Raw Café - Sarah Pankow - E-Book

Raw Café E-Book

Sarah Pankow

0,0
7,49 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Raw Café ist die bewegende Geschichte einer jungen Frau, die in der schlimmsten Krise ihres Lebens erkennt, dass ihre wahre Größe auf der anderen Seite ihrer Angst liegt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 348

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Für Yuma und Olive

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Vorwort

Alles wirkliche Leben ist Begegnung. Alles, was ich über das Leben weiß oder mir einbilde, über das Leben zu wissen, habe ich von anderen Menschen gelernt. Ich habe das allerdings erst spät verstanden, musste viele, zum Teil schmerzhafte Erfahrungen machen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Die Wahrheit ist, dass mir auch heute die meisten Menschen sehr suspekt sind. Ich verstehe sie nicht, ihre Illusionen, ihre Masken, ihre sich selbst und andere verarschenden Spielchen. Ich habe das System der Selbstverarschung schnell durchschaut und aus dieser frühpubertären Cleverness heraus ein zeitweise recht überhebliches und selbstverherrlichendes Verhalten an den Tag gelegt. Ich erinnere mich, dass ich mich oft Gleichaltrigen, und, was für eine muslimische Gesellschaft sehr ungewöhnlich ist, sogar Älteren überlegen gefühlt habe. Die Menschen lassen sich so schnell von gesellschaftlichen Normen und Vorschriften einsperren, lassen sich freiwillig ihrer Freiheit berauben und sind zum großen Teil sogar glücklich darüber. Sie freuen sich, wenn ihnen jemand sagt, was sie tun sollen und wie sie es tun sollen. Dann brauchen sie sich keine eigenen Gedanken zu machen und haben dennoch das Gefühl zu etwas nützlich zu sein. Das ist einfach und angenehm. So haben es die Menschen gern. Ich kann mir nicht helfen, aber derlei Verhalten löst bei mir Verachtung aus. Wozu haben wir denn unser eigenes Gehirn? Auf der einen Seite, das Geschwafel von einzigartigen, individuellen Lebewesen, jeder anders als die anderen, jeder mit einer besonderen, unvergleichlichen Persönlichkeit. Auf der anderen Seite ein Gesellschaftssystem, das unweigerlich dazu führt, diese Einzigartigkeit zunichtezumachen, die unterschiedlichen Persönlichkeiten einander anzugleichen. Natürlich wird es anerkannt und mit Glück geschätzt, sich einen Teil seines speziellen Charmes zu bewahren, aber eben nur solange dieser nicht dem als allgemeingültig anerkannten Code eines gesellschaftlich korrekten und zivilisierten Verhaltens in die Quere kommt. Zu dieser wesensvernichtenden Assimilation gibt es unterschiedliche Mechanismen. Auf der einen Seite die Belohnenden; man wird mit gesellschaftlicher Anerkennung oder gar Bewunderung belohnt, wenn man die Vorgaben eines anständigen Lebens souverän erfüllt. Wenn man etwas Vernünftiges studiert, einen angesehenen Beruf ausübt und dabei erfolgreich ist, wenn man ein zumindest nach außen glücklich erscheinendes Eheleben führt, wenn man ein paar Kinder aber auch wiederum nicht zu viele davon hat und diese immer modisch kleidet, ihnen die Gesichter eincremt und sie vergnügt draußen spielen lässt, ohne, dass sie sich dabei schmutzig machen, wenn man ein schickes Häuschen mit Garten hat, ein oder besser zwei moderne Autos mit deutschen Motoren, ein paar Reisen zu angesagten Urlaubsdestinationen unternimmt, ja dann kann man sich ungeniert mit den Worten »Ich habe es geschafft« schmücken und sich an den anerkennenden aber auch nicht ganz neidfreien Blicken seiner Mitmenschen erfreuen. Verstärkt wird der Drang, diesen fast überall auf der Welt als erfolgreich anerkannten Lebensentwurf umzusetzen, neben der belohnenden durch eine bestrafende Strategie. Schafft man es nicht, sich den hübschen Vorgaben unterzuordnen, findet man sich einem enormen gesellschaftlichen Druck ausgesetzt, der die Nerven strapaziert und deren Belastbarkeit auf eine harte Probe stellt. Man hat mit Gefühlen der Angst, der Scham, der Unsicherheit und mit Zweifeln zu kämpfen. Die Kombination dieser beiden Strategien drängt die Menschen in die Enge und lässt kaum ein Entkommen zu. Nur wenige hinterfragen das System überhaupt und von denjenigen, die es doch tun, geben die meisten früher oder später dem Druck nach, der durch das ständige Schwimmen gegen den Strom entsteht. Sie gelangen irgendwann an den Punkt, an dem sie ein bequemes Zurücklehnen, ein »Endlich ist er zur Besinnung gekommen« der Gesellschaft dem unerbittlichen Kampf gegen die Masse vorziehen, die in großen Teilen nicht aufhört, einen zur Vernunft bringen zu wollen und in kleinen Teilen, einem diese großartige, wahrhaftige Freiheit des Seins nicht gönnen will. Einige aber, wenige, hören die Stimme in ihrem Inneren so laut, klar und deutlich, dass sie ihr blind folgen können und nicht anders können, als ihr zu folgen. Für sie ist das Schwimmen gegen den Strom kein unermüdlicher Kampf, sondern ein kraftgebender Akt. Überhaupt kämpfen sie nicht gegen, sondern für etwas – und das kann nur kraftgebend sein. Sie stellen sich nicht gegen die Gesellschaft, sie akzeptieren die Wege der anderen Menschen, aber sie kennen ihren eigenen Weg und sie gehen ihn bedacht und bewusst, stehen gerade für ihre Ideale und verfolgen sie vehement. Sie schöpfen Energie aus dem Streben nach ihrer eigenen Wahrheit und dem Schaffen ihres individuellen Lebensentwurfs. Sie erkennen, dass ein Handeln im Einklang mit ihrem tiefen inneren Wissen von einer Festigkeit und Überzeugung ist, die durch Ablehnung und Herabwürdigung nur noch wächst, anstatt geschwächt zu werden. Scham und Zweifel sind etwas für Leute, die sich ihrer selbst nicht sicher sind und deren Handeln nicht auf einer tausendprozentigen inneren Überzeugung fußt. Sie entstehen da, wo man nicht wirklich mit den gesellschaftlichen Vorgaben übereinstimmt, aber auch nicht so recht weiß, wer man eigentlich selbst ist, was man will, wofür man steht. In einer solchen Situation ist es am einfachsten, sich dem vorhandenen System zu fügen und aus der daraus resultierenden Stabilität Halt zu gewinnen. Dies ist jedoch eine Illusion, die ins Schwanken gerät, sobald die äußeren Strukturen wegfallen oder Veränderungen unterworfen sind. Der wirkliche, unzerstörbare Halt kann nur aus dem Inneren kommen, aus der Verbindung zu sich selbst, der Verwurzelung in Mutter Erde, der Einheit mit dem Universum. Es lohnt sich also, den schwierigen Weg zu gehen, den zu sich selbst. Ich habe mich schon früh dafür entschieden. Es war ein harter Weg, nicht immer lustig, aber ich habe keine Sekunde daran gezweifelt, dass er es wert ist, alle Strapazen auf sich zu nehmen. Ich möchte eins im Vorfeld klarstellen: mein Weg hat nichts mit dem heutzutage glorifizierten spirituellen Bullshit zu tun. Ich entschuldige mich für meine ungehobelte Ausdrucksweise, aber ich habe es nicht so mit trendbasierten Lebensentwürfen. Ich stehe auf Echtheit und die hat nie etwas zu tun mit massentauglichen Erscheinungsformen und Verhaltensmustern. Und doch können sie nah beieinander liegen. Ich kenne eine beeindruckende Frau, die mich diesbezüglich viel gelehrt hat. Es gibt nicht viele Menschen, die frei genug sind, sich ihren eigenen Weg zu erdenken, geschweige denn stark genug, diesen zu gehen. Daher bin ich immer sehr skeptisch, wenn jemand mit spirituellem Geschwafel daherkommt und gesellschaftskritische Reden schwingt, die nach auswendig gelernten Vorträgen klingen. Wie gesagt, ich halte das für Bullshit. Jedenfalls größtenteils. Meistens steckt nicht viel dahinter. Natürlich ist die Leistung, die Inhalte unzähliger Bücher auswendig zu lernen, in ihrem Ausmaß nicht zu unterschätzen, aber die Genialität der beschriebenen Gedanken gehört dann nie der Person, die sich damit schmückt. Ich ziehe einen eigenen genialen Gedanken tausend auswendig gelernten klugen Worten vor. Um ehrlich zu sein, kann ich nur dann mit Ideen und Vorstellungen etwas anfangen, wenn sie ebensolchen eigenen Gedanken entspringen. Also war ich vorsichtig, als ich Gaia kennenlernte. Sie gab mir am Goethe-Institut Individualunterricht, nachdem ich aufgrund persönlicher Differenzen den Gruppenkurs verlassen hatte. Ihr Betreten des Raumes schien wie ein Auftritt: Stolz und elegant schritt sie hinein und ihre Anwesenheit veränderte sofort die Atmosphäre und erfüllte die Luft mit Leben und Spannung. Ihre Bewegungen waren von einer stolzen Sicherheit, ihr Blick war klar und doch schien sie nicht im Geringsten arrogant zu sein. In ihren Augen funkelte das Wissen um ein verschollenes Geheimnis, von dem ich mehr wissen wollte, und ihr Lächeln war selbstbewusst und doch irgendwie verlegen, was sie gleichzeitig aufreizend und niedlich aussehen ließ. Mein Interesse wurde vor allem durch dieses mysteriöse, undurchschaubare Flimmern, das sich hinter ihrer Erscheinung verbarg, geweckt. War da wirklich etwas oder handelte es sich um einen Trick der weiblichen Verführungskunst? Allerdings schien sie keine Anzeichen zu machen, mich verführen zu wollen. Vielleicht war es aber auch gerade das? Zugegebenermaßen war ich ein wenig verwirrt und neugierig, dem Geheimnis auf die Sprünge zu kommen. Es interessierte mich viel mehr als der Deutschkurs, sodass wir uns schon bald in einem Café trafen und dort angeregte Gespräche führten, statt den Unterricht fortzusetzen. Eines Tages ließ sie eines ihrer Moleskine im Café liegen. Ich nahm es mit nach Hause und las es mir durch. Ihre Eintragungen ähnelten unseren Unterhaltungen sehr. Es gelang ihr immer wieder, an meinen fest verankerten Überzeugungen zu rütteln und mich dazu zu verführen, hinter den Schleier einer illusionären Realität zu blicken, von der ich dachte, ich hätte sie längst durchschaut. Das, was ich dort sah, würde ich gern der Welt mitteilen, aber ich glaube, das kann sie selbst viel besser. Vielleicht wird sie es irgendwann tun.

