Reborn - Betty Barton - E-Book

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Betty Barton

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Beschreibung

Als Bonnie sich auf die Beziehung mit dem Jungen ihrer Träume einlässt, ahnt sie nicht welche Folgen diese Verbindung haben würde. Von einen Tag auf den anderen ist ihr Leben plötzlich in Gefahr und alles was sie zu wissen glaubt in Frage gestellt. Es sollte sich herausstellen, dass Bonnie und Brians Verbindung tiefer geht als die Beiden es je erwartet hätten. Und auch die Bedrohung, die die beiden Liebenden umgibt, ist älter und gefährlicher als sie verstehen können.

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Seitenzahl: 546

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Betty Barton

Reborn

Unser Schicksal

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Der Traum

Begegnung

Mädelsabend

Nachhilfe

Ein großer Schritt

Das Geheimnis

Dicke Luft

Das Essen

Das Fest

Mit Schirm, Charme und Melone

Der Aussichtspunkt

Schlechte Nachrichten, mal wieder

Annäherungsversuche

Eine furchtbare Vorstellung

Geheime Treffen

Die Wahrheit

Der Plan

Vorbereitungen

Luthias

Erklärungsnot

Endlich geschafft

Das normale Leben

Impressum neobooks

Prolog

Gewidmet meinem wundervollen Mann.

Er wartete etliche Jahre, die ihm in seinem unendlich langen Leben wie wenige Stunden vorkamen, auf diesen Moment. Geduldig, und sein Ziel stets vor Augen, bereitete er gedanklich den nächsten Angriff vor. Vielleicht würde es ja diesmal enden und sein Meister würde ihm endlich einen neuen Auftrag zuweisen. Einen Auftrag, der seines Könnens würdig war.

Gerade als er in alten Erinnerungen an vergangene Kämpfe und gewonnene Schlachten zu versinken begann, betrat einer seiner Krieger, der treue Faius, den Raum. Da hörte er auch schon das altbekannte klirrende Geräusch der metallenen Rüstung, die gegen den steinernen Boden schlug. Sein Untergebener hatte sich, wie es ihm von Geburt an beigebracht wurde, auf eine seiner von einer schweren Rüstung umkleideten Knie fallen lassen um seinen Herren zu begrüßen und ihn angemessen zu ehren.

Mit einer eleganten Bewegung erhob sich der Anführer der Armee der Unterwelt aus seinem aus Holz geschnitzten Sessel und bewegte sich mit schnellen Schritten auf seinen Krieger zu. Erst jetzt hob Faius seinen Blick vom schwarzen Stein des Bodens und stellte sich der angespannten Mine seines Vorgesetzten.

„Herr, es ist soweit. Der erste Kontakt wird in Kürze stattfinden.“, informierte Faius seinen Herren mit klaren und unmissverständlichen Worten.

Sein Kiefer spannte sich an und er begann laut mit den Zähnen zu knirschen. Seine Anspannung verbreitete sich in Windeseile über den gesamten Raum und die Wände begannen vor Aufregung zu vibrieren.

„Bereitet alles vor. Ich werde morgen aufbrechen nachdem ich ihm die Neuigkeiten mitgeteilt habe.“, antwortete er seinem Krieger Faius.

Ihm, seinem Herren, seinem Meister. Der, der ihm die Kraft, den Willen und das Geschick geschenkt hatte und selbst über unvorstellbar viel Macht und Stärke verfügte. Er würde ihm die neuesten Meldungen weitergeben und sich dann auf den Weg zu seinem Auftrag machen.

Mit einem kurzen Nicken entließ er seinen Krieger und mit einer schnellen Handbewegung befahl er auch schon den Nächsten zu sich. Schnell kam dieser noch junge und unfertig ausgebildete Untergebene auf ihn zugehastet um seinen Befehl entgegenzunehmen.

„Los, lauf schnell zum Herrscherberg und kündige meine Ankunft an. Ich möchte mit ihm sprechen, persönlich.“

Der Krieger in Ausbildung nickte und hastete davon, ohne ihm auch nur ein einziges Mal in die Augen zu blicken.

„Dann ist es also wieder soweit. Diesmal lasse ich euch nicht so leicht davonkommen. Diesmal schicke ich euch endgültig zurück.“, dachte er voller Erwartung und Anspannung während seine Hände sich instinktiv zu zwei blutleeren Fäusten ballten.

Der Traum

Ich stand auf einem großen Feld, umringt von grünen, saftig blühenden Bäumen und einem Duft, wie ich ihn zuvor noch nie gerochen hatte. Er erinnerte mich an frisch gepflückte Lilien gemischt mit geräuchertem Holz und einem Wildbach nach einem starken Regenguss.

Ich sah rings um mich herum nichts als die Natur, die diesen überwältigenden Geruch freigab. Ich sah mich um und versuchte einen Weg oder einen Pfad zu erspähen. Ich wusste nicht, was ich auf diesem Feld verloren hatte. Weder stand ein Auto, ein Fahrrad, oder gar ein Pferd neben mir, noch schien ich mit irgendeiner Art von Proviant ausgerüstet zu sein um einen längeren Fußmarsch zurücklegen zu können.

Ohne mir genau darüber im Klaren zu sein wo mein Weg mich hinführen würde, ging ich los und versuchte mit schnellen und hastigen Schritten das Feld zu überqueren um zum Waldstück auf der anderen Seite zu gelangen.

Der Himmel war strahlend blau und die Sonne schien mit ihrer vollen Stärke. Doch die Hitze war nicht so unerträglich wie ich es mir bei so einem Wetter vorstellen würde. Auf dem Feld wehte ein kühler Wind und ich merkte wie sich bei jedem Windstoß die Härchen an meinen Armen und Beinen aufstellten.

Bei jedem Schritt sog ich die wohltuende Luft zwischen meinen Zähnen ein und ließ den saftigen und frisch riechenden Duft auf mich wirken. Als ich immer näher an den Waldrand kam, der von Birken, Eichen und Erlen gesäumt war, sah ich eine Gestalt, die sich aus dem Wald auf mich zubewegte.

Ich erkannte die Umrisse der Gestalt und konnte einen Jungen ausmachen, der ebenso erstaunt wie ich durch den Wald auf die Lichtung zuschritt. Bei jedem Meter, den wir uns näher kamen, schlug mein Herz schneller. Ich verstand nicht warum mich diese Person so in Aufregung versetzte. Ich hatte keine Angst vor ihm, aus irgendeinem unerfindlichen Grund empfand ich große Freude und so etwas wie Zuneigung. Ohne mein Zutun beschleunigten meine Beine das Tempo und ich sah mich selbst den Rest des Weges bis zum Waldrand laufend zurücklegen. Auch mein Gegenüber beschleunigte seine Schritte. Bei jedem Meter weniger der uns trennte konnte ich den Jungen besser erkennen.

Er war wunderschön. Seine Haare waren von einem satten und tiefen Braun. Sie hingen ihm schwer ins Gesicht und über die Schultern. Seine Bewegungen waren elegant und stark. Die letzten Schritte, die uns noch voneinander trennten legten wir in Zeitlupentempo zurück.

Sein Gesicht war mir vertraut. Ich hatte das Gefühl es schon so oft gesehen zu haben, dass ich jeden Gesichtszug und jeden Makel auswendig kannte. Seine Augen strahlten in einem tiefen Blau, seine Wimpern waren lang und dicht. Die Wangenknochen stachen hervor und vermittelten einen starken und sehr männlichen Eindruck. Gleichzeitig hatte sein Gesicht etwas Jugendliches und Sanftmütiges, wie ich es zuvor noch bei keinem anderen gesehen hatte.

Wie von einer unsichtbaren Hand geleitet bewegte ich mich weiter auf ihn zu, langsam mit kurzen Schritten. Ich konnte mich nicht von seinen Augen und vollen Lippen lösen. Unsere Blicke hingen aneinander als würde es rings um uns herum nichts geben. Als wäre alles, was wir jemals wieder betrachten wollten die Person, die gerade auf uns zuging.

Er streckte die Hand nach mir aus. Ein sanftes Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Ohne mein Zutun hob auch ich meine Hand und streckte sie ihm entgegen in der Hoffnung, dass unsere Hände sich treffen und ich seine Berührung auf meiner Haut spüren würde.

Mein Herzschlag wurde immer schneller und mein Mund wurde trocken. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte, ob ich überhaupt etwas sagen sollte. Ich schluckte ein paar Mal nervös und spürte wie meine Hände feucht wurden vor Aufregung. Alles was ich dachte war, dass ich seine Hand halten und seine Lippen mit meinen berühren wollte.

Mein ganzer Körper fühlte sich zu diesem Jungen, der gerade auf mich zuging und mich mit seinen tiefen blauen Augen ansah, hingezogen. Jede Faser meines Körpers wollte nichts anderes als von ihm berührt zu werden. Mein Herz hüpfte wie verrückt in meinem Brustkorb. Alles was ich mir wünschte, war bei ihm zu sein. Egal wo, egal wie, einfach nur bei ihm sein, mit ihm gemeinsam zu sein. Mein Körper und mein Herz verlangten danach.

