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Das große Finale der »Raybearer«-Dilogie Tarisai ist es gelungen, ihren rechtmäßigen Platz als Herrscherin von Aritsar einzunehmen. Doch dafür musste sie einen Pakt eingehen, der von ihr verlangt, in die Unterwelt und zurück zu reisen. Zusätzlich steht sie unter fürchterlichem Druck, denn gleichzeitig muss sie einen eigenen Rat aufbauen und ihre vollen magischen Kräfte als »Raybearer« erlangen. Als Unbekannte ihr nach dem Leben trachten, steht Tarisais fragile Herrschaft auf der Kippe. Wird sie dem Reich langfristigen Frieden und Wohlstand bringen können? Oder werden sie und ihre Lieben für den Versuch mit dem Leben bezahlen? »Eine unglaubliche Fortsetzung.« Tor.com
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Veröffentlichungsjahr: 2024
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Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Judith C. Vogt
© Jordan Ifueko 2021
Titel der amerikanischen Originalausgabe:
»Redemptor«, Amulet Books, New York 2021
Published in agreement with the author, c/o Baror International, Inc., Armonk, New York, USA.
© Piper Verlag GmbH, München 2024
Redaktion: Svenja Kopfmann
Karte: Christina Chung
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Covergestaltung: Guter Punkt, München, nach einem Entwurf von Micaela Alcaino
Coverabbildung: Micaela Alcaino
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Cover & Impressum
Widmung
Karte
Teil 1
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Teil 2
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Teil 3
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Teil 4
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Teil 5
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Gedicht
Die Welt von Raybearer
Glossar
Danksagung
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Literaturverzeichnis
Für junge Revolutionär*innen, denn sie haben sich den einsamsten Job der Welt ausgesucht.
Tarisai Kunleo war mein Name, und ich würde nicht zulassen, dass je wieder Menschen starben, die ich liebte.
Ich schlich durch den Palastflur, und meine Sandalen klatschten den Takt zu diesen Worten – niemals mehr, niemals mehr. Mochten sie dieses Lied spielen, bis sie durchgelatscht waren! Griots, die die heiligen Geschichten unseres Reichs sangen, formten unsere Überlieferungen mit ihrer Musik.
Ich würde auch diese Geschichte singen, bis die Welt daran glaubte.
Tar? Unter meiner Kopfhaut summte der Sonnenstrahl, durch den sich Kirah mit mir verband. Ist alles in Ordnung?
Kirah, meine Ratsschwester, und Mbali, die frühere Hohepriesterin von Aritsar, erwarteten mich weiter vorne im breiten Korridor. Ich erreichte sie und lächelte übertrieben, bevor mir aufging, dass sie mein Gesicht nicht sehen konnten.
Wir trugen zeremonielle Schleier: farbenprächtige Perlen und Muscheln an Fäden, die uns bis zur Brust baumelten und unsere Gesichter verhüllten. Hohe lederne Kopfbedeckungen auf unseren Häuptern waren karmesinrot gefärbt und zu Flammen geformt. Unsere Kostüme ehrten den Kriegsherrn Feuer, den Schöpfer des Todes, und verwandelten uns in Birinsinku, jene grimmigen Galgenfrauen, die heilige Sterberiten an Gefangenen des Obas vollzogen.
Es geht mir gut, erwiderte ich mit zusammengebissenen Zähnen durch den Sonnenstrahl. Dann zwang ich meine Stimme zu einem lockeren, munteren Tonfall und sprach laut, damit auch Mbali mich hören konnte. »Nur … du weißt schon. Aufgeregt wegen Thaddace.«
Dienerschaft und Höflinge tänzelten aus dem Weg, den wir durch den An-Ileyoba-Palast antraten. Man sagte sich, dass die Birinsinku Pech brachten, wo immer sie auch hingingen, und so wehrten alle um uns herum das Böse mit dem Zeichen des heiligen Pelikans ab. Niemand konnte erraten, dass Mbali, Kirah und ich uns unter diesen Glitzerschleiern verbargen und planten, den verhasstesten Mann in ganz Aritsar aus dem Gefängnis zu befreien.
Dayo hatte mich vor genau zwei Wochen zur Obabirin von Aritsar ausgerufen. Bis dahin hatte die ganze Welt geglaubt, es gäbe nur einen Sonnenträger in jeder Generation – immer einen Mann. Der Sonnenstrahl war eine Gabe, deren Erbe auf den ersten aritischen Oba zurückging, Enoba den Vollkommenen. Seine Kraft gewährte den Obas beinahe Unsterblichkeit, zudem gab er ihnen die Kraft, einen Rat aus elf geliebten Menschen zu bilden und deren Gedanken miteinander zu verknüpfen. Damit vereinte er die Völker des riesigen Kontinents von Aritsar.
Doch Enoba hatte gelogen, was diese Gabe in seinem Blut anging. Er hätte nie allein regieren dürfen, denn in jeder Generation erwachte der Sonnenstrahl zweimal – in einem Jungen und einem Mädchen. Er rann auch in meinen Adern und hatte mich eine fünfhundert Jahre alte Tradition umstoßen lassen. Und als hätte mir mein Geschlecht nicht schon mehr als genug Feindschaften eingebracht, hatte ich darüber hinaus mit einem einzigen impulsiven Eid das gesamte Reich in erhebliche Gefahr gebracht.
Äonenlang hatten die dämonischen Abiku unseren Kontinent geplagt, hatten ihn mit Trockenheit und Krankheiten überzogen und Seelen in die Unterwelt gerissen. Enoba hatte einen Friedensvertrag geschlossen und die Abiku damit zufriedengestellt, dass er Kinder in den schwefligen Oruku-Riss sandte – dreihundert lebende Büßende, oder vielmehr Opfer, pro Jahr. Ich hatte diesen Vertrag zunichtegemacht und mich der Unterwelt selbst als letzte Büßerin angeboten. Die Abiku hatten akzeptiert, doch nur unter einer rätselhaften Bedingung: Bevor ich in die Unterwelt hinabstieg, musste ich die Regierenden aller zwölf aritischen Länder salben und mit ihnen meinen eigenen Rat bilden.
Dafür hatten sie mir zwei Jahre Aufschub gewährt. Wenn ich in dieser Zeit keinen Rat bildete und in den Oruku-Riss hinabstieg … würden die Abiku den Kontinent verheeren. Niemand würde dann mehr vor ihnen sicher sein, nicht einmal die Priesterschaft in ihren erhabenen Tempeln oder die Blaublütigen in ihren vergoldeten Festungen.
Zornig hatten mich die Adligen einem Test nach dem anderen unterzogen. Wenn sich mein Sonnenstrahl als Fälschung herausstellte, wäre mein Versprechen an die Abiku nichtig, und der alte Vertrag würde wiederhergestellt. Doch vor Hunderten gaffenden Höflingen war ich über heiße Kohlen gegangen, hatte einen Kelch Pelikanöl nach dem anderen geschluckt und mein Gesicht in Kalebassenschüsseln voller Weihwasser gehalten – allesamt Aufgaben, von denen es hieß, dass sie nur für jene nicht tödlich waren, die den Sonnenstrahl in sich trugen.
Der offenkundigste Beweis meiner Legitimität hingegen schimmerte in leuchtenden Mustern auf meinen beiden Unterarmen: eine lebendige Karte der Unterwelt – mein Büßerinnenmal. Die Abiku hätten den Pakt, den ich ihnen angeboten hatte, nicht akzeptiert und damit auf eine Ewigkeit der Kinderopfer verzichtet, wenn ich keine Sonnenträgerin wäre. Den Abiku ging es um meine Seele – und einen Handel, den man mit Unsterblichen traf und mit dem eigenen Blut besiegelte, konnte man nicht brechen.
Dayo hatte mich angefleht, die Adligen nicht weiter zu provozieren. »Nur für kurze Zeit«, hatte er gebettelt. »Ich möchte, dass sie dich lieben, Tar. Dass sie dich so sehen, wie ich dich sehe.« Und weil ich mich schuldig fühlte und nicht wollte, dass er sich Sorgen machte, hatte ich versprochen, den Kopf unten zu halten.
Und ich würde den Kopf unten halten. Ehrlich.
Direkt, nachdem ich einen Verräter aus dem Gefängnis befreit hatte.
Die späte Morgensonne schien durch An-Ileyobas unverglaste Fenster und warf einen bogenförmigen Schimmer auf die regenbogenfarbenen Fliesen, als ich mit Kirah und Mbali durch die Hallen eilte. Ein Lied stieg aus einem der Innenhöfe auf. Die Kinder von Höflingen hatten einen morbiden Sprechgesang angestimmt, während die Palastgarde eine Hinrichtungsplattform errichtete.
Wenn du Egungun triffst, hast du dann noch Augen-o?
Sag mir, wie willst du ihn hören ohne Ohren-o?
Toter Mann, toter Mann, plumpst wie eine Kokosnuss
Der runde Kopf, er rollt
auf der Erde hart und rot.
Es sind nur Kinder, beruhigte mich Kirah durch den Sonnenstrahl, als sie meinen Zorn durch unsere Verbindung spürte.
