Raupenfell - Tamara Štajner - E-Book

Raupenfell E-Book

Tamara Štajner

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Beschreibung

Georgiana Duchamp, Dobrinka Ljubić und Beatriz Lazar kommen aus verschiedenen Ecken Europas. Ihr gemeinsamer Nenner ist Wien. Dort kreuzen sich ihre Wege, als alle drei in einer gerade äußerst turbulenten Lebensphase vor existenziellen Entscheidungen stehen. Die Traumata der drei Protagonistinnen in Tamara Štajners Debütroman werden auf heitere Art und Weise zelebriert: Nachdem ihre Mutter mit dem griechischen Sternekoch Vitalis Mylonas durchgebrannt ist und ihr Vater sich in eine Psychiatrie einliefern lässt, flüchtet die Rumänin Georgiana nach Wien. Jetzt ist sie Cellistin bei den Wiener Philharmonikern, sucht ihr Glück aber in Porto. Dobrinkas Eltern schicken ihre Tochter von der behüteten kroatischen Insel Lošinj zur Korrektur ihrer in der Kindheit gebrochenen Nase in die Donaumetropole. Seither hat sie den Wunsch, sich zur medizinischen Kosmetikerin ausbilden zu lassen und einen Schönheitssalon zu betreiben. Als die junge Beatriz zuschauen muss, wie ihre Mutter in einer kleinen Küche im slowenischen Novo mesto vor dampfender Pasta tot umfällt und ihr Vater sich schon längst aus dem Staub gemacht hat, beschließt sie, ein Leben als Pianistin in Wien aufzubauen. Sie landet im Kloster der Salesianerinnen, allerdings läuft auch das nicht ganz nach Plan. Wem gehört ein Körper, der um viele Herkünfte weiß? Wien, Porto, Ljubljana und zwei Inseln an der ehemals jugoslawischen Adriaküste geben die Kulisse für diesen europäischen Roman, der außergewöhnliche Antworten findet auf das, was es bedeutet, sowohl Leben zu geben als auch selbst lebendig zu sein. Auf zarte und radikale Weise zugleich werden Fragen nach Autonomie, Zugehörigkeit, Mutterschaft, Hingabe und Verlust erkundet.

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Seitenzahl: 342

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Die Arbeit an diesem Roman wurde von der Stadt Wien Kultur unterstützt.

© 2023 Verlag Das Wunderhorn GmbH

Rohrbacher Straße 18, D-69115 Heidelberg

www.wunderhorn.de

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werks darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert werden oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Gestaltung & Satz: philotypen/Dortmund

ISBN 978-3-88423-702-1

Raupenfell

ROMAN

TAMARA ŠTAJNER

Für Poppy

TEIL EINS

Und nur das eigene Leben zu haben, ist für den,

der das Ei bereits gesehen hat, ein Opfer.

Clarice Lispector, Die Henne und das Ei

DOBRINKA

1

Dobrinka hebt den Sekt von der Konsole und führt den grünen Bauch der Flasche ganz nah an ihr Gesicht heran – zwei Finger breit schwappt noch Flüssigkeit darin. „Nichts verschwenden von diesem edlen Tröpfchen, kein einziges Schlückchen“, sagt sie im leeren Salon zu sich. Sie hat mit der letzten Kundin einen Feierabendaperitif zu sich genommen. „Neeeee, hab mein Leben schon genug verschwendet!“ Sie kippt den Rest ins Sektglas, dabei fühlt sie eine vage Freiheit: Ich muss es ihm nur noch sagen, überlegt sie, dann ist alles vorbei. Heute will er mit ihr ausgehen, um sich einzuschmeicheln. Es hat wieder mal gekracht. Ist doch Bullshit, denkt sie sich, ich mach den Scheiß nicht mehr mit. Im Spiegel prostet sie sich selbst zu: „Also dann – Živjeli! Aufs Ende!“ Sie leert das Glas in einem Zug. Danach räumt sie den Minigeschirrspüler ein, sammelt ihre Sachen zusammen und sperrt den Beautysalon hinter sich ab.

Sie ist spät dran. Am Stephansplatz überlegt sie kurz, die U-Bahn zu nehmen, beschließt dann aber, zu Fuß zu gehen. An den Fiakern vorbei läuft sie die Rotenturmstraße hinunter zum Schwedenplatz. Menschen eilen in alle Richtungen, verwirrte Touristen suchen ihren Weg ins Griechenbeisl, gekrümmt huschen drei Franziskanerinnen zur Abendmesse im Dom. Sie manövriert sich durch dieses Gewühl, überquert die Straßenbahnschienen und betritt die geschäftige Schwedenbrücke. Entlang des Donaukanals stauen sich unterhalb der Brücke Menschentrauben vor den Lokalen. Die Nachmittagshitze ist abgeklungen. Noch zehn Tage bis zur Sonnenwende.

Mitten auf der Brücke bleibt sie stehen und beobachtet die zittrigen Spiegelungen der umstehenden Dachgiebel in der Donau. Auf dem Deck vom Motto am Fluss schlürft ein Pärchen Cocktails. Die Frau lehnt im eleganten Sommerkleid am Geländer, fährt sich mit der Hand durchs Haar und neigt ihren Kopf zur Seite, um sich von ihrem Begleiter ins Ohr flüstern zu lassen. Dobrinka beobachtet die spielerische Annäherung der beiden: Sie streicheln sich flüchtig an den Oberarmen, entfernen sich wieder, um im nächsten Moment noch enger aneinanderzurücken. Dobrinka wendet sich ab, will weitergehen. Das Glück der beiden Fremden versetzt ihr einen Stich. Auch sie und Max waren einst glücklich, unbeschwert. Wie rasch doch alles kippen kann. Sie überquert den Kanal in Richtung Praterstraße – ihr Entschluss steht fest.

Durch die verwinkelten Gassen der Leopoldstadt nähert sie sich nun der Zirkusgasse. Bei ihrem Wohnhaus angekommen stößt sie die Tür mit dem Fuß auf. Das Schloss ist kaputt. Das zerfallene, mit Graffitis besprühte Tor steht seit einigen Monaten offen. Im Stiegenhaus sind die Wände an vielen Stellen fleckig. Der Putz bröckelt. Sie steigt die steinernen Treppenstufen hoch in den dritten Stock. Vom jahrzehntelangen Rauf und Runter sind sie hohl getreten. Vor der Wohnung angekommen wühlt sie in der Tasche, bis sie die flauschige Fellkugel des Schlüsselbunds ertastet. Sein Klimpern klingt vertraut. Das Schloss knackt, die Tür knarzt. Sie betritt den engen Flur und lauscht. In der Wohnung ist es ungewöhnlich still. Er muss doch da sein.