Unsere Hände würden sich gleich treffen, gleich würde ich seine Haut auf meiner fühlen und ihm so nah sein, dass ich seinen Atem auf meinem Gesicht spüren konnte. Es waren nur noch wenige Schritte zwischen uns, ein paar kleine Schritte, die uns voneinander trennten. Ich merkte wie mein ganzer Körper sich verspannte in der Erwartung endlich bei ihm zu sein, in seinen Armen zu liegen und seine Lippen auf meinen zu spüren. Nur noch ein paar Schritte, dann war es soweit. Wir würden zusammen sein.

„GUTEN MORGEN TEMECULA! Es ist 7:00 Uhr und Zeit für euch Schlafmützen aus den Federn zu kommen.“

Eine schrille und durchdringende Stimme riss mich unsanft aus meinem wundervollen Traum.

„Heute erwartet uns ein herrlicher Apriltag. Freut euch auf einen angenehmen Frühling und versucht die ersten Sonnenstrahlen des Jahres zu genießen.“

Wie ich diesen Wecker hasste. Immer zu den ungünstigsten Zeitpunkten musste er läuten. Ich suchte nach dem Abschaltknopf, hatte jedoch vergessen, dass bei diesem Wecker die Aus-Taste auf der Unterseite, und nicht wie bei meinem alten Wecker auf der Oberseite, angebracht war. Verzweifelt schlug ich mit der flachen Hand auf den lärmenden Gegenstand in der Hoffnung, dass er vielleicht doch ausgehen würde wenn ich es mir nur fest wünschte. Doch nichts. Scheinbar war es mir nicht vergönnt mich wieder in meine Traumwelt zurück zu ziehen.

Ich wischte mir den Schlaf aus den Augen und ging ins Bad um mich für die Schule fertig zu machen. Zähne putzen, Haare kämmen, ein bisschen Make-Up auflegen, und schon war ich fertig für einen neuen Tag in der Lernanstalt. Während meiner Morgenprozedur dachte ich über den Traum nach, der sich wie eine reale Erinnerung in mein Gedächtnis gebrannt hatte.

Ich konnte mich noch genau an das Gesicht des Jungen erinnern, an die Umgebung und deren Geruch. Fast so als würde ich noch mitten auf der Lichtung stehen und auf ihn zugehen. Wer war dieser Junge nur? Ich kannte niemanden, der ihm auch nur ähnlich sah.

„Bonnie, beeil dich. Frühstück ist fertig. Und Philip wird gleich da sein.“, hörte ich meine Mutter aus dem Untergeschoss zu mir herauf rufen.

Meine Mutter war leidenschaftliche Frühaufsteherin. Es gab keinen Tag, nicht mal am Wochenende, wo sie nicht um spätestens 5 aus dem Bett stolperte. Es machte ihr nichts aus so früh aufzustehen, im Gegenteil. Für sie war das die einzige Zeit des Tages wo sie sich voll und ganz um sich selbst kümmern konnte. Dad und ich lagen noch in den Federn und sie konnte sich in Ruhe für den bevorstehenden Tag fertig machen. Und dieses Morgenprozedere nahm doch einiges an Zeit in Anspruch.

Ich möchte nicht behaupten, dass meine Mutter übermäßig eitel war, jedoch konnte sie auch nicht abstreiten, dass ihr ihr äußeres Erscheinungsbild sehr wichtig zu sein schien. Es hatte sie immer schon gestört, dass ich nicht so auf mein Aussehen fixiert war wie sie. Immer wieder versuchte sie mich zu einem ausgiebigen Wellnesswochenende mit ihr zu überreden. Gesichtspeelings, Massagen, Schlammpackungen und was ihr noch so alles einfiel. Doch ich hatte nie besonders große Lust darauf und verbrachte meine Zeit lieber mit einem Basketballspiel oder einem Ausflug mit meinen Freunden.

Je älter ich wurde desto mehr Ruhe gönnte sie mir von ihren Verschönungskuren. Irgendwann meinte sie resignierend, dass ich ja doch nicht zustimmen würde, abgesehen davon hätte ich es nicht nötig da ich eine natürliche Schönheit war. Tja, sagen das nicht alle Mütter über ihre Töchter? Ich hielt mich eher für durchschnittlich.

„Jetzt mach schon, oder willst du Philip wieder unnötig lange warten lassen?“

„Ja Ma, ich komm ja schon. Pack mir das Frühstück bitte ein. Sonst komme ich zu spät zur Schule.“

Ich packte noch schnell meinen Rucksack für den heutigen Tag und hastete die Treppe hinunter. Meine Mutter stand bereits bei der Tür mit einer braunen Papiertüte in der Hand. Ich nahm ihr die Tüte ab, gab ihr einen schnellen Kuss auf die Wange und war auch schon aus der Tür.

Philip parkte in der Auffahrt um die Straße nicht zu blockieren. Er war schon daran gewöhnt, dass ich zu spät kam. Ich beeilte mich und sprang auf den Beifahrersitz. Ich setzte mein breitestes Lächeln auf und gab ihm einen Begrüßungskuss.

„Na, mal wieder zu lang geduscht?“

Sein Unterton war hörbar amüsiert.

„Irgendwie bin ich heute Morgen nicht aus den Federn gekommen. Fast so als hätte mich jemand mit Superkleber an die Matratze geklebt.“

„Ja du hast schon ein schweres Schicksal zu tragen.“

Ich war daran gewöhnt von ihm veräppelt zu werden. Es erschien mir fast wie eine Art Morgenritual, dass wir vor einem Jahr, als Philip mich das erste Mal mit dem Auto abholte, begonnen hatten.

Er legte den Rückwärtsgang ein und fuhr aus der Einfahrt.

„Phil, vergiss nicht bei Jenny vorbei zu fahren.“

Ein leicht verwirrter Ausdruck machte sich auf seinem Gesicht breit.

„Fährt sie denn nicht mit Jason?“

Ich zog den rechten Mundwinkel hinauf und sah ihn fragend an.

„Hast du das wirklich erwartet? Hast du denn nicht mitgezählt, es sind schon wieder vier Monate um.“

Er riss die Augen überrascht auf.

„Achja, das hatte ich ja ganz vergessen. Tja, scheinbar hoffe ich noch immer darauf, dass sie sich irgendwann mal ändert.“

„Du Träumer.“, sagte ich zu ihm und boxte ihm leicht auf die Schulter.

Es dauerte gerade mal fünf Minuten bis wir bei Jennys Haus ankamen. Sie wartete schon ungeduldig in der Einfahrt und schaute nervös auf ihre Uhr.

„Als ob ich es nicht erwartet hätte.“ murmelte sie, als sie ins Auto einstieg.

„Wenn du es eh schon weißt, warum regst du dich dann noch auf? Du hättest ja auch mit Jason mitfahren können.“

Ich lachte hämisch.

„Fang mir ja nicht mit dem an!“ Ihre Stimme klang zornig und enttäuscht zugleich.

„Der soll bloß bleiben wo der Pfeffer wächst!“

„Was ist denn passiert? Letzte Woche war doch noch alles okay zwischen euch?“

Ich fragte mich warum Philip überhaupt so eine Frage stellte, wenn er die Antwort ohnehin schon kannte. Es war immer dasselbe mit Jenny und ihren Freunden. Am Anfang war alles eitle Wonne, die große Liebe, wie sie uns immer versicherte. Sie verbrachte Tag und Nacht mit ihrem Freund und ließ alle an ihrem Glück teilhaben. Selbst die, die es nicht im geringsten interessierte was sie oder mit wem sie was machte.

Doch schon nach 3 Monaten merkten wir wie die Stimmung umschlug und sie mehr genervt als erfreut über seine Anwesenheit war. Und dann fehlte nur noch ein kleiner unbedeutender Zwischenfall um sie davon zu überzeugen, dass er doch nicht der Richtige für sie war und ihr Grund genug gab die Beziehung zu beenden.

Bei Clark war es eine unbedachte Aussage über ihre neue Haarfarbe. Bei Flynt war es ein kurzer verstohlener Blick, den er einer anderen zuwarf, dessen er sich selber gar nicht bewusst war. Doch Jenny hatte es natürlich genau gesehen und so lange auf ihn eingeredet bis er „gestand“ es getan zu haben.

Es war nur eine Frage der Zeit bis sich auch Jason einen Fehltritt leistete, der es ihr ermöglichte die Beziehung ohne weitere Fragen beenden zu können.

„Ich möchte gar nicht drüber reden.“

„Ach sag bloß“, rutschte es mir heraus.

Natürlich war ich neugierig welchen Fehler er gemacht hatte. Doch ich wusste genau, dass sie uns bis ins kleinste Detail erzählen würde, was passiert war, egal ob wir sie fragten oder nicht. Sie wollte immer darüber reden, egal welchen Typen sie in die Wüste geschickt hatte. Ich konnte mich, wenn ich so die letzten 12 Jahre zurückdachte, nicht an einen Moment erinnern, wo Jenny nicht gerne geredet hatte.

„Ihr könnt euch nicht vorstellen was er mir angetan hat. Es war einfach unfassbar.“

Phil sah mich lächelnd an und sagte dann zu Jenny „Was hat er denn angestellt? Hat er es sich erlaubt etwas gegen dein Outfit zu sagen? Oder wollte er mal zur Abwechslung einen Satz selbst beenden?“

Ich konnte mir ein lautes Lachen nicht verkneifen. Jenny verzog das Gesicht und starrte uns zornig an.

