Raus bist du noch lange nicht - Heddi Biernath - E-Book

Raus bist du noch lange nicht E-Book

Heddi Biernath

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Beschreibung

Es ist das Tabu des doppelten Schweigens: Wortlos geht das erwachsene Kind mehr oder weniger abrupt weg, verwirrt und beschämt schweigend bleiben Vater und Mutter zurück. Das geschieht häufig, aber Karlotta weiß nichts davon. Sie ist fassungslos, als sie feststellen muss, dass ihr dreißigjähriger, einziger Sohn sich immer mehr von ihr abwendet und ein klärendes Gespräch verweigert. Sie fragt sich verzweifelt, was sie falsch gemacht hat. Ist sie vielleicht ein klammerndes Muttermonster ? Schließlich durchbricht sie das Tabu und sucht den offenen Austausch in der Selbsthilfegruppe Verlassene Eltern. Sie erlebt die ganze Bitterkeit der ins Aus gestellten Mütter und Väter, hört auch Kindern zu, die den Kontakt abgebrochen haben, diskutiert über mögliche Erklärungen und hängt Wunschbildern nach. Alles mit dem einen Ziel: Karlotta will ihren Sohn nicht verlieren. Am Ende findet Karlotta zu einem neuen Selbstverständnis. Sie wird sich nicht mehr einseitig um einen Zugang zu ihrem Sohn bemühen - sie will neue Spielregeln des Umgangs miteinander.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 122

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Heddi Biernath

Raus bist du noch lange nicht

Eine Mutter – Sohn Geschichte

Copyright: © 2015 Heddi Biernath

Lektorat: Erik Kinting / www.buchlektorat.net

Umschlag & Satz: Erik Kinting

Titelfoto und Fotos aller Plastiken: © Sigrid Hacker

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN 978-3-7323-3335-6 (Paperback)

ISBN 978-3-7323-3336-3 (Hardcover)

ISBN 978-3-7323-3463-6 (E-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Mein herzlicher Dank geht an die Berliner Selbsthilfegruppe Verlassene Eltern, die mich ermuntert hat, einige der Erfahrungsberichte und Diskussionen aus der Runde in das Panorama von Erlebnis und Fantasie dieser Mutter-Sohn-Geschichte einzuflechten. Alle Namen und persönlichen Details sind frei erfunden oder inhaltlich und erzählerisch verfremdet.

Ganz herzlichen Dank auch an die Künstlerin Sigrid Hacker, für die sensible Fotoauswahl ihrer Plastiken.

Inhaltsverzeichnis:

Mutter-Monster im Netz

Kurze Wege

Fisch im Salzmantel

Allgemeine Verunsicherung

Forum Verlassene Eltern Dotcom

Gespräche unvermittelt Verstoßener

Ene, mene, muh

Mein lieber Sohn

Überläuferin

Traumgesichter

Tripp-Trapp-Stuhl

Broken Heart Syndrome

Sechzehn Jahre

Immerhin Weihnachten

Der Verlorene Sohn

Eltern nerven

Zwillinge

Der Verlorene Sohn

Beweisstück Nummer eins, Euer Ehren

Aus dem Wagendorf I

Aus dem Wagendorf II

Männerversteherin

Raus bist du noch lange nicht

Osterreise

Eltern im Glück

Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe

Wunschbilder

Mutter und Kind Sigrid Hacker, Marmor, 1995

Mutter-Monster im Netz

Beim Aufblicken hatte Karlotta den ganzen Platz ungetrübter Familienfreuden vor sich: In die sanfte Biegung der kleinen, ruhigen Wohnstraße vor ihrem Haus schmiegte sich die heckengesäumte Wiese, auf der ihr Sohn seinen bunten Bällen nachgejagt war – zusammen mit den Kindern aus den anderen zweistöckigen Stadthäusern, die wie ein Wall den fröhlichen Hort der vierjahreszeitlichen Kinderwelt und nachbarlichen Zuneigung umstanden. In der ersten Frühlingssonne hatte Karlotta mit den anderen Eltern auf der Decke gesessen und beim Sommerferienfest hatte sie mit Mann und Sohn, mit Nachbarn und Freunden das Büffet und die Federballnetze aufgebaut. Eine herrlich weite Spielwelt, deren Unendlichkeit mit dem Kindesalter wuchs und dann schrumpfte, die aber in jedem Herbst wieder für das Fußball-Familienturnier ausreichte und in diesem Winter, kurz vor Weihnachten, sogar wieder einmal für eine kleine Eisbahn.