„Max?“ Keine Antwort. Sie öffnet die Tür zum Bad, wirft einen Blick in die Küche. „Max? Ma-ax! Bin da!“ Wo ist er jetzt, fragt sie sich. Ein ungutes Gefühl beschleicht sie. Im Flur legt sie die Tasche auf den Boden, lässt ihre weißen Sneaker an und öffnet das Fenster. Ein Junge fährt im Innenhof auf einem Stützrad durchs Gelände: „Mama, Mama! Schau, was ich kann!“

Seine Mutter lehnt rauchend an der Wand und telefoniert. Dabei verliert sie ihren Sohn nicht aus den Augen. Beim Anblick der Zigarette will Dobrinka selbst eine. Sie geht in die Hocke, öffnet die Tasche, nimmt eine zerknautschte Schachtel Marlboro heraus und zündet sich eine an. Weiter hinten malen drei Mädchen mit bunten Kreiden Kästen mit Ziffern auf den Asphalt: Himmel und Hölle. Dieses Hüpfspiel beherrschte auch sie als Kind.

„Engin“, hört sie die Frau im Hof rufen, „komm, ist Zeit fürs Abendessen!“ Der Bub blickt über die Schulter zu ihr, dann steuert er mit dem Stützrad auf die Hausmauer zu, bleibt stehen, schaut verträumt vor sich hin, rollt ein paar Schritte rückwärts und versucht zappelnd das Rad in die andere Richtung zu lenken. Als es ihm schließlich gelingt, navigiert er triumphierend auf die Mutter zu.

„Braaaavo!“, ruft diese und breitet ihre Arme aus. Bei ihr angekommen, umarmt sie den Sohn fest, hebt ihn vom Rad und schaukelt dabei seinen kleinen Körper hin und her.

Dobrinka drückt die Zigarette aus. Bis zum Filter geraucht. Wie konnte es so weit kommen, fragt sie sich. Es war nicht immer so. Am Anfang war Max ihr zugewandt. Sie hatten auch jede Menge Spaß miteinander. Er besorgte ihr einen Freipass für die Therme Oberlaa, wo er damals gerade als Masseur begonnen hatte, später versuchten sie sich im Bungeejumping, Paragleiten und Tandem-Fallschirmsprung. Im Sommer fuhren sie nach Lošinj, surften. Trotzdem ging es mit seinen Wutanfällen schon bald los. Vor zwei Jahren aber, als die Sache mit dem Kind passiert war, wurde es schlimmer. Sie hätten nach einem Weg suchen sollen, der ihnen geholfen hätte, nach vorne zu blicken, überlegt sie jetzt. Sie hätten einander in ihrer Trauer unterstützen sollen. Doch die Kluft zwischen ihnen wurde langsam, aber beständig immer tiefer und dunkler, schließlich unüberbrückbar. Jetzt war nichts mehr zu retten.

„Max?“ Sie wechselt ins Wohnzimmer, dann weiter ins Schlafzimmer. „Ma-ax!“

Aus dem angrenzenden Kabinett hört sie durch die geschlossene Tür auf einmal kehlige und klatschende Geräusche. Eine Frau stöhnt in einem theatralischen Staccato. Das gibt’s doch nicht, denkt sich Dobrinka und stößt die Tür ins Kabinett auf. Es ist die dunkelste Ecke in ihrer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung. Ein Computer steht dort, Hanteln und ein veralteter Heimtrainer, den sie beide nicht mehr benutzen. Sie erwischt Fetzen eines Dialogs: „… zeig’s dir.“ Dann drückt Max gleichgültig auf Pause, ohne das Fenster mit dem Video wegzuklicken. Im schwarzen Drehstuhl zurückgelehnt starrt er auf das eingefrorene Bild, das eine über eine Fitnessbank gebeugte Frau und das Glied eines Mannes zeigt.

„Was soll das schon wieder“, sagt sie angewidert. „Kannst du das schließen?“

Ohne zu reagieren, starrt Max weiterhin auf die Nahaufnahme von Geschlechtsorganen. Er trägt eine enge Trainingshose und ein Tank-Top. Darin sieht man seinen muskulösen Körper am vorteilhaftesten, sagt er oft. Wie immer hat er sein aschblondes Haar mit Gel zurückgekämmt und die Wangen glattrasiert. Einzig in der Früh beim Aufwachen ist sein Haar zerzaust, sobald er aber ins Bad geht und wieder herauskommt, ist es makellos gescheitelt.

„Kannst du den Scheiß schließen? Was soll das?“

Er lässt Dobrinka ihre Frage noch zweimal wiederholen, ohne zu reagieren. Im Raum ist nur das trockene Klicken der Maus zu hören, die er ziellos hin und her schiebt, dann vernimmt sie krabbelnde Geräusche in der Wand. Ratten. Langsam dreht sich Max im Stuhl um neunzig Grad, stützt dabei seinen Kopf auf die rechte Hand. Seine Lippen zucken, das linke Auge ist zusammengepresst. Diese Warnsignale weiß sie längst zu deuten, kann die Intensität seiner Laune aber nicht einschätzen. Hinter ihrem Rücken sucht sie instinktiv nach der Türklinke.

„Was ist mit dir?“, fragt sie. „Was schaust du so? Und dann soll ich mit dir auch noch was trinken gehen, so ein Scheiß.“

„Wo warst du? Ich hock seit einer Stunde da. Wo warst du?“

„Im Salon“, erwidert sie, „wo soll ich sonst gewesen sein?“

„Lüg nicht!“

„Was heißt jetzt schon wieder lüg nicht?“, fährt sie ihn an. „Sag mal, warum sprichst du so beschissen mit mir? Schau dich an: Ziehst dir einen Porno nach dem anderen rein, wichst dir dabei nicht mal einen.“

Sie will aus dem Kabinett, als er aufspringt. Mit einem Ruck hat er sie bei sich.

„Ej, was soll das? Lass mich los!“

Er packt sie an den Oberarmen und schüttelt sie: „Ich hab dich gefragt, wo du warst, du depperte Kuh.“

„Lass mich los“, kreischt sie, „du hast sie ja nicht alle!“

Er packt sie noch fester, drückt ihre Handgelenke gegen die Tür, verpasst ihr eine Ohrfeige.

„Bist du wahnsinnig, du Trottel!“, zischt sie und schlägt zurück, gibt ihm einen Tritt mit dem Fuß. „Ich hass dich! Ich hass dich einfach!“

Er lacht abfällig, presst sich mit dem Oberkörper gegen sie: „Halt dein geschissenes Maul.“ Er quetscht ihre Handgelenke zusammen, dass sie vor Schmerz aufstöhnt.

„Ich hass dich! Hörst du? Ich lass mich von dir scheiden, du Wichser! Ich lass mich scheiden! Ich hab dich so satt!“

Einen Moment lang friert sein Gesicht ein, dann verengen sich seine Pupillen. Mit aller Wucht schlägt er ihr ins Gesicht. Sie reißt die Augen auf. Die hemmungslose Aggression, die immer härteren Schläge machen ihr Angst. Das hier ist anders als sonst.

„Was sagst du da? Hä? Sag den Scheiß nochmal! Jetzt sag’s endlich nochmal!“

„Ich lass mich scheiden! Ich geh weg! Ich fang neu an!“ Ihr Herz schlägt wie wild unter der Masse seines Körpers. Endlich. Es wird ein Ende geben.

