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Der Band versammelt Erzählungen vom jungen und wilden Leben in der Eifel der 50er und 60er Jahre.
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Seitenzahl: 90
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Mein Dank gilt Markus Rassiller, dem ich freundschaftlich verbunden bin. Er hat unser Projekt „Rebellenblut“ mit Sorgfalt und Zuverlässigkeit kritisch begleitet und vor allem die technische Umsetzung meiner Manuskripte in ein Buch bravourös erledigt. Meine häufigen Änderungswünsche hat er dabei tapfer ertragen.
Prolog
Gefangen im Nonnenkloster
Prügelknaben
Mit Heiliger-Familie am Meer
Herr Dick
Die Reise nach Rotterdam
Hotel California
Eine kurze Ganoven-Karriere
Wyatt Earp im Kurpark
Rebellenblut
Verlobung auf belgisch
Im Labor mit Porno-Eddi
Ein toller Käfer
Thea
Über den Autor
Der Autor breitet hier seine Kindheit und Jugendjahre in der westdeutschen Provinz aus. Es sind Geschichten aus den 50er und frühen 60er Jahren, die in Nideggen, einer kleinen Stadt am Nordrand der Eifel, spielen und die eines gemeinsam haben: Sie sind nicht erfunden, sondern wahr und beruhen ohne Ausnahme auf tatsächlichen Ereignissen und Begebenheiten. Dabei tragen die einzelnen Episoden eindeutige autobiographische Züge. Kleine Abweichungen von der Realität, die immerhin mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegt, sind Erinnerungslücken oder redaktionellen Kunstgriffen geschuldet.
Die handelnden Personen, die zum Teil noch leben, mögen den unleugbaren Hang des Autors zu Klartext und einer milden Ironie verzeihen.
Sein großer Dank gilt den Eltern, einfachen, aber rechtschaffenen Menschen, die (fast) alle Eskapaden ihres einzigen Sohnes mit viel Geduld ertragen haben und stets daran glaubten, dass der Junior noch rechtzeitig „die Kurve kriegt“ auf seinem mitunter holprigen Weg in ein sittsames und gesetzestreues Leben. Ob dies am Ende gelungen ist, mögen andere beurteilen.
Wenn eine Erzählung auf Erinnerungen basiert, die 60 Jahre zurückreichen, dann müssen sich Leser und Autor gleichermaßen dessen bewusst sein, dass nur subjektive Wahrheiten das Ergebnis sein können.
Entstanden sind dreizehn Kurzgeschichten, als ganz persönliche Suche nach einer verlorenen Zeit, die eine Spanne von den frühen 50er bis in die späten 60er Jahre umfasst und die das Leben schrieb. Die mal amüsant, oft frech, bisweilen frivol oder auch romantisch daherkommen, aber immer auf Tatsachen und wahren Begebenheiten beruhen. Vor allem sollen sie eines: dem Leser Freude bereiten – wenn auch mancher die Nase rümpfen dürfte. Aber auch das ist in Kauf zu nehmen.
Unser Dorf lag in Trümmern. Die Kirche, der mächtige Turm der Burg und das Rathaus nach Artilleriebeschuss der Alliierten ruinös. Ein Schlachtfeld. Der Krieg war seit kaum zwei Jahren vorbei. Endlich Ruhe an der Westfront nahe beim Hürtgenwald. Der Wiederaufbau konnte beginnen. Aber wir Kinder der ersten Nachkriegsgeneration fanden in den Jahren danach einen ganz eigenen Blickwinkel auf diese scheinbar hoffnungslose Wüstenei; wir hatten hier unseren großen Abenteuerspielplatz. Zwischen Bombentrichtern, Hausruinen und eingestürzten Mauern ließ sich prächtig die Zeit vertreiben. Das war nicht ganz ungefährlich, aber äußerst spannend. Und was spielten die Lümmel von der ersten Schulbank: Krieg. Aus heutiger Sicht unfassbar.
Aufgewachsen in Ruinen
Das große Abenteuer begann in den frühen 50er Jahren. Mal fand man unter Büschen ein rostiges MG, einen von Kugeln durchsiebten Landser-Stahlhelm oder gar einen Patronengurt. Das war für uns, die Jüngsten, Jahrgang 1947, tabu. Wir gingen erst mal in den Kindergarten. Die Kita wurde in Erfüllung weltlicher gesellschaftlicher Aufgaben von Nonnen des Ordens der Celitinnen geführt. Es war der einzige Kindergarten im Dorf. Die Schwestern pflegten dort ein raues Regiment nach dem Motto: hart, aber herzlich. Das hat ihren Schützlingen freilich nur selten seelischen Schaden verursacht.