„Jaja, macht euch nur über mich lustig. Ihr steckt ja nicht in meiner Haut. Ich war so entsetzt. Er wollte mir doch wirklich einen Ring zu unserem Monatstag schenken!“

„Oh mein Gott wie schrecklich!“ platze ich heraus und kicherte weiter.

Phil gab Jenny die Möglichkeit weiter zu erzählen indem er fragte warum es denn so schlimm für sie war einen Ring geschenkt zu bekommen.

„Ich weiß genau warum er das getan hat. Er wollte mich dazu zwingen mit ihm zusammen zu bleiben. Er wollte mich an ihn binden.“

„Hat er dir denn gleichzeitig als er dir den Ring geschenkt hat auch einen Heiratsantrag gemacht?“ fragte ich neugierig.

„Spinnst du? Das hätte mir noch gefehlt. Aber er brachte es irgendwie so rüber als wäre ich sein Eigentum in dem Moment wo er mir den Ring an den Finger steckt. So etwas wie ein voreheliches Versprechen. Auf sowas steh ich nun mal nicht. Ich lass mich nicht gerne zwingen mit jemandem zusammen zu bleiben.“

Phil und ich erwiderten im gleichen Atemzug „Ich verstehe.“, obwohl keiner von uns beiden auch nur im Geringsten nachvollziehen konnte warum Jenny gleich so überreagiert hatte. Armer Jason, er hatte Jenny wirklich sehr gerne und hätte ihr die Welt zu Füßen gelegt wenn er gekonnt hätte.

Damit war dieses Thema fürs Erste vom Tisch. Mal abwarten wen sie sich als nächstes aussuchen würde. Langsam wurde die Zahl der potentiellen Gefährten knapp. An unserer Schule wollte keiner mehr mit ihr zusammen sein. Sie hatte viele Verehrer, doch keiner wollte sich auf eine Beziehung mit ihr einlassen. Ihr Ruf als Herzensbrecherin eilte ihr einfach voraus.

„Ihr beide braucht euch ja keine Gedanken zu machen. Ihr habt ja euch.“ Sie seufzte hörbar tief, und mir versetzte dieser kleine Satz einen Stich ins Herz.

Ich verstand was sie meinte und das schon alteingesessene Gefühl des Verrats machte sich wieder in mir breit. Jenny und ich waren von klein auf beste Freundinnen. Phil zog mit seiner Familie erst vor cirka 8 Jahren nach Temecula. Jenny und ich verguckten uns natürlich beide in den neuen Jungen in der Nachbarschaft. Er war eigentlich überhaupt der erste Junge, an dem wir Interesse hatten. Ich würde nicht sagen, dass er eine Augenweide war. Damals hingen ihm seine schwarzen, strähnigen Haare ins Gesicht und verdeckten seine grüngrauen Augen. In seiner Art lag aber bereits in Kindertagen solch eine Warmherzigkeit und Ehrlichkeit, dass er uns den Kopf verdrehte. Als wir begriffen, dass wir beide Phils Freundin sein wollten, merkten wir wie belastend das für unsere Freundschaft ist. Daher einigten wir uns darauf niemals wegen eines Jungen zu streiten. Wir begegneten ihm auf rein freundschaftlicher Ebene, was nicht immer leicht war. Über die Jahre wurden wir zu einer zusammengeschweißten kleinen Clique, die niemand trennen konnte.

Wir hingen immer gemeinsam nach der Schule ab und zeigten allen, dass wir zusammen gehörten. Vor drei Jahren, beim Ballon-Fest, das jährlich in Temecula stattfindet, gestand Philip mir, dass er sich in mich verliebt hatte. Ich wusste anfangs nicht recht mit der Situation umzugehen, also blieb ich ihm die Antwort auf seine Frage ob ich mit ihm zusammen sein wollte eine Zeit lang schuldig. Ich erklärte ihm, dass ich mir das überlegen musste, da wir ja schließlich Freunde waren und ich das nicht aufs Spiel setzen wollte.

Natürlich ging es mir auch darum wie Jenny wohl reagierte, wenn Phil und ich auf einmal ein Paar waren. Ich wollte sie nicht vor den Kopf stoßen, dafür war sie mir zu wichtig. Also lud ich sie an einem Samstag ein, bei mir zu übernachten. Es war nichts ungewöhnliches, da es häufiger vorkam, dass einer von uns beiden beim anderen schlief. Wie gesagt, wir waren unzertrennlich. An diesem Abend jedoch war die Stimmung von Phils Liebeserklärung getrübt.

Ich musste es ihr einfach erzählen und sie um ihre Meinung bitten. Jenny war natürlich nicht gerade erfreut. Nicht nur, dass wir uns damals, als Phil hergezogen war, versprochen hatten ihm nur freundschaftlich zu begegnen, da wir Streitereien vermeiden wollten. Es war uns auch beiden bewusst, dass Jenny sehr viel für Phil empfand. Im Nachhinein betrachtet wahrscheinlich sogar mehr als ich. Ich wollte sie einfach nicht verletzen. Nach einem langen und ausführlichen Gespräch meinte Jenny sie könne damit leben wenn wir ein Paar wären, wenn ich das wirklich wollte. Sie wollte, dass Phil und ich glücklich waren, weil wir ihr so viel bedeuteten.

Nach ihrer Zustimmung war es an mir mich zu entscheiden, ob ich wirklich bereit dazu war eine Beziehung mit meinem besten Freund einzugehen. Ich wusste, dass ich ihn liebte, jedoch wusste ich nicht ob es die Liebe zu einem Freund oder die Liebe zu einem Mann war, die mich erfüllte. Mittlerweile, nach drei Jahren, konnte ich es mir nicht mehr anders vorstellen. Phil war ein fixer Bestandteil meines Lebens.

Er sagte mir wie hübsch er mich fand und was für ein wundervoller Mensch ich war. Er gab mir das Gefühl gebraucht, gewollt und begehrt zu werden. Und er kannte mich besser als jeder andere. Es gab nur wenige Dinge, die er nicht von mir wusste.

Phil und ich zeigten unsere Beziehung Jenny gegenüber nicht in dem Ausmaß, wie man es von zwei 17 Jährigen erwarten würde. Wir hielten uns sehr zurück und verhielten uns einfach nur wie Freunde, wenn wir gemeinsam unterwegs waren. Unsere Clique sollte nicht wegen unserer Beziehung auseinander brechen.

„Ach was soll‘s.“ sagte Jenny als sie unseren betrübten und schuldbewussten Gesichter im Rückspiegel sah.

„Der nächste kommt bestimmt.“

Sie zwinkerte uns zu und ließ sich mit einem lauten und erlösend klingenden Seufzer nach hinten in den Sitz fallen. Die restlichen Fahrt zur Schule verbrachten wir damit uns über den Moderator des einzig hörbaren Radiosenders in Temecula lustig zu machen.

„Und nicht vergessen meine Lieben! Diese Woche findet das große Spiel statt. Also GO BEARS!!!“

Aus dem hinteren Teil des Autos schallte es in voller Lautstärke „Jawohl, GO BEARS!!!“

Jenny wedelte mit ihren Ponpons. Sie war Cheerleader und natürlich Feuer und Flamme für das Spiel, da sie endlich die Möglichkeit hatte ihre neue Show zu präsentieren.

Wir waren natürlich alle ganz gespannt darauf. Nicht, dass Phil und ich nicht bereits jede Bewegung und alle Abläufe des Programms kannten, nachdem Jenny sie uns immer und immer wieder vorgetanzt hatte. Es machte großen Spaß ihr dabei zuzusehen. Auch wenn ich dieser Hüpferei und Grölerei in kurzen Röckchen nichts abgewinnen konnte, entging mir dennoch nicht wie viel Spaß Jenny dabei hatte und dass sie ein richtiges Entertainmenttalent war. Jenny war perfekt für die Rolle als Captain der Cheerleadermannschaft geeignet. Ihre großen braunen Augen und ihr goldenes Haar, ihre schlanke und zierliche Gestalt, sowie ihre quirlige Art, machten sie zu dem perfekten Vorzeigepüppchen in der Schule und bei nationalen Wettbewerben.

Phil und ich waren im Cinema Club und beteiligten uns auch aktiv im Sleep Club. Das war meiner Meinung nach der beste Club an der Temecula Valley High. Wir stellten alle möglichen Thesen auf und untermauerten diese durch aussagekräftige Argumente um die Beginnzeiten der Schule auf später verschieben zu lassen und daher länger schlafen zu können. Ich denke Phil war nur meinetwegen Mitglied in diesem Club. Er hätte so ziemlich alles getan um mich glücklich zu machen.

Bei der Schule angekommen war das vorherrschende Gesprächsthema einfach nicht zu überhören. Es ging natürlich um das große Spiel. Jenny stürmte aus dem Auto und rannte zu ihren Cheer-Kolleginen, die bereits neugierig auf sie warteten. Schließlich war es ihnen nicht entgangen, dass Jenny mit uns mitgefahren war, statt von Jason chauffiert zu werden.

