Reberg - Liane Locker - E-Book

Reberg E-Book

Liane Locker

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Beschreibung

Stefan Reberg, Professor für Deutsch und Latein, bricht im laufenden Schuljahr während seiner Aufsicht bei der Mathematikschularbeit in der Maturaklasse ein Lehrergesetz, wird zum Verbündeten der Schülerinnen und Schüler – und erschießt sich am selben Abend in seinem Arbeitszimmer. Zwei Wochen später wird dem Klassenvorstand und Mathematikprofessor Joachim Beltzer zugetragen, was während der Schularbeit passiert ist, und eine bürokratische Maschinerie setzt sich in Gang: Direktor, Landesschulrat, Elternabend, Presse. Der Selbstmord Rebergs zieht seine Kreise, nicht nur was dessen eigene Diffamierung betrifft. Joachim, Stefans Freund, beginnt zu recherchieren. Während des restlichen Schuljahres erlebt er nicht nur an sich selbst, sondern auch an seiner Klasse – besonders an den Schülern Tom und Eva – die Auswirkungen von Stefans Tod. Parallel dazu erfährt der Leser die Wahrheit – in Form eines Tagebuchs, das Stefan Reberg verfasst hat und das Joachim am Ende des Schuljahres in seinen Unterlagen finden wird. Eine Wahrheit, die über das Lehrer-Sein hinausgeht und die jeden betreffen kann.

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Seitenzahl: 250

Veröffentlichungsjahr: 2018

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LIANE LOCKER

geb. 1960 in Linz, Autorin, Musikerin und Liedermacherin, unterrichtet an einem Gymnasium Deutsch und Geschichte. Diverse Veröffentlichungen, darunter 1996 der Roman Im Zeichen des Wahnsinns. Musical Christina oder über die alltägliche Gewalt gegen Kinder, Theaterstücke: Der Panikmacher, Die Steinigung, Cashbox. www.lianelocker.jimdo.com

Liance Locker

REBERG

Roman

Inhalt

Kapitel I

Jänner

Kapitel II

Kapitel III

Februar

Kapitel IV

März

April (1)

Kapitel V

April (2)

Ostern

Mai

Kapitel VI

Juli (1)

Kapitel VII

Juli (2)

Kapitel VIII

August

September

November

Kapitel IX

Jänner

Jänner (2)

April

Mai

Juli

September

Kapitel X

März

I

STEFAN REBERG STARB AN EINEM DIENSTAG.

Joachim wusste das so genau, weil er ursprünglich die dreistündige Schularbeit in der 8A für einen Montag vorgesehen hatte, was aber undurchführbar gewesen war, weil davor zu viele Tage frei waren und es laut Gesetz nach mehr als drei freien Tagen nicht erlaubt war, Schularbeiten abzuhalten. Oder Tests. Oder schriftliche Wiederholungen. Nein, stopp, schriftliche Wiederholungen schon. Oder doch nicht?

Joachim hätte jetzt nicht darauf schwören können, ob schriftliche Wiederholungen nach drei unterrichtsfreien Tagen erlaubt waren, da hätte er in seinem Handbuch nachsehen müssen. Das bekam man jedes Jahr am Schulanfang von der Gewerkschaft, oder vielleicht war es auch nicht die Gewerkschaft, egal, Hauptsache, es lag am Schulanfang dort, wo es immer gelegen war, all die zwanzig Jahre, die Joachim als Professor Beltzer jetzt schon unterrichtete. Sollte man das Handbuch benötigen, erwies es sich mittels Kalender, wichtiger Gesetzesvorlagen und schon vorgestrichelter Notenblätter als praktische Hilfe für jeden Lehrer. Wobei diese Notenblätter nichts mit Musik zu tun haben, nein, diese Notenblätter sind Seiten, auf die man die Namen der Schüler und Schülerinnen einträgt, untereinander. Oder mit einem Abstand von 3–4 cm. Damit viel Platz für die Aufzeichnungen bleibt.

Der Lehrer sollte ja jede Stunde Aufzeichnungen machen.

Am besten über jeden Schüler, jede Schülerin.

Was und wann er etwas gesagt hat. Oder sie.

Und wann oder was er oder sie nicht gesagt hat.

Was ja eigentlich im Schnitt viel öfter vorkommt.

Diese Aufzeichnungen sind dann am Ende des Semesters und des Schuljahres wichtig für die Note. Für die gerechte Note.

Einfach so aus dem Bauch heraus geht das nämlich nicht. Denn sollten Eltern kommen und Einspruch erheben, was Eltern schon seit Längerem dem Gesetz nach dürfen, dann muss alles belegt sein. Hausübungen, Wiederholungen, sei es mündlich oder schriftlich, Mitarbeit, sei sie mündlich oder schriftlich, Schularbeiten. Aus diesem Zweck ist es auch ratsam, alles über einen längeren Zeitraum aufzuheben, am besten von jedem Schüler und mindestens ein Jahr, was sich natürlich summiert, deswegen brauchen Lehrer große Wohnungen mit großen Arbeitszimmern.

