Rauchzeichen für Rio - Micha Riegel - E-Book

Rauchzeichen für Rio E-Book

Micha Riegel

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Beschreibung

Unterfranken, Mitte der Neunzigerjahre: Samu ist 16, als er aus seinem Heimatdorf wegmuss. Ein Jahr zuvor hat er am Faschingsdienstag auf offener Straße mit Maxi rumgeknutscht. Oder Maxi mit ihm? Jedenfalls war der Kuss ein Skandal, weil Maxi der Sohn vom Umraths-Franz war, dem reaktionären Bürgermeister. Jetzt ist Maxi tot. Vom Kirchturm gesprungen. Daran ist Samu schuld. So sehen das zumindest der Umraths-Franz und sein rechtsradikaler Sohn, die Rache schwören. Also haut Samu nach Frankfurt ab, wo er im September eine Lehre anfangen soll. Doch vorher kommt noch der Sommer. Und die Bekanntschaft mit Lenni, mit dem Samu eine gemeinsame Leidenschaft für die Musik von Ton Steine Scherben verbindet. Die beiden beschließen, Rio Reiser auf dessen Hof im nordfriesischen Fresenhagen einen Besuch abzustatten - der Beginn einer halsbrecherischen Odyssee quer durch Deutschland und einer ersten Liebe. Wenn Micha Riegel schreibt, liegen Tragik und Komik nah beieinander. Sein Debütroman wirft die Lesenden mitten hinein in den chaotischen Erfahrungsmarathon der Protagonisten, der nebenbei zum Spiegel der deutschen Nachwendejahre wird. Aber egal ob Samu und Lenni in Frankfurt skrupellosen Dealern entkommen, ob sie in Weimar die Polizei austricksen, in Berlin einem dubiosen Pornoproduzenten auf den Leim gehen oder im Anti-AKW-Hüttendorf bei Gorleben den überfälligen Arschtritt in Sachen Liebe erhalten, sie behalten stets ihr Ziel vor Augen: die Ton-Steine-Scherben-Kommune in Fresenhagen. "Rauchzeichen für Rio" ist ein Roman wie ein Rio-Reiser-Song: ehrlich, entwaffnend, umwerfend.

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EPUB
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Seitenzahl: 346

Veröffentlichungsjahr: 2024

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RAUCHZEICHEN FÜR RIO

VERLAGSINFORMATION

Unterfranken, Mitte der Neunzigerjahre: Samu ist 16, als er aus seinem Heimatdorf wegmuss. Am Faschingsdienstag hat er auf offener Straße mit Maxi rumgeknutscht. Oder Maxi mit ihm? Jedenfalls war der Kuss ein Skandal, weil Maxi der jüngste Sohn vom Umraths-Franz war, dem reaktionären Bürgermeister. Jetzt ist Maxi tot. Vom Kirchturm gesprungen. Daran ist Samu schuld. So sehen das zumindest der Umraths-Franz und sein rechtsradikaler älterer Sohn, die Rache schwören. Also haut Samu nach Frankfurt ab, wo er Lenni kennenlernt. Weil sie beide die Songs von Ton Steine Scherben lieben, beschließen sie, Rio Reiser auf dessen Hof im nordfriesischen Fresenhagen einen Besuch abzustatten – der Beginn einer halsbrecherischen Odyssee quer durch Deutschland und einer ersten Liebe.

Wenn Micha Riegel schreibt, liegen Tragik und Komik nah beieinander. Sein Debütroman nimmt die Lesenden mit auf einen turbulenten Erfahrungsmarathon, der nebenbei ein Spiegel der deutschen Nachwendejahre ist. Aber egal ob Samu und Lenni in Frankfurt skrupellosen Dealern entkommen, ob sie in Weimar die Polizei austricksen, in Berlin einem dubiosen Pornoproduzenten auf den Leim gehen oder im Anti-AKW-Hüttendorf bei Gorleben den überfälligen Arschtritt in Sachen Liebe bekommen, sie behalten stets ihr Ziel vor Augen – um am Ende ein neues zu finden.

DER AUTOR

Micha Riegel wurde 1980 in Würzburg geboren. Nach dem Abitur machte er eine Schreinerlehre, wanderte durch Italien, Frankreich und Spanien, ließ sich zwischenzeitlich in Leipzig und Berlin nieder, wo er u. a. als Schreiner, Theatermacher und Straßenmusiker arbeitete. Rauchzeichen für Rio ist sein erster Roman. Micha Riegel lebt in Würzburg.

MICHA RIEGEL

RAUCH ZEICHEN FÜR RIO

ROMAN

1. Auflage

© 2024 Albino Verlag, Berlin

Salzgeber Buchverlage GmbH

[email protected]

Umschlaggestaltung: Janni Froese und Robert Schulze

unter Verwendung eines Fotos von photocase.de/cydonna

Satz: Robert Schulze

Printed in the Czech Republic

ISBN 978-3-86300-385-2

Mehr über unsere Bücher und Autor*innen:

www.albino-verlag.de

PROLOG

«So lasset uns beten für unsern Maximilian Umrath, auf dass er Erbarmen finde beim Herrn und aufgenommen werde in die ewige Seligkeit. Damit seine junge und verirrte Seele, die auf Erden den rechten Weg nicht finden konnte, Abbitte leiste und Läuterung erfahre, jetzt und in Ewigkeit. Amen.»

Wär’s nach dem Pfarrer gegangen, wär das so ziemlich das Letzte gewesen, was die Lebenden über Maxi zu hören bekamen. Eigentlich war der zweite Satz echt zum Totlachen, hätte Maxi nicht aufgebahrt zwischen zwei armdicken flackernden Kerzen dagelegen und keinen Mucks mehr gemacht. Von wegen rechten Weg nicht finden und so. Klar hätte der ’nen Weg gefunden, wenn ihm nicht dauernd einer von diesen scheinheiligen Dorfaposteln reingepfuscht hätte, die jetzt versammelt auf den vorderen Kirchenbänken hockten.

Der Pfarrer steckte natürlich mit denen unter einer Decke. Ziemlich zum Kotzen, wie er Maxi noch das Erbarmen des Herrn gewünscht hat. Hätten die alle miteinander vorher ein Erbarmen mit ihm gehabt, dann würde er bestimmt noch putzmunter durch die Welt rennen und die ewige Seligkeit könnte auf ihn warten, bis sie schwarz wird. Aber darum ging’s ja gar nicht. Denen ging’s nur darum, jetzt möglichst schnell Gras über die ganze Geschichte wachsen zu lassen, aber da hatten sie die Rechnung ohne mich gemacht. Ohne mich und ohne Mattia, der mich ohne Widerrede bei meinem Vorhaben unterstützte. Gut, viel konnte ihm nicht passieren dabei. Finde mal irgendwen, der erstens in der Lage ist und zweitens Lust drauf hat, in seiner Freizeit unbezahlt die Orgel in der Dorfkirche zu spielen. Mattia hat das sowieso jeden Sonntag gemacht. Ohne ihn wären die Gemeindegesänge um die würdevolle Begleitung ärmer gewesen.

