Rauch über den Schafsinseln - Markus Hansson - E-Book

Rauch über den Schafsinseln E-Book

Markus Hansson

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Beschreibung

Anfang der 1930er-Jahre. Der Erste Weltkrieg tobt weiter in Europa. Eine kleine Inselgruppe im Nordatlantik hat sich inmitten der Kriegswirren vom unbesiegten Kaiserreich Preußen-Polen gelöst. Doch die neu gewonnene Freiheit ist trügerisch. Wie Dávid, Zeichner beim führenden Industriekonsortium, feststellen muss, geht die neu gebildete Regierung unbarmherzig gegen Arbeiterunruhen vor und erweist sich als ebenso gnadenlos wie die ehemaligen Besatzer. Wird er den Kampf gegen die Ungerechtigkeit aufnehmen? Und welchen Preis muss sein Schwager, der einst als Kriegsflüchtling auf die Inseln gekommen ist, für den Frieden zahlen? Eine Dieselpunk-Alternativweltgeschichte.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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Epilog
Impressum

 

 

Rauch über den Schafsinseln

 

von

 

Markus Hansson

 

 

 

 

 

 

 

 

 

ELVEA

 

Autor

Markus Hansson ist ein Schweizer Autor mit regem Interesse für Skandinavien, insbesondere für die Färöer und Island.

Die rauen und teilweise kargen Gegebenheiten, inspirierten ihn, seine Alternativweltgeschichte in genau dieser faszinierenden Landschaft anzusiedeln.

Prolog

Es geschah im Juli am Sankt-Olavs-Tag im Jahre 1930 zu Tórshavn. Hier oben auf den Färöern war das der Tag der Parlamentseröffnung. Das Schicksal des gesamten Landes veränderte sich auf einen Schlag.

Dabei war das erste Ereignis eigentlich harmlos.

Dávid hatte es gespürt. Er hatte nicht gewusst, was geschehen würde, aber die Spannung war schon den ganzen Tag allgegenwärtig. Nichts, was wirklich offen zutage getreten wäre, aber die Leute waren noch wortkarger als sonst und an den Straßenecken sammelten sich kleinere Gruppen.

Er hinkte durch die Straßen, der Festversammlung entgegen. Wenigstens schmerzte sein steifes Bein heute nicht, es war ein strahlend schöner Sommertag.

Polizisten in nachtschwarzen Uniformen fuhren auf Motorrädern durch die Stadt. Es handelte sich um mächtige Maschinen, mit gewaltigen Vorderrädern und Liegesesseln aus robustem Leder. Die Motoren röhrten dumpf und der Geruch der Abgase stieg Dávid in die Nase. In Halterungen hinter den Sitzen steckten Maschinenpistolen, die mattschwarz glänzenden Läufe ragten drohend auf.

Eben bog eines dieser Motorräder vor ihm aus einer Seitengasse. Wie Dávid diese schwarzen Gestalten verabscheute! Er hatte das Gefühl, als schmerze sein Bein, sobald er einen dieser sogenannten Ordnungshüter erblickte.

Ihnen habe ich das steife Knie zu verdanken! Er ballte die Hände zu Fäusten und hinkte mühsam weiter. Die Erinnerungen an die auf ihn eintretenden Füße und einprügelnden Gewehrkolben verdrängte er mit Mühe.

Viele Leute hatten sich bereits auf der Rasenfläche vor dem schlichten weißen Holzgebäude des Parlaments versammelt, als er endlich ankam. Einfache Menschen waren es: Fischer, Bauern und Handwerker zumeist. Oberhalb der Rasenfläche, auf der Terrasse, durch ein Mäuerchen vom leichten Hang abgetrennt, hatten sich die Offiziellen versammelt. Seitlich von ihnen wehte die schwarz-gold-blaue Flagge des Kaiserreichs.

Über der Menge schwebte bedrohlich ein Quadrocopter der kaiserlichen Armee, flankiert von zwei Flugbikes der Polizei. Antigrav war eine der neuen Technologien, die das Kaiserreich entwickelt hatte. Als Zeichner fragte er sich natürlich, wohin die neuen Möglichkeiten noch führen mochten.

Der Løgmaður, der Premierminister der Färöer, trat ans Rednerpult. Er hatte ein breites, ehrliches Gesicht und seine Schläfen waren schon grau – wobei Dávid vermutete, dass der Premier ein wenig mit Puder nachhalf, um seine seriöse Ausstrahlung zu unterstreichen.

Hoch aufgerichtet stand hinter ihm der Kaiserliche Gouverneur Heinrich von Saxenburg. Ich bin der Vertreter des Kaisers, schien seine Erscheinung auszudrücken.

Das Amt des Premiermisters war von der Skandinavischen Union um die Jahrhundertwende erneut eingeführt worden, nachdem man es 1816 abgeschafft hatte.