Es stellte sich schnell heraus, dass Gaia sehr gebildet und intelligent ist. Sie konnte mich in Grund und Boden reden mit ihren klugen, zum Teil sehr weisen Ansichten und Erkenntnissen und es fiel mir nicht leicht herauszufiltern, was wirklich ihren eigenen Gedanken entsprang und was nur aus schlauen Büchern geklaut war. Ohne das Gegenteil beweisende Fakten ging ich erst einmal von Diebstahl aus und fand es trotzdem erstaunlich interessant, dem Diebesgut zu lauschen. In der Regel lässt sich so ein Delikt ziemlich schnell aufdecken. Der Täter weiß meistens keine Antwort auf Fragen, die mehr als nur ein bloßes Wiederholen des auswendig gelernten Inhaltes erfordern. Gaia hingegen konnte mich an dieser Stelle eines Besseren belehren und durch ihre ungeheure Auffassungsgabe und einzigartige Interpretationsfähigkeit beeindrucken. Ich war nicht immer einig mit ihr, was oft zu hitzigen Auseinandersetzungen führte, aber darum geht es meiner Meinung nach auch gar nicht. Wenn man sich immer mit anderen Menschen einig ist, dann ist es höchste Zeit, die eigene Weltsicht zu hinterfragen, denn offensichtlicher kann es nicht werden, dass man im System gefangen ist. Andere Ansichten und Meinungen können durchaus sehr bereichernd sein. Man muss nur in der Lage sein, sich diesen gegenüber zu öffnen und sie mit offenem Herzen anzuhören, auch und gerade dann, wenn man sie nicht teilt. Gaia zitiert gern Philosophen und Poeten und eines der Zitate lautet: »Wenn du sprichst, wiederholst du nur, was du eh schon weißt. Wenn du aber zuhörst, kannst du unter Umständen etwas Neues lernen.« Ich habe vergessen, von wem dieses Zitat stammt und finde es auch gar nicht so wichtig. Wichtig war für mich, zu sehen, dass diese junge Frau schon so viel von dem versteht, was sie da zitiert und viel wichtiger, dass sie auch danach lebt, besonders was das obige Zitat anbelangt. Aber sie hört nicht nur zu, sie kann auch reden, besonders dann, wenn sie etwas bewegt. Dann leuchtet ein Feuer in ihren Augen und sie fängt an zu brennen. Das kann sehr schön anzusehen sein, manchmal aber auch gefährlich werden. Wie das mit Feuer eben so ist. Wenn sich der Sturm legt, ist sie ruhig und gelassen, ruht in sich selbst, hört bedacht zu und scheint mitunter in einer fernen Welt zu sein, wenn sie einem Gedanken nachhängt, ihm folgt an einen unbekannten Ort in sich selbst. Es scheint genau dieser Ort zu sein, an dem sie die eigenartigen, teils faszinierenden, teils aufwühlenden Erkenntnisse findet. Dieser Tatsache verdankt sie ihre geistige Freiheit, ihre Bodenständigkeit und Offenheit gegenüber Neuem. Sie lebt den Moment und vertraut dem Leben. Das verleiht ihr eine anziehende Ausgelassenheit und Unbeschwertheit und macht sie gleichzeitig stark und mutig. Und doch ist da dieser Hang zum Nacheifern eines auf Trends basierendem Lifestyles, den sie im Prinzip so verachtet. Sie ist eine von Widersprüchen geprägte Frau, die einen Scheiß darauf gibt, was gerade angesagt ist und es lächerlich findet, wenn andere sich davon beeinflussen lassen und es dennoch gleichzeitig, wenn auch unbewusst, manchmal selbst tut. Sie belächelt die gesellschaftliche Selbstverarschung gegen die sie selbst nicht gänzlich immun ist, obwohl sie sie so klug durchschaut hat.