Alles, was ich jetzt noch tun musste, war auf sein Zeichen hin die Nadel auf die kreisende Schallplatte fallen zu lassen.

Das war ich Maxi einfach schuldig. Auch wenn er mich vielleicht nur benutzt hat, am Ende haben wir im selben Boot gesessen, er und ich. Nur dass ich mir vorgenommen hab, lebend aus dem Kaff hier rauszukommen. Bei mir würde der Pfarrer nicht das letzte Wort haben.

Es war ein Freitag im Juni 1996. Ich war sechzehn und das hier der Auftakt einer Abschiedsvorstellung, die ich dem versammelten Dorf geben wollte. ’ne sinnlose Abschiedsvorstellung, eh klar, weil ich hatte meinen Kampf hier längst verloren und es gab absolut nichts mehr zu gewinnen. Aber sinnlose Abschiedsvorstellungen, bei denen es nichts zu gewinnen gab, die lagen irgendwie bei mir in der Familie.

ERSTER TEIL

WIR MÜSSEN HIER RAUS

1

«Du hast hier überhaupt nix zu melden!», rief meine Mama und schleuderte den Kochlöffel nach mir. Aber das sah ich ganz und gar nicht ein, dass ich mich bei ’ner so wichtigen Sache raushalten sollte, auch wenn ich erst zehn Jahre alt war. Schließlich hat mich das Ganze ja genauso betroffen wie meine Oma Alba, wie meinen Cousin Lukka und wie Mascha, meine Mama. Also hob ich das Geschoss auf, hielt es wie ein Schwert vor meine Brust, nahm allen Mut zusammen und sagte nochmal: «Ich will nich weg von hier!»

Alba schüttelte den Kopf, nahm mir den Kochlöffel aus der Hand und legte ihn auf den Küchentisch.

«Du kommst schon noch an die Reihe, Samu. Aber jetz is Lukka dran.»

Bei so was war meine Oma knallhart, und da war’s ihr auch egal, dass ich mich gerade todesmutig gegen meine Mama und voll auf ihre Seite gestellt hatte. Wenn in unsrer Familie der Kriegsrat tagte, gab’s eiserne Regeln. Erstens sagte Alba ihre Meinung. Zweitens durften sich danach alle anderen äußern, aber die Älteren zuerst, drum hatte ich als Jüngster in der Runde eben bis zum Schluss zu warten. Drittens hörte sich Alba alles geduldig nickend an und machte dann viertens, was sie wollte.

Lukka grinste.

«Also, ich bleib morgen mit dir hier, Alba.»

Dann drehte er sich zu meiner Mama und zuckte verlegen mit den Schultern.

«Tschuldige, Mascha. Aber ich find, sie hat recht. Kampflos gehn wir hier nich raus.»

Mascha schnappte sich den Kochlöffel vom Tisch und schleuderte ihn gegen die Küchenuhr. Der Nagel rutschte aus der Wand und die Uhr krachte auf den Fußboden, wo sie in tausend Stücke zersprang.

«Ach, ihr spinnt doch alle miteinander!»

Alba lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, verschränkte die Arme vor der Brust und lächelte. Sie hatte gewonnen.

Ich setzte mich zufrieden zu ihr und Lukka an den Tisch und war sicher, jetzt würde alles so bleiben, wie es war. Alba, Mascha, Lukka und ich würden alle vier zusammen hierbleiben, in unserem windschiefen Haus mitten im Würzburger Industriegebiet. In diesem vom Stadtrat jahrzehntelang ignorierten Schwarzbau aus den Nachkriegsjahren mit seinen türkisblauen Wänden, an denen sich die Schatten der Apfelbäume im Schein der Flammen unsrer Lagerfeuer in sehnige Tänzer verwandelten; mit dem modrigen vollgestopften Keller, wo ich mich stundenlang verstecken konnte zwischen dem ganzen seltsamen Gerümpel; mit der sonnengelben Küche, dem alten Holzherd, den knarzenden Dielenböden und dem unheimlich schweigenden Badeofen, der nur einmal die Woche am Samstagabend schnaufend zum Leben erwachte und ein warmes Bad versprach. Wenn Alba ’nen Plan hat, dachte ich, dann können alle anderen einpacken – der Bürgermeister, der Stadtrat und diese dumme vierspurige Straße nach Kitzingen, der unser Haus angeblich im Weg stand. Wir kannten Kitzingen und waren uns einig, dass es niemand ernsthaft eilig haben konnte, dort hinzukommen.

Die halbe Nacht machte ich kein Auge zu, sondern hab mir die Schlacht um unser Haus in allen Einzelheiten vorgestellt. Was ’ne Belagerung war, wusste ich aus den Geschichten von Winnetou und Old Shatterhand, die mir Lukka vor dem Einschlafen mit flüsternder Stimme vorlas. Wir würden Palisaden bauen aus den Stämmen der alten Apfelbäume vor dem Haus, würden unsere Stellung im oberen Stockwerk beziehen und mit allem, was wir im Haus finden konnten, ein Dauerfeuer auf die weißen Banditen eröffnen. Sie würden sich verschreckt zurückziehen und größere Geschütze auffahren, würden versuchen, uns auszuräuchern, und schließlich tagelang von den Versorgungslinien abschneiden, um uns auszuhungern. Aber ich wusste ja, unser Keller war voll mit Essiggurken und Albas eingekochter Erdbeermarmelade, und die Hühner würden wir in die Waschküche umquartieren, weil der Hühnerstall war mit nur drei Leuten sicher nicht lange zu halten. Und wenn es doch zum Äußersten kam, wäre da ja immer noch meine Mama hinter den feindlichen Linien. Zwar hatte sie von Anfang an ausgeschlossen, mit uns zusammen die Stellung zu halten, aber im Zweifelsfall würde sie den Angreifern garantiert trotzdem mit ’ner Ladung Indianerpfeilen gleichender Kochlöffel in den Rücken fallen.

So weit, so gut also. Aber eins wollte absolut nicht in meinen Kopf rein, drum bin ich noch vor dem ersten Morgengrauen aus dem Bett geklettert und hab Lukka wachgerüttelt. Er konnte ganz bestimmt die Frage beantworten, die mich die halbe Nacht gequält hatte. Weil nämlich, in allen Winnetou-Geschichten, die ich kannte, war nie ’ne Frau aufgetaucht, die mitkämpfte. Wie also, hab ich mich gefragt, sollte das gehen, dass bei uns Alba den Oberbefehl über die Abwehr hatte? War Alba dann Winnetou? Lukka war Old Shatterhand, eh klar. Aber wer war ich? Der Dicke Jemmy vielleicht? Dafür fehlte es mir doch gewaltig an Körperfülle, oder?

Lukka hat sich kaputtgelacht, als ich ihn mit meinen Fragen geweckt hab.

