalt zugleich. Ich bin nervös und meine Hände zittern.

Der Tag ist kurz, und so viel ist noch zu tun, aber ich muss warten und tagaus, tagein wie eine hirnlose Maschine reagieren. Mein Kreislauf spielt verrückt und ich ärgere mich.

In meinem Auto wird nicht geraucht. Stefan hat es so beschlossen und mit einem beiläufigen „das ist schlecht für den Wiederverkaufswert …“ an meine Vernunft appelliert. Ich bin vernünftig, aber ich ziehe hektisch an einer Zigarette und puste den Rauch zum halb geöffneten Seitenfenster hinaus. Alles ist grau. Die Häuser sind graue Würfel, lieblos aneinandergereihte, quadratische Kästen von abstoßender Hässlichkeit. Die Straßen sind grau, und die Gesichter sind grau. Es regnet und ich kann mich nicht konzentrieren.

 

Eigentlich und wie mir oft gesagt wird, kann ich mich nicht beklagen. Zwar ist Stefan nicht ganz mein, (alle sagen: „Du hast ein Glück, dass du den Stefan bekommen hast. Das ist ein ganz Lieber…“) aber ansonsten ein absoluter Wunschtraum-Ehemann, und wie vom Frauenversteher-Glücksstern. Ich weiß, Männer wie Stefan sind im freien Jagdgebiet sehr (also wirklich sehr) selten zu finden. Entweder sind die zum Abschuss anvisierten Männer tageslicht- aber nicht nachttauglich, oder die sind nur nachttaugliche Rammler, aber ansonsten aus einem anderen Universum, und wer möchte schon mit einem nicht vorzeigbaren und sinnleeres Zeug brabbelnden Neandertaler-Crétin in Verbindung gebracht werden. Oder die Typen vögeln alles was die drei nicht auf dem nächsten Baum ist, und  schleppen irreparabel-mimosenhafte Macken und eine Menge Altlasten mit sich herum. Oder die sind schwul und nicht bekehrbar, und fallen damit unter zu respektierenden Artenschutz, oder die sind verheiratet und dürfen beim öffentlichen Coursing nicht gehetzt werden, was aber alle Frauen (und ganz besonders die besten Freundinnen) so scharf macht, dass die es dennoch versuchen, und die Chance, dass die keinen Erfolg haben, ist sehr, also wirklich sehr gering.

 

Meinen Stefan muss ich loben. Der ist ein ganz besonderes und seltenes Exemplar. Er besitzt fast alle Eigenschaften, die nutzbare Ehemänner haben sollten. Er sieht gut, aber nicht zu gut aus. Er ist treu (das weiß ich hundertprozentig - das kann gar nicht anders sein). Seine Macken halten sich in kalkulierbaren Grenzen. Er ist liebevoll und zärtlich, und er hat einen guten Job und verdient mehr als die meisten Männer in unserem Bekanntenkreis.

Eigentlich sollte ich mit Stefan glücklich sein, und unser gemeinsames Leben als die ultimative Erfüllung meiner geheimen Wünsche, meiner Träume und Lebensziele sehen.

 