Gaia erzählt Geschichten von dem Gesetz der Anziehungskraft. Ich denke, sie hat auch darüber wieder zu viele Bücher gelesen. Dennoch hat sie den Sinn verstanden und präzise zusammengefasst. Wir alle bestehen aus Energie und je nachdem, wie wir unsere Energie nutzen, was wir damit anstellen, ziehen wir andere Energien an, und zwar die, die unseren eigenen entsprechen. Ich habe dafür nicht so hübsche Worte gefunden wie sie, aber das ist meiner Ansicht nach die Kernbedeutung oder zumindest das, was davon bei mir hängen geblieben ist. Ich konnte mich vielfach in meinem eigenen Leben davon überzeugen. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Situation, in der meine Energien sehr aggressive Formen annahmen. Zugegebenermaßen lasse ich mich schnell von Idioten im Straßenverkehr stressen. Die meisten Menschen wissen einfach nicht, wie man Auto fährt. Einer dieser Idioten hat mich geschnitten, als ich zu spät dran und genervt war und kurz nachdem ich ihn aufs Übelste beschimpft habe – wenn ich Auto fahre ist meine Ausdrucksweise besonders ungehobelt – wurde er angefahren und hatte eine schöne fette Beule in seinem schicken Wagen. Ich zog an ihm vorbei und genoss meine Schadenfreude. Heute sehe ich ein, wie albern und unreif derlei Verhalten ist, aber ich stehe dazu, dass ich häufig eine genussvolle Freude beim Anblick von Unglück und Schaden anderer empfunden habe. Ein paar Tage nach dieser Angelegenheit bin ich selbst in einen blöden Unfall geraten und habe einen ähnlichen Schaden an meinem Auto davongetragen. Man kann das natürlich auch als Zufall abtun, aber ich habe schon zu oft solche Erfahrungen gemacht, um dabei nicht eine höhere Macht zu vermuten.

Ich glaube an Gott oder wie auch immer man ihn nennen mag. Von Gaia weiß ich, dass die Ureinwohner Lateinamerikas in der Gottheit eine Energie sahen, die Männlichkeit und Weiblichkeit in sich vereint. Mir gefällt diese Idee, auch wenn ich nicht hundertprozentig zustimme. Das Konzept einer Gottheit ist etwas Übermenschliches und übersteigt somit meine Vorstellungskraft. Ich muss es auch gar nicht verstehen können. Am wenigsten verstehe ich, dass die Menschen immer meinen, es verstehen zu müssen. Sie denken, nur wenn sie es mit ihrem Verstand in eine vorgefertigte Kategorie einordnen können, ist es auch echt. Das ist doch Bullshit. Wenn es tatsächlich einen Gott gibt, der diese Welt, der ja dann wahrscheinlich sogar das ganze Universum erschaffen hat, von deren Entstehung und Beschaffenheit wir, wenn überhaupt, einen Bruchteil mit den nicht voll ausgeschöpften Möglichkeiten unserer kleinen Gehirne erfassen können, dann ist doch die einzig logische Schlussfolgerung, dass wir den Schöpfer zumindest in diesem Leben auf Mutter Erde nie gänzlich begreifen können. Wir machen uns im Gegenteil ein Bild von ihm, das in unser selbsterschaffenes Schubladensystem passt, damit wir es bei Gelegenheit herausholen und stolz herumzeigen können, was wir uns da tolles zusammengereimt haben.