Ich zog die Schultern hoch. Die Menschen des Aritischen Reichs glaubten, dass im Tode alle Seelen Egungun folgten: dem ersten Menschen, den Königin Erde und Am der Geschichtenerzähler gezeugt hatten. Egungun streifte durch die Unterwelt und schlug die Trommel, und damit führte er die Seelen in einem Festzug ins Paradies im Innern. Diese Kinder hier machten sich über Thaddace lustig, der in nur wenigen Stunden den Kopf verlieren würde.
Der frühere Hohe Richter von Aritsar hatte das Unaussprechliche getan, eine Gräueltat begangen, die man noch vor zwei Wochen für unmöglich gehalten hätte: Zum ersten Mal in fünfhundert Jahren hatte ein Gesalbter seinen eigenen Oba ermordet.
Doch Thaddace war nur die Marionette meiner Mutter gewesen, er hatte Olugbade getötet, um Mbalis Leben zu retten. Ich hatte der Dame von Thaddace’ und Mbalis Beziehung erzählt, hatte ihr den Hebel geliefert, mit dem sie ihn in Bewegung gesetzt hatte, und so war all das letztlich … meine Schuld. Zudem war Thaddace mein. Wie meine Ratsgeschwister und Hohepriesterin Mbali und Melu der Alagbato. Sogar Woo In und Kathleen, die Gesalbten meiner Mutter, hatten kostbare Plätze in meiner Geschichte inne.
Ich hatte mich mein ganzes Leben lang nach einer Familie gesehnt. Nun, da ich mir eine zusammengeschustert hatte, so zerrüttet und verflucht sie auch sein mochte, würde sie mir niemand mehr nehmen können. Nicht einmal eine öffentliche Hinrichtung.
Ich versuchte, mich zu entspannen, damit die Anspannung in meinem Gesicht zumindest ein wenig nachließ. Wenn mein Plan gelang … würde Thaddace so bald nicht für Egungun tanzen. Lach doch über diese Kinder, sagte ich mir. Steh drüber, vertrau darauf, dass du am Ende gewinnen wirst.
Doch ein Gedanke drang durch meine Entschlossenheit: War das nicht genau, was Mutter tun würde?
Wieder verspannte sich mein Kiefer. Zu lange hatte ganz Aritsar gedacht, dass Mädchen nur zu zweierlei taugten: Entweder, sie waren tugendhafte Dienerinnen des Reichs, oder tückische Schurkinnen wie die Dame. Es war an der Zeit, diese Stimmen zum Schweigen zu bringen.
Meine Löwinnenmaske lag verborgen an meiner Brust, eine Beule unter meinem Lappa. Meine Fingerspitzen wurden warm, als meine Weihe mir nebulöse Erinnerungen an Aiyetoro heraufbeschwor, die einzige andere Obabirin. Sie hatte vor so lange Zeit gelebt, dass meine Weihe ihre Gedanken nicht mehr fassen konnte. Doch die Überreste ihres stolzen Selbstvertrauens verlieh mir neuen Schwung. Natürlich würde es mir gelingen, Thaddace zu retten. Wer konnte schon eine göttlich gesegnete Sonnenträgerin aufhalten? Wer konnte die aufgehende Sonne stoppen?
Tarisai Kunleo ist mein Name, und ich werde nicht zulassen, dass je wieder Menschen sterben, die ich liebe.
Thaddace wartete im »Himmel«, dem Dachgefängnis, einer Plattform auf dem höchsten Turm von An-Ileyoba. Kirah, Mbali und ich hatten den noch verschlafenen Palast durchquert; nur wenige Höflinge waren bereits auf den Beinen. Die Bündel aus Leichentüchern auf unseren Rücken enthielten Dinge, die Thaddace auf der Flucht helfen würden. Die Werkzeuge der Birinsinku vervollständigten unsere Verkleidungen – winzige Phiolen aus Begräbniskräutern und Weihwasser klimperten an unseren Gürteln.
»Wir schaffen das.« Ich lachte gegen meine Nervosität an.
»Er duldet unsere Hilfe nicht«, warnte Mbali, als wir am steilen Treppenhaus ankamen, das zur Gefängnisplattform hinaufführte.
Ich schluckte den Zweifel herunter, der mir in der Kehle steckte, und strahlte sie an. »Doch, natürlich.« Ich versuchte, zu vergessen, dass mir erst gestern ein Diener einen Brief zugesteckt hatte. Die Handschrift war direkt in das Kalbshautpergament gebrannt worden – die Spezialität von Thaddace’ Weihe.
Ich bin von einem Fluchtplan unterrichtet worden. Wenn diese Gerüchte wahr sind, bist du eine Närrin.
Um Ams willen, ich habe den Oba getötet.
Niemand hat mich gezwungen. Ich war bei klarem Verstand. Aller Loyalität zum Trotz, die du für mich empfinden magst: Lass mich ernten, was ich gesät habe. Deine Position ist schon prekär genug. Stürz dich nicht in mein Elend, lass nicht zu, dass Aritsar den Glauben an deine Legitimität verliert.
Ich habe dir immer gesagt, dass es keine Gerechtigkeit gibt, nur Ordnung. Aber ich lag falsch. Manchmal sind Gerechtigkeit und Ordnung ein und dasselbe.
Überlasse mich meinem Schicksal, Schützling. Ich schließe mich Egunguns Festzug an.
Thaddace hatte den Brief nicht unterzeichnet. Sein Siegelring war konfisziert worden, und er hatte darüber hinaus natürlich gewusst, dass jede Unterschrift unnötig war. Wenn ich die Kalbshaut berührte, zeigte mir meine Weihe die Erinnerung an die Hand meines Mentors, und der Dorn seiner Qualen und seiner Entschlossenheit ritzte mir die Haut. Er hatte gewusst, dass seine Gefühle mich aus dem Brief heraus anstacheln würden, und hatte noch versucht, sie beim Schreiben zu unterdrücken.
»Du kannst ihn davon überzeugen, zu fliehen«, wandte ich mich an Mbali. »Ich weiß, dass er meinen Ruf nicht ruinieren will, aber man wird uns nicht erwischen. Alles, was wir tun müssen, ist …«
»Er wird nicht mitkommen«, wiederholte Mbali. »Es geht nicht um dich, Tarisai. Das täuscht er nur vor.«
Wir starrten die Wendeltreppe hinauf. Kirah packte meine Hand und drückte zu. Als wir das letzte Mal dort oben gewesen waren, waren elf Pfeile aufs Herz meiner Mutter losgelassen worden. Die Dame hatte die Hinrichtung überlebt, nur um versehentlich von ihrem eigenen Ratsmitglied Woo In vergiftet zu werden. Ich war mir sicher, dass Mbali unter ihrem Schleier genauso von Erinnerungen überwältigt wurde wie ich.
»Thaddace hätte Olugbade um jeden Preis schützen sollen«, sagte Mbali. »Das ist der Daseinszweck der Gesalbten, und ich war bereit, von der Dame in die Tiefe gestürzt zu werden. Aber Thaddace …« Sie seufzte. »Er konnte mich nicht gehen lassen. Er hat den heiligsten aller Eide gebrochen, und nun denkt er, dass er dem Universum etwas schuldig ist.«
Kälte breitete sich auf meiner Haut aus. »Er will sterben?«
Mbali nickte, die Perlenstränge vor ihrem Gesicht klapperten.
»Das …«, brachte ich hervor, »das ist doch krank.«
»Nein«, erwiderte Mbali tonlos. »Das ist einfach Thaddace.«
Kirah verschränkte die Arme. »Es gibt nur eins, was der Oberste Richter mehr liebt als Ordnung, Hohepriesterin. Und das bist du. Ich hab’s gesehen.«
»Nenn mich nicht mehr so«, schalt Mbali sie leise. »Du bist in dem Moment Hohepriesterin Kirah geworden, in dem Olugbade gestorben ist. Und somit ist Thaddace auch nicht mehr der Oberste Richter.« Sie wandte sich mir abrupt zu. »Je schneller ihr euch an eure Rollen gewöhnt, desto besser.«
Ich spürte Kirahs Entschlossenheit durch den Sonnenstrahl. »Nun, ich denke, du kannst ihn überzeugen, Hohe… ehrwürdige Gesalbte. Wenn du den Raum betrittst, verändert sich Thaddace. Du berührst sein Innerstes.« Sie sprach in jenem widerspenstigen Tonfall, den sie von ihrer Mutter geerbt hatte. »Und das weißt du auch.« Und damit hielt sie uns vier Wachspfropfen entgegen.
Mbali betrachtete sie skeptisch, seufzte dann jedoch, zuckte mit den Achseln und verschloss sich die Ohren damit. Ich tat es ihr gleich, und dann räusperte sich Kirah und sang die Treppe hinauf. Der Klang war dumpf, doch ich erkannte das Wiegenlied, das Kirah einst gesungen hatte, als wir uns kennengelernt und darauf gewartet hatten, im Kinderpalast den Tests unterzogen zu werden.