Da fällt mir ein, dass ich dir meinen Traum der letzten Nacht erzählen wollte. Also Stefan und ich fahren nach München zum Oktoberfest. Ich im rotweißen Dirndl. Die Nockerln schön hochgeschnürt und von Thomas, meinem stockschwulen Friseur frisch gelockt, und Stefan in der Lederhose (stramme Waden hat er, das muss man ihm lassen) an meiner Seite. Er hält mich krampfhaft an der Hand fest, aber im großen Fest-Geschunkel verliert Stefan seinen linken und drückenden Haferl-Schuh. Irgendwo zwischen Fischer-Vroni und Käfer's Wies'n-Schänke fasst mir ein betrunkener Australier zwischen die Beine. Ich befinde mich im Entscheidungsfindungsprozess zwischen dem fröhlichen und durchaus nicht unattraktiven Australier eine zu scheuern, oder seinen Griff als rustikales Brauchtum hinzunehmen, und „Schatzi, schenk mir ein Foto. Schenk mir ein Foto von dir ...“ mitzugrölen. Ich lasse mich hinreißen (natürlich nur im Traum) und dann frage ich mich, wo Stefan abgeblieben ist. Stefan ist verschwunden, meine Geldbörse mit meinen Kreditkarten und mit allem Geld ist geklaut, und der hübsche Australier hat seine Hände an den Titten einer Anderen. Stefan findet mich nicht mehr und fährt in Socken mit dem Intercity nach Essen zurück, und was aus mir geworden ist, weiß ich nicht mehr. Musste ich mich prostituieren um Geld für die Heimfahrt zu bekommen? Jetzt frage ich mich, was der Traum zu bedeuten hat. Wenn eines Tages ein Psychologe meine Tagebücher liest, dann wird der seine Schlüsse aus daraus und meinem Verhältnis zu meinem Ehemann ziehen.

 

Aber wenn ich mit Stefan nicht unglücklich bin, warum bin ich dann nicht glücklich? Warum bin ich nur so dazwischen? Nicht wirklich auf der einen, aber auch nicht auf der anderen Seite. Wenn man heißes und kaltes Wasser zusammen in einen Topf schüttet, wird daraus eine lauwarme Brühe die schnell kalt wird. Aber wenn Wasser in einem Kessel erhitzt wird, muss der Druck irgendwie entweichen. So ähnlich fühle ich mich. Warum klaffen zwischen Sollen, Sein und der Realität oft unüberwindbare Schluchten? Und dann gibt es noch das Fegefeuer, das zur Abschreckung erfunden wurde, und das Höllenfeuer, über das man nicht spricht, und das besser in der Hitze der Dunkelheit verborgen bleibt, weil du weißt, dass deine Beichten nur einen Absturz aus großer Höhe zur Folge haben.

 

Gut, liebes Tagebuch, ist ja in Ordnung. Ich habe dein Flüstern gehört. Du musst mich nicht mit erhobenem Zeigefinger ermahnen. Ich werde nicht mehr jammern, und nicht mehr meine trübsinnigen Gedanken nachhängen. Ich werde mich kürzer fassen, alles aufschreiben und nichts weglassen. Ich weiß, du kannst schweigen. Nur dir kann ich meine geheimsten Gedanken anvertrauen. Aber du hast mein Wort drauf: Wenn du redest, reiße ich dir jede Seite einzeln raus, und der Rest von dir landet im Altpapiercontainer, und ich bin tot.

 

Stefan und ich sind seit etwas mehr als elf Jahren zusammen. Wir haben vor neun Jahren mit allem Brimborium und wie es sich gehört im Mai geheiratet, weil sich Julian angesagt hatte. Zwei Jahre später kam, eigentlich auch ungeplant, Alina hinterher, und wir sind (oder besser gesagt, Stefan glaubt das) eine glückliche kleine Familie.

In den ersten drei bis vier Jahren unserer Ehe war auch alles in einigermaßen befriedigender Ordnung. Ich hatte keine Zeit darüber nachzudenken, ob etwas nicht so, sondern anders, mit steigender Tendenz zur Verschlimmbesserung ist. Wir leben zusammen. Wir funktionieren wie ein eingespieltes Team. Wir essen zusammen, und wir schlafen zusammen, aber nicht miteinander, sondern jeder auf seiner Seite des Bettes. Ich lasse ihn in Ruhe, und Stefan denkt hoffentlich nicht zu oft darüber nach, warum es so ist, wie es ist.

 

Vielleicht gehört Routine zum normalen Verlauf einer stinknormalen Ehe. Routine ist die Garantie für Sicherheit. Ich weiß, dass Sicherheit ein wertvolles Gut ist, aber ich kann mich nicht damit abfinden.