Bedauerlicherweise ist das ja nicht nur mit Gott so, sondern mit so ziemlich allem. Die Menschen trauen sich nicht, sie selbst zu sein, aus Angst vor Ablehnung oder gar Verspottung ihrer individuellen Ausdrucksweise. Ich liebe Menschen, die echt sind. Menschen, die in Verbindung zu ihrem tiefen inneren Wissen stehen und ganz natürlich ihr authentisches Selbst leben; die ihre Abgründe kennen und ihr Mitgefühl pflegen, die den Mut aufbringen, sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen, und stark genug sind, daran zu wachsen und immer wieder aufzustehen. Die meisten Menschen sind leider nicht so. Sie informieren sich gut, welche Meinung man haben sollte, um anerkannt zu werden, fast so als wäre die eigene Meinung eine Uniform, die man sich anzieht, und gehen damit stolz in der Welt umher, ohne zu merken, dass sie nichts als Lügen verbreiten. Da kann es natürlich schnell passieren, dass sie selbst zu diesen Lügen werden und durch diese Schleier von Lügen eine verzerrte Weltsicht erschaffen. Durch diese wiederum steigt das Bedürfnis, sich mit hübschen Lügen zu schmücken. Das ist ein Teufelskreis. In Deutschland kann man dies gerade wunderbar anhand der Flüchtlingskrise beobachten. Ich gebe zu, dass die Situation aus dem Ruder geraten ist und kann auch verstehen, dass sie folglich Besorgnis erregt. Allerdings finde ich es bedauerlich, wie schnell die Menschen die Klarheit in ihrem Geist verlieren, sofern sie denn überhaupt in der Lage sind, diese zu erlangen. Wie schon so oft in der Geschichte der Zivilisation, die mit demographischen Veränderungen zu kämpfen hat, machen sich derzeit Gerüchte breit, die Flüchtlinge seien eine Bedrohung der finanziellen Sicherheit. Wegen ihnen bleibe zu wenig Geld für Rente, Familien und Arme übrig. Diese Gerüchte bieten eine hübsche Rechtfertigung für kriminelle Protestaktionen. Die politischen Hintergründe und verabschiedeten Gesetze, die tatsächlich zu Engpässen der nötigen Gelder führen, sind weitgehend unbekannt und schlichtweg zu komplex, sich mit ihnen näher zu befassen. Fremde Eindringlinge in den eigenen Sicherheitsbereich für jegliche Unannehmlichkeiten verantwortlich zu machen, ist da deutlich einfacher. Da diese Lügenmärchen zusätzlich noch von großen Teilen der Gesellschaft akzeptiert und transportiert werden, braucht man sich auch nicht weiter zu schämen, diesen Unsinn zu verbreiten, sondern kann stolz und unüberlegt an den Hassparolen teilnehmen. Dadurch entsteht eine Auftriebswirkung, denn die sich gegenseitig Lügen erzählenden Wutbürger bestätigen einander in ihren auf Erzählungen basierenden Fehlvorstellungen und heben die nicht vorhandene Kohärenz ihres sinnlosen Geschwafels durch die Multiplikation mit sich selbst auf. Das gilt natürlich nicht nur für die armen ängstlichen Gastgeber, die doch eigentlich nur ihre Ruhe haben möchten, sondern auch für die Flüchtlinge selbst, die erwarten, im Schlaraffenland anzukommen und sich dann gegenseitig in ihrer Empörung über die unmenschlichen Zustände der Flüchtlingsheime hochschaukeln. Im Endeffekt gleichen sich diese Meinungen darin, dass sie keine sind, zumindest keine eigenen. Sich eine eigene Meinung zu bilden, ist anstrengend und kann darüber hinaus dazu führen, dass man schräg angesehen wird. Das mögen die Menschen nicht und es interessiert sie auch nicht, dass es außerdem eine Integrität schafft, die einem Kraft und Stabilität schenkt, die dem Leben einen Sinn und eine Form gibt. Sofern sie das überhaupt erkennen, finden sie es zwar eigentlich toll, trauen es sich jedoch nur selten zu. Denn es erfordert Mut, Stärke und Energie; Attribute, die den meisten Menschen nur aus Erzählungen bekannt sind, da sie nicht wissen, dass wir alle sie in uns tragen. Das ganze Universum ist in uns und wir müssen uns alles abverlangen. Stattdessen labern die Menschen anderen nach dem Mund, richten sich ihr Leben nach gesellschaftlichen Vorgaben ein und sind zufrieden, wenn ihre Imitation weitgehend fehlerfrei gelingt. Das Lügengerüst, in dem sie sich ihr Leben aufgebaut haben, geben sie so an kommende Generationen weiter, denn sie sehen es ja nur von innen und erkennen daher seine abstruse Form nicht. Würden sie heraustreten aus dem Gerüst, dann könnten sie sehen, wie lächerlich es ist, sein Leben dem Dienst an einem arbiträren System zu opfern und sich für die Werte und Vorstellungen anderer zum Narren zu machen. Sie glauben, was sie tagtäglich sehen, sei die Realität und verstehen nicht, dass es nichts als ein Theaterstück ist, bei dem sie jederzeit die Möglichkeit haben auszusteigen. Genauso ist es mit unserem Geist. Unsere komplette Bildung ist darauf ausgerichtet, den Geist zu fördern und zu entwickeln. Das ist einerseits gut und andererseits einseitig. Es führt dazu, dass wir Menschen uns mit unserem Geist identifizieren und verwechseln. Das kann gefährlich werden. Sicher, wenn wir einen Gedanken nur lange und oft genug denken, dann geht er irgendwann in unser Bewusstsein über und wird somit ein Teil von uns, aber es liegt in unserer Macht, die Gedanken zu reflektieren und zu hinterfragen, bevor wir sie annehmen. Denn, und das ist wahnsinnig wichtig, wir sind nicht unsere Gedanken, wir sind nicht unser Geist. Sie sind ein Teil von uns, wie ein Muskel, den wir trainieren und nutzen können, aber es liegt an uns, zu entscheiden, wie und wozu. Ich muss keinen Gedanken zulassen, der mir die Freude am Leben raubt, genauso wenig wie ich einen Einbrecher in mein Haus einlassen muss. Ich kann alle Gedanken aus meinem Geist verbannen, die mich nicht glücklich machen. Wenn ihnen jedoch freien und unbeschränkten Zutritt in meinen Geist gewähre, dann brauche ich mich auch nicht zu wundern, wenn sie sich diesem bemächtigen und ihn zu ihren eigenen Zwecken missbrauchen. Wenn ich mich selbst mit meinem Geist verwechsle, dann sehe ich ihn nur von innen und erkenne nicht seine wahre Beschaffenheit. Begreife ich ihn jedoch als ein Werkzeug, das mir gegeben ist, um durch Wahrnehmung, Reflektion und Produktion von Ideen und Vorstellungen mit der Welt zu kommunizieren, dann kann ich ihn von außen begutachten und mit Leichtigkeit die Kontrolle über meine Gedanken zurückerlangen. Ich entscheide, welche Gedanken ich annehme und welche ich abweise und nur ich allein entscheide, ob ich einen Gedanken akzeptiere, analysiere und transformiere oder elaboriere. Wozu auch immer ich mich entscheide, wichtig ist letztendlich nur, dass ich Herr über meine Gedanken bin und nicht sie Herr über mich. Ich bin nicht meine Gedanken, ich bin das aufmerksam beobachtende Bewusstsein, das dahinter steht. Ich kann es spüren, wenn mein Geist klar ist. Stell dir mal ein leerstehendes Gebäude vor. Selbst wenn es abgezäunt ist oder vielleicht auch gerade dann, kommen mit allergrößter Wahrscheinlichkeit ziemlich bald die ersten Eindringlinge und es wird sich schnell herumsprechen, dass man dort geile Partys feiern und überhaupt einfach machen kann, was man will. Wenn du dich selbst als deinen Geist, in diesem Fall als das Gebäude, wahrnimmst, bist du also schlecht dran. Erkennst du jedoch, dass du nicht das leerstehende Gebäude bist, sondern dessen Besitzer, der achtsam über sein Eigentum wacht und gut aufpasst, dass keine unerwünschten Eindringlinge ihr Unwesen treiben, dann kannst du selbst entscheiden, wann dort welche Partys gefeiert werden und wer die Gäste sind. Sei der Wächter deines eigenen Geistes und feiere deine eigenen Partys!