Karlotta hatte das eigene Arbeitszimmer, aus dessen Fenster sie Sebastians Laufställchen im Garten hinter dem Haus vor Urzeiten so bequem im Auge gehabt hatte, vor sieben Jahren gegen das Zimmer ihres verstorbenen Mannes eingetauscht, das im oberen Stock und zur Straße hin lag. Über ihren Computer und die verschneite Wiese hinweg konnte sie zusehen, wie Sebastian aus dem Taxi stieg, die kleine Reisetasche vom Rücksitz nahm und sein Handy verstaute. Karlottas unwillkürlich aufsteigende Freude sackte in sich zusammen, denn sofort schoss wieder der Satz in ihr hoch, der die erwartungsvolle Aufregung über das Wiedersehen mit ihrem Sohn übertönte:

»Du bist einfach unerträglich – und überhaupt, du hast noch nie eine Freundin von mir leiden können!«

Sebastian hatte ihn bei ihrem letzten Treffen hervorgepresst und dann jeden Kommentar verweigert; Monate war das her. Diesen Satz, den selbst die engste Freundin Karlotta nicht glauben wollte – worauf sie ihn schnell schamvoll in sich vergrub. Dieser Satz, der seitdem ihren erinnerungsverlorenen Blick vom Platz der unbeschwerten Eltern-Kinder-Welt immer schneller zurückholte auf ihren Bildschirm, der Satz, der sie erst fassungslos und dann in völliger Hilflosigkeit hinterlassen hatte. Dabei war Karlotta so stolz darauf, dass alle sagten, wie eigenständig und gut sie ihr Leben allein meisterte. Sie war eher diejenige, zu der die anderen mit Problemen kamen. Hatte sie selbst das Bedürfnis nach Hilfe, unterstützendem Rat oder nach neuer Sichtweise, wandte sie sich nicht unbedingt sofort an Freunde, sondern erst einmal vertrauensvoll an die Suchmaschine.

Eine wundervolle Einrichtung: Das Netz macht kundig ohne nachzufragen, man kann jedem Informationswunsch ungestört freien Lauf lassen und ihn immer weiterverzweigt verfolgen. Das Netz bemerkt auch nicht die Betroffenheit, mit der man plötzlich einen Themenbereich einzukreisen beginnt; es stellt kommentarlos immer detailliertere, immer gezieltere Einsichten und Erkenntnisse zur Verfügung.

Als Karlotta Klammer-Mutter eingab, fand sie zwischen Mutter Klammer Vespa-Rücklicht, Klammer Mutter Türbefestigung (unpassende Bilder melden) auch gleich ihre vage Befürchtung abgebildet: klammernde Mutter, Porträt einer starken Frau. Aha, aber die sah ganz sympathisch aus? Um die fünfzig, lockigkurzes Haar, wissendes Lächeln, schaute sie sie mit wachem Blick an. Also beunruhigt weitergescrollt: Klammernde Eltern und ihre Tyrannei der Intimität, begann der Artikel aus der WELT und fuhr fort: Wenn Kinder groß werden, kämpfen Eltern mit Trennungsschmerzen. Das traf es noch nicht ganz, sie als Witwe eher halb – oder doppelt? Aber vielleicht kam der folgende Eintrag ihrem nagenden Zweifel näher: Mütter und Söhne – eine besondere Beziehung titelte das BRIGITTE-Forum: Jede Mutter neigt dazu, sich an ihren Sohn zu klammern, und die Gefahr, dass das ein Leben lang so weitergeht, ist sehr, sehr groß. Ziemlich plattes Klischee!

Oder wollte Sebastian genau das ausdrücken? Konnte er dieses Du bist einfach unerträglich am Ende genau so gemeint haben?