„Was fällt dir ein, hä? Ist dir fad im Schädel, oder was?“ Er packt sie an der Kehle, seine Stirnader pocht, er verpasst ihr eine weitere Ohrfeige. „Wo willst denn hin, hä? Zurück zu Tante Frankica auf den Balkan, oder was?“

Sie versucht sich aus seinem Griff zu befreien. Er ist zu stark, sie hat keine Chance. „Du Arschloch! Verpiss dich! Ich brauch dich nicht! Hast du’s noch nicht kapiert? Ich brauch deinen Scheiß nicht!“

Sein Mund schäumt: „Wo warst du?“

Dobrinka spürt ihre Ohnmacht in seiner Umklammerung. Er beginnt an ihr zu riechen, presst sein Gesicht auf ihren Hals, beißt sie, zieht sie an den Haaren, riecht an ihren Klamotten, packt sie am Kiefer und zwingt sie, ihn anzuschauen. Er schnaubt. Mit aller Kraft versucht sie ihn wegzustoßen. Als er noch heftiger zupackt, spuckt sie ihn an. Da schlägt er sie abermals ins Gesicht. So hart, dass sie zu schluchzen anfängt. Er zwingt sie zu Boden und setzt sich auf ihren Bauch. Er prügelt mich tot, denkt sie.

„Sooo, Dobrinčice, hä, was haben wir gesagt? Hä? Haben wir nicht gesagt, Dobrinka soll nicht lügen? Ja, das haben wir gesagt, gell? Und jetzt lügt Dobrinka schon wieder?“ Mit flacher Hand klatscht er auf ihre Wange. Das hohe Rauschen in ihren Ohren übertönt alles andere. Sie wimmert: „Fick dich, du Arschloch, fick d–“

„Glaubst wohl, du findest einen besseren, hä, Dobrinčice. Ich zeig’s dir. Ich zeig’s dir gleich!“ Er reißt ihre Bluse auf.

„Ich war im Salon –“

Er langt nach dem Gürtel, der über dem Sitz des Heimtrainers hängt. Dabei lässt er sie nicht aus den Augen. Mit dem Gürtel in der Hand dreht er sie auf den Bauch, hält ihre Hände fest und schlägt ihr mit aller Härte auf den Rücken. Ihr Gesicht verzieht sich vor Schmerzen.

Wie durch eine Lupe nimmt sie die Haarrisse im Laminatboden unter sich wahr: jeden Kratzer, jede Unregelmäßigkeit, jede abgescheuerte Stelle. Sie mochte diesen hellen Billigboden vom ersten Tag an nicht.

Er zerrt ihr die weißen Sneaker von den Füßen und schmeißt sie hinter sich. Sie hört, wie einer den Bildschirm trifft, der augenblicklich umfällt.

„Verdammter Scheiß“, flucht er. Dann zieht er ihr die Hose aus und schlägt ihr mit dem Gürtel erneut auf die nackte Haut, sobald sie versucht, sich dagegen zu wehren. Er greift nach ihrem Haar, hält ihre Arme auf dem Rücken fest, schleppt sie zum Heimtrainer und zwingt sie, sich mit dem Bauch über den Sitz des Geräts zu beugen. Sie zappelt, presst ihre Oberschenkel zusammen.

„Halt still!“, schnaubt er und zieht seine Trainingshose herunter, greift nach seinem erigierten Penis. Am Haar zieht er ihren Kopf hoch, drückt seine Finger gegen ihre Kehle, bis sie würgt. Die letzte Kraft schwindet aus ihr, ermattet kapituliert sie. Er drückt ihre Oberschenkel auseinander und stößt in sie hinein.

Die späte Sonne wirft ein Rechteck auf den Boden unter ihr. Durchs geschlossene Fenster drängen die Stimmen von der Straße wie wattiert herein. An der Wand ringen die Schatten ihrer Körper miteinander. Ich hass dich, ich hass dich, hört sie sich innerlich sagen. Als würde sie das Ganze nichts mehr angehen, als wäre sie gar nicht mehr da. Doch es ist sie, der es geschieht. Unumkehrbar.

Vom Sitz des Geräts rutscht sie zu Boden. Da wirft er sie auf den Rücken und stößt nochmal in sie. Er kommt. Schweißperlen tropfen von seiner Stirn auf ihr Gesicht. Sie zittert vor Schmerz.

Ein paar Sekunden später zieht er sich die Hose hoch und glättet sein Haar, während sie kauernd vor ihm liegt. Eine groteske Neugier blitzt in seinen Augen. Er geht in die Hocke und tätschelt ihren Kopf: „Nimm’s nicht so schwer, Dobrinčice.“

Er mustert sie lange, richtet sich wieder auf und verlässt den Raum.

„Bin heut mit den Jungs unterwegs!“, ruft er aus dem anderen Zimmer. „Wart nicht auf mich!“

Sie hört, wie in der Küche der Kühlschrank auf- und zugeht, hört das Rascheln einer Plastikverpackung, ein Glas, das mit Wasser gefüllt wird, hört ihn pfeifend in den Flur gehen, die Schuhe anziehen, hört das Klirren des Schlüsselbunds, das Knarzen der Wohnungstür, die Tür ins Schloss fallen.

Einige Zeit bleibt sie unbewegt liegen. Als sich die Krallen der Abenddämmerung in den Raum ausstrecken, rollt sie sich stöhnend auf die Seite, versucht, sich vom Boden zu erheben, stützt sich dabei auf den Heimtrainer. Zwischen ihren Oberschenkeln ist es klebrig. Sie hebt den Kopf zum Fenster, zu den tristen Wänden des heruntergekommenen Lichthofs.

Sie wankt ins Bad, erschrickt vor dem Anblick ihres Körpers im Spiegel. Die Nase blutverschmiert, die Wangen schwarz von der zerronnenen Wimperntusche, der Hals voller dunkler Flecken, auf dem Oberkörper und den Armen breite, rote Striemen, auch auf dem Rücken spürt sie die Schläge. Als sie die Dusche andreht und in die Kabine hineintreten will, rutscht sie aus und stürzt mit voller Wucht auf die Fliesen. Sie schluchzt, während das Wasser auf ihre brennenden Wunden prasselt. Unter ihr ein Fluss aus Blut, Schweiß und Sperma, der im Abfluss verschwindet.

In ein Badetuch eingewickelt sitzt Dobrinka am Küchentisch. Ich brauch ihn nicht, wiederholt sie für sich, ich brauch ihn nicht, ne trebam ga …

Im Flur vibriert das Handy in ihrer Tasche. Weiter blickt sie stumm vor sich hin. Ne trebam ga …

Heute wird er nicht mehr nach Hause kommen, da ist sie sich sicher. Morgen erst oder in zwei Tagen. Er ist mit seinen Jungs unterwegs, sagt er. Sie weiß nicht, wo er schläft, wenn er nächtelang nicht nach Hause kommt. Sie hat sich daran gewöhnt. Doch wenn er diesmal zurückkehrt, wird sie verschwunden sein.