1. Kapitel

Ich verstaute meinen Koffer in einem Schließfach am Hamburger Hauptbahnhof und rief Lilith an. »Hey Lil, wie sieht’s aus? Bist du schon unterwegs?« »Nee, bin noch zu Hause. Anscheinend will jetzt doch keiner mehr mit. Was ist mit dir?« Sie klang ein wenig enttäuscht. »Ich bin dabei! Bin schon am Hauptbahnhof. Also von mir aus können wir vorher noch auf der Schanze was trinken gehen. Oder soll ich zu dir kommen?« Schlagartig besserte sich ihre Stimmung. »Echt? Ich war mir sicher, du würdest auch einen Rückzieher machen. Fährst du nicht morgen früh zu deinem Bruder nach Schweden?« Natürlich hatte ich ihr schon von meinen Urlaubsplänen berichtet. »Ja, ich treff mich um sieben Uhr morgens mit der Mitfahrgelegenheit. Aber ich habe meinen Koffer schon hier verstaut. Also können wir, wenn sie uns wieder mal als letzte aus dem Club schmeißen, noch irgendwo was frühstücken gehen und dann fahre ich los.« »Cool, du bist großartig!« »Danke gleichfalls! Also dann in einer halben Stunde vorm Schanzenpark?« »Perfekt, bis gleich.«

Am Ende waren wir doch noch eine große Gruppe im Uebel & Gefährlich und tanzten zu Beats im Park die Nacht durch. Der Bunker war komplett voll und irgendwann begann der Schweiß von der Decke zu tropfen. Natürlich durfte die Wollmütze als unverzichtbares Accessoire der eingefleischten Hip Hopper trotzdem nicht fehlen. Unter den locker sitzenden Tanktops blitzten die eintätowierten Schriftzüge hervor. Mit Bierflaschen in der Hand wurden lässig die neuesten Moves präsentiert. Ohne den nötigen Alkohol im Blut war dieser Anblick kaum zu ertragen, aber ich gab mich einfach der Musik hin, genoss den Rausch und wurde so Teil der Menge und bewegte mich mit der vom Bass zuckenden Tanzfläche. Euphorisch feierten wir die großartige Performance der DJs und gerieten in Ekstase als Überraschungsgast DJ M den krönenden Abschluss lieferte. Für Gespräche war es inzwischen zu laut und zu spät und so überbrückte ich die längst fällige Tanzpause wild knutschend mit einem heißen Brasilianer. Lil und ich tanzten weiter bis grelle Lichter die dunkle Atmosphäre durchbrachen und sich die letzten Gäste verschwitzt in der Schlange vor der Garderobe sammelten. Der Fahrstuhl brachte uns runter in das kühle Morgengrauen, wo wir wohlig erschöpft über das verlassene Heiligengeistfeld zum Bahnhof St. Pauli liefen. Auf der Autofahrt zur Fähre schlief ich glücklich ein.