Und dann war vor drei Jahren das Kaiserreich eingefallen und hatte die Inseln besetzt. Der Einfachheit halber behielt die Armeeführung das Amt bei, wenn auch als Marionette. Als Fassade gegenüber der Bevölkerung gewissermaßen. Hauptsache, es herrschte Frieden. Zu wichtig waren die Färöer als Rohstofflieferanten für das Reich.

Dávid, der sich am Rande der Menschenmenge aufhielt, grinste schief und humorlos. Gewalt und Täuschung beherrschen sie.

Der Premierminister öffnete den Mund, um seine Rede zu halten.

Da geschah es.

Rädelsführer stürzten vor, stießen Leute beiseite und liefen auf den Flaggenmast zu. Mit sich schienen die fünf ein weißes Laken zu führen. Am Mast wehte die verhasste kaiserliche Flagge.

Dem Premierminister blieb der Mund offen stehen. Gouverneur von Saxenburg erging es nicht besser. Er fasste sich jedoch als Erster. »Polizei! Nehmt diese Leute fest!«

Der Kordon von Ordnungshütern, der die Honoratioren von der Menschenmenge auf dem Rasen abschirmte, zögerte, schließlich wurde keiner der Politiker unmittelbar bedroht. Nur stockend setzten sich die Männer in Bewegung.

Der erste Rädelsführer holte nun die Flagge ein. Er riss sie an sich und warf sie verächtlich zu Boden. Seine Kumpane hatten inzwischen das vermeintliche Laken entrollt.

Die Polizisten hielten auf sie zu, aber sie waren zu langsam.

Am Rande nahm Dávid wahr, wie der Kaiserliche Gouverneur weiter Befehle schrie, seine Aufmerksamkeit lag jedoch auf den Rädelsführern, während ihm klar wurde, was das Laken darstellte. Es war gar keins, sondern Merkið – das skandinavische Kreuzbanner der Färöer: ein feuerrotes, azurblau umrandetes Kreuz auf weißem Grund.

Totenstille breitete sich aus.

Der Rädelsführer zerrte hastig an den Tauen. Majestätisch schwebte die Flagge nach oben, prangte über Tórshavn. Nur der knatternde Quadrocopter am blauen Himmel mit seinen zierlicheren Begleitern störte das malerische Bild. Die Motoren dröhnten von fern. Der salzige Geruch des Meeres überdeckte den Gestank der Abgase.

Die Polizisten schienen sich wie durch zähen Sirup zu bewegen, niemand machte ihnen Platz. Schließlich erreichten sie den Mast. Als sie die Männer zu Boden stießen und nach den Tauen griffen, erwachte die Menge zum Leben.

Ein dumpfes Grollen erhob sich aus den dichten Reihen, die gleichzeitig vorrückten. Dávid riss die Augen auf. Was geschieht hier?, fragte er sich angespannt. Er wich hastig zur Seite aus.

Schreie gellten von weiter hinten. Aus einer Nebenstraße schallte der begeisterte Ruf: »Auf Tinganes weht Merkið!« Damit war die Halbinsel gemeint, auf welcher die Regierung in schmucken roten Holzhäuschen residierte.

»Hier auch – hier auch!«, kam es zur Antwort hundertfach zurück.

Dávid wandte den Blick nach vorne. Die ersten Leute hatten die Polizisten nun beinahe erreicht. Die Bastarde zogen ihre Revolver, aber die Leute rissen ihnen die Waffen aus den Händen, bevor sie schießen konnten.

Gebrüll erhob sich und Dávid wich rasch noch weiter zurück, als er sah, wie sich immer mehr und mehr Menschen zu bewegen begannen. Sie stürmten vollkommen entfesselt auf die Polizisten zu und trampelte sie nieder.

In diesem Moment rannte der Anführer der Rädelsführer auf den Premierminister zu. Den Gouverneur ignorierte er.

Der Regierungschef trat wie betäubt zur Seite, wechselte nur einen hilflosen Blick mit dem Kaiserlichen Gouverneur.

Der Rädelsführer wandte sich an die Menge. »Volk der Färöer! Ich, Atli Esmundursson, spreche nun!«, rief er. »Die Knechtschaft durch das Kaiserreich ist vorüber! Keine unerträglich wachsenden Kriegssteuern mehr! Keine Fronarbeit mehr in den Minen und kein Dienst mehr im Namen eines fremden Kaisers!

Von nun an beugen sich die Färinger niemandem mehr! Frei bestimmen wir unser Schicksal, wie Island das schon seit fünfzehn Jahren tut. Hiermit fordere ich Steingrimnur auf, offiziell die Unabhängigkeit zu erklären. Es lebe die Freiheit!«

»Freiheit! Nieder mit den Sklaventreibern!«, schallte es zurück.

Der Premierminister räusperte sich und trat einen Schritt vor. Sein breites Gesicht mit dem kantigen Kinn war blasser als zuvor und er räusperte sich mehrmals.

