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Der 54jährige Berliner Literaturwissenschaftler Dr. Franz Stidmann gerät in den USA in ein verstörendes Abenteuer, das ihn beinahe zugrunde richtet. Was ist geschehen? Nachdem seine Frau ihn verlassen hat, verliebt sich Stidmann, der seine Bisexualität bis dahin allenfalls sublim wahrgenommen hat, in den Architekturstudenten Daniel. Gemeinsam reisen sie zu einem Kongress nach New York City. Dort kommt es zu einem heftigen Konflikt, in dessen Folge Stidmanns Flugangst mit pathologischer Vehemenz zutage tritt. Als Stidmann, inzwischen von Daniel verlassen und auf sich allein gestellt, den Heimflug antreten will, scheitert er schon beim Check-in am JFK-Airport. Es ist ihm weder jetzt noch später möglich, ein Flugzeug zu besteigen. Er wird zum Gefangenen der Riesenstadt, ohne Hoffnung, je wieder nach Hause zurückkehren zu können. Sein einziger Zufluchtsort in Manhattan ist das frühere Wohnhaus des berühmten deutschen Schriftstellers Uwe Johnson, ein genius loci, an dem er Ruhe im Chaos findet. Wochen später, Stidmann hat sich schon beinahe aufgegeben, geschieht etwas Unerwartetes, und die Dinge ändern sich.
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Seitenzahl: 378
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Michael Kanofsky, Werbetexter und Autor in Berlin, zuvor viele Jahre in Wien. Studium Neuere deutsche Literatur und Politische Wissenschaften an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Veröffentlichungen von Romanen, Prosatexten, Essays und Hörkunstprojekten.
www.michaelkanofsky.de
Take-off ist der Fachbegriff für den Beginn eines Fluges. Nach Definition der ICAO, der International Civil Aviation Organization, erstreckt sich der „Start“ vom Setzen der Startleistung bis zum Erreichen einer Höhe von 35 Fuß (10,67 Meter) über dem Boden oder dem Einziehen des Fahrwerks. Das Abheben, nicht der gesamte Startvorgang, ist ein einleitendes Flugmanöver für den Steigflug. Beim Abheben muss das Objekt die Gewichtskraft überwinden. Daher muss die Auftriebskraft stärker als die Gewichtskraft sein. Die Startart ist bauart- und nutzlastbedingt verschieden. Die meisten Flächenflugzeuge beschleunigen in der Horizontalen, bis sie ihre Abhebegeschwindigkeit erreicht haben.
Du kannst, wenn du musst.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Ein hübscher Phallus ist das, der sich da vor dem milchigen Julihimmel abhebt: Die Eichel ein Turmhelm aus hellem Gestein, durchbrochenes, kunstvolles Rankenwerk, Spätgotik, mit dem Kreuz an der Spitze. Im Schatten von Maria am Gestade, auf der vorletzten Stiege vor dem Eingangsportal, steht Stidmann, Dr. Franz Stidmann, der Literaturwissenschaftler. Interessiert betrachtet er den sich nach oben hin verjüngenden Glockenturm der Kirche.
Neben Stidmann sehen wir Daniel, einen halben Kopf kleiner und, was bemerkenswerter ist, über dreißig Jahre jünger. Genau wie Stidmann hält der Student seine rechte Hand gegen die Stirn, die Mittagssonne, sie blendet.
Auch heute ist es wieder sehr warm und schwül, die Stadt liegt da wie tot. Immerhin: Vom Donaukanal kommt ein Lüftchen die Stiegen herauf. Es ist still, das Hufgeklapper der Fiaker, das Bimmeln der Trambahnen, das Gurren der Tauben: überdeutlich. In der Luft ein süßlich-chemischer Geruch, vermutlich von der Müllverbrennungsanlage in der Spittelau, was Stidmann aber nicht wissen kann, dazu fehlt ihm als sogenannter Kulturtourist eine tiefere Vertrautheit mit den örtlichen Gegebenheiten der Metropole.
Stidmann zeigt sich überrascht, überrascht und angetan von den kunstgeschichtlichen Kenntnissen Daniels, beachtlich für einen gerade einmal Vierundzwanzigjährigen. Kreuzrippengewölbe, Strebewerk, Flamboyant, Tympanonrelief: Diese und andere Weisheiten fliegen nur so heraus aus dem hübschen Mund unseres jungen Genius. Ebenso profund wie sein Wissen über die Bau- und Kirchenkunst der Gotik ist übrigens Daniels Geschicklichkeit mit seinen Händen, seinen Lippen, seiner Zunge, davon konnte sich Stidmann vor nicht einmal zwei Stunden wieder einmal überzeugen, im Badezimmer ihrer Suite in dem Ringstraßenhotel, das Stidmann von Berlin aus gebucht hatte, obwohl er sich die exorbitanten Zimmerpreise eigentlich nicht leisten konnte. Hochriegl brut im Flaschenkühler, Daniels eingeölter Körper im Spiegel goldener Wasserhähne, sag mir, welcher Meister hat diesen jungen Apollon geschaffen? welcher Künstler diese Wangen? welcher Gott diese Ästhetik, gegen die jeder Widerstand zwecklos ist? wie ausnehmend frech, wie quälend langsam sich dieser Spund die geschälte Banane in den Mund geschoben hatte, zum Glück wird der Obstkorb vom Personal täglich frisch befüllt, auch Erdbeeren, Trauben, was immer du willst.
Der Ausblick von ihrem Hotelzimmer entschädigt die Kosten ein wenig. Unten der Schwarzenbergplatz mit der Tram der Linie 71 in Richtung Zentralfriedhof, weiter drüben das Untere Belvedere und das Sowjetische Ehrenmal, der Soldat eisern auf seinem Posten, traurig blickt er von seiner Säule in eine unendliche Ferne aus Birkenwäldern, Sümpfen, Hügeln, in Gedanken bei der Schlacht am Assowschen Meer, oder bei seinem Mädchen, das in der Leningrader Vorstadt auf seine nicht sehr wahrscheinliche Rückkehr wartet. In der Nacht dann Neonreklamen und anderes großstädtisches Glitzerwerk. Stidmann schläft im Übrigen ganz ausgezeichnet in dem Kingsizebett, es gibt eine Klimaanlage, und Daniel schnarcht nicht.
Jetzt treten Stidmann und Daniel in den Schatten des verschlossenen Chorportals. Schutzmantelmadonna und Marienkrönung: Daniel macht ein paar Fotos, auch von den Tauben, dann von Stidmann, der sich zunächst ziert und Daniel mit seinem Gehabe zum Lachen bringt. Wie üblich ist Daniel mit einer Jeans bekleidet, und einem T-Shirt, Baumwolle, weiß, runder Kragenausschnitt, Größe M, unter der Hose eine hellblaue Short, dünngestreift, an den Füßen flappsige Treter aus braunem Leder. Gib mir bitte rechtzeitig Bescheid, wenn ich dir zu alt bin, sagt Stidmann, der nun ein paar Meter weiter geht, um die Kirche durch das Hauptportal zu betreten. Irritiert betrachtet Stidmann den Kadaver einer Ratte. Dieser unheimliche unterirdische Schlund. Abwasser, Exkremente, Schmutz, Getier, Papierfasern, Brodem, Gase, Miasmen, Totendünste, Dunkelheit. Seit seine Frau ihn verlassen hat, leistet sich Stidmann Dinge, die er früher nie gewagt hätte, und Daniel gehört dazu. Mut der Verzweiflung? Oder neues Leben? Wenn man das nur wüsste. Daniel will ihn jetzt sogar nach New York begleiten. Was sagt man dazu? ein Student der Architektur auf einem Kongress voller Literaturwissenschaftler? mit seinem von Michelangelo gemeißelten Gesicht, seinen wirr in die Stirn hängenden brünetten Haaren, der Unbekümmertheit seiner Jugend und der Anmut (was für ein hübsches Wort!) seines Körpers wird Daniel vielen dort ins Auge fallen, Frauen wie Männern, Männern wie Frauen, damit ist zu rechnen. Und wer bezahlt das Ganze? Flug? Hotel? Restaurants? Sightseeing? du, wer auch sonst?