Als sie später auf ihrem Handy nachsieht, hat jemand über die App eine IPL-Behandlung gebucht: Georgiana Duchamp. Am Montag in zwei Wochen. Sie bestätigt die Buchung. In zwei Wochen. „Wo werde ich in zwei Wochen sein?“, fragt sie sich. „Wenn er mich stalkt und findet und totprügelt?“ Die Zeit ist knapp. Sie muss handeln. Alles schmerzt, aber sie überwindet sich, taumelt ins Schlafzimmer und hebt den großen Reisekoffer vom Schrank.

2

Entlang der Wipplingerstraße geht Georgiana am Bezirksamt vorbei in die Jordangasse. Geradeaus erkennt sie schon das olivgrüne Haus. Das Eingangstor wird von einem massiven Portal umrahmt. Eine Tafel proklamiert die verschiedenen Dienstleistungseinrichtungen des Hauses: eine Steuerberatung, eine Finanzberatung, eine Model Agency, ein Orthopäde, zwei Pilates Studios und der Salon Cryolab-Power-Beauty.

Sie schaut auf die Uhr: 13:54. Schon wieder zu früh. Pünktlich zu Probenbeginn ist bereits zu spät, sagt man unter Musikern. Sie läutet an. Es dauert, bis es in der Gegensprechanlage knackt und ein Buzzer die schwere Tür freigibt.

Inmitten eines breiten Hauseingangs fällt ihr Blick zuerst auf die hohe Decke, die sich über die gesamte Länge des Korridors wölbt. Der Marmorboden ist im Schachbrettmuster gefliest. Sie geht weiter zum Aufzug, betritt ihn und drückt auf den obersten Knopf. Im fünften Stock angekommen bleibt Georgiana kurz stehen und blickt durchs hohe Kastenfenster in den Innenhof. Die Bäume leuchten im scharfen Junilicht. Am Morgen sticht noch die frische Luft auf der Haut, mittags ist die Sonne erdrückend heiß.

Am Ende des Gangs steht eine Tür einen Spalt breit offen. Das wird es sein, vermutet sie, stößt die Tür etwas mehr auf und betritt vorsichtig den Raum. Hinter dem Eingang befindet sich ein enger, in weiße Fliesen gekleideter Korridor. Auf der rechten Seite eine offene Küchenzeile, modern eingerichtet, daneben zwei Türen mit Hängeschildern aus Messing: Bad und Toilette.

„Hi!“, ruft sie in die Stille.

Aus der Ferne hört sie Schritte, die hektisch lauter werden. Eine hochgewachsene Frau nähert sich ihr durch den Flur. Georgiana blickt fasziniert auf ihre langen Beine, den geraden Gang und die schwingenden Hüften im enganliegenden weißen Jumpsuit, als wäre der Flur ihr Laufsteg.

„Hi!“, sagt die Frau fröhlich und streckt Georgiana ihre Hand entgegen, die noch in einem medizinischen Gummihandschuh steckt. Sie merkt es, rollt lachend die Augen, zieht den Handschuh ab und streckt ihr die Hand erneut hin: „So, jetzt – Dobrinka, freut mich!“

„Hi, Georgiana. Schöner Salon!“

Sie scheint die einzige Klientin zu sein.

„Ja, danke, ich fühl mich wohl hier“, erwidert Dobrinka. „Wir sind eh per du, oder? Sind doch so ziemlich gleich alt? Ej, du bist ja auch ganz schön groß, meine Güte! Tolles Haar übrigens, wow! Wie machst du das? Hast du da Extensions drin, oder was? Oh, sorry, möchtest du was trinken – Wasser, Cappuccino? Oder gleich ein Gläschen Sekt? Die Flasche ist schon offen.“ Sie zwinkert.

„Für Sekt ist es noch bisschen früh …“

„Ma neee“, winkt Dobrinka ab, „geht schon. Wie bist du denn hergekommen? Bist eh nicht gelaufen bei der Hitze?“

Georgiana blinzelt benommen, ohne zu wissen, welche Frage sie zuerst beantworten soll. Wenn diese Dobrinka, denkt sie sich, ihr Haar nicht so weißblond färben und ihre Haut nicht so toasten würde, wäre sie hübsch. Ja, sehr hübsch sogar. Sie mustert ihre breiten, hohen Wangenknochen, die geschwungenen Augenbrauen, ihre dominante, wohlgeformte Stupsnase, den hübschen Schmollmund. Obwohl Dobrinkas sorgfältig geschminktes Gesicht von einer nahezu künstlichen Perfektion zu sein scheint, wirkt sie natürlich. Ihre ungeschliffene Natur sprüht aus ihr heraus. Einen Augenblick lang ist Georgiana über sich selbst überrascht: Sie findet diese Frau unmittelbar sympathisch. Bevor sie aber etwas sagen kann, stürzt Dobrinka in die kleine Küche: „Bin gleich wieder da!“

Georgiana schaut sich im Raum um. Links an der Wand steht ein Chesterfield-Sofa in rosa Velours. Daneben eine fünfköpfige Art déco-Lampe und davor ein Beistelltisch mit neubarocken Formen aus Kristallglas. Ein Hochflorteppich hält das Ensemble zusammen. Dobrinka kommt mit zwei Gläsern Sekt zurück.

„Bitte, bitte, hier, setz dich doch.“ Sie drückt eins der Gläser Georgiana in die Hand, lässt sich ebenso nieder, überkreuzt die Beine und lehnt sich zurück, als würde sie mit einer Freundin im Strandcafé sitzen.

„Also dann – Prost! Živjeli!“ Sie stößt ihr Glas gegen Georgianas und leert es in einem Zug.

„Santé!“, murmelt Georgiana verlegen.

Dobrinka stellt das Glas nun ab und nimmt ein Formular vom Tisch in die Hand.

„Du hast noch nie IPL gemacht, oder?“, fragt sie.

„Nein. Nie.“

„Okay, dann lass uns ein paar Fragen durchgehen. Zur Sicherheit, weißt du. So – du heißt also Georgiana Düüü–, also: Düüü–“

„–champ“, ergänzt Georgiana.