Am nächsten Tag ging ich mit meinem Bruder wandern. Durch ein einfaches Holzgatter neben rot und blau gestrichenen Schwedenhäusern, die an Michel aus Lönneberga oder die Kinder von Bullerbü erinnerten, gelangten wir in den Wald hinter seinem Haus. Auf einem Sandweg liefen wir an einem Fluss vorbei, dessen Schönheit mir gleich ins Auge stach. Er war sehr dunkel und tief, aber gleichzeitig glänzte das klare Wasser auf seiner Oberfläche und verlieh der Atmosphäre etwas Mystisches. Sich aus einem Wasserfall speisend, rauschte er wild und schnell an uns vorbei und war doch gleichzeitig ruhig und friedlich in sich. An seiner Seite gingen wir tiefer in den Wald hinein und atmeten dankbar dessen saubere, kühle Luft. »Ist das nicht schön Ezra? Ich liebe diese wunderbar frische Luft«, scherzte ich, unsere Mutter nachahmend. Wir lachten und erinnerten uns, wie wir als Kinder mit unseren Eltern durch diesen Wald spaziert waren. Es gibt nichts Schöneres in der Kindheit, als in der freien, wilden Natur zu spielen und die Welt zu entdecken. »Erinnerst du dich noch, als wir auf den Taberg gestiegen sind?« »Ja klar, der Ausblick dort ist atemberaubend!« Wir beschlossen, bis dorthin zu wandern und dann auf den Berg zu steigen. »Die Natur wird mir fehlen«, seufzte ich beim Anblick der Reinheit und Ursprünglichkeit der Umgebung. »Gibt es denn in Abu Dhabi gar keine Natur?« »Naja, die Wüste halt und ein paar künstlich angelegte Parks und Grünflächen. An der Corniche, einer Promenade, die im Stadtzentrum am Wasser entlang geht, sieht es auf den Fotos ganz schön aus. Aber mit einem richtigen Wald kann man das wohl eher nicht vergleichen.« Ich hatte mir im Internet Fotos angesehen und ein paar Texte überflogen, aber eigentlich wusste ich so gut wie gar nichts über die Vereinigten Arabischen Emirate. Ich habe schon in vielen Ländern gelebt, ohne mich im Voraus über die dortigen Lebensverhältnisse zu informieren. Ich liebe es, total unvoreingenommen loszuziehen und alles selbst zu entdecken. Bislang hat das auch immer bestens funktioniert. In diesem Fall hätte ich wohl aber doch vorher ein wenig mehr über Land und Leute lesen sollen. »Wahrscheinlich nicht, aber es ist doch auch schön, mal etwas ganz anderes, neues zu entdecken. Das liebst du doch so!« Er sprach mir aus der Seele. »Ja, das stimmt. Das ist ja der Grund, aus dem ich mich auf die Stelle beworben habe. Die Neugier auf eine komplett andere Kultur. Ich bin mir sicher, dass mir Lateinamerika und Südeuropa viel besser gefallen, aber da war ich ja schon so oft und kenne schon so viel. Jetzt habe ich Lust, etwas Neues kennen zu lernen. Naja, und natürlich die Festanstellung. Der Job am Goethe-Institut in Hamburg hat mir zwar wahnsinnig viel Spaß gemacht, aber es war auch anstrengend, sich ständig selbst um alles kümmern zu müssen, hinterher zu sein, dass man genug Stunden bekommt. In Abu Dhabi brauche ich mir da keine Sorgen zu machen.« »Ja, das ist echt super. Mich nervt es auch zum Teil, dass ich keinen festen Vertrag habe. Auf der anderen Seite, genieße ich die Freiheit, die das mit sich bringt. Ich weiß gar nicht, wie ich das sonst mit meinem Training hinkriegen sollte.« »Da hast du natürlich auch wieder recht. Auch Selbstständigkeit hat ihre Vorteile. Bei mir ist das Gute, dass ich immer erst abends unterrichte. Die Kursplanung kann ich machen, wann ich will, also habe ich morgens genug Zeit, um Laufen zu gehen. Trainierst du denn im Moment für einen Marathon?« »Ja, ich laufe im Oktober in Frankfurt mit. Papa und ich fahren zu Alex und dann laufen wir zu dritt.« »Cool! Und was strebst du für eine Zeit an?« »Kommt drauf an, wie’s in der Vorbereitung läuft. Auf jeden Fall unter 2:30.« »Nicht schlecht.« »Und du?« »Ich bin in letzter Zeit viel zu selten zum Laufen gekommen. Ich habe so viel gearbeitet. Aber jetzt will ich wieder loslegen. Mal schauen, vielleicht laufe ich nächstes Jahr den Marathon in Dubai. Du kannst ja auch kommen, dann laufen wir zusammen!« »Mal gucken, ich würde ja gern kommen, aber im Moment sieht es finanziell nicht so gut aus. Die Hochzeit und die Flitterwochen waren ganz schön teuer.« »Ja, mal gucken, wenn es nächstes Jahr nichts wird, dann halt übernächstes. Mein Vertrag geht über zwei Jahre.« »Ja, übernächstes Jahr komme ich bestimmt.« Wir waren inzwischen am Taberg angekommen und stiegen schnellen Schrittes die dunkle, von Baumwurzeln durchzogene Erde hinauf. »Läufst du hier auch manchmal rauf?« »Ja, manchmal mache ich ein paar Sprints hier, ist’n gutes Höhentraining. Dadurch bin ich anderen Läufern bei Steigungen oft überlegen.« »Ich müsste das auch mal öfter machen, ist leider meine Schwäche.« Während wir weiter auf den Berg stiegen, bewunderte ich meinen Bruder dafür, dass er auf einer so steilen Strecke sprinten konnte und nahm mir vor, auch wieder häufiger zu trainieren. Ich freute mich, dass ich endlich wieder mehr Zeit hatte. Oben angekommen, setzten wir uns auf einen großen Stein und genossen den herrlichen Ausblick. Weit und breit nichts als Bäume und in der Ferne bunte Holzhäuser. Eine Idylle wie aus dem Bilderbuch. »Vermisst du Hamburg manchmal?«, unterbrach ich gedankenvoll die Stille. »Ja schon. Mir fehlt manchmal das große Kulturangebot, die vielen Veranstaltungen. Aber so oft habe ich das ja eh nicht genutzt.« »Stimmt. Aber was ist mit Stadtpark, Alster, Hafen?« »Nicht so sehr, wie ich dachte. Ich finde inzwischen die Wälder und Seen hier in Jönköping viel schöner.« »Echt? Also ich finde es auch wunderschön hier, aber ich glaube auf die Dauer wäre es mir zu eintönig, zu langweilig.« »Du bist ja auch ganz anders als ich. Du brauchst viel mehr Action, bist ständig unterwegs.« »Ja, so sehr ich die Ruhe und Entspannung hier liebe und mir keinen besseren Ort vorstellen könnte, um abzuschalten, runterzukommen und neue Energie zu tanken, könnte ich, glaube ich, nicht so leben. Zumindest noch nicht.« »Ich liebe die ruhige Atmosphäre hier und das Kleinstadtflair. Es gefällt mir, dass alle sich kennen. Dadurch fühle ich mich mehr zuhause als im anonymen Hamburg. Natürlich vermisse ich Mama und Papa und meine Freunde, würde gern mehr Zeit mit ihnen verbringen. Aber so weit ist es ja auch nicht nach Hamburg und ich habe das Gefühl, wenn ich da bin, genieße ich es viel mehr als damals. Es ist ein viel intensiveres, wertvolleres Zusammensein, wenn man weiß, dass man sich nicht so oft sieht. Findest du nicht?« »Doch, mir geht es genauso.«

