Raumkrank - Tariq Nazar - E-Book

Raumkrank E-Book

Tariq Nazar

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Beschreibung

Verrückter Alltag in einem außerirdischen Krankenhaus. Als einer der ersten Menschen beginnt der Mediziner Nero seinen Dienst in einer intergalaktischen Weltraumklinik. Exotische Aliens, eigenwillige Technik und bürokratische Absurditäten gestalten die Arbeit jedoch um einiges fremdartiger und verwirrender als erwartet. Als dann auch noch ein kriegerischer Angriff die Klinik erschüttert, ist das Chaos perfekt. RAUMKRANK - ein etwas anderer "Arzt-Roman", der zumindest eines zeigt: Außerirdische sind auch nur "Menschen".

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Seitenzahl: 299

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Raumkrank

PrologPostprolog – GeschichtsstundeKapitel 1 – Ankunft im WunderlandKapitel 2 – ErstkontaktKapitel 3 – Schöner WohnenKapitel 4 – EinschulungKapitel 5 – Pizza-ServiceKapitel 6 – Mahlzeit!Kapitel 7 – Infos und IrrsinnKapitel 8 – An die Arbeit !Kapitel 9 – SsrrhurushKapitel 10 – VisiteKapitel 11 – NotfallKapitel 12 – NotaufnahmeKapitel 13 – FeierabendKapitel 14 – ZwischenspielKapitel 15 – In Teufels KücheKapitel 16 – ChefetageKapitel 17 – GeburtshilfeKapitel 18 – Gratuliere!Kapitel 19 – TrojaKapitel 20 – TriageKapitel 21 – AusnahmefehlerKapitel 22 – SchlachtfeldKapitel 23 – TriumphKapitel 24 – WiderstandsbewegungKapitel 25 – ShowdownKapitel 26 – Veni, vidi, warnix!EpilogImpressum

Prolog 

 „So ein Mist!“ Mojib Ramachandran, Klimatechniker des ostasiatischen Raumfahrtkombinats, war stinksauer. Er raste mit seinem elektrobetriebenen Radfahrzeug über staubig-steinigen Untergrund und hatte sich vor Wut beinahe verfahren. Das konnte schnell passieren, wenn man den Navigationsbildschirm nicht im Blick behielt, denn Straßen gab es hier keine. „Hier“ — das war die recht karge Oberfläche des Planeten HD73-0815-b, der seit knapp 30 Monaten Mojibs Heimat war. Allerdings war „Heimat“ nicht gerade das Wort, das er für diesen tristen Platz gewählt hätte. Hiroyuki Yamamoto, sein japanischer Schichtkollege, hatte den Planenten „Yugechiri“ getauft, was wohl soviel bedeutete wie „dampfender Staub“ — eine immer noch viel zu nette Beschreibung, wie Mojib fand. Auf seinen japanischen Kollegen war er ohnehin gerade schlecht zu sprechen. Hiroyuki hatte ihn beim Go-Spielen wieder einmal um Längen geschlagen, weshalb Mojib nun die „Ehre“ zuteil wurde, diese nervige Kontrollfahrt durchzuführen. Einer der Klimasensoren an der südlichen Hügelkette hatte vor etwa einer Stunde einen plötzlichen Temperaturanstieg um 30 Kelvin angezeigt — entweder eine Fehlfunktion, oder ein neuer Lavaaustritt, wie er in diesem Teil des Kontinents aufgrund der hohen tektonischen Aktivität häufiger vorkam. Der Vulkanismus segnete diese Region des sonst größtenteils unter Eis liegenden Planeten mit etwas wärmeren Temperaturen und spektakulären Geysiren. Deshalb gab es hier auch Leben — allerdings nur in Form einer Vielzahl von Moosen und Flechten, die jedoch genug Photosynthese betrieben, um die Atmosphäre mit etwas Sauerstoff anzureichern. Das Raumfahrtkombinat unterhielt hier eine Forschungsstation, die das Terraforming-Potential des Planeten untersuchen und Vorbereitungen für eine mögliche Besiedlung treffen sollte. Das Forscherteam hatte begonnen, die vorhandene Vegetation gentechnisch zu optimieren und einige Arten neu anzusiedeln, um die natürliche Sauerstoffproduktion zu erhöhen. Bisher sah es gut aus, allerdings würde es noch einige Jahrzehnte dauern, bis man ohne Sauerstoffmaske im Freien herumlaufen konnte. Bis dahin hatte man viel Zeit — zum Beispiel für Go.Dieses verdammte Spiel! Mojib hatte es erst nach seiner Ankunft hier gelernt, fühlte sich inzwischen aber durchaus mit Regeln und Taktik vertraut. Trotzdem gelang es ihm nur äußerst selten, einen der japanischen Kollegen zu schlagen - selbst wenn ihm einige Spielsteine Vorsprung gewährt wurden. Dies war der eigentliche Grund für seinen Ärger. Kontrollfahrten waren zwar auch nicht gerade angenehm, brachten aber wenigstens etwas Abwechslung in den sonst eher tristen Stationsalltag. Leider hatte er bisher keine Schachfiguren auftreiben, geschweige denn selbst bauen können — sonst hätte er diese schlitzäugigen Inselbewohner schon längst in ihre Schranken verwiesen! Mojib war jetzt etwa eine halbe Stunde unterwegs und das Ziel seiner Fahrt kam allmählich in Sichtweite. Die Hügelkette war zwar nicht besonders hoch, doch schränkten Staub und Dampf die Sichtweite erheblich ein. Kurz vor den ersten Hügelausläufern stoppte er und schaltete den Motor ab. Unter kurzem Zischen trennte er die Steckverbindung seiner Atemmaske von der Fahrzeugversorgung, verband den Schlauch mit der tragbaren Flasche an seinem Tragegurt an und stieg aus. Sofort schlug ihm spürbar warme Luft entgegen, was ein Indiz dafür war, dass der Klimasensor offenbar keine Fehlfunktion hatte. Trotzdem würde er das Gerät überprüfen müssen – so wollte es das Protokoll. Unter zunehmendem Schnaufen und Schwitzen stieg Mojib den Hang hinauf, bis ähnlich einem skurrilen Kunstwerk die Silhouette des Sensors auf der Hügelkuppe auftauchte. Bisher war kein unmittelbarer Hinweis auf einen nahen Magmaaustritt zu sehen. Die Skalenwerte, die sein mobiler Sensor auf das Schutzvisier der Atemmaske projizierte, zeigten für die hiesigen Verhältnisse atmosphärische Normalwerte — bis auf grenzwertig erhöhtes Kohlendioxid und die angestiegene Temperatur. Knapp 310 Kelvin — entsprechend ungefähr 35 Grad Celsius — waren schon erstaunlich warm. Kopfschüttelnd erreichte Mojib den äußerlich unversehrten Sensor und öffnete die Zugriffsklappe. Völlig vertieft in die elektronischen Innereien entging es zunächst seiner Aufmerksamkeit, dass er von einer Schar fremdartiger Gestalten umringt wurde, die plötzlich aus den Dampfschwaden auftauchten. Erst als ihm die leise schmatzenden Klicklaute auffielen, die offenkundig weder aus dem Sensorgehäuse, noch aus seinen eigenen Eingeweiden stammten, blickte er auf. Seine erste — wenn auch recht ungenaue — Assoziation verglich die um ihn herumstehenden Kreaturen mit überdimensionierten, von bunten Spaghetti umwickelten Küchenschaben. Mojib verharrte kurz erschrocken, doch dann siegte die Neugier über die Angst und er wagte es, sich langsam zu erheben. Die fremden Wesen waren etwa einen Meter groß, so dass er sie nun deutlich überragte. Dieser Umstand löste eine gewisse Änderung in der Gruppendynamik der Neuankömmlinge aus, die in der Folge sichtlich unruhiger und lauter klickend durcheinander wuselten. Da Mojib die Fremdlinge keinesfalls verängstigen wollte, hob er beschwichtigend die Arme. Mit dieser Geste erzielte er jedoch leider nicht den gewünschten Effekt, da die Wesen plötzlich laut quiekend und zischend kleine metallische Geräte emporrissen und diese auf ihn richteten. Diese überraschende Wendung der Ereignisse war schließlich geeignet, Mojibs Überraschung in blanke Panik umschlagen zu lassen. Als ihm dann auch noch aus allen Richtungen Lichtblitze entgegenschlugen, die seiner Überzeugung nach dem Mündungsfeuer fremdartiger Strahlenwaffen entsprechen mussten, tat Mojib das einzig Sinnvolle, was ihm in dieser Situation zu tun blieb: Er wurde ohnmächtig. Noch während er zusammensackte und sein Augenlicht sich langsam trübte, kreuzte der fast schon lächerliche Gedanke sein Bewusstsein, dass die blitzenden Geräte der fremden Wesen ihn irgendwie an Fotoapparate erinnerten.