Joachim wusste also genau, dass Stefan an einem Dienstag gestorben war.

Am Dienstag war die Schularbeit in der 8A gewesen, die Joachim vom Montag auf den Dienstag verschieben hatte müssen, und zwar nachdem er sie schon im Schularbeitenkalender eingetragen hatte. Das war unangenehm. Normalerweise wird das auch nicht gerne gesehen, wenn man etwas verschiebt, aber in diesem Fall, da es nur ein Tag war, geschah es ohne viel Aufhebens. Joachim hatte also diese Mathematikschularbeit in der 8A – übrigens eine miserable Mathematikklasse, in der er auch Klassenvorstand war –, und die war dreistündig. Stefan war zwar kein Mathematiker, aber er unterrichtete Deutsch in der 8A, und die zweite Stunde der Mathematikschularbeit fiel in diese Deutschstunde, und aus diesem Grund hielt Stefan die Aufsicht.

Warum Joachim diesen Dienstag noch in Erinnerung hatte, war, weil sich der leidige Vorfall, der so große Wellen schlagen und keinen Stein auf dem anderen lassen sollte, weil sich also jener Vorfall während der Mathematikschularbeit, genauer, während der zweiten Stunde, in der Stefan supplierte, ereignete. Joachim erfuhr erst zwei Wochen später davon, Stefan war schon unter der Erde, da erschien ein Schüler aus der 8A bei Joachim, in der Pause stand er an der Tür des Konferenzzimmers, und stahl einem Kollegen seine Zeit, indem er Herrn Professor Beltzer verlangte, der in diesem Moment versuchte, seinen Vorrat an mitgebrachter Jause in den zehn Minuten, die ihm zur Verfügung standen – fünf der insgesamt fünfzehn waren verstrichen, ungenützt sozusagen, verloren gegangen auf dem Weg von der Klasse in das Konferenzzimmer und beim unerlässlichen Besuch der Toilette –, so einzuteilen und zu sich zu nehmen, dass er nicht wieder dieses entsetzliche Magendrücken bekam, das ihn phasenweise quälte.

»Joachim?«

Er antwortete mit vollem Mund. »Ja?«

»Ein Schüler, draußen, für dich. Aus der 8A, glaub ich.«

»Ph.« Das hieß: Muss das jetzt sein? Joachim sprach es nicht aus.

»Sieht dringend aus.«

Das war der Kollege. Ein junger. Einer von den Unterrichtspraktikanten. Seinen Namen wusste Joachim nicht. Das heißt, er hatte ihn am Anfang des Schuljahres kurz gewusst, dann aber wieder vergessen. Praktikanten kamen und gingen. Sich ihre Namen zu merken, war für ein von Schülernamen malträtiertes Lehrerhirn purer Luxus.

»Soll ich ihm ausrichten, dass du keine Zeit hast?«

Per Du waren sie alle. Namen hin oder her.

Joachim schluckte. Der hatte leicht reden.

»Ich komm schon.«

Er erhob sich, schleppte sich nach draußen. Sein Magen begann zu drücken.

Vor der Konferenzzimmertür stand Tom. Achtzehn. Ziemlich groß, schlaksig. Das blonde Haar kurz geschnitten, wache, kluge Augen. »Herr Professor?«

»Was gibt’s, Tom?«

»Ich muss mit Ihnen reden. Dringend.«

Joachim kaute noch. Schmeckte aber nichts mehr. Einige Kollegen wollten an den beiden vorbei. Joachim ging ein paar Schritte auf den Gang hinaus, zog Tom mit sich.

»Es ist wegen dem Reberg, ich meine, wegen Herrn Professor Reberg«, sagte Tom, als sie stehen blieben. Er sah Joachim ernst an und schien nicht sonderlich aufgeregt zu sein.

Ein gutes Zeichen.

»Ja«, sagte Tom. »Es war da etwas, während der Mathematikschularbeit, an dem Tag … Tom stockte. »An dem Tag, als Herr Professor Reberg gestorben ist. Da hat er doch bei der Mathematikschularbeit suppliert …«

Joachim schwieg kurz, versuchte zu erahnen, was Tom ihm sagen würde. »Komm«, sagte er dann. Ging voran, Tom trottete hinterher. Die Eingangshalle einen Stock tiefer sah aus wie in jeder Schule. Funktionell, geräumig, unpersönlich. Pflanzen und Kunststoffsofas versuchten Wärme auszustrahlen. »Dorthin«, sagte Joachim und steuerte das Sofa an, das hinter einem Pfeiler stand und uneinsichtiger war als die anderen.

Sie setzten sich. Einige jüngere Schüler spielten lärmend mit einem Softball. Das übliche Szenario in den Pausen. Als sie Joachim sahen, mäßigten sie sich etwas. Feind in Sicht, hieß die Devise. Am anderen Ende der Halle, Richtung Eingangstür, stand die Kollegin, die Gangaufsicht hatte. Sie schien einen Biologieschaukasten zu studieren, was Joachim völlig unglaubwürdig vorkam. Die Exponate darin waren seit zwei Jahren nicht ausgewechselt worden. Er vermutete, dass ihr Interesse vorgetäuscht war und lediglich dazu diente, sich die Schüler vom Leib zu halten, um in Ruhe ihr Jausenbrot essen zu können.