 

Einerseits muss ich Stefan für seinen Einsatz loben. Er gräbt den Garten um, obwohl er das nicht gern macht. Er repariert das was zu reparieren ist, und er besteigt mich hin und wieder, was wirklich selten geschieht es. Früher dachte ich, dass das so sein muss. Dann kam die Phase in der ich nur noch „wieder mal überstanden“ flüstern wollte, wenn er fürsorglich wie er ist, zweimal im Jahr (Ordnung muss sein) daran dachte, dass ich denken würde, dass ich seinen Schwanz brauche, um meine seelischen Verspannungen zu lösen. Ich bin darüber nicht unglücklich. Ich muss sogar zugeben, ich fühle mich ohne Sex mit Stefan, aber mit meiner elektrischen Zahnbürste und meinen Fingern besser. Die Tapferkeitsmedaille für spurtschnelle und treue Pflichterfüllung hat sich Stefan redlich verdient. Früher konnte er sich wacker im Sattel halten, auch wenn es oft einer lustlos umrittenen Abfolge von moralischen Hindernissen auf einem mit Sitte und Anstand (eigentlich blöde Begriffe) abgegrenztem Parcours glich. Tatsache ist, dass Sex in der Ehe überbewertet wird.

 

Ich bin wirklich nicht prüde, und niemand (wer sollte es auch) kann von mir behaupten, dass ich nicht alles versucht hätte. Vom analen Angebot (das er trotz offizieller Einladung nie genutzt hat), bis zum enthusiastischen rauf und runter Lutsch- und Zungenschlag war alles machbar, und wenn sich die Gelegenheit ergeben und Stefan es gewollt hätte, auch mit dem Nachbarn und seiner hübschen Frau, die immer so hilfsbereit sind und mir Eier vom Markt mitbringen, und mit dem Bläser den Rasen vor dem Haus freipusten.

Aber was hat es gebracht? In Stefans Zwischenzeugnis würde stehen: „War interessiert und hat sich im Rahmen seiner Möglichkeiten bemüht.“

Tatsache ist, dass er sich nie für den großen Verdienstorden „GiB“ (Gut im Bett) qualifizieren kann. Stefan fehlt das entscheidende Kreativitäts-Gen, und das kann man nicht lernen, das muss man haben, oder Mann hat es eben nicht.  Darum verlange ich nichts mehr von ihm, und er nichts von mir, und „in der Woche zwier, schaden weder ihm noch ihr“ gibt es auch nicht mehr, weil wir uns für die immer gleich ablaufenden Routinetaten nicht aufraffen können.

 

Manchmal muss ich an verwunschene Prinzessinnen, an Königinnen, Kaiserinnen und den Bezug zu meiner Situation denken. Zum Beispiel frage ich mich oft, ob man Katharina der Großen, Zarin von Russland vor der Ehe gesagt hatte: „Hör mal Süße, Sex ist nicht alles im Leben und es gibt Wichtigeres.“

Vielleicht hätte sie nach einem halben Jahr Ehe kurz und bündig ihre kaiserlichen Berater gefragt: „Gibt es Wichtigeres?“

Jedenfalls hatte Ihre Kaiserliche Majestät nach acht abstinenten Jahren genug (oder zu wenig) von ihrem schmächtigen und uninteressierten Gatten. Die Vermutung liegt nahe, dass ihr die Entscheidung nicht zu schwer gefallen ist, ihren grenzdebilen Ehemann eines bis heute ungeklärten Todes sterben zu lassen. Danach ging es in den Palästen richtig rund, wobei die Affäre mit den Hengsten nur eine Legende sein soll - wenn man den braven und beharrlich um Geschichtsbeschönigung bemühten Biograf(inn)en glauben darf. Aber deutsche Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront die russischen Paläste um Sank Petersburg stürmten, berichteten glaubwürdig von geheimen Lusthöhlen, die vom Boden bis zu den Decken mit Holzschnitzereien verkleidet und mit Möbeln, erotischen Gemälden und obszönen Skulpturen ausstaffiert war. Da gab es Armsessel und Kanapees mit holzgeschnitzten Schwänzen und weit gespreizten Frauenschenkeln. Kaiserliche Majestät wollte in ihren Privatgemächern Porno pur (hat die ZEIT am 28. Mai 2003 geschrieben. Das Bild zeigt eines der wenigen, erhaltenen Gegenstände aus dem Palast.)