Aber bevor er etwas sagen konnte, landeten die beiden Flugbikes und der Quadrocopter senkte sich herab. Die vier Rotoren an den beeindruckenden Auslegern verursachten einen künstlichen Sturm.

Schüsse fielen und schrille Schreie gellten, aber die Menge war zu dicht, als das Dávid hätte erkennen, wer getroffen worden war.

Das war zu viel.

Die beiden Polizisten wurden von ihren Bikes gezerrt und schon stiegen die röhrenden Maschinen wieder auf. Sie hielten auf die Kanzel des Quadrocopters zu, wiesen dabei unmissverständlich nach Westen, wo der Stützpunkt der Kaiserlichen Armee lag. Dabei deuteten die montierten Geschütze auf den Piloten, wobei die Maschinen im Sturmwind der Rotoren schwankten.

Und das Wunder geschah: Der Hubschrauber drehte nach Westen ab und entschwand schließlich.

Die Bikes landeten wieder und es wurde ruhiger. Jetzt konnte der Premierminister sich Gehör verschaffen. »Wir sollten nichts überstürzen …!«

Seine Worte wurden mit einem wütenden Raunen aufgenommen.

Er blickte entsetzt drein und räusperte sich erneut. Seine Stimme klang anders, überzeugter, als er fortfuhr: »Andererseits wäre ich der Letzte, der sich dem Volkswillen widersetzen würde. Ich erkläre unsere Inseln hiermit für frei von fremder Knechtschaft. Nehmt den Gouverneur fest!«

Dávid versuchte, aus dem Weg zu gehen, aber es war ein Wunder, dass er nicht niedergetrampelt wurde. Die Leute waren außer sich und rissen ihn mit ihrer Ekstase mit. Er hob die geballte Faust.

»Nach Vágar! Nach Vágar!«, brüllten heisere Stimmen.

Auf der gleich östlich der Hauptinsel gelegenen Insel Vágar befand sich der schon erwähnte Stützpunkt der Kaiserlichen Armee und Luftwaffe, den galt es unter Kontrolle zu bringen.

Dávid fiel in die Rufe mit ein und lief ein paar Schritte mit, musste aber einsehen, dass er nicht mithalten konnte. Sein Bein schmerzte. Also machte er sich lieber davon, bevor er niedergetrampelt wurde. Und was, wenn der Aufstand fehlschlug? Er war schließlich ein einfacher Mann und wollte keine Scherereien. Seine bisherigen Erfahrungen mit der Polizei waren nachhaltig genug.

Also verschwand er lieber.

Später erfuhr er, dass der Kaiserliche Gouverneur tatsächlich gefesselt und in eine Gefängniszelle geworfen worden war. Und einheimische Unteroffiziere und Mannschaften hatten den Stützpunkt im Handstreich genommen, die kaiserlichen Befehlshaber wurden eiskalt erwischt.

Dávid schlief in dieser hellen und kurzen Sommernacht nicht. Er blieb in der Stadt und beobachtete das Geschehen.

Er wanderte umher, trank ein Bier nach dem anderen und feierte ausgelassen. An anderen Orten zogen grölende Banden durch die Straßen und suchten nach Kaiserlichen.

Wir sind tatsächlich frei, dachte er und nahm einen Schluck. Er war glücklich, wie seit seiner Entlassung aus der Haft nicht mehr, dennoch entsetzte ihn die Gewalt.

Der Volkszorn auf das Kaiserreich entlud sich nach all den Jahrhunderten der Fremdherrschaft. Das Kaiserreich war nicht die erste Macht gewesen, die nach den friedlichen Inseln griff. Häuser brannten und es glich einem Wunder, dass lediglich zwanzig der Besatzer und vier einheimische Polizisten ihr Leben gelassen hatten. Allerdings hatte es Verletzte gegeben, viele waren niedergetrampelt worden. Der Aufstand war letzlich auch nur gelungen, weil die färöischen Soldaten der Flotte und der Luftwaffe das kaiserliche Oberkommando festgesetzt hatten.

Die färöische Revolution war geglückt und, bei allem Entsetzen, erstaunlich unblutig verlaufen.

Der Kaiserliche Gouverneur wurde am nächsten Tag mit anderen Reichsbürgern an Bord einer Schaluppe geschleppt und nach Aberdeen gebracht. Die Briten, so erzählte man sich auf den Inseln später lachend, hatten verdutzt und misstrauisch auf das färöische Boot reagiert, den Gouverneur und seine Leute aber in Empfang genommen und inhaftiert.

Rasch beruhigte sich die Lage. Die typische Gelassenheit der Färinger gewann die Oberhand und sie machten sich wieder an die Arbeit. Dennoch war jetzt alles anders.

Es war eine Geburtsstunde gewesen, die Geburtsstunde einer freien Nation.

Der Archipel im Nordatlantik war nun endlich unabhängig.

Dávid schreckte auf.