Ein legitimes Unterfangen.

»Es war so«, sagte Tom. »In der zweiten Stunde, da war bei vielen die ganze Sache mit der Schularbeit schon ziemlich aussichtslos und da ist Reberg zu meinem Platz gekommen … Professor Reberg …« Tom blickte Joachim unsicher an. Er war ein gut erzogener Schüler.

»Ist schon gut«, sagte Joachim.

»Er hat sich neben mich gestellt, hat auf mein Heft gesehen und gesagt, ich soll doch Lemnitz fragen wegen der Lösung.«

»Wegen der Lösung?« Joachim fing an zu schwitzen.

»Ja«, sagte Tom.

»Und?«

Ich hab gelacht. »Schön wär’s«, hab ich dann gesagt, und er hat gesagt: »Warum sprichst du im Konjunktiv, Tom?«

Tom stockte wieder. »… Reberg ist schließlich nach vorne gegangen. Er hat sich vor uns hingestellt und gesagt: Macht das Beste daraus, alle. Aber macht es so, dass es nicht zu sehr auffällt. Ich werde schweigen wie ein Grab.« Er fixierte das Muster der Bodenfliesen. »Dabei hat er eigenartig gelacht. Bei dem Wort Grab.« Nun sah er wieder zu Joachim, der ihn völlig entgeistert anstarrte.

»Die Lösung«, flüsterte er dann fast unhörbar und schüttelte dabei den Kopf.

Tom schwieg. Wusste nicht, was er sagen sollte.

Joachim fühlte gar nichts. Hatte für so eine Situation gefühlsmäßig einfach nichts vorbereitet, auf das er jetzt zurückgreifen konnte.

»Und? Was habt ihr gemacht?«

Tom sah erneut zu Boden. »Können Sie sich das nicht denken?«

»Ihr wart wirklich geschickt. Eure Leistungen waren zwar besser als sonst, aber nicht auffällig gut.«

»Ja.« Tom hob seinen Blick. Die Halle leerte sich. Auf der großen Uhr rückten die Zeiger unaufhaltsam Richtung Pausenende. Nun war es wenigstens kein Geheimnis mehr, dachte er.

Joachim veränderte seine Sitzposition. Streckte den Rücken durch. Fühlte immer noch nichts.

»Eigenartig«, sagte er.

»Was?«

»Dass ich darauf nicht früher gekommen bin.«

»Ja«, sagte Tom. »Das haben wir auch gesagt. In der Klasse.« Nun wirkte er wieder etwas vorsichtig. »Ich meine …«

»Dass ihr mich für einen Idioten haltet?«

»Nein, natürlich nicht.« Es läutete. Tom rührte sich nicht. »Wollen Sie gar nicht wissen, warum ich Ihnen das erzähle?«

»Natürlich«, sagte Joachim, obwohl er sich nicht mehr sicher war. »Also?« Er fragte trotzdem, obwohl er längst hätte gehen müssen. Eigentlich sollte er schon in der nächsten Klasse sein, alles am besten gleichzeitig, gehen, dort sein, essen, denken, reden. Aber auch er rührte sich nicht.

Mir ist das jetzt egal. Scheißegal.

Kollegen hasteten an den beiden vorbei.

Zu spät. Immer zu spät.

»Wir haben heute Hefte zurückbekommen. Frau Professor Plank hat sie uns gebracht. Deutschhefte«, sagte Tom.

»Wo waren die?«

»Auf dem Platz von Professor Reberg. Hat die Plank uns erzählt.«

»Und?«

»Sie sitzt ja neben ihm, hat sie gesagt. Und heute hat sie begonnen, seinen Platz abzuräumen und da sind die Hefte gelegen.«

Joachim verstand immer noch nicht, spürte so etwas wie Ungeduld. Wenigstens wieder ein Gefühl.

»Er hat unter jede Hausübung etwas Persönliches geschrieben. Auf Latein. Bis wir das heute übersetzt haben …« Tom musste lachen. Es klang bitter. »Gott sei Dank war Leitner da.«

Leitner war der Beste in Latein.

»Was hat er geschrieben?«

Joachim sah ganz kurz Stefan vor sich, wie er Heft um Heft zur Hand nahm, immer wieder aufsah, überlegte. Wissend, was er vorhatte, bis zum bitteren Ende.

»Wir sind noch nicht ganz durch. Mit dem Übersetzen. Aber es geht immer um die Wahrheit. Und um den Erfolg. Und um das, was wirklich wichtig ist. Freundschaft, Loyalität, Vertrauen, das Übliche halt …« Tom machte eine Pause.

Das Übliche halt. So war das für die Jungen.

»Aber grundsätzlich geht es darum, dass wir die Wahrheit sagen sollen. Ihnen. Und deswegen hat mich die Klasse hergeschickt.«

Tom war Klassensprecher, schon während der gesamten Oberstufe. Eine Seltenheit.