Später ging ich allein zu dem Fluss Hassafall zurück und setzte mich am Ufer zwischen Moos und Steinen an einer Stelle nieder, die mich einlud, zu verweilen. Nachdem ich eine Weile dem rhythmischen Lauf des Wassers zugesehen hatte und davon wie hypnotisiert war, kreuzte ich meine Beine zu einem Lotussitz und schloss langsam meine Augen. Ich atmete tief ein und spürte, wie der Sauerstoff der Bäume meine Lungen mit Leben erfüllte. Ich atmete wieder aus und ließ meine Gedanken ziehen. Gedanken daran, dass ich in den vergangenen Monaten viel zu wild gelebt hatte und dringend ein bisschen Ruhe bräuchte. Gedanken daran, dass ich wieder viel mehr laufen wollte. Gedanken daran, wie es wohl in Abu Dhabi werden würde. Ein Gedanke nach dem anderen floss aus mir heraus und das strömende Wasser des Flusses nahm sie mit auf seine Reise. Ich nahm die Stille in mir wahr, die ruhige, friedliche Wachsamkeit. Sie hatte mir viel zu sagen, doch sprach sie ohne Worte. Ich hörte genau zu und gab mich achtsam ihren Klängen hin. Wie ein Kind in den Armen seiner Mutter, wiegte ich mich in Sicherheit und gab mich ganz der Geborgenheit ihrer Umarmung hin. Alles war gut. Sie trug mich fort aus der bekannten Umgebung und brachte mich an einen Ort ganz anderer Beschaffenheit, eine Sphäre der Unbeständigkeit, in der alles sich bewegte und doch immer gleich blieb. Oder es drehte sich so schnell, dass man seine Veränderungen nicht wahrnehmen konnte. Alles floss ineinander und bildete einen kaleidoskopischen Himmel. Als ich wieder in meinem Körper ankam und langsam die Augen öffnete, sah der Wald wie verzaubert aus, die Farben waren intensiver. Die Struktur der Steine, die Einkerbungen der Baumrinde, die vielen verschiedenen Formen und Einzelheiten der Blumen, die Bewegungen der Tiere, alles war von einer magischen Kraft bestimmt. War es genau diese Kraft gewesen, die mich davongetragen und nun wieder zurückgebracht hatte? Ich wusste es nicht und ich wusste auch nicht, wie viel Zeit ich an diesem geheimen Ort verbracht hatte. Vielleicht eine Minute, vielleicht einen ganzen Tag. Es spielte keine Rolle. Ich wusste nur, dass ich auf jeden Fall dorthin zurückkehren müsste. Zuerst einmal kehrte ich jedoch zu meinem Bruder nach Hause zurück. Wir mussten noch Sachen packen, denn wir hatten für das Wochenende einen Camping-Ausflug geplant.

In Gränna angekommen, bauten wir unsere Zelte an einer schattigen Stelle zwischen zwei Bäumen auf. Noch bevor wir unsere Taschen ausgepackt hatten, gingen wir im Wald eine Runde laufen, um die Gegend zu erkunden. Es war ein großer Spaß. Es ist immer ein großer Spaß mit meinem Bruder laufen zu gehen. Aber dieses Mal war es besonders ausgelassen und fröhlich. Wir sprangen über Zäune, hüpften über Baumwurzeln als wären wir Rehe, sprinteten Treppen hoch und jagten einander über Felder. Natürlich hätte ich nie eine Chance gegen Ezra gehabt, aber es war ein spielerisches Jagen. Einmal fing er mich und wir stürzten lachend zu Boden und kitzelten uns gegenseitig. Wir kletterten in ein verlassenes Baumhaus und sahen auf einer Lichtung einen Elch. Alles duftete nach Unbeschwertheit und Freiheit. Beschwingt von diesem freudigen Lauf und erfrischt von einer kalten Dusche, fehlte uns nichts als ein bisschen was zu essen und zu trinken. Wir schmissen den Grill an und holten unsere vorbereiten Speisen raus. Unsere traditionelle Superfoodbattle hatte uns zu einem Quinoa-Salat und selbstgemachten Kale Chips mit Avocado-Dip inspiriert. Zum Nachtisch gab es Chia Pudding und frische Blaubeeren. Aber auch ein kühles Bier und ein paar Steaks durften nicht fehlen. Wir hatten den ganzen Tag noch nichts gegessen und verschlangen genussvoll unsere Gourmetkreationen. Inspiriert durch meine spirituelle Erfahrung am Fluss und die heitere Stimmung, die, wie so oft nach einem guten Lauf, Körper, Seele und Geist durchströmte, fragte ich Ezra: »Glaubst du an ein Leben nach dem Tod?« Ich wusste, dass er seit seiner Auswanderung nach Schweden sehr religiös geworden war, aber wir hatten nie wirklich über dieses Thema gesprochen. Plötzlich wurde er nachdenklich und starrte gedankenverloren auf den See. Er antwortete mir nicht. Später sprachen wir noch über ein paar belanglose Dinge, um die unangenehme Stille zu durchbrechen, aber es blieb ein merkwürdiger Nachgeschmack. Ich konnte in dieser Nacht kaum schlafen, da mich die unbeantwortete Frage und weitere damit zusammenhängende Fragen nicht losließen. Lange lag ich auf dem Rücken wach im Zelt, an die Decke starrend, und hing den Gedanken nach, die in meinem Kopf Karussel fuhren. ›Warum hat er nicht geantwortet? Will er nicht, dass ich weiß, woran er glaubt? Oder weiß er es vielleicht selbst nicht? Ich muss es wohl einfach selbst herausfinden. Es scheint, je mehr ich lerne, desto weniger weiß ich. Vielleicht ist es aber auch gar nicht wichtig, was wir wissen, schließlich ist unser Geist kein Gefäß, das gefüllt werden muss. Wenn wir ihn auffüllen, dann tragen wir viel zu viel mit uns herum, werden von unseren eigenen Gedanken kontrolliert, hin- und hergeworfen, gefangen genommen. Wir müssen uns aus diesem Gefängnis befreien, alles von uns abwerfen, unseren Geist anzünden wie ein Feuer. Nur so können wir völlig präsent sein im jeweiligen Moment und das Leben in uns aufsaugen. Vielleicht ist das Geheimnis des Lebens, alles in der Gewissheit zu tun, dass es aus einem Grund geschieht und dass es einen Sinn ergibt und aus dieser Gewissheit Kraft und Vertrauen zu schöpfen, durch diese Kraft und dieses Vertrauen Entschlossenheit und Überzeugung zu gewinnen, mit dieser Entschlossenheit und Überzeugung seinen Geist anzuzünden, zu brennen und sich mit Menschen zu umgeben, die in die Flammen blasen, so dass sie lustig und fröhlich umhertanzen und Licht und Wärme verbreiten.‹ Ich dachte an das Zitat von Descartes: »Ich denke, also bin ich.« Es schien mir, als gäbe es einen Haken daran. Und ich überlegte weiter ›Müsste es nicht viel eher ich nehme wahr, also bin ich heißen? Unsere Wahrnehmung formt uns. Meine Wahrnehmung wird dadurch geschärft, dass ich den Moment lebe und dem Leben vertraue. Wenn ich weiß, wer ich bin und das Gesetz der Natur, das Weltwissen in mir spüre und durch mich wirken lasse, dann nehme ich wirklich wahr und dann bin ich. Dazu ist es mitunter nötig, alles loszulassen, was wir bislang in unserem Leben gelernt und gehört haben, denn mit allergrößter Wahrscheinlichkeit haben wir es von jemandem gelernt, dessen kopiertes und imitiertes Wissen wieder nur auf kopiertem und imitiertem Wissen basiert. Dieses hat ausgedient und wir brauchen dringend neue Erkenntnisse, aber um zu diesen zu gelangen, müssen wir uns von den alten frei machen, müssen wir neue Menschen werden. Das meiste von dem, was uns erzählt wurde, sind Lügen. Solange wir an diesen festhalten, können wir uns nicht verändern. Das Leben kann nur durch Transformation bestehen, alles, was stehen bleibt, stirbt. Seit ich verstanden habe, dass ich in einem Gefängnis aus meinen gesellschaftlich, kulturell und spirituell konditionierten Gedanken lebe, die mich in der Entfaltung meiner Persönlichkeit als Teil allen Seins einschränken, habe ich nach Weisheiten gesucht, die stark genug sind, die Gefängnisgitter aufzubrechen. Doch wie sollte eine Weisheit, die, wie alles andere in meiner Welt, auch aus mir entstanden ist, stark genug sein, ein ganzes Konstrukt aus tief verankerten Gedanken zu zerstören? Auch dies ist nur ein Gedanke und die Gedanken werden niemals sich selbst zerstören. Der Weg aus dem Gefängnis ist so einfach, dass man ihn leicht übersieht: die Mauern, die uns einschließen, lösen sich in Luft auf, wenn wir aufhören, die Gedanken, aus denen sie bestehen, zu denken. Wir können die Gedanken nicht bekämpfen, denn sie sind aus uns selbst heraus entstanden. Wir müssen sie annehmen als unser Werk und erkennen, dass sie verfälscht, manipuliert und kontrolliert werden und uns eine verquere Sicht auf uns selbst und die Welt vermitteln. Nichtsdestotrotz können sie nur dann unsere Wahrnehmung verschleiern, wenn wir das zulassen. Schauen wir uns die Gedanken jedoch ganz genau und unvoreingenommen an, dann können sie uns viel lehren und uns den Weg zu unserem wahren Selbst weisen. Und dieses wahre Selbst ist nie Opfer, sondern immer Herr der Gedanken. Es kann sie gehen lassen und das Gefängnis verschwindet.‹ Irgendwann schlief ich dann doch ein.