«Ach Samu! Hätt der Karl May die Alba gekannt, hätt er gewusst, dass gegen die selbst Old Shatterhand und Winnetou zusammen nix ausrichten können. Hör zu, heut bist du Winnetou, ich bin Old Shatterhand und Alba ist Alba. Das wird ’ne Schau, verlass dich drauf!»

Damit hat er sich an die Wand gedreht und die Decke über den Kopf gezogen.

«Lukka …»

«Hm? Was’n noch?»

«… ich will nich, dass du weggehst …»

Er lupfte seine Bettdecke ein Stück an und ließ mich drunterkriechen. Dicht an ihn gekuschelt, sein Geruch wie Sommerregen auf sonnenheißem Asphalt, hab ich stille Tränen in sein Schlafanzughemd geweint. Und er streichelte mir durch die Haare: «Frankfurt is nich aus der Welt, Samu. Ich komm euch besuchen, so oft ich kann.»

Alba stand in der Küche und kochte in ihrer alten Kanne starken Kaffee. Zur Feier des Tages kippte sie sogar mir einen Schluck in meine Tasse mit warmer Milch. Mascha wollte mir im letzten Moment ’nen Strich durch die Rechnung machen und bestand drauf, dass ich mit ihr das Grundstück verlasse und von draußen zuschaue, aber Alba wimmelte sie mit einer abwehrenden Geste ab: «Das soll er selber entscheiden. Wenn er bleiben will, soll er bleiben. Ich pass schon auf ihn auf.»

«Ich auch!», rief Lukka, und ich streckte Mascha alle Kochlöffel entgegen, die ich vorher im ganzen Haus zusammengesucht hatte. Sie hat mir nur den Vogel gezeigt, als ich ihr erklärte, dass sie die Löffel noch anspitzen müsste, um damit dem Feind in den Rücken zu fallen.

Während Alba im Hühnerstall zugange war, hatten Lukka und ich die Aufgabe, ihren Schaukelstuhl aus dem Schlafzimmer zu holen und vor die Haustür zu stellen. Zu meiner Überraschung trieb sie die Hühner nicht in die Waschküche, sondern stellte sie, in Käfigen verpackt, neben den Schaukelstuhl. Dann holte sie noch zwei Stühle für uns aus der Küche und schließlich saßen wir zu dritt vor unserem Haus in der Morgensonne und warteten. Über uns hüpfte ein Rotkehlchen von Ast zu Ast und schaute interessiert zu uns runter.

Die Banditen kamen in einer Reihe den Wiesenweg entlangmarschiert. Zehn Mann in grünen Uniformen, die Revolver schussbereit in den Halftern, die Hände am Abzug. Als ich anfing, nervös auf meinem Stuhl hin und her zu rutschen, nahm Lukka meine Hand in seine und zwinkerte mir zu. Der Oberganove blieb vor Alba stehen, schaute auf das Sammelsurium aus Hühnern, Koffern und Kindern, nahm die Mütze vom Kopf und kratzte sich an der Stirn.

«Nun, Frau …»

«Guten Morgen», sagte Alba.

«Ja, ’n Morgen …» Er setzte schwerfällig die Mütze wieder auf.

«Sie sind also … Sie wollen also wirklich nicht … freiwillig …»

Er machte eine einladende Geste Richtung Ausgang. Alba sah ihn nur schweigend an, die Arme über der Brust verschränkt, ihr Blick hinter den dicken Brillengläsern erfüllt von Würde und Stolz.

«Gut, also na ja, Sie haben’s so gewollt.»

Alba nickte ihm auffordernd zu.

«So is es, junger Mann. Na, denn mal los. Genug geredet.»

Der Anführer drehte sich kopfschüttelnd zu seinen Komplizen.

«Ihr habt’s gehört. Also – bringt sie raus!»

Drei Mann traten an Albas Schaukelstuhl heran und hoben ihn stöhnend hoch. Alba thronte über ihren Köpfen und warf ’nen letzten Blick zurück.

«Höher!», rief sie den Trägern zu. Dann wandte sie sich zu Lukka und mir.

«Keine Angst, Kinder. Genießt die Aussicht. Die dürfen uns nicht anfassen!»

Zwei Uniformierte angelten sich den Stuhl mit Lukka drauf und hievten auch ihn in die Höhe, ein paar andere griffen nach Koffern, Hühnerkäfigen, der Gitarre. Ich dachte schon, sie hätten mich übersehen, da trat einer der Gauner auf mich zu: «Na dann, Kleiner», lachte er. «Da hat deine Oma ja ’nen schönen Abgang für euch arrangiert.»

Sie schaukelten uns den schmalen Weg entlang und dann keuchend die dreißig Stufen rauf bis zur Gartentür. Alba im Schaukelstuhl vorneweg, dann Lukka und ich und hinter uns die Parade von Uniformierten mit Hühnerkäfigen, Koffern und Küchenmöbeln. Oben am Eingang warteten Mascha und Onkel Beppo, Lukkas Vater. Sie schüttelten die Köpfe und hatten alle Mühe, sich das Lachen zu verkneifen. Neben unserem alten Fiat parkte Beppos blauer Hanomag. Dort wurden die Hühner und die Möbel eingeladen. Uns setzten sie auf dem Schotterweg ab, der von der Straße zu unserem Grundstück führte.

Alba erhob sich aus ihrer Sänfte und schaute sich um. Dann kam sie zu mir, hob mich hoch und streichelte mir über den Kopf.

«Gut gemacht, mein Kleiner. Dass sie uns rauswerfen, das war nicht zu verhindern. Aber unsern Abgang hier, den werden sie nicht so schnell vergessen. Weißt, du wirst nicht alle Kämpfe im Leben gewinnen können, grad wenn die andern am längeren Hebel sitzen. Aber das heißt nicht, dass du mit eingezogenem Kopf vom Feld schleichen musst. Merk dir das.»

Eh klar, dass ich mir das gemerkt hab. Und wie.

Beppo und Lukka fuhren mit dem voll beladenen Hanomag los, Alba, Mama und ich klapperten im Fiat hinterher. Von der Hinterbank aus schaute ich durch die Heckscheibe zurück, auch wenn Lukka mir so oft gesagt hatte, ich soll nach vorn schauen und mich drauf freuen, was vor mir liegt, statt dem hinterherzuflennen, was vorbei ist. Aber das war halt nicht so einfach, weil alles, was ich kannte und liebte, lag in diesem Moment eben nicht vor, sondern hinter mir und wurde im Rechteck der Heckscheibe Stück für Stück kleiner, bis es am Ende ganz verschwand – die Siemenswerke, wo meine Oma jahrelang gearbeitet hatte, die alte Feuerwehrschule, in der Lukka sich nach der Schule mit seinen Freunden getroffen hat, um heimlich Bier zu trinken und geklaute Zigaretten zu rauchen … Manchmal ist er auch mit mir allein dahin gegangen und wir haben gemeinsam das riesige leerstehende Gebäude erkundet. Über morsche Treppenstufen sind wir hoch in den Dachboden voller Wasserlachen und Moos geschlichen. Der Dachboden hat nur uns beiden gehört, da hat Lukka seine Freunde nie mit hinaufgenommen. Samu und Lukka sind hier stand in riesigen schwarzen Buchstaben quer über die Wand gepinselt. Unter dem Giebelfenster lag uns die ganze Stadt zu Füßen: die Türme von Sankt Josef, Sankt Gertrud, Sankt Johannis, vom Dom und der Hauger Kirche stachen wie Reißzähne aus dem roten Dächermeer hervor. Weinberge bedeckten die Hügel rund um die Stadt wie ein grüner Mantel und über allem lugte wachsam die Festung zwischen ihren grauen Bastionen hervor.