Postprolog – Geschichtsstunde

 Dieser denkwürdige Augenblick am dreiundzwanzigsten Juni 2113 kennzeichnete den Erstkontakt eines Menschen mit einer außerirdischen Zivilisation. Nachdem Mojib Ramachandran wieder zu sich gekommen war und herausgefunden hatte, dass er noch lebte, kam es zu den ersten — erstaunlich erfolgreichen — Kommunikationsversuchen mit den Angehörigen einer nichtmenschlichen Rasse, die sich selbst KKhrrsqueeetch (oder so ähnlich) nannten. Bei den blitzenden Geräten handelte es sich übrigens tatsächlich um Bildaufzeichnungsgeräte, doch hierzu später mehr. Leider existieren keine genauen Aufzeichnungen über dieses erste „Gespräch“, so dass hierbei auf Ramachandrans eigenen offiziellen Bericht, sowie Aussagen seiner Kollegen zurückgegriffen werden musste, die ihr Wissen aus Lautäußerungen des am folgenden Abend stark alkoholisierten Klimatechnikers bezogen hatten. (Spätere Anfragen an die Botschaft der KKhrrsqueeetch ergaben, dass von deren Seite überhaupt keine weitere Dokumentation erfolgte, bis auf zahlreiche private Fotos und den Tagebucheintrag eines jungen KKhrrsqueeetch, der übersetzt soviel bedeutete, wie: „Mein Bild ist doof geworden, weil das komische Tier so gewackelt hat.“) Offenbar bestand das Hauptproblem zunächst darin, dass Mojib Ramachandran den Fremden klarmachen musste, dass er nicht der in Form eines Nagetiers reinkarnierte Geist einer KKhrrsqueeetchianischen Berühmtheit war (seine erhobenen Arme wurden von den KKhrrsqueeetch missverständlicher Weise für Ohren gehalten, was ihm plötzlich frappierende Ähnlichkeit mit einer dort heimischen Tierart verlieh). Die genannte Berühmtheit war der eigentliche Grund für die Anwesenheit der Kkhrrsqueeetch auf dem Planeten, der von den Menschen die langweilige Bezeichnung HD73-0815-b erhalten hatte. Die KKhrrsqueeetch selbst hatten dieser Welt einen für Menschen gänzlich unaussprechlichen Namen gegeben, der in seiner Übersetzung am ehesten als „Der kurze Dicke neben dem Grünen“ zu bezeichnen wäre. Dies erscheint für menschliche Verhältnisse allerdings immer noch nicht besonders sinnvoll — insbesondere in Anbetracht der Tatsache, dass in der Umgebung des Planeten keinerlei kosmische Objekte existieren, die auch nur annähernd grün sind. Doch zurück zu der „Berühmtheit“: Etwa 170 Erdenjahre zuvor hatte ein KKhrrsqueeetchianischer Forschungssatellit den Planeten überflogen und die Oberfläche fotografiert. Durch Lichteinfall, Schattenbildung und eine extrem schlechte Bildauflösung kam es dazu, dass eine bestimmte Hügelformation (auf der später der beschriebene Erstkontakt stattfand) auf den Fotos eine starke Ähnlichkeit zu den primären Geschlechtsorganen eines beliebten verstorbenen Schauspielers aufwies. Die Filme, die diesen Schauspieler berühmt gemacht hatten, als „pornographisch“ zu bezeichnen, wäre weder angemessen noch sinnvoll, da für die KKhrrsqueeetch die bildliche Darstellung des Sexualaktes keineswegs obszön oder anrüchig war, sondern vielmehr eine der kulturell am höchsten angesehenen Kunstformen darstellte. Auch als spätere Forschungsflüge zeigten, dass die Hügel bei genauerer Betrachtung nicht einmal entfernte Ähnlichkeit zu KKhrrsqueeetchianischen Genitalien aufwiesen, war der Kult um diesen Ort bereits so weit gereift, dass der Planet zu einem beliebten Ausflugsziel wurde. Tatsächlich hatte sich inzwischen der Aberglaube festgesetzt, dass der Besuch dieses Hügels Glück und Fruchtbarkeit bescheren sollte, wenn man sich dessen Staub während des zweiten Reifezyklus auf die Eiertaschen pinselte und dabei mit seinem Fruchtknoten... nun... ohne detaillierte Kenntnisse der KKhrrsqueeetchianischen Anatomie, Physiologie, sowie einer guten Portion soziokulturellen Hintergrundwissens sind die genauen Abläufe dieses Rituals kaum nachvollziehbar, weshalb an dieser Stelle nicht weiter darauf eingegangen werden soll. Es genügt sicherlich, zu wissen, dass diese Gruppe von Außerirdischen weder aus Forschern, noch aus Kriegern bestand, sondern einfach eine Schar angeheiterter Touristen war. Und ähnlich den menschlichen Gepflogenheiten reichte es auch den KKhrrsqueeetch nicht aus, eine Sehenswürdigkeit nur zu besuchen. Beinahe noch wichtiger war die entsprechende Fotodokumentation der eigenen Person in unmittelbarer Nähe des berühmten Ortes. (Wobei das Posieren hier üblicherweise sekundäre Geschlechtsorgane, eine Form von zeremoniellem Salzgebäck, sowie die bunt eingefärbten Gedärme domestizierter Nagetiere einschloss — doch lassen wir das...). Für die wissenschaftlich Interessierten sei hier noch erwähnt, dass der lokale Temperaturanstieg durch die Triebwerke des Raumschiffs hervorgerufen wurde, mit welchem die KKhrrsqueeetch angereist waren. Da dieser Planet nur ein Zwischenstopp auf einer galaktischen Rundreise war, hatte der Pilot einfach den Motor laufen lassen (Der Anlasser war schon etwas störanfällig und da der Reiseveranstalter lieber Geld in alkoholische Getränke als in die Wartung seiner Transportschiffe steckte, war dieses Vorgehen nicht unüblich). Es war schließlich nicht vorhersehbar, dass sich der sonst sehr kurze Aufenthalt durch Small-Talk mit einer unterentwickelten Spezies in die Länge ziehen würde. Tatsächlich dauerten diese Gespräche fast zehn Stunden, wonach durch Triebwerksabgase die lokale Temperatur dermaßen angestiegen war, dass die meisten der von den menschlichen Forschern angezüchteten Moosarten eingingen — aber dies war ein Verlust, den die Menschheit bereitwillig hinnahm (bis auf den Vorstandsvorsitzenden des ostasiatischen Raumfahrtkombinats, der aufgrund der finanziellen Verluste keinen zweiten Golfplatz auf seiner Luxusyacht bauen lassen konnte — ein Umstand, der ihn tatsächlich sehr viel mehr verärgerte, als es dem Durchschnittsmenschen plausibel erscheinen mag). Als Abschiedsgeschenk wurde Mojib Ramachandran von den KKhrrsqueeetch ein digitales Kommunikationsverzeichnis überlassen, also etwas in der Art eines intergalaktischen Telefonbuchs, mit dem man allerdings auch direkt „telefonieren“ konnte. Auf diese Weise gelang der Menschheit der Kontakt und schließlich auch die Aufnahme in die intergalaktische Völkergemeinschaft. Für Einzelheiten dieses Integrationsprozesses sei hier auf einschlägige historische Literatur verwiesen. Von Bedeutung ist an dieser Stelle nur der Umstand, dass ein Teil des Eingliederungsverfahrens vorsah, dass menschliche Ärzte und andere Wissenschaftler spezies-übergreifende Krankenanstalten besuchten, um so einen fachlichen Informationsaustausch zwischen den Kulturen zu ermöglichen. Dies ist der Punkt, an dem die eigentliche Geschichte ihren Anfang nehmen soll...