Selbst mit den Händen auf den verstopften Ohren drang mir Kirahs Timbre bis ins Mark und erinnerte meine Knochen daran, wie müde sie waren. Wie süß es wäre, sich auszuruhen. Wie sehr ein Nickerchen, sogar auf dem kalten Fliesenboden, genau das war, was ich jetzt brauchte …
Ich schüttelte den Kopf und summte eine Gegenmelodie, die den Nebel aus meinem Kopf trieb. Die Wachen am oberen Ende der Treppe hatten weniger Glück. Vier vor Erschöpfung vornübergebeugte Schatten bewegten sich suchend die Treppe hinab. Wir hörten sie gähnen, als sie um die Biegung kamen und in unsere Richtung blinzelten. Drei mühten sich noch einige Stufen weiter, bevor ihre Speere klappernd herabfielen und sie es sich schnarchend im Treppenhaus gemütlich machten. Die vierte Wache schien zu begreifen, was geschah, doch bevor sie um Hilfe rufen konnte, stürmte ich die Treppe hoch, packte ihren Kopf und stahl ihr die letzten Augenblicke aus dem Gedächtnis. Die Schuld lastete schwer auf mir, als sie mit leeren Augen versuchte, mein Gesicht durch den Schleier zu erkennen.
Ich biss die Zähne zusammen und nahm ihr nicht nur den gesamten Morgen, sondern auch den vergangenen Tag. Jahrelang hatte ich mich darin geübt, Sanjeets Albträume zu vertreiben, und das hatte mich gelehrt, dass der menschliche Geist erstaunlich widerstandsfähig war. Mit genügend Kontext konnten sich Menschen gestohlene Erinnerungen neu konstruieren, als würden sie fehlende Plättchen in einem Mosaik ersetzen. Wenn Thaddace entkommen wollte, durfte ich nicht zulassen, dass die Wachen sich daran erinnerten
Auch diese Wache erschlaffte schließlich an meiner Schulter und ergab sich Kirahs Lied. Ich legte die Frau behutsam auf den Treppenabsatz und nahm auch den anderen drei Wachleuten ihre Erinnerungen.
Wie viele Tage müsste ich ihnen wohl nehmen, um auszulöschen, was sie ausmachte? Was, wenn ich einen besonderen Moment, eine identitätsstiftende Erkenntnis auslöschte – hatte ich dann einen Mord an ihnen begangen, ohne sie zu töten?
Ich schluckte schwer und versuchte, nicht darüber nachzudenken. Die Erinnerungen, an denen Thaddace in Zukunft beteiligt sein würde, wogen schwerer als die Erinnerungen, die ich den Wachen genommen hatte. Die Rechnung stimmte doch, oder? Wenige für viele opfern … Ich erschauderte unter der verfluchten Arithmetik der Herrschenden.
Ein Wachmann trug eine Kette mit Schlüsseln um den Hals. Ich zog sie ihm über den Kopf und hastete die Stufen hinauf. Dort, hinter der Gittertür, die in den Himmel führte, stand Thaddace und presste sich die Hände auf die Ohren.
Ich strahlte ihn erleichtert an. Hätte Thaddace Kirahs Weihe nicht rasch genug erkannt, hätten wir seinen schlafenden Leib durch den Palast schleppen müssen.
»Ehrwürdiger Gesalbter«, sagte ich und teilte meinen Birinsinku-Schleier. »Ich bin’s. Wir sind gekommen, um dich zu befreien.«
Mir verging das Lächeln angesichts seines leeren Blicks. Scharfer Ammoniakgestank stieg aus dem Eimer zu seinen Füßen auf. Er trug eine fadenscheinige Tunika über dem Kopf, der einzige Schutz in wochenlanger praller Sonne und schneidendem Wind. Rohe Verbrennungen schälten sich auf seiner bleichen Haut. Man hatte ihm Haar und Bart geschoren – eher Gnade als Erniedrigung, wenn man die Gefängnisläuse bedachte. Ich fragte mich, wer mit einem Rasiermesser an ihn herangetreten war und warum er es nicht genutzt hatte, um seinem Leid ein Ende zu bereiten – auch wenn mir dieser Gedanke Schauer über den Rücken sandte.
Er nahm die Hände von den Ohren. »Ich habe dir doch befohlen«, knurrte der frühere Oberste Richter, »nicht herzukommen.«
»Ich war noch nie gut darin, deine Anweisungen zu befolgen«, erinnerte ich ihn, fummelte am Schlüsselring herum und blätterte dabei durch die Erinnerungen der Wache. Der korrekte Schlüssel tauchte als Abbild in meinem Geist auf. Ich versuchte, ihn ins Schloss zu stecken … schrie dann auf und ließ den Schlüsselring fallen, um an meinem verbrannten Finger zu lutschen.
»Echt?« Ich sah ihn anklagend an. »Du benutzt deine Hitze-Weihe, um das Eisen heiß zu machen? Das ist ganz schön mies, ehrwürdiger Gesalbter!«
Er erwiderte nichts, sein Blick blieb trüb und finster.
»Du hättest damit längst das Schloss schmelzen können«, kam mir schließlich die Erkenntnis. »Du könntest längst frei sein!«
»Ich habe doch nicht mein ganzes Leben damit zugebracht, die Gesetze dieses Reichs durchzusetzen, um mich ihnen jetzt zu entziehen«, grollte er mit seinem deutlichen mewischen Akzent. »In wenigen Stunden lege ich meinen Kopf auf den Richtblock. Und damit werde ich meine Schuld begleichen, so wahr mir die Götter helfen.« Er verstummte, als sein Blick über meine Schulter zu Mbali und Kirah wanderte.
Die frühere Hohepriesterin hob ihren Schleier. »Und bist du mir nichts schuldig?«
Die Entschlossenheit in seinem Gesicht bröckelte, zog dahin wie der Wind in der Eden-Wüste.
»Was ist mit deinen Geschwistern, die doch schon genug gelitten haben?«, fragte Mbali und schob die Hand durch die Gitterstäbe, um sein unter der Witterung leidendes Gesicht zu streicheln.
Sie versuchten, ohne Worte zu sprechen, in ihren Augen stand die stumme Sehnsucht danach. Doch keine Funken durchkreuzten die Leere zwischen ihnen.
Sie haben nicht mal mehr die Verbindung ihrer Gedanken, sagte Kirah durch den Sonnenstrahl, und ich konnte ihren Schrecken durch genau diese Verbindung erspüren. Ich vermute, diese Fähigkeit ist mit dem alten Oba gestorben. Tar … das ist doch ungerecht.
Auch ich war schockiert, wie schnell die alten Gesalbten all ihrer Macht beraubt worden waren. Nach dem Tod von Oba Olugbade hatte der Rat ins Exil gehen müssen, so sahen es die aritischen Gesetze vor – damit unser Rat regieren konnte, ohne dass uns die Macht streitig gemacht wurde. Olugbades Elf wohnten nun in einem abgeschiedenen Klostertempel außerhalb von Oluwan-Stadt. Kirah und ich hatten Mbali nur dank einer ausgeklügelten Reihe von Verkleidungen und Bestechungen in den Palast schmuggeln können. Aber nur mit ihr konnten wir darauf hoffen, Thaddace aus dem Gefängnis zu locken.
Thaddace und Mbali können noch zusammen sein, versuchte ich Kirah und mich selbst zu trösten. Sie brauchen den Sonnenstrahl nicht, um zu überleben.
Aber ich war mir nicht sicher, ob das wirklich die Wahrheit war. Ich dachte an meine Nächte mit Sanjeet, seit ich aus An-Ileyoba zurückgekehrt war: Wie unsere Körper zusammenpassten wie zwei Teile eines Ganzen, wie süßer Unsinn zwischen unseren Gedanken hin- und hertrieb, bis wir einschliefen. Ich würde ihn auch ohne den Sonnenstrahl noch lieben. Aber wenn ich mir vorstellte, wie diese Verbindung verschwand, wie für immer eine unerbittliche Mauer zwischen unseren Gedanken entstand … schüttelte es mich.
Thaddace weinte in Mbalis Handfläche. »Ich muss bleiben«, flüsterte er. »Wir haben unser ganzes Leben lang ein Reich errichtet. Ordnung aus Chaos gebaut, eine Welt, in der Regeln etwas bedeuten. Denkst du wirklich, ich wäre so töricht …«
»Ich denke«, sagte Mbali bitter, »dass du immer noch der Tor bist, in den ich mich verliebt habe. Der, der daran geglaubt hat, dass es nur die richtigen Gesetze braucht, um die Menschheit zu retten.«
Sie hielten einander durch die Gitterstäbe, und mir wurde frustriert klar, dass das hier ein Abschied war. Jetzt, in diesem Moment, gaben sie auf!
»Gesetze sind nicht alles«, brachte ich hervor und stampfte mit dem Fuß auf wie ein Kind. »Selbst wenn sie Reiche am Laufen halten. Ordnung ist nicht genug.«
Thaddace wandte sich mir mit erhobenen Augenbrauen zu. »Unkluge Worte sind das von Aritsars neuer Oberster Richterin«, seufzte er. »Du bist immer noch für die Rechtsprechung am Hof zuständig, weißt du das? Auch als büßende Obabirin!«
Ich hörte ihn kaum. Die dreitönende Stimme aus dem Schrein von Sagimsan hallte mir in den Ohren und wärmte all meine Glieder. Ich hatte noch keiner Menschenseele erzählt, was dort geschehen war – als ein Geist an der Bergflanke mit mir gesprochen und mich dazu gebracht hatte, auf Hyungs Rücken etwas zu versuchen, von dem ich angenommen hatte, dass es mir den sicheren Tod bescheren würde. Ich verstand es selbst kaum. Sogar jetzt schoss mir kalte Angst durch die Adern, als ich die Worte wiederholte – jene Worte, die mich von einem Magnetit zum nächsten getrieben hatten.