Das war jetzt alles Geschichte. Die Festung hatten wir längst hinter uns gelassen, das Maintal war zwischen den Wellen der Hügel verschwunden. Die Straße schlängelte sich durch Äcker und einzelne Waldstücke. Verknotete Birnbäume am Straßenrand, dahinter Felder mit Sonnenblumen, Mais und Getreide. Traktoren zuckelten über unsichtbare Feldwege durch Staubwolken, die die Mähdrescher in den hellblauen Julihimmel husteten. Wir bogen auf ’ne Nebenstraße ab, die einen Hügel hinaufkroch. Ein Kirchturm ragte zwischen den Feldern empor. Weil die Luft in der Sommerhitze flimmerte, schien er zwischen den Dächern der Häuser und Scheunen zu schwimmen – Muschelkalk und Buntsandstein.

Das Dorf lag inmitten von Getreidefeldern, die von schmalen Heckenstreifen durchzogen waren. Wir fuhren die Hauptstraße entlang. Bäckerladen, Wirtshaus, Raiffeisen-Getreidesilo. Dicht gedrängte Wohnhäuser schielten aus vorhangverhangenen Fensterscheiben zu uns herunter. An der Kirche bogen wir in den Hohen Weg ein. Er führte an der Schule vorbei auf eine Hügelkuppe zu, und an seinem Ende stand, umgeben von Wiesen und Obstbäumen, unser neues Zuhause. Von einer verwilderten Holunderhecke vor neugierigen Blicken geschützt, thronte es frei und verlassen am Ende des Dorfes. Danach nur noch Felder, Hecken und Wald.

Beppo parkte den Hanomag auf dem geschotterten Hof. In einem flachen Anbau zuckte hinter staubigen Fensterscheiben bläuliches Licht und schwarzer Rauch quoll aus dem Schlot. Das war die Werkstatt von unserem neuen Vermieter, dem Dorfschmied. Metallteile, Fahrräder, Motorhauben, Pflüge und Badewannen lagen in der Wiese verteilt, dazwischen ein Schuppen aus sonnengeschwärzten Kieferbrettern und ein uralter Apfelbaum, der das Wohnhaus um ein ganzes Stück überragte.

Alba ging zielstrebig zum Schuppen, riss die Tür auf, die lose in den Angeln quietschte, und verteilte Aufgaben.

«Lukka, Samu, ihr nehmt Besen und Schaufel und kehrt den Dreck raus. Beppo, du reparierst die Tür. Mascha, lauf zum Schmied und frag ihn, wo er das Stroh hat. Hier kommen die Hühner rein, sie sollen’s bequem haben in ihrem neuen Zuhause.»

Unter Albas Kommando lief das wie am Schnürchen, und bevor wir auch nur ein einziges Möbelstück in unsere eigene neue Wohnung getragen hatten, scharrten die Hühner schon durchs Gras unter dem riesigen Apfelbaum. Ich stand staunend vor dem dicken Stamm und blinzelte in die Krone.

«Komm Samu, wir schaun uns das von oben an», sagte Lukka und hob mich auf seine Schultern. So konnte ich nach den ersten Ästen greifen und mich hochhangeln. Lukka kletterte an mir vorbei und gleich rauf bis in die Spitze.

«Von hier kamma bis zum Spessart schaun! Dahinter liegt Frankfurt.»

Wie im Ausguck auf ’nem Segelschiff stand er weit über mir und zeigte auf irgendwas jenseits der Hügelkuppe. Aber so hoch wie er hab ich mich nicht getraut. Stattdessen klammerte ich mich an den untersten Ast und schaute über den wilden Verhau, der unser neues Zuhause sein würde, vorbei am Schulgebäude und dem Kirchturm zu den Häusern im Dorf mit ihren roten Dächern. Klein und buckelig lagen sie in der Talsenke.

Aus dem Treppenhaus waren Schritte und Gläsergeklingel zu hören. Eine Frau mit knallroten Haaren kam aus der Haustür, eine verkorkte Flasche und ein Tablett mit Gläsern in den Händen: die Rote Lissy, die mit ihrem Sohn im ersten Stock wohnte.

«Die neuen Mitbewohner, willkommen, willkommen», lachte sie und kippte die Gläser voll. «Auf ein fröhlich’s Miteinander!»

Die Erwachsenen stießen an und ließen die Spenderin hochleben. Der Schmied trat in rußiger Schürze aus der Werkstatt, nahm die Schweißerbrille ab und grinste: «Gell, es wird scho gfeiert? Da trinket ich fei enn mit!»

Lissy schenkte fleißig nach. Ein verbeulter Citroën kam den Hohen Weg hochgewirbelt und legte eine Vollbremsung im Hofschotter hin. Die Autotür flog auf und landete scheppernd auf dem Boden, ein Typ in Kordhosen, Karohemd und mit schulterlangen Haaren sprang hinterher, schnappte eine Gitarre vom Beifahrersitz und stimmte ein Lied an: «I möcht e Bier vom Fass, bei der Hitz brauch i das! Herr Ober, wo bleibt denn mei Bier vom Fass …?!»

Das war der Musiklehrer, der die Einzimmerwohnung im Keller bewohnte und für uns den großen Hit sang, den er selbst für seine Band Die Moustgöücher komponiert hatte. Die Rote Lissy schüttelte den Kopf: «Nix Bier vom Fass. E ganz e feins Ringlowässerle kannst hab.»

Die Schmiedin kam in ihrer Kittelschürze über den Hof gelaufen und brachte einen Teller voller Schmalzbrote. Alle langten fröhlich zu, die Schnapsflasche kreiste, die Hühner wurden begutachtet und gelobt. Alle freuten sich auf die frischen Eier, die sie legen würden.

«Wer nicht legt, kommt in die Supp», erklärte Alba.

«Wie beim Schafkopfen!», rief die Rote Lissy, blitzte den Musiklehrer herausfordernd an und begann zu singen: «Hammerschmied, lass die Arbeit sausen! Schmied, Schmied, Hammerschmied, wir wolln das Geld versaufen …»

«… Hoch mit dem Hammer – nieder mit ihm!», stimmten die anderen ein. Es war helllichter Nachmittag, mitten in der Woche.