Kapitel 1 – Ankunft im Wunderland

 Nero Antimon traute seinen Augen nicht. Je weiter sich das kleine Raumschiff, in dem er saß,  der Station näherte, um so mehr erkannte er erst, wie riesig sie tatsächlich war. Zwar hatte Nero bereits als Bordarzt auf verschiedenen Handelsschiffen gedient und dabei fast alle der menschlichen Raumbasen und Werften gesehen, doch keine dieser Einrichtungen war auch nur annähernd so groß — wobei Größe bekanntermaßen etwas sehr relatives war. Insbesondere einzelne Objekte im freien Raum zählten zu den Dingen, deren Größeneinschätzung die recht beschränkte menschliche Wahrnehmungsfähigkeit regelmäßig an ihre Grenzen trieb. Allerdings erzeugten die zunehmend erkennbaren zahlreichen Raumfahrzeuge, die die Station gleich einem betrunkenen Bienenschwarm umschwirrten, inzwischen eine rechte genaue Vorstellung der räumlichen Verhältnisse — zumindest unter der mutigen Annahme, dass fremde Spezies ihre Schiffe nicht gerade in der Größe von Streichholzschachteln zu bauen pflegten. Das Ergebnis dieser Schätzung lieferte Nero unverändert die Information, dass die Raumstation gigantische Ausmaße haben musste. Umso unvorstellbarer erschien es ihm, dass die Einrichtung einzig und allein als Krankenhaus dienen sollte. Nero suchte vergeblich nach einem roten Kreuz, besann sich dann aber darauf, dass dies ein rein menschliches Symbol war und musste über seine eigene Naivität lächeln. Er war jedoch etwas verwundert, auch sonst keinerlei Hinweis auf die medizinische Funktion der Station ausmachen zu können. Wahrscheinlich war die Klinik einfach so bekannt, dass eine sichtbare Kennzeichnung nicht erforderlich war, denn wer erst einmal den Weg in dieses Sonnensystem gefunden hatte, wusste sicher auch, wo er hinwollte. Möglicherweise entsprach ja auch die äußere Form der Station bereits einem intergalaktischen Symbol für medizinische Hilfe, obwohl die Konstruktion eher strikt funktionell wirkte. Von weitem sah man zunächst nur die spindelförmige Form des Rumpfes, die am ehesten zwei an der Basis verbundenen Kegeln ähnelte, an deren beiden Spitzen die gewaltigen, runden Solarsegel leicht abgekippt ihre glitzernden Flächen dem orangen Zentralgestirn zuwandten. Nach einiger Zeit ließen sich jedoch weitere Details ausmachen, wie zum Beispiel, dass die beiden kegelförmigen Hälften des Stationskörpers in mehrere  einzelne Segmente unterteilt waren, die stufenartig aufeinandersaßen. Die Station drehte sich dabei langsam entlang der Längsachse, was zunächst nicht aufgefallen war, da die Sonnensegel keine erkennbare Bewegung zeigten. Nero hätte erwartet, mehr Lichter auf der Außenfläche des Rumpfes zu sehen, bis er sich überlegte, dass die Rotation zur Erzeugung einer künstlichen Schwerkraft dienen musste. Damit entsprach die gesamte Außenfläche dem Fußboden — und Fenster im Fußboden waren sicher nicht besonders praktisch. Die Fähre, in der Nero saß, flog auf den mittleren Teil der Station zu, wo sich als Verbindungsstück zwischen den beiden Kegeln ein gestreiftes Zylindersegment kleineren Umfanges befand. Je näher sie kamen, desto mehr andere Raumfahrzeuge gesellten sich zu ihnen. Nero bewunderte die vielgestalten Varianten, in denen die diversen Spezies ihre Raumschiffe konstruiert hatten. Die Palette reichte von einfachen geometrischen Formen bis zu gänzlich unförmigen Objekten, die mehr an mit Draht umwickelte Komposthaufen als an Raumschiffe erinnerten. Nero erschrak kurz, als sie ein Netz aus kanonenbewehrten Satelliten passierten, die wie aus dem nichts aufzutauchen schienen und die Station in einem kugelförmigen Orbit in alle Richtungen umgaben. Diese offene Zurschaustellung  militärischer Gewalt überraschte Nero etwas und passte nicht so recht zu seiner Grundvorstellung eines Krankenhauses. Bevor er diesem Gedanken jedoch weiter nachgehen konnte,  stoppte die Fähre plötzlich, als sich von den drei nächsten Satelliten wie Insektenschwärme kleine runde Objekte lösten und rasch näherten. Der Pilot der Fähre, der Neros Unruhe bemerkte, wandte sich zu ihm um. „Ist alles in Ordnung. Das sind nur die Lotsendrohnen. Die übernehmen den Anflug auf die Station. Uns Piloten wird ein sauberes Andocken hier offenbar nicht zugetraut.“ Nach einem verächtlichen Schnauben fügte er hinzu: „Wenigstens ist es auf diese Weise recht bequem.“ Mit dumpfem klonk-klonk, wie Regentropfen auf einem Blechdach, verankerten sich die kleinen Flugkörper auf dem Rumpf der Fähre und begannen, sanft zu ziehen. „Warum werden wir nicht einfach per Fernsteuerung über unseren Autopiloten hereingeholt?“, fragte Nero verwundert. Der Pilot verschränkte die Arme und atmete hörbar aus. „Ganz einfach: Die Computer und Steuerungssysteme der verschiedenen Rassen sind so unterschiedlich, dass eine direkte Fernsteuerung viel zu kompliziert wäre. Und das Risiko, alle manuell fliegen zu lassen, wäre natürlich bei so vielen Schiffen und möglichen Andockplätzen enorm. Da ist diese Lösung mit den Drohnen deutlich sicherer. Die werden alle über die zentrale Anflugkontrolle gesteuert und wenn mal eine defekt sein sollte, sind genug andere da, um einen Unfall zu vermeiden. Klappt offenbar recht gut.“ Nero hatte den Eindruck, dass der Pilot nicht ganz so glücklich mit seiner aktuellen Untätigkeit war, wie er vorgab. „Und wenn man einfach manuell weiterfliegt?