„Ja eh, Düschämp! Wo kommst du eigentlich her?“

Sofort verspürt Georgiana einen starken Widerstand. Sie will auf keinen Fall über ihre Herkunft sprechen. Über Jahre hinweg hat sie es tun müssen. Bei jeder Begegnung erklären, warum sie in Rumänien geboren ist, aber einen französischen Nachnamen hat. Erklären, was sie nun in Wien mache, ob sie von der Musik auch wirklich leben könne. Solche Verhöre erdrücken sie nach wie vor. Sie will nicht ein weiteres Mal so tun, als wäre sie überrascht: Ja, Dobrinka ist Kroatin, das kann Georgiana leicht erkennen. An der Musikuniversität kannte sie einige Kroaten. Mit einem hatte sie sogar über zwei Jahre im Quartett gespielt. Sie lernte schnell zwischen kroatischen, serbischen, ukrainischen, polnischen, russischen, slowenischen und anderen ost-, west- und südslawischen Stimmlagen zu unterscheiden. Georgiana will nicht auch noch hier in diesem Salon in ihrer Vergangenheit graben, Vergleiche zwischen ihr und Dobrinka ziehen. Und doch hört sie sich sagen:

„Aus Bukarest. Aber mein Vater ist Franzose.“

„Eto, vidiš, dachte mir eben, dass du eine Rumänin bist“, sagt Dobrinka. „Siehst voll so aus, echt. Ich kannte mal ’ne Rumänin. War meine erste Vermieterin, in einer Wohngemeinschaft, weißt du. Dakaria hieß die. Wahnsinn, oder? Was für ein Name – Dakaria. Ej, aber ich sag’s dir, Dakaria konnte alles organisieren. Alles. Echt, immer. Ist sicher über zehn Jahre her, seit ich sie das letzte Mal gesehen hab … Ich bin jedenfalls aus Lošinj.“

Georgiana nickt apathisch, um dem Thema nicht weiter Feuer zu geben, aber da setzt Dobrinka schon nach: „Kennst du Lošinj oder nicht?“

„Ja doch, doch“, versucht Georgiana interessierter zu wirken, als sie ist. „Eine Kollegin hat mir davon erzählt. Das Klima soll gut für die Lunge sein, stimmt’s? Ist da nicht auch diese Insel in der Nähe – Susak oder wie sie heißt?“

„Da da da, Susaaak“, nickt Dobrinka und beginnt zu lachen. „Da wo die ganzen Inzestuösen mit den verformten Gesichtern wohnen.“

„Okay …“

„Ja, aber Lošinj, das ist nicht so die Party Insel, weißt du. Ist nicht Ibiza. Da geht man auf Kur.“

„Fährst du im Sommer immer zurück?“, fragt Georgiana.

„Diesen Sommer nicht, nein, sonst schon.“

Dobrinka wirkt auf einmal besorgt. Sie zieht die Ärmel ihres Jumpsuits weiter nach unten und richtet das Gespräch wieder auf den Fragebogen. Krankheiten, Allergien, Operationen und zum Schluss: potenzielle Schwangerschaft. Georgiana beantwortet alle Fragen mit einem nicht vorhanden.

„Aber ich mein – warst du schon mal schwanger?“

„Nein“, erwidert Georgiana. Das Gespräch nimmt eine zu vertrauliche Richtung für ihren Geschmack an. Sie schweigt, aber Dobrinka lässt nicht locker:

„Ja, aber – ich mein, willst du Kinder? Ich mein, muss nicht sein, aber wir sind auch nicht mehr zwanzig, oder? Ich spür das voll, dass ich nicht mehr zwanzig bin. Bin nicht mehr so schnell, weißt du? Und dann lässt dich die Baka damit nie in Ruhe, die Alte …“

Ein Gefühl, als würde Dobrinka eine Verbündete suchen, beschleicht Georgiana.

„Also irgendwann, ja, wenn es sich ergibt“, sagt sie.

„Wenn es sich ergibt …“, wiederholt Dobrinka und mustert Georgiana. Ihre stoische Zurückhaltung befremdet sie. Da wechselt sie unvermittelt das Thema:

„Also, IPL ist so viel besser als Sugaring oder Waxing. Ich mein, nach so einer Sugar-Session bist du doch maximal eine Woche ohne Fell. Dann wachsen sie wieder, dann musst du wieder warten, bis sie lang genug sind, dann musst du wieder waxen … Ich mein, das ist doch total scheiße, aber echt … Gib’s zu. Das ist doch total scheiße. Läufst rum wie ein Igel. Weißt, wie ich meine? Und das bis zum Tod, weil sorry – ist jetzt auch nicht so, dass das aufhört zu wachsen. Bei IPL machst du fünf Termine und hast nie wieder Stress.“

Tatsächlich erblickt Georgiana auf dem Tisch einen Flyer mit einem abgebildeten Igel neben einem Schälchen mit veganen Schogetten. Immer ungeduldiger zappelt sie auf dem Chesterfield-Sofa.

Nachdem sie beteuert, keine weiteren Fragen zu haben, folgt sie Dobrinka in den angrenzenden Raum. Wie in einer Ordination befindet sich links ein Liegetisch und dahinter eine ganze Reihe von Geräten, die Georgiana nicht zuordnen kann. Ein samtbezogener Sessel füllt die hintere Ecke aus.

„Die Kleider kannst du da drüben ablegen“, zeigt Dobrinka auf den Sessel, „und dann legst du dich auf den Tisch, okay?“

Georgiana nickt still, dann verlässt Dobrinka den Raum.

Sobald sie die Tür hinter sich zugemacht hat, zieht Georgiana ihren Rock und danach die Unterhose aus, überquert den Raum mit nacktem Unterleib und legt sich auf den Tisch.

Nach einer Weile hört sie Dobrinkas Stimme hinter der Tür: „Darf ich rein? Bereit?“

„Ja“, ruft sie verlegen.

Dobrinka öffnet die Tür, kommt auf sie zu und beugt sich tief über Georgianas Vulva.

„Nur die Bikinizone?“

„Genau.“

„Und soll ich da noch ein bisschen tiefer gehen? Weißt du, so – downtown?“

Dobrinka zeigt auf den Ansatz der Haare und zwinkert.

Georgiana nickt stumm und Dobrinka begutachtet die Wurzelansätze:

„Hast du gestern rasiert?“

„Ja, du hast gesagt, ich soll rasieren.“

„Jajaja, alles gut, ist nur bisschen rot halt, weißt du. Aber mach dir keinen Kopf, ich kann arbeiten, hab schon Schlimmeres gesehen. Was manche Frauen da so anstellen, du glaubst es nicht …“

Sie drückt Georgiana eine schwarze Brille in die Hand, die wie eine Profischwimmbrille aussieht.

„Zum Schutz“, sagt sie und setzt ihrerseits eine auf, die allerdings größer und durchsichtig ist. Vor Georgianas Augen herrscht nun Dunkelheit.

„Der Ansatz ist riesig, wir sind gleich fertig, wirst sehen.“

Georgiana fühlt ein leichtes, punktuelles Stechen, sobald Dobrinka mit dem Gerät von einer Stelle zur anderen springt. Jetzt, wo es vor ihren Augen schwarz ist, spitzt sie die Ohren. Sie merkt, dass Dobrinka eine schöne Stimme hat. Ein surrender Unterton schwingt in ihr mit.

„Wie bist du denn auf uns gekommen?“, fragt Dobrinka neugierig.

„Eine Kollegin hat mir davon erzählt.“

„Aha – und was machst du beruflich?“

„Ich bin Cellistin bei den Philharmonikern.“

„Aha, wie heißt denn deine Kollegin? Ich hab noch eine Musikerin als Kundin. Vielleicht kennt ihr euch!“

„Marina.“

„Marina? Nein, so heißt die nicht. Dann ist die’s eben nicht. Meine Kundin heißt Beatriz.“

„Beatriz?“, sinniert Georgiana. „Der Name sagt mir was …“

„Beatriz Lazar.“

„Ach!“, ruft Georgiana plötzlich hinter der Brille. „Na klar, Beatriz Lazar! Ich kenne sie, sie war auch an der Musik-Uni. Vielleicht zwei, drei Jahre hinter mir. Beatriz Lazar, genau. Sie ist aber Pianistin.“

„Ja, und?“ Jetzt drückt Dobrinka das Gerät etwas zu fest auf Georgianas Haut.