«Ich glaub, heut schlaft ihr aufm Fußboden», lachte Lukka und nahm heimlich einen Schluck aus der beinah leeren Flasche. «Die sind hackedicht, noch bevor sie ’nen einzigen Stuhl hochgetragen haben!»

Ich guckte böse die nichtsnutzigen Erwachsenen an. Mir war echt nicht klar, was es hier zu feiern gab. Dass wir gerade aus unserem Haus rausgeworfen worden waren, das jetzt vielleicht schon die Bagger plattmachten? Dass Lukka mich verließ, um in Frankfurt in Onkel Beppos Autowerkstatt ’ne Lehre zum Mechaniker anzufangen? Dass ich im September hier in die Schule gehen sollte, in eine Klasse, in der ich niemanden kannte?

Lukka las wohl meine Gedanken. Er stieß mich aufmunternd in die Seite: «Wir feiern, dass was Neues beginnt, Samu. Und das beginnt eh, ob wir’s feiern oder nich.»

Er hob mich hoch und küsste mich auf die Stirn.

«Bäh!», sagte ich und hielt mir die Nase zu. «So wie du stinkst, haste doch auch schon paarmal vom Schnaps getrunken.» Die Sonne hing tief über der Hügelkuppe, als Alba die Versammlung beendete und uns zur Eile antrieb. Gemeinsam holten wir unsere Möbel aus Beppos Hanomag und trugen sie in die Wohnung unterm Dach. Viel war’s ja nicht: ein paar Stühle, der Küchentisch, die alte Anrichte, Matratzen und ein paar Kartons mit Kleidern. Alba reiste mit leichtem Gepäck.

«So ’n Haushalt wächst langsam», sagte sie, und tatsächlich hat es Jahre gedauert, bis wir halbwegs eingerichtet waren. Es war längst dunkelste Nacht, als Beppo zum Aufbruch drängte. Lukka und er verabschiedeten sich im Treppenhaus, aber ich folgte ihnen bis runter auf den Hof.

«Die Gitarre … Die hättmer jetz fast übersehn!», sagte Beppo und reichte sie mir von der Ladefläche. Dann stiegen sie ein, der Motor hustete in die Sommernacht, die Scheinwerfer warfen ihr mattes Licht auf den neuen Hühnerstall und der Wagen brummte los. Ich lief ihnen hinterher bis zur Kirche, wo sie hupend und winkend auf die Hauptstraße abbogen. Im flackernden Licht der Straßenlaternen, die Gitarre in der Hand, schaute ich den Rücklichtern nach. Verraten und verkauft. Na gut, von den blöden Erwachsenen war eh nichts zu erwarten. Die waren halt glücklich mit ihren großen Reden, ihren Schmalzbroten und Schnapsflaschen. Aber dass Lukka bei ihrem Spiel mitgespielt hatte, darüber kam ich nicht weg. So stand ich da an der Kreuzung, in diesem düsteren Dorf, in dem ich nichts und niemanden kannte – verlassen und verloren, einsam und allein.

«Spielst du Gitarre?», fragte jemand hinter mir.

Erschrocken drehte ich mich um. Da stand ein fremder Junge und sah mich aus dunklen Augen durchdringend an. Ich guckte schnell auf den Boden, um mich aus seinem Blick zu befreien, und dann langsam wieder an ihm hoch. Schwarze Locken wirbelten über seiner hohen Stirn, das Gesicht war schmal, das Lächeln freundlich. Sein schlanker Körper ließ ihn viel größer wirken, als er eigentlich war. Schuhe trug er keine.

«Ich … ich bin der Samu …», stammelte ich. Was er eigentlich von mir hatte wissen wollen, war mir komplett entfallen, also fragte ich aus Verlegenheit selbst irgendwas: «Wieso läufst’n du barfuß?»

«Na, weil Sommer is», sagte er. «Und? Kannste nu Gitarre spielen?»

«Nee. Die gehört meiner Oma.»

«Magst es lernen? Gitarre spielen, mein ich. Ich heiß Mattia und wohn da oben in dem Haus aufm Hügel.»

2

Erstmal waren da ja noch die Sommerferien. Die waren eine Frist, bevor mich meine neue Schulklasse in die Finger kriegen sollte. Und dieser erste Sommer zwischen Apfelbäumen und dem wogenden Korn auf den Äckern, mit den Labyrinthen der Maisfelder und dem freien Blick über die weiten Hügel war an sich schon ’ne Wucht für mich, der ich mein ganzes bisheriges Leben im Würzburger Talkessel im Schatten von Kirchtürmen und Fabrikschloten verbracht hatte. Der Sommer hier im Dorf spielte sich vor allem draußen ab. Mattia nahm mich mit auf seine Entdeckungszüge, wir kletterten über Zäune und Mauern, brachen in vergessene Heuschober ein, erforschten gepflegte Wochenendgärten, durchstöberten Mülldeponien, krochen durch Abwasserkanäle und flüchteten vor Ochsen, Ziegenböcken und plötzlich auftauchenden Erwachsenen. «Schaut, dass ihr wegkommt, ihr Läushaaml!», riefen sie uns hinterher.

Wenn Mattia keine Zeit für mich hatte, kletterte ich in den großen Apfelbaum und schaute von dort aus ins Dorf runter. Und manchmal, wenn ich da oben in den Zweigen hing, rief mich der Schmied zu sich in die Werkstatt, zog ein rotglühendes Stück Eisen aus der Esse und ließ mich mit dem kleinsten Hammer, den er finden konnte, drauf rumklopfen. Die Eisenstücke waren von meinem Gehämmer nie sonderlich beeindruckt, das merkte auch der Schmied. Er hat mir dann immer tröstend auf die Schulter geklopft.

«Na, da dürfst noch e paar Klöß mehr ess, damit des was werd …»

Die Schmiedin holte mich in ihre eichendunkle Küche, wo es nach Waschmittel und Seifenschaum roch, und fütterte mich mit Bonbons aus den scheinbar bodenlosen Taschen ihrer Kittelschürze. Im Schmiedshaus standen die Türen immer offen. Abends saßen die Erwachsenen zusammen, tranken Schnaps und spielten lärmend Schafkopf, während im Backofen der Leberkäse vor sich hin dampfte, dessen Duft sich mit Pfeifendunst und Zigarettenrauch vermischte, die schwer über den Köpfen hingen. Ein dauernder Ohrwurm war das Lied vom Bier vom Fass. Der Musiklehrer sang es in seinem Badezimmer im Keller jeden Morgen so laut, dass es durch die Wasserleitungen im ganzen Haus zu hören war.