»›Frag nicht, wie viele Leute du retten wirst‹«, sagte ich. »›Frag, in welche Welt du sie retten wirst.‹ Welche Welt ist es wert, darin zu überleben?« Ich deutete auf Thaddace’ und Mbalis verschränkte Hände. »Nun … was, wenn es diese hier ist, ehrwürdige Gesalbte? Was dann?«
Thaddace las in Mbalis Gesicht, nein, er sog es geradezu in sich auf. Seine selbstmörderische Entschlossenheit bekam Risse.
»Thaddace aus Mewe«, sagte ich. »Ich befehle dir, aus diesem Turm zu fliehen.«
Er blinzelte überrascht, aber ich lächelte nur. »Gehorche deiner Obabirin, ehrwürdiger Gesalbter.« Ich legte den Kopf schief. »Du willst doch nicht etwa das Gesetz brechen, oder doch?«
Thaddace aus Mewe lachte: ein verzweifelter, abgehackter Laut, der zu einem Husten auswuchs.
»Tretet zurück«, brachte er schließlich hervor, und das Eisenschloss am Gitter begann, zu glühen, bis es schließlich in sich zusammenfiel. Das Tor öffnete sich quietschend. Thaddace drückte Mbali an sich, rang unter dem Ansturm ihrer Küsse nach Luft.
»Es tut mir so leid«, murmelte er an ihrem Hals. »Ich war ein Narr.«
»Mein Narr«, stimmte Mbali ihm zu.
Kirah und ich starrten unbehaglich auf unsere Sandalen, und erst nach einigen Augenblicken schien den früheren Gesalbten wieder einzufallen, dass sie nicht allein waren.
Thaddace sah mich über Mbalis Kopf hinweg an. »Nun, Unbelehrbare? Was ist als Nächstes dran?«
»Zieh das hier an«, befahl ich und zog eine Uniform der Garde sowie eine Staubmaske aus dem Bündel auf meinem Rücken. »Und danach müssen wir uns aufteilen. Zweiergruppen sind weniger verdächtig.«
Während er sich umzog, horchte ich die Treppe hinab. Mein Herz hämmerte, als ich das Rumpeln eines Karrens hörte, dann einen gedämpften Aufprall am Fuß der Treppe und sich eilig entfernende Schritte.
»Das war die Lieferung, die ich bestellt hab. Sanjeet hat mir eine Leiche zugesichert. Kirah, ehrwürdige Gesalbte Mbali – würdet ihr sie die Treppe hochtragen?« Sie nickten. »Gut. Zieht ihr danach Thaddace’ Kleidung an. Benutzt die Fackeln, um sie in Brand zu setzen, sodass es aussieht wie ein Entehrungsmord. Dann haut ab, so schnell ihr könnt. In der Zwischenzeit sollten Thaddace und ich die Palasttore erreicht haben.«
Kirah zuckte zusammen. »Was, wenn sie euch aufhalten?«
»Wir wollen den Palast verlassen und nicht betreten. Da haben sie keinen Grund, uns zu durchsuchen.«
»Geh trotzdem sicher« – Kirah wies auf die finsteren Talismane und Weihwasserphiolen, die an meinem Gürtel baumelten –, »dass die Wachen das da sehen. Und die Symbole auf deinen Ärmeln. Es bringt Unglück, eine Birinsinku zu berühren, die gerade die letzten Riten überbracht hat. Oder zumindest denken die Leute das.« Sie lächelte dünn. »Lasst uns hoffen, dass die Wachen abergläubisch sind.«
Thaddace bedachte Mbalis volle Lippen mit einem letzten langen Kuss. Er strahlte, als sie flüsterte: »Eine Welt, die es wert ist, darin zu überleben.«
Der Blick seiner grünen Augen wanderte über ihr Gesicht. »Wir sind fast da«, sagte er. Dann nahm mein ehemaliger Mentor meine mit Ringen behängte Hand in seine sonnenverbrannte, und wir eilten die Treppe hinab.
An-Ileyoba erwachte gerade, und die Flure füllten sich gefährlich schnell. Höflinge warfen der maskierten Wache und der verschleierten Birinsinku neugierige Blicke zu, die so eilig durch die Korridore huschten.
»Wir nehmen den Weg durch den Wohnflügel als Abkürzung zu den hinteren Toren«, sagte ich mit gesenktem Kopf zu Thaddace. »Da werden wir weniger gesehen.«
Das hatte ich richtig geraten: Die Schlafräume des Palasts waren nur spärlich bewohnt, und wir konnten schneller laufen, ohne Aufmerksamkeit auf uns zu ziehen. Nur noch ein paar Flure bis zum Tor. Sobald Thaddace hindurch war, hatte ich einen Schrecken weniger, einen Tod weniger auf dem Gewissen.
»Es ist fast vorbei«, hauchte ich, als wir um eine Ecke bogen. Da stand ein einzelnes Kind mitten im Weg … und ließ mich qualvoll die Luft einziehen.
Die Büßerglyphen auf meinen Armen flammten in einem hellen, schmerzhaften Blau auf.
»Ich grüße euch, ehrwürdige Gesalbte«, sagte der Junge mit monotoner Stimme.
Auf den ersten Blick hätte ich das Kind für einen Geist gehalten. Aber er stand aus Fleisch und Blut vor uns auf dem Fliesenboden. Zehn, vielleicht elf Jahre alt, mit verfilztem glattem Haar und bleicher Haut wie Thaddace. Er sprach mit erstaunlich ausgeprägtem mewischem Akzent, was mich überraschte. Das kalte grüne Königreich Mewe lag Tausende Meilen nördlich von Oluwan, doch die meisten Länder versuchten, ihre regionalen Dialekte zu unterdrücken und Arit zu sprechen, um nicht wie Tölpel vom Land zu wirken. Aber das Verwirrendste … waren die Büßermale, die seinen Körper bedeckten. Anders als meine glommen sie violett – das Zeichen dafür, dass dieser Büßer unsere Schuld gegenüber der Unterwelt beglichen hatte.
»D-du irrst dich«, stammelte ich. »Wir sind keine Gesalbten. Ich bin eine Birinsinku.«
Der Schleier hing mir schwer vom Kopf auf die Schultern. Dieser Junge konnte unmöglich wissen, wer ich war. Obwohl … mittlerweile verrieten mich die Male, die durch meine Robe schimmerten. Doch Thaddace’ trug noch seine Maske. Egal, wir mussten weiter. Ich versuchte, an ihm vorbeizukommen, doch der Junge fiel vor Thaddace auf die Knie und starrte ihn mit durchschimmernden Augen an.
»Segne mich«, flüsterte er. »Bitte.«
»Du spinnst«, blaffte ich das Kind panisch an, als es Thaddace’ Tunika umklammerte. »Lass ihn los.«
»Bitte …«
»Psst!«, zischte Thaddace und ließ den Blick den leeren Korridor entlangwandern. Als niemand näher kam, um dem Tumult nachzugehen, versuchte Thaddace, den Jungen abzuschütteln. Doch der begann, mit einem hohen, schrillen Laut zu jammern.
»Das gefällt mir nicht«, flüsterte ich.
»Wir können es nicht ändern.« Thaddace zuckte seufzend mit den Schultern. »Die Machtübergabe fällt dem einfachen Volk immer schwer. Ich gebe ihm einfach, was er will.«
Mir standen die Haare zu Berge. Das Kind … roch. Nicht wie ein ungewaschener Körper, sondern wie Erde und Verwesung, wie der schwere Geruch von aufgehäuften Gräbern, die in der Regenzeit dampfen.
Hier stimmte etwas ganz und gar nicht.
Thaddace beugte sich hinab, um dem Kind die Hand auf den Kopf zu legen. »Bei der Macht des Sonnenstrahls, die mir einst gewährt wurde, segne ich …«
Ich hörte das Messer, bevor ich es sah. Das Schaben von Metall gegen Leder, als der Junge es aus dem Stiefel zog, und das weiche nasse Zischen, als es eine rote Linie über Thaddace’ Kehle zog.
Mein Blickfeld wurde dunkel, als Blut Thaddace’ Kragen tränkte und er nach Luft rang.
»Lauf«, krächzte er, doch ich hatte kein Gefühl mehr in den Füßen. »Lang lebe die büßende Obabirin«, röchelte Thaddace und hielt das Handgelenk des Jungen gepackt. Strauchelnd wandte er das Messer gegen das Kind. Der Junge wehrte sich nicht, er war gruselig ruhig, als seine eigene Klinge ihn durchbohrte.
Da brach Thaddace zusammen und war tot, bevor er auf den Fliesen auftraf.