„Na ja, weil du meintest, sie wäre vielleicht meine Kollegin … bei uns gibt es keine Pianisten.“

„Aha, ja, gut, wenn du meinst“, erwidert Dobrinka. „Beatriz ist aber eine Süße, weißt du. Sie kommt immer wieder.“

„Auch zum IPL?“

„Nenene, sie macht Kältetherapie. Das hat die Schnecke gern.“

„Die Schnecke?“, lacht Georgiana kurz auf. „Ich hab sie schon sehr lange nicht mehr gesehen. Wie geht’s ihr denn?“

„Ja, du weißt eh, so ein Schneehäschen hat immer was am Laufen“, erwidert Dobrinka. „Sie kommt seit zwei Jahren zu mir. Irgendwann hat sich herausgestellt, dass sie als Kind ihre Sommerferien auf Lošinj verbracht hat. Am Ort, wo ich aufgewachsen bin, weißt du? Vielleicht haben wir gemeinsam im Sandkasten gespielt. Voll crazy, oder?“

Aus Dobrinkas Kehle brummt ein Lachen. Georgiana glaubt darin einen Anflug von Verzweiflung zu hören.

„Ich kann mich gut an sie erinnern“, meint sie, als Dobrinka mit dem Gerät weitermacht.

„Ja, so einen Purzelbaum kriegt man nicht so schnell aus dem Kopf. Und – hast du schon Pläne für deinen Urlaub?“

„Ja, ich fliege nach Porto.“

„Nach Porto?!“, ruft Dobrinka. „Bože mili, da kannst du doch nicht mal richtig schwimmen! Das ist doch Scheiße!“

„Trotzdem.“

„Ej, aber die Beatriz, die kennt sich doch mit Porto aus, die Piki Kiki. Sie kann dir bestimmt ein paar coole Tipps geben … So, schon fertig. Keine zehn Minuten, siehst du? Nein, so siehst du gar nix, setz doch die Brille ab. Ich geb noch ein bisschen Aloe Vera drauf. Trinkst du noch einen Sekt mit?“

„Wahnsinn, so schnell ging das!“, sagt Georgiana erfreut, als sie die Brille absetzt und zu ihrer Vulva schaut.

„Hab ich doch gesagt. Nach circa zehn Tagen fallen die ersten Haare aus. Wie bei einer Chemo, weißt du?“

3

Nachdem sie die Tür hinter Georgiana geschlossen hat, geht Dobrinka in die Küche und trinkt gierig eine halbe Flasche Wasser. Ihr Mund ist ausgetrocknet. Im Empfangsraum sinkt sie aufs Sofa. Die weiße Decke verschwimmt vor ihren Augen, dann senkt sie den Kopf und zieht die Ärmel ihres Jumpsuits hoch. Immer noch weist ihre Haut Spuren von Flecken und Striemen auf. Tag für Tag versucht sie die Geschehnisse jenes Abends zu verdrängen. Sie wusste, dass Max keine Kontrolle über seine Wut hatte, sie hatte es oft genug erlebt, doch so weit war es zuvor nie gekommen. Gerade als sie ihre Augen zumacht, um sich auszuruhen, läutet das Handy: Mama. Es widerstrebt ihr, abzuheben, aber sie muss es hinter sich bringen:

„Da, Mama? Kako si?“

„Dobrinčice, lange nichts gehört, wie geht’s dir?“

„Pa dobro sam“, erwidert Dobrinka.

„Du klingst aber müde.“

„Nein, Mama, es ist nur heiß …“

„Und hat Max bald Urlaub? Wann kommt ihr denn?“

Dobrinka zögert, dann behauptet sie, unerwartet ein Fortbildungsangebot erhalten zu haben. Sie könne diesen Sommer unmöglich nach Hause kommen.

„Danach darf ich aber in einer Hautarztpraxis arbeiten“, lügt sie weiter.

„Ajde, dobro“, erwidert die Mutter. „Und Max geht’s gut?“

„Ja, alles gut. Er geht übers Wochenende mit den Jungs rudern.“

„Das ist ein guter Kerl“, fasst sich die Mutter knapp. „Pa dobro onda, ajde, čuvaj se. Pozdravi Maxa!“

„Mach ich, ajde, čujemo se!“

Dobrinka legt auf und umklammert das Handy: „Mama“, flüstert sie und vergräbt ihr Gesicht im Kissen.

Sie sieht sich, als sie sieben war, mit der Mutter und ihrem kleinen Bruder Marin den steilen Weg entlang der Küste ins Nachbardorf laufen. Die Abendluft roch betörend, von Sonnenstrahlen, Pinien, Salbei und Oleander durchwebt. Die Familien kehrten vom Strand zurück, hängten auf den steinernen Terrassen ihre Badeanzüge auf. Die Väter bereiteten mit nacktem Oberkörper den Grill vor, während die Mütter mit nassem Haar Fisch, Fleisch und Gemüse nach draußen trugen, ihren Körper in ein großes Tuch gewickelt, um den Hals verknotet. Kinder johlten und kreischten aus allen Richtungen, warteten aufs Essen. Der rauchige Duft von Grillkohle zog durchs ganze Dorf. Man hörte Bestecke auf Tellern klirren, das helle Klingen der Weingläser, das zischende Schäumen beim Öffnen der Bierdosen. Ringsum rauschte die Brandung.

Der Weg ins Nachbardorf führte über enge Pässe, sodass sie oft auf die eine oder andere Seite des Weges hinüberklettern mussten.

„Dođi, Marin!“, rief Dobrinka und zog an seiner Hand, als der kleine Bruder vor einer Steinwand stehen blieb, den Kopf nach unten geneigt.

„Ich kann nicht mehr!“, jammerte er mit seiner hohen Stimme.

Die Mutter nahm den Sohn an der Hand und half ihm hinüberzuklettern. Dürres Gestrüpp kratzte an ihren Waden, dass sie stöhnten.