Mit der Zeit hab ich’s geschafft, Lukka seinen Verrat zu verzeihen, nicht zuletzt weil er sein Versprechen gehalten und uns jedes zweite Wochenende besucht hat. Abends lagen wir dann wie früher unter der Bettdecke und er las mir im Schein der Taschenlampe die Abenteuer von Winnetou und Old Shatterhand vor. Wenn ich da dicht an ihn gekuschelt unter der Decke lag und seiner Stimme lauschte, spürte ich, dass Lukka immer noch mein rettender Fels in der Brandung war, an dem ich mich festhalten konnte. Und spätestens als die Schule begann und ich auf einmal zwischen lauter fremden Gesichtern in der fünften Klasse sitzen musste, hatte ich diesen Halt dringend nötig.

An sich war Schule gar nicht so dramatisch. Also ich mein, der Unterricht, der hat mich eigentlich nicht wirklich gestört. Nur manchmal, wenn draußen die schönste Sonne schien, wär ich schon lieber woanders gewesen. Im Rechnen war ich die totale Null, und wenn ich im Musikunterricht vor der versammelten Klasse ein Lied vorsingen sollte, kam ich nie weiter als ein paar Takte. Aber das war gar nichts gegen den Sportunterricht. Rennen und Klettern konnte ich zwar, und da hat mir auch keiner was vorgemacht, aber Fußball, Handball, Basketball und wie die ganzen andern Bälle geheißen haben … Da hat sich wirklich niemand blöder angestellt als ich. Jedes Mal das gleiche Drama, wenn mich der Lehrer in irgendeine Mannschaft steckte, die mich partout nicht in ihren Reihen haben wollte. Am Anfang hab ich mir noch Mühe gegeben und bin wie blöd übers Spielfeld gerannt, wenn auch ohne eine Spur von Plan, was ich da eigentlich sollte. Später auf dem Schulhof haben sich die Leute aus meiner eigenen Mannschaft dann dafür gerächt, dass ich ihnen mit meinem Gerenne jede Strategie vermasselt hab, und es hagelte Tritte. Ein paarmal haben sie mich auch in den alten Ziehbrunnen gesperrt, der auf dem Schulhof rumstand. Wenn ich dadurch zu spät zur nächsten Stunde kam, verfolgten sie zufrieden den Anschiss, den ich von der Klassenlehrerin bekam. Irgendwann hab ich’s kapiert und mich gleich nach dem Anpfiff mit ’ner erfundenen Verletzung vom Spielfeld getrollt. Danach ließen mich die Jungs aus meiner Klasse allmählich in Ruhe.

«Hau ab, geh zu die Mädli!», riefen sie mir hinterher. Hab ich dann auch gemacht. Mädchen waren mir eh lieber, die ließen mich immerhin mitspielen beim Seilhüpfen, Fangerles, Himmel und Hölle … Mädchenspielen halt.

Mattia hat echt versucht, aus mir ’nen Gitarrenspieler zu machen. Unseren Proberaum richteten wir im Heizkeller ein. Da war’s schön warm, wenn draußen die Winterstürme tobten, und meine Spielfehler sind im Fauchen des Ölbrenners auch nicht so aufgefallen. Mit Engelsgeduld hat Mattia es geschafft, mir ein paar Akkordgriffe einzubläuen, aber dazu, mal ’ne richtige Melodie auf Albas Gitarre zustande zu bringen, hat’s bei mir nie gereicht. Dafür hab ich das Singen für mich entdeckt. Ohne Klassenpublikum hat mir das auch richtig Spaß gemacht. Mein Gesangsdebüt war I möcht e Bier vom Fass. Von Mattia auf der Gitarre begleitet, konnte ich das mit allen seinen fünftausend Strophen mühelos runtersingen.

Als der Frühling kam und es draußen wieder wärmer wurde, war uns der miefige Heizkeller irgendwann zu eng, drum haben wir angefangen, die Gegend zu erkunden auf der Suche nach Alternativen. So entdeckten wir das Wasserhäusle. Oben auf dem Hügel hinter unserm Haus standen ein paar niedrige Bäume zwischen dornigem Gebüsch. Wie eine Insel im Meer ragte diese Baumgruppe aus den frisch bestellten Feldern hervor. Kurz nach Ostern tapsten wir über nasse Schneereste den Berg hoch und zwängten uns durch das dichte Gestrüpp. Dahinter lag, von draußen komplett unsichtbar, ein alter Grundwasserspeicher. Aus dem mit Efeu bewachsenen Erdwall lugten vermooste Ziegelwände, trübe Glasbausteinfenster und ein Dach aus Eternitplatten hervor. Der größte Teil des Gebäudes war unterirdisch. Das Dach lag gerade mal einen halben Meter über Bodenhöhe. Wir stemmten die schwere Eisenplatte hoch, die über dem Einstiegsschacht lag, und tauchten über rostige Leitersprossen in die Tiefe. Hellblaue Fliesen bedeckten Boden und Wände. Sonst war der Innenraum leer, halbwegs trocken, die Luft fast nicht muffig und die Akustik überwältigend.

In diesem Frühling nutzten wir jede freie Minute, um unseren neuen Proberaum einzurichten. Ein paarmal brachen wir in den Hof hinterm Wirtshaus ein und klauten stapelweise leere Weinkisten aus dem Leergutlager, ohne dass es jemals wem aufgefallen wäre. Erst wollten wir die Kisten nur als Stühle benutzen, aber weil der Vorrat im Wirtshaushof nie versiegte, bauten wir zusätzlich Regale für unsre Karl-May-Bücher draus. Der Sperrmüll bescherte uns eine alte Stehlampe, die zwar nie funktionierte, aber trotzdem gewaltig zur Gemütlichkeit beitrug, und ein großes, in dunkles Holz gefasstes Gemälde, Ölpastellkreide oder so. Ein Fischerboot war darauf zu sehen, klein und einsam im offenen Meer inmitten von Wellen und Gischt. Ganz hinten am Horizont lag ein Berg, aus dem eine Rauchwolke in den Himmel aufstieg. Weil sich an den Fliesenwänden alle Nägel die Zähne ausbissen, stellten wir das Kunstwerk schließlich in die hellste Ecke, gegenüber dem Lichtloch aus Glasbausteinen, auf den Boden. Wenn wir nicht Musik probten oder in den Büchern blätterten, saß ich vor dem Bild und malte mir aus, wie es da wohl war, an diesem Ort, der wer weiß wo auf der Welt lag – wie es da roch, wie das Rauschen der Wellen klang und wie die Luft da schmeckte.

«Salzig», sagte Mattia. «Die Salzluft vom Meer.»

3

Die großen Ferien dieses Sommers kamen zäh auf ’ner unglaublichen Hitzewelle angeschwommen. Oder mehr so angedümpelt. Verlassen und staubig ächzten die Dorfstraßen unter der Nachmittagssonne, Hunde und Katzen lungerten im Schatten der Walnussbäume, und wer nicht eh im Urlaub war, machte ’nen weiten Bogen um die Arbeit, verkroch sich unter die Kastanien im Wirtshaushof, schüttete eine Radlermaß nach der andern in sich rein und rülpste ein mattes «Brossdamdisch!» in die Runde.