 

1

Vor ihm auf dem Tisch lagen Konstruktionszeichnungen für neue Flugzeuge und fliegende Schlachtschiffe. Darunter fand sich auch ein neuartiges Trägerflugzeug, das Jäger an ihren Bestimmungsort transportieren konnte. Diesel war teuer, der einheimische besonders. Das Lanolin, welches beigemischt wurde, trieb die Effektivität, leider aber auch den Preis, in die Höhe. Jeder Transport musste also gerechtfertigt sein.

Er sah auf. Der Blick nach draußen zeigte ihm den Nólsoyfjord und in der Ferne die grasigen Hänge der vorgelagerten Insel Nólsoy. Die große Fensterfront des modernen Gebäudes, vom nüchternen, funktionalen Bauhaus-Stil inspiriert, flutete das Büro mit Licht.

Über dem Fjord schwebte das Luftschiff der Luftraumüberwachung. Tag und Nacht war es besetzt. Die Wachen arbeiteten in Schichten. Fünf dieser Luftschiffe waren ständig im Einsatz.

Der silbern schimmernde Auftriebskörper war gigantisch, etwas mehr als dreihundert Meter lang und in der ungefähren Form einer Zigarre gehalten.

Dávid schüttelte sich. »Es war kein Traum, die Unruhen und Unabhängigkeitserklärung haben tatsächlich stattgefunden«, murmelte er vor sich hin. Die Ereignisse vom letzten Juli hatten sich jedem eingebrannt. Gedankenverloren zupfte er am Verband an seinem linken Unterarm: Eine Erinnerung an die letzte Demonstration gegen die fürchterlichen Arbeitsbedingungen.

Jóannes, einer der anderen Zeichner, sah auf. »Was hast du gesagt?«

Dávid winkte ab. »Nichts.« Obwohl er Zeichner war, sah er mehr nach einem simplen Bauarbeiter aus und er wusste sehr gut, dass besonders seine großen Hände für manchen Spott gut waren. Sie hatten nichts Filigranes, wie man sie künstlerisch Veranlagten gerne zuschrieb.

Dávid war tatsächlich ein einfacher Arbeiter gewesen – bis die Kaiserliche Polizei ihn verkrüppelt hatte. Er hatte seine Arbeit verloren und nur dank seines Schwagers hatte er sich zum Zeichner ausbilden lassen können.

Was meine Schwester wohl an Andrass findet? Sein Schwager war ein Fremder, nicht von den Inseln. Er war kein übler Kerl … und doch … Aber als Pilot verdiente Andrass gut. Also war immerhin Tóra abgesichert, dafür war ihm Dávid dankbar.

Er versank wieder in seinen düsteren Gedanken. Fremde! Immer kommen Fremde hierher.Die wissen natürlich alle, dass es hier massenhaft Erz, Kohle und Öl zu holen gibt. Er stützte sich mit den massigen Unterarmen auf dem Tisch auf und presste die Lippen zusammen, bevor seine Mundwinkel doch zuckten. Nicht mehr. Land und Rohstoffe Gehörenjetzt uns.

Acht Monate waren seit den denkwürdigen Ereignissen am Sankt-Olavs-Tag vergangen. Natürlich hatte das Kaiserreich protestiert, aber die Skandinavier als ehemalige Schutzmacht hatten einige Schiffe in die Region entsandt, was das Kaiserreich von einer Vergeltungsaktion abgehalten hatte.

Aber das wird nicht so bleiben.

Radio Tórshavn berichtete schon seit Tagen vom heutigen Gipfeltreffen auf den Färöern. Eine formelle Allianz der Union und den Färöern sollte geschlossen werden und ihnen Sicherheit geben. Ein wichtiger Schritt. Dadurch würden sich die meisten Länder ringsum zweimal überlegen, gegen den aufmüpfigen Archipel vorzugehen. Falls sie sich einigen können.

Dávid riss sich zusammen und wandte sich ganz den Zeichnungen zu, untersuchte sie auf etwaige Fehler.

Die ersten eigenen Entwürfe für so große Modelle. Er schmunzelte in sich hinein.

Industriekombinat Färöer, kurz IKF genannt, stellte vor allem Flugzeuge und Schiffe her. Vor fünfzehn Jahren war der Konzern durch einen skandinavischen Unternehmer gegründet worden und dann mit den ganzen Inseln in die Klauen der Kaiserlichen gefallen.

Førobilar, kurz FB, ein lokaler Automobilhersteller war schon weiter in der Entwicklung eigener Modelle. Sind auch weniger komplex. Die Autos haben schließlich vier Räder und müssen nicht fliegen können.

Er schob die Bögen unters Mikroskop. Linie für Linie und Fläche für Fläche sah er sie an. Steuerung, Aerodynamik, Motorisierung und Panzerung, alles musste gleichermaßen berücksichtigt und überprüft werden.

In der Zeichenstube war es still bis auf das Kratzen von Graphit auf Papier. Konzentriert beugten sich die Kollegen über ihre eigenen Pläne. Gelegentliches Husten und Rascheln war zu hören. Dafür, dass wir ein Dutzend zählen, ist es wirklich ruhig.