Wir kannten Jenny nur zu gut. Sie würde ein genervtes Gesicht machen, ganz so als wäre es ihr unangenehm und lästig über die Ring-Sache zu sprechen. Und kurz darauf würde sie losplappern und alle Mädls würden gebannt an ihren Lippen hängen und ihrer unglaublichen Geschichte über den Ring und dessen Bedeutung für sie lauschen.

Und genau so geschah es. Es war teilweise erschreckend wie gut wir uns kannten.

Wir gingen zu unserem Spint um die überflüssigen Bücher loszuwerden. Erste Stunde Mathe. Tja, nicht gerade erfreulich, aber leider unvermeidbar. Ich hatte keine Probleme mit Mathe. Ich konnte unseren Lehrer nur einfach nicht ausstehen. Ich bildete mir immer ein, dass er in Wirklichkeit wohl ein unzufriedener und genervter Troll war, der als Strafe für irgend eine Schandtat, die er in seinem Leben begangen hatte, nun Lehrerdienst in einer High School absolvieren musste. Nicht nur, dass er wie ein Troll roch und seine Körperbehaarung auch deutlich darauf hinwies, abgesehen von seiner Körpergröße. Das stärkste Indiz jedoch war seine Stimme. Er näselte furchtbar beim Reden, so als wäre der hintere Teil seiner Zunge an seinen Gaumen angewachsen. Oft mussten wir ihn bitten den zuletzt gesprochenen Satz zu wiederholen. Ich glaube Jenny hat ihn mal gefragt was für ein Akzent das ist, den er da immer wieder durchblitzen lässt. Doch keiner konnte die kryptische Antwort, die er auf diese Frage gegeben hatte, entziffern. Er sprach von Europa, aber viel genauer wurde er nicht. Seine Flucherei ließ uns immer hellhörig werden, doch keiner konnte nachvollziehen in welcher Sprache er seine Schimpftiraden vom Zaun gelassen hatte.

Während der Stunde schweiften meine Gedanken immer wieder um diesen Traum. Wer war dieser Junge, wieso war er mir so vertraut? Ich überlegte ob ich ihn vielleicht schon einmal im Fernsehen gesehen hatte, oder ob er mal als Austauschstudent auf der Valley High war. Doch ich konnte mir kein vergleichbares Gesicht ins Gedächtnis rufen. Dieses starke Gefühl der Zugehörigkeit und des Verlangens nach diesem Unbekannten brachten meine Wangen zum erröten.

Natürlich war Phil mein Gesichtsausdruck nicht entgangen. Immer wieder fragte er mich ob alles ok war. Ob ich irgendetwas auf dem Herzen hatte. Ich verneinte stets. Ich hielt es nicht für angebracht ihm von einem Traum zu erzählen, indem ein anderer Junge vorkam, der anziehend auf mich wirkte. Ich hatte das Gefühl er würde sich nicht gerade darüber freuen so etwas zu hören. Auch Jenny war meine Stimmung nicht entgangen. Sie versuchte zwanghaft mir mein „Geheimnis“ zu entlocken. Ich wusste ich hätte es ihr erzählen können. Sie hatte noch nie eines meiner Geheimnisse verraten. Was das anging konnte ich ihr blind vertrauen. Ich wollte nur nicht unnötig Staub wegen einer Sache aufwirbeln, die nicht relevant war.

„Meine Güte, Bonnie. Beruhig dich mal wieder. Es war nur ein Traum. Ein bedeutungsloser und unrealistischer Traum.“ Immer wieder sagte ich mir diese Worte in meinen Gedanken, in der Hoffnung damit das Gesicht des Jungen aus meinem Gedächtnis zu verbannen.

Die nächsten Tage verliefen ähnlich. Ständig dachte ich an diesen Traum, dieses Gesicht, diese Anmut und Stärke, diese Vertrautheit. Es war mir einfach unbegreiflich wie Träume sich so real anfühlen konnten. Wenn ich alleine in meinem Zimmer saß zeichnete ich das Gesicht aus meiner Erinnerung nach. Ich versuchte die Umgebung und den Jungen so gut wie möglich zu treffen. Ich kniff meine Augen fest zusammen und rief mir alle Begegnungen, die ich in meinem kleinen Traumland mit dem Jungen hatte, noch einmal genau ins Gedächtnis. Während ich das tat strich meine Hand, mit dem stark angespitzten Bleistift darin, wie von selbst über das Papier. Während meiner künstlerischen Ergüsse öffnete ich die Augen um mich zu vergewissern, dass sich die Spitze meines Stiftes noch auf dem Papier befand und ich nicht vor lauter Konzentration den Tisch bemalte.

Die Erinnerung war noch immer so stark in mein Gedächtnis eingebrannt, dass ich keinerlei Problem damit hatte sie zu Papier zu bringen. Das Ergebnis meiner künstlicherischen Ergüsse beeindruckte mich zutiefst. Ich war noch nie sonderlich gut im Zeichnen, bei mir sahen alle Gesichter immer wie Karikaturen aus. Doch diese Bilder waren sehr genau, detailgetreu und wirkten so realistisch, fast wie ein Foto. Ich versteckte die Bilder in einer meiner Schublade, damit weder Phil noch Jenny sie bei einem ihrer Besuche zufällig entdecken konnten. Es wäre mir einfach unangenehm gewesen lästige Fragen zu beantworten. Warum zeichnest du fremde Männer? Wer ist der Junge? Woher kennst du ihn? Und so weiter und so weiter.

Am Tag vor dem großen Spiel hatte ich wieder einen Traum von dem Jungen. Genauso wie beim letzten Mal war die Kulisse eine Lichtung umringt von Wäldern und Bergen. Wieder sah ich Erlen, Eichen und Birken und dieser unvergleichlich frische Duft war ebenfalls in der Luft.

Wie auch zuvor bewegten der hübsche Junge und ich uns aufeinander zu. Wie in Zeitlupe kamen wir uns näher und waren kurz davor uns zu berühren. Mein Herz schlug schneller und meine Hände wurden schwitzig. Und wieder wachte ich auf. Diesmal war es nicht der Wecker, der mich aus dem Schlaf riss, sondern ein lauter anhaltender Schrei meiner Mutter.

Sofort rannte ich die Stiegen hinunter und suchte die Quelle des Gebrülls. Meine Mutter stand regungslos und mit erhobenen Händen in der Küche und starrte wie gebannt auf den Fußboden. Dort krabbelte eine kleine Spinne gemütlich vor sich hin und suchte sich wahrscheinlich gerade eine Nische, wo sie ihr neues zu Hause bauen konnte.

„Mom, bist du verrückt geworden? Du kannst doch nicht einfach so herumbrüllen. Ich dachte dir wäre etwas passiert!“

„Nennst du das etwa nichts?“ entgegnete sie mir hysterisch.

„Mach das weg, mach das weg!“

Ihre Spinnenphobie schien durch die Hypnosetherapie keinen Deut besser geworden zu sein.

„Ich nahm ein Stück Küchenpapier und hob die Spinne vorsichtig auf. Ich trug sie zum nächstgelegenen Fenster und beutelte das Tuch dann vorsichtig aus.

„Mach‘s gut Kleine, ich würde dir raten nicht mehr ins Haus zu kommen. Wer weiß ob sie beim nächsten Mal nicht reflexartig auf dich drauf tritt.“

Also ob sie mir danken wollte wandte sie sich in meine Richtung, und krabbelte dann Richtung Garage. Ich sagte meiner Mutter nichts vom Kurs der Spinne. Ich wusste genau, dass sie die Garage sonst mit Sicherheit nie wieder betreten würde.

„Sag mal, wo ist Dad eigentlich?“

Die letzten Tage hatte ich meinen Vater kaum zu Gesicht bekommen.

„Du weißt doch, dass er um die Zeit immer die meiste Arbeit hat. Das Ballonfest ist nur noch zwei Monate entfernt und er muss die ganzen Vorbereitungen für die Weinverkostungen und die Verkaufsstände machen. Da ist er schon früher als gewohnt aus dem Haus.“

„Und kommt auch später als üblich wieder zurück.“, dachte ich mir. Ich war froh, dass Dad glücklich mit seinem Job als Weinbauer war. Naja, nicht wirklich als Weinbauer, mehr als Geschäftsführer des Unternehmens, dass als Eigentümer der Weinberge eingetragen war. Sein Vater hatte das Geschäft aufgebaut und es an ihn weitergegeben. Anfangs, nach Opas Tod, war Dad totunglücklich über die Aufgabe.

Es lag ihm einfach nicht Leute herumzukommandieren. Nach einer schlechten Ernte hätte er einmal ein paar Mitarbeiter entlassen müssen. Doch er brachte es nicht übers Herz. Er kannte ihre Familien und wusste, dass er ihnen damit ihre Existenz nehmen würde. Also besuchte er einen Intensivkurs in moderner Geschäftsführung. Er lernte viel über moderne Märkte, neue Vertriebswege und viele andere nützliche Dinge. Er konnte viele Verkaufserfolge für sich verbuchen und musste daher auch keine weiteren Mitarbeiter aus der Firma werfen. Seitdem lief es ausgezeichnet. Außerdem hätte er nie aufgegeben, egal wie unglücklich er war. Alleine schon aus dem Grund, dass Opa sich nichts sehnlicher wünschte als dass der Betrieb in der Familie blieb. Und da er nur einen Sohn, meinen Vater, hatte, gab es nicht viele Möglichkeiten wer das Geschäft übernehmen konnte.