Alba, Mascha und die Rote Lissy lagen auf Liegestühlen unterm Apfelbaum, fächerten sich mit alten Zeitungen Luft zu und tauchten die Füße in Eimer mit kaltem Wasser. Nur der Musiklehrer, dem hat die Hitze scheint’s nichts ausgemacht. Der klampfte den ganzen Tag eifrig auf seiner Gitarre rum und gab dabei seltsame Laute von sich. «Sabb! Uabb? Schebberedäng!» Irgendwie so.

«Komponieren … harte Arbeit!», sagte er, als wir ihn fragten, ob bei ihm alles in Ordnung sei.

«Sonnenstich!», hat Mattia mir ins Ohr geflüstert, dann flüchteten wir aus der Einöde ins fliesenkühle Zwielicht unseres Wasserhäusles. Mattia packte die Gitarre aus und zupfte an den Saiten, ich schnippte mit den Fingern und äffte den Musiklehrer nach.

«Sabbel-di, uabb-uabb, weil ich enn Knall hab, und mir nix einfällt, sing ich e weng: Schebbere-Däng!»

«Fast schon ’n Blues», sagte Mattia. «Komm, noch ’ne Strophe!»

Als er gerade wieder die Anfangsakkorde anschlug, knallte es auf der Eisenplatte überm Einstiegsschacht. Zwei dumpfe Schläge, als wären Äpfel draufgefallen. Oder als würde da oben jemand rumlaufen. Mattia hat sofort aufgehört zu spielen, wir hielten die Luft an und lauschten. Grillenzirpen und der Wind in den Bäumen, sonst nichts. Leise stand ich auf und schlich unter den Schacht. Immer noch nichts. Ich wollte gerade achselzuckend zurück zu Mattia gehen, da wurde die Eisenplatte zur Seite geschoben. Sonnenlicht fiel herein, Sand rieselte mir vor die Füße. Ich sprang ein Stück von der Luke weg und schaute hoch ins Licht. Ein dunkelschwarzer Haarschopf schob sich über den Rand der Öffnung. Zwei blaue Augen folgten, dann guckte ein vor Hitze und Anstrengung knallrotes Gesicht triumphierend zu mir runter.

«Da geht ihr also immer hin!», hallte es durch den Raum.

Kampfbereit stemmte ich die Hände in die Hüften.

Mattia und ich hatten den heiligen Eid geschworen, niemandem jemals von unserem Versteck zu erzählen. Nicht Freund, nicht Feind und schon gar nicht der Familie, dreimal vor die Füße gespuckt, großes Ehrenwort. Immer wenn wir den Hügel hochliefen, drehten wir uns alle paar Meter um, um sicherzugehen, dass uns auch ja niemand folgte, und wenn wir das Wasserhäusle verließen, tarnten wir die Eisenluke sorgfältig mit Zweigen und Moos. Aber an diesem Nachmittag, im Stillstand der Sommerhitze, wo schon die kleinste Bewegung auffiel, hatte sich unbemerkt jemand an unsere Fersen geheftet, als wir den Feldweg hochmarschiert sind. Ausgerechnet einer der Jungs aus meiner Schulklasse.

«Verpiss dich, Maxi!», sagte ich.

Aber Maxi ließ sich davon nicht beeindrucken, der kam ganz selbstverständlich die Leiterstufen runtergeklettert und schaute sich neugierig um. Immerhin, er war allein. Aber es war nur ’ne Frage der Zeit, bis er zu Jockel rennen und ihm alles petzen würde. Und wenn Jockel mit seiner Bande hier anrückte, dann wäre ziemlich schnell Schluss mit unserem Wasserhäusle. Die würden kommen und alles kaputthauen, Mattia und mich rauswerfen und den Ort für sich in Beschlag nehmen.

Maxi und Jockel, die Zwillinge vom Umraths-Franz, dem Dorfwirt. So typische Zwillinge waren die beiden eigentlich gar nicht, von wegen zum Verwechseln ähnlich und so. Jockel war groß und stämmig, hatte die Haare millimeterkurz abrasiert und sein langgezogenes Gesicht wirkte so, als wäre es zu lang in ’nem Schraubstock eingequetscht gewesen. Seine Stimme war hoch und schrill, ein Manko, das er mit willkürlicher Brutalität auszugleichen versuchte, die alles und jeden treffen konnte und ihn zum weithin respektierten Anführer einer Bande von Jungs gemacht hatte, die seinen Schlägen durch blinde Gefolgschaft zu entgehen hofften.

Maxi dagegen war schmächtig und viel kleiner als Jockel. Sein rundliches Gesicht war blass und voller Sommersprossen, und er wirkte manchmal ein bissl neben der Spur, als käm er mit dem Kopf nicht so ganz hinterher. Wahrscheinlich wäre er genau wie ich ein Opfer von Hohn und Spott geworden, hätte er nicht unter dem Schutz seines gefürchteten Bruders gestanden, dem er ein ergebener Diener war.

Eigentlich hatten wir’s mit Maxi also ganz gut getroffen. Er war auf jeden Fall der Schwächere der beiden, und weil von Jockel weit und breit nichts zu sehen war, stand es zwei gegen einen, drum bin ich mutig einen Schritt auf Maxi zugegangen, hab mich seinem schnüffelnden Blick in den Weg gestellt, ihn am Kragen gepackt und ihm meine geballte Faust unter die Nase gehalten.

«Wennste … nur ein Wort … zu irgendwem …», hab ich angefangen, aber da war Mattia schon hinter mir, hielt meinen Arm fest und befreite Maxi aus meinem Klammergriff.

Maxi schaute dankbar zu ihm hoch: «Ich hab’m Samu ja a gar nix getan», sagte er.

«Und wenn’s dabei bleibt, dann tut dir hier auch keiner was», sagte Mattia, mehr so in meine Richtung.

«Hä? Klar, und zwar gehört der so verdroschen, dass er den Weg hier nauf kein zweits Mal findet!»

Mattia hat sich vor mich gestellt, die Augen zu schmalen Schlitzen verengt, sein Mund war eine einzige, verächtliche Linie.

«Wir beide gegen ihn, zwei gegen einen … Wie oft haste gesagt, wie feig des is, solang du der eine warst und die andern zu mehrt?»

«Ach Mattia … was weiß ich, des is doch jetz wurscht, weil wenn wir den jetz nich verhaun, dann verrät der doch alles …»

«Klar Samu, und jeder hat immer ’nen guten Grund, warum er sich grad wie’n Arschloch verhält.»

Mattia, der alte Klugscheißer. Weil er halt irgendwie natürlich wieder mal recht hatte, hab ich nur mit dem Fuß auf den Boden gestampft, mich weggedreht und die Wand angestarrt.

«Und, wie findstes hier?», fragte er den Eindringling hinter meinem Rücken.

«Na ja … fei scho … nid schlecht!», hörte ich Maxi sagen. «Und, die Gitarre da … die ghört dir, gell?»