Unter der Woche wurden die Kinder um acht Uhr in der Frühe im Nonnenkloster am Ortsrand, heute ein Seniorenheim unter neuer Trägerschaft, abgeliefert, auch mein Freund Juppes und ich. Ganz augenscheinlich lebten wir uns bei Daria und ihren Ordensschwestern problemlos ein, denn bald schon schlugen wir über die Stränge. Wir waren, zumindest aus Sicht der Betreuerinnen, die enfants terribles der klerikal geprägten Verwahranstalt. Das konnte nicht lange gutgehen.
An einem sonnigen Morgen passierte es: Wir waren der didaktischen Spielchen überdrüssig und fanden es lustiger, den Mädels an den Zöpfen zu ziehen; das war damals eine gängige Frisur, sehr praktisch, auch für uns Knaben. Wir piesackten sie so lange, bis die Chefin persönlich einschritt. Schwester Oberin packte uns unsanft, dann ging's schnurstracks in die Besenkammer; das war der Kloster-Knast. Das bei Ordensleuten durchaus gebräuchliche Wort Zelle bekam für uns unversehens eine neue Bedeutung. Wir hatten sozusagen Zellulitis. Und waren auf dem Weg unserer Sozialisation bereits im frühkindlichen Stadium gescheitert.
Fluchtpunkt Jungholz
Da hockten wir nun in der stockfinsteren weil fensterlosen Kammer auf einem Quadratmeter Raum zwischen muffigen Putzlappen und alten Zinkeimern. Wir wollten „mehr Licht!“, doch Goethe kannten wir noch nicht.
Gruppenbild mit Nonne: Im Kindergarten des Ordens der Cellitinnen wurden wir Knaben betreut - und bei Bedarf in die düstere Besenkammer gesperrt. Auf dem Foto der Erzähler (links) und Freund „Juppes“ (2. v. re.).
Unter Klaustrophobie litten wir in dem engen Verlies zwar nicht, aber ein leichtes Unwohlsein ließ sich nicht leugnen. Bis Rettung nahte in Gestalt einer grau-blauen Kittelschürze. Die Schwester vom Dienst brauchte wohl einen Schrubber. Kaum hatte sie die Tür unserer Klosterzelle aufgeschlossen und das Licht angeknipst, waren wir auch schon draußen, vorbei an der anonymen Kittelschürze und hinaus in die Freiheit. Bis in den nächsten Wald waren es nur ein paar hundert Meter, vorbei am Landhaus unseres Hausarztes, das im englischen Stil erbaut war, dann tauchten wir im Tal der Nachtigallen unter, stromerten unter den Kiefern im „Jungholz“ genannten Wald zwischen den Kletterfelsen und ließen ganz weltvergessen die Sonne auf die nackte Knabenhaut brennen. Selbstredend trug man als kaum fünfjähriger Junge kurze Hosen. „Shorts“ waren damals in der Eifel völlig unbekannt, andere Anglizismen ebenfalls. Wir waren trotzdem „happy“, wie man das heute formulieren würde.
Erst als von der anderen Talseite das Glöckchen der Klosterkapelle – man kann es noch heute hören – bimmelte, dachten wir an eine Rückkehr zu unseren Kerkerschwestern. In der klösterlichen Kita wurden wir schon erwartet. Man hatte uns stundenlang gesucht. So fand der Empfang in einer Atmosphäre statt, die irgendwo zwischen Ärger, Verzweiflung und Erleichterung anzusiedeln war.
Aus dieser klösterlichen Abgeschiedenheit fanden Juppes, ich und ein paar andere bald den Weg in die Welt, die für uns vorläufig an den Ortsgrenzen endete. Aber selbst in diesem eng umrissenen Biotop gab es eine Menge spannender Momente und immer neue Erfahrungen, die sich allerdings nur per pedes gewinnen ließen; Autos waren in jenen Tagen noch eine seltene Ausnahmeerscheinung. Einige Episoden und erinnerte Eindrücke sollen hier geschildert werden. Dreh- und Angelpunkt des dörflichen Alltags war der Marktplatz, von dort gelangte man in die meisten Geschäfte, hier stand das Postamt, bis heute das Rathaus, und ein direkter Weg bergan führte – und führt - zu Burg und Kirche. Auch zum Frühschoppen nach dem sonntäglichen Hochamt traf man sich hier zum Skat und hatte dabei die Auswahl unter mindestens vier Kneipen. Alles längst vorbei.
Zapfstelle für alle Fälle
Ein Gasthaus der besonderen Art war stets die „Ewige Lampe“. Hier floss aus Zapfsäulen und Flaschen Sprit für nahezu alle Schluckspechte: drinnen Bier und Schnaps, während vor der Tür die blau-weißen Zapfsäulen einer ARAL-Tanke von den wenigen Autofahrern im Ort und aus der nahen Umgebung angesteuert wurden. Diesel und Super war in Erdtanks gebunkert, Zweitaktergemisch für die gern gefahrenen Nachkriegs-DKW musste aus einer mobilen Zapfsäule ebenfalls im Handbetrieb mit soliden Schwengeln in das gläserne Fünf-Liter-Schauglas gepumpt werden, bevor der Treibstoff nur von der Schwerkraft angezogen in den Tank floss. Im angebauten Saal der „Lampe“ saßen wir Jahre später vor dem TV-Bildschirm und sahen „So weit die Füße tragen“, eine Flucht aus russischer Kriegsgefangenschaft. Es war ergreifend, denn die Erinnerungen an den Krieg waren noch frisch. Mancher Vater war erst wenige Jahre zuvor völlig ausgezehrt aus russischer Gefangenschaft heimgekehrt.