„Nur noch ein bisschen“, ermutigte die Mutter sie, „wir sind gleich wieder auf dem Weg.“

Magere Schafe weideten auf der Böschung. Dobrinka fragte, warum sie rote Kreise auf dem Fell trugen. Man hätte sie gekennzeichnet, meinte die Mutter. Dobrinka verstand es nicht, fragte wieder, aber die Mutter wurde ungeduldig. Die Steine abseits des Weges waren so glatt, dass Dobrinka bei jedem Schritt fürchtete auszurutschen, umzuknicken oder zu fallen. Sobald sie im Hafen die Brücke überquerten, hörte sie das Rascheln des Plastiksacks, in dem die Mutter Weißbrotreste mitgenommen hatte. Am Steg verteilte sie die Brotstücke zwischen Dobrinka und Marin, damit sie Möwen füttern konnten. Der Mutter lag viel an diesem Abendgang mit ihren Kindern. Sie warfen die Brotstücke ins Meer und kreischten vor Freude, wenn die Vögel auf sie zuflogen, sie manchmal direkt aus der Luft schnappten. Einmal kreuzte eine riesige Schlange ihren Weg. Die Mutter mahnte Dobrinka und Marin, hinter ihr zu bleiben, während sie unbewegt vor der Schlange stehen blieb. Als diese schließlich vorbeigeschlängelt war, vollzogen sie ein geräuschloses Kabuki mit dem Reptil. Die Insel war voller Abenteuer.

Vor dem Rückweg wartete das obligatorische Eis auf sie. Die Kinder durften sich jeweils zwei Kugeln aussuchen, standen vor der Eisvitrine und beäugten die Behälter. Der immer fröhliche Mann mit der Kapitänsmütze hinter der Theke fragte, ob sie es in einer Waffel oder in einem Becher wollten. Immer war es die Waffel. Manche Sorten sahen giftig aus. „Pogledaj mama“, rief Dobrinka, „das Eis sieht aus wie die Schlumpfine!“

Die Mutter riet ihr davon ab. Sie hörte auf sie und wählte stattdessen Haselnuss und Zitrone. Dann machten sie sich auf den Weg zurück ins Fischerdorf Nerezine.

Als die Mutter ihre beiden Kinder vor den Schlangen beschützte, mit ihnen im Meer nach Seesternen suchte, das Brot zum Vogelfüttern verteilte, war die Mutter um einiges jünger als sie. Wäre sie selbst eine gute Mutter?

GEORGIANA

4

Am Tag zuvor hatte Georgiana die Möbelpacker gebeten, die Matratze mitten in dem Raum abzulegen, der später das Wohnzimmer werden sollte. Für die erste Nacht würde es reichen. Es blieb ihr keine Kraft mehr, das Bettgestell aufzubauen, nachdem sie die leinenen Gardinen aufgehängt hatte. Um an die Messingstange ranzukommen, welche die Vormieterin auf Georgianas Wunsch dagelassen hatte, musste sie auf einen Stuhl klettern, den sie auf den Esstisch gestellt hatte. Sie hätte Oskar um Hilfe bitten können. Seit jenem Treffen Ende Juli sucht sie aber Distanz. Dabei würde sie gut ein Paar helfender Hände gebrauchen können: Regale mussten montiert, die Lampen aufgehängt werden.

Um ihr weniges Mobiliar hatten die Packer meterlange schwarze Schutzfolien gewickelt. Sie war beeindruckt, mit welcher Leichtigkeit die Männer ihre mit Büchern beladenen Kisten rauf und runter trugen. Nun stapeln sie sich an den Wänden, warten wie auch die eingerahmten Bilder, die großen Spiegel und die über die Stühle geworfenen Kleidersäcke auf ihren Platz im neuen Zuhause.

Erst vor wenigen Tagen ist sie von den Salzburger Festspielen zurückgekehrt. Die Wiener Philharmoniker hatten den gesamten August dort verbracht. In Wien geht es ohne Pause weiter. In einer Stunde muss sie wieder in der Staatsoper sein: Die tote Stadt von Korngold steht auf dem Programm. Noch aber liegt sie auf der Matratze, die trotz ihrer Breite klein wirkt im weitläufigen Raum.

Sie starrt auf ihr Tablet, versucht sich krampfhaft mit einem Film abzulenken. Plötzlich aber drückt sie auf Pause und wirft das Tablet in die Kissen. Sie kann sich nicht konzentrieren. Ein Durcheinander ist in ihr. Eben diese Filmszene hat sie vor zwei Monaten mit Luís in Porto nachgespielt. Nach jener Nacht. Als Cineast kannte er den Film in- und auswendig. Sämtliche Dialoge, jeden Blick, jede auch noch so diskrete Regung von Brigitte Bardot und Michel Piccoli hat er beherrscht.

Sie springt auf und fasst sich im Affekt mit der Hand an die Stirn. Einen Moment verharrt sie so, dann lässt sie sich wieder rückwärts auf die Matratze fallen. Was hab ich mir da eigentlich gedacht? Was hab ich mir, verdammt nochmal, gedacht? Das kann doch nicht wahr sein!

Schließlich fummelt sie das Handy unter den Bettlaken hervor und betätigt das grüne Anrufsymbol. Es knistert und knackt, dann folgt eine automatisierte Ansage auf Portugiesisch. Sie starrt aufs Anrufprotokoll. Die Buchstaben seines Namens verschwimmen vor ihren Augen. In Klammern steht die Zahl 39. Neununddreißig unbeantwortete Anrufe. Neununddreißig Mal hat sie versucht, seine sonore Bassstimme zu erreichen. Mit jedem weiteren unbeantworteten Anruf zittern ihre Hände heftiger. Sie wirft das Handy zurück auf die Matratze, irrt durchs Zimmer, reibt sich mit dem Zeigefinger an den Schläfen, fährt sich zwischen die Augenbrauen. Am Fenster bleibt sie stehen und reißt es mit einem Ruck auf.

Vom vierten Stock erstreckt sich die Aussicht über das Flohmarktgelände bis zur Linken Wienzeile. In der Ferne erkennt sie den Dachvorsprung vom Majolikahaus. Sie lehnt sich weit übers Gesims und blickt hinab in den Schanigarten vom Café Rüdigerhof. Die Luft duftet nach jener Zwischenzeit, in der sich der Spätsommer in einer kaum bemerkbaren Tönung frühherbstlich wandelt. Der Garten ist eingehüllt in den orangegoldenen Glanz der Abenddämmerung, hoch hängen die Schatten an den Fassaden. Der Ausklang des heißen Sommers harmoniert mit der Herbstfrische in einem leisen Akkord. Eine Überleitung vom Spätsommerintermezzo zur Herbstserenade. Altweibersommer lässt sich über Wien nieder.

Aus der Vogelperspektive beobachtet sie die grünen, metallenen Tische: Lesende, Gruppen von Freunden, Mütter und Väter mit Kinderwagen sitzen auf der Terrasse verteilt. Ihr ausgelassenes Treiben überdeckt die Erwartung einer weiteren Pandemiewelle. Die Abendsonne schwindet, leuchtet die Cafébesucher hell aus, als säßen sie planvoll gruppiert auf einer Bühne. Am Rande des Gartens beruhigt eine Mutter Anfang dreißig ihr Kind im Wagen, das quengelig mit den Beinchen leiert. „Bist du ein Bub oder ein Mädchen?“, fragt sich Georgiana leise. Die Mutter spielt verzückt mit dem Kind, wackelt und schaukelt albern mit dem Kopf, ihr Oberkörper wippt vor und zurück.