Er fühlte sich hier fremd, obwohl er die Arbeit an sich mochte. Er zog nun mal ein gutes Bier und seinen Kumpel Gunnar aus der Fabrik in Hvítanes vor. Der war rauer, ehrlicher.

Dávid grunzte und fuhr sich durch die kurzen blonden Haare. Ich fahre am Nachmittag hinaus, beschloss er. Ich muss mir ohnehin einige Steuerungselemente für die Naglfar-Schlachtschiffe ansehen.

Fliegende Schlachtschiffe waren seine Spezialität, immerhin war er vor seiner Verletzung MG-Schütze auf einem veralteten Mjölnir-Modell gewesen. Oh ja, ich kenne das Schwanken des Decks und die Rückstöße der Maschinengewehre! Ich weiß, wie ein Flugzeug in der Luft liegt und was ich beachten muss, um der Besatzung dem möglichen Feind gegenüber so viele Vorteile wie möglich zu verschaffen.

Noch vor der Mittagspause brach er auf. Niemand sah auf, als er seinen Arbeitsplatz verließ und durch die zweiflügelige Tür zum Aufzug schritt. Der kam rumpelnd an.

Dávid schloss das Scherengitter hinter sich, aber der Aufzug fuhr nicht los, also öffnete er nochmals und schmiss das Gitter erneut zu. Diesmal setzte sich das Gefährt in Bewegung.

Als er an die kalte Luft trat, war er froh um seinen Wollpullover. Drinnen war es beinahe zu heiß gewesen und er hatte geschwitzt. Jetzt fröstelte er. Auch regnete es leicht. Hier regnete es allerdings sehr oft. Dávid erreichte sein Motorrad und holte eine schwere Lederhose aus der Gepäckkiste. Rasch stieg er auf und setzte sich den Helm auf, der an die Pilotenhelme der Luftwaffe erinnerte. Ob in der Luftfahrt oder auf der Straße, die Designs ähnelten einander.

Das Motorrad bestand im Wesentlichen aus einem mehr als mannshohen Rad, der Sattel befand sich innerhalb dieses Rades. Es war ein älteres Modell von Førobilar.

Noch ein Geschenk von Tóra, überlegte Dávid. Ich begreife selbst nicht, warum ich mit meiner Schwester Schwierigkeiten habe.

Ein kurzer Blick zum Himmel zeigte ihm dunkle, tief hängende Wolken. So sah der April auf den Färöern aus.

Er vertrieb den unangenehmen Gedanken, seine Schwester zu vernachlässigen, und stieg auf. Bei diesem Modell bereitete ihm das Bein weniger Mühe, als es bei einem gewöhnlichen Motorrad der Fall gewesen wäre. Der Sitz glich mehr einem Sessel und so musste er sein steifes Bein nicht über die Maschine schwingen.

Der wuchtige Dieselmotor sprang donnernd an und Dávid fuhr vom Parkplatz. Er folgte der Küstenstraße nach Norden. Das Meer breitete sich grau und glatt wie eine Stahlplatte zu seiner Rechten aus. Ausnahmsweise war es beinahe windstill, nur der Regen kräuselte die Wasseroberfläche. Die Welt war voller Grautöne, nur das Gras, das die Hügel hinter der Stadt überzog, war sattgrün.

Der Regen machte die Straße tückisch und Dávid musste aufpassen.

Er passierte die Vororte und erreichte schließlich Hvítanes. Die IKF-Montagehalle aus Beton, Stahl und Glas erhob sich südlich zwischen dem Meer und der Straße.

Als er auf den Firmenparkplatz rollte, konnte er nur den Kopf schütteln. Vor dem Eingang drängten sich Dutzende Männer und Frauen.

Alle ohne Arbeit.

Durch die Unabhängigkeit waren viele kleinere Betriebe Konkurs gegangen, sodass viele Menschen ohne Arbeit dastanden. Da IKF verhältnismäßig gut zahlte, versuchten natürlich alle, dort Arbeit zu finden.

IKF war allerdings nicht die einzige Firma oder Fabrik, der es in den letzten Wochen so erging. Mehr und mehr Menschen strömten inzwischen nach Tórshavn. Die großen Konzerne wurden beinahe überrannt und mussten die meisten Arbeitssuchenden abweisen.

Insgeheim vermutete Dávid, dass es auf den Färöern trotz der industriellen Entwicklung nicht genügend Jobs für alle gab.

Immer noch kopfschüttelnd stellte Dávid sein Motorrad unter dem Vordach ab. Der Regen hörte auf. Na, herzlichen Dank auch. Er schmunzelte innerlich und drängte sich durch die Menge.

»Lasst mich durch, ich arbeite hier«, forderte er. Der eine oder andere misstrauische Blick wurde ihm zwar zugeworfen, die Leute machten jedoch Platz.