»Könnt ihr mir das alles aufschreiben? Ich meine, was Stefan …« Joachim stutzte. »… was Professor Reberg geschrieben hat?«

»Ja, klar.«

Beide schwiegen. Joachim versuchte erneut, das Bild Stefans heraufzubeschwören, diesmal ohne Erfolg. Er blickte ins Leere, langsam wurde es leise um sie herum. Die letzten Türen schlossen sich.

»Ich muss in den Unterricht«, sagte Tom und erhob sich.

»Ich auch.« Joachim sammelte sich blitzschnell, stand auf.

»Was machen wir mit der Schularbeit?« Tom hätte fast vergessen zu fragen. Die in der Klasse hätten ihn gesteinigt.

»Keine Ahnung«, sagte Joachim. »Ich muss die ganze Angelegenheit überschlafen.« Er sah Tom an, wusste, dass diese Antwort für ihn und die anderen unbefriedigend war. »Macht euch keine Sorgen«, sagte er.

Musste er ja wohl, als gelernter Pädagoge.

Tom glaubte ihm nicht. Sagte trotzdem: »Alles klar und danke.«

Musste er ja wohl, als angepasster Schüler.

Tom kehrte nicht in seine Klasse zurück. Bog kurz vor der Tür ab und lief wieder nach unten. Sollen die mich doch. Ich weiß doch, was mit Reberg passiert ist. Und die machen alle weiter, als ob nichts gewesen wäre. Beltzer, ja, der hat vielleicht noch halbwegs ein Gewissen. Aber die anderen? Da stirbt einer von ihnen, und sie räumen nur den Platz leer.

Er stellte sich vor den Haupteingang, zündete sich eine Zigarette an.

Wenn die Mathematikschularbeit nicht so wichtig gewesen wäre, nie hätte einer von ihnen gedacht, dass ein Lehrer einmal sagt, macht nur, schreibt voneinander ab, aber macht es geschickt. Hätte da nicht schon jeder von ihnen merken müssen, wie es um Reberg stand? Gerade Reberg? Dem man so etwas nie zugetraut hätte? Aber ehrlich, es war ihnen allen egal gewesen, es ging nur um diese verdammte Note. Es ging nicht um Reberg. Es ging nicht um die anderen. Nur um jeden einzelnen von ihnen.

Eva stand plötzlich vor ihm. So unwirklich schön wie immer. »Hi.«

Sie war um etliches kleiner als er, streckte sich nun ein wenig und sog den Rauch seiner Zigarette ein. Verzog dabei das Gesicht.

»Hi.« Er lächelte. Eva konnte ungemein komisch wirken, wenn sie wollte.

»Und, hast du’s ihm gesagt?« Ihre dunklen Augen musterten ihn.

»Ja«, sagte er. Wollte sie an sich ziehen. Tat es nicht.

»Gut«, sagte sie, setzte sich auf den kleinen Mauervorsprung neben dem Eingang, begutachtete ihre Fingernägel. »Die anderen wundern sich, wo du bleibst. Und die Kaufmann ist sauer.«

Die Kaufmann, das war die Englischlehrerin.

»Du hast Referat, Tom!« Sie beugte den Oberkörper vor, wedelte mit dem Zeigefinger.

»Ich weiß.«

»Komm.« Ihre Stimme bekam etwas Schmeichlerisches. »Tooom …«

»Ich hab keine Lust.«

»Gut.« Sie lächelte. »Dann schenk mir auch eine.«

Tom setzte sich neben sie, gab ihr eine Zigarette und Feuer.

»Was hat Beltzer gesagt?« Sie inhalierte tief.

»Wir sollen ihm aufschreiben, was Reberg so von sich gegeben hat.«

»Wozu?«

»Keine Ahnung.«

»Ich glaub, die waren Freunde.« Sie schwiegen. Tom zündete sich noch eine Zigarette an.

»Wird die Schularbeit wiederholt?«

Tom konnte die Frage kaum verstehen, so leise war Eva geworden. Für sie ging es um viel. Noch eine negative Note und sie war weg von der Schule. Befehl ihres Alten.

Er drückte ihre Hand. Sie ließ es geschehen, ohne seine Berührung zu erwidern.

»Er weiß noch nicht. Muss noch drüber schlafen.« Er zog seine Hand zurück. Legte sie auf die kühle Mauer.

»Ob Reberg an dem Vormittag bei uns schon gewusst hat, dass er …« – Eva sprach nicht weiter.

»… dass er sich am Abend umbringt?« Tom vollendete den Satz.

Eva sah ihn an, in ihren Augen standen Tränen.

»Ich glaub schon«, sagte Tom schließlich. »Passt doch alles zusammen, oder nicht?«

Joachim ließ die Schüler rechnen. Damit war ihm ein bisschen Ruhe sicher.

Er war in der 1A. Die Kleinen hatten sich tief über ihre Hefte gebeugt. Die Füllfedern, Kugelschreiber und Faserstifte glitten über das Papier.