“, fragte Nero weiter, etwas überrascht über seinen eigenen wagemutigen Gedanken. Der Pilot zuckte nur mit den Achseln. „Die Kanonen auf den Perimetersatelliten haben Sie ja sicher gesehen...“ Das sprach wohl für sich selbst. Offenbar hielten sich auch alle Ankömmlinge an diese Prozedur, denn Kanonenfeuer hatte Nero bisher nirgendwo sehen können. Ihr Raumschiff bewegte sich nun wieder schneller auf die Station zu, während die Drohnen allmählich beschleunigten. Die Satelliten schrumpften zu winzigen Punkten, die sie hinter sich zurückließen. Die Fähre hielt weiter auf den gestreiften Mittelzylinder zu, dessen Streifenmuster — wie man nun sah —  durch eine Unterteilung in weitere Ringe verschiedenen Umfangs zustande kam. Aus den Seiten der Ringe ragten wie kleine Parasiten unzählige Raumfahrzeuge hervor, die dort offenbar in Andockposition verankert waren. Einige größere Schiffe flogen direkt in breite beleuchtete Hangars, deren Öffnungen sich seitlich an jedem zweiten der Ringe auftaten. Neros Fähre steuerte allerdings auf keinen der Hangars zu, sondern befand sich im Anflug auf eine der zahlreichen außen gelegenen Andockschleusen. Während die Lotsendrohnen langsam die Bewegung der Fähre mit dem Andockring synchronsierten, fühlte Nero wie die Schwerkraft zunahm. Seine Beine wurden schwerer und er spürte, wie sein eigenes Körpergewicht ihn in den Sitz presste. Die letztlich resultierende Gewichtskraft entsprach noch längst nicht irdischen Verhältnissen, dennoch fühlte es sich nach längerer Zeit in Schwerelosigkeit so an, als würde sich ein Elefant auf ihn setzen. Mit einem sanften Stoß vollendete die Fähre das Andockmanöver. Nero hörte das Surren der Servomotoren, die den beweglichen Schleusengang herausfuhren, bis schließlich unter Dröhnen und Zischen der Druckausgleich erfolgte. Nero fragte sich, welche Art von atmosphärischem Gasgemisch wohl gerade in die Schleuse gepumpt wurde. „Brauchen wir Atemgeräte oder Druckanzüge?“, wandte er sich unsicher an den Piloten. Dieser schüttelte den Kopf. „Nein. Dieser Schleusenring ist für sauerstoffatmende Spezies eingerichtet. Luftdruck und Schwerkraft sind zwar etwas geringer als wir es gewohnt sind, ist aber unproblematisch.“ Erst jetzt wurde Nero allmählich bewußt, was ihm bevorstand: Er würde gleich eine Raumstation betreten, die nicht von Menschenhand gebaut wurde. Eine Station, die von unzähligen fremden Lebensformen bevölkert war, Lebensformen mit fremdartigen Körpern und noch fremdartigeren Krankheiten. Bei dem Gedanken daran wurde ihm schwindelig und sogar etwas übel — wobei dies natürlich auch Folge der Schwerkraft hätte sein können. Wie all diese Wesen wohl aussahen? Und wie sie wohl erst rochen? Es gab kaum einen Anblick, der Nero wirklich aus der Fassung brachte, nur bei Gerüchen war er sehr empfindlich. Er bildete sich gerne ein, dass dies einfach daran lag, dass er einen so feinen Geruchssinn hatte. Vielleicht war er aber auch einfach nur zu verwöhnt. Jetzt gab es ohnehin kein zurück mehr. Er würde sich diese einmalige Chance nicht durch den Ekel vor fremdartigen Ausdünstungen verderben lassen. Nach kurzer Zeit erhielten sie die Freigabe, von Bord gehen zu dürfen. Nero schulterte seinen Rucksack, den er als Handgepäck mitgenommen hatte, und stand auf. Wie von einer Sprungfeder angetrieben, hob er kurz ab, konnte aber gerade noch rechtzeitig einen Haltegriff erhaschen und damit seinen Sprung bremsen. Das war knapp! Um ein Haar hätte er sich an der Decke den Kopf gestoßen. Etwas ungewohnt. Neros Schätzung nach musste die Schwerkraft hier bei ungefähr 0,6 G liegen. Mit federnden Schritten begab er sich in Richtung Ausgangsschleuse, die Hände dabei nun stets an den Handläufen. Mit ihm waren noch fünf weitere Passagiere an Bord, darunter zwei weitere Ärzte, zwei Biologen und ein Psychologe. Sie alle warteten nun gespannt vor der Schleusentür. Bedauerlicherweise verfügte diese über keinerlei Fenster, so dass man nicht sehen konnte, was sich dahinter verbarg. Nach einigen schier endlosen Minuten öffnete sich endlich das irisartig geteilte Schott und gab den Blick frei auf... ...einen leeren Raum mit glatten, grauen Wänden, an dessen Ende sich ein weiteres Schott befand. Sehr spannend... Nero war enttäuscht. Er hatte gehofft, dass ihn hinter den fremden Toren sofort eine bunte, fremdartige Welt erwarten würde, die von drängendem Leben angefüllt war. Dieser kahle Raum war das strikte Gegenteil davon. Als die Gruppe den Raum betreten hatten, öffnete sich eine Klappe an der Decke und eine Art Bildschirm kam herausgefahren. Auf dem Boden leuchteten in der Mitte des Raumes plötzlich sieben gelbgrüne Kreise auf. Der Bildschirm zeigte nun das Bild einer humanoiden Lebensform. Nero war überrascht, wie menschlich die Gestalt aussah, bis ihm auffiel, dass die Gestalt ein Mensch war. Und zwar handelte es sich um das Abbild eines der anderen Passagiere — komplett mit Kleidung und Gepäck, so wie er gerade aus der Schleuse gekommen war. Vor dessen Füßen tauchte auf dem Fußboden ein leuchtender Punkt auf, der sich blinkend zu einem der Kreise bewegte. Als der Leuchtpunkt den Kreis berührte ertönte ein Brummton, der Kreis blinkte kurz etwas heller und das ganze begann von vorn. Staunend blickten die Passagiere auf den wandernden Leuchtpunkt am Boden, als sei es das spektakulärste, was sie je gesehen hatten. Hinter sich hörte Nero das genervte Schnaufen des Piloten, der ihnen inzwischen gefolgt war. „Meine Güte! Was meinen Sie wohl, was das bedeuten könnte?? Wollen Sie morgen noch hier stehen??