Er stieg die paar Metallstufen empor, erreichte das Vordach und öffnete die Tür. Nach einem kurzen, irritierten Blick zurück, warf er sie hinter sich zu.

Obwohl auch hier große Fenster für ausreichend Helligkeit sorgen sollten, war dem nicht so. Die Scheiben waren verdreckt und verschmiert. Die Arbeiter sahen nicht viel besser aus, Dávid konnte ihre Gesichtszüge teilweise kaum erkennen. Es roch nach Öl und warmem Metall.

Hämmern, Bohren und das Schleifen von Metall zeigten, dass hier fleißig gearbeitet wurde.

Sein Kumpel stand an einer Presse und winkte ihm zu.

»Hi, Gunnar! «

»Hi Dávid?« Gunnar sah ihn überrascht an.

Er klopfte seinem Kumpan auf die Schulter. »Wollt nur vorbeischauen und mir was ansehen. Kleinteile. Genauer gesagt die Steuerelemente.«

»Ist gut.« Gunnar holte eine Zigarette hervor. »Wollen wir wieder mal was trinken gehen?«

»Lass uns doch am Samstag zum Fußballspiel gehen«, schlug Dávid seinerseits vor.

»Bin dabei.« Gunnar grinste und zündete die Zigarette an. »Na, dann komm mal mit.«

Sie stießen die Tür auf und traten in die zweite Halle. Hier wurden vor allem Kleinteile wie Dichtungen oder Kugellager zusammengebaut. Im Gegensatz zur richtigen Produktionsstraße für die Flugzeuge, wie sie Dávid aus Hvalba kannte, war es hier verhältnismäßig leise. Die Arbeiter beugten sich eifrig über ihre Werkbänke.

Auf einer Arbeitsfläche stand ein Radio: ein Kasten aus poliertem Holz, auf dem zwei Spulen und ein gläserner Tubus einer Triode angebracht waren.

»Der kaiserliche Außenminister protestiert heftig gegen das geplante skandinavische Gipfeltreffen in Tórshavn … Das Büro des Løgmaður verurteilt den Protest und weist auf die staatliche Souveränität unseres Landes hin …« Mit stoischer Professionalität las der Moderator die Nachrichten vor.

»Was können die in Danzig schon tun? Sie stecken mitten im Krieg«, knurrte Dávid und ballte die Hände zu Fäusten.

Gunnar stimmte ihm stumm nickend zu.

Dávid lachte nicht, er sah sich um. Schmutzig und düster war es hier drin. Nach Freiheit sah das nicht gerade aus. Natürlich war Arbeit unabdingbar, aber die Bedingungen unterschieden sich nicht von denen von früher.

Die färöischen Firmenbosse kassieren jetzt. Er schüttelte den Kopf. In einem merkantilistischen System verdienten nun die Unternehmer, so war es seit Beginn der Industrialisierung. Immerhin sind es jetzt unsere eigenen Leute. Und trotzdem …

Er hörte wieder dem Radiomoderator zu. »Die USA zeigen sich besorgt über die Einhaltung von Konzessionen, ausgestellt von der kaiserlichen Regierung. Dazu sagt der Sprecher des US-amerikanischen Außenministeriums: »Das eigenmächtige Handeln der Lokalregierung ist betrüblich und die USA …«

»Also welche Teile möchtest du dir ansehen?«, drang Gunnars Stimme zu ihm durch.

»Besonders die Steuerungselemente«, gab Dávid zurück.

»Also schön, hier entlang.« Gunnar ging voraus.

»Eskil?«

Ein Arbeiter sah auf. Seine grauen Augen blickten trüb aus dem runden, blassen Gesicht. Ansonsten wirkte er hager und zäh.

Ihm setzt die monotone Arbeit zu, dachte Dávid. Wir Färinger brauchen die frische Luft für harte Arbeit. Und vor allem draußen.

»Dávid ist vorbeigekommen und will sich die Steuerelemente ansehen.«

»Hallo, Dávid.«

»Eskil.«

»Schön, dass du dich mal wieder hier blicken lässt. Ich dachte schon, du wärst in deinen Papieren ersoffen.«

»Färinger ersaufen nicht«, erwiderte Dávid trocken.

Die drei Männer lachten.

»Wir geben unser Bestes, die Teile fertig zu bekommen«, erklärte Eskil und streckte sich. »In der Fertigung haben wir aber immer noch Schwierigkeiten, da einige Stellen früher von Kaiserlichen besetzt wurden und wir noch im Lernprozess stecken. Wir schaffen es, brauchen aber teilweise mehrere Anläufe.«

»Ich verstehe«, nickte Dávid. »Du musst dich nicht rechtfertigen, ich bin nicht dein Vorgesetzter. Die Naglfars sind meine Babys und ich möchte, dass sie perfekt werden. Lasst euch Zeit.«

Eskil grinste und entblößte eine Zahnlücke. »Versteh schon. Aber die Armeeführung möchte die Schlachtschiffe lieber als heute als morgen im Einsatz sehen.«

»Ich habe im Dienst gesehen, was die Luftwaffe braucht«, ergänzte Dávid. »Das halbe Dutzend Mjölnir reicht zur Luftverteidigung unserer Inseln nicht aus. Ich bin kein Stratege, aber das verstehe ich auch so.«

Der Arbeiter nickte stumm.