„Achja, das hatte ich schon wieder vergessen.“ , murmelte ich in mich hinein.

Nur noch zwei Monate, dann war das jährliche Ballonfest.

Es fand immer am ersten Wochenende im Juni statt. Es gab tolle Live-Auftritte von namenhaften Bands, Sportveranstaltungen und natürlich Ballonflüge und Weinausschank. Es war eine große Sache für Temecula, da es viele Touristen anlockte und ein großer Erfolg für die Stadt und ihr Image war. Es machte irrsinnig Spaß beim Festival dabei zu sein, auch wenn die Einwohner von Temecula oft überwältigt von den Zuströmen an fremden Menschen waren.

Außerdem war dieses Jahr Phils und mein dreijähriges Beziehungsjubiläum. Ich hatte mich bereits darauf vorbereitet, dass Phil mich unbedingt außerhalb des Ballonfests treffen wollte. Er meinte es wären ihm zu viele Leute dort um den Abend richtig würdigen zu können. Wir würden uns aber in der Nähe aufhalten um das Feuerwerk sehen zu können. Da es sonst an diesem Wochenende kein anderes Event gab, geschweige denn, dass irgendein Lokal geöffnet hatte, blieb nur eine Möglichkeit. Ich ging davon aus, dass er so etwas wie ein Candlelight-Picknick plante. Natürlich freute ich mich über die Mühe, die er sich mit dieser ganzen Jahrestagsfeierei machte.

Und dennoch. Trotz des bevorstehenden Jubiläums kreisten meine Gedanken hauptsächlich um diese verwirrenden Träume. Der unbekannte Junge, der mir so vertraut war und mich so in seinen Bann gezogen hatte. Ich musste versuchen abzuschalten. Es waren nur Träume, sonst nichts. Ich kannte den Jungen nicht, ich wusste nicht mal ob es ihn überhaupt gab. Es gab nichts, was auf seine Existenz hinwies. Vielleicht spielten meine Hormone einfach nur ein gemeines Spiel mit mir. Vielleicht hatte ich den Höhepunkt meiner Pubertät erreicht und halluzinierte über einen wunderschönen Jungen, der gerade mich wollte und mit dem ich mich auf ewig verbunden fühlte. Was auch immer es war, ich würde es beiseiteschieben und mich auf das hier und jetzt konzentrieren. Das war alles was zählte.

Begegnung

Die Bears hatten sich wacker geschlagen und wir gewannen das große Spiel. Jenny legte einen fabelhaften Auftritt hin und Phil und ich waren ihre ganz persönlichen Groupies und feuerten sie jede Minute ihrer Tanzeinlage an.

Das Adrenalin schien noch immer in Strömen durch Jennys Adern zu fließen als wir uns auf den Heimweg machten. Sie hörte nicht auf zu plappern.

„Ich kann’s kaum glauben, dass alles so reibungslos funktioniert hat. Ich hätte nie gedacht, dass wir für unsere Performance so viel Beifall kriegen würden. Oh Mann, mein Puls rast noch immer.“

Ich konnte ihren Herzschlag bis vor zum Beifahrersitz hören.

„Ja, ihr wart wirklich Klasse.“, sagte ich.

„Vor Allem deine Choreographie am Ende war der Hammer. Das sah echt mega professionell aus.“, fügte Phil hinzu.

„Danke Leute, ich bin froh, dass es euch gefallen hat.“

Meine Mutter hatte bereits frische Limonade und Sandwiches im Garten bereitgestellt. Es warteten drei Klappbetten und ein aufgespannter Sonnenschirm auf uns. Wir wollten uns nach der vielen Aufregung ein bisschen ausruhen und noch etwas gemeinsam abhängen.

Phil parkte sich in der Einfahrt ein. Wir beide gingen Schnurstraks zu den Betten und ließen uns darauf fallen. Jenny nahm noch schnell eine Dusche bevor sie sich zu uns gesellte. Ich war schon ein wenig verwundert, dass sie lieber mit uns abhing als mit ihren Cheer-Kolleginen zu feiern. Aber wer kannte schon Jennys Beweggründe.

Während wir die Wartezeit bis zu Jennys Eintreffen mit einem belanglosen Gespräch über das herrliche Aprilwetter verbrachten, spürte ich einen altbekannten Schauer über meinen Rücken ziehen. Die Härchen auf meinen Armen stellten sich auf und ich bekam eine Gänsehaut am ganzen Körper. Es war nicht ungewöhnlich, dass es mich einfach so aus heiterem Himmel fröstelte. Schon als kleines Kind hatte ich des Öfteren ein Gänsehauterlebnis, ohne dass auch nur ein Lufthauch durch den Raum ging. Ich schenkte diesem Gefühl wenig Aufmerksamkeit und konzentrierte mich wieder auf den Smalltalk mit Phil. Nach einer gefühlten Ewigkeit war dann auch das dritte Bett besetzt.

So lagen wir bestimmt 2-3 Stunden und plauderten über das Spiel, Jennys Auftritt und was sie mit ihrem Tanztalent anfangen konnte. Phil und ich versuchten Sie zu überzeugen zuerst mit uns auf College zu gehen und ein Studium abzuschließen, bevor sie sich einer Tanzgruppe anschloss. Wir wollten einfach sicher gehen, dass sie nach einer eventuell erfolglosen Tanzkarriere noch andere Möglichkeiten hatte sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Davon wollte sie natürlich nichts wissen. Für sie war klar, dass sie eines Tages eine bekannte Choreografin werden und die Tanzeinlagen großer Stars choreographieren würde.

Als Jenny wieder mal anfing ihre Luftschlösser zu bauen und uns von ihrem Leben als beste Freundin der Stars zu erzählen, hörte ich ein entferntes Motorengeräusch, das scheinbar immer näher kam. Ich beugte mich vor und konnte am Ende der Straße einen kleinen Umzugswagen erkennen. Phil, Jenny und ich lehnten uns noch weiter vor um den kleinen Truck, der schnell näher kam, genau unter die Lupe zu nehmen.

Temecula war zwar eine schnell wachsende Stadt, in unsere Wohnstraße zogen jedoch eher selten neue Leute, da hier hauptsächlich alteingesessene Einwohner angesiedelt waren. Kaum jemand von diesen Nachbarn würde sein Haus freiwillig verkaufen.

Der Umzugswagen reduzierte seine Geschwindigkeit als er von der Hauptstraße in unsere Wohnstraße einfuhr. Er fuhr nun mit cirka 20kmh an uns vorbei. Auf dem Fahrersitz saß ein Mann mittleren Alters mit schütterem, braunen Haar und einer großen, auffälligen Brille. In der Mitte konnten wir eine Frau erkennen. Ich schätzte sie aufgrund der Ähnlichkeit zu meiner eigenen Mutter auf cirka 45. Wir bemerkten, dass sie angestrengt abwechselnd auf die Straße und den Stadtplan starrte, den sie verkrampft zwischen ihren Fingern hin und her drehte.

„Vielleicht haben Sie sich ja verfahren.“, sagte Jenny.

„Ich wüsste nicht wo hier ein Haus frei wäre.“, meinte Phil.

Wir sahen weiter zu dem Truck hinüber. Ganz links außen saß ein Junge. Ich schätzte er war in unserem Alter, um die Siebzehn. Sein Gesicht war nur von der Seite zu sehen, aber genug um die Grundzüge zu erkennen.

Ganz langsam und ohne mein Zutun öffnete sich mein Mund. Mir viel sprichwörtlich die Kinnlade herunter. Ich betrachtete den Jungen so genau wie ich es nur konnte. Schließlich war der Wagen ja noch in Bewegung. Doch ich brauchte nicht lange hinzusehen um mir sicher zu sein, dass ich dieses Gesicht schon einmal gesehen hatte.

„Dieses Gesicht. Die…Dieses Gesicht.“, stammelte ich vor mich hin.

Phil und Jenny sahen mich mit einem dicken, fetten Fragezeichen über ihren Köpfen hängend an.

„Ist alles okay mit dir Bonnie?“

Ich reagierte nicht auf ihre Frage, sondern starrte weiter auf den Umzugswagen und den Jungen, der darin saß.

„Hey, Bonnie. Hallo, was ist los? Erde an Bonnie!“

Jennys Worte drangen nicht bis zu meinem Verstand vor. Meine Augen fixierten noch immer diesen Jungen. Dann packte sie mich sanft am Arm und schüttelte mich. Ich erwachte aus meiner Starre, schüttelte die Verwunderung von mir ab und wandte mich Phil und Jenny zu.

„Was war denn los mit dir?“, fragte Jenny mit einem merklich besorgten Unterton.

„Nichts, ich… ich dachte nur ich würde die Familie kennen. Ich habe mich aber geirrt.“

Ich war froh, dass keiner von beiden weiter nachfragte, sondern mein eigenartiges Verhalten ganz einfach abhakten.