“ Aufgeschreckt blickte sich der betroffene Biologe um und folgte dann zügig dem Leuchtpunkt zu dem für ihn bestimmten Kreis. Kopfschüttelnd ging nun der Pilot nach vorne, ein gemurmeltes „Wissenschaftler!“ von sich gebend. Einer nach dem anderen tat es ihm gleich, bis jeder in einem der Kreise stand. Dann geschah eine zeitlang gar nichts. So schien es zumindest. „Was passiert denn jetzt?“, fragte Nero ungeduldig. Der Pilot wirkte sichtlich ungehalten, antwortete aber dennoch: „Wir werden alle auf Kontamination oder sonstiges Gefahrenpotential untersucht und gegebenenfalls dekontaminiert.“ Nero blickte sich mehrfach um und lauschte. „Und wann geht das los?“ „Läuft doch schon!“, brummte der Pilot. „Nur weil Sie nichts hören, heißt das ja nicht zwingend, dass auch nichts passiert!“ „War ja nur 'ne Frage“, murmelte Nero, mehr zu sich selbst. Wieder vergingen einige lange Minuten. Wie aus heiterem Himmel verdunkelte sich plötzlich der Raum und unter dem Dröhnen einer Alarmsirene fuhren rot blinkende Signalleuchten aus der Decke. Der Kreis unter dem Psychologen begann, in einem hektischen rot zu blinken. Aus dem Boden schossen daraufhin dünne, spinnenartige Greifarme hervor, die anfingen, an den Taschen des Psychologen herumzuzupfen, bis sie plötzlich etwas zu Tage förderten, was aus Neros Entfernung aussah, wie ein angebissener Apfel. Dieser wurde schwungvoll in eine Ecke des Raumes geworfen, wo er zielsicher in einer Öffnung im Boden verschwand. Das Licht ging wieder an und der Raum umgab die verwunderte Gruppe mit gewohnter Stille. Merklich wütend fuhr der Pilot den Psychologen an: „Ich hatte Ihnen doch gesagt: keine unverpackten Lebensmittel!!“ Mit beschämtem Lächeln hob der Psychologe die Achseln und blickte entschuldigend in die Runde. „Ich kann diese abgepackte Synthetiknahrung nicht leiden und der Flug war lang...“ Mit brummenden Lautäußerungen oder schweigenden Blicken rügten die Mitreisenden den Dissidenten. Wobei Nero dessen Bedürfnis nach kulinarischer Abwechslung durchaus verstehen konnte. Die erfolgte „Dekontaminations-Prozedur“ erschien ihm in dieser Hinsicht schon etwas übertrieben. Nach einer weiteren kurzen Phase des Wartens änderten die Kreise am Boden ihre Farbe in ein freundliches Blau und hinter jedem Passagier tauchte einer der mechanischen Greifarme aus dem Boden auf. Ängstlich blickten sich die Betroffenen um, bis der Pilot mit fester Stimme sagte: „Einfach ruhig stehen bleiben und nach vorne sehen. Das wird nicht wehtun.“ „WAS wird nicht wehtun??“, entfuhr es Nero, etwas schriller und panischer im Tonfall, als er beabsichtigt hatte. Er fühlte eine leichte Berührung in seinem Nacken, die allerdings sofort in ein angenehmes Wärmegefühl umschlug. Nero entspannte sich etwas und nach einem kurzen, leisen Zischen verschwanden die Instrumentenarme wieder im Boden. „Jeder, der neu an Bord kommt, bekommt zur Begrüßung erstmal 'n PILS, einen persönlichen Identifikations- und Lokalisierungs-Sender“, erläuterte der Pilot. „Das ist quasi Ihre Entrittskarte für das Krankenhaus und alle Bereiche, in denen Sie sich aufhalten dürfen. Außerdem kann man Krediteinheiten für die Kantine draufladen.“ Instinktiv griff sich Nero in den Nacken, konnte aber außer Haut und Haaren nichts besonderes fühlen. „Wo genau befindet sich der Sender jetzt?“, kam ihm einer der ärztlichen Kollegen mit seiner Frage zuvor. „Sie sind der Arzt — so genau weiß ich das nicht. Irgendwo zwischen den Nackenmuskeln und dem Schädel. Die Scanner suchen sich wohl bei jeder Spezies je nach den anatomischen Gegebenheiten einen geeigneten Ort aus. Geeignet heißt in diesem Fall wohl, in einem Bereich des Körpers, den man nicht so ohne weiteres durch eine Verletzung einbüßen kann — zumindest nicht, ohne dabei gleich das Zeitliche zu segnen. Außerdem will man wohl verhindern, dass Körperteile gezielt abgetrennt werden, um mit den Sendern irgendwelchen Missbrauch zu betreiben.“ Diese Ausführungen erschienen Nero recht makaber, wobei er sich fragte, ob dieses Vorgehen aufgrund rein theoretischer Erwägungen zur Anwendung kam, oder aufgrund praktischer Erfahrungen. „Aber woher weiß denn der Sender, wer wir eigentlich sind?“, fragte der Psychologe in den Raum hinein. „Müssen wir uns denn vorher gar nicht identifizieren?“ Ein leicht angespanntes Schnaufen des Piloten deutete an, dass dieser seine primäre Bestimmung nicht unbedingt darin sah, sich als wandelnde Informationsbörse zu betätigen. Da jedoch alle übrigen Anwesenden unwissende Neulinge waren, erbarmte er sich: „Da nach der erfolgten Sicherheitsüberprüfung keiner von Ihnen als Gefahr oder als kranker Patient eingestuft wurde, haben Sie vorerst eine Besucherfreigabe für alle öffentlichen Bereiche. Die nächsthöheren Freigabestufen erhalten Sie später jeweils durch autorisiertes Personal, das sich dann eingehender damit beschäftigen wird, ob Sie wirklich diejenigen sind, die Sie vorgeben, zu sein.“ Diese Antwort schien vorerst die Neugier aller Anwesenden zu befriedigen, da — zur sichtlichen Erleichterung des Piloten — keine weiteren Nachfragen folgten. Als Nero kaum noch darauf zu hoffen wagte, teilte sich endlich das Schott vor ihnen und der Zugang zum Ankunftsbereich der zwölften intergalaktischen Weltraumklinik stand ihnen offen. Nero Antimon gab sich einen kurzen inneren Ruck und betrat mit leicht federnden Schritten seinen neuen Arbeitsplatz.