»Gib einfach dein Bestes.« Dávid klopfte ihm auf die Schulter.

Kurze Zeit später verkündete die Sirene eine Pause. Die Männer versammelten sich beim Haupteingang unter dem Vordach, um zu rauchen und ein Bier zu kippen. Die Schlange der Arbeitssuchenden war wegen der fortgeschrittenen Stunde deutlich geschrumpft.

»Immerhin etwas haben sie geändert.« Eskil knurrte. »Kein Alkoholverbot mehr!«

»Das Alkoholverbot kam damals von unseren eigenen Leuten«, warf Gunnar ein und lehnte sich an eine der metallenen Stützen, die das Vordach hielten.

»Hm«, Eskil presste die Lippen zusammen und starrte in den stärker werdenden Regen hinaus. »Na ja.«

»Was für ein Lärm da drin!« Der dunkelhaarige Gunnar zog eine Grimasse, doch dann wurden sie beide abgelenkt. Das laute Dröhnen gewaltiger Motoren schallte über die Stadt hinweg. »Und hier draußen!«, fügte er sarkastisch hinzu.

»Ein Flugzeug«, stellte Dávid fest und blickte nach Nordosten. »Könnten die Skandinavier sein. Sie sollten heute eintreffen.« Er sah der gewaltigen Maschine entgegen. Sie wurde von zwei Jagdflugzeugen eskortiert.

»Auf der Bauchseite ist tatsächlich die skandinavische Flagge zu sehen!«, schrie er über den Krach hinweg.

Das Flugzeug verschwand im Westen und der Lärm ebbte ab. Die Männer schwiegen eine Weile und schauten aufs Meer hinaus. Vor der Küste zog eine Fähre dahin. Die dunklen Wolken hingen noch tiefer als zuvor, schienen die schroffen und grasigen Inseln ins graue Meer drücken zu wollen.

Dávid blickte nach Süden. Über den in den letzten fünfzehn Jahren erbauten Fabriken hing der Nebel. Er vermischte sich mit den Dämpfen und Abgasen zu einem höllischen Brodem, der die Stadt wie eine Glocke überspannte.

Ich erinnere mich, wie stolz Merkið damals am blauen Himmel geweht hat. Werden die heutigen Verhandlungen uns Frieden und Sicherheit bringen? Dávid seufzte. Dann sah er die anderen an.

»Habt ihr nicht das Gefühl, dass es anders sein sollte, nachdem wir nun eigenständig sind?«

Die Arbeiter um ihn herum sahen ihn unbehaglich an. »Wir haben Arbeit und es regnet. Alles ist wie immer.«

Gunnar schien hingegen zu verstehen, was in ihm vorging. »Hast du gedacht, dass jetzt die Sonne immer scheinen wird wie an der letzten Ólavsøka?« Er schüttelte den Kopf. »Die Hoffnung war groß – und wir haben auch viel erreicht. Immerhin sind die Kaiserlichen weg.«

»Aber die Hoffnung ist gesunken«, murmelte Dávid.

»Na, immerhin haben uns die Kaiserlichen nicht die Hölle heißgemacht.« Gunnar zog an seiner Zigarette.

»Noch nicht.« Dávid starrte aufs Meer hinaus.

»Pessimist!« Gunnar lachte.

Eskil mischte sich ein. »Sag ich ja: Der Kerl steckt zu tief in seinen Papieren. Wenn die Entwürfe fertig sind, musst du mehr zu uns rüber kommen, das wird dich ablenken!«

»Ich fühle mich hier auch wohler«, bestätigte Dávid. »Ich bin ein Arbeiter, kein Büromensch.«

»Klar. Als Tippse taugst du nichts, dazu schmeckt dir das Bier zu gut!«

»Ich tippe nicht, ich zeichne«, verwahrte sich Dávid.

Die Runde brach in raues Gelächter aus.

Auch Dávid lachte und schlug Eskil auf die Schulter. »Der war gut! Weißt du was, komm doch am Samstag mit zum Fußballspiel. Gunnar ist auch dabei.«

»Sehr gerne. Die erste Runde geht auf mich.«

Das Heulen der Sirene verkündete das Ende der Pause und sie gingen nach drinnen. Gunnar führte Dávid in die kleinere Halle zurück.

»Sieh mal, was wir hier haben.« Gunnar führte ihn zu einer Werkbank.