Zitternd von Kopf bis Fuß wich ich zurück. Nein. Thaddace konnte nicht tot sein. Thaddace war mein, und Tarisai Kunleo war mein Name, und ich würde nicht zulassen, dass je wieder …
Der Gedanke verschwand in einem Rauschen, als der Junge sich das Messer aus der blutlosen Brust zog.
»Du bist kein Mensch«, flüsterte ich. »Was bist du?«
Er sah nicht aus wie ein Abiku. Seine Pupillen verschlangen nicht die ganzen Augen, er hatte keine spitzen Zähne oder aschgraue Haut. Außerdem töteten Abiku Menschen nur, wenn der Vertrag gebrochen wurde, und mir hatten sie zwei Jahre eingeräumt, um mein Opfer zu erfüllen. Wenn er also kein Abiku war … was war er dann?
Das Geschöpf legte den Kopf schief. »Dein Diener.«
»Du hast Thaddace getötet!« Die Welt drehte sich um mich herum. »Warum? Warum nur, um Ams willen?«
»Thaddace aus Mewe hat Oba Olugbade getötet«, erwiderte das Geschöpf. »Die büßende Obabirin hilft einem Verräter an der Krone.«
»Aber es war nicht seine Schuld«, schluchzte ich. »Meine Mutter hat ihn dazu gebracht. Thaddace sollte nicht sterben; ich war gerade dabei, ihn zu …«
»Die Obabirin darf ihren Ruf nicht aufs Spiel setzen«, fuhr der Junge fort. »Für unsere Zwecke darf ihr Name nicht besudelt sein. Du musst das Vertrauen des Reichs gewinnen.«
»Für wessen Zwecke?«, fragte ich schrill. »Für wen arbeitest du?«
Seine kindlichen Züge bekamen tiefe Linien, als hätte ich ihm eine Frage gestellt, auf die man ihm die Antwort nicht mitgegeben hatte. »Ich bin dein Diener«, wiederholte er. »Die Obabirin darf ihren …«
Er kam einen Schritt näher. Ich suchte nach einer Waffe und fand nur die Talismane an meinem Gürtel. Mit einem Schrei entkorkte ich eine Weihwasserphiole und schleuderte dem Jungen den Inhalt entgegen. Das Wasser hätte einen Abiku zu Asche zerfallen lassen. Doch der Junge zuckte nur zusammen und starrte seine bespritzten Kleider mit leerem Blick an.
»Was bist du?«, fragte ich erneut und packte ihn an den Schultern, auf der Suche nach seinen Erinnerungen.
Sekundenlang stürmte eine gähnende Leere auf mich ein. Ich blinzelte – so etwas war mir noch nie geschehen. Sogar Babys hatten irgendwelche Erinnerungen, wenn auch undeutlich und ungeordnet. Doch einen Augenblick später bekam meine Weihe das dunkle Echo einer Erinnerung zu packen und hob es an die Oberfläche.
Der Junge stolperte zurück, sein Blick wurde plötzlich wieder der eines Kindes. Unfokussiert … wie unter dem Eindruck eines fernen Traums. »Ich bin …«, murmelte er. »Ich bin Fergus. Ich wurde in Feenkreuzing geboren, weit im Norden, in Mewe.«
»Für wen arbeitest du? Zu wem gehörst du?«
Der Junge schüttelte langsam den Kopf. »Meine Eltern … sind nicht mehr da. Gestorben in der Schlacht von Gaelinagh.«
»Gaelinagh?«, wiederholte ich das fremde Wort, und Berichte über Schlachten stiegen in meiner Erinnerung auf. »Aber das kann doch nicht sein! Die Schlacht von Gaelinagh war ein mewischer Bürgerkrieg, aber Bürgerkrieg gab es doch seit Ewigkeiten nicht mehr. Nicht mehr seit …«
Unglauben breitete sich in mir aus, und meine Stimme verlor sich mitten im Satz. Seit fünfhundert Jahren herrschte Frieden in Mewe – seit der Herrschaft von Enoba dem Vollkommenen. Damals, als Büßende auf dem ganzen Kontinent geboren worden waren und nicht nur in Sangland.
Das mewische Kind schrumpfte vor meinen Augen zusammen. Der Boden … verschlang es. Ich griff erneut nach der klammen bleichen Haut, doch meine Weihe fand nichts – nur kalte Leere. Welches Geschöpf hatte denn praktisch gar keine Erinnerungen?
»Deine Karte ist noch blau«, sagte er, wieder mit dieser monotonen Stimme. Er hatte die Augen auf die Symbole auf meinen Armen geheftet. »Sie werden violett, wenn du dich uns anschließt.«
Da verschlang ihn der Boden ganz. Er verschwand einfach und ließ mich mit Thaddace’ Leib allein, als eine Horde Höflinge um die Ecke kam.
»Weißt du, du kannst dich nicht ewig verstecken«, sagte Kirah.
»Ich verstecke mich nicht«, log ich. Mit manisch guter Laune ging ich die Flure der Reichsdomizil entlang, während ich eine schwappende Terrine auf einer Hüfte balancierte und ein Bündel Schriftrollen auf der anderen. »Ich hab zu tun. Du hattest deinen Sonnenhut-Tee noch nicht, oder?«
»Tar.«
»Vergiss deinen Tee nicht! Morgen ist Tempeldienst. Die Meute wird von dir erwarten, dass du singst, und du wirst all diese Menschen nicht heilen können, wenn du nicht vorher deinen …«
»Wir verspäten uns noch«, sagte Kirah in dem strengen Tonfall, den sie normalerweise für störrische Kamele reserviert hatte.
Mehrere Treppenhäuser trennten uns vom festlichen Rummel in der Reichshalle. Ich gab vor, ihn nicht hören zu können, und nahm stattdessen das Gemurmel unserer Ratsgeschwister in mich auf. Ihre Stimmen geisterten als Echo zwischen den juwelenbesetzten Fliesen der Wände. Die Stimmen der Griots schwollen aus den dunklen Innenhöfen weit unten, und Mondlicht schimmerte durch die Hallen unserer neuen Heimat: der privaten Reichsdomizil in An-Ileyoba.
Fünf Stockwerke umfasste unser Privatflügel. Ein Labyrinth aus vergoldetem Sandstein, eine eigene Burg innerhalb des Palasts mit einer Schatzkammer, einem Badehaus, Küchen, Salons und ausladenden Sälen, gekrönt von einem luxuriösen Dachgarten. Hellgrüne Schlingpflanzen krochen von dort über die Balustrade und baumelten in die Fensteröffnungen unserer Wohnungen darunter. Sie blühten jeden Tag und bedachten die Räume mit einem rauschhaften Duft dank der Weihe meiner Ratsschwester Thérèse, die ihr einen grünen Daumen bescherte.
In der Heilkunst wurden diese Blüten Kuso-kuso genannt und für gute Träume genutzt. Doch Thérèse hatte die Pflanzen verändert, sodass sie uns die Sinne schärften. Der Duft verstärkte die Kraft unserer Verbindung, und so konnten sich meine Geschwister in beständiger Intimität durch unser Domizil bewegen, auch wenn sie räumlich getrennt waren. Leider verstärkte Kuso-kuso auch meine Weihe … und jeder Hocker, jede Vase, jeder vergoldete Divan summte mit den Erinnerungen der vorangegangenen Gesalbten, auch derer, die mir den Tod gewünscht hatten. Tagelang hatte ich meine Weihe wie eine Drahtbürste benutzt und alle Möbel von Erinnerungen gereinigt, bis mir die Schläfen gebrannt hatten.
Hauchdünne Moskitonetze wogten vor den Flurfenstern, hoben sich in der warmen Nachtluft und streichelten meine Wangen, als ich vorbeiging.
Usurpatorin, flüsterte eine körperlose Erinnerung. Wo ist sie? Wo ist sie, woistsie …?
Mit einem Schaudern huschte ich vorbei. Dayos Vater war stets durch die Flure getigert und hatte an meine Mutter gedacht. Die Moskitonetze würde ich später reinigen.
»Tar.« Kirah hastete neben mir her. »Ich weiß, dass dir die Sache mit Thaddace immer noch wehtut. Aber du hast das Domizil seit einer Woche nicht verlassen.«
Meine Ratsgeschwister wussten, was Thaddace zugestoßen war, doch wir hatten beschlossen, den untoten Phantomjungen geheim zu halten. Der Hof stand ohnehin noch kopf wegen meines Versprechens an die Abiku, und Gerüchte über Unterweltkreaturen, die den Palast heimsuchten, konnte mein Ruf gerade nicht gebrauchen.
Sanjeet hatte das ganze Gelände Tag und Nacht von seiner Kriegerelite absuchen lassen. Ich hatte die Erinnerungen aller potenziellen Zeugen durchkämmt auf der Suche nach Hinweisen. Doch die Suche blieb fruchtlos: Der rätselhafte mewische Junge schien ganz allein gehandelt zu haben.