Da geht’s noch leicht. Gut so.

Er stellte sich ans Fenster. Niemand sprach ein Wort, es war unnatürlich still. Bei euch sind alle ruhig, beklagte sich Irene oft im Scherz. Kommt einmal in meine Deutschstunden. Oder Englisch. Na, Mahlzeit.

Irene. Die Kaufmann. Sie hatte sich mit Stefan auch gut verstanden. Hatte auch mit ihm studiert. Seit über zwanzig Jahren war sie an der Schule, vor einigen Jahren war ihr Mann gestorben, an einer Grippe, im Schlaf.

Habe ich damals mit ihr geredet? Habe ich irgendwie Anteil genommen?

Was die Mathematikstunden betraf, wusste er, dass sie recht hatte. Vielleicht hatte er aus diesem Grund auch Mathematik studiert, in seiner Schulzeit hatten sie alle immer Angst vor dem Mathematiklehrer gehabt, egal, wer es war. Der Deutschlehrer war meistens harmlos, so nach dem Motto: Schreiben kann eh jeder.

»Das ist unfair.«

Das war Stefan. Damals, als sie noch regelmäßig nach dem Unterricht Mittagessen gegangen waren. Einmal pro Woche. Egal, ob einer von ihnen länger unterrichten musste, sie hatten aufeinander gewartet, waren schließlich bei dem kleinen Griechen um die Ecke gelandet und hatten geredet.

»Das ist unfair, dass alle glauben, schreiben kann jeder«, sagte Stefan. »Das stimmt so nicht. Schreiben kann nicht jeder.«

»Rechnen auch nicht«, widersprach Joachim.

»Das schon gar nicht.«

Nach mehreren Ouzos waren sie oft erst am frühen Abend nach Hause gegangen, nachdem Stefan unzählige Male seine kleine runde Hermann-Hesse-Brille auf- und wieder abgesetzt hatte, dozierend, belehrend, ausgelassen. Sie gingen nach Hause, satt bis zur nächsten Woche. Wann hat es eigentlich aufgehört? Er rechnete nach und erschrak. Es waren mehr als drei Jahre. Und wie? Wie hat es aufgehört?

So wie alles aufhörte. Schleichend. Da ein Termin, den er oder Stefan nicht einhalten konnte und dann noch einer und dann der nächste. Und irgendwann redete keiner mehr darüber, oder vielleicht doch, aber nur noch im Konjunktiv, wir sollten wieder mal essen gehen, wir sollten. Und nichts geschah. Und dann redete wirklich keiner mehr davon. Definitiv. Indikativ. Als sei zu viel Zeit vergangen, als könne man nicht anknüpfen, wo man aufgehört hat.

Nachlässig. Und jetzt hatte sich Stefan da vorne hingestellt und gesagt, los, schreibt ab, aber sorgt dafür, dass es nicht auffällt. Und dann am Abend hatte er sich einfach umgebracht, das heißt, einfach so bringt man sich doch nicht um, oder doch?

Einfach so schießt man sich doch keine Kugel in den Kopf?

Er dachte an das Begräbnis. Klaus hatte den Tag für schulfrei erklärt, damit Kollegen und Schüler daran teilnehmen konnten, was Joachim ihm hoch anrechnete. Als Direktor einer Schule konnte man ja doch manchmal was riskieren, wenn man nur wollte. Wenn man die Eltern einfach mal ignorierte, die nur an den Verlust von Unterrichtsstunden dachten, an die Probleme, die die fehlende Betreuung für sie mit sich brachte.

An Klaus waren die Beschwerden abgeprallt.

Ist ja nichts, gegen das, was er selbst erlebt hat.

Unten auf dem Lehrerparkplatz unterhielt sich der Praktikant von vorhin mit Martin, dem Religionslehrer. Dem evangelischen. Sie lachten.

Ein Schüler zeigte auf. Joachim merkte es nicht sofort, noch immer stand er mit dem Rücken zur Klasse, sah hinunter. Der Praktikant stieg jetzt ins Auto, startete und verschwand aus seinem Gesichtsfeld. Martin steuerte sein Fahrrad an, entsperrte es, zurrte seine Schultasche am Gepäckträger fest und radelte los. Es war Anfang April, ein milder Frühlingstag.

In fünf Wochen begann die Matura.

»Herr Professor?«

Joachim drehte sich um. »Ja«, sagte er. »Ich komme schon.«

Es war ein Fehler.

Beltzer alles zu sagen, war ein Fehler. Eva hatte dagegen gestimmt, aber die meisten wollten Rebergs Wunsch erfüllen. Weil er tot war. Weil sich das gehörte. Was wäre gewesen, wenn er nicht gestorben wäre? Kein Mensch hätte sich für die Wahrheit interessiert. Und waren manche von ihnen, bei aller Tragik, die Rebergs Tod innewohnte, nicht auch erleichtert gewesen, dass er ihrer aller Geheimnis mit in den Tod nahm? War Eva nicht auch eine von jenen gewesen?