Historisch vielfach belegt ist, dass die früh verwitwete Katharina, bis an ihr Lebensende nur hünenhafte und bärenmäßig behaarte Männer in Massen goutiert hatte. Andere kamen ihr nicht mehr in die kaiserlichen Bettstatt. Das kann doch kein Zufall gewesen sein? 

Aber meine Gedanken schweifen wieder ab, und eigentlich wollte ich dir, mein liebes Tagebuch, von meiner Ehe erzählen.

 

Für eine gute Ehe sollen zum Beispiel gemeinsame Hobbys, lange Gespräche und ähnlich nervenquälende Dinge wichtiger als Sex sein. Die Theorie klingt gut und Stefan spricht oft und gern mit mir. Aber in allen Ehen kommt irgendwann der Zeitpunkt, wo alles gesagt ist, und dann wiederholen sich die Themen der Gespräche, und sie wiederholen sich, und seine Witze werden schal, und seine Geschichten werden zu ermüdenden Monologen.

Das ist nicht weiter schlimm, weil ich einen Filter im Kopf habe, der lästige Geräusche ausblenden kann, und gleichzeitig einen wirksamen Schutzschirm aufbaut. Immer wenn Laute an meine Ohren dringen, werden die durch mein Lächeln und eifriges Kopfnicken verstärkt, und signalisieren damit meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Aber der Schutzschirm wird von Tag zu Tag löchriger, weil meine Toleranz-Batterien fast aufgebraucht sind.

 

Du musst es mir nicht sagen. Auch bis zu mir hat es sich herumgesprochen, dass eine gute Ehe nicht nur aus Gesprächen besteht, sondern auch aus Vertrauen, das auf eingehaltenen Versprechen gedeiht. Auch taktische Offenheit finde ich für eine gute Ehe sehr wichtig. Stefan kann sich nicht beschweren. Ich war immer (naja, so gut wie immer) aufrichtig und ehrlich zu ihm. Vor unserer Hochzeit hatten wir ausgiebig über alles und unsere gemeinsame Zukunft geredet, und ich habe ihm gesagt: „Du kennst mich. Ich brauche meine Freiräume …“ und Stefan ist arglos in die Falle getappt und hat geantwortet: „Liebes, du weißt doch, dass du bei mir alle Freiheiten hast und auf nichts verzichten musst. Ich liebe dich doch so wie du bist …“

Ich weiß, dass du mein Verhalten gemein findest, aber das war nun mal eine unmissverständliche Aussage und wie eine Garantieurkunde mit unbegrenztem Umtausch- und Rückgaberecht. Bis vor wenigen Monaten lag mein Freibrief ungenutzt in der Schublade der großen Schwüre und heiligen Ehe-Eide. Wie gesagt, bis vor wenigen Monaten.

 

Liebes Tagebuch, ich denke, dass jetzt ein kleiner Hinweis angebracht ist. Du weißt, dass ich meinen Mann über alles liebe, und ich achte ihn auch, und ich werde ihm nie schaden, aber irgendwie kommt es bei Stefan nicht an, dass aus einer Überdosis Liebe, gut vermischt mit viel Weichspüler, eine  hochexplosive Mischung entstehen kann.  

Dafür kann mein Stefan nichts. Er ist ein Guter und zu sensibel, um gegen den Zeitgeist und den Druck seiner sozialen Konditionierung zu revoltieren. Ich finde mich damit ab, weil seine Konformität auch viele Vorteile mit sich bringt.