Am letzten Tag unseres Urlaubs brach ein starkes Gewitter aus. Der Himmel färbte sich pechschwarz und es begann wie aus Eimern zu gießen. Trotz der vermeintlichen Gefahr rief mich der Strand und ich musste gehen. Ich warf mir meine Laufsachen über, schlüpfte in die Schuhe und machte mich auf den Weg. Der Strand war nicht weit von unserem Zelt entfernt. Der von Steinen gesäumte Waldweg dorthin hatte sich bereits in einen reißenden Fluss verwandelt und meine Füße waren klitschnass, als ich den See erreichte. Ich ließ meine Schuhe im Sand stehen und lief barfuß los durch das immer wilder werdende Unwetter. Der Himmel brüllte energisch und schüttelte die Baumkronen hin und her. Wütend schlug mir der Hagel ins Gesicht. Es tat weh, aber es war ein süßer Schmerz, wie bei einer harten Massage, die einen gleichzeitig aufschreien und in genussvoller Hingabe seufzen lassen will. Es war wie ein spielerischer Kampf zwischen der Natur und mir, bei der unsere leidenschaftlich aufschäumenden Energien sich miteinander messen wollten. Ein Kampf, bei dem man sowohl gegeneinander als auch miteinander kämpft. Der Schauplatz war furchteinflößend, dennoch spürte ich die Fürsorge der Natur, die mich aufforderte, all meine Energien zu mobilisieren und mir im Gegenzug ihren Schutz bot. Unweit von mir schlugen Blitze ins Wasser ein und ließen dieses herrliche Naturschauspiel für Sekunden in all seiner Pracht aufleuchten. Weit und breit war außer mir keine Menschenseele zu sehen und ich fühlte mich ganz allein auf dieser Welt mit der wilden Bestie Natur, die mich in einem Atemzug hätte verschlingen können und mir doch immer wieder ihr Leben einhauchte und mich herausforderte, ihre enorme Kraft auch durch meinen kleinen Körper wirken zu lassen, den sie aufblies, als wäre er das ganze Universum. IHREN Regen fühlte ich auf meiner Haut, IHREN Sand nahm ich unter meinen Füßen war, IHR Wind blies von allen Seiten wild um mich und ich war das Wasser und die Erde und die Luft und in mir ihr Feuer. Das ist der Frieden der Wildnis. Nie könnte ich diesen tiefen inneren Frieden, diese unbändige Energie und wahnsinnige Liebe spüren, wenn ich bei Sonnenschein am Strand liege und einen Cocktail trinke. Das ist Erholung, ruhige Entspannung, angenehme Zufriedenheit, aber sie hat kein Feuer, sie schüttelt mich nicht, berührt nicht meinen inneren Kern, an dem ich das Leben in seiner reinsten Form wahrnehme, an dem ich das Leben in seiner reinsten Form bin.

2. Kapitel

Ich legte mich aufs Sofa und schlug meine Beine übereinander, als mein Handy klingelte. »Hey Gaia, wie sieht’s aus? Bist du schon unterwegs?« fragte mich Lilith. »Nee, ich bin noch zuhause. Mir ist heute irgendwie nicht nach Party. Was ist mit dir?« »Ich geh auf jeden Fall hin. Das Konzert wird der Hammer, das solltest du dir nicht entgehen lassen.« Sie hatte mir schon vorher von der mexikanischen Rockband Molotov vorgeschwärmt, doch die Songs, die ich mir auf YouTube anschaute, waren nicht so wirklich mein Ding. Außerdem befand ich mich noch im Entspannungsmood der Urlaubstage und mein Körper signalisierte mir, dass ihm ein Extra an Erholung nicht schaden könnte. »Ich habe in Schweden gemerkt, dass ich ein bisschen Ruhe brauche. Ich habe dieses Jahr einfach viel zu viel gefeiert und gearbeitet.« »Du brauchst ja nicht lange zu bleiben. Lass uns doch vor dem Konzert noch ein Stück Kuchen an der Alster essen und dann sehen wir weiter. Wer weiß, vielleicht hast du danach doch noch richtig Lust, zu feiern.« Ich hätte zwar nicht gedacht, dass es tatsächlich so kommen würde, aber ihr Kuchenargument überzeugte mich. Wir kauften uns im Café Gnosa Torte to go – sie Mohnquarktorte und ich Rhabarbertorte – und setzten uns damit auf eine Parkbank an der Alster. Während ich ihr von meinen