Natürlich hatte sie sich geschämt, wie konnte man dem Tod eines Menschen überhaupt etwas abgewinnen, aber andererseits wusste sie, wo sie stand und wie ihre Aussichten waren; sollte Mathematik wieder nicht klappen, war es vorbei mit Studium.

Die Drohungen ihres Vaters wogen die Scham auf.

Und nun? War doch egal, was Reberg ihnen unter die Hausübungen geschrieben hatte, warum spielte er plötzlich den Moralischen?

Eva erinnert sich genau an den Moment. Zuerst steht Reberg bei Tom und dann geht er nach vorn, und es dauert einige Minuten, bis alle realisieren, was da gerade geschieht und keiner sagt ein Wort, jeder sitzt da wie erstarrt, auch die, die ohnehin keine Hilfe brauchen, und dann fragt Lemnitz, er muss sich räuspern, so sehr zittert seine Stimme, dann fragt Lemnitz, ob Reberg das wirklich ernst meint und Reberg sagt, glaub mir, Lemnitz, scherzen ist heute das Letzte, zu dem ich aufgelegt bin, und dann dreht sich Lemnitz um:

Also Leute, ich würde sagen, wer eine Frage hat, kommt zu mir, aber der Reihe nach, bitte, bevor ihr euch über den Haufen rennt.

Und ein Seufzer der Erleichterung geht durch die Klasse, obwohl die meisten der Sache noch nicht trauen, und dann steht Tom auf und fragt Lemnitz und Lemnitz erklärt, und das Eis ist gebrochen und Eva steht auf und geht zu Meier, dem Mathematikgenie, und Lisa geht zu Katharina und so weiter. Alles verläuft ganz ruhig, diszipliniert, als wäre es von langer Hand vorbereitet.

Und nun hatten sie alles Beltzer erzählt. Weil Reberg es so gewollt hatte. Er war tot, ihm konnte es doch gleichgültig sein. Das Befriedigend war die Chance für die Matura, ohne Reberg wäre wieder alles schiefgegangen.

»Es kann sein, dass die Schularbeit wiederholt wird.«

Evas Vater saß vor dem Fernseher, die Beine auf dem niedrigen Couchtisch. Sein kariertes Hemd spannte, in der Nabelgegend fehlte ein Knopf. »Was?« Er beugte sich vor, griff nach dem Bierglas und ließ dabei den Fernsehsprecher nicht aus den Augen.

Eva griff sich einen der Stühle, die beim Esstisch standen und platzierte ihn so, dass sie ihrem Vater direkt gegenübersaß. Fragte ihn dann, ob er den Fernseher nicht ausmachen könne.

Er brummte irgendetwas.

»Bitte! So kann ich nicht reden.«

»Und ich kann so nicht fernsehen.«

»Eben.«

Evas Vater gab nach. Es war still.

»Was ist?«

»Die Schularbeit. Wahrscheinlich wird sie wiederholt.« Eva schwieg, hatte den Blick gesenkt, um dem ihres Vaters nicht begegnen zu müssen, bemerkte nicht, wie sich sein Gesicht rötete. Während er fragte, warum, nahm er seine Beine vom Tisch, zog eine Zigarette aus dem Päckchen, das neben dem Bierglas lag, zündete sie an. Seine Augen verengten sich.

Es war auch ein Fehler, ihm davon zu erzählen.

»Aber die Noten waren doch bei allen gut, oder nicht?«

»Ja«, sagte Eva. Wusste jetzt nicht mehr, wo sie anfangen sollte, schwieg, sah ihren Vater hilflos an.

»Also?« Seine Stimme war lauter geworden, sein Blick schien Eva auf ihrem Stuhl festnageln zu wollen.

Sie gab sich einen Ruck. Strich sich eine Strähne zurück, die sich aus ihrem hochgesteckten, schwarzen Haar gelöst hatte, begann damit, dass etwas schiefgelaufen sei mit der Schularbeit.

Dass etwas schiefgelaufen sei mit Reberg.

Als Joachim nach Hause kam, steuerte er vom Flur direkt sein Arbeitszimmer an. Erste Tür links. Er warf seine Schultasche in die Ecke hinter dem Schreibtisch und sich selbst auf das Sofa vor dem Fenster.

»Was ist los?«

Das war Hannah. Sie hatte ihn kommen hören und stand nun im Türrahmen, ihre blauen Augen wirkten besorgt. Sie griff nach hinten, löste den Knoten ihrer geblümten Küchenschürze, fragte, ob etwas passiert sei.

»Nein«, antwortete er.

»Sieht aber anders aus.«

»Ja. Ist aber nicht so.«

Sie trat auf ihn zu, beugte sich hinunter, umfasste mit beiden Händen sein Gesicht und küsste ihn auf den Mund. Ihre Lippen waren weich, und die Wärme, die von ihnen ausging, übertrug sich augenblicklich auf sein Inneres, öffnete jede bis dahin verschlossene Tür.

Er seufzte tief.