Kapitel 2 – Erstkontakt 

 Zu Neros großem Bedauern wirkte der Ankunftsbereich nicht gerade aufregend und alles andere als „neu“. Nach dem Durchschreiten der Schleuse stand er nun in einem recht hohen und hellen Korridor, der sich nach links und rechts schier endlos zu erstrecken schien. In der Ferne war erkennbar, wie sich Decke und Boden allmählich nach oben krümmten, was die Ringform der Station erahnen ließ. Boden und Wände waren zwar sauber, allerdings waren Spuren einer regelmäßigen Benutzung unübersehbar. Überall zeigten sich Kratzer, Beulen und Reste von Flecken verschiedenartiger undefinierbarer Substanzen. Einige Wandbereiche waren mit Farbschmierereien bedeckt, deren Ursprung jedoch nicht immer klar zu deuten war. Während einige Strichmuster an Schriftzeichen erinnerten, gab es auch Areale, die zwar nach koordinierten Farbkleksen aussahen, allerdings auch einfach exotischen Exkrementen entsprechen mochten. Bei genauerer Beobachtung erkannte Nero mehrere flache Geräte, die sich an allen Flächen langsam entlang bewegten und offenbar eine Art von Reinigungsrobotern darstellten. Echte Außerirdische waren in ihrer unmittelbaren Umgebung jedoch nicht zu sehen. In einiger Entfernung konnte Nero die Silhouetten einzelner Lebensformen erahnen, die teilweise humanoid wirkten, mitunter aber auch gänzlich fremd aussahen. (Hierbei mag erschwerend hinzukommen, dass es für das unbedarfte menschliche Auge nicht immer einfach ist, nichtmenschliche Reisende von deren Gepäck oder mitgebrachten Snacks zu unterscheiden  — ein Umstand der zu diesem Zeitpunkt von Nero allerdings noch nicht einmal ansatzweise bedacht wurde). Aufgrund der Entfernung waren jedoch keine Details zu erkennen, was Nero wiederum sehr unerfreulich fand. Er war so sehr mit dem Blick zu den Seiten beschäftigt, dass er beinahe übersehen hätte, wie von vorne eine Gestalt auf ihre Gruppe zusteuerte. Zu Neros Bedauern handelte es sich dabei allerdings um keine fremde Lebensform, sondern um einen hageren Mann mittleren Alters in einem langweiligen Geschäftsanzug. Noch ehe er die Gruppe erreichte, fing dieser bereits an, unter ausladenden Gesten und mit übertriebener Lautstärke zu reden. „Herzlich willkommen, meine sehr verehrten Damen und ...“, begann er, hielt jedoch kurz inne, als seinem unruhigen Blick auffiel, dass die Gruppe nur aus männlichen Vertretern bestand. „Nun, äh, meine sehr verehrten Herren! Mein Name ist Laurentius Van der Mark, offizieller Botschafter der Behörde für extraterrestrische Beziehungen! Es ist mir eine große Freude, Sie hier an Bord der zwölften intergalaktischen Weltraumklinik begrüßen zu dürfen!“ Es war erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit und Selbstherrlichkeit der Mann seinen Titel gebrauchte, bedachte man, dass die sogenannte „Behörde für extraterrestrische Beziehungen“ erst vor einigen Monaten gegründet wurde. Da nur ganze Völker und keine Einzelstaaten der intergalaktischen Völkergemeinschaft beitreten konnten, hatte man aus der Not heraus diese Behörde als offizielle Vertretung der menschlichen Rasse ins Leben gerufen. Denn ein echter Zusammenschluss in Form einer gemeinsamen Regierung war den unterschiedlichen irdischen Staatenbünden nicht einmal ansatzweise gelungen. Man hatte sich jedoch darauf verständigen können, je nach der Einwohnerzahl Abgesandte aus allen Regionen zu schicken, wobei für die Verhandlung über die genaue Anzahl dieser Abgesandten auch von Bedeutung war, ob die betroffenen Staaten sich an Raumfahrtprogrammen beteiligten. Natürlich spielten auch finanzielle und militärische Mittel eine nicht unwesentliche Rolle, was jedoch von den meisten Staatsoberhäuptern gerne unerwähnt blieb. Die so gegründete „Behörde“ besaß hierbei keinerlei Regierungsgewalt, sondern sollte allein dem Wissenserwerb und Kulturaustausch dienen. Sehr zum Unmut einiger größerer Staatenbünde musste man übereinkommen, alle neuen Informationen und insbesondere technisches Wissen allen Menschen frei zugänglich zu machen, was vorallem den Geheimdiensten und Militärs schlaflose Nächte bereitete. Da die Alternative jedoch gewesen wäre, überhaupt keinen Kontakt zu anderen Zivilisationen aufnehmen zu können — und damit gar kein neues Wissen zu erlangen — hatten schließlich alle Regierungen, teils zähneknirschend, eingewilligt. Eine echte Organisationsstruktur innerhalb dieser sehr provisorischen Behörde gab es bislang nicht. Jeder Abgesandte versuchte einfach überall dort „mitzumischen“, wo es vermeintlich etwas Spannendes zu erfahren gab. Da dies im Augenblick praktisch in allen nichtmenschlichen Einrichtungen der Fall war (wovon mehr als genug existierten), gab es auch wenig „Revierstreitereien“. In dieser Frühphase der Eingliederung war man allerdings im Regelfall auf die Einladung eines anderen Volkes angewiesen, das der Menschheit einen diplomatischen Posten anbot. Da sich die meisten Rassen von einer neuen Spezies auch neue Handelsmöglichkeiten erhofften, geschah dies jedoch recht oft. War erst einmal ein offizieller Botschafter auf einem Planeten oder einer Raumstation eingesetzt, durften Schiffe aller menschlichen Raumfahrtvereinigungen den Ort anfliegen — eine Lösung die bisher erstaunlich vorfallsfrei funktionierte. Nichtmenschliche Botschafter auf menschlichen Stationen gab es bislang noch nicht — allerdings gab es Gerüchten zufolge erste Anfragen (Nicht alle dieser „Anfragen“ waren gleichermaßen attraktiv. Beispielsweise hatte sich recht früh die Regierung der Shmampfh erkundigt, ob die Menschheit zum Aufbau guter Beziehungen einen Teil der Bevölkerung als Lebendfutter zur Verfügung stellen würde — was jedoch mit höflicher Bestimmtheit abgelehnt wurde). Einen Sonderfall stellten speziesübergreifend betriebene Einrichtungen, wie Versorgungsstationen, Verkehrsknotenpunkte oder eben Hospitäler dar, die auch ohne einen aktiven Botschafterposten von allen Völkern angeflogen werden durften. Dieser Umstand raubte der tatsächlichen „offiziellen Funktion“ des Herrn Van der Mark jegliche ernstzunehmende Grundlage, was ihn selbst jedoch wenig zu stören schien. In gleicher überschwänglicher Manier fuhr er fort: "Ich hoffe, dass Sie Ihren Flug gut überstanden haben und darf  Sie — wenn Sie erlauben — mit einigen Informationen über die örtlichen Gegebenheiten beehren, während ich Sie zu Ihren Unterkünften geleite.