»Wir tun, was wir können, um Thaddace’ Mörder zu finden«, fuhr Kirah fort. »Aber je mehr du dich versteckst, desto mehr werden die Leute reden. Außerdem … was werden deine Vasallen denken, wenn du zu spät zu deinem eigenen Bankett kommst?«
»Ach, ich bin so dumm«, plapperte ich, als hätte sie gar nichts gesagt. »Natürlich hast du deinen Tee noch nicht getrunken. Im Garten gibt es keinen Sonnenhut mehr, weil Thérèse auf neue Samen aus Swana wartet. Ich hab ihr doch versprochen, welche zu beschaffen …«
Kirah baute sich direkt vor mir auf, einzelne Haarsträhnen stahlen sich aus ihrem Gebetsschal. »Das Bankett«, stieß sie hervor, »findet mit dir oder ohne dich statt. Wie soll Dayo diese königlichen Fremden davon überzeugen, deine Ratsgeschwister zu werden, wenn du dich drückst?«
»Ai Ling geht doch schon hin«, rief ich Kirah ins Gedächtnis und ging an ihr vorbei. »Sie ist die neue Hohe Botschafterin. Die Vasallenregierenden in den Griff zu kriegen, ist ihre Aufgabe.«
»Und deine Aufgabe ist es«, merkte Kirah an, »die Obabirin von Aritsar zu sein.«
Ziegenmilch schwappte aus der Terrine auf meiner Hüfte zu Boden. Ich seufzte und murmelte: »Das wische ich auf.«
»Du hast noch nie in deinem ganzen Leben irgendwas aufgewischt!« Kirah zwickte sich mit einem bitteren Lachen in die Nase. »Weißt du, was du schon getan hast? Du hast einem unsterblichen Oba die Stirn geboten. Du schaffst das, Tar. Lass es die Dienerschaft aufwischen und zieh dich endlich für dein Fest um.«
»Die Dienerschaft kommt nicht gern her«, wich ich ihr aus.
Kirahs Wangen färbten sich dunkel vor Frust, aber es war die Wahrheit. Die Energie von Dayos Sonnenstrahl, vom Kuso-kuso verstärkt, sandte unsere Stimmen als geisterhaftes Flüstern durch die Flure und raubte der Dienerschaft den Nerv. Nur wenige arbeiteten hier im Domizil. Doch uns Gesalbten war es nur recht, wir wünschten uns nur einander als Gesellschaft. Nur die Ehrgeizigsten blieben hartnäckig darin, uns ihre Aufwartung zu machen: Höflinge, Schönheitspfleger, Haarflechterinnen und Schneider verbrachten ihre Zeit in den Vorräumen und warteten atemlos darauf, dass die Gesalbten ihre Dienste benötigten. Wann immer ich das Domizil verließ, sprangen eifrige Dienerinnen vor mir auf.
Doch ebendas hatte ich seit Tagen nicht getan. Zweifellos war es ihnen aufgefallen, und die Gerüchteküche brodelte sicherlich schon in jeder Kammer des Palasts.
Die büßende Obabirin hat einen Menschen ermordet.
»Du hast dir noch nicht mal die Haare machen lassen.« Kirah fiel es schwer, in ihrem formalen Priesterinnengewand mit mir Schritt zu halten. Sie trug eine jadefarbene Tunika mit passendem Kopftuch, verziert mit den heimatlichen Silbermünzen des Eden-Tals. Im Gegensatz zu ihr trug ich nur ein leinenes Untergewand und Sandalen, meine Lockenwolke war nur mäßig von einem seidenen schwarzen Schlafschal gebändigt.
»Dayo ist schon längst umgezogen«, fuhr Kirah fort. »Er wird noch …«
Sie brach ab, als ich in einen der großen Schlafsäle abbog.
Eine Kakofonie aus Gedanken schwappte durch den Sonnenstrahl in den Flur, noch bevor ich auch nur durch den Türvorhang getreten war. Und trotzdem rang ich nach Luft und packte die Terrine fester, als ich die Silhouetten von sechs Körpern durch den verzierten Netzhimmel ausmachen konnte, die synchron ein- und ausatmeten. Kameron, Theo, Mayazatyl, Umansa, Zathulu und Emeronya lagen zusammengekuschelt auf der Matte darunter. Sie alle hatten den Kopf auf den Bauch einer anderen gelegt oder liebkosten eines anderen Gesicht. Ihre unterschiedlichen Hauttöne schimmerten im Fackellicht.
Ich ließ beinahe die Schriftrollen fallen. »Ah.« Ich hüstelte unnatürlich hoch. »Tut mir leid, dass ich störe.«
Mein Ratsbruder Kameron lachte und entwirrte seinen bleichen sommersprossigen Körper von Theos. »Entschuldige dich doch nicht«, sagte er im schwerfälligen mewischen Akzent. »Es war unhöflich von uns, unsere Gedanken so frei wandern zu lassen. Ich vermute, wir waren ziemlich laut?«
»Komm doch zu uns«, lockte meine quetzalanische Ratsschwester Mayazatyl und drehte sich, sodass sie mich kopfüber angrinste. Ihre beiden seidigen Zöpfe baumelten vom Bett. »Und du auch, Kirah.«
Ich verdrehte die Augen, und Kirah errötete.
Als wir in das Domizil eingezogen waren, hatten mich die privaten Schlafzimmer schockiert. In der Vergangenheit hatten meine Geschwister und ich Schulter an Schulter in der Halle der Träume im Kinderpalast geschlafen oder alle auf einem Haufen auf dem Boden in der Festung Yorua. Damit hatten wir uns gegen die Ratskrankheit zur Wehr gesetzt: das Fieber und den langsam einsetzenden Wahnsinn, der Gesalbte plagte, wenn sie sich mehr als eine Stunde lang voneinander entfernten. Außerdem erschwerte das gemeinsame Schlafen, dass wir uns zu romantischen Unterfangen fortschlichen, denn damit hätten wir die anderen geweckt.
Doch das Reichsdomizil in An-Ileyoba besaß zwölf makellose – und getrennte – Schlafzimmer. Sie waren in einem Kreis angeordnet, mit einem Flur, der sie außen umgab, und einem luftigen Salon in der Mitte. Offenbar hatten die Gesalbten der Vergangenheit mit der Zeit ihr Band gestärkt und mussten nicht mehr als Gruppe schlafen. Doch dank Olugbades frühem Tod war unsere Verbindung weniger als fünf Jahre alt. Wir waren der jüngste Rat, der je in der Geschichte von Aritsar regieren musste.
Thérèse war das Problem mit den Kuso-kuso-Ranken angegangen, hatte damit unsere Verbindung gestärkt und die Ratskrankheit abgewehrt. Trotzdem schliefen wir aus schierer Gewohnheit oft zu dritt oder mehr in einem Bett. Und manche genossen die Vorzüge unserer neugewonnenen Abgeschiedenheit mehr als andere.
»Das ist nicht, wonach es aussieht!«, platzte Emeronya heraus. Meine biraslovische Ratsschwester war mit ihren vierzehn Jahren die Jüngste. Sie rückte den schiefen Schleier zurecht, den sie über dem kurzen dunklen Haar trug, und warf Kirah einen schuldbewussten Blick zu. Sowohl die Edener als auch die Birasloven gehörten zur prüdesten religiösen Strömung in Aritsar. »Wir erzählen einander nur Geschichten. Wir wollen einander Träume einflüstern, wie Tar das früher gemacht hat. Bevor sie so beschäftigt war mit all ihren Pakten und Banketten.«
»Bankette, zu denen wir nicht eingeladen sind«, beschwerte sich mein Ratsbruder Zathulu aus Djbanti und legte den kahl rasierten Kopf schief.
Kirah verschränkte die Arme. »Ihr wisst doch, dass das Bankett heute Abend was Besonderes ist. Tar kann euch nicht alle einladen. Und wenn ihr nur Geschichten erzählt … warum seid ihr dann halb nackt?«
»Der Sonnenstrahl wirkt besser Haut an Haut«, sagte mein spartischer Bruder Theo und legte Kameron einen wohldefinierten Arm über die Brust.
»Wird die große Tarisai Idajo uns dafür vor Gericht stellen?«, witzelte mein nyambischer Ratsbruder Umansa. Er ließ ein Lächeln im dunklen Gesicht aufblitzen, in das Sternkonstellationen tätowiert waren. Er spürte meine Präsenz und wandte mir seine blicklosen farblosen Augen zu. Dann streckte er mir die Handgelenke entgegen, als solle ich ihm Handschellen anlegen.
Der Ehrenname ließ mich zusammenzucken. Ich presste mir das Bündel Schriftrollen an die Brust. Idajo – die Gerechte. Als Oberste Richterin war es meine Aufgabe, die hohen Gesetze durchzusetzen.
»Da müsste sie sich wohl zuallererst selbst verhaften«, raunte Emeronya mit ihrer charakteristisch flachen Stimme. »Wenn Tar ihre Gedanken nachts nicht abschirmt, dann enthalten ihre Träume von Sanjeet auch meist keine Klamotten.«
Meine Wangen brannten. Die Gesetze verboten es Gesalbten, irgendwelche romantischen oder sexuellen Gefühle zu hegen – außer natürlich für unseren Sonnenträger, dem wir geschworen hatten, auf welche Weise auch immer zu dienen.