Mit Schaukeln geht es los, überlegt Georgiana, Babys werden im Schoß geschaukelt, beim Einschlafen, beim Stillen, beim Verdauen. Wenn sie liegen, schaukeln die Erwachsenen um sie herum, über der Wiege baumeln Plüschtiere, leuchtende Kugeln und Plastikrasseln. Werden sie größer, setzen ihre Eltern sie auf eine richtige Schaukel, nach oben, nach vorne, höher, noch höher, ins Leben hinein.

Hinter dem Wohnblock im nördlichen Sektor von Bukarest, wo Georgiana ihre Kindheit verbracht hatte, befand sich der Spielplatz mit einem breiten Holzgestell, woran zwei Schaukeln an rostigen Ketten hingen. Die Kinder aus der Nachbarschaft standen Schlange davor. Sobald eines dran war, durfte es nur fünfzehn Mal schaukeln, danach musste es den Platz räumen. Während eines der Kinder durch die Luft segelte, standen die anderen im Kreis und zählten die Schaukelzüge. Doch Georgiana hörte nach dem Fünfzehnten nie auf. Die Kinder schrien und versuchten sie vom Gummisitz runterzukriegen.

„Coboară! Coboară!“, lärmten sie und schoben einen dicken Ast in die Ketten, um sie zum Stoppen zu zwingen. Georgiana wedelte mit den Füßen um sich, während die Schaukel waberte. Mit einem Satz sprang sie dann vom Sitz und schlenkerte, ohne ein Wort zu verlieren, nach Hause.

Ein Eichhörnchen klettert nun entlang des moosigen Asts vor Georgianas Fenster und bleibt ruckartig vor ihr stehen. Wie erstarrt blickt das muskulöse Tierchen in ihre Augen. Zwei Kreaturen mustern einander: die eine mit zwei schwarzen Knöpfchen, die andere mit hellen Kulleraugen. Sie halten beide inne, beobachten einander neugierig. Plötzlich schießt der zinnoberrote Schwanz pfeilschnell in das dichtere Laub der Baumkrone und das quirlige Körperchen verschwindet wieder aus Georgianas Leben.

Sie geht ins Bad und öffnet das Fenster zum Hof, dessen milchiges Glas Jugendstilornamente schmücken. Seit je hat sie sich ein Bad mit Aussicht gewünscht. Sie betrachtet sich im hohen Spiegel. Ein Paar rotangelaufener, sonst aber hellgrüner Augen starren sie an, als wären es nicht ihre. Sie blinzelt schnell, um dem Tränendruck zu entkommen.

Für die Vorstellung schminkt sie sich stärker als sonst. Mit dem Kajalstift zieht sie die Linie ihrer Lider nach. Es fällt ihr schwer den Strich gerade hinzubekommen.

„So kann ich gar nicht spielen“, stöhnt sie und beobachtet verzweifelt ihre zitternden Hände. Sie schüttelt den Kopf und greift nach der Bürste, die sie auf den Waschbeckenrand gelegt hat. Ihr hellbraunes Haar mit rötlichem Schimmer kämmt sie zu einem mittelhohen Pferdschwanz, der in breiten Wellen entlang ihres Rückens fällt. Mit den Fingern tupft sie ein wenig Farbe auf die Lippen.

Sie geht in die Küche und trinkt einen Schluck Wasser. Der frisch aufgetragene Lippenstift hinterlässt einen hellroten Abdruck am Rand. Sie hebt das Glas und studiert die schmale Form ihrer Lippen, all die feinen Linien. Plötzlich ertönt auf der anderen Seite der Wohnung das Läuten ihres Handys. Luís! Sie eilt durch den Flur. Es läutet noch, als sie bei der Matratze ankommt. Von Weitem kann sie erkennen, dass es tatsächlich sein Name ist, der auf dem Bildschirm leuchtet.

„Luís!“

„Ehm, bom dia, Aveleira Pereira aqui“, hört sie eine distanzierte Frauenstimme.

„Bom dia“, erwidert Georgiana verwirrt. „Sorry, who is this? Do you speak English?“

„Siiim“, sagt die Frau langsam. „You called me about 40 times. Can I help you?“

„Oh, sorry, yes, my name is Georgiana – Georgiana Duchamp. Is Luís there?“

„Luís?“

„Yes – Luís Soares?“

„Ehm, no, sorry, this must be a mistake. My name is Aveleira Pereira.“

Georgiana schluckt: „Luís Soares isn’t there?“

„No, I’m sorry, I don’t know him“, wiederholt die Frau geduldig, verabschiedet sich dann aber schnell und legt auf.

Georgiana blickt entgeistert vor sich hin: Hat sie die falsche Nummer gespeichert? Sie greift nach dem fleckigen Rechnungsbeleg, der neben der Matratze liegt, und prüft die Festnetznummer nochmals, vergleicht sie Zahl für Zahl: 0-0-3-5-1-3-0-4-5-3-8-8-3-5-1. Stimmt, so hat damals Luís seine Nummer notiert. Eigenhändig. Nicht einmal zwei Monate sind seitdem vergangen. An jenem Abend hatten sie im Restaurant O Fado Bacalhau gegessen. Seine Freundin Antonia, eine stadtbekannte Fadista, hatte in dem Lokal gesungen. Am nächsten Morgen hat er auf die Rückseite des Bewirtungsbelegs, den Georgiana jetzt zerknüllt in den Händen hält, seine Festnetznummer gekritzelt, darunter die Adresse.

„Diese Nummer geht sicher“, sagte er damals, „mein Handy spinnt manchmal.“

Tatsächlich ist sein Handy nun schon seit Wochen abgedreht. Georgiana schlägt mit der Faust auf die Fensterbank. Während sie ihren Herzschlag zu mäßigen sucht, streift ihr Blick eine Schuhspitze, die aus einem vollgepackten Sack herausragt: die schwarzweißen Budapester. Diese Schuhe trug sie, als Luís und sie sich vor acht Wochen in Porto kennenlernten. Jetzt sind die Schuhe ausgetreten, an den Seiten kleben noch die Spuren portugiesischer Küste. Bei ihrer Abreise in Porto wollte sie die Schuhe wegwerfen, konnte sich aber nicht dazu überwinden.

In der Ferne verschmiert ein Band aus geröteten Wolken den Horizont. Mehrere Kondensstreifen der längst verschwundenen Flugzeuge scheinen dem Himmel verschiedene Richtungen zu geben. So ähnlich hatte der Himmel ausgesehen, als sie mit Luís in Vila Nova de Gaia entlang des Flussufers gegangen war, um einen Weinkeller aufzusuchen. Portwein verkosten, das wollte sie, dabei über die pittoresken Fassaden, Terrassen und Kirchtürme von Porto blicken.

Sogar die Lichtspiele auf dem Parkett ihrer neuen Wiener Wohnung gleichen jenen in Passeio das Virtudes, der Unterkunft, die Georgiana damals in Porto für sich gebucht hatte. Dort waren die Sonnenstrahlen in opulenten Bündeln durch die bodentiefen Fenster hereingeströmt, projizierten ihre Lichtspiele an die Wände, ließen die Möbel aufflackern, machten die Sinne überempfänglich für all das Schöne, das war.