“ Nach der eher widerwilligen Auskunftsbereitschaft des Transportpiloten war die Aussicht auf wissenswerte Dinge jeder Art schon recht erfreulich. Nero war sich aufgrund des Auftretens des Botschafters allerdings nicht sicher, ob dieser sie wirklich mit nützlichen Informationen versorgen würde. Wahrscheinlich versuchte der Diplomat bloß, die Gruppe von Wissenschaftlern an sich zu binden, um möglichst hautnah alles mitzubekommen, was sie während ihres Aufenthaltes in Erfahrung brachten. „Ich habe bereits mit der Stationsverwaltung alle notwendigen Formalitäten abgewickelt und dafür gesorgt, dass Ihr weiteres Reisegepäck zu Ihren Quartieren gebracht wird. Wenn Sie keine Einwände haben, können Sie den Rest des heutigen Tages dafür nutzen, sich etwas einzugewöhnen und auszuruhen. Mit der Tätigkeitseinweisung und der eigentlichen Arbeit sollten wir dann erst morgen früh beginnen.“Sehr freundlich..., dachte Nero etwas misstrauisch. „Ich darf Sie dann bitten, mir zu folgen!“ Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte der Botschafter sich um und ging zügigen Schrittes auf eine metallische Doppeltür an der gegenüberliegenden Wand zu — etwas zu zügigen Schrittes für die hiesigen Schwerkraftverhältnisse, wie Nero fand. Da es sich bei dem Botschafter um einen normal gebauten Menschen handelte, hätte es ihm eigentlich gar nicht möglich sein dürfen, sich so kurz und kräftig abzustoßen — zumindest nicht ohne dabei etwas vom Boden abzuheben oder — wie sie alle — einfach gezwungener Maßen langsamer zu gehen. Nero nahm sich vor, diese Absonderlichkeit im Hinterkopf zu behalten und bei Bedarf weiter zu überprüfen. Als sich Botschafter Van der Mark der Tür bis auf einige Schritte genähert hatte, begann darüber eine orange Lampe von einem Piepton begleitet zu blinken. Einige Sekunden später ertönte ein heller Gong und die Türen glitten beiseite. Hinter sich gaben die Türen den Blick auf das Innere einer leeren Kabine frei, die offenbar zu einer Art Fahrstuhl gehörte. Dem Botschafter folgend, betrat die Reisegruppe die Kabine, deren Wände mit Haltegriffen in verschiedener Größe und Montagehöhe versehen waren. Die Deckenhöhe betrug dabei etwa vier Meter, was etwas ungewohnt war, aber wenigstens kein Gefühl der Beengtheit hervorrief. Botschafter Van der Mark ging auf die rückwärtige Wand zu, die mit einem glänzend schwarzen Material verkleidet war, und berührte sie mit einer Handfläche. Daraufhin erschien um seine Hand herum eine leuchtende Grafik, die wie eine grobe Schemazeichnung der Raumstation aussah. Die Darstellung bestand aus einer seitlichen sowie einer kreisrunden frontalen Abbildung der Station und war in Abschnitte verschiedener Farben unterteilt. In der kreisrunden Ansicht waren dabei zahlreiche konzentrische Ringe in einem  regenbogenartigen Farbverlauf angeordnet, der von einem tiefen Violett des äußersten Ringes zu einem satten Rot im Zentrum reichte. Irgendwo dazwischen in einem orangegefärbten Ring blinkte bei etwa 4 Uhr ein weißer Punkt mit schwarzer Umrandung, der offenbar ihre aktuelle Position darstellte. In der Seitansicht, die an eine Hantel mit kurzem Griffstück erinnerte, waren ebenfalls verschiedene Farben erkennbar. Das mittlere „Griffstück“ war hellorange gefärbt und weiter in mehrere rechteckige Abschnitte unterteilt. Hier blinkte der weiße Positionspunkt im mittleren von sieben Segmenten. Die zu beiden Seiten unmittelbar daran anschließenden Stationsteile waren dann zunächst violett, woran sich jeweils in etwas größeren „Farbsprüngen“ kleinere Segmente anschlossen, die dann über grün und gelb schließlich ebenfalls bei einer Rotfärbung an den äußeren kleinsten Segmenten endeten. Über den Sektionen der seitlichen Ansicht waren geometrische Symbole zu erkennen, die offenbar ein weiteres Ordnungsmerkmal darstellten. Die Mittelsegmente waren mit einer orangen kreisrunden Form gekennzeichnet, während rechts davon alle Segmente mit einem Dreieck in der jeweiligen Farbe versehen waren und alle links gelegenen Abschnitte mit einem Quadrat. Nero überlegte sich, dass dies wahrscheinlich zur besseren Orientierung dienen sollte. Denn die Station war schließlich symmetrisch konstruiert und es gab weder ein absolutes rechts noch links. Laurentius Van der Mark tippte kurz ein mit einem Dreieck versehenes türkises Segment an, woraufhin dieses ein wenig heller erstrahlte. In der frontalen Ringansicht wählte er dann einen gelben Ring an, der von ihrer jetzigen Position aus zwei Segmente weiter außen lag. Der berührte Ring leuchtete daraufhin ebenfalls etwas heller auf und Nero erkannte, dass der Ring in etwa zwei Dutzend weitere Felder unterteilt war. In diesen Feldern erschienen nun Symbole aus Punkten und Strichen, die offenbar Schriftzeichen entsprachen. Van der Mark tippte ein Ringsegment bei ca. 11 Uhr an, worauf sich der Fahrstuhl schließlich in Bewegung setzte. Zunächst fuhr der Fahrstuhl aufwärts, was Nero etwas verwirrte, da ihr geplantes Ziel weiter außen lag — was aus seiner Sicht einer Fahrt nach unten hätte entsprechen sollen. Als hätte er Neros Gedanken lesen