Im Privaten wurden diese Gesetze doch meist nicht durchgesetzt. Thaddace’ und Mbalis Techtelmechtel hatte mich wenig interessiert, bis es zu Olugbades Tod geführt hatte. Hätten sie sich jedoch nicht ineinander verliebt, wäre Thaddace nicht erpressbar gewesen. Er hätte niemals den Oba getötet, wäre nicht inhaftiert worden und hätte auch nicht von diesem Jungen die Kehle …
Ich schob dem Gedanken einen Riegel vor. »Hier wird niemand verhaftet«, sagte ich. »Das war nur ein Geschichtenspiel. Niemand von euch hat das Gesetz gebrochen.«
»Noch nicht«, hüstelte Theo.
»Seid einfach beim nächsten Mal vorsichtig«, sagte ich strenger als beabsichtigt. »Ihr alle.«
Emeronya verzog ihr elfenhaftes Gesicht und sah damit wie immer gleichzeitig kindlich und uralt aus. »Tar, du siehst nicht gut aus.«
»Unsinn« sagte ich leichthin. »Ich bin … ich bin nur …«
Ich war nur bis ins Mark verängstigt, dass alle, die ich liebte, wie die Fliegen fallen könnten. Wie Thaddace im Flur verbluteten. Wie die Dame mit einer vergifteten Klinge geschnitten wurden. Wie Dayo in Enitawas Köcher, mit meinem Messer in der Seite.
Alles jagte mir Angst und Schrecken ein, alles außer den von schwerem Duft erfüllten Hallen des Reichsdomizils, wo ich die Erinnerungen von Ziegel und Fliese durchsuchen und sichergehen konnte, dass sie keinen geisterhaften Attentäter verbargen.
»Ich bin nicht zu beschäftigt, um euch Träume zu schenken«, sagte ich fröhlich und umging die Frage. »Ich schenke euch jede Erinnerung, die ihr euch wünscht – solange sie nicht zu ungehörig sind.« Ich setzte die Rollen an: Quellenmaterial für Mayazatyls jüngsten Waffenentwurf. Dann stellte ich die Terrine mit Ziegenmilch auf den Boden: Abendessen für Kamerons neueste Pflegekinder. Sofort sprangen zwei seidenschwarze Pantherjunge von einer Matte in der Ecke und rieben sich an meinen nackten Beinen, bevor sie sich über die Milch hermachten.
»Jetzt ermuntere sie doch nicht auch noch«, stöhnte Theo. »Seit Kameron Hoher Herr der Viehwirtschaft geworden ist, hat er den Palast in einen wahren Zoo verwandelt. Diese Ungeheuer haben meine beste Harfe angeknabbert.«
Kamerons türkisfarbene Augen blitzten böse. »Wenn du vielleicht mehr Liebeslieder über mich schreiben würdest, statt mit den Dienstburschen zu flirten«, sagte er und fing den errötenden Theo im Schwitzkasten, »dann würden meine Bengel weniger an deiner Harfe knabbern.«
Meine Geschwister lachten und verdrehten die Augen, während Theo versuchte, aus Kamerons Umarmung zu entkommen, obwohl wir doch beide wussten, dass sich beide genau dort wohlfühlten, wo sie gerade waren.
»Sei froh, er hätte auch kleine Kriegsbüffel hier hereinschleppen können«, sagte Mayazatyl zu Theo. Sie sprang vom Bett und blätterte durch die vergilbten Rollen. »Ein bisschen Dankbarkeit, bitte. Es wird gerade erprobt, wie sich Büffel mit dickerer Haut züchten lassen. Wenn ich die passende Rüstung entwerfe, können die Büffel unsere altmodischen Kriegsmaschinen ersetzen.«
Ich runzelte die Stirn. »Kriegsmaschinen? Wozu?«
»Falls du die Abiku nicht besänftigen kannst«, erwiderte Mayazatyl, die wenig auf Feingefühl gab. »Und der ganze Kontinent dann in den Krieg zieht. Außerdem bringt irgendein Aufwiegler die Nachschublinien des Palasts durcheinander. Nennt sich selbst die Schildkröte oder das Krokodil oder so. Egal: Wenn ihn unsere Kriegsmaschinen nicht von deinen Eisenminen fernhalten, dann vielleicht ein Kriegsbüffel!«
»Richtig«, sagte ich wie betäubt. »Dayo und mir … gehört jetzt der ganze Kram.«
»Das ist außerdem sehr viel mehr als Kram«, sagte Umansa lachend, der frisch zum Obersten Schatzmeister erhoben worden war. »Die Kunleo-Familie hat Anspruch auf so ziemlich jede reichhaltige natürliche Ressource des Kontinents erhoben, nachdem sie das Reich errichtet hat. Minen, Steinbrüche, Mühlen, Wälder. Warum ist die Staatskasse wohl auch sonst ständig gut gefüllt? Die Kunleos erhalten einen solchen Wohlstand aus den natürlichen Ressourcen der Länder, dass sie ihre Steuereinnahmen kaum anrühren müssen.«
»Oh.« Das ließ mir den Kopf schwirren. »Aber arbeiten nicht an all diesen Stellen Menschen? Sind nicht ganze Dörfer davon abhängig? Wie sollen Dayo und ich das nur alles verwalten?«
»Gar nicht«, sagte Mayazatyl fröhlich. »Adlige verwalten die Mühlen und Minen für euch. Sie nehmen sich natürlich einen Anteil für ihre Mühen. Die Krone mischt sich nur ein, wenn die Adligen Verstärkung benötigen.«
»Verstärkung?«
»Muskelkraft.« Sie grinste. »Wie einen Kriegsbüffel.«
»Richtig.« Ich nickte beunruhigt. »Nun, du musst die Rollen nicht alle lesen, ich hab schon ungefähr die Hälfte durch. Ich gebe dir die Erinnerungen daran einfach.«
»Oder«, sagte Mayazatyl, »du überlässt mir die Kunst der Verteidigung, da sie zu meinen Aufgaben gehört, und widmest dich den zwölf Regierenden, die unten auf dich warten?«
Ich sträubte mich und sah mich suchend im Raum um. »Umansa, hast du eigentlich dein Webschiffchen wiedergefunden? Du kannst doch deine Prophezeiungen ohne gar nicht richtig festhalten …«
»Es ist da, wo es sein soll«, sagte Umansa trocken. »Du hingegen, liebe Schwester, bist es nicht.«
»Wieso«, murmelte ich, »sind nur alle so besessen von diesem dummen Bankett?« Angewidert biss ich die Zähne zusammen und fuhr auf dem Absatz herum, um den Raum zu verlassen.
Ich prallte gegen eine Brust wie gegen eine Wand. Jemand stand hinter mir in der Tür. Als mich der Duft nach Leder und Politur traf, schnitt ich eine Grimasse. Das Spiel war endgültig aus.
»Tar?« Sanjeet hielt mich an den Schultern fest. Das Gold und der Stahl in der Tracht des Hohen Generals blitzten im Fackellicht. Grimmig irrten teefarbene Augen über meine Kleidung. »Sonnenschein … warum bist du nicht angezogen?«
Hinter ihm stand meine Ratsschwester Ai Ling in ihrem blendenden formalen Ornat. Auch sie betrachtete mich mit Sorge, und der ganze Raum schien zu erstarren. Mir standen die Haare zu Berge, als meine Geschwister sich durch den Sonnenstrahl zu unterhalten begannen. Ihre Worte und Gefühle sirrten in der Luft. Mir war klar, dass sie über mich redeten, doch wenn ich versuchte, zuzuhören, sperrten sie mich aus. Verwundert stemmte ich mich dagegen wie gegen eine Barriere und schnappte endlich Satzfetzen auf.
… müssen sie aufhalten. Sie ist nicht mehr dieselbe seit …
… nicht klar damit, Obabirin zu sein. Sie ist stärker als Dayo. Aber vielleicht lag ich falsch, und wir hätten sie nicht ermutigen …
… sie beschützen, auch vor sich selbst. Auch wenn das bedeutet …
Ich stählte meine eigenen gedanklichen Schutzschilde und brachte die Stimmen zum Schweigen.
»Ich brauche Luft«, keuchte ich und schob mich zwischen Sanjeet und Ai Ling hindurch.
»Lasst sie am besten einfach«, hörte ich Kirah hinter mir. »Ich hab’s schon den ganzen Abend versucht.« Doch Sanjeet und Ai Ling folgten mir trotzdem auf Schritt und Tritt. Ich gab einem alten Instinkt nach, einem, dem ich als Kind schon gefolgt war, wenn mich die goldenen Wände von An-Ileyoba zu ersticken schienen: Ich entkam aufs Dach.
Als ich das enge Treppenhaus in den Dachgarten hinter mir gelassen hatte, empfing mich die Nachtluft mit ihrem Zitrusduft. Kräuterbeete, Zwergpalmen und Obstbäume in Töpfen waren auf dem flachen Sandsteindach angeordnet und fügten sich zwischen goldenen Palastdächern ein. Meine Schwester Thérèse aus Nontes wiegte sich unter den duftenden Kuso-kuso-Ranken hin und her. Mondlicht färbte ihr blondes Haar silbern. Mit ihrer Weihe brachte sie die Ranken dazu, zu sprießen, zu blühen, zu verwelken und erneut zu sprießen, bis sie ihrem strengen Sinn für Perfektion genügten. Als ich aufs Dach platzte mit Sanjeet und Ai Ling auf den Fersen, zuckte sie kaum zusammen.