„Komisch. Normalerweise erfahren wir immer wenn sich etwas in unserer Straße tut. Da muss ich doch gleich meine Mom anrufen.“

Jennys Mom war so etwas wie die Klatsch-Königin in Temecula. Sie wusste über Alles und Jeden Bescheid und trug wesentlich zur Verbreitung von Gerüchten und Neuigkeiten bei. Jenny hatte ihr Handy gezückt und ich konnte sie aufgeregt mit ihrer Mom sprechen hören. Meine Gedanken waren noch immer von dem Jungen in dem Wagen dominiert, so vernahm ich nicht, was genau Jenny mit ihrer Mutter besprach.

Phils besorgter Gesichtsausdruck war noch nicht ganz verschwunden. Er hatte meine veränderte Art der letzten Tage, seit ich das erste Mal von diesem Jungen geträumt hatte, nicht vergessen. Er wusste zwar nicht warum ich mich so verhalten hatte, aber er kannte mich schon gut genug um zu wissen, dass etwas im Busch war.

Ich war innerlich total aufgewühlt. Hatten mir meine Augen einen Streich gespielt? Vielleicht wünschte ich mir ja nur, dass ich den Jungen aus meinem Traum im realen Leben gesehen hatte. Wie konnte ich sicher sein, dass ich mich nicht getäuscht hatte?

Phils Blick durchbohrte mich förmlich. Ich wusste, dass er eine Reaktion von mir erwartete. Irgendetwas, dass seine Unsicherheit ein wenig milderte. Also griff ich nach seiner Hand und drückte sie sanft. Da Jenny sowieso gerade abgelenkt war, würde es ihr bestimmt nicht auffallen, wenn wir kurz ein paar Berührungen austauschten. Phil freute sich über meine Geste und erwiderte meinen Händedruck. Er strich sanft über meinen Handrücken und ich lächelte ihm zuversichtlich entgegen. Als Jenny ihr High Tech Handy, dass meiner Meinung nach viel zu viele Funktionen für ein simples Mobiltelefon hatte, zurück in ihre Tasche packte, lösten Philip und ich uns wieder voneinander.

„Also…. Mom weiß auch nichts von einer neuen Familie. Was ihr aber zu Ohren gekommen ist, ist dass Mr. Smith, ihr wisst schon, der Rasenfetischist, erst vor kurzem in ein Heim gezogen ist. Sie nimmt also an, dass diese Familie jetzt in sein altes Haus einzieht.“

Phil und ich erwiderten nichts. Mein Freund hatte wenig Interesse an den Hintergründen und wer nun genau die „Neuen“ in der Straße waren. Ich hingegen musste mich beherrschen nicht gleich hinüber zu Mr. Smiths Haus zu laufen und mich zu vergewissern, dass ich mir die Ähnlichkeit des Jungen mit dem Mann meiner Träume nur eingebildet hatte.

Ich versuchte mir meine Gedanken nicht weiter anmerken zu lassen, was mir scheinbar ganz gut gelang. Phil, Jenny und ich saßen noch eine Zeit lang im Garten, tranken Limonade, aßen Sandwiches und diskutierten darüber, welche Testfragen wir die kommenden Wochen wohl zu erwarten hatten. Ich wartete bis meine beiden besten Freunde sich auf den Heimweg machten, ging dann hinauf in mein Zimmer und widmete mich unverzüglich meinen Zeichnungen.

Ich sah den Neuankömmling nur von der Seite. Also konnte ich eine Übereinstimmung mit dem Jungen aus dem Traum nicht hundert prozentig bestätigen. Es hätte gut sein können, dass ich mir diese Ähnlichkeit nur eingebildet hatte. Aber woher kam dann dieses Gefühl in meiner Magengegend? Dieses Flattern, dieses nervöse Kitzeln? Ich versuchte das Thema für heute geistig beiseite zu legen. Ich würde der Familie bestimmt demnächst begegnen. Wenn wir das Alter des Jungen richtig geschätzt hatten, dann würde er mit Sicherheit an unserer Schule auftauchen. Spätestens dann konnte ich mir ein genaueres Bild von ihm machen.

Ich legte mich aufs Bett und schaltete meinen Ipod ein und lauschte den intensiven und rockigen Klängen meiner Lieblingsband. Immer wieder flackerten Bilder aus meinen Träumen vor meinem geistigen Auge auf. Meine Verdrängungstaktik ging nicht wirklich auf, also ließ ich meiner Fantasie freien Lauf und mich von den Erinnerungen in einen tiefen Schlaf begleiten.

Am nächsten Tag holte mich Phil wie gewohnt von zu Hause ab. Wir fuhren bei Jenny vorbei um sie mitzunehmen. Obwohl ich versuchte mir nichts anmerken zu lassen, kam Jenny auf meine Reaktion gestern und mein zurückhaltendes und nachdenkliches Verhalten seit einigen Tagen zu sprechen.

„Sag mal, was ist in letzter Zeit mit dir los? Du wirkst so gedankenverloren. Ist irgendetwas passiert?“

Ich wusste ich konnte es nicht länger vor ihr verbergen, sie kannte mich einfach zu gut. Phil konnte ich bis zu einem gewissen Grad täuschen. Er war so über beide Ohren in mich verliebt, dass egal was ich ihm sagte, er es akzeptieren würde, solange ich ihn dabei liebevoll und ehrlich anlächelte. Also spielte ich ihm etwas vor, während ich Jenny gleichzeitig klarmachte, dass das nicht der geeignete Zeitpunkt für dieses Gespräch war und ich später darauf zurückkommen würde.

„Na klar ist alles in Ordnung. Ich war nur etwas in Gedanken versunken wegen des Ballonfests.“

Ich zwinkerte Phil zu und lächelte ihn liebevoll an.

„Ach Jenny, ich wollte dich fragen ob du heute bei mir übernachten möchtest. Mal wieder so einen richtigen Mädchenabend machen. Was meinst du?“

Jenny verstand den Wink mit dem Zaunpfahl sofort. Ich sprach so gut wie nie von einem Mädchenabend, außer es gab etwas Privates zu besprechen, dass nicht mal unser gemeinsamer bester und mein fester Freund Phil wissen sollte.

„Ja klar. Warum nicht. Hatten wir schon lang nicht mehr. Außer es stört dich Phil?“

Wir wussten beide, dass er nichts dagegen haben würde. Es war ihm denke ich durchaus bewusst, dass an solchen Abenden Dinge besprochen wurden, von denen er nichts wissen sollte und wahrscheinlich auch nichts wissen wollte. Wir hielten zum Beispiel solch einen Mädchenabend ab, als Jenny und ich das erste Mal die Tage hatten. Damals googelten wir das Thema stundenlang. Wir wollten auf Nummer sicher gehen, wissen ob wir zu früh oder zu spät dran waren. Natürlich wollten wir auch wissen, was das für uns in Zukunft bedeuten würde. Was würde sich ändern? Auf was mussten wir besonders achten? Wir ließen uns nicht gerne überraschen und versuchten uns so gut wie möglich auf die Pubertät, die durch den Eintritt der Monatsblutung folgte, einzustellen.

Wir waren damals 13 Jahre alt. Phil fragte uns über was wir den ganzen Abend lang gesprochen hatten. Er fühlte sich zu diesem Zeitpunkt scheinbar ausgeschlossen. Es gab bis zu diesem Moment nichts, dass wir nicht gemeinsam machten. Phil durfte sogar bei Jenny oder mir übernachten. Unsere Eltern wussten wie innig unsere Freundschaft war, und hatten daher nie Sorge, dass etwas Unsittliches passieren könnte. Zumindest bis zu dem Zeitpunkt als wir ihnen von unserer eingesetzten Periode erzählten. Von da an war eine Übernachtung eines Jungen, egal ob es Phil oder ein anderer Junge war, absolut und striktestens verboten.

Wir erzählten ihm damals um was sich der Abend gedreht hatte. Es war nicht mal die gesamte Geschichte. Nur ein Bruchteil. Die Kerninformation, dass Jenny und ich nun zu Frauen wurden. Das hatte ihm völlig gereicht. Seit diesem Zeitpunkt hatte er nie wieder gefragt was nun genau an unseren Mädchenabenden besprochen wurde. Ich nahm an, dass es ihm peinlich war und er sich bei manchen Themen mit Sicherheit mehr als unwohl gefühlt hätte.

„Nein, warum sollte ich was dagegen haben. Ich wollte mich dieses Wochenende sowieso mit Lucas zusammensetzen. Wir müssen unsere Projektarbeit endlich fertig schreiben.“

„Das trifft sich ja gut.“, meinte Jenny freudestrahlend. Also ein Mädchenabend.

Die erste Hälfte des Schultages verging recht schnell und ich konnte es kaum erwarten in die große Mittagspause zu gehen. Das Wetter war schön warm und die Sonne schien. Jenny, Phil und ich machten uns auf den Weg zum Schulhof.