können, begann der Botschafter einen neuen Vortrag: "Wir befinden uns gerade in einer von hunderten frei beweglicher Transportkabinen, die eine sehr bequeme Fortbewegung innerhalb der Station ermöglichen. Sie funktionieren hierbei sowohl wie ein üblicher Fahrstuhl zwischen den einzelnen Etagen eines Ringsegments, können aber ebenso unterschiedliche Bereiche auf einer Ringetage verbinden, was gerade bei den Segmenten größeren Umfanges sehr zeitsparend ist. Zum Erreichen eines anderen Ringsegmentes nutzen alle Kabinen den zentral gelegenen Achsenbereich, der quasi die „Hauptverkehrsstraße“ darstellt. Zu Fuß kann man über Rampen und Transportbänder allerdings auch so in jeden Abschnitt der Station gelangen. Manchmal ist dies sogar der schnellere Weg, wenn man sich zum Beispiel im äußeren Bereich befindet und eine angrenzende Sektion erreichen möchte.“ Die Transportkabine stoppte etwas unerwartet, nachdem sie kurze Zeit aufwärts gefahren waren. Der Positionspunkt blinkte nun in der roten Mitte der Kreisdarstellung und die Schwerkraft war soweit zurückgegangen, dass Nero sich an den Haltegriffen festhalten musste, um nicht abzuheben. Der einzige, dem die Schwerkraftänderung nichts anzuhaben schien, war Laurentius Van der Mark. Nach wenigen Sekunden setzte sich die Kabine wieder in Bewegung, was sich am ehesten nach „vorwärts“ anfühlte. Der Botschafter sprach weiter: „Auf den axialen Transportwegen kommt es häufiger zu kurzen Wartezeiten. Das automatische Steuerungssystem sorgt aber dafür, dass stets der schnellste und effezienteste Weg gewählt wird, wobei sowohl das aktuelle Verkehrsaufkommen, als auch eventuelle Ausfälle und Wartungsarbeiten berücksichtigt werden. Für den Transport von Patienten und eiligem Material existieren noch separate Notfallwege, die nur nach entsprechender Autorisation genutzt werden können. Nun noch einiges zum generellen Aufbau der Station: Es existieren verschiedene Schwerkraftbereiche, die mit unterschiedlichen Farben gekennzeichnet sind. Hierbei kennzeichnet Rot niedrige Schwerkraft bis zur Schwerelosigkeit und violett den hier an Bord höchsten Schwerkraftbereich, der etwa dem dreieinhalbfachen der irdischen Verhältnisse entspricht. Die meisten Bereiche der Station besitzen eine sauerstoffhaltige Atmosphäre mit für uns gut verträglichen Druckverhältnissen. Es existieren dann noch verschiedenste atmosphärische Umgebungen für einige Exoten, sowie eine separate wassergefüllte Sektion für aquatische Spezies. Wenn Sie die Transportkabinen benutzen, wird automatisch überprüft, ob die Umweltbedingungen zwischen Start- und Zielort kompatibel sind und erst dann der Transport freigegeben. Andere Atmosphärenbereiche können nur angesteuert werden, wenn alle Passagiere passende Ausrüstung, also Atemmasken oder teilweise sogar Raumanzüge, tragen. Auf den Steuerungsdisplays können Sie leider nicht ohne weiteres die Umweltbedingungen ablesen, weil die Bereiche je nach Bedarf kurzfristig umgestaltet werden können. Im Regelfall wissen Sie aber, wo Sie hinwollen und dass Sie versehentlich eine für Sie lebensfeindliche Umgebung ansteuern, wird wie gesagt automatisch verhindert.“ Nero wunderte sich, wie der Botschafter es schaffte, so ausgedehnt und ohne Pause zu reden. Vielleicht würde er es schaffen, den Redefluss durch eine unangenehme Frage zu unterbrechen: „Wieso haben Sie mit den Schwerkraftänderungen so wenig Probleme? Sind Sie wirklich ein Mensch??“ Im gleichen Moment, in dem Nero die Frage ausgesprochen hatte, stellte er fest, dass sie nicht so intelligent und gerissen klang, wie erhofft. Es folgte eine kurze Pause betretenen Schweigens. Dies genügte jedoch offenbar nicht, um das selbstgefällige Grinsen aus dem Gesicht des Botschafters zu vertreiben. „Oh, ich hoffe, dass ich ein Mensch bin! Ich genieße lediglich die Annehmlichkeiten außerirdischer Technologie!“ Mit diesen Worten öffnete er sein Jacket, worunter etwas zum Vorschein kam, was wie eine Mischung aus Hosenträgern und Rucksack aussah. „Dieses schöne Stück ist ein Magnetgurt. Ich weiß nicht genau, aus welchem Material er gefertigt ist, aber für reines Metall ist er zu leicht. Ich schätze, dass irgendeine Form von supraleitender Keramik dort eingearbeitet ist. Jedenfalls befinden sich überall in Decke und Boden der Station intelligent gesteuerte Magnetfeldemitter, die in Abstimmung mit dem Gurt und meinen biometrischen Daten ein mobiles Stabilisationsfeld erzeugen, das in jeder Umgebung die Gewichtskraft meines Körpers konstant hält. Natürlich verhindert das nicht, dass Kopf und Arme bei dreifacher Fallbeschleunigung ziemlich schwer werden, aber die Fortbewegung wird dadurch trotzdem deutlich leichter. Außerdem beugt man damit Muskelabbau und Gelenkproblemen vor — wirklich sehr angenehm. Wenn Sie es wünschen, können Sie alle auch solche Gurte erhalten — was ich Ihnen später sowieso angeboten hätte. Sie haben das große Glück, dass im Augenblick die Beschaffung, sowie die Betriebs- und Wartungskosten für den gesamten Aufenthalt von der westeuropäischen Raumfahrtgesellschaft getragen werden. Wir müssten dafür nur einige unwesentliche nachrichtentechnische Formalitäten klären. Die Vertragsunterlagen kann ich Ihnen gerne morgen zukommen lassen.“ Irgendwie hatte Nero das ungute Gefühl, dass die genannten „Formalitäten“ alles andere als unwesentlich sein würden, aber dieser Gurt wirkte schon sehr praktisch. Er würde ersteinmal abwarten, was genau dieser „Vertrag“ beinhaltete und sich später entscheiden. Die Transportkabine hatte inzwischen den zentralen Achsenbereich verlassen und begonnen, wieder abwärts zu fahren, was Nero sowohl anhand des Displays als auch aufgrund der spürbaren Schwerkraftzunahme feststellen konnte.