»Was ist das?« Dávid beugte sich näher. »Etwa …?«

»Die Klinksysteme für die neuen Trägerflugzeu…«

Sein Kumpel wurde unterbrochen, als Ragnar, den alle wegen seines dürren Körperbaus insgeheim nur Dörrfisch nannten, durch die Halle gelaufen kam. Er war der Chef von IKF. Zwei Vorarbeiter begleiteten ihn.

»Wo ist der faule Kerl?«, schrie Dörrfisch quer durch die Halle.

»Dahinten, Ragnar«, ereiferte sich einer der Vorarbeiter und schwang einen Stock.

»Na, dem machen wir Beine«, knurrte Ragnar und stiefelte weiter.

Dávid warf Gunnar einen verwirrten Blick zu. »Was ist los?«

»Alle, die schlampig sind oder nicht bis zum Umfallen arbeiten, werden zusammengeschlagen. Rasch! Stell dich an eine der Werkbänke und tu beschäftigt!«

»Sklaverei?«

Gunnar schnaubte bitter und schraubte an einer Drehzahlanzeige herum. »Beinahe. Die Vorarbeiter schnüffeln und schleichen herum. Sie legitimieren den Mist damit, dass wir jetzt nach der Unabhängigkeit mit aller Kraft arbeiten müssen, um bereit zu sein, wenn die Kaiserlichen wiederkommen. In einem Punkt haben die Bosse recht. Irgendwann ist dieser verdammte Krieg auf dem Kontinent vorbei und spätestens dann wird sich die kaiserliche Regierung in Danzig an uns erinnern und …«

»… bis dahin beuten sie noch schnell alle aus«, beendete Dávid an seiner Stelle den Satz. »Wie zu Beginn der Industrialisierung. Entzückend! Und das auf unseren friedlichen Inseln.«

»Sei lieber still!«, zischte Gunnar.

Gemeinsam blickten sie den breiten Durchgang in der Montagehalle entlang.

Ragnar hatte den Arbeiter erreicht, an dem er anscheinend ein Exempel statuieren wollte.

Zu Dávids Entsetzen handelte es sich dabei um niemanden anderen als den ohnehin kränklich aussehenden Eskil.

Er verstand die Angst vor den Kaiserlichen, welche die Wirtschaftsbosse und Politiker zu harten Mitteln greifen – er konnte sie dennoch nicht billigen. Fakt war jedoch: Die Mittel auf den Inseln waren begrenzt und mussten effizient genutzt werden.

Aber dass Verhältnisse etabliert wurden, die an Sklaverei erinnerten … Er schluckte.

»Arbeite schneller, du fauler Kerl!«, brüllte Dörrfisch. »Draußen stehen andere, die Arbeit suchen und sich über deinen Posten freuen würden!«

Eskil hob hilflos die Hände »Aber … ich …!«

»Los hinaus!« Ragnar packte Eskil am Kragen und schleifte ihn in Richtung Tür.

Eskil riss sich los und taumelte einige Schritte zur Seite.

»Los, schmeißt den Kerl raus!«, geiferte Ragnar.

Eskil wehrte sich und schlug zu, als ihn die beiden Vorarbeiter ergreifen wollten.

Die beiden Männer wichen ihm mühelos aus und packten ihn. Brutal warfen ihn zu Boden. Mit ihren Stöcken schlugen sie auf ihn ein.

Eskil schrie auf und rollte sich schützend zusammen.

Etwas knackte und Eskil brüllte noch lauter.

Dávid sog scharf die Luft ein und wollte sich schon in Bewegung setzen, als Gunnar ihn zurückhielt. »Nicht! Sonst wirst du auch noch rausgeschmissen – ohne ihm wirklich zu helfen.«

Dávid knirschte mit den Zähnen und massierte unwillkürlich sein steifes Bein. Vor seinem inneren Auge tauchten die Polizisten auf, die ihn damals zusammengeschlagen hatten. Ein scharfer Schmerz durchschoss ihn.

»Geht’s dir gut?« Gunnars drängende Stimme erreichte ihn schließlich.

Dávid keuchte und hielt sich an der Werkbank fest. Aus trüben Augen beobachtete er, wie Eskil zur Tür geschleift und hinausgeworfen wurde. Ein Bein und ein Arm standen in ekelerregenden Winkeln ab.

»Draußen kümmert sich bestimmt jemand um ihn«, meinte Gunnar beschwörend.

»Ich weiß!«, krächzte Dávid.

In düstere Gedanken versunken wandten sie sich wieder dem Klinksystem zu.

Immer wieder warfen sie sich nervöse Blicke zu.

Die Vorarbeiter schritten in der Halle auf und ab, lauerten auf mögliche Fehltritte. Ragnar war in sein Büro verschwunden.

»Es werden weitere Rauswürfe folgen«, prophezeite Gunnar bitter flüsternd. »Ragnar ist ein Arsch!«

Nach Schichtende verabschiedeten sie sich knapp voneinander und strebten heimwärts.

 

2

Andrass trank den letzten Schluck Kaffee und stellte die Tasse beiseite.

---ENDE DER LESEPROBE---