Wir hatten unseren Stammplatz, auf dem wir saßen, wenn das Wetter schön genug für Lunch im Freien war. Menschen sind Gewohnheitstiere, daher hatte niemand ein Problem damit, dass wir uns diesen Platz immer reservierten, schließlich wollten die anderen ja ebenso ihren gewohnten Pausenplatz besetzen. Als wir aus der großen Flügeltür kamen, sahen wir, dass sich jemand auf einen der Stühle an unserem Tisch gesetzt hatte. Es war nicht weiter tragisch. Die Sitzgelegenheit war für 4 Personen konzipiert. Wir saßen fast immer zu dritt dort, außer Jenny hatte gerade einen neuen Lover, dann war der Platz natürlich belegt.

Jenny, Phil und ich sahen uns an. Wir drei wussten, dass der „Neue“, den wir gestern an uns vorbei fahren sahen, dort Platz genommen hatte. Das Gesicht war genau wie gestern nicht ganz zu sehen. Ich spürte wie meine Hände schwitzig wurden und steckte sie in die Hosentaschen. Phil und ich würden sowieso nicht Händchen halten, schließlich war das ja unsere Abmachung. Wenn Jenny dabei war verhielten wir uns wie zwei Freunde, nicht wie ein Liebespaar.

Gleich würde ich Gewissheit haben. War der Neue wirklich der Junge aus meinem Traum? Oder war das alles nur Einbildung? Die Neugierde brachte mich fast um den Verstand. Fast so als hätte jemand ein Seil um meine Hüften geschwungen und mich zu sich gezogen, bewegte ich mich schnell und ohne viele Schritte in Richtung unseres Stammtisches. Phil und Jenny versuchten mit mir Schritt zu halten, mussten jedoch zwischendurch immer wieder vom schnellen Gehen zum Laufen beschleunigen um mit mir auf selber Höhe zu bleiben. Ich blieb direkt vor dem Tisch stehen, bewegte mich keinen Zentimeter mehr und wartete bis der Junge den Kopf hob und mir entgegensah. Er war vertieft in ein Buch, vielleicht hatte er mich deswegen nicht kommen hören. Meine Lippen waren wie zusammengenäht. Ich versuchte ein Hallo herauszupressen, es tat sich aber nicht das Geringste. Gott sei Dank war Jenny auch schon neben mir und brüllte das Hallo, das mir im Hals stecken geblieben war, heraus.

Erschrocken blickte der Junge plötzlich auf. Er schien uns wirklich nicht gehört zu haben und war von unserem Eintreffen an diesem Platz sichtlich überrascht.

Sein Gesicht war dasselbe wie das Gesicht des Jungen aus meinem Traum. Nun gab es keinen Zweifel mehr. Diese tiefblauen Augen, die kantigen Wangenknochen und diese vollen und unwiderstehlichen Lippen. Er war es eindeutig. Er hatte dichtes braunes Haar, wie passend. Doch die Länge stimmte nicht. Er hatte sich den Großteil seiner Haare mit Gel hochgestellt, der Rest war kurz geschnitten.

Es fühlte sich an als ob jemand mein Herz genommen und zum Tanz ausgeführt hatte. Da saß er, direkt vor mir. Der Junge aus meinem Traum. Und ich empfand dasselbe Kribbeln in meinen Gliedern wie auf dem Feld, wo ich ihm das erste Mal begegnet war.

„Hey Bonnie, reiß dich zusammen. Es war nur ein Traum. Ein verrückter und eigenartiger Zufall. Komm mal wieder runter. Steh hier nicht so peinlich herum und starre ihn an.“, versuchte ich mich selbst aus meiner Starre zu lösen. Doch erste Phils Berührung an meinem Unterarm riss mich aus meiner gedankenverlorenen Stille. Als ich zu ihm hinüber sah begegnete mir ein verständnisloser und etwas hilflos wirkender Blick. Jenny unterhielt sich unterdessen mit dem Neuen.

„Du sitzt auf unserem Stammplatz“. meinte sie mit einem erfreuten Tonfall zu dem Jungen meiner Träume.

Er sah peinlich berührt auf die Sitzbank und antwortete „Oh, das tut mir leid. Ich wusste nicht, dass hier schon reserviert war.“

„Mach dir nichts draus. Du kannst ruhig hier sitzen bleiben. Momentan ist der vierte Platz ohnehin nicht besetzt.“

Ich wartete bis Jenny ihren Satz fertig gesprochen hatte und tat es dann meinen Freunden gleich. Ich setzte mich auf meinen Platz, der genau gegenüber von unserem neuen Mitschüler lag.

Ich konnte die Augen nicht von ihm lassen, ich analysierte jedes Detail in seinem Gesicht. Und genauso wie in meinem Traum kam es mir auch jetzt so vor, als würde ich ihn schon ewig kennen, als hätte ich diese Gesichtszüge tausende Male gesehen.

Als ich zu Jenny hinüber blickte merkte ich, dass auch sie von seinem Aussehen gebannt war. Scheinbar gefiel ihr der Neue.

„Wer weiß, vielleicht ist das genau der richtige Platz für dich.“, führte Jenny die Konversation mit dem Neuen fort und bekundete durch ihren Tonfall ihr eindeutiges Interesse an ihm. Sie sah kurz zu mir hinüber und ein verstohlenes Lächeln machte sich auf ihrem Gesicht breit.

Ich versuchte ihr Lächeln zu erwidern, doch meine Mundwinkel bewegten sich nicht. Ich fühlte mich mehr als unwohl in dieser Situation. Ich wollte nicht, dass Jenny Anspielungen darauf machte, dass sie den neuen Mitschüler als ihre nächste Errungenschaft sah. Ich wollte nicht, dass sie ihm auf so eine persönliche und intime Weise näher kam. Ich wollte nicht einmal, dass sie seine Hand berührte oder ihn auch nur zu lange ansah. In mir machte sich ein starkes Gefühl der Eifersucht breit. Sie brannte förmlich in meinen Gliedern.

Doch warum war ich eifersüchtig? Neben mir saß Phil, mein Freund, den ich seit Jahren kannte und der mir mehr als vertraut war. Warum kümmerte es mich ob Jenny diesen Neuen, mit dem ich noch nicht ein Wort gewechselt hatte, gut fand oder nicht. Ich wusste nichts über ihn, ich kannte ihn nicht im Geringsten und trotzdem kamen in meinem Inneren Besitzansprüche auf.

Jenny bemerkte meinen geistesabwesenden Blick und sah mich verständnislos an.

„Bitte entschuldige das unhöfliche Verhalten meiner Freunde. Das hier sind Phil und Bonnie.“

Der Junge sah zuerst Phil und dann mich an. Als unsere Augen sich trafen war es als würde etwas in mir explodieren und eine unerträgliche Hitze freigeben. Ich fühlte mich als wollte ich nie wieder in die Augen eines anderen sehen. Als würde es mir reichen den Rest meines Lebens hier zu sitzen und in diese tiefblauen Augen hinein zu blicken. Sein Blick hing genauso an mir wie meiner an ihm. Es fiel ihm sichtlich schwer die Augen von mir zu nehmen, auch nachdem Jenny ihn wiederholt nach seinem Namen gefragt hatte.

„Ähm, mein Name ist Brian. Schön euch kennen zu lernen.“

Er reichte uns die Hand zum Gruß. Jenny freute sich über diese Geste und streckte ihm ihre Hand in Windeseile entgegen. Es kam mir vor als würde dieser Handschlag eine halbe Ewigkeit dauern. Jenny schien keine Lust zu haben seine Hand loszulassen, doch nachdem er das dritte Mal versucht hatte sich aus ihrem Griff zu lösen, gab sie auf und zog zurück. Phil streckte ihm ebenfalls die Hand entgegen und begrüßte ihn. Dann, als er sich mir zuwandte und meine Begrüßung erwartete, trafen sich unsere Blicke erneut.

„Hallo Bonnie.“, sagte er mit einer engelsgleichen und dennoch kräftigen Stimme. Sein Akzent erinnerte mich an einen meiner Lieblingsfilme. Typisch Britisch. Er war mit Sicherheit Engländer.

„H… Hi Brian. Freut mich.“

Ich erwiderte seine Begrüßung und legte meine Hand in seine.

Noch nie hatte ich so ein Gefühl empfunden. So als wäre es Bestimmung seine Hand zu halten. Als hätte es niemals anders sein sollen. Auch er sah verwundert auf unsere Hände und machte keinerlei Anstalten den Griff zu lösen.

Philip räusperte sich hörbar laut neben uns. Ich schüttelte die verträumten und abwegigen Gedanken ab und löste mit großer Überwindung den Griff. Ich sah zu Phil hinüber und konnte seinem eifersüchtigen und vorwurfsvollen Blicken nicht standhalten. Den Rest der Mittagspause starrte ich auf mein Sandwich und hoffte keine weiteren Fehler mehr zu machen.

Jenny hingegen nutzte mein Schweigen und Phils Desinteresse und konzentrierte sich voll und ganz auf Brian.

„Also Brian. Wo kommst du her? Und was verschlägt dich nach Temecula?“

Brian zögerte nicht einen Moment und beantwortete geduldig jede einzelne von Jennys Fragen. Ich hing wie gebannt an seinen Lippen. Der Klang seiner Stimme vibrierte in meinem Körper und durchzog mich mit einem angenehmen Schauer.