Zum Ausgleich liebt mich Stefan auf seine zurückhaltende Art so wie ich bin, und er trägt mich auch auf Händen (nur sprichwörtlich und nicht wirklich). Stefan ist the right man, for the right place, at the right time. Er kann mit Werkzeug umgehen. Er weiß, wie man einen bockenden Computer repariert und von kleinerem Ungeziefer befreit. Klaglos und konsequent achtet er darauf, dass auch bei größter Nutzungsfrequenz die Klobrille in einer widernatürlich-horizontalen Position bleibt. Und das Allerschönste ist, Stefan ist auch noch stolz darauf, dass er höchstpersönlich das ultimative Symbol männlicher Selbstbestimmung nicht nur feucht abwischen, sondern auch unter dem Rand reinigen darf, und zwar mit einer von ihm nach umweltverträglichen Kriterien ausgesuchten WC-Ente - selbstverständlich vorher mit dem iPhone preisgescannt und biomäßig für akzeptabel befunden. Zu so viel enthusiastischem Engagement sage ich nichts, weil ich denke „besser er als ich.“ Stefan hat seinen Spaß, und mir macht es Spaß wenn ich sehe, wie er sich freuen kann, wenn ich ihn vor unseren grüngrundguten Bussi- und Umärmelfreunden für sein vorbildliches Verhalten lobe. Und noch schöner ist, wenn sich die Männer wie Gockel im Hühnerhof aufplustern und sich gegenseitig mit Preis-Tipps und Putz-Tricks und Wasweißichnochalles-Tipps bombardieren, nur um aller Welt zu zeigen, dass ihnen nach tausenden von Jahren gelungen ist, ihre Urtriebe unter Kontrolle zu halten. Für mich ist das die ultimative Bestätigung für das was ich schon lange denke: Die Ehe ist kein Liebes- und Lusttempel. Die Ehe ist eine hocheffiziente Zucht- und Erziehungsanstalt.

Ich behaupte sogar (und davon bin ich felsenfest überzeugt), dass sich zwei oder drei Generationen weiter, die Männer gar nicht mehr daran erinnern können, dass sie mal im Stehen pinkeln konnten. Sie werden ihre rosa Röckchen hochheben, die mit feiner Stickerei-Borde umsäumten Schlüpferchen beiseite ziehen und sich brav hinsetzen, so wie sie es von ihren Müttern, den Kindergärtnerinnen und den Lehrerinnen gelernt haben, und in den aktualisierten Gender-Richtlinien nachgelesen haben. Und damit das auch funktioniert, bekommen die dann Bonbons in die Patschhändchen gedrückt, und vor Freude wackeln die wie die Dackel mit den sorgfältig enthaarten Schwänzchen. Und was wird geschehen? Die Mehrheit der Frauen wird die neuen Männer enthusiastisch bejubeln und sich insgeheim nach haarigen und brutalen Bullen sehnen.      

 

Über die vielen Vorteile meiner Ehe muss ich nicht lange nachdenken. Wenn man weiß, wie es geht, sind Ehemänner pflegeleicht und nach kurzer Eingewöhnungszeit problemlos an der Leine zu halten. Ein Hund ist komplizierter und hat den Nachteil, dass man mit dem Vieh bei Wind und Wetter rausgehen, die Haufen wegmachen, und zur Strafe, dafür auch noch Steuern zahlen muss.

 

Mit unseren Kindern gibt es auch keine großen Probleme, und eigentlich könnte ich zufrieden und glücklich sein.

 

Bevor ich vergesse, ein paar kleinere Dinge stören mich gewaltig, und die muss ich dir noch erzählen.

Da sind zum Beispiel Stefans schrecklich antiquierte Ansichten über das (er sagt „unser“) Leben. Hat er mit seinen achtunddreißig Jahren schon resigniert? Kann er nicht mehr sehen, oder will er nur das sehen was in seine sauber geordnete Welt passt? Oft (vielleicht zu oft) habe ich ihm vorgehalten: „Ich halte das so wie es ist nicht mehr aus. Deine Vorstellung vom Leben kommt mir vor, wie eine gerade Linie, von der du keinen Zentimeter abweichst. Du hast bei A (von wo denn sonst?) einen Schnellstart hingelegt, um dein vor unendlich langer Zeit definiertes B auf dem kürzesten Weg zu erreichen.“

Und wie war die bezeichnende Antwort von meinem Stefan?