Ihr Sohn?

Konnte er nicht, war Karlotta sich ziemlich sicher gewesen, denn sie beide verband zu viel Offenheit, unkomplizierte Freundschaft und aufrichtige Freude für und miteinander. Familien-Highlights blitzten auf: Fröhliche Kindheit und Jugend mit Fußballgerangel von Vater und Sohn, mit Schwimmen in den Ferien, mit Gelächter und Sorgen im Auto beim Abholen von der Schule, mit Anzugkauf, Wagenwaschen und Damen-Blumengesteck für den Abschlussball, mit Sebastians Freude auf die weite Welt und das sichere Elternhaus im Rücken.

Und es verband sie beide zu viel Durchlittenes, danach, mit seinem Vater.

Karlotta wusste noch genau, wie sehr sich Nikolaus trotz fortgeschrittener Krankheit gefreut hatte, als sein Sohn den Studienplatz in London bekam. Und wie oft Sebastian später, als wohne er nur um die Ecke in Berlin, nach kurzem Durchruf herübergeflogen kam.

Kurze Wege

»Wie geht’s, Papa … Ja, dachte ich mir schon, deine Stimme klang anders … ich bin auf dem Weg nach Heathrow, hab noch einen Platz auf der 15:45 gekriegt, nein, nein, schon okay, die Klausur ist erst nächsten Dienstag, bestimmt … nein, ich will kommen, kannst du mich in drei Stunden vom Flughafen abholen?«

Karlotta legte auf, ging hinauf ins Schlafzimmer, schaute nach der Infusion; die lief ruhig, Nikolaus schlief.

Mein Gott, wie dünn und grau er aussieht, er atmet ganz flach. Wenn er wach wird, tu ich so, als ob Samstag ist. Wo Sebastian jetzt so häufigam Wochenende aus London herüberkommt, wird er keinen Verdacht schöpfen.

Das Morphium war ein Segen. Vor ein paar Monaten hatte sie es noch verflucht. Es hatte bewirkt, dass Nikolaus sich auf einmal wieder stark fühlte, unrealistisch stark. Er wollte zur Arbeit, selbst mit dem Auto hinfahren, sie hatten sich fürchterlich gestritten, schließlich hatte er zugestimmt, dass sie ihn fuhr. Seine Kollegen waren großartig: »Wie gut, dass Sie da sind, wir brauchen unbedingt die Zahlen vom letzten halben Jahr, nein, nein, Sie sehen gut aus, wirklich!«

Alle waren großartig: der befreundete Arzt, der ihr die Angst vor der Infusion und den Medikamenten genommen hatte, die Nachbarn und Freunde, die ihn so lange es irgend ging, an allem teilhaben ließen. Und Sebastian. Er sprach mit seinem Vater, wenn sie überhaupt nicht weiterkam, so wie damals, bei dem Streit ums Autofahren. Er kam jetzt fast jedes Wochenende, rief dauernd an. Half ihm nach unten ins Wohnzimmer oder in den Garten. Redete immer mit ihm, über Männersachen, Fußball und Versicherungen, ihrer beider Ingenieur-Studiengänge – früher in den 70er-Jahren in Berlin, heute drüben in London –, sah fern mit ihm. Machte zusammen mit ihr das Abendessen, spielte ein bisschen Klavier, und Karlotta atmete den frischen, süß-zimtigen Kaffeeduft über ihrem Becher ein, alles ganz so wie früher. Er ging nur kurz zu Freunden und rief von unterwegs an: »Mama, brauchen wir noch was vom Einkaufen?«

Bei der Beerdigung waren sie sich einig: So hätte Papa das gefallen. Die Kirche voller Sonnenblumen und alle seine Kollegen waren da – manche kannten sie gar nicht – und die Nachbarn, seine Schwestern, die Cousine, Freunde, viele davon Sebastians, und die Pateneltern. Sebastian hatte alle vom Flughafen abgeholt, hatte mit ihr die Gästebetten bezogen, die Bewirtung vorbereitet, und dann waren sie zusammen vor die Trauergäste in den Garten getreten und hatten allen für die Anteilnahme gedankt.