Am Ende der Pause wussten wir, dass Brian aus London hierhergezogen war, weil sein Großvater in eine betreute Wohngemeinschaft ging und sich wünschte, dass seine Familie näher bei ihm lebte. Sein Vater fand schnell einen Job als Buchhalter und sie konnten ohne Probleme umsiedeln. Er war im selben Jahr wie wir geboren und, was für Jenny am Wichtigsten war, er hatte keine Freundin in London zurückgelassen.

Die letzte Information war für meine beste Freundin die erfreulichste. Sie strahlte mit der Sonne um die Wette.

„Tja, dann warten wir mal ab ob du hier vielleicht ein nettes Mädchen kennenlernst.“

Ihre Stimme klang so süß und einschmeichelnd, dass mir schlecht von ihrem plumpen Anmachversuch wurde.

„Ja, vielleicht.“, antwortete Brian und warf mir einen kurzen Blick zu. Kurz genug, dass Phil und Jenny ihn nicht bemerkten.

Hatte er auch dieses komische Gefühl in meiner Gegenwart? Fühlte er sich ebenso zu mir hingezogen wie ich mich zu ihm?

„Wir sehen uns bestimmt noch. Mach‘s gut.“, hörte ich Jenny sagen als sie vom Tisch aufstand um zurück in die Klasse zu gehen.

Phil verabschiedete sich ebenfalls, nahm meine Hand und zog mich mit sich aus dem Sessel. Er schien es eilig damit zu haben mich aus der „Gefahrenzone“ zu bringen. Er hatte sonst nie einfach so meine Hand genommen, außer wir waren unter uns und Jenny war nicht in der Nähe.

Es war mir unangenehm, dass Brian Phil und mich Händchen haltend von ihm weggehen sah. Ich drehte mich noch einmal kurz zu ihm um einen letzten Blick zu erhaschen. Er sah auf Phils und meine Hand, die ineinander lagen und senkte seinen Blick wieder auf sein Buch. Ich konnte nicht deuten, was diese Geste für ihn bedeutete. Ich wusste nicht, ob es ihn störte Phil und mich als Pärchen zu sehen oder ob es ihm gleich war. Ich hätte so gerne gewusst, was er in diesem Moment, als er uns Hand in Hand davongehen sah, dachte. Insgeheim wünschte ich mir, dass er sich vorstellte er würde meine Hand halten und mit mir davon gehen.

Den ganzen Nachmittag über hatte Phil nicht ein Wort mit mir gesprochen. Jenny hingegen hörte nicht auf zu plappern. Sie schilderte uns ihren Eindruck von Brian so detailliert wie es ihr nur möglich war. Er gefiel ihr, das stand außer Frage. Ich konnte mir kein Mädchen vorstellen, das nicht Gefallen an ihm fand. Er war verdammt gut aussehend, höflich und sehr zuvorkommend. Mehr brauchte man nicht zu wissen um sich in jemanden zu verknallen. Ich hörte ihr halbherzig zu und nickte ab und an mit dem Kopf um ihr zu signalisieren, dass ich ihren Ausführungen folgte. Doch meine Gedanken kreisten nur noch um diesen Jungen, den Traum, die Blicke, die er mir zugeworfen hatte und die Berührung seiner Hand, die mich so aus der Bahn warf. Ich hoffte ihn noch einmal nach dem Läuten der Glocke zu sehen, doch ich wusste, dass der erste Tag in der Valley High von Leistungstests und Einstufungen gespickt war, was auch erklärte, warum er noch nicht in der Klasse aufgetaucht war. Ich nahm an, dass er wahrscheinlich schon etwas früher gehen durfte und uns daher nicht mehr über den Weg lief.

Phil fuhr zuerst Jenny, dann mich nach Hause. Bevor sie ausstieg erinnerte sie mich noch an unseren Mädchenabend. Ich nickte und stimmte der Uhrzeit zu, zu der sie bei mir auftauchen wollte.

Als ich alleine im Auto mit Phil saß, wurde mir bewusst wie verletzend und unangenehm die Situation heute Mittag für ihn gewesen sein musste. Es war offensichtlich, dass dieser Junge mich interessierte. Mein ganzes Verhalten in den letzten Stunden seit unserer Begegnung war zu eindeutig um es abstreiten zu können. Ich wollte das Eis brechen und mich mit ihm über mein schlechtes Verhalten aussprechen. Doch als ich ansetzte um das Gespräch zu beginnen, standen wir auch schon in meiner Einfahrt.

„Bonnie, was auch immer da heute los war. Es ist okay.“

Also damit hatte ich auf keinen Fall gerechnet. Es war okay für ihn? Er wusste ja nicht mal was in mir vorging.

„Er ist neu hier und es muss sehr interessant für dich und Jenny sein mal ein anderes hübsches Gesicht als meines zu sehen.“ Er lächelte sanft. Doch sein Blick blieb weiterhin auf das Lenkrad gerichtet.

„Bitte versprich mir nur eins. Mach keine Dummheiten. Solche Schwärmereien sind schneller wieder vergangen als sie aufgekommen sind. Aber das was wir haben ist um ein Vielfaches wertvoller. Findest du nicht?“ Diesmal sah er mir direkt in die Augen.

„Natürlich. Es tut mir leid, wie ich mich heute verhalten habe. Es war einfach nicht richtig. Und keine Sorge, ich schwärme nicht für ihn. Du brauchst dir wirklich keine Gedanken zu machen.“

Ob er mir das abnahm?

„Ich mache mir keine Sorgen. Ich vertraue dir.“

Er küsste mich auf die Stirn.

„Wir sehen uns Montag wieder, okay?“

„Okay, bis dann.“

Er parkte aus und fuhr die Straße hinunter zu seinem Haus.

Mädelsabend

Irgendwie freute ich mich auf den Mädelsabend mit Jenny. Auch wenn meine Stimmung durch das Erscheinen des Jungen aus meinem Traum getrübt war, so erkannte ich doch die Möglichkeit etwas daran zu ändern. Ich würde mit Jenny über alles sprechen, ich würde ihr von meinen Träumen erzählen und wie ich mich dabei fühlte. Und alleine schon, dass ich mit jemandem darüber sprechen konnte würde mir schon genug helfen die ganze Sache zu vergessen. Jenny würde mir bestimmt den richtigen Ratschlag geben, der mich wieder zur Vernunft brachte.

Ich bat Mom heute Abend mein Zimmer zu meiden, ich wollte mit Jenny alleine sein und ungestört über alles reden. Es war keine Frage, dass meine Mutter uns den gewünschten Freiraum ließ. Wie immer bestellte sie für 21:00 Uhr Pizza, da sie wusste, dass wir nach unseren Redeorgien stets sehr hungrig wurden.

„Soll ich für heute noch etwas besorgen? Wollt ihr was zu knabbern oder etwas Süßes?“

„Nein danke Ma. Ich denke wir haben alles was wir brauchen.“

„Okay, dann schick ich Jenny zu dir rauf wenn sie da ist.“

„Ja, danke!“

Ich schloss die Tür hinter mir und ging zu meinem Schreibtisch. Ich hatte die Zeichnungen von Brian, oder dem Jungen aus meinem Traum, also Brian (oh Gott wie verwirrend das Ganze doch war) dort vor Jenny und Phil versteckt.

„Phil…“, seufzte ich. Er war einfach unglaublich. Er vertraute mir blind und gleichzeitig zeigte er mir wie verletzt er durch mein Verhalten war und wie sehr es ihn schmerzen würde wenn ich dieser Schwärmerei, wie er sie bezeichnete, weiter seinen Lauf nehmen ließ. Er war schon etwas Besonderes.

Ich legte sie eine nach der Anderen auf das Bett um sie Jenny zu zeigen. Ich wollte nicht lange um den heißen Brei reden und dachte wir könnten ja gleich zum Wichtigsten an diesem Abend kommen. Ich betrachtete die Zeichnungen noch einmal genauer und stellte fest, dass ich ihn wirklich sehr gut getroffen hatte. Vielleicht steckte ja doch ein künstlerisches Talent in mir.

Ich hörte ein leichtes Klopfen an meiner Tür. Die Bilder legte ich auf einen Stapel Zeitschriften neben meinem Bett und ging zur Tür. Als ich sie öffnete stand Jenny ungeduldig von einem Fuß auf den anderen wippend vor mir.

„Hey. Ich sag dir, ich hab mich schon sooo auf heute gefreut. Überhaupt nachdem was heute passiert ist. Wir müssen unbedingt darüber reden was heute los war.“

Sie hatte mein Verhalten während ihrer Flirt-Tirade doch bemerkt. Es war ja auch wirklich nicht schwer zu erkennen, dass da etwas in mir war, das sich zu dem Jungen hingezogen fühlte.

„Ja, ich weiß. Ist es dir also auch aufgefallen.“

Ich schämte mich ein bisschen und senkte meinen Blick auf den Boden. Meine große Zehe zog kleine Kreise über dem Teppichboden.

„Was meinst du aufgefallen? Der ganzen Schule ist es aufgefallen!“

Ich sah sie überrascht an.

„Was meinst du mit der ganzen Schule ist es aufgefallen?“

War mein Interesse an dem Neuen wirklich für Alle so deutlich zu sehen? Meine Wangen färbten sich in einem tiefen rot.