»Ok. Das klingt nicht gut.«

»Ich erzähl dir nachher alles, ist das in Ordnung? Ich muss an die frische Luft.« Er sprang auf, schnappte seine Jacke, die über seinem Schreibtischsessel hing, stürmte an Hannah vorbei. Gleich darauf fiel die Haustür ins Schloss.

Sie verstanden einander. Ließen einander im richtigen Augenblick in Ruhe. Suchten einander im richtigen Augenblick.

Joachim nahm den Weg an dem nahe gelegenen kleinen Bach entlang, der direkt bei seinem Haus vorbeiführte. Die Luft war mild, ein paar einzelne Wolken schienen über ihm am Himmel stillzustehen und alles um ihn herum wuchs, spross, und blühte, als gelte es, einen Wettbewerb zu gewinnen. Nach einer Weile fand er sich in dem kleinen Wäldchen wieder, das einige hundert Meter hinter seinem Wohnblock lag. Weit und breit keine Menschenseele.

Da hast du mich schön in was reingeritten, Stefan, da haben Sie sich ja fein was ausgedacht, Herr Professor Reberg.

Er trat mit dem Fuß nach einem Ast, der ihm den Weg versperrte.

Hast du nicht einfach schweigen können?

Er schrie es hinaus: Reberg, Professor Stefan Reberg! Hast du nicht einfach schweigen können?

Er musste die Schularbeit wiederholen. Jetzt, wo Tom ihm alles erzählt hatte, gab es ohnehin keine andere Möglichkeit. Das hieß Direktor, Elternabend – der ganze bürokratische Kram. Und was es vor allem hieß: Stefan würde als mieser Pädagoge dastehen. Als Psychopath, dem es nicht genug war, sich selbst umzubringen. Nein, er musste vorher auch noch auf kindische, unverantwortliche Weise Schaden anrichten.

Warum hast du dich eigentlich umgebracht, Stefan?

Er stellte diese Frage jetzt, genau in diesem Augenblick, zum ersten Mal. Eigenartig. Er blieb stehen.

Warum hast du nichts gesagt, Stefan? Hey, wo bist du, Mann?

Eine Frau näherte sich Joachim, grüßte im Vorbeigehen. Er kannte sie aus der Nachbarschaft, drei Häuser weiter, brave Familie, zwei Kinder, das Übliche halt, so wie bei Stefan, und doch, plötzlich geht einer hin und bringt sich einfach um, so mir nichts dir nichts.

Nein, so sicher nicht.

Sein Handy klingelte. Er kannte die Nummer nicht.

»Ja?«

»Entschuldigen Sie Herr Professor, dass ich Sie störe, aber …«

Es war Eva. Zögerlich, verletzlich, hilflos. Meinte, sie habe die Nummer von Tom, Joachim hätte sie ihm einmal gegeben, bei der letzten Exkursion.

Es war nicht üblich, Lehrer in ihrer Freizeit anzurufen.

»Ist schon gut«, sagte Joachim, setzte sich auf einen umgestürzten Baumstamm, wollte wissen, was los war.

»Ich habe alles meinem Vater erzählt. Es tut mir leid«, sagte sie.

Joachim schwieg.

Wieso ihrem Vater?

Er massierte mit der freien Hand seine Stirn.

»Herr Professor? Sind Sie noch da?«

»Ja, ja. Und?«

»Wie gesagt, es tut mir so leid, ich glaube, das war ein Fehler, er ist völlig ausgerastet, er hat gedroht. Morgen will er dem Direktor die Meinung sagen, was da für Lehrer an seiner Schule unterrichten und dass die Schularbeit auf keinen Fall wiederholt werden dürfte. Ich habe ihm gesagt, dass Reberg doch tot ist und er kann jetzt doch nicht so ein Theater machen, aber …« Eva weinte, entschuldigte sich erneut, erklärte, dass er es unmöglich hätte von anderen erfahren dürfen, ihr Vater, den er, Beltzer, nicht kenne, denn würde er ihn kennen, würde er Eva verstehen.

Vielleicht verstehe ich dich auch so, Eva, dachte Joachim und erinnerte sich an seinen Vater. Wenn es schlechte Väter sind, sind sie alle auf die gleiche Weise schlecht.

Er beruhigte sie, man werde morgen weitersehen, meinte er und alles würde gut gehen und sie müsse sich wirklich keine Vorwürfe machen.

Der Lehrer in ihm sagte das. Der, der wusste, wie viel diese Kinder manchmal ertragen mussten. Der Mensch Beltzer wollte Eva anschreien, sie zur Verantwortung ziehen. Hast du dir nicht überlegt, was du Stefan und seiner Familie damit antust, du egoistisches, kleines Ding?

Eva verabschiedete sich, und Joachim schob das Handy in seine Jackentasche.

Stefan. Du mit deinen verdammten, verrückten Ideen.

War da nicht diese Unmöglichkeit, überhaupt etwas in ihrem Leben als Lehrer zu bewirken? Anfangs war sie Hauptthema zwischen Stefan und Joachim gewesen, bei ihren gemeinsamen Mittagessen.