«Magste mal drauf spieln?»

«Ach … des kann ich doch nid …»

«Magst es lernen?»

Blitzschnell hab ich mich umgedreht.

«Nee, oder? Willst dem jetz auch noch’s Gitarrespielen beibringen oder was? Die Gitarre von meiner Oma kriegt der nich, auf gar keinen Fall!»

«Dann geb ich ihm halt meine, Samu – wenn du’s lernen magst, Maxi.»

«Ich tät’s fei scho gern emal probiern …», murmelte Maxi und schaute zwischen Mattia und mir hin und her.

«Unter einer Bedingung», sagte Mattia. «Du darfst keinem was von unserm Proberaum erzählen.»

«Großes Ehrenwort!» Maxi strahlte übers ganze Gesicht. «Ich sach kemm was, und dem Jockel scho gar nid!»

Mattia verschränkte triumphierend die Arme vor der Brust und zwinkerte mir zu.

«Also gut», sagte ich. «Aber wenn des hier irgendwer von dir erfährt, biste fällig.»

Und drückte Maxi die Gitarre in die Hand.

«Los gehts!», rief er. «Mit was fang mer’n an?»

«Chuck Berry!», sagte Mattia und legte damit den Grundstein zu einer neuen Band.

Noch am selben Abend wühlten wir uns durch die Alteisenhaufen vor der Werkstatt des Schmieds und retteten rostige Ölfässer, löchrige Farbeimer und ein ganzes Sortiment an Kochtopfdeckeln in allen Größen vor einem ruhmlosen Ende auf dem Schrottplatz. Im Schutz der Sommernacht rollten wir alles den Hügel hoch und Mattia fing an, aus dem ganzen Gerümpel ein Schlagzeug zusammenzubasteln. Mich hat er nochmal losgeschickt, die Gunst der Stunde nutzen. Die Moustgöücher hatten an dem Abend ’nen Auftritt und der Musiklehrer zum Durchlüften alle Fenster in seiner Kellerwohnung offen stehen lassen. Also bin ich durchs Küchenfenster geschlüpft und hab mir drei Mundharmonikas von ihm ausgeliehen, ziemlich wahllos, aus der untersten Schublade. Maxi kam am nächsten Tag mit ’nem Rucksack voll Limo und Süßigkeiten wieder. Die hatte er seinem Vater aus dem Wirtshauskeller entführt. Dafür bekam er von Mattia die erste Lektion im Gitarrespielen. Ich saß so lange draußen in der Sonne und quälte die Mundharmonikas, eine nach der andern.

Dafür, dass er ein kompletter Anfänger war, stellte Maxi sich gar nicht so dumm an mit der Gitarre. Die Akkordgriffe, und vor allem deren Wechsel, die hat er ziemlich bald rausgehabt, viel schneller als ich. Nach gut einer Woche konnte er sogar schon ein paar Melodien zupfen. Für das, was wir vorhatten, für Chuck Berry und Rock ’n’ Roll, hätten zwar schon ein paar simple Akkorde gereicht, aber mit Maxi hatte Mattia einen Schüler gefunden, der weitaus mehr lernen wollte.

Weil weder Maxi noch ich bis dahin von diesem Chuck Berry gehört hatten, bekamen wir erstmal ein paar Theoriestunden. Mattia steckte nagelneue Batterien und ’ne Chuck-Berry-Kassette in seinen Walkman und drückte Maxi und mir je einen Ohrstöpsel in die Hand. Danach mussten wir uns wieder und wieder dieselben Lieder anhören, stundenlang, bis die Batterien leer waren. Vor allem ich war ganz schön gefordert, weil ich aus dem komplett unverständlichen Gesang einen Text raushören musste, der irgendwie nach Englisch klang, und den ich im Kopf behalten konnte. Dass Maxi dabei die ganze Zeit so dicht neben mir saß, hats mir nicht gerade leichter gemacht. Schulter an Schulter, Wange an Wange, seinen warmen Atem auf der Haut und dann noch seine Augen, hellblau wie der Sommerhimmel, das hat mich alles ziemlich aus dem Konzept gebracht, von Konzentration keine Spur. Also hat uns Mattia schließlich auseinandergesetzt und mich zu Einzelunterricht am Walkman verdonnert, «sonst wird das nie was hier».

Anfang September, der Herbst war schon zu spüren am trockenen Rascheln der Blätter im Wind, meinte Mattia, es wäre höchste Zeit für gemeinsame Proben. Er setzte sich auf die umgedrehte Weinkiste hinter seinem Topfdeckel-Blecheimer-Ölfässer-Schlagzeug, Maxi hängte sich die Gitarre um und ich stellte mich den beiden gegenüber, ’nen Blechtrichter in der einen und die Mundharmonika in der anderen Hand.

«Wonn – Tuss – Rii – Foa!», brüllte ich und Mattia trat zweimal mit dem Fuß gegen die Öltonne. Blechern hallten die Schläge zwischen den gefliesten Wänden wider, dann drosch Maxi wie wild in die Gitarrensaiten. Ich holte tief Luft und schrie durch den Trichter in den ganzen Radau: «Sellerie-Rock in bassd scho. Piss Börpi, ey! Die Pinne, Haartopf Texas. Schnauze friss, hobb ey! Pullover, änn Ruh is, oh daunono olliens … Olle Käs, wolle dääs wiss: Wie diddl Siggs Dien!»

An der Stelle hätte dann eigentlich Maxis Gitarrensolo kommen sollen, aber das fiel aus, weil ihm da schon mindestens zwei Saiten gerissen waren, die lose überm Griffbrett baumelten. Dank Mattias gewagtem Rhythmuswechsel bekamen wir den Übergang trotzdem hin.

«O-o-o Käroll, Donner wasdiehlma hart au, ey …»

Weiter kamen wir nicht, weil in dem Moment ein Backstein durchs Glasbausteinfenster geflogen kam. Statt Beifall prasselte ein Haufen Scherben auf uns ein. Als hätte jemand den Stecker gezogen, verstummten wir alle drei gleichzeitig und standen da wie erstarrt. Erst als ein zweiter Stein angesegelt kam, rührte ich mich, ließ den Trichter fallen und flüchtete hinter eine von Mattias Öltonnen, während Maxi zwischen mir und der Stehlampe Schutz suchte. Nur Mattia ging zum Gegenangriff über und kickte mit voller Wucht einen Kochtopf gegen die Wand, was aber außer ’nem Höllenradau nicht wirklich was gebracht hat. Ehe wir kapierten, dass die Attacke aufs Fenster nur ein Ablenkungsmanöver gewesen war, donnerten schon gewaltige Schläge auf die Einstiegsluke und echoten durch den ganzen Raum. Dann war Ruhe. Staubwolken schwebten friedlich durch die hereinfallenden Sonnenstrahlen.

«Servus da unne», rief eine schrille Stimme. «Ich tät saach, ihr habt jetz e Problem!»