Ihre beste Freundin sagte: »Man hat ihn früher schon immer für älter gehalten, aber heute wirkt er besonders erwachsen. Wie gut, dass ihr euch habt.«

***

Nach weiteren drei Jahren mit erster Berufserfahrung in London zog Sebastian um nach Boston, zum zweijährigen Masterstudiengang am Massachusetts Institute of Technology. Karlotta freute sich sehr für ihn und sie freute sich auf die USA. Das letzte Mal waren sie noch gemeinsam zu dritt drüben gewesen; Nikolaus war nachgekommen zu ihrer alten Freundin in Florida, weil sein Urlaub sich nicht genau deckte mit den Schulferien von Sebastians deutsch-amerikanischer und Karlottas Schule für Erwachsenenbildung.

Im Laufe der Jahre war Karlotta, die begeisterte Englischlehrerin, mit ihren beiden heuschnupfengeplagten Männern fast die ganze Ost- und Westküste herauf und herunter gereist, immer entlang der lindernden Ozeanluft. Erst Kinderferien am Strand mit Buddeln und Buggieboard, dann auf Huckleberry Finns Spuren am Mississippi-Delta oder an Michael Jacksons Neverland Ranch in Kalifornien vorbei. Später kamen Key West und das Hemingway Projekt sowie der Melting Pot New York für die Abi-Kurse. Alles zwischen Sport, Feriencamp und Baden im Meer, oft zusammen mit alten und neuen Freunden.

Und nun wieder Boston. Dort war sie das letzte Mal als junge Austauschlehrerin gewesen. Sie hatte Noam Chomskys Amerika und die neuenMandarine verschlungen, ihre Referendararbeit über den kritischen Sprachwissenschaftler geschrieben und dann in seinem Seminar gesessen.

Sebastian winkte ab, als sie ihn beim ersten Besuch zu ihrem Guru mitnehmen wollte, der immer noch Vorträge hielt. Aber sie gingen zusammen zu den Boston Pops und saßen mit seinen Freunden beim Jazz und beim Brunch. Sie sprachen über sein Studium, alte Berliner Freunde mit Zoff und Tratsch, Grabpflege und ihre Haus-Renovierungspläne, über seine Londoner Freundin, deren französische Familie und die Vor- und Nachteile einer Fernbeziehung – Family Talk.

Nach einem weiteren Zwischenstopp bei ihm, den sie auf dem Rückweg von Freunden einlegte, stand schon Sebastians Master-Abschluss an. Inzwischen hatte Karlotta seine neue Freundin näher kennengelernt.

Fisch im Salzmantel

Karlotta traf Claire das erste Mal in einem Londoner Restaurant. Gebannt hatte sie Claires Hand verfolgt, wie sie langsam, langsam das Messer unter die Salzkruste ihrer Forelle schob und diese mit Bedacht zur Seite legte. Die Gabel bewegte den freigelegten Fisch hin und her, hin und her. Über den Teller hinweg sah Claire die Mutter ihres neuen Freundes höflich lächelnd an: »I hope you like the restaurant.«

Ein wenig verwundert zwar, über den starken französischen Akzent, war Karlotta doch recht angetan von der Bereitschaft der Vielbeschäftigten, sich auf einen schnellen Lunch im Bankendistrikt zu treffen – was sie nicht hinderte festzustellen, wie dünn die Oberarme ihres Gegenüber durch die teure, tadellose Business-Bluse schienen.

Sie sprachen über dies und das; die Butzenscheiben des Pubs verzerrten den vorüberfließenden Verkehr. Ja, sie fahre oft nach Hause, im Eurostar von London aus, in knapp drei Stunden. Die Eltern besaßen ein Pariser Familienunternehmen, eine bekannte Dessous-Kette, deren Models Karlotta nach Sebastians Hinweis plötzlich aus Zeitschriften und von großen Werbetafeln in Berliner Kaufhäusern anzuschauen schienen. Ja, als junges Mädchen sei sie bisweilen mit ihrem Vater auf die Messen gefahren, hätte sich aber für Finanzmathematik entschieden, das Studium – wie schon die Schule – brillant abgeschlossen und wolle auf keinen Fall in die Firma, das solle ruhig der jüngere Bruder tun. Ihre kleine Schwester käme dafür nicht infrage, die sei zu chaotisch.