Wie machen wir das, dass sie uns zuhören? Wie interessieren wir sie überhaupt für uns?

Die Schüler als diese graue Masse, die es zu belehren und zu bilden galt, und zu disziplinieren und zu begeistern und zu reifen Menschen zu erziehen und denen man Werte vermitteln sollte, und was weiß der Kuckuck noch mehr. Oft, nach dem dritten oder vierten Ouzo, war es ihnen egal, sie hatten nur noch Spaß, Stefan und Joachim, die einander aus der Studienzeit kannten, wo Ideale so selbstverständlich waren wie ihre Freundschaft, und resignieren so ausgeschlossen wie ein Leben ohne Sex.

Oder Alkohol. Das kam gleich danach.

Doch dann flucht Stefan immer öfter, über das ganze Scheißsystem, so nennt er es.

Man muss doch etwas dagegen tun können?

Und als auch noch Stunden gekürzt werden und wieder einmal der Hass der Bevölkerung über die Lehrer hereinbricht, weil sie sich nicht alles gefallen lassen, mit ihrem halben Quadratmeter-Schreibtisch-Platz im Konferenzzimmer, auf dem sich alles türmt, und den Gratis-Supplierungen und der bürokratischen »Beamtenkotze« – Zitat Reberg –, flucht dieser nur noch.

Ich ersticke in Listen, flucht er, sie essen Moussaka, Joachim weiß es noch so genau, weil es das einzige Mal ist, dass sie beide am selben Tag Moussaka essen.

Stefan sieht zuerst auf seinen Teller, befördert einen Bissen auf seine Gabel und von dort in seinen Mund, kaut langsam, schluckt, legt seine Gabel am Tellerrand ab, seine runde Brille auf den Tisch, lehnt sich zurück und sieht Joachim herausfordernd an. Dabei spielt er mit dem Brillenbügel.

Ich bin der Meister der Listen.

Er senkt seine Stimme, beugt sich vor, als verrate er in Kürze ein bis dahin wohl gehütetes Geheimnis.

Listen für die Ausweise, Listen für die Schulbücher. Listen für die Religionsabmeldungen. Listen für die Religionsanmeldungen. Listen zum Atmen. Zum Lachen. Zum Gehen. Zum Sprechen. Zum Aufzeigen!

Jetzt steht Stefan auf, bedient sich theatralischer Gesten, wird laut, erhebt seine linke Hand und doziert mit gestrecktem Zeigefinger.

Mein lieber Freund Joachim, wir müssen auch eine Liste für dieses Moussaka machen!

Der liebe Freund Joachim schämt sich ein wenig. Er sieht sich im Lokal um. Entschuldigend. Mein Freund ist Lehrer, will er sagen, sagt es aber nicht.

Mein Freund ist Lehrer, und die sind manchmal einfach so.

Er kehrte um. Dachte nach über Eva, ihren Vater und schließlich über Stefan. Der nun tot war.

Es war schon vier Uhr, er musste Hausübungshefte kontrollieren, oder vielleicht musste er auch noch etwas für morgen vorbereiten, er wusste es im Moment nicht so genau.

Wo sind die letzten drei Jahre geblieben? Was habe ich gemacht in dieser Zeit?

Er hatte unterrichtet. Namenlos viele Kinder und Jugendliche. Sie erkannten ihn, wenn sie ihm auf der Straße begegneten, er erkannte nur wenige. Und welche genau, für dieses Rätsel hatte er noch keine Lösung gefunden.

Es sind die, die einem sofort auffallen.

Stefan sitzt ihm gegenüber. Diesmal hält er seine kleine Brille in den Händen.

Du weißt schon, man geht in eine Klasse, zum ersten Mal, und da gibt es immer einige, die dir sofort auffallen. Man merkt sich von denen auch gleich die Namen. Während man sich von manchen die Namen in hundert Jahren nicht merkt.

Stefan hatte recht. Gerade in diesem Schuljahr hatte Joachim eine Klasse, in der gar nichts ging, er hatte alles probiert, Fotos gemacht, die Namen der Kinder auswendig gelernt, und dann sitzen sie plötzlich anders, als wollten sie ihn absichtlich aus der Fassung bringen. Die drei Lisas, wer waren die? Und die zwei Olivers? Keine Chance. Und warum sahen Laura und Nicole einander so verflucht ähnlich?

Aber die, die dauernd den Mund offen haben oder äußerlich besonders auffallen, die hat man in zwei Minuten.

Als er die Wohnungstür aufsperrte, stieg ihm der Geruch von frisch gebackenem Kuchen in die Nase. Er schloss die Tür hinter sich, hängte seine Jacke an die Garderobe, bückte sich, zog seine Schuhe aus, stellte sie nebeneinander. Schob sie hin und her, immer wieder, bis sie wie mit einem Lineal platziert erschienen. Er richtete sich auf. Nahm von oben eine kleine Unregelmäßigkeit wahr, wollte sich erneut hinunterbeugen, ließ es aber schlussendlich bleiben.

Diese Anfälle von Zwanghaftigkeit waren ihm nicht unbekannt.