Stidmann ruckt taubenartig mit dem Kopf, wie um einen bösen Gedanken zu verscheuchen, tritt dann, unter den müden sandsteinernen Augen von Johannes, dem Täufer, und Johannes, dem Evangelisten, durch das Haupttor in die Kühle des Kirchenschiffes. Warum mussten sie ausgerechnet im Hochsommer nach Wien reisen? anstatt zu plantschen in der Krummen Lanke? so wie vor zwei Monaten erst, Ende Mai. Stidmann hatte Daniel mit seinem Wagen vor dem Studentenwohnheim abgeholt, der war barfuß, trug nicht viel mehr als eine kurze Hose und ein ärmelloses Shirt, keine Unterhose, wie sich später, auf der nach Wald und Moosen und dem Regen der vergangenen Nacht duftenden Wiese an der Fischerhüttenstraße, herausstellte. Stidmann, seinen vor hundert Jahren in Rio de Janeiro während einer Stefan Zweig-Exkursion nach Brasilien (trotz seiner Flugangst hatte er die lange Reise gewagt und gut überstanden) erworbenen Strohhut auf dem Kopf, hatte Gas gegeben, angenehm berührt vom sanften Druck, der von Daniels linker Hand ausging, die es sich gleich auf seinem Oberschenkel bequem gemacht hatte, nicht doch, nicht während der Fahrt, mein Lieber, nicht bei diesem Verkehr. War das Wetter nicht herrlich mild gewesen? Klare Luft aus Nordwest, und schon warm genug, in das Wasser der Krummen Lanke zu hüpfen, dort, wo der Strand reserviert ist für Nacktheit und Freizügigkeit. Die Kühltasche aus dem Kofferraum holend, warst du dir wie ein Spießer vorgekommen, dabei hattest du dir so viel Mühe gegeben, Getränke, belegte Brote, Tomaten, hartgekochte Eier, feingeschnittene Salatgurken, Radieschen, Obst, Käsewürfelchen, Schokoladenkekse, Küchenrolle, alles da, mein Gott, was sollte der an deiner Seite daher schreitende Jüngling mit dem Künstlergesicht und dem stets ein wenig offenstehenden Mund nur von dir halten? Immerhin hatte Daniel dir die schwere Kühltasche, ein banales hellblaues Ding vom Baumarkt, gleich abgenommen, was du als einen kaum versteckten Hinweis auf den erheblichen Altersunterschied zwischen dir und deinem jungen Freund, deinem Geliebten, interpretiert hast, Kamerad, Gefährte, Lebensbegleiter, Partner seit ein paar Monaten.
Kaum hattest du die karierte Decke auf das Grün gebreitet, unter einer ausufernden Weide, in dem die Spätzchen trällerten und die Eichhörnchen Saltos schlugen, die Blätter zart und hellgrün im blitzenden Licht der Sonne, kaum bewegt in der milden Luft, da stand Daniel auch schon nackt vor dir, jaja, wenn man auf eine Unterhose verzichtet, gehen die Dinge gleich noch einmal so schnell. Daniels schmaler Körper kam dir mit einem Mal ganz und gar unberührt vor, jungfräulich, rein, unerforscht, und hatte dich wieder an die Marmorgötter in der Münchner Glyptothek erinnert. Barberinischer Faun. Diomedes. David. Kouros. Satyr von Praxiteles. Allerdings wurde die Ästhetik des Bildes verzerrt durch die Tatsache, dass Daniel auch nackt noch die profane Kühltasche herumtrug, wie gern hättest du ein Foto von dieser kuriosen Szene gemacht. Du hattest dir zudem die Frage gestellt, ob auch in der klassischen Antike bereits Tätowierungen üblich waren und dir vorgenommen, dieses Thema später zu recherchieren. Daniels Tattoo, rechte Brustkorbseite, rechter Oberarm, zeigt offenbar Motive aus der Kultur der Maori, für dich nichtssagend und kryptisch, allerdings ausgesprochen erregend diese kunstvoll inszenierte Überhöhung körperlicher Gegebenheiten, erinnere dich an den Moment, als du Daniel das erste Mal nackt gesehen hast, das erste Mal die sich vor dir ausbreitende Landschaft seines Körpers berührt, mit welcher Gier du auf das Tattoo gestarrt hast und wieder und wieder mit Hand und Zunge über die kunstvoll verzierten Körperstellen gefahren bist, hemmungslos, dabei den angenehmen Geruch der warmen Haut in dich aufnehmend. Es war das erste Mal, dass du mit einem Mann geschlafen hattest.
Nach einem Blick in die Runde, es waren trotz des schönen Wetters kaum Menschen zu sehen, hattest auch du dich endlich getraut, deine Kleidung abzulegen. Behalt den Strohhut auf! hatte Daniel zum Spaß gerufen, so ein Frechdachs. Wie auch immer: Dein sechsundfünfzig Jahre alter Körper, deine ganze, vom Lebensalter geprägte Kör-per-lich-keit, hält keinem Vergleich stand mit dem jungen Mann, der es sich da bäuchlings auf der Decke bequem gemacht hatte. Wo waren deine Muskeln geblieben? deine Straffheit? deine Kraft? immerhin hast du keinen Bierbauch, und das will schon etwas heißen.
Wie Daniel dann hatte lachen müssen über das Wort Nudisten! Das fand er komisch, komisch und altmodisch, ähnliches galt für das Kürzel FKK, überhaupt für die Begrifflichkeiten der sogenannten Freikörperkultur. Nebeneinander auf der Decke liegend, auf dem Rücken, nackt wie Gott euch geschaffen hatte (den einen perfekt, den anderen weniger gut gelungen) und den Blick in ein wolkenloses Lackblau versenkend, dabei gelegentlich nach einer Weintraube oder einem der von dir akkurat zugeschnittenen Emmentalerwürfelchen oder beidem zugleich greifend, hattet ihr, zwei Frischverliebte, mit Wort- und Sprachspielereien zur Kultur der Nacktheit herumzualbern begonnen. Jeder durfte abwechselnd eine sprachliche Wendung oder ein Wort vorbringen, wobei du klar im Vorteil warst, deinem Beruf, deiner Erfahrung, vor allem aber deinem Alter geschuldet.
Nacktbadeplatz! Hüllenlos! Evakostüm! Naturistencamp! Nackedonien! Splitterfasernackt! Nackedei! Sonnenanbeter! Nackerbazi! Abessinier! Barfuß bis zum Hals! Nacktschnecke! Barwesiger! Enthüllt! Nackend! Blöße! Entblättert! Textilfrei! In natura! Nackicht! Pudelnackt! Nackert! Oben ohne! Adamskostüm! Nacktfrosch! Sag mir, wer hatte zuerst angefangen, den anderen zu kitzeln? Stidmann hatte derart lachen müssen, dass er eine Weintraube verschluckte und auf einem Bein über die Wiese hüpfen musste, um dem Spuk ein Ende zu machen. Ein wirklich schöner Nachmittag. Die Eichhörnchen warfen mit Nüssen um sich, die Amseln trugen rote Schleifchen, die Spatzen und die Finken hatten ihren Spaß, umflatterten Daniels hübsches Köpfchen.
Doch Stidmann und Daniel sind nicht in Berlin, nicht an der Krummen Lanke, sie befinden sich in Wien, im ersten Wiener Gemeindebezirk, der inneren Stadt, genauer gesagt in der Salvatorgasse, ganz oben auf dem letzten Stiegenabsatz bei der Redemptoristenkirche Maria am Gestade. Und es ist, wie schon gesagt, heiß, sehr heiß, und sehr schwül, die Wetterfrösche von der Hohen Warte in Wien-Döbling vermelden vierunddreißig Grad Celsius bei achtundsiebzig Prozent Luftfeuchtigkeit. Ja, warum seid ihr bei dieser unerträglichen Wetterlage überhaupt nach Wien gefahren? Ihr hättet euch vorab erkundigen sollen, das wäre klüger gewesen, nicht wahr?
Im schummrigen Kircheninneren dann die zu erwartende und erhoffte Kühle, allerdings ist die Luft auch hier stickig, Weihrauch, Schweiß, blakende Kerzen, die Nähe des Todes, Firnis der Ewigkeit. Stidmann geht durch den Mittelgang auf den Hochaltar zu. Allein, Daniel will gleich nachkommen. Stidmann nimmt in einer der vorderen Bankreihen Platz. Rechts an der Wand neben einem Porträt der Theresia von Avila die Liedertafel. 7 1+4-6, 740, 50 1-3, 321 3, 72 1-6. Die Mauracher-Orgel auf der Westempore. Stidmann denkt an seine Hans Henny Jahnn-Vorlesung, vor vielen Jahren gehalten in einem Hauptseminar an der Humboldt-Universität, Perugia, Fluss ohne Ufer, Nacht aus Blei, Orgelspiel und Orgelbau, liebte Jahnn nicht auch Männer? Männer und Frauen? Frauen und Männer? Das Sexuelle in der Welt der Orgeln, Schwellwerk, Hohlflöte, Viole d´Amour, Amorosa, Philomela, lieblich gedackt, Zungenregister, Clarabella, Flauto d´Amore, Zartbass. Weiter drüben die Beichtstühle, nussbraunes Schnitzwerk, kardinalsfarbene Vorhänge, zugezogen. Du hättest eine Menge zu beichten. Oh Herr, vergib mir, denn ich habe gesündigt. Wie schnell alles gegangen war. Eure zweite Begegnung gleich eine kleine Orgie. Du hattest dich, trotz der dein Wesen prägenden Furchtsamkeit und deiner Neigung zu Schuldgefühlen, einfach fallenlassen (zugegebenermaßen bist du nicht ganz nüchtern gewesen). Wie leicht dir Daniels Körper vorkam. Hemmungslos hatten sich eure Zungen in- und miteinander verschlungen, gierige, feuchte Schlangen, wie die Tiere hattet ihr euch aufund ineinander gestürzt, Daniels schmales Gesäß zwischen deinen Händen, jajajaja! hör nicht auf! mach weiter! komm! komm!
Stidmann blättert in einem der Gesangsbücher, ohne wirklich etwas wahrzunehmen, schließlich taucht Daniel auf, setzt sich neben ihn, den aufgeschlagenen Kirchenführer in Händen: Bedeutende und eigenartige künstlerische Wirkung durch den Gegensatz zwischen dem netzrippengewölbten Langhaus und dem weiträumigen, hellen, kreuzrippengewölbten, in der Achse gegen das Langhaus leicht geknickten Chor, der Übergang durch den Turm und die Kapellenanbauten verdunkelt und beengt. Bemerkenswerte reichgegliederte gotische Orgelempore mit Engelkonsolen und zwei freihängenden Konsolen. Die Gewölbe des zweiten, dritten, vierten und fünften Joches jeweils zu einer Rippenkonfiguration zusammengezogen. Stidmann hört nur mit halbem Ohr hin, allerdings muss er an Daniels wirklich bemerkenswert erregende Rippenkonfigurationen denken. Lass uns gehen, sagt Stidmann, ich muss unbedingt etwas trinken.
Vier Tage waren sie in Wien geblieben. Sie waren, schwitzend, versteht sich, die Strudlhofstiege hinaufgeklettert, und Stidmann hatte über Heimito von Doderer doziert, einen seiner Lieblingsschriftsteller, Doderer, seine Dämonen, seine Dicken Damen, Rauschgold der Nostalgie. Sie hatten sich, in der Nähe der Marienbrücke, auf den braunen Beton der Kaimauer niedergelassen und über die anderen Touristen gelästert, jeder ein, wie man hier sagt, Stanitzel Eis in der Hand, Stidmann Vanille und Haselnuss, Daniel Erdbeere und Pistazie. Der Donaukanal ist nicht die Donau, hatte Stidmann gesagt, leider, und er hatte an Paris gedacht, an London, an Berlin, Seine, Themse, Spree, die mitten durch diese Städte hindurchfließen und das Stadtbild in ganz anderer Weise prägen. Später dann waren sie im Parkvon Schönbrunn, hatten sich bei den Najaden gegenseitig mit kaltem Wasser vollgespritzt, ganz und gar unbeschwert, Stidmann hatte sich gleich zwanzig Jahre jünger gefühlt, ein Gefühl, das immerhin eine Weile anhalten sollte. Sie waren in Restaurants mit damastenen Tischdecken und silbernen Leuchtern unter den Porträts von Metternich und Graf Andrássy bei gehobener österreichischer Küche (sag, verwöhnst du Daniel nicht zu sehr?). Sie waren im zweiten Bezirk, in der Leopoldstadt, und waren die Praterstraße hinab geschlendert, hatten den Karmelitermarkt besichtigt, sie waren im fünften Bezirk, in der Zentagasse, wo Stidmann seinen jungen Freund auf den Wohnort der Dichterin Friederike Mayröcker aufmerksam gemacht hatte, sie hockt ganz bestimmt dort oben in ihren mit tausenden Zetteln vollgestopften Zimmern. Poesie und Traum. Sie hatten sich in ihrem Hotelzimmer an der Ringstraße, dritte Etage, Blick auf den Schwarzenbergplatz (wie erwähnt), abwechslungsreiche erotische Entspannung gegönnt, im Stehen, im Liegen, im Sitzen, im Bett, im Bad, warme goldene Schauer. Sie hatten die wichtigsten Stätten der Wiener Jugendstilarchitektur besichtigt, am Naschmarkt Schafskäse mit Oliven gegessen, und, trotz der Hitze, Käsekrainer mit Senf und Kren am Würstelstand (hinterher ein großes Schnapserl: Vogelbeere). Sie waren in einem Kaffeehaus am Josefstädter Gürtel und hatten sich köstlich über die sexuellen Konnotationen der traditionellen Bezeichnung Weißer Spritzer amüsiert. Sie waren dann, gewissermaßen folgerichtig, bei Dr. Freud in der Berggasse 19, dann in der Albertina, Günter Brus, Selbstbemalung II, Valie Export, Aktionshose: Genitalpanik, Arnulf Rainer, Miniumrot auf schwarzem Grund. Sie waren in einem bekannten Nussdorfer Heurigenlokal bei Schrammelmusik, Schwarzwurzelsalat und Grünem Veltliner (den Daniel gar nicht vertragen hatte). Sie hatten den Zentralfriedhof besucht, bekanntlich halb so groß, aber doppelt so lustig wie Zürich, und hatten naturgemäß über den Tod gesprochen, dessen Schatten Stidmann in manch schlafloser Nacht bedrohlich näherkommen sah, während Daniel ganz unbekümmert mit diesem schwierigen Thema umging, Schubert, Mozart, Qualtinger, Ringel, Falco, Mensch, Daniel, du junger Römer! Sie waren in ein Vorstadtbeisl geraten, in einem Bezirk mit dem Namen Ottakring, wo sie die einzigen Fremden (noch dazu Deutsche) waren und misstrauisch beäugt wurden, Spielautomaten, Wiener Kraftausdrücke, Straßenbahnerfrisuren. Zweimal Würstl mit Saft und zwei Krügerl bitte! Sie hatten sich schon früh am Vormittag in den Prater begeben, hatten Gaukler und Tanzbären bewundert, sich von einer Wahrsagerin aus der Hand lesen lassen, Talmi und Tand, waren mit dem Riesenrad und der Hochschaubahn gefahren und hatten mit Luftgewehren auf Blechbüchsen geschossen, ein hellblauer Teddybär im Kleinkindformat für Daniel, erlegt von Stidmann persönlich, wohin nur mit dem Ding? Sie waren am Gürtel, in Höhe der Lerchenfelderstraße, von zwei Zigaretten rauchenden und übergrell lackierten Miniröcken angesprochen worden, auf Tschechisch, wenn Stidmann die Sprache anhand der wenigen Worte, die aus den knalligen Mündern kamen, richtig interpretiert hatte. Sie hatten im Burgtheater ein Stück des Künstlers Achim Freyer gesehen, waren zwar angetan vom Bühnenbild und von der Musik, hatten sich aber durchaus schwergetan, den Sinn des Ganzen zu entschlüsseln, auch Stidmanns Interpretationsversuche, immerhin ist er Literaturwissenschaftler, waren mehr oder weniger ins Leere gegangen. Das Ganze blieb ein schönes Rätsel. Sie hatten in sengender Hitze die baumlosen Gründerzeithäuserschluchten der Josefstadt und des siebten Bezirks durchquert, glühender Asphalt, Daniel scheinbar ohne größere Anstrengung, während Stidmann auf einer schattigen Bank am Spittelberg fast eine halbe Stunde ausruhen musste und eine Literflasche Römerquelle ausgetrunken hatte, mit der Folge, dass er im Café Eiles das WC aufsuchen musste. Hinterher dann noch eiskaltes Himbeerkracherl und Esterhazytorte in einer der Fensternischen zur Josefstädterstraße. Bei dieser Gelegenheit hatten sie auch wieder über ihre nächste gemeinsame Reise gesprochen, zu dem internationalen Wissenschaftskongress an der Columbia. Ich kann auch etwas zu den Kosten beisteuern, hatte Daniel gesagt, einen Klecks Schlagobers auf dem spitzen Näschen, von der schokoladigen Mehlspeise. Herr Ober, zahlen bitte!
Gibt es auf der Welt etwas Schöneres, als mit einem jungen und noch dazu hübschen und in jeder Beziehung anregenden Geliebten, Freund und Gefährten gepflegt im Nachtzug zu reisen? Im Duo-Schlafabteil der gehobenen Klasse, versteht sich, mit eigenem WC- und Duschbereich und Frühstücksservice eine Stunde vor Ankunft? Der Blick aufs Geld wäre auch hier ganz und gar fehl am Platz gewesen, das weiß Stidmann, man lebt schließlich nur einmal, und wer jung ist, erwartet vom Älteren, Erfahreneren nun einmal einiges, das ist ganz normal und soll so sein, stell dir mal vor, du und Daniel gemeinsam in der ruckelnden engen Plastikduschzelle, Kichern und Lachen, eingeseift unter dem leider nur recht schwach fließenden Brausestrahl, irgendwo bei Dresden, dessen markante Elbkulisse am Morgen vor dem Abteilfenster auftaucht, ein Gemälde von Bernardo Bellotto, Marienbrücke, Zwinger, Frauenkirche, Brühlsche Terrasse, vergoldet im Lichte der Frühsonne, riechst du die frische Luft, die durch den oberen Fensterspalt hereinströmt und allmählich die unangenehmen Gerüche der vergangenen Nacht vertreibt?
Die Rechnung ihres Nobelhotels war erschreckend hoch. Für Stidmann kam das nicht unerwartet, immerhin hatten sie sich einige kostspielige Eskapaden gegönnt, die zu Buche schlugen, da war einiges zusammengekommen, wie Stidmann am Empfang feststellen musste, den Ausdruck ihrer Rechnung überfliegend, während Daniel in der grandiosen Lobby auf einem mit gestreiftem Velours bezogenen k. u. k.-Fauteuil saß, in einer Tageszeitung blätterte und ihre Reisetaschen im Auge hatte. Zweimal hatten sie einige der unüberschaubar vielen sogenannten Wellnessangebote in Anspruch genommen, hatten sich in dem erfreulicherweise an eine Lustgrotte erinnernden Spa im Tiefgeschoß mehr oder weniger am ganzen Körper massieren lassen, Duftöle, Hotstone, Schellenklang, osmanisches Dampfbad, Ayurveda, Eisiglu, Aufgüsse und andere Albernheiten, meine Güte, schau doch mal, überall Putten, Säulen, Dschungelgrün, Mosaiken, Fresken und was sonst noch für prunkende Versatzstücke aus Kultur, Mythologie und Natur. Einmal hatten sie sich das Frühstück ans Bett kommen lassen, sehr romantisch zwar, aber immens unpraktisch wegen der vielen Krümel vom noch warmen Jourgebäck und dem von Stidmann verschütteten Orangenjuice, warum bist du nur immer so ungeschickt? Auch die Bar-Rechnung hatte es in sich: Stidmann, der zwar reichlich Erfahrungen mit Alkohol hat, allerdings keine guten, war angesichts des ausufernden Angebotes von Gin-Spezialitäten einigermaßen hilflos, während Daniel mühelos zwischen Tanqueray Malacca, Brokers, Finsbury London Dry und Blackwoods Vintage jonglierte und den vollbärtigen Barmann mit seiner Kennerschaft beeindruckte, was diesen dazu veranlasste, intensiv mit Daniel zu flirten. Die Angestellte am Empfang hatte gelächelt und die Kreditkarte in das Lesegerät geschoben. Wir würden uns freuen, wenn Sie, Herr Doktor, und Ihr Sohn, uns wieder einmal die Ehre geben würden. Stidmann war nichts anderes übriggeblieben, als ebenfalls, wenn auch krampfhaft, zu lächeln und Daniel das Zeichen zum sofortigen Abrücken zu geben.
Hier Wien Hauptbahnhof, hier Wien Hauptbahnhof!
Der Nachtzug nach Berlin-Wannsee über Prag und Dresden, planmäßige Abfahrt zweiundzwanzig Uhr siebzehn steht am Gleis acht zum Einsteigen bereit! Es war Stidmann gewesen, der sich ausdrücklich eine Reise mit dem Zug gewünscht hatte, auch bereits für die Hinfahrt, nicht nur, weil er Reisen mit der Eisenbahn grundsätzlich als inspirierend empfand, sondern vor allem, weil er aufgrund seiner Flugangst nicht gern flog, weshalb er auch einigermaßen sorgenvoll auf den bevorstehenden Kongress in New York blickte, vor dem er sich allerdings nicht drücken konnte, er war für drei längere Vorträge und einen Workshop fest gebucht. Eigentlich gar keine so schlechte Idee, dass ihn Daniel dorthin begleiten wollte, der soeben seine Nase rümpfte: Am Bahnsteig roch es nach Metall, nach Gummi, nach Diesel, nach schwerer Technik, Mechanik, Pferdestärken, vermischt mit der Abluft aus diversen Schnellrestaurants der asiatischen und orientalischen Küche, vermischt mit dem klebrigen Gestank, der von der Donau und dem überhitzten Stadtmoloch herüberkam. Kein frisches Lüftchen, nichts außer einer schweren Schwüle, wie schon den ganzen Tag über. Neonlicht fiel auf Bahnsteige und Wartebänke. Die Geräusche seltsam gedämpft, gelegentlich das laute Zischen, das von einer ausgelösten Druckluftbremse kam, dann wieder das Rattern der Rollkoffer. Hier Wien-Hauptbahnhof, hier Wien-Hauptbahnhof! Der Nachtzug stand da, dunkel, fast schwarz, ein wenig unheimlich, stumm, entrückt, wie ein schlangenartiges Monstrum aus einer anderen Welt. An seiner Spitze die in einem Traditionswerk in München-Allach gefertigte Hochleistungslokomotive, bereit für den unaufhaltsamen Vortrieb durch diese Sommernacht, in der sich am Horizont stets ein fahler Dämmer halten wird, der an ein fernes Meer erinnert, immer weiter, Richtung Nordost, mit Ziel Berlin-Wannsee, wie wir auf dem Informationsdisplay lesen können, Elektronenbuchstaben, strahlendweiß, auf dunkelblauem Grund, Berlin, Berlin-Wannsee, Mensch, pack die Badehose ein, ja, es wird höchste Zeit, dass wir wieder nach Hause kommen.
Für Daniel war es die erste Reise im Schlafwagen, eine Premiere also. Es wird dir gefallen, mein Lieber, ein Erlebnis ganz eigener Art, man wird unsanft in den Schlaf geruckelt, hat merkwürdige Träume von Schaffnern mit Trillerpfeifen und Diesellokomotiven mit fratzigen Gesichtern, man schreckt plötzlich auf, wenn die durch die Nacht rasende Bahn über ein Gewirr von Weichen fährt oder Waggons umgekuppelt werden. Stidmann fragte sich, warum der Anblick eines Nachtzuges, ob er nun, wie eben ihr Zug, bereit steht zur Abfahrt, oder ob dieser am frühen Morgen gerade an seinem Bestimmungsort angekommen ist, meist am Bahnsteig gegenüber von dem, an dem wir uns gerade befinden, noch ausgepumpt von den Mühen der langen Fahrt, in den Fenstern der Waggons der kuriose Anblick halb nach oben geschobener Rollos und ungemachter Betten, der Lokführer, froh, dass nun endlich heller Tag ist, zeigt sich im geöffneten Fenster des Führerhauses, eine Zigarette rauchend, warum also ein Nachtzug auf uns stets einen anderen Eindruck macht, als eine herkömmliche Eisenbahn, wie zum Beispiel der profane ICE, der sie nach Wien gebracht hatte? City Night Line. Schlafwagen. Ruhe bitte. Couchette. Noch Liegeplätze frei. Train de Nuit. Wagon-lits. Vagon za vaganje. Sleeping Car. Dann diese fantastisch weit entfernten Destinationen: Bucharesti. Bruxelles-Midi. Roma-Termini. Paris-Est. Moskau. Koebenhaven. Venezia Santa-Lucia. Abenteuer und Verheißung: Stidmann ist ein unverbesserlicher Romantiker, so viel kann man sagen. Er hatte es sich nicht nehmen lassen, dem gusseisernen, kupferfarbenen Markuslöwen die Mähne zu kraulen, der in der Halle des Wiener Hauptbahnhofs auf einem Sockel steht, pax tibe Marce evangelista meus, Friede sei mit dir, Markus, mein Evangelist, vorbei die guten alten Zeiten, als an Stelle der neuen Bahnhofscity mit ihrem austauschbaren Gepräge noch der alte Wiener Südbahnhof stand, Glanz und Glorie vergangener k. und k.-Zeiten, stell dir mal vor, mit der Eisenbahn dampfend vom Matzleinsdorferplatz im zehnten Wiener Gemeindebezirk diretissima bis nach Venedig, mitten hinein, Bahnhof Santa-Lucia, über den Semmering, durch Niederösterreich, die Steiermark, Kärnten, Brücken, Tunnel, Galerien, schroffige Felsen, dann schon die Grenze, der Übergang, eine andere Welt, Venezien, Mestre mit seinen Lagerhallen und Verladekränen, nur noch wenige Augenblicke, dann hast du dein Ziel erreicht, die Serenissima, und endlich kannst das Vaporetto besteigen, das dich zur Academia hinüber bringt, das Geschrei der Möwen, der Duft der Lagune, die fremde Sprache und ihr uns doch so vertrauter Klang, die Rufe der Markthändler, die getrübten Augen der frisch gefangenen Meeräschen in den Holzkisten, die schönen Frauen vor den Cafés, die Tauben, das Läuten einer Glocke, du bist angekommen.
Die für den Schlafwagen verantwortliche Zugbegleiterin, grau und gelb uniformiert, sie sprach freundlich, deutsch mit ungarischem Akzent, hatte Stidmann und Daniel ihre Tickets und Reisepässe abgenommen und ihnen dazu die Frühstückskarten übergeben, zum Ankreuzen individueller Wünsche, Frischkäse, Leberwurst, Erdbeerkonfitüre, Honig, Käse, jeder hatte fünf Bausteine frei zur Auswahl, kostenpflichtige „Zusatzoptionen“ (Nutella, Erdnussbutter, Cornflakes etceterapepe) möglich. Daniel hatte viele Kreuzchen gemacht, sag mal, wer soll denn das alles futtern?
Stockbetten, ein DIN A4-schmales Schränkchen mit Kleiderbügeln, am Fenster, einander gegenüber, zwei Sitzplätze mit Tisch, die Nasszelle. Im Spiegel über dem Waschbecken hatte Stidmann sein Gesicht betrachtet, alt siehst du aus, alt, müde, unrasiert, Ringe unter den Augen, Tränensäcke, Falten, graue Haare, irgendwann, ja irgendwann wird der Tag kommen, an dem Daniel dir Adieu sagt, Adieu und Lebwohl.
Doch es geht weiter. Endlich ruckte der Zug an. Sie saßen sich gegenüber, sahen den nun leeren, grell beleuchteten Bahnsteig zurückbleiben, sahen gerade noch, wie sich die elektronische Informationsanzeige bereits wieder umstellte auf eine neue Destination, sahen einen uniformierten Fahrdienstleiter einsam zur Rolltreppe gehen, Feierabend, schnell nach Haus in die Wohnung, Gemeindebau in Simmering, fünfter Liftstock, drei schöne, wenn auch kleine Zimmer mit Balkon, Gummibaum und Zierfischaquarium.
Die Fahrt hatte also begonnen, und niemand hatte ihnen zum Abschied nach gewunken, das war zu erwarten. Vielleicht hatte Stidmann kurz daran gedacht (diesen Gedanken aber schnell wieder verworfen), dass Haska-Lehndorff noch am Bahnsteig auftauchen würde, in der Hand eine Flasche Hochriegl für die Reisenden. Doch, natürlich, Haska-Lehndorff, der einzige Mensch, den Stidmann in Wien kannte, war nicht erschienen. Warum auch sollte Fredi zu so später Stunde von der Vorstadt aus zum Wiener Hauptbahnhof aufbrechen, nur um einem akademischen Kollegen, noch dazu einem Deutschen, und seinem jungen Freund (eine durchaus fragwürdige Beziehung, nicht wahr?) mit einem Papiertaschentuch hinterher zu winken? Sentimentalitäten. Hinzu kam, dass sie sich ja erst gestern Nachmittag gesehen hatten. Mit der 49er-Tram waren Stidmann und Daniel von der inneren Stadt nach Hietzing hinausgefahren. In der Straßenbahn war es stickig, und es hatte übel nach dem Hamburger gerochen, den ein Fahrgast in sich hineinstopfte, sehr ungustiös das Ganze. Stidmann hatte sich vorgestellt, den rücksichtslosen Idioten zu verprügeln, ihm den Schmelzkäse und die Tomatenscheibe in die Haare zu schmieren, ihm seine Pommes in die Nasenlöcher zu pressen, ihm die Weißbrothälften auf die Ohren zu knallen, ihn mit den Zwiebelringen zu erwürgen, aber das konnte er sich als Tourist wohl nicht erlauben, vor allem nicht als sogenannter Kulturtourist, vor allem nicht als Deutscher, oder vielleicht doch? Für diese lästigen Umstände wurden sie dann allerdings überreich entschädigt: Die Gegend, durch die Stidmann und Daniel schließlich spazierten, war grün, grün und luftig, ein Vorortviertel mit verschnörkelten Villen und hübschen Gärten, wohin man auch blickte Pavillons und Zierbrunnen, schau doch mal, wie die Strahlen der Sonne durch das Blattwerk der Kastanien fallen, dann diese Linden dort, hundert Jahre alt, oder älter, Kastanien und Linden und Eiben und Rhododendren, Flieder, Forsythien, Hortensien, weiß und blau und rosé, beinahe so schön, wie es die endlosen Hortensienhecken sind, die Stidmann in der südlichen Bretagne so liebte, doch lass uns weitergehen, mein Lieber, dort drüben, sieh nur, in dem schattigen Gastgarten, die junge Dame mit den Zöpfen und dem hübsch beschleiften Hütchen, wie anmutig sie gerade einen Schmetterling auf ihre rechte Hand flattern lässt, Hofmannsthal sitzt neben ihr, Spazierstock und Hut abgelegt auf dem waldgrünlackierten Holztisch, und dort, in der Seitengasse, die einspännige Kutsche mit dem geöffneten Verdeck, das muss die Schratt sein, die Schauspielerin von der Burg, die Geliebte, Glück und Unglück einflussreicher Männer, dann weiter, an der Villa Skywa-Primavesi vorbei, wo Daniel über die Feinheiten der Wiener Jugendstilarchitektur staunte und sich gleich Notizen machte für ein mögliches Referat in seinem Seminar an der FU. Nun aber genug flaniert: Prof. Fredi Haska-Lehndorff erwartete sie zur Kaffeejause in seinem Villenstock in der Gloriettegasse, nur einige hundert Meter entfernt, die schmale, schattige, von hohen Kastanienbäumen gesäumte Allee entlang, das kopfsteinige Pflaster hinunter.
Die Fahrt hatte also begonnen, die Welt des Wiener Hauptbahnhofs, wie bei allen großen Bahnhöfen ausufernd, unüberschaubar, chaotisch, lag hinter ihnen, Gleise, Weichen, Signalanlagen, Stellwerke, Masten, Schuppen, Dienstgebäude, jetzt waren sie auf freier Strecke, in einer betonierten Furt aus Trassen und Brücken durchquerte der Nachtzug die Stadt, deren Menschen sich in der späten Dämmerung unbekümmert zeigten, unbekümmert, unbeschwert, auch ein wenig schamlos, in kurzen Hosen, mit nackten Oberkörpern, dicken Bäuchen, barbusig, in Badehosen, im Bikini, beim BBQ, beim Liebesspiel, selig vom Wein, beduselt vom Bier, blaustichig vom Flimmern der TV-Apparate, sie saßen auf Balkonen, Terrassen, in Schrebergärten, die Österreich-Flaggen hingen schlaff herab, ermattet in endloser Hitze, tu felix Austria, Land der Berge, Land am Strome, Land der Äcker, Land der Dome, Land der Hämmer, zukunftsreich, Fischerhütten am Fluss, die Angler, Karpfen auf ungarische Art mit Knoblauch und Paprika, der Donaustrom verschluckte den Ball der Sonne, ließ gerade noch ein flaches goldenes Halbrund am Horizont, Wolkenfetzen, in der Farbe von mit Wasser verdünntem Martini Rosso, noch eine halbe Stunde, dann ist es dunkel.
Beim Blick aus dem Abteilfenster war Stidmann ins Träumen geraten, während Daniel an einer Salamisemmel kaute und in seinem Buch las, in einem Thriller von Lee Child. Stidmann war also ins Träumen geraten, und ins Nachdenken, und wieder erschien ihm das Gesicht von Fredi, seines Wiener Bekannten, den er vor Jahren während eines Urlaubs am Wörthersee kennengelernt hatte, Fredi Haska-Lehndorff, der Germanist, der Musikwissenschaftler, der Komponist. Erinnere dich: In Begleitung von Renate, deiner Frau, bist du in einem elektrisch betriebenen Bötchen, von Design und Farbgebung her ein gutgemeinter Abklatsch der ebenso berühmten wie teuren Riva-Boote, über den hübsch gewellten See gekreuzt, Maria Loretto, Schloss Reifnitz, Strandbad Krumpendorf, Pörtschach, das Badehaus vom Seehotel Werzer. Wenn der Dampfer nach Velden vorüberzog, war eure stromige Schaluppe ins Wanken geraten, Renate mit ihrer übergroßen Sonnenbrille und im gestreiften Badeanzug, sehr niedlich, weißt du noch? Sommerfrische, du mit einem schlappigen Deckel auf dem Kopf, in Ringelhemd und Badeshort, oh Käpt´n mein Käpt´n am Steuerrad eures Vier-Personen-12-PS-Elektro-Kreuzers, ausgeliehen in Pörtschach beim Werzer, wo du und Renate später dann einen Aperitif genommen habt, unter einem weißen Sonnenschirm auf der Terrasse mit Blick über den See und auf die Berge. Fredi hatte am Nebentisch gesessen, ein Mann, der genau das war, was man einen eingefleischten Junggesellen nennt, ganz und gar Gentleman, in schneeweißer Hose, dunkelblauem Poloshirt mit dezentem Sportwappen, englischen Ledertretern an den schlanken nackten Füßen, das Gesicht nussbraun gelackt von Sommersonne und Seewind und einem dicken Geldbeutel, weltoffen und zugewandt, die Haare in der Farbe von lange in der Schublade vergessenem Silberbesteck, kurz: ihr hattet da einen neuen Bekannten gefunden, dem es offenbar sehr gut ging, emotional und materiell. An der Hotelbar seid ihr drei dann später kolossal versumpft, bei kitschiger Peter Alexander-Musik, Erdnüssen und einem nicht gerade preiswerten Jahrgangs-Veltliner. Ihr hattet erfahren, dass Fredi an der Wiener Universität lehrt, Literaturwissenschaften, genau wie du an der Humboldt-Universität, und darauf musste man natürlich einen trinken. Eure neue Bekanntschaft hatte sich zudem als eifriger Musikfreund entpuppt, dem vor allem Franz Schubert sehr am Herzen lag, und der auch selbst das eine oder andere Werk komponiert hatte, Kammermusik zumeist, und so hatte Haska-Lehndorff dir und deiner Frau beim Abschied eine CD mitgegeben, eine kleine Sammlung eigener Werke, mit persönlicher Widmung des Meisters auf dem Begleitheftchen. Und bei eben diesem Haska-Lehndorff waren Stidmann und Daniel am letzten Tag ihres Wien-Aufenthaltes zu Gast gewesen, im Haus mit der Nummer vierzehn in der mondänen Gloriettegasse. Grüß Gott, mein lieber Franz, sei gegrüßt, mein lieber Fredi, und dieser junge Mann hier, das ist Daniel, mein Reisegefährte.
Zu Anfang war die Atmosphäre etwas steif gewesen, vor wie vielen Jahren hattet ihr euch denn zuletzt gesehen? wie eine staubig gewordene Firnis hatte sich ein Fremdheitsgefühl in dem eleganten Apartment ausgebreitet, sich mit den Klängen des Violinkonzerts vermengt, die aus mannshohen Lautsprecherboxen kamen, hatte sich auf den Schimmel-Konzertflügel gelegt, auf die imposante Schallplattensammlung, die Porträts an den Wänden, die Sofalandschaft, die Anrichte, viel zu lang hatte man sich nicht mehr gesehen. Doch bei der kleinen Jause auf der Terrasse waren Fredi und seine beiden Gäste schließlich aufgetaut, wie man so sagt, und Fredi, der ein Speckbrett mit Gürkchen und kaltes Bier servierte mit der Anmut eines sich im Ruhestand befindlichen Konteradmirals der k. und k.-Marine, begann seine Freunde hartnäckig auszufragen über ihr absolviertes Wien-Programm: Habt ihr das Schubert-Kircherl in Wien-Alsergrund besucht? Wart ihr auf der Baumgartner Höhe und habt euch die Anlage der früher sogenannten Irrenanstalt angeschaut? Wart ihr beim Narrenturm und im alten Allgemeinen Krankenhaus? Habt ihr ein Konzert im Musikverein besucht? Wart ihr im schönen Türkenschanzpark? Wart ihr bei der Wotrubakirche? Seid ihr auf die Spitze vom Steffl gekraxelt? Wart ihr in der Nationalbibliothek? An der Alten Donau? Im Lainzer Tierpark? In der medizinhistorischen Sammlung? Und in dieser Art ging es munter weiter.
Zwischendurch hatte sich Fredi-ich-will-ja-nicht-indiskret-sein nach Renate und die Gründe für ihre Trennung erkundigt, und sich wohl auch gefragt, welche Rolle dieser junge Schöne da an der Seite von Franz Stidmann spielte, der sein Geheimnis natürlich nicht preisgab und wohlweislich verschwieg, wie gern er an Daniels zartem Fleisch herumknusperte, seine rechte Hand in das am Kragen weit geöffnete Hemd steckte, über Daniels haarlosen Brustkorb fuhr und seine Brustwarzen streichelte, Daniels erigiertes Glied, asthart, knüppeldick, mundgerecht, wenn du wüsstest.
Als Fredi sie endlich aus seinen Gastgeberklauen entließ und sie gegen neunzehn Uhr gehen konnten, war es Stidmann und Daniel vorgekommen, als hätten sie von Wien so gut wie nichts gesehen, so ausufernd und reichhaltig waren Fredis Empfehlungen gewesen. Türkenschanzpark. Wotrubakirche. Schuberthäuschen. Baumgartner Höhe. Musikverein. Sag mal, wer soll sich das alles merken? Der Speck lag schwer im Magen, der Kopf benebelt von dem vielen Bier und von den mit der Zeit enervierenden Schubertiaden des Prof. Dr. Haska-Lehndorff.
Stidmann hatte seinen Blick erneut vom Abteilfenster weg und auf Daniel gerichtet. Die nächtliche Schwärze der draußen vorüberziehenden Welt und die Reflexe der Innenbeleuchtung machten es unmöglich, in der Glasscheibe mehr zu sehen als das eigene Spiegelbild. Daniel spürte, dass man ihn ansah, er legte seinen Roman beiseite, Jack Reacher, der ehemalige Militärpolizist, war inzwischen in eine vollkommen ausweglose Situation geraten, und man musste sich fragen, ob und wie dieser Held, trotz seiner außergewöhnlichen mentalen und körperlichen Kräfte, da je wieder herauskommen wollte. Hoffentlich wird es dir selbst nicht auch einmal so ergehen, aber wer kann das wissen?
Die stetige Vorwärtsbewegung des Zuges, das sanfte Ruckeln ihres Waggons, die schummrige Innenbeleuchtung, die Besonderheit der Situation insgesamt hatten zwar zu einer gewissen Benommenheit geführt, ein nicht unangenehmes Gefühl der Lässigkeit, der Gleichgültigkeit, der Trägheit, aber doch waren sie zu aufgekratzt, um sich schlafen zu legen (Stidmann in das untere Bett, Daniel oben, das war bereits ausgemacht).
Sie sprachen viel. Sie lästerten über Österreich, ganz generell, und über Wien und die Wiener im Speziellen. Sie machten Späße über Fredi und seine Grillen, seine Marotten, Spleens und Schrullen. Sie sprachen über Musik, Franz Schubert, Mozart und Bruckner. Sie nahmen sich vor, Fredis Eigenkompositionen gemeinsam anzuhören (auch ihnen hatte er natürlich eine CD mitgegeben), an einem lauen Abend bei Wein und Salzgebäck in der Bibliothek von Stidmanns Wohnung in Berlin-Schöneberg. Sie sprachen viel. Sie unterhielten sich über Gott und die Welt, Gott, an den Stidmann, vielleicht wegen seines Alters, wohl etwas mehr glaubte als Daniel, vielleicht war das auch ein Grund, warum Stidmann es liebte, Kirchen und andere Gotteshäuser zu besichtigen, wo immer er gerade war und wenn es seine Zeit erlaubte, Dome, Kathedralen, Kapellen, Moscheen, Synagogen, Tempel, er machte Fotos, wo dies erlaubt war, blätterte in Kunst- und Kirchenführern und ausliegendem Informationsmaterial, er setzte sich in die Bankreihen, schritt über in Steinböden eingelassene Grabplatten, kletterte in muffige Grüfte hinab, stieß in abgelegene Seitenflügel vor, studierte kryptische Inschriften, bestaunte Altäre, Orgeln, Monstranzen, Statuen, Gemälde und bunte Glasfenster, den Gekreuzigten, Heiligenfiguren und geschnitzte Marien, blickte an die bemalten Himmel der Kirchenschiffe, wunderte sich über die Tragekräfte sandsteinerner Säulen, betrachtete unheimliche Greisinnen mit schwarz verschleierten Gesichtern und zum Gebet gefalteten, von blauen Adern durchzogenen mageren Händen und schauderte angesichts schimäriger Fratzen und blutender Reliquien, Herr erbarme dich. Das Ersteigen von Kirchtürmen über hunderte von krummschiefigen Steintreppen ersparte er sich wohlweislich: Stidmann litt nicht nur unter Flugangst, sondern ebenso stark unter Akrophobie. Auch Fried- und Kirchhöfe gehörten übrigens zu Stidmanns Leidenschaften. Er unternahm dort ausgedehnte Spaziergänge, las die Widmungen auf den Grabsteinen, machte große Augen angesichts des Prunks so mancher Familiengruft. Auf Friedhöfen fand Stidmann innere Ruhe, hier fühlte er sich geborgen, sicher, aufgehoben. Obwohl nicht gläubig im engeren Sinn und alles andere als bibelfest, hatte Stidmann doch eine gewisse, wenn auch diffuse, unklare Affinität zu religiösen Dingen. Nach der Trennung von seiner Frau, drei Jahre ist das jetzt schon wieder her, war Stidmann sogar so weit gegangen, sich für zwei Wochen in ein Kloster in Niederbayern zurückzuziehen, abgeschieden von der Welt, in den Untiefen des in den Herbstnebeln versunkenen bayerischen Waldes. Das erzählte er jetzt Daniel. Stell dir vor, ich bei den Benediktinern, verrückt, oder? Musstest du eine Kutte tragen? (Stidmann hatte gleich dieses Bild vor Augen, er in brauner, grober Mönchskutte mit Kapuze, darunter nackt wie Gott, ja genau: wie Gott ihn geschaffen hatte, sein Glied sich reibend am rauen Stoff, ganz unchristlich sich versteifend). Nein, sagte Stidmann, das nicht, aber es war kein Zuckerschlecken, das kann ich dir sagen, ora et labora, noch bevor der Hahn im Klostergarten krähte, musste man aus den Federn, die Matratze war hart, die Decke dünn, das Kissen klein, die bleichen, hageren oder madenfetten Körper der Klosterbrüder im Waschraum, dann die Morgenandacht in der Kapelle, dann das Frühstück, Tee und Milch und Brot und Käse, schweigend, dann die Arbeit, begonnen im Morgentau, auf den Gemüsefeldern und in den Kräuterbeeten und Obstgärten, Mohrrüben und Kohl und Rapunzel und Zwiebeln und Tomaten und Porree und Bohnen und Schnittlauch und Petersilie und Äpfel und Birnen und Stachelbeeren, dann zum täglichen Vaterunser in die Klosterkirche, dann ins Refektorium zum Mittagessen, schweigend, Schweinsbraten mit Knödl und Soos, Gselchtes, Steckrübeneintopf, ungesüßter Tee, Kuchen aus Sand, dann, endlich, der Mittagsschlaf, schwer, traumlos, dann die Bibelstunde, dann ein langer Spaziergang, allein oder mit einem der anderen Brüder, still und trutzig lag das Kloster da, umgeben von tiefen Wäldern, dunkler Tann, wie im Märchen, die Gesänge der Mönche hallten über das Tal, die stillen Andachten, die Abende bei Kerzenlicht und Kontemplation, dann Lesen und früh zu Bett, wenn es regnete das Klopfen der Tropfen am Fenster meiner schummrigen Klause, es war eine Zeit des Nachdenkens, sagte Stidmann, des Nachdenkens und der inneren Einkehr, du konntest dein Leben Revue passieren lassen, analysieren, was in deiner Ehe schief gegangen war und versuchen, Antwort auf die Frage zu finden, warum dich deine Frau verlassen hat, du konntest über deinen Beruf nachdenken, deine Rolle an der Universität, deine Funktion als Wissenschaftler, du konntest einen Plan für die Zukunft machen, wie sollte dein Leben weitergehen? ohne Renate, die mit einem neuen Partner irgendwo bei Hamburg lebte, was willst du tun? was soll noch kommen? was kannst du leisten? wen möchtest du in Zukunft lieben? wie willst du überhaupt leben? morgen? übermorgen? ein Mann von Mitte Fünfzig? weitermachen? ausbrechen? bleiben? von vorne beginnen? Als die Zeit im Kloster vorüber war, zwei kurze Wochen, ein Nichts in der Ewigkeit, sagte Stidmann, ein Nichts in der Ewigkeit, wiederholt er, war ich kein neuer Mensch, aber das alles hatte mich am Ende doch weitergebracht, verstehst du, sagte Stidmann, und ich hatte einen unglaublichen Muskelkater, sagte Stidmann, vom Bücken, vom Jäten, vom Umgraben, vom Knien während des Gebets, das kannst du dir ja vorstellen, mein Lieber, ora et labora.
Es war schon kurz vor ein Uhr am Morgen als sie sich dann in der Nasszelle die Zähne putzten, nacheinander, und dann in ihre Betten krochen, Daniel mit der Leiter nach oben kletternd, Stidmann in die Schlafstatt unten, sie waren längst an Brĕclav vorbei, einem einsamen Grenzbahnhof, wo der Zug längere Zeit stehen musste und Polizeibeamte am Bahnsteig auf und ab gingen. Bis auf den bläulichen Schein einer knopfartigen Notlampe war es dunkel im Abteil, Stidmann lag da mit offenen Augen, starrte auf die graumetallene Unterseite des oberen Bettes, in dem sein junger Freund lag, vielleicht schon schlief, schon träumte.
Der Zug hatte nun wieder Fahrt aufgenommen, und Stidmann spürte, wie die von der Lokomotive ausgehenden Energien sich auf die einzelnen Waggons ausdehnte, wie starke Wirkmächte ihren Waggon, ihr Abteil, sein Bett, seinen Körper erfassten, wie seine Muskeln reagierten und sich sein Körper mit ausgleichenden Bewegungen gegen die Einflussnahme der schweren Technik und die unabänderlichen Gesetze der Physik zu erwehren versuchte.
Was wissen wir eigentlich über Daniel?
Man könnte ihn auf einen Sockel stellen, gefügt aus ewigem Marmor, umgeben von duftenden Rosen und blühendem Lavendel, eingerahmt von einem lichten Himmel, da sind ein Schlossgarten, Säulen, Türmchen, Wandelgänge, Volieren mit buntem Gefieder, Springbrunnen, Zierbeete und flatternde Schmetterlinge, die Klänge zweier Gambas und eines Spinetts durchziehen die Lüfte, dazu Gesang, die sanfte Stimme eines unbekannten Mädchens. Daniel, ein junger Römer, ein Dorian Gray, ein Adonis, Apoll und Alexander, ein Prinz womöglich, betrachten wir nur einmal sein schlafendes Gesicht, der Kopf gebettet auf dem dünnen Kissen seiner Schlafwagenpritsche, wie ruhig und schön es ist, dieses Gesicht eines Künstlers, eines Poeten.
Aber wir übertreiben: Unser junger Freund ist nicht mehr und nicht weniger als ein Student der Architektur im siebten Semester, vierundzwanzig Jahre alt, der in Berlin lebt, in einer Vierer-WG in Neukölln. Sein Tattoo, rechte Brustseite, rechte Schulter, rechter Oberarm, es wurde schon erwähnt, hat sich Daniel im Studio seines Vertrauens stechen lassen, seine Mutter, die ihn liebt, natürlich, ahnt davon nichts, vielleicht würde es ihr sogar gefallen, wer weiß, sie lebt jedenfalls in einem Städtchen, weit weg, in der südwestlichen Provinz, dem schönen Rheingau, allein, nur mit Setter Wulf und Katze Diderot, in einer Eigentumswohnung mit Blick über rapsiges Gelb.
Das Grab von Daniels Vater, der starb, als Daniel zehn Jahre alt war, befindet sich auf einem Friedhof in Frankfurt am Main, dort hatte die Familie gelebt, der Vater als Mitarbeiter einer Bank. Wenn Daniel immer mal wieder versucht, das diffuse Bild des Vaters auferstehen zu lassen, sieht er da nur ein totes Gesicht mit unheimlichen Löchern anstelle der Augen, Steinen anstelle der Zähne, Gestrüpp anstelle der Haare, Tücher anstelle der Kleidung. Bei der Beerdigung waren viele Menschen. Zwei Glöckchen hatten geläutet. Vier rote Rosen und ein Schäufelchen mit guter Erde waren aus Daniels kindlicher Hand in die Tiefe geglitten, in die er nicht zu blicken wagte. Die Köpfe waren gesenkt.
Die Sonne schien.
Die Zeit stand still.
In der Schule hatte Daniel gute Noten.
Er war beliebt.
Er hatte Freunde.
Er spielte Volleyball.
Er war nicht schlecht in Leichtathletik.
Er zeichnete gern.
Er spielte Gitarre.
Seine erste Freundin hatte er mit fünfzehn. Die Zunge des Mädchens verhakte sich in seiner Zahnspange. Ihre Brüste klein und fest. Ihre Augen wie Bernstein, mit einem darin für alle Ewigkeit eingeschlossenem Glitzern. Ihr Haar schwarz und lang. Eine Indianerin? Mit den Rädern ging es an den Fluss und zu den Feldern, wo sie die Schafe am Himmel zählten und sich an den Maiskolben den Magen verdarben.
Den ersten Schwanz in seinem Mund hatte er mit knapp achtzehn, einige Monate vor dem Abitur an dem Gymnasium im Frankfurter Westend. Dass er schwul ist, wusste Daniel schon länger: Die hübschen Männer in den Magazinen und Filmen, die Schauspieler aus Hollywood, die Fußballer der englischen und spanischen Erstligisten, die Weltmeister in den Sprintstaffeln, die Basketballer der LA Lakers, die Unterhosenmodels, vielleicht auch der eine oder andere Bauarbeiter, der mit nackten Oberkörper sein schweißtreibendes Werk auf dem Asphalt verrichtete, auch der junge Erdkundelehrer, sie alle und noch einige andere mehr waren die heimlichen Begleiter seiner stillen Feste. Er verzerrte sich nach ihnen. Er gab sich ihnen hin. Er ließ die Dinge mit sich geschehen.
Der oben erwähnte Penis war übrigens Teil des Körpers von Andreas: Andreas aus der 12b. Dieser Körper war keineswegs spektakulär, sondern so durchschnittlich wie Schulnoten. Nein, es waren nicht David Beckham und auch nicht Justin Gatlin, und auch nicht der verschwitzte, kraftstrotzende Straßenarbeiter mit dem herrlich braungebrannten, schmutzig verstaubten Oberkörper und dem kantigen Gesicht eines Mannes aus dem tiefen Süden, sondern es war eben dieser Durchschnittskörper und Durchschnittsmensch mit dem etwas aknigen Durchschnittsgesicht, der da zu Daniel unter die Brause stieg, im großen Duschraum der Sporthalle.