Ein Vierteljahr später war diese Chaotin mit ihrem Freund bei Karlotta zu Besuch in Berlin. »Bitte alle zwei Gästezimmer für die beiden, Mama, nur, falls mal nachgefragt wird – die Eltern sind eben sehr konservativ, aber auch sehr nett und warmherzig. Wenn ich in Paris bin, schlafe ich immer beim Bruder im Zimmer und wir lachen, wenn ich rüber gehe zu Claire.«

Der Freund der kleinen Schwester, siebenundzwanzig wie Sebastian, machte sich lustig darüber, dass die Eltern von ihm nichts wissen durften, weil die kleine Schwester zu jung sei, erst neunzehn! Wahrscheinlich sei er nicht standesgemäß, auch weil er nur einen mittelmäßigen Uniabschluss geliefert hätte. Die beiden Besucher sprachen sehr lieb von Sebastian, fanden ihn interessant und einen wirklichen Kumpel, der erstaunlich gut mit der großen, recht beherrschenden Claire zurechtkam. Die hatte Karlotta inzwischen ein paar Mal an verschiedenen Orten erlebt, und so fragte sie vorsichtig bei ihren Gästen nach, ob Claire denn ständig überarbeitet sei und deshalb so abwesend wirke. Nun ja war keine sehr hilfreiche Antwort. Im Winter fuhr Sebastian mit Claire und ihrer Familie in deren Ferienhaus. Er berichtete begeistert von den Rhone-Alpen, von langen Touren und Gesprächen mit ihrem Vater und Bruder, während die Maman mit den beiden Schwestern wandern ging. Karlotta freute sich für ihn.

Silvester hatten sie wieder einmal das Haus voll, Verwandte, Freunde, viele aus Sebastians Schulzeit dabei. Claire war auch angereist, eine riesige Party. Alle außer ihr trugen Raketen auf den Platz vor dem Haus, reichten Gläser und Pfannkuchen herum. Claire hatte Kopfschmerzen, aß so gut wie nichts, antwortete auf besorgte Fragen mit einem Halbsatz, wandte sich weg, hielt Sebastian immer an der Hand oder lehnte an ihm, auch in den folgenden Tagen. Nur wenn er mit ihr ausging, taute sie auf. Danach sprach Karlotta ihren Sohn an. Ja, ja, gab er zurück, die Freunde hätten es auch bemerkt, sie ließe ihm schon etwas wenig Luft. Claire sei eben so. Nein, nein, es gebe kein Problem. Das mit der Essstörung hätten ihre Eltern verneint, ärztlicher Rat sei unnötig, unerwünscht.

Beim großen Hochzeitsfest eines entfernten Cousins ein paar Monate später machte Karlotta nur noch schwache Versuche, Claire irgendwie einzubeziehen, denn die hing meist an Sebastians Arm oder schaute halb lächelnd in die Weite, nachdem sie kurz irgendeine Antwort gegeben hatte; nur mit einer bestimmten Art junger Männer ließ sie sich auf ein etwas längeres Flirtgespräch ein. Essenszeiten oder geplante Aktivitäten der Gastgeber waren unwichtig für sie. Sebastian stellte alles als völlig normal hin, wurde auf Nachfragen gereizt. Er meinte, bei der Fernbeziehung, die sie führen müssten, sei es doch nur zu verständlich, dass Claire ihn keine Sekunde mit anderen teilen wolle.

Endlich geschafft: Examen. Nach anderthalb gemeinsamen Urlaubswochen kamen die beiden zusammen nach Boston zur Graduation. Es gab Pomp und Party mit dem üblichen Abschlussstreich der Ingenieure, die in diesem Jahr auf dem Dach der Uni ein Auto zusammengebaut hatten, ein Hybrid-Modell natürlich. Helle Aufregung und polyglotte Begeisterung unter den aus der ganzen Welt