»Die anderen haben recht, weißt du?«, sagte sie mit ihrem knappen gehauchten nontischen Einschlag, ohne sich umzuwenden. »Tarisai, ma cherie … du kannst dich doch nicht immer verstecken. Auch wenn du in letzter Zeit wirklich eine große Hilfe bist. Konntest du meine Sonnenhut-Samen eigentlich auftreiben?«
»Du hast den Streit mit den anderen mit angehört?«, fragte ich erschreckt. »Zwei Etagen tiefer?«
»Nur die Teile, die ihr durch den Sonnenstrahl gesprochen habt.« Thérèse wies auf die Ranken. »Mein Kuso-kuso ist heute besonders stark. Ich könnte euch vermutlich noch von den Turmspitzen von Nontes aus hören.«
»Sprich mit uns, Tar«, bat Sanjeet. Mit dem Sonnenstrahl sandte er mir sanfte warme Wellen über den Rücken, die mich erschaudern ließen. »Dir geht’s nicht gut. Was können wir tun?«
Ich biss mir auf die Lippe und starrte in den indigodunklen Himmel, in dem Sterne glommen und lavendelfarbene Geisterwesen pulsierten. »Ich kann das nicht«, sagte ich schließlich. »Ich kann mich diesen Leuten nicht stellen.«
»Diesen verkrampften Vasallen?« Ai Ling lachte, versuchte offenbar, meine Stimmung zu heben. »Diesem Hühnerhaufen von Höflingen? Vertrau mir – niemand von denen könnte es mit der Obabirin von Aritsar aufnehmen.«
Sie klang, als meinte sie es ernst, aber auch das gehörte zu ihrer Aufgabe.
Ich war ungerecht: Ai Ling würde ihre geweihte Manipulationsgabe nicht an ihren Ratsgeschwistern ausprobieren. Sie benutzte sie so gut wie nie, obwohl die Öffentlichkeit das kaum glauben konnte. Nach zwei Wochen als Hohe Gesandte hatte Ai Ling bereits zwei aufrührerische Meuten ruhiggestellt, die an den Palasttoren aufgetaucht waren, um gegen meine Regentschaft zu protestieren. Sie hatte sie einfach mit ihren Reden überzeugt. Sie hatte eine Handelsvereinbarung zwischen Sangland und Aritsar ausgehandelt, obwohl Sangland seine Gründe gehabt hatte, Aritsar nicht zu trauen. Doch Ai Lings melodiöse Stimme, ihre schnelle Auffassungsgabe, ihr scharfsinniges Verhandlungsgeschick … das alles war keine Weihe. So war sie einfach: meine Schwester, die unerschütterliche Ai Ling aus Moreyao.
»Es tut mir leid, dass ich euch so einen Ärger mache«, murmelte ich und schnitt eine Grimasse angesichts ihres blendenden Ornats, das nun nach der Verfolgungsjagd durch den Garten Falten geworfen hatte. Das Fackellicht glomm auf dem pfirsichfarbenen seidenen Hanfu – den fließenden Roben ihres Heimatlandes – und dem Perlenschmuck in ihren Haaren.
Ai Link hatte das heutige Friedensbankett ganz allein organisiert. Sie hatte die Regierenden des Kontinents davon überzeugt, in An-Ileyoba zu bleiben, statt in ihre Heimat zu reisen, nachdem ich die Vertragserneuerung durchkreuzt hatte. Mehrere Stockwerke unter uns warteten die zwölf Herrschenden in der Reichshalle darauf, dass ich versuchen würde, ihnen ihre Treue zu entlocken, mit der sie sich für den Rest ihres Lebens mit mir verbanden. Aber …
»Sie glauben, ich hab Thaddace ermordet«, protestierte ich. »Das tun sie alle – der Hof, die Regierenden. Alle. Wie kann man eine Obabirin lieben, die kaltblütig mordet?«
Grübchen tauchten unter Ai Lings klugen Augen auf. »Am Hof«, sagte sie, »ist es nicht immer etwas Schlechtes, wenn man einen mörderischen Ruf hat.«
Ich schnitt eine Grimasse. »Ich … will eigentlich gar nicht, dass du das erklärst.«
»Der einzige Unterschied zwischen einer Mörderin und einer Heldin liegt doch darin, wer die Geschichte erzählt.« Ai Ling räusperte sich, dann hob sie die Hände, als würde sie vor einem Thronraum voller Menschen sprechen, ihre Stimme war kühl und gebieterisch. »Thaddace’ Tod«, fuhr sie fort, »lässt keinen Zweifel mehr daran, dass unsere büßende Obabirin noch auf der Seite der Dame steht. Im Gegenteil: Obabirin Tarisai ist die Retterin unseres Reichs. Sie verhinderte die Flucht eines gefährlichen Verurteilten, eines Verräters an der Krone. Sie ist der Gerechtigkeit so ergeben, sie ist Olugbades Vermächtnis so treu … dass sie ihren eigenen Mentor kaltblütig ermorden würde. Welch Mut!« Ai Ling ließ ein kleines Zittern in ihrer Stimme zu. »Welch Würde!«
Ich stolperte zurück und erbrach mich in eine Topfpalme in der Nähe.
Ai Link fluchte und kam zu mir, um mir den Rücken zu tätscheln. »Um Ams willen, Tari, Liebes. Ich hätte es besser wissen müssen. Ich wollte nur …« Sie zuckte zusammen, ihre Stimme hatte jede Zuversicht verloren. »Man sollte meinen, eine Weihe in der Stimme würde einen davor bewahren, zum Arschloch zu werden.«
»Du bist kein Arschloch«, jammerte ich. »Du hast ja recht. Du hast immer recht, und ich versage schon jetzt darin, Herrscherin zu sein.«
Thérèse nahm sich eine Phiole vom Gürtel und ließ mich den Inhalt schlucken. Scharfe Pfefferminze biss mir in die Nase, aber die Übelkeit ließ nach. Meine Haut prickelte, als Sanjeets Weihe meinen Körper ängstlich nach einer Krankheit durchforschte. Er würde nichts finden außer Feigheit, aber die steckte mir dafür in jeder Pore.
»Das Einzige, worin du versagst«, sagte er ruhig, »ist darin, dir helfen zu lassen. Wir sind deine Familie, Sonnenschein. Sag uns endlich, was du brauchst.«
»Begleitet mich«, krächzte ich. »Zum Bankett. Ihr alle.«
Ai Ling erstarrte. »Du weißt, dass das keine gute Idee ist«, sagte sie sanft. »Mit weniger Begleitung sendest du die Botschaft, dass du neue Freundschaften schließen willst und dich nicht hinter deinen alten versteckst. Aber Dayo geht hin, somit bist du nicht allein. Kirah und ich kommen auch wegen der Friedensverhandlungen mit Sangland.«
Der Ausdruck Freundschaften schließen klang viel zu beiläufig für das, was heute Abend gelingen musste. Die Abiku hatten mein Opfer nur unter einer Bedingung akzeptiert: Ich musste eine vollkommene Sonnenträgerin werden und die Regierenden aller aritischen Länder zu meinem eigenen Rat der Elf salben. Wenn mir das nicht gelang, würden die Abiku mein Leben als Opfer nicht würdig erachten. Dann würde es nie wieder Frieden in Aritsar geben.
»Wir können diese Regierenden mich lieben, wenn sie denken, ich hätte gerade jemanden umgebracht?«
»Ach, Tar. Liebe ist so wunderbar kompliziert.« Ai Ling legte sich meine Hand auf die Stirn und bot mir ihre Erinnerungen an. Die sauertöpfischen Mienen mehrerer fremder Königinnen und Könige blitzten in meinen Gedanken auf. »Die ganze Zeit seit der Vertragszeremonie wurden die Vasallen-Regenten hier in Oluwan in Gästevillas beherbergt. Ich dachte, ich statte ihnen einen Besuch ab«, erläuterte sie. »Schnüffel ein bisschen herum, finde heraus, wie sie zu dir stehen. Es hat sich herausgestellt, dass du einen guten ersten Eindruck gemacht hast, als du dieses Einheitsedikt zurückgewiesen hast. Aber sie halten dich auch für impulsiv. Überambitioniert. Ein bisschen naiv. Anders gesagt, sie alle haben dich nicht ernst genommen. Du warst ein Kind für sie, bis du …«
»… bis sie dachten, dass ich meinen eigenen Mentor getötet habe. Und jetzt hassen sie mich.«
»Sie haben Angst vor dir«, korrigierte Ai Ling. »Das ist viel nützlicher. Leute lieben niemanden, den sie nicht respektieren. Angst ist einfach ein Schritt in die richtige Richtung.«
»Ai Ling«, murmelte Sanjeet, dessen Weihe sicherlich den Stress in meinem Körper spüren konnte. »Thérèse … kann ich bitte allein mit Tar sprechen?«
Meine Ratsschwestern sahen zwischen uns hin und her, tauschten dann Blicke unter hochgezogenen Augenbrauen und verschwanden ohne ein weiteres Wort im Treppenhaus.