„So kannst du das nicht sagen.“ Mehr kam von ihm nicht, und ich wollte aus dem Fenster springen, was ich dann doch nicht getan habe. Unsere Küchenfenster sind im Erdgeschoss, und mir ist momentan (und das sage ich nur dir, liebes Tagebuch) Stefan mit dem Gesicht auf dem Pflaster lieber.

Du musst es mir nicht vorwerfen. Ich weiß, dass das was ich hier schreibe kalt und herzlos klingt. Aber dir kann ich vertrauen, und wie soll ich es anders ausdrücken? Stefan setzt alles daran, dass zwischen seinem Ausgangspunkt „A“ (mich heiraten, mein Haus nach seinen Vorstellungen umbauen, mich zweimal schwängern) und seinem Traumziel „B“ (die Rentnerzeit) der Zustand der ultimativen Sicherheit bewahrt bleibt. Aber liebes Tagebuch, sag doch mal ganz ehrlich? Gibt es Sicherheit umsonst? Nichts im Leben ist umsonst. Alles ist nur Geschäft und die ewige Jagd nach kleinen und großen Vorteilen. Mal sieht es aus, wie ein gutes Geschäftchen, dann sind die Vorteile bei dir, und dann, wenn du denkst: „Jetzt hast du mal eine Glückssträhne“, haben andere ihre Vorteile aus deinem Leben gezogen. Die Formel für Sicherheit ist so banal, dass die niemand hören will. Sie lautet: „Du willst mich? Gib mir dein Leben, dann bekommst du mich, und als Zugabe lege ich dir ein Seil um den Hals, und daran hängt zenterschwer die gnadenlose Langeweile, die deinen Kopf nach unten drückt, und deinen Rücken wie eine lauwarme Lakritzstange verbiegt.“

 

Niemand wird es ernsthaft bestreiten. Sicherheit ist ein äußerst fragiler Zustand und bedeutet auch den Verlust von Dingen, die das Leben aufregend und schön machen. Du glaubst das nicht? An was erinnerst du dich? An den Alltag an einem beliebigen Dienstag vor fünf Jahren, oder an die kleinen Besonderheiten, die nur dir gehören, und von denen du zehrst - manchmal ein ganzes Leben lang? Ohne kribbelndes Risiko wird alles zu einem grauen Schleim - zwar sättigend, manchmal nahrhaft, aber immer ätzend öde und nach kurzer Zeit auch sehr unappetitlich. Das wollte ich nie. Ich will nicht von A nach B. Ich will auch nicht von B zurück nach A, um mich an alten Zeiten aufzugeilen. Ich will zu meinem ganz eigenen, geheimen Ort, und da dürfen nur die rein, denen ich den Zutritt gestatte.

 

Wir streiten uns oft und nur über Banalitäten. Ich muss zugeben, es sind einseitige Streitereien. Ich streite mit ihm, obwohl ich es nicht will, und dann schäme ich mich insgeheim für mein impulsives Wesen, das so brutal unterdrückt wird. Aber Stefans Beherrschtheit geht mir von Tag zu Tag mehr auf die Nerven. Ich kann machen was ich will. Stefan lässt sich nicht aus der Reserve locken, und das macht mich rasend.

Oft genug habe ich ihm gesagt: „Warum siehst du das denn nicht? Das immer gleiche Leben bringt uns eines Tages um.“ Rücksichtsvoll wie ich bin, verschweige ich ihm, dass ich statt einem verbindenden „Uns“ an ein klares „Dich“ und „wenn einer von uns beiden stirbt, lebe ich mein Leben und heirate nie wieder …“ denke.

Vor ein paar Tagen hatten wir mal wieder so ein sinnloses und einseitiges Gespräch. Um was es ging, weiß ich nicht mehr, aber ich erinnere mich noch an die Musik, die im Radio gespielt wurde. „Bang bang, i shot you down. Bang bang, you hit the ground. Bang bang, that awful sound. Bang bang, i used to shoot you down …”