Zum dörflichen Hotspot der ganz besonderen Art wurde das Elektrogeschäft von Kurt Nöllgen am 4. Juli 1954. Drinnen war es rappelvoll, draußen drückten die Zaungäste sich die Nasen an der Scheibe platt, denn Historisches passierte: Auf einem winzigen Bildschirm des zwar primitiven, aber zu dieser Zeit extravaganten Röhren-TV-Geräts konnte das staunende Publikum live erleben, wie Deutschland sportlich zur Weltmacht aufstieg. Sepp Herbergers Elf wurde Fußball-Weltmeister. Im Endspiel 3 : 2 gegen Ungarn gewonnen. Es war das „Wunder von Bern“. Der Jubel im und vor dem Laden im „Altwerk“ kannte keine Grenzen – wenn man auch nur kleine schwarz-weiße Männchen auf dem Flimmerbild wahrgenommen hatte, die Botschaft war angekommen: Wir sind wieder wer. Dieser Eindruck ließ sich bald darauf ebenso auf Industrie und Handel übertragen; das Wirtschaftswunder stand vor der Tür. Dabei wurde ein Käfer zum Motor des Fortschritts, der später auch uns beflügeln sollte. Und zwar im Wortsinne.
In der Nachbarschaft von Elektro-Nöllgen gab es im Nideggen der 50er Jahre einen weiteren Betrieb mit Alleinstellungsmerkmal: In einem Trakt des geschichtsträchtigen Bewershofs produzierte die Familie Bauer Limonade der Marke „Bluna“. Das war ein leckeres Getränk, überdies bot die kleine Getränkefabrik jungen Leuten aus dem Dorf Jobs, etwa an der Abfüllstraße, die freilich noch viel Handarbeit erforderte. Auch der Erzähler hat dort während der Schulferien Limo auf Flaschen gezogen. Schließlich lag der Betrieb nur einen Steinwurf weit vom Elternhaus entfernt, wie praktisch. Durst hatten wir nur noch selten. Denn der generöse Chef akzeptierte ein gewisses Maß an Selbstbedienung. Wir schwammen sozusagen in Orangenlimonade.
Ansonsten war eher Ebbe. Denn die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln war in den Nachkriegsjahren oft mühsam. Mama konnte nicht mal eben im SUV beim Supermarkt vorfahren. Wie die meisten Familien im Dorf hatten Eltern und Großeltern einen Garten. Das war gewissermaßen unser Garten Eden, versorgte uns das Stück Grünland doch mit Lebensmitteln. Salat, Bohnen, natürlich Kartoffeln, Tomaten und Zwiebeln, alles aus eigener Produktion und durchaus in Öko-Qualität. Nebenan standen Obstbäume, die zuverlässig Äpfel, Birnen und Pflaumen lieferten. Es war also für alles gesorgt, vorausgesetzt, man bestellte die eigene Scholle mit Fleiß, Geschick und Ausdauer. Ergänzt wurde der Speiseplan durch Kleinviehhaltung, Milch vom Bauernhof und den Bäckermeister. Das war's auch schon. Einen Supermarkt kannte man in dieser Zeit des Aufbruchs noch nicht, höchstens den Tante-Emma-Laden im Dorf. Aber man sah schon mit Zuversicht in die Zukunft. Dabei mag auch der Glauben geholfen haben.
Die stolz auf Fels erbaute spätromanische Pfarrkirche, die St. Johannes Baptist geweiht ist, hatte unter amerikanischem Granatbeschuss und Bombardement schwer gelitten; sie war erst mal als Gotteshaus nicht zu gebrauchen. So zog der Pfarrer mit seinen damals noch zahlreichen Gläubigen in die Notkirche um, die in einem Saal des Hotels Heinen vor den Toren der Stadt für einige Jahre als Hort des Glaubens diente. Bei uns zu Hause logierten in jener Zeit Steinmetze aus Xanten, die am Wiederaufbau der Kirche arbeiteten. Sie ersetzten geborstene Säulen und schufen mit Fäustel und Meißel kunstvolle Kapitelle. Bald konnte die dreischiffige Basilika wieder für Gottesdienste genutzt werden. Die Gläubigen traten jetzt in das Gotteshaus durch moderne Portale ein, deren Kupferreliefs und figürliche Darstellungen vom Bildhauer Egino Weinert entworfen worden waren.